Das Heraufbeschwören vergangener – angeblich – heroischer Zeiten war schon immer eine Spezialität Hollywoods. Die Behauptung dahinter ist stets, dass Geschichte mit dem nötigen Budget für Kulissen und Kostüme erfahrbar gemacht werden kann. Mit Barry Lyndon feiert dieses Jahr ein Film seinen 50. Geburtstag, der diese These radikal in Frage stellt. Stanley Kubricks Anti-Historienfilm beschwört das ausgehende 18. Jahrhundert in all seinen Details und macht dabei doch stets deutlich, dass uns die Vergangenheit für immer verschlossen bleiben muss.

  • Simon Spiegel

    Simon Spiegel ist Senior Researcher am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Er ist Mitherausgeber der Zeitschrift für Fantastikforschung http://zff.openlibhums.org/ und schreibt für zahlreiche Publikationen über Film und verwandte Themen. Unlängst ist der von ihm herausgegebene Sammelband The Fear of Knowing erschienen; als Open Access verfügbar: https://doi.org/10.5771/9783988581150

Stanley Kubrick hat im Laufe von fast fünf Jahr­zehnten ledig­lich drei­zehn Spiel­filme reali­siert. Davon ist heute die Mehr­heit allge­mein als Klas­siker, wenn nicht sogar als Meis­ter­werk aner­kannt. Spätes­tens seit seinem Science-Fiction-Epos 2001: A Space Odyssey von 1968 drehte Kubrick denn auch keine ‚kleinen Filme‘ mehr, viel­mehr trat jedes neue Werk mit dem Anspruch an, einen film­ge­schicht­li­chen Meilen­stein zu setzen. Dabei spielte sich zwischen Kubrick und der Film­kritik eine eigen­tüm­liche Routine ein: Keiner seiner späteren Filme wurde bei Erscheinen einhellig gefeiert. Viel­mehr wurde mit schöner Regel­mäs­sig­keit beklagt, dass dem Meister der grosse Coup dieses Mal nicht gelungen sei. In ausnahmslos allen Fällen wandelte sich diese Einschät­zung aber im Laufe der Jahre, wurden die vermeint­li­chen Miss­erfolge reha­bi­li­tiert und fanden schliess­lich Eingang in den Kanon. Für keinen anderen Film gilt dies mehr als für Barry Lyndon, der dieses Jahr seinen 50. Geburtstag feiert. Lange hatte die Verfil­mung einer Vorlage von William Make­peace Thackeray den Ruf eines über­langen, lang­fä­digen und über­kan­di­delten Kostüm­epos. Heute dagegen gilt der Film vielen als Kubricks eigent­li­ches Meis­ter­werk. Sein schönster Film ist er auf jeden Fall.

Ein Meister der Arbeit mit Licht und Kamera

Kein Artikel über Barry Lyndon, in dem nicht von den Aufnahmen bei Kerzen­licht die Rede ist. Deshalb sei auch hier mit diesem Pflicht­teil begonnen: Kubrick leuch­tete Szenen seit jeher vorzugs­weise mit soge­nannten Prac­ti­cals aus, das heisst mit Licht­quellen, die in einer Szene auch tatsäch­lich verfügbar sind, und nicht mit Studio­be­leuch­tung, die keinen iden­ti­fi­zier­baren Ursprung hat. Für einen Film, der im 18. Jahr­hun­dert spielt, bedeutet dies den Verzicht auf künst­li­ches Licht. Die logi­sche Konse­quenz: Bei nächt­li­chen Innen­auf­nahmen durfte nur Kerzen­licht zum Einsatz kommen.

Theatrical release poster by Jouineau Bourduge, Quelle: Wikipedia

Thea­trical release poster by Joui­neau Bourduge, Quelle: Wikipedia

Moderne digi­tale Kameras hätten mit einer solchen Licht­si­tua­tion wenig Mühe, doch mit dem Mate­rial, das Kubrick zur Verfü­gung stand, war ein Dreh unter derar­tigen Bedin­gungen eigent­lich unmög­lich. Eigent­lich. Nach diversen Tests und ausgie­bigen Recher­chen stiess Kubrick auf ein beson­ders licht­starkes Objektiv der deut­schen Firma Carl Zeiss. Das Planar 50 mm f/0.7 war ursprüng­lich für die NASA entwi­ckelt worden, um die sonnen­ab­ge­wandte – die sprich­wört­liche dunkle – Seite des Mondes zu foto­gra­fieren, und ist noch heute eine der licht­stärksten Optiken der Welt. Kubrick liess das Objektiv, das eigent­lich für Stand­bild­fo­to­grafie gedacht war, so umbauen, dass er es mit einer bestehenden Kamera nutzen konnten.

Diese unge­wöhn­liche tech­ni­sche Lösung brachte zahl­reiche Einschrän­kungen mit sich. Ein grund­le­gendes Gesetz der Optik gebietet, dass eine grosse Blen­den­öff­nung zu einer gerin­geren Schär­fen­tiefe führt, also den scharfen Bereich inner­halb des Bildes verklei­nert. Für Barry Lyndon bedeu­tete das konkret, dass der scharfe Bereich je nach Abstand der Kamera zu den Schauspieler:innen zwischen einem halben und drei Zenti­meter betrug. Mit anderen Worten: Die kleinste Bewe­gung, oft nur schon ein kräf­tiges Atmen, reichte, damit eine Hand, ein Ober­körper oder ein ganzes Gesicht nicht mehr scharf waren. Bedenkt man, welche Schwie­rig­keiten das Drehen bei Kerzen­licht zusätz­lich noch mit sich bringt – etwa die Hitze- und Rauch­ent­wick­lung oder die Schwie­rig­keit, dass die Kerzen von Einstel­lung zu Einstel­lung gleich­mässig abbrennen müssen –, kann man erahnen, wie anstren­gend dieser Dreh für alle Betei­ligten gewesen sein muss.

Das Resultat all dieser Mühen sind Bilder, wie es sie im Kino vorher und nachher nicht mehr gegeben hat. Genau abge­zir­kelte Tableaus, die – und dieser Effekt ist natür­lich gewollt – mehr an Gemälde als an Film­auf­nahmen erin­nern. Ein Effekt, der durch die langen Zooms, die Kubrick immer wieder einsetzt, um eine Szenerie langsam zu enthüllen, noch verstärkt wird.

Ein US-Blick auf Europa

Barry Lyndon endet im Jahr der Fran­zö­si­schen Revo­lu­tion, eine der letzten Einstel­lungen des Films rückt wie zufällig die Jahres­zahl 1789 ins Bild. Das vorre­vo­lu­tio­näre Europa, das uns Kubrick präsen­tiert ist in Schön­heit, in gepu­derten Perü­cken, parfü­mierten Taschen­tü­chern, ausla­denden Ball­klei­dern und präch­tigen Uniformen erstarrt. Aber unter der geküns­telten Ober­fläche wird eine morsche, von Habgier und Eigen­sucht geprägte Gesell­schaft sichtbar. In dieser Welt ist alles Schein, auch nur halb­wegs anstän­dige Menschen sucht man hier vergebens.

Der junge Redmond Barry (Ryan O’Neal) ist ein Produkt dieser Welt und in gewisser Weise ledig­lich ein beson­ders eifriger Lehr­ling ihrer Regeln. Zu Beginn ist der Abkömm­ling eines unbe­deu­tenden irischen Land­ad­ligen noch von grossen Gefühlen beseelt und fordert den Bräu­tigam seiner Ange­be­teten zum Duell, was schliess­lich dazu führt, dass er seine Heimat verlassen muss. Doch nachdem er in der briti­schen und der preus­si­schen Armee gedient hat und schliess­lich als rechte Hand eines profes­sio­nellen Falsch­spie­lers durch die euro­päi­schen Höfe gezogen ist, zeigt er sich von derar­tigen Flausen endgültig kuriert. Das Einzige, was ihn nun inter­es­siert, ist sein persön­li­cher Profit. Die Heirat mit der wohl­ha­benden Lady Lyndon dient ihm ausschliess­lich dazu, seine Posi­tion in einer höheren gesell­schaft­li­chen Sphäre zu sichern. Sie selbst nimmt, um den ironisch-trockenen Off-Kommentar des Films zu zitieren, in seinem Leben bald eine ähnlich wich­tige Posi­tion ein wie die eleganten Teppiche und Gemälde, die den ange­nehmen Hinter­grund seines Lebens bilden.

Kubricks post­he­roi­sche Anti-Helden

Die auser­le­senen Bilder und die betö­rende Musik haben manche Kritiker:in viel­leicht darüber hinweg­ge­täuscht, wie radikal Barry Lyndon tatsäch­lich ist. Kubrick präsen­tiert uns nicht nur einen wenig einneh­menden Helden mit kaum posi­tiven Eigen­schaften, er lässt auch von Beginn an keinen Zweifel daran, dass es mit Barry ein schlechtes Ende nehmen wird. Gemessen an einem typi­schen Holly­wood­film mag Barry Lyndon tatsäch­lich als lang­weilig erscheinen, denn er verwei­gert uns eine im tradi­tio­nellen Sinn span­nende Hand­lung. Dass Barrys Triumph nur von kurzer Dauer sein wird, kann niemanden über­ra­schen. Er bleibt ein Leben lang ein Empor­kömm­ling, vom alten Adel nur so lange gelitten, wie er diesem nütz­lich ist, und endet schliess­lich als mittel­loser Krüppel.

Kostüm­filme sind oft hemmungslos nost­al­gisch und zele­brieren den Prunk und das angeb­liche Heldentum vergan­gener Zeiten. Davon ist bei Kubrick nichts zu sehen. Sei es beim Karten­spiel, der Liebe, auf dem Schlacht­feld oder im Duell, in der Welt Barrys gibt es kein heroi­sches Verhalten. Im Gegen­teil: Barrys einzige wahr­haft ehren­hafte Hand­lung bedeutet auch seinen Unter­gang. Als die Pistole seines verhassten Stief­sohns im Duell wegen einer Fehl­zün­dung vorzeitig losgeht, verzichtet Barry auf seinen Schuss. Sein Gegner dankt ihm die noble Geste, indem er ihn niederschiesst.

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Unmit­telbar vor Barry Lyndon hatte Kubrick mit A Clock­work Orange (1971) seinen bis heute skan­dal­träch­tigsten Film gedreht. Die Verfil­mung des gleich­na­migen Romans von Anthony Burgess zeigt ein England in einer nahen Zukunft, das am Rande des Kollapses steht, in dem jugend­liche Banden mehr oder weniger unge­hin­dert ihr Unwesen treiben. Alex, der Anführer einer dieser Banden, wird nach einem brutalen Mord zu einer Gefäng­nis­strafe verur­teilt, erhält aber die Möglich­keit, sich einer neuen Therapie zu unter­ziehen. Ein unmensch­li­ches Kondi­tio­nie­rungs­pro­gramm erzeugt in ihm eine körper­liche Abnei­gung gegen Gewalt. Unfähig, anderen etwas anzutun, aber auch nicht mehr in der Lage, sich zu wehren, muss Alex nun seiner­seits eine Abfolge von Demü­ti­gungen und Gewalt­taten erleiden.

Eine beson­dere Ironie dieser bösen Satire besteht darin, dass der gewissens- und empa­thie­lose Rowdy Alex ein grosser Lieb­haber klas­si­scher Musik ist. Insbe­son­dere Beet­ho­vens Neunte hat es ihm angetan, sie wirkt für ihn als regel­rechtes Aufputsch­mittel. Kubrick respek­tive Burgess, der sich selbst mehr als Kompo­nist denn als Schrift­steller sah, glaubt nicht an die zivi­li­sie­rende Kraft der schönen Künste: Musik hat noch nie jemanden davon abge­halten, Unmensch­li­ches zu begehen. So weit A Clock­work Orange und Barry Lyndon in Genre, Tempe­ra­ment und allge­meiner Anmu­tung ausein­an­der­liegen mögen, der bürger­li­chen Vorstel­lung, dass Kunst und Schön­heit zu einer Verede­lung der Seele führen, erteilen sie beide eine deut­liche Absage.

A Clock­work Orange wird in der Regel als Dystopie bezeichnet, als Entwurf einer schlechten zukünf­tigen Gesell­schaft, als Warnung, wohin es führen wird, wenn wir den nega­tiven Entwick­lungen der Gegen­wart nicht Einhalt gebieten. Dysto­pien werden typi­scher­weise mit Vorstel­lungen der Zukunft und somit mit Science Fiction asso­zi­iert – im Grunde ist Barry Lyndon aber ein weiterer, beson­ders konse­quenter Vertreter dieses Genres. Die Welt von Barry Lyndon mag schöner anzu­sehen sein als die von A Clock­work Orange, aber sie ist mindes­tens so schrecklich.

Wenn Dysto­pien Geschichte schreiben

Eine der Dystopie inne­woh­nenden Para­do­xien ist die Faszi­na­tion des Genres für das angeb­lich Verab­scheu­ungs­wür­dige. Was die Filme mit beson­ders viel Aufwand zele­brieren, sind in Fällen just die Insi­gnien der Unmensch­lich­keit, die vorder­gründig ange­pran­gert werden – etwa die gigan­ti­schen Beton­bauten in Fritz Langs Metro­polis (1927), die kahl­ge­scho­renen, einheit­lich geklei­deten Bewohner der Unter­grund­stadt in George Lucas Erst­ling THX 1138 (1971) oder der barocke Zerfall in den verschie­denen Verfil­mungen von George Orwells Nine­teen Eighty-Four. Aus dieser Perspek­tive betrachtet erscheint es auch nicht mehr als Wider­spruch, dass Kubrick eine Epoche, für die er insge­samt wenig Sympa­thien zu haben scheint, in derart erle­senen Bildern aufer­stehen lässt.

Man kann in diesem Gegen­satz nicht nur eine Genre­kon­ven­tion, sondern auch eine sehr grund­sätz­liche Aussage zur Darstell­bar­keit von Geschichte sehen. Der Aufwand, den Kubrick und sein Team betrieben, um das histo­ri­sche Setting adäquat wieder­zu­geben, ist enorm; die Aufnahmen bei Kerzen­licht sind hierfür nur das offen­sicht­lichste Beispiel. Man könnte auch die Kostüme anführen, bei denen es sich in vielen Fällen nicht um Kostüme im tradi­tio­nellen Sinn, sondern um umge­ar­bei­tete histo­ri­sche Klei­dungs­stücke handelt.

Für wenige Histo­ri­en­filme wurde mit solcher Detail­ver­ses­sen­heit alles dafür getan, die Szenerie möglichst ‚echt‘ erscheinen zu lassen. Aber trotzdem oder gerade deswegen – in keinem anderen Film erscheint die Vergan­gen­heit als so weit weg –, wird uns immer wieder von neuem klar gemacht, dass uns das Gezeigte nicht mehr zugäng­lich ist, dass wir dem Schau­spiel einer unter­ge­gan­genen Welt beiwohnen, die uns fremd ist und in letzter Konse­quenz auch immer fremd bleiben muss. Barry Lyndon ist auch ein Film darüber, dass das Verspre­chen, das jeder histo­ri­schen Erzäh­lung unter­liegt, nämlich dass sich die Vergan­gen­heit rekon­stru­ieren liesse, letzt­lich nie einlösbar ist.

Still aus "Barry Lyndon" von Stanley Kubrick (1975)

Still aus „Barry Lyndon“ von Stanley Kubrick (1975)

In der Schluss­szene des Films sehen wir Lady Lyndon, wie sie Papiere unter­zeichnet, unter anderem den Scheck, den Barry jedes Jahr unter der Bedin­gung erhält, dass er England fern­bleibt. Auf diesem Scheck ist auch das Jahr – eben 1789 – zu lesen, und damit die deut­liche Ansage, dass diese Welt kurz vor ihrem Ende steht. Es folgt als Epilog eine Text­tafel, eine leicht abge­wan­delte Passage aus der lite­ra­ri­schen Vorlage, die ein letztes Mal unter­streicht, dass wir nicht der filmi­schen Aufer­ste­hung einer Epoche beigewohnt haben, sondern viel­mehr einer Beschwö­rung der Uner­reich­bar­keit des Vergangenen:

It was in the reign of George III
that the afore­said perso­nages lived and quarreled;
good or bad, hand­some or ugly, rich or poor
they are all equal now.

 

Anläss­lich seines 50. Geburtstag zeigt das Kino Arthouse Le Paris in Zürich Barry Lyndon in einer aufwendig restau­rierten 4K-Fassung. Am Folgetag spricht der ausfüh­rende Produ­zent Jan Harlan mit Simon Spiegel über den Film.
Mitt­woch, 3. Dezember, 19.00 Uhr – Arthouse Le Paris: Gala-Vorstellung Barry Lyndon in Anwe­sen­heit von Jan Harlan
Donnerstag, 4. Dezember, 10.00 Uhr – Arthouse Picca­dilly 1: Gespräch mit Jan Harlan, mode­riert von Simon Spiegel
Details und Tickets: https://arthouse.ch/specials/galapremiere