Unbelehrbare alte Männer. „Der Spiegel“ und der deutsche Kolonialkrieg in Namibia

Anlässlich der Armenien-Resolution des Deutschen Bundestages empfahl Präsident Erdogan den Deutschen, erst einmal ihre eigene Kolonialvergangenheit aufzuarbeiten. „Spiegel“-Journalist Bartholomäus Grill fuhr zur Geschichtsstunde nach Namibia und kam mit aufgewärmten Thesen und einer Verschwörungstheorie zurück.



Artikel URL: https://geschichtedergegenwart.ch/unbelehrbare-alte-maenner-der-deutsche-kolonialkrieg-in-namibia-im-spiegel/

Die gängige Rede, dass sich Historikerinnen und Historiker in ihrem sprichwörtlichen Elfenbeinturm wenig für die Belange historischer Sinnstiftung und öffentliche Debatten interessieren, lässt vergessen, dass ihre Forschungsergebnisse häufig gar nicht zur Kenntnis genommen werden. Und je weiter die Themen geographisch entfernt sind, desto weniger Expertise braucht es offenbar. Dies hat der Hauptartikel der Kolonialausgabe der NZZ Geschichte gezeigt und trifft nun auch für einen ausführlichen Artikel im Spiegel (24/2016) zum Völkermord an den Herero zu.

Ausführlich gibt dort Bartholomäus Grill seine Plauderstunden mit dem namibischen Farmer Hinrich Schneider-Waterberg auf der Gästefarm Okosongomingo wieder, der sich als verkannter Historiker der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, und insbesondere des Kolonialkriegs präsentiert. Grill räumt dem von ihm so bezeichneten Hobbyhistoriker ausführlich Platz ein und bereitet ihm argumentativ immer wieder die Bühne. Dabei wirft er Fakten und Fiktionen munter durcheinander. Zwar werden die wesentlichen Tatsachen zum Kolonialkrieg gegen die Nama (die regelmässig vergessen werden) und Herero gar nicht angezweifelt. Ignoriert oder schlicht auch denunziert jedoch werden die Interpretationen dieser Fakten durch die Geschichtswissenschaft.

So wird von Kolonialrevisionisten immer wieder unterstellt, die Geschichtswissenschaft würde den Krieg auf Basis einer einzigen Quelle als Genozid einordnen, des sogenannten Schiessbefehls von Lothar von Trotha. Dieser hatte als Kommandeur der 1. Ostasiatischen Infanterie-Brigade im Boxeraufstand bereits Erfahrungen mit Kolonialkriegen gesammelte, fabulierte von Rassenkämpfen und schrieb an Generalstabchef Graf von Schlieffen über die Herero: „Ich glaube, dass die Nation als solche vernichtet werden muss.“ Oft wird dann auch noch hinzugefügt, von Trotha hätte zur Proklamation vom 2. Oktober 1904, mit der er die Vernichtung aller Herero forderte („Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit und ohne Gewehr, mit und ohne Vieh erschossen…“), umgehend einen Truppenbefehl ausgegeben, gemäss dem bei Frauen und Kindern, die den deutschen Truppen widerstandslos vor die Flinte liefen, nur über die Köpfe hinweg geschossen werden solle. Die Rede von einem Genozid erscheint dann unter der Hand als deutlich übertrieben.

Historische Genozid-Forschung

In den vielen Forschungsarbeiten, die zum Kolonialkrieg erschienen sind, wird aber nun eine ganze Reihe von Gründen dafür aufgeführt, warum es sich bei den Ereignissen von 1904 um einen in Kauf genommen oder beabsichtigten Völkermord im Sinne des Genozidbegriffs von Raphael Lemkin und der 1948 verabschiedeten Konvention der Vereinten Nationen zur Verhütung und Bestrafung von Völkermord handelte. Zwar lässt sich der juristische Begriff des Genozids kritisieren, und natürlich auch dessen Anwendung auf Kolonialkriege. Allerdings bemühen Hinrich Schneider-Waterberg und Bartholomäus Grill bei ihrer melancholischen Klage auf der Veranda der 1909 gegründeten Farm einen alten Trick: Mit der Kritik am Begriff wird auch gleich die Sache geleugnet – nämlich die eindeutige Absicht von Teilen des Kolonialmilitärs, der Verwaltung und der Farmerschaft, die Herero als ‚Volk‘ (im damaligen Sprachgebrauch) zu vernichten. Dass von Trotha die Herero mit „krassem Terrorismus“ und „Strömen von Geld und Blut“ vernichten wollte, könnte noch als strategisches Säbelrasseln abgetan werden, weil er dringend Erfolge gegen die anfänglich überlegenen Herero vorweisen musste.

Allein, wie sah die Kriegsführung konkret aus? Bereits die Zeitgenossen warnten vor einer buchstäblichen Vernichtung eines ganzen Volkes, so ein Teil der Farmer, die um ‚ihre‘ Arbeitskräfte für die Zeit nach dem Krieg fürchteten. Missionare wiederum sahen ihr christliches Werk bedroht und wollten den Massenmord auch aus humanitären Gründen beenden. Dazu kamen einzelne Kolonialmilitärs, die nicht gegen Frauen und Kinder und völlig erschöpfte Gegner kämpfen wollten, die sie an Wasserstellen aufspüren sollten. Die von der historischen Forschung gezeigten Fakten sprechen klar für eine Vernichtungsabsicht. Das zeigen zum einen Massnahmen während des Krieges wie die Abriegelung von Wasserstellen in dem extrem trockenen Land (und nicht einer ganzen Wüste, wie es oft heisst), ferner die Einrichtung von Konzentrationslagern und die Weigerung, Kapitulationen zuzulassen; und zum anderen die Politik der Nachkriegszeit mit der völligen Entrechtung und Enteignung – die überlebenden Herero sollten in ein „Proletariat“ umgewandelt werden, so hiess es in zeitgenössischen Quellen. Dazu kam die obligatorische Zwangsarbeit für die Kolonialverwaltung, Firmen und Privathaushalte, die Markierung der Menschen mit Passmarken, die Deportationen wichtiger Führer in andere Kolonien – und schliesslich der absurde Plan, die gesamte Bevölkerung des kolonialen Einflussgebietes umzusiedeln.

All diese Aspekte des Genozids sind Forschungsergebnisse mehrerer Generationen von Forscherinnen und Forschern; im Spiegel werden sie zu „Horst Drechslers antiimperialistischen Konstrukt eines Völkermordes“. Der Afrika-Historiker Horst Drechsler habilitierte sich noch zu DDR-Zeiten in Halle bei Walter Markov und wertete für seine Arbeit als erster systematisch die Quellen des Reichskolonialamtes in Potsdam aus. Dabei zeigte er sich als eher konservativer Historiker – trotz der geforderten marxistisch-leninistischen Verbeugungen im Text.

Mediale Verwedelung

Ein weiteres rhetorisches Mittel der Verwedelung des Genozids sind Pseudofragen: „Wo sind die sterblichen Überreste der Opfer?“ – fragt der Kronzeuge Schneider-Waterberg im Spiegel-Artikel. Gleich darauf folgt die Antwort, es habe niemals eine systematische Suche stattgefunden. Dennoch wird die Frage gleich zweimal in den Raum gestellt und zwar keinesfalls als Korrektiv. Auch die Figur des Zeitzeugen darf nicht fehlen. Keiner der „Genozidtheoretiker“, so referiert Grill Schneider-Waterberg, habe Herero befragt – das ist bei einem 1904 verübten Verbrechen auch ein wenig schwierig. Dass Nachkommen sehr wohl mit Interviews sowie Erhebungen von Oral Histories und Oral Traditions zu Wort gekommen und Überlieferungen sorgfältig gesammelt und in der Forschung ausgewertet worden sind, hat auch der wissenschaftliche Berater des Textes – offenbar der ehemalige Rektor der Universität Regensburg, Prof. Gustav Obermair, ein emeritierter Physikprofessor… – wohl übersehen.

Man kann aus guten Gründen kritisieren, dass Parlamente über die Bewertung historischer Ereignisse befinden, und natürlich geht es bei der Bezeichnung des Kolonialkriegs als Genozid um Politik. Allerdings gilt das auch umgekehrt. Die Leugnung der Gräueltaten deutscher Soldaten begann schon während des Krieges, und mit der Kritik am Genozidbegriff geht praktisch immer eine ideologisch hoch aufgeladene Verharmlosung einher. Das bemerkte auch Grill, wenn er schreibt, Schneider-Waterberg würde sich „immer wieder ideologisch verrennen“, „wittere ein ‚Meinungskartell‘ politisch korrekter Historiker und ‚Genozidversessener‘, gar eine Verschwörung“. Grill schliesst daraus, die „Fachleute“ seien in zwei unversöhnliche Lager gespalten…

Es ist völlig richtig, dass Kolonialquellen kritisch gelesen werden müssen, gerade weil die Herero und Nama teilweise sehr erfolgreich waren und der Krieg enorme Summen verschlang, die gerechtfertigt werden mussten (so kam es 1906 zu einer politischen Krise in Deutschland, nachdem die Regierung im Reichstag einen Nachtragshaushalt von 29 Millionen Mark für den Krieg beantragte). Den aufgeblasenen von Trotha mit seinen Grössenphantasien kritisierten schon Kolonialoffiziere, und die zugänglichen Quellen (die Familie von Trotha hält ihr Archiv für nicht genehme Historiker unter Verschluss) wurden in der Geschichtswissenschaft kritisch diskutiert und keineswegs einfach wiedergegeben. Ebenso ist es richtig, dass es unter Herero unterschiedliche Positionen zum Kriegsverlauf und zu den Konsequenzen des Krieges gibt. Grill zitiert aber nur einen Gewährsmann, David Kambazembi, der „die Herero“ repräsentiert und der im Übrigen auch eine Widergutmachungsforderung erhoben hat.

Kurzum, anstatt die breite Forschung mit ihren unterschiedlichen Facetten, Fragestellungen und Einschätzungen zu referieren oder auch nur zu konsultieren, werden einzelne Figuren oder Positionen herausgegriffen, die dann fürs Ganze stehen. Zudem werden popularisierte Darstellungen, die nicht zuletzt auch die Medien anlässlich des 100. Jahrestages des Krieges 2004 in grosser Zahl produziert haben, wiederholt und fälschlicherweise als die dominante Forschung ausgegeben. Es fehlen in diesen Darstellungen insbesondere Hinweise auf die Forschungen der Generation nach Horst Drechsler und Helmut Bley, so z.B. die Arbeiten von Jan-Bart Gewalt, Marion Wallace, Larissa Förster und auf weiterführende Forschungsfragen zur Nachkriegszeit des Kolonialkriegs sowie zur Erinnerungskultur.

Die Frage, ob es sich bei dem Kolonialkrieg um einen Genozid gehandelt hat oder nicht, beflügelt die Historikerinnen und Historiker etwa so wie die Frage, ob Marignano die Schweizer Neutralität begründet hat: Die Fakten liegen schon lange auf dem Tisch, die Interpretationen divergieren, und die akademische Karawane ist längst weitergezogen, während noch einige politisch motivierte Rückzugsgefechte geführt werden. Bartholomäus Grill selbst hatte übrigens 2004 in der ZEIT unter dem Titel „Aufräumen, aufhängen, niederknallen!“ vom „ersten Genozid des 20. Jahrhunderts“ geschrieben. Warum er nun zwölf Jahre später zu einer anderen Einschätzung kommt, verrät er uns leider nicht.