Als Zögling eines katholischen Gymnasiums in Bayern sah ich mich schon früh mit einem moralischen Zwiespalt konfrontiert. Da war zum einen die christliche Lehre der Nächstenliebe, die prinzipielle Hilfestellungen für schwächere Personen forderte, Beistand und Unterstützung, unbegrenzt und unterschiedslos. Dem entgegen stand der schulische Imperativ, Tests und Prüfungen alleine zu bewältigen, sein Wissen ohne Fremdhilfe zu demonstrieren, ohne Schummeln, Abschreiben, nachbarliche Unterstützung.
Ich habe das Gebot der Nächstenliebe damals über jenes der selbstverfertigten Lern- und Leistungsnachweise gestellt. Meine Banknachbarin wollte ich nicht verlieren. Also habe ich Matheschulaufgaben für zwei geschrieben oder mit Spickzetteln ausgeholfen. Was mir scharfe Kritik von Seiten der überwachenden Lehrkraft eintrug: Abschreiben lassen sei falsch verstandene Solidarität. Bei späteren Klassenarbeiten wurde die Klassenkameradin weggesetzt, fiel gegen Ende des Schuljahres durch. Das habe ich den Nonnen nie verziehen.
Sollte das einer der Gründe sein, warum ich heute, 50 Jahre später, den Begriff des Individuums kritisiere? Weil er eben, wie nach fünf Schuljahren Latein mehr als klar war, nicht nur „Ungeteiltes“ bezeichnete. Sondern, wie ich im späteren Philosophiestudium lernte, ein Verständnis der Person propagierte, das auf Alleinstand, Autonomie, also Selbstgesetzgebung zielte und darüber den modernen Egozentriker hervorgebracht hat, der sich bis heute durch zielführendes ökonomisches Gewinnstreben auszeichnet. Einer seiner Inbegriffe ist der moderne Künstler, der vermeintlich allein aus seiner Einbildungskraft heraus schafft und mit dem Nimbus des zumeist männlichen Genies die Bewunderung aller auf sich zieht. Für den Prototyp dieses Individuums stehen Namen wie Leonardo da Vinci oder Dürer, Erfinder, Ingenieure und Künstler in einer Person.
Historischer Rückblick
Zu unser aller Bewunderung hat es sie tatsächlich gegeben, die Vorbilder, die in der Renaissance nicht nur die Künste, sondern auch die Wissenschaften revolutionierten und den bis dahin weitgehend unbekannten Globus umrundeten, als Entdecker à la Columbus oder Vasco da Gama. Dank ihres Abenteuergeists haben sie die Vorstellung des Globus nachhaltig verändert. Den christlichen Glauben durch neue Erkenntnisse und ökonomische Ressourcen erweitert, dabei den neuen Menschentypus des Individuums geboren. Der Kunsthistoriker Jacob Burckhardt hat zur Ausbildung dieses ›uomo universale‹ die neuartige Entdeckung der Welt, Naturforschung und Landschaftswahrnehmung, aber auch Formen höherer Geselligkeit am Beispiel der Stellung der gebildeten Frau gezählt.
Im deutschen Sprachraum inkarnierte er sich unter anderem in historischen Personen wie den Fuggern, denen über die Jahrhunderte hinweg der Aufstieg vom Handwerker über den Kaufmann zum Adligen gelang. Ab 1367 in Augsburg ansässig, stiegen sie nach und nach zur führenden Kaufmannsfamilie der Reichsstadt auf. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts bekleideten sie sogar kirchliche und fürstliche Ämter.
Aus heutiger Sicht erscheinen diese als Ausnahmeerscheinungen gepriesenen Existenzen zumindest problematisch, da sich ihr Wohlstand mit der Ausbeutung von Territorien in Übersee verbunden erweist. Ohne die Silber- und Goldschätze, die sie aus den Gruben Lateinamerikas heben ließen, hätte es keine Paläste und goldgefassten Pokale in Augsburg gegeben. Jakob Fugger gelang es, durch Verknüpfung von Edelmetall-, Waren- und Finanzgeschäften als erfolgreichster Bankier seiner Zeit in die Geschichte einzugehen. Er zeigte Interesse an der Eroberung der Neuen Welt, war, wie wir erst allmählich begreifen, seinerseits in den Kolonialismus involviert. Bei ihm ging christliche Nächstenliebe, wie bei vielen der namhaften Genies, mit der Ausbeutung von anderen in eins.
Diese Art der Selbstermächtigung wurde historisch mit dem Lobpreis individuellen Wirkens belegt. Der Begriff des Individuums, von Cicero im 1. Jh. u. Z. als Übersetzung von griechisch ‚atomos‘, „Ungeteiltem“, geprägt, wurde in der Renaissance auf Einzelpersonen übertragen. Es verband sich mit Zuschreibungen von Selbstbestimmung und Einmaligkeit, mit der Idee, Regent des eigenen Schicksals zu sein. Abenteuergeist, Erfindungsgabe, Besitz und Eigentum, ja ein Begriff von Sittlichkeit wurden mit seiner Aktualisierung im ausgehenden 17. Jahrhundert assoziiert. Als Errungenschaft westlichen Denkens, die den Einzelnen zunehmend von religiösen Zwängen und zum eigenen Willen befreit, wird das Individuum bis heute gepriesen – dafür, Regent im eigenen Reich zu sein.
Die wachsende Erkenntnis der an diesen Namen und seine Selbstherrlichkeit geknüpften Auswirkungen lässt die Bezeichnung ‚Individuum‘ heute in philosophischen Kontexten fragwürdig erscheinen. Andererseits wird sie im öffentlichen Diskurs unbedacht im Munde geführt, sobald von einer Einzelperson gesprochen wird. Die späte Erkenntnis, dass das menschliche Selbstverständnis als Individuum historisch nicht nur mit Machtansprüchen, sondern häufig mit der Diskriminierung ‚anderer‘ Personen verbunden war, führte in der Universal Declaration of Human Rights der UNO von 1948 denn auch dazu, diese Bezeichnung gerade nicht in Einsatz zu bringen. In ihren Paragraphen wird die Rechteinhaber:in durchgängig neutral „everyone“ oder „no one“ genannt.
Kritik des Individuums
Heute verweisen zahlreiche Wissenschaften auf die Schwierigkeit der Isolierung von Einzelphänomenen: So betonen etwa Biologen, dass von „Ungeteiltem“ nur in klinisch bereinigten Milieus gesprochen werden kann, da alle Lebewesen etwa von Bakterien oder Viren mitbewohnt sind. Soziologen zeigen auf, dass der kulturell vermeintlich individualisierte Nationalstaat nicht nur eine heterogene Bevölkerung umfasst, sondern längst über seine Grenzen hinweg lebt. Exportiert er doch neben Waren und Dienstleistungen auch Umweltkatastrophen in andere Länder, die mithin Teil seiner Gesellschaft sind.
Medientheoretiker machen geltend, dass die digitale Erfassung und Verrechnung der Person mit einem Individuumsverständnis längst nicht mehr zusammengehen. Und Kulturwissenschaftler bringen vor, dass alle Länder sich von widerstreitenden Glaubenshaltungen und rivalisierenden Traditionen geprägt erkennen und zugeben müssen, dass eine individualisierte Nationalkultur eine Wunschgröße der Vergangenheit ist.
Aus verschiedenen Blickwinkeln wird mithin deutlich, dass die Grenze von Einzelerscheinungen schwer angebbar ist. Personen erscheinen je nach den Zeitschnitten, die vorgenommen werden, und den Genealogien, die (re)konstruiert werden, von unberücksichtigten Faktoren mithervorgebracht. Sie werden von ihnen mitbeeinflusst, sind bei Gefahr des Überlebens nicht von diesen abtrennbar.
In der Gegenwart verstärken sich Argumente gegen das Individuelle zudem aus (post)kolonialer Perspektive: Erkennen wir doch heute, dass das Individuum ein westliches Konzept ist, dem in zahlreichen außereuropäischen Kulturen nichts entspricht. Anthropologische Studien erzählen davon, dass Personenverständnisse dort gemeinschaftsorientierter und generationenübergreifender funktionieren.
Die ersten Aufrufe zum „Umlernen“ antrainierten Wissens kamen vom lateinamerikanischen Kontinent. Seit mehr als zwanzig Jahren wird dort eine veränderte Selbstwahrnehmung gefordert: Es sei von denjenigen zu lernen, die in kolonialen Hinterlassenschaften leben und das westliche Wissen mit lokalen Überlieferungen abzugleichen sich bemühen. Neue Weisen der Kultur- und Selbstkritik seien einzuüben, nicht-westliche Verständnisse gelte es miteinzubeziehen, u.a. solche zur Person.
Vor allem aus ethischen Gründen wird heute gefordert, Begriffe der europäischen Philosophie zu durchleuchten und durch stärker inkludierende zu ergänzen oder zu ersetzen. Kritisiert wird in diesem Zusammenhang auch die Philosophie von Immanuel Kant, der gewisse menschliche Fähigkeiten wie etwa die Urteilskraft als verallgemeinerbar deklariert und im nächsten Schritt doch außereuropäischen Personen abspricht. Seine Philosophie entpuppt sich wider den eigenen Anspruch als vorurteilsstrukturiert, auch weil er eine hierarchische Rassenkunde entlang der menschlichen Hautfarben entwirft, welche die sogenannten Weißen und Roten oben, die Schwarzen und Olivgelben unten auf der Wertschätzungsskala platziert .
Auch Hegels Philosophie ist in die Kritik geraten, da sie explizit die „Selbstaneignung“ des Individuums fordert, eine Aussage, mit der sich zwangsläufig der Gedanke ökonomischer und kolonialer Aneignung assoziiert. In seinerPhilosophie des Rechts betont Hegel denn auch, dass der freie Geist erst jener sei, der sich die freie Existenz durch „Bildung und (Selbst)Aneignung“ gibt. Zur Person gehöre nämlich das „absolute Zueignungsrecht des Menschen auf alle Sachen“, denn nichts sei „Selbstzweck – Lebendiges nicht; Nicht Blut, Juden – nicht Indien, Ägypten“. Da der Wille sich alles zu eigen machen dürfe, könne er sich auch auf andere Menschen erstrecken. Die bürgerliche Gesellschaft bestimmt Hegel sogar „zur Kolonisation getrieben“, um sich einen neuen „Bedarf“ ihres Arbeitsfleißes zu verschaffen. Kein Wunder mithin, dass seine Aussage, der westliche Imperialismus sei „ein Gewinn für Afrika“, da es von Europa mit Vernunft, Ethik, Kultur und Sitten ausgestattet worden sei, bei afrikanischen Philosoph:innen auf schroffe Ablehnung stößt.
Der neue Begriff der Dividuation
Gegen diese herablassenden bis rassistischen Ausführungen wendet sich die zeitgenössische Philosophie mit der Aufforderung, erweiterte Personenverständnisse zu entwickeln und Faktoren zu berücksichtigen, die die Person unwissentlich mit ausmachen und zu ihrer Gesamtverfassung beitragen. Aus erweitertem Blickwinkel soll sie sich erkennen als durch psychische und physische, soziale, kulturelle und ökologische Faktoren mit hervorgebracht. Der französische Philosoph Gilbert Simondon fordert sie etwa auf, die ihr auferlegten Teilhaben, etwa am sozialen Leben oder an kulturellen Verpflichtungen, zu erkennen und möglichst ins Gleichgewicht zu bringen mit Wünschen nach Alleinstellung, wobei die Schwierigkeit, diese aufeinander abzustimmen, durchaus mitgedacht wird. Vereinnahmung, Verflechtung mit anderen, multidirektionale Bezugnahme sind Schlagworte, die in diesem Zusammenhang fallen. Die Person erscheint als Knotenpunkt zahlloser auf sie einwirkender Faktoren, weshalb eine Neubenennung überfällig ist. Selbst in Schulen wird heute ja auf Inklusion, gemeinsames Lernen und wechselseitige Unterstützung Wert gelegt. Der Satz mit der falsch verstandenen Solidarität käme vermutlich nicht mehr daher.
Das Argument lautet daher: Unser Selbst(mis)verständnis als Individuum, als Ungeteiltes samt all den damit einhergehenden Folgen erkennend, sollten wir ersetzen durch eine Bezeichnung, die unsere Vielfach-Verflechtung und Mit-Geteiltheit ansagt und zu bekräftigen sucht:
Zusammen mit den Vordenkern Novalis, Nietzsche, Deleuze/Guattari schlage ich daher vor, das „In“ des Individuums oder der Individuation zu streichen, da es eine Verneinung der unumgänglichen Teilhaben zum Ausdruck bringt. Es wäre zu ersetzen nicht nur durch den von ihnen gebrauchten Begriff des ‚Dividuellen‘, sondern durch jenen der prozess-betonenden und teilhabe-orientierten ‚Dividuation‘. Denn Dividuation will die Vorstellung befördern, dass wir mit qualitativ unterschiedlichen Vorgängen notwendig verflochten, ja von ihnen mit hervorgebracht und daher tendenziell immer Teilhabende sind. Da wir allerdings – unter Umständen auch unfreiwillig – Prozessen wie etwa jenen der digitalen Vereinnahmung und Präemption ausgesetzt sind, sollten wir unsere Teilhaben möglichst bewusst wahrnehmen und auszutarieren suchen, um sie nötigenfalls auch zu begrenzen.
Das Adjektiv ‚dividuell‘ wird heute von einzelnen Anthropologen wie Marshall Sahlins oder Marilyn Strathern gebraucht, um nicht-westliche Personen- und Verwandtschafts-Verständnisse im globalen Süden zu skizzieren. „Dividuell“ wird aber auch die Ästhetik bestimmter Kunstwerke und Filme genannt, wenn sie sich auf unterschiedliche kulturelle Codes beziehen und diese in einem spannungsreichen Ausdruck zusammenführen. Dabei wird häufig betont, dass gerade ihre innere Vieldeutigkeit, auch die zeitbedingt sich verändernde Bild-Ton-Kombination ihren besonderen Wert ausmacht.
Die Einsicht, dass „Individuum“ eine irreführende Bezeichnung für Personen, aber auch für Kulturen oder Kunstwerke ist und durch „Dividuation“ ersetzt werden sollte, bedeutet gleichwohl nicht, dass Angleichung oder unterschiedslose Ähnlichkeit angestrebt wird. Gerade die Einsicht in vielfältige Teilhaben und deren je besondere Kombination, die sich zudem zeitlich verändert, lässt jede Person anders erscheinen und nach wie vor jeweils besonders sein. Ja, sie ist umso spezifischer, je besser sie ihre Teilhaben zu einer überlegten und spannungsreichen Einheit zusammenführt. Ich möchte daher die gelingenden Dividuationen als wertvolle Erscheinungen erachten, als zu erforschende Figurationen der Mit-Teilung und Selbst-Aufteilung, weil affirmativ nicht-ungeteilt.
Um es noch einmal anders zu sagen: Mit der begrifflichen Inwertsetzung der Dividuation verbindet sich nicht nur ein Anliegen der Kritik überlebter Selbstverständnisse, sondern auch das ethische und gesellschaftspolitische Anliegen, unsere Angewiesenheit auf andere in überlegte Teilhabesorge zu überführen. Persönliche Findungen und Erfindungen sind an der Tagesordnung, allerdings nicht qua identitärer Selbststilisierung, sondern qua Wahl der Aufnahme, Anbindung an und Solidarisierung mit verschiedenen Außen. Ökologische Umsicht erscheint mir hier ein bejahenswertes Modell.
Im Terminus der Dividuation schwingt daher nicht zuletzt die Aufforderung mit, sich zu Kon-Dividuationen mit anderen zusammenzuschließen. Schon aufgrund ihrer inneren Vielfalt ließen sich diese als politische oder künstlerische Ensembles verstehen, die der kapitalistischen Vereinnahmung Widerstand entgegenzusetzen in der Lage sind. Denn zu guter Letzt wird es auch darum gehen, über Arten der Distanznahme und Teilhabeaufkündigung zu befinden, um der Gefahr zu entgehen, bloß zugewiesen und fernverwaltet zu werden. Daher die abschließende Aufforderung: Sich der eigenen Auf- und Zuteilungen bewusst zu werden, an kon-dividuellen Zusammenschlüssen zu basteln, Zwangsvereinnahmungen aufzukündigen und für zukunftszugewandte Werdensprozesse zu sorgen!
Der Individualisierungswahn hat mit der Veröffentlichung der Text-to-Image-Generatoren wie Midjourney, Dall-e etc., noch mal einen gigantischen Schub bekommen: nun fühlt sich jede bildnerisch noch so unfähige Person, indem sie an der Arbeit von tausenden von Bildkünstlern (wie immer diese ästhetische einzuschätzen seien) schmarotzt, wie ein Genie, während all jene, die dieses Trugbild überhaupt erst möglich machen, zu Datenbeschaffern degradiert werden. Individuum und Illusion ist ein Begriffspaar, das mir hier in den Sinn kommt.