„Urheimat” der Chinesen. Die Sprach­wis­sen­schaft und die Suche nach „Wurzeln“

Nicht nur mit Blick auf die europäische Vorgeschichte zeigt sich, dass genetische und sprachwissenschaftliche Methoden immer enger zusammenwachsen. Und auch bei der Suche nach der „Urheimat“ der Chinesen ist es für die Wissenschaft nicht einfach, sich politischer Vereinnahmungen zu entziehen.

Beseelt von roman­ti­schen Ideen über Sprach­ge­mein­schaft und Natio­nal­cha­rakter begab sich die Sprach­wis­sen­schaft in Europa seit dem 19. Jahr­hun­dert verstärkt auf die Suche nach den „eigenen“ sprach­li­chen Vorfahren. Diese hart­nä­ckige Fokus­sie­rung auf das Geschicht­liche führte im 20. Jahr­hun­dert bald zu allerlei metho­di­schen Weiter­ent­wick­lungen der Sprach­wis­sen­schaft. Auf der Suche nach einer hypo­the­ti­schen Ausgangs­sprache bediente man sich z.B. einiger diagnos­ti­scher Begriffe aus Flora und Fauna. Die Sprach­wis­sen­schaftler verspra­chen sich hier­durch Aufschlüsse über das klimatisch-geographische Habitat der eigenen sprach­li­chen Vorfahren. Die indo­ger­ma­ni­sche „Urheimat“ – ein Begriff den es aus dem Deut­schen schon bald als Lehn­wort bis ins Engli­sche und Fran­zö­si­sche verschlug – wurde entlang solcher Erwä­gungen seit Beginn des 20. Jahr­hun­derts in Nord­eu­ropa, der südrus­si­schen Steppe oder auch in Zentral­asien verortet. Auf der Suche nach den germa­ni­schen Ursprüngen entsandte schliess­lich sogar das SS-Ahnenerbe Hein­rich Himm­lers 1938/39 eine Expe­di­tion bis nach Tibet, wo die Mitglieder der „Forschungs­stätte für Inne­r­a­sien“ unter Leitung des Zoologen Ernst Schäfer (1910–1992) emsig Schädel vermassen und Gesichter abgipsten. Auch in Sowjet­russ­land entwarf man zur selben Zeit Sprach- und Völker­ge­nea­lo­gien. Räum­lich weit über den sowje­ti­schen Kaukasus und zeit­lich tief bis in alttes­ta­ment­liche Narra­tive ausgrei­fend, waren sie aller­dings mehr schlecht als recht mit marxis­ti­schen Geschichts­bil­dern in Einklang zu bringen.

Diskre­di­tie­rung der histo­ri­schen Sprachwissenschaft

Es ist wenig verwun­der­lich, dass die gefähr­liche Nähe zu Rassen- und Natio­nen­theo­rien die soge­nannte „Wörter und Sachen“-Bewegung der deut­schen Indo­ger­ma­nistik nach­haltig diskre­di­tierte. Im ost- und west­eu­ro­päi­schen Struk­tu­ra­lismus der Nach­kriegs­zeit verschwand aber nicht nur die „lingu­is­ti­sche Palä­on­to­logie“ und ihr Versuch, etwa anhand der Verbrei­tung von Lachs­gründen und Buchen­wäl­dern die hypo­the­ti­sche Urheimat geogra­phisch zu verorten. Auch eine sich als Kultur­wis­sen­schaft defi­nie­rende histo­ri­sche Sprach­wis­sen­schaft zog sich für Jahr­zehnte aus dem Main­stream der Lingu­istik zurück. Spätes­tens seit der Mitte des 20. Jahr­hun­derts operierte die moderne Lingu­istik zuneh­mend geschichts­ver­gessen. Was zählte und immer stärker die sprach­wis­sen­schaft­li­chen Insti­tute domi­nierte, war der Bezug zur Gegen­wart, zur Gesell­schaft oder die Struk­turen der Sprache an sich. Die Ausrich­tung der Sprach­wis­sen­schaft wurde also zuneh­mend „synchron“, „syste­misch“, allen­falls noch sozio­lin­gu­is­tisch. Die Beschäf­ti­gung mit tieferen Schichten der sprach­li­chen Vergan­gen­heit war aufgrund der mögli­chen Nähe zu national gefärbten Ursprungs­my­then nach den Erfah­rungen des Zweiten Welt­kriegs weithin verpönt.

Rück­kehr zur histo­ri­schen Sprachwissenschaft

Ai Weiwei: “Tree”, Ai Weiwei Studio/Lisson Gallery, 2016; Quelle: standard.co.uk

Das änderte sich mit dem Aufkommen der histo­ri­schen DNA-Forschung. Seit Mitte der 1980er Jahre belebte die Verknüp­fung mit Archäo­logie und Früh­ge­schichte das Inter­esse an Sprach- und Spre­cher­ge­nea­lo­gien in- und ausser­halb der Wissen­schaft wieder. Diese neue Perspek­tive auf die sprach­liche Vorge­schichte wurde zuneh­mend durch phylo­ge­ne­ti­sche, d.h. stam­mes­ge­schicht­liche Verfahren aus der Mole­ku­lar­bio­logie geprägt. So wie man versuchte, aus dem Vergleich von DNA-Merkmalen heutiger Bevöl­ke­rungs­gruppen gene­ti­sche Distanzen zwischen diesen zu errechnen und daraus Rück­schlüsse auf die histo­ri­schen Verwandt­schafts­ver­hält­nisse zu ziehen, so erhoffte man sich aus dem Vergleich von charak­te­ris­ti­schen Merk­malen der Einzel­spra­chen Hinweise auf vorge­schicht­liche Sprach­fa­mi­lien. Beson­ders nach der Entde­ckung von Tech­niken, auch aus totem Gewe­be­ma­te­rial in Mumien und Skeletten „histo­ri­sche DNA“ zu gewinnen, hielten biolo­gi­sche Methoden zur Unter­su­chung mole­ku­larer Evolu­tion rasch in der Lingu­istik Einzug. Heute kommen häufig compu­ter­ge­stützte Netz­werk­ana­lysen von Sprach­daten zur Anwen­dung und beför­dern die rasante Entwick­lung einer „evolu­tio­nären Lingu­istik“. Es dauerte nicht lange, bis entspre­chende Ansätze in viel­fäl­tigen metho­do­lo­gi­schen Verfei­ne­rungen auch auf die Frage der Ausbrei­tung der indo­eu­ro­päi­schen Sprach­fa­milie ange­wendet wurden. Bis heute konkur­rieren verschie­dene Synthesen der genannten Wissen­schafts­dis­zi­plinen mit je verschie­denen Thesen zur euro­päi­schen Urhei­mat­frage mitein­ander. Fragen, wie die, ob sich die indo­eu­ro­päi­sche Sprach­fa­milie mit der jung­stein­zeit­li­chen „Ackerbau-Revolution“ oder – etwas „martia­li­scher“ – durch berit­tene Krie­ger­no­maden in Eura­sien ausge­breitet hat, erfahren immer wieder lebhafte Diskussionen.

DNA und Ahnenforschung

Gele­gent­lich kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass das neuer­liche Inter­esse an solchen Herkunfts­fragen nicht nur der Verfüg­bar­keit smarter Algo­rithmen geschuldet ist, die es heute ermög­li­chen, immer fein­glied­ri­gere Modelle von Sprach­stamm­bäumen der ca. sechs­tau­send welt­weit noch gespro­chenen Spra­chen zu entwi­ckeln. Die Faszi­na­tion linearer gene­ti­scher Abstam­mungs­mo­delle hat, so scheint es, auch in der post­so­zia­lis­ti­schen globa­li­sierten Welt immer wieder auch mit verun­si­cherten natio­nalen und indi­vi­du­ellen Iden­ti­täten zu tun. Wie cool ist es, denken offenbar beson­ders in Einwan­de­rungs­ge­sell­schaften viele, mit einem DNA-Analyse-Kit wie „23 and me“ zum online-Preis von 77 CHF heraus­zu­finden, welche Abstam­mungs­li­nien und Herkunfts­re­gionen sich in den eigenen Genen nach­weisen lassen. In den USA, wo solche Tests verbrei­teter sind, erfüllen sie offen­kundig sehr verschie­dene Iden­ti­täts­be­dürf­nisse. Manche erhoffen sich, endlich die anstren­genden „Rassen“-Schubladisierungen des US-amerikanischen Alltags von sich weisen zu können, wenn das Test­ergebnis des auf youtube doku­men­tierten „emotional DNA journey“ in weit­ge­streuten Prozent­zahlen aus allen Konti­nenten resul­tiert. Andere wünschen sich gerade Klar­heit über die Zuge­hö­rig­keit zu einer bestimmten Gruppe. Eine der zahlen­mässig grössten Kunden­gruppen scheinen ameri­ka­ni­sche Juden zu sein. Sei es, weil sie im ortho­doxen Umfeld durch den „Cohanim-Test die direkte Abstam­mung von Aaron, dem ersten Hohe­priester und Bruder Moses nach­weisen möchten, sei es wegen „profa­nerer“ Anfor­de­rungen des israe­li­schen Rück­kehr­ge­setzes. In der am wenigsten freund­li­chen Konstel­la­tion lässt sich durch den Test z.B. auch der Germa­nen­stolz weisser „Supre­ma­tisten“ scheinbar gene­tisch bestä­tigen und gegen eine multi­kul­tu­relle Umwelt in Stel­lung bringen.

Chinas „Urheimat“

Seite aus Clavis Sinica = Andreas Müller et al., eds., Theo­phili Sige­fridi Bayeri,
Mvsevm sinicvm in quo sinicae linguae et litte­ra­turae ratio expli­catur, Petro­poli: ex typo­gra­phia Acade­miae impe­ra­to­riae, 1730. (Bayr. Staats­bi­blio­thek München)

Natür­lich verbreiten sich im Zuge der post­ko­lo­nialen „Provin­zia­li­sie­rung des Westens“ entspre­chende Frage­stel­lungen schon lange auch in andere Welt­ge­genden. Die einhei­mi­sche chine­si­sche Sprach­wis­sen­schaft hatte sich, viel­leicht aufgrund der schein­baren Unver­än­der­lich­keit der Sprache hinter dem über die Jahr­tau­sende stabilen Vorhang eines nicht-alphabetischen Schrift­sys­tems, viel­leicht auch in Erman­ge­lung eines wirk­mäch­tigen „Turmbau zu Babel“-Motivs der Spra­chen­zer­streuung, kaum je für die Herkunft der eigenen Sprache inter­es­siert. Um so mehr hat das Chine­si­sche den euro­päi­schen Philo­so­phen und Histo­ri­kern seit den Jesui­ten­mis­sionen des 17. Jahr­hun­derts immer wieder als Spiel­feld für Projek­tionen von Anders­ar­tig­keit gedient. Mal war es gött­lich und voll­kommen, mal primitiv oder verderbt, je nachdem wie es den inner­eu­ro­päi­schen Abgren­zungs­dis­kursen oder ihren post­ko­lo­nialen Spie­ge­lungen in Ostasien zupass kam. Inten­sive histo­ri­sche, später auch archäo­lo­gi­sche Diskurse zu den vorge­schicht­li­chen Grund­lagen der modernen Natio­nal­staaten fanden in fast allen asia­ti­schen Gesell­schaften seit Ende des 19. Jahr­hun­derts statt, nur selten jedoch in Bezug auf sprach­liche Para­meter. Im 21. Jahr­hun­dert liefern nun die aus der Mole­ku­lar­bio­logie impor­tierten Methoden der Lingu­istik auch „quan­ti­ta­tive“ Argu­mente für Diskurse natio­naler Abgren­zung. Und das mediale Inter­esse ist gross. Auch wenn den meisten infor­mierten Öffent­lich­keiten  eigent­lich schon lange klar sein sollte, dass Gene, Spra­chen, archäo­lo­gi­sche Kulturen und ihre Produkte – geschweige denn Nationen, „Welt­an­schau­ungen“ oder „Menta­li­täten“ – nur selten  zur Deckung zu bringen sind, fällt es offenbar vielen in Europa und Ostasien nach wie vor schwer, sich solcherlei Asso­zia­tionen zu entziehen. In zwei dieses Früh­jahr fast zeit­gleich in den Procee­dings of the National Academy of Sciences of the USA und in Nature erschie­nenen Studien rekon­stru­ieren Forscher­gruppen aus China und Europa Stamm­bäume der erst­mals bereits 1823 von Julius Klaproth (1782– 1835) postu­lierten sino-tibetischen Sprach­gruppe und disku­tieren die von ihnen nahe­ge­legten Ausbrei­tungs­sze­na­rien. Zu dieser Sprach­gruppe, die heute mehr als 400 Spra­chen und ca. 1,4 Milli­arden Spre­cher umfasst, gehört auch die grösste Erst­sprache der Welt, das Chine­si­sche, oder besser gesagt: die Sprach­fa­milie der sini­ti­schen Spra­chen mit ihren wech­sel­seitig teil­weise kaum verständ­li­chen „Dialekten“. Die in den beiden Studien verwen­deten phylo­ge­ne­ti­schen Methoden sind unter­schied­lich und basieren zudem auf verschieden kura­tierten Daten. Während in der euro­päi­schen Studie durch wohler­probte Laut­ge­setze iden­ti­fi­zierte Gruppen von urver­wandten Worten eine Rolle spielen, setzt das chine­si­sche Modell auf Rohdaten für fast 1000 Konzepte aus 109 Einzel­spra­chen. Um so erstaun­li­cher ist es, dass einige der Resul­tate zur Herkunft der heute auch „Trans-Himalayisch“ genannten Sprach­fa­milie sehr ähnlich ausfallen. Das Chine­si­sche bildet demnach die erste Abspal­tung inner­halb des ca. 7000 Jahre alten sino-tibetischen Stamm­baums. Theo­rien wonach das Chine­si­sche viel „tiefer“ in dessen Veräs­te­lungen gesessen habe, finden keine Bestätigung.

Eine expan­sive Wirt­schafts­form (nein, nicht Reis!)

Die Vertei­lung von Spra­chen lässt Rück­schlüsse auf die Vertei­lung von Spre­chern zu. Die geogra­phi­sche Häufung von Unter­gruppen des rekon­stru­ierten Sprach-Stammbaums in Rich­tung Nord­in­dien und Nepal und die Beob­ach­tung, dass nur zwei der iden­ti­fi­zierten Haupt­äste sich im heutigen China befinden, legen es nahe, dass Subfa­mi­lien wie die chine­si­sche und die tibe­ti­sche im Zuge ihrer Verbrei­tung andere tibeto-burmesische Bevöl­ke­rungen an den Rand gedrängt haben. Ermög­licht wurde diese Expan­sion aus einer sino-tibetischen Urheimat im Osten des nord­chi­ne­si­schen Loess-Plateaus durch eine Wirt­schafts­weise, die auf dem Anbau von Rispen- und Kolben­hirse und der Zucht von Haus­schweinen und -schafen basierte. Nach den Autoren um Laurent Sagart vom Centre national de la recherche scien­ti­fique in Paris und Mattis List vom Max-Planck-Institut für Mensch­heits­ge­schichte in Jena wäre die Urheimat der Chinesen demnach ein wenig im Süden dieses Gebietes der archäo­lo­gi­schen Cishan- und Yangshao-Kulturen, am Gelben Fluss im heutigen Hebei und He’nan anzusiedeln.

Das bedeu­tende Henan-Museum in Zheng­zhou mit Arte­fakten seit der Jung­stein­zeit; Quelle: wikipedia.org

Erst im Zuge der Ausbrei­tung der sino-tibetischen Hirse­kultur nach Westen und Südwesten  wären durch Kontakte mit benach­barten Bevöl­ke­rungen sukzes­sive Rinder­zucht, Reis-, Weizen- und Gers­ten­anbau hinzu­ge­kommen. Aus den sekun­dären Kontakt­zonen zu Zentral­asien über­nahmen die chine­sisch spre­chenden Kulturen im zweiten Jahr­tau­send v. Chr. schliess­lich auch domes­ti­zierte Pferde. Auch ökolo­gisch lässt sich dieses Szenario einer land­wirt­schafts­ge­trie­benen Expan­sion  erhärten. Einher­ge­hend mit der Zunahme archäo­lo­gi­scher Kulturen im Tal des Gelben Flusses, so die Autoren der chine­si­schen Studie, nimmt seit ca. 3000 v. Chr. die Entwal­dung stark zu und leitet jene „nicht nach­hal­tige Entwick­lung“ (Mark Elvin) ein, mit der China bis zur Gegen­wart zu kämpfen hat. Soweit, in groben Zügen, die letzten Versuche, Sprach­wis­sen­schaft, Archäo­logie, Genetik, Pflanzen- und Nutz­tier­ge­schichte eben doch mitein­ander in einem wissen­schaft­lich wider­spruchs­freien Super­sze­nario zu korrelieren.

Chine­si­sche iden­tity politics

Hatte noch in den 1990er Jahren die histo­ri­sche Mole­ku­lar­ge­netik immer dann für Stirn­run­zeln in der chine­si­schen Politik gesorgt, wenn sie dem in post­so­zia­lis­ti­schen Zeiten brüchig gewor­denen Konstrukt des Einheits­staates und der „harmo­ni­schen Gesell­schaft“ zuwider zu laufen drohte, werden die Ergeb­nisse genetisch-sprachwissenschaftlicher Studien zu Urhei­mats­fragen heute in der chine­si­schen Wissen­schaft erfreu­lich nüch­tern disku­tiert. Aller­dings stecken die Himalaya-Archäologie, ebenso wie die genauere sprach­wis­sen­schaft­liche Beschrei­bung der meisten tibeto-burmesischen Einzel­spra­chen noch in den Kinder­schuhen. Auch das seit gut einem Jahr­hun­dert immer wieder scharf kriti­sierte Modell der Spra­chen­her­kunft – nicht nur des Chine­si­schen – demzu­folge sich ein Stamm­baum regel­mässig binär verzweigt, weicht langsam weniger linearen Theo­rien. In ihnen geraten, um im Bild zu bleiben, auch die Nach­bar­bäume in den Blick oder werden in andere Gegenden verpflanzt. Tausende mögli­cher, aber verschieden wahr­schein­li­cher Bäume spriessen aus derselben Wurzel, Äste sterben ab, verhed­dern sich kaum entwirrbar oder wachsen nach ursprüng­li­cher Spal­tung wieder in soge­nannter „Anatomose“ wieder inein­ander. Ganz unge­achtet mögli­cher poli­ti­scher Verein­nah­mungen wird sich hier in den kommenden Jahr­zehnten wohl noch viel bewegen, bevor sich eine plau­si­blere Synthese heraus­bildet, an der die sehr verschie­denen Wissen­schafts­dis­zi­plinen glei­cher­massen betei­ligt sind. Und es wird dauern, bis in- und ausser­halb Chinas die Vorstel­lung ad acta gelegt wird, die frühen Chinesen seien eine Reis­kultur gewesen. Für einen Staat, der das geistig-religiöse Vakuum der gegen­wär­tigen volks­re­pu­bli­ka­ni­schen Gesell­schaft gerne durch osten­tativ betonte histo­ri­sche Konti­nui­täten und allerlei erfun­dene Tradi­tionen zu kompen­sieren versucht, trifft es sich vorerst frei­lich gut, dass die Urheimat der Chinesen nun genau in jenem Gebiet zu suchen sein soll, das auch die tradi­tio­nellen Geschichts­schrei­bung seit langem als Ursprungsort „der“ chine­si­schen Zivi­li­sa­tion ausge­macht hat.

Anderswo in der Wissen­schaft feiert das natio­na­lis­ti­sche Revival in Xi Jinpings Volks­re­pu­blik indessen munter digi­tale Urstände. Ohne allzu vernehm­bare Proteste der inter­na­tio­nalen Forschungs­ge­meinde erschien bereits im vergan­genen Sommer in der in den USA publi­zierten Zeit­schrift WIREs Data Mining Know­ledge and Disco­very eine vom Chine­si­schen Natio­nal­fonds gespon­serte Studie, in der ein soge­nanntes „sparse representation“-Verfahren zur Iden­ti­fi­ka­tion einer T-förmigen Gesichts­re­gion vorge­stellt wird, das ethni­sche Zuord­nungen im Milli­se­kun­den­be­reich erlaubt. In Abwe­sen­heit verläss­li­cher Para­meter wie Haut­farbe und -textur, so die Autoren, erlaube es der beschrie­bene machine lear­ning-Algo­rithmus, Uighuren, Tibeter und Koreaner treff­si­cher von der Han-chinesischen Mehr­heits­be­völ­ke­rung zu unter­scheiden. Die Methode habe „in einer globa­li­sierten Welt“ grosses Anwen­dungs­po­ten­tial bei Grenz- und Zoll­kon­trollen und im Bereich der „öffent­li­chen Sicher­heit“. Spätes­tens beim staat­li­chen Einsatz einer digi­talen Kranio­logie dieses Typs stossen die harmo­ni­schen Verheis­sungen einer gemein­samen sino-tibetischen Urheimat und die harm­losen Selbst­er­kun­dungs­ver­spre­chen von „23 and me“ an harte ethi­sche Grenzen. Honi soit qui mal y pense.

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