Und ewig explo­diert die #Bevölkerungs-Bombe

Der Bevölkerungsbegriff ist fester Bestandteil vieler gesellschaftlicher Krisenszenarien. Obwohl das Wachstum der Weltbevölkerung heute lange nicht mehr so dramatisch aussieht wie vor 30 Jahren, beginnt die „Sorge“ um das Bevölkerungswachstum – der „Anderen“, wohlverstanden – wieder die politischen Diskurse zu vergiften.

Eine Zeit­lang war es still geworden um den Begriff der Bevöl­ke­rung. In den 2000er Jahren schienen sich weite Teile der poli­ti­schen Öffent­lich­keit darauf verstän­digt zu haben, dass die Steue­rung der Grösse einer Bevöl­ke­rung kein rele­vantes poli­ti­sches Ziel sein kann. Die Frage von indi­vi­du­ellen Repro­duk­ti­ons­rechten versus die Diskus­sion um die globalen Nutzungs­rechte an der Erde schien zugunsten des Indi­vi­duums und seines Rechts auf Selbst­be­stim­mung entschieden zu sein. Die Bevöl­ke­rung, so resü­mierte der Histo­riker Matthew Connelly in seinem Buch Fatal Miss­con­cep­tion.The Struggle to Control World Popu­la­tion (2008), zeige eine Tendenz, immer lang­samer zu wachsen, egal ob Regie­rungen Programme gegen Bevöl­ke­rungs­wachstum einge­setzt hätten oder nicht. Wozu sollte das Nach­denken über Bevöl­ke­rung und entspre­chende Fami­li­en­pla­nungs­pro­gramme zu deren Begren­zung also noch gut sein?

Im sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Feld trug 2004 das verspä­tete Erscheinen von Michel Foucaults Vorle­sungen am Collège de France aus dem Jahr 1978/79 dazu bei, den Begriff der Bevöl­ke­rung in der Entwick­lung von Regie­rungs­tech­niken neu zu proble­ma­ti­sieren. Doch weder für Foucault noch für nach­fol­gende Sozi­al­wis­sen­schaftler war der Begriff der Bevöl­ke­rung auf einen eindeu­tigen Nenner zu bringen. Denn in ihm begeg­neten sich nicht nur admi­nis­tra­tive Logiken und statis­ti­sches Wissen – Grund­lage von Planung und zukünf­tiger Politik –, sondern auch indi­vi­du­elles Repro­duk­ti­ons­ver­halten. Weder die Wahr­neh­mung dieses Verhalten noch das sozi­al­wis­sen­schaft­liche Berechnen der Bevöl­ke­rungs­ent­wick­lung waren oder sind selbst­ver­ständ­lich gegeben und stabil, sondern setzen eine Viel­zahl theo­re­ti­scher und metho­di­scher Über­le­gungen voraus, die jeweils den Begriff der Bevöl­ke­rung in seiner Histo­ri­zität bis heute prägen. Selbst­ver­ständ­lich ist der Begriff der Bevöl­ke­rung keineswegs.

Bevöl­ke­rung als Objekt libe­raler Wissenschaft

Bevöl­ke­rung als ein Konzept poli­ti­scher Planung zu verstehen, brachte west­liche Nach­kriegs­ge­sell­schaften in ein Dilemma: Die Garantie indi­vi­du­eller Frei­heiten und die ratio­nale Bewirt­schaf­tung globaler Ressourcen schienen sich gegen­seitig auszu­schliessen, ein Konflikt, der nicht endgültig zu lösen war. Denn in diesem Konzept begeg­neten die globalen sozialen Fragen dem intimen Privat­leben von Milli­arden von Menschen. Garett Hardin hatte 1968 in seinem berühmten Artikel von der „Tragedy of the commons“ gespro­chen und nach staat­li­chem Zwang gerufen: Die Welt­be­völ­ke­rung würde immer weiter­wachsen, solange jedes Indi­vi­duum sich frei am Platz auf der Erde bedienen dürfe. Die einzige Lösung, so der Human­öko­loge Hardin, sei ein gewisser Zwang, der indi­vi­du­elle Frei­heiten in der Frage der Repro­duk­tion einschränke.

Paul Ehrlich, The Popu­la­tion Bomb, 1968; Quelle: Privatbesitz

Chine­si­sche Ein-Kind-Poltik, Foto: Meinard L. Heinitz; Quelle: fotocommunity.de

Seine Aussagen hatten ihr Echo in den 1970er und 80er Jahren, als in einigen Ländern des globalen Südens Anreiz­sys­teme etwa zur Steri­li­sa­tion und Fami­li­en­pla­nung tatsäch­lich in Zwangs­maß­nahmen abdrif­teten. Ein solcher Fall eines Steri­li­sa­ti­ons­pro­gramms im indi­schen Kerala wurde schnell zum heiss disku­tierten Thema (wie später auch die chine­si­sche Ein-Kind-Politik). Gerade in der Frau­en­be­we­gung der 1960er und 1970er Jahre wurde die Legi­ti­mität solcher Mass­nahmen auch in Hinblick auf die Befreiung der Frauen von manchen „repro­duk­tiven Lasten“ disku­tiert. Gleich­zeitig aber stand die Frage nach dem lang­fris­tigen Nutzen der sexu­ellen Selbst­be­stim­mung im Raum, durch den die Diskus­sion um die Entwick­lung der „Welt­be­völ­ke­rung“ bald schon in einen Dialog mit der Sozi­al­po­litik west­eu­ro­päi­scher Gesell­schaften trat. Regel­mässig reisten etwa die Verfech­te­rinnen und Verfechter der Abtrei­bungs­li­be­ra­li­sie­rung in die „Dritte Welt“, um ihre eigenen Erfah­rungs­ho­ri­zonte zu erwei­tern – nicht immer mit der Absicht, die Frauen vor Ort vor Zwangs­maß­nahmen zu schützen.

Direkter Zwang schien in der Nach­kriegs­zeit im wissen­schaft­li­chen Bevöl­ke­rungs­dis­kurs nur eine Zwischen­lö­sung zu sein. Rational choice sollte statt­dessen zum wich­tigen Element einer verhal­tens­ba­sierten Moder­ni­sie­rungs­theorie werden, die auf mitt­lere Sicht den Platz staat­li­cher Zwangs­mass­nahmen einnehmen sollte. Gerade in den vermu­teten demo­gra­phi­schen Problem­län­dern, also den Ländern mit einem hohen Bevöl­ke­rungs­wachstum um drei Prozent pro Jahr, sollte durch Infor­ma­tion und Aufklä­rung zu indi­vi­du­ellen Risiken, aber auch zu globalen Problem­lagen eine Verhal­tens­än­de­rung herbei­ge­führt werden. Insti­tu­tionen wie der Bevöl­ke­rungs­fonds der Vereinten Nationen oder der New Yorker Popu­la­tion Council waren wich­tige Knoten­punkte solcher Programme. Die indu­zierte „Ratio­na­lität“ der Repro­duk­ti­ons­ent­schei­dung schloss im Prinzip aller­dings die „choice“ aus: Denn letzt­lich, so die Hypo­these der Verhal­tens­for­scher in diesen Insti­tu­tionen, könne ein Indi­vi­duum oder ein Paar sich über­haupt nicht rational für mehr als zwei Kinder entscheiden, wenn alle rele­vanten Infor­ma­tionen zur Verfü­gung stünden.  Das Ratio­na­li­täts­pa­ra­digma, so verstanden es die Kritiker bis in die 80er Jahre des 20. Jahr­hun­derts, war letzt­lich eine andere, ein wenig subti­lere Form des Zwangs, nicht zuletzt in Hinblick auf die Geschlech­ter­grenzen: Denn Ratio­na­lität bedeu­tete auch, dass es keine „weib­liche“ oder „männ­liche“ Posi­tion in Fragen der Repro­duk­tion gäbe, sondern nur noch eine „ratio­nale“.  

Kein Ende in Sicht

Word popu­la­tion (UNO): Quelle: Wikipedia.org

Doch letzt­lich blieb die grosse Frage des Mit- oder Gegen­ein­an­ders von globalen Notwen­dig­keiten und indi­vi­du­ellen Rechten unbe­ant­wortet. Die Debatten um das Für und Wider blieben in den 1990er Jahren – irgend­wann um die letzte Welt­be­völ­ke­rungs­kon­fe­renz in Kairo und die letzte Welt­frau­en­kon­fe­renz in Peking – stehen und der Zusam­men­hang von Bevöl­ke­rung und Entwick­lung verlor zunächst seine mediale Spreng­kraft. Es waren nicht zuletzt die demo­gra­phi­schen Entwick­lungen selbst, die dazu beitrugen: Der von Frank Notestein 1945 unter dem Eindruck raschen Bevöl­ke­rungs­wachs­tums etablierte Begriff des „demo­gra­phi­schen Über­gangs“ behielt seinen para­dig­ma­ti­schen Charakter. Doch etwa seit Beginn des 21. Jahr­hun­derts sagt das Modell voraus, dass sich zunächst die Geschwin­dig­keit des Bevöl­ke­rungs­wachs­tums verrin­gert, später dann das Wachstum selbst zurück­geht und sich irgend­wann umkehrt. In der Tat wuchs die Welt­be­völ­ke­rung zwischen 1950 und 2000 um etwa 150 Prozent, so werden es von 2000 bis 2050 wohl nur 50 sein. Elf Jahre brauchte es, bis die Welt­be­völ­ke­rung von sechs auf sieben Milli­arden gestiegen war (2011). Bis zu den acht Milli­arden werden es zwölf Jahre sein, und von da an immer mehr. Die UNO geht inzwi­schen davon aus: „The 12th billion baby will never be born“.

Schluss also mit dem Alar­mismus? Nein, denn dieser war noch nie ein direktes Produkt einer realen Über­be­völ­ke­rung. Demo­gra­phi­sche Ängste sind seit den Zeiten von Robert Malthus, der Anfang des 19. Jahr­hun­derts vor der unzu­rei­chenden Ernäh­rungs­grund­lage für eine stetig wach­sende Bevöl­ke­rung gewarnt hatte, nur schlecht durch die demo­gra­phi­sche Entwick­lung selbst zu erklären. Das befürch­tete Ausein­an­der­klaffen von Menschen­zahl einer­seits und Ressourcen- und Ernäh­rungs­grund­lage ande­rer­seits ist nicht nur nie einge­treten, es gab auch über die letzten zwei­hun­dert Jahre immer eine Viel­zahl von Autorinnen und Autoren, die fundiert gegen solche Kata­stro­phen­sze­na­rien argu­men­tieren konnten. Doch erhielten sie nie die gleiche Aufmerk­sam­keit, wie sie etwa Paul Ehrlichs neomal­thu­si­schen Krisen­sze­na­rien in den 1960er Jahren zuteil wurden.

Stell­ver­tre­ter­kriege – der norma­tive Kern der Bevöl­ke­rungs­de­batten

Letzt­lich scheint im Konzept der Bevöl­ke­rung das „Über“ oder „Unter“ gar nicht von grosser Bedeu­tung. Es geht oft nicht um die Zahlen selbst, sondern um die mit ihnen unter der Hand mittrans­por­tierten norma­tiven Vorstel­lungen von der Gesell­schaft und von der Rich­tung, in die ihre Entwick­lung gehen soll. Erst hier­durch erklärt sich etwa der Zusam­men­hang von den Sorgen um die Welt­be­völ­ke­rung und einer neuen Fami­li­en­po­litik, die seit den frühen 2000er Jahren wieder verstärkt disku­tiert wird. So scheint zum Beispiel kaum vorstellbar, dass das deut­sche „Eltern­geld“ in einer Diskus­sion nicht in Hinblick auf stei­gende oder sinkende Gebur­ten­raten bezogen wird, sondern einfach nur als Teil einer fami­li­en­ori­en­tierten Politik gesehen werden kann – als eine Politik, die eine Stei­ge­rung der Lebens­qua­lität zum Ziel hat. Die Tatsache, dass Eltern mehr Zeit mit ihrem Kind verbringen können, scheint kein Wert an sich zu sein, viel­mehr braucht es in der poli­ti­schen Debatte offenbar den Verweis auf die zu stei­gernde Bevölkerungszahl.

Gerade weil die Grund­lage für demo­gra­phi­sche Ängste so oft abseits der Zahlen liegen, funk­tio­nieren sie als poli­ti­sches Argu­ment so gut. Sie zeichnen sich durch zwei reale Phan­tasmen aus: zum einen werden über Vorstel­lung demo­gra­phi­scher Entwick­lung Zukunfts­bilder verhan­delt – „moderne“ und „tradi­tio­nelle“ Lebens­stile werden im Kleinen defi­niert über die Fami­li­en­formen und -grössen. Und zum anderen bekommt auch die Grösse natio­naler Bevöl­ke­rungen gerade dann Bedeu­tung, wenn sie an Vorstel­lungen von der Nation und ihrer histo­ri­schen Entwick­lung und «Mission» gebunden ist. Nirgends wurde dies greif­barer als in der – aller­dings über­zeu­gend geschei­terten – Ecopop Initia­tive in der Schweiz, die das Bild einer isolierten Schweizer Kultur zum Preis der Liefe­rung von Kondomen und Spiralen an die Dritte Welt erkaufen wollte.

Sie können uns unter­stützen, indem Sie diesen Artikel teilen: 

Chine­si­sche Bade­freuden; Quelle: sueddeutsche.de

Zum anderen aber hat das kühle Disku­tieren von Bevöl­ke­rungs­grösse und -entwick­lung bis heute einen sexu­al­mo­ra­li­schen Kern. Denn das Spre­chen über Reproduktions-‚Rechte‘ und -‚Pflichten‘ bedeutet immer auch die Anmas­sung einer diskur­siven Hoheit über die Hand­lungen anderer. Dabei werden „Repro­duk­ti­ons­muster“ nach Welt­re­gionen oder Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit zuge­ordnet. So bedeutet etwa asia­ti­sches Bevöl­ke­rungs­wachstum schon seit Paul Ehrlichs Bevöl­ke­rungs­bombe (1971) eine Gefahr für west­liche Zivi­li­sa­tionen. Und die deut­sche Tages­schau kann wohl auf das stille Kopf­ni­cken ihres Publi­kums zählen, wenn sie in einem Titel­be­richt über die Bevöl­ke­rungs­pro­bleme den indi­schen Arzt Lalit Mohan Pant seinen Erfolg verkünden lässt: „Niemand hat so viele Frauen steri­li­siert wie ich“. Es braucht nicht viel Phan­tasie, um sich die entspre­chende Entrüs­tung vorzu­stellen, würde in ähnli­cher Weise über Fami­li­en­pro­gramme in Deutsch­land oder anderen euro­päi­schen Ländern berichtet. Für die mora­li­sie­rende Diskus­sion über die Sexua­lität der anderen jeden­falls bildet das Stich­wort der Bevöl­ke­rung eine will­kom­mene Platt­form. Denn mit dem Argu­ment des Allge­mein­wohls scheint auch die Repro­duk­ti­ons­freu­dig­keit anderer Menschen bewertbar zu sein.

Die Voraus­be­rech­nungen der UNO zur Welt­be­völ­ke­rung bleiben verhalten opti­mis­tisch, eine vorsich­tige Entspan­nung bleibt ange­zeigt. Doch die poli­ti­sche Debatte um die Bevöl­ke­rung ist weiterhin geprägt von den norma­tiven Inter­ven­tionen der medialen Öffent­lich­keit. Im Gegen­teil – je grösser andere gesell­schaft­liche Unsi­cher­heiten werden – Abstiegs­ängste, globaler Terro­rismus etc. – desto mehr ist auch die Bevöl­ke­rung wieder auf die diskur­sive Agenda der poli­ti­schen Öffent­lich­keit zurück­ge­kehrt. Ganz verschwinden wird sie von dort wohl nie, denn die dahin­ter­lie­genden Fragen drehen sich um etwas ganz anderes: um Moral, um Zukunft, um die Rechte des Indi­vi­duums und die Zwänge des Allge­mein­wohls. Mit einer Diskus­sion von Bevöl­ke­rungs­zahlen sind diese Fragen jeden­falls nicht zu lösen.