Bei der Auseinandersetzung mit archivalischen Materialien, die auf Gewaltgeschichten zurückgehen, stellt sich die Frage, welche neuen Wege wir finden können, mit Archiven der Gewalt in den Räumen und im Kontext von Praktiken kollektiver Erinnerung umzugehen. Ausgehend von wissenschafts- und kulturhistorischen Debatten um das, was Ann Laura Stoler als „imperial debris“ bezeichnet – nämlich materielle und affektive Überreste von Gewalt, die die Gegenwart weiterhin prägen –, schlage ich hier Strategien des Un-Writing vor: als Formen des Arbeitens mit, statt gegen die verstörenden, fragmentarischen Dimensionen überlieferter Gewalt.
Den Raum zwischen den Worten erweitern
Im Jahr 1998 entdeckte die Anthropologin und Kuratorin Margit Berner in den Archiven des Naturhistorischen Museums in Wien eine Kiste mit anthropometrischen Fotografien einer nationalsozialistischen „Rassenstudie“, die 1942 im polnischen Tarnów stattfand. Verantwortlich für die Erhebung waren die österreichischen Anthropologinnen Dorothea Maria Kahlich (1905-1970) und Elisabeth Fliethmann (1915-1987), beide Mitglieder der NSDAP mit besonderem Interesse an der erbbiologischen und rassekundlichen „Forschung“. Unter Anwendung von Zwang führten sie im Ghetto von Tarnόw ihre Forschung an 106 jüdischen Familien – insgesamt 565 Personen – mit dem Ziel durch, die vermeintliche biologische Minderwertigkeit ostgalizischer Jüd*innen mit Hilfe von Vermessungen, Befundbögen, Fingerabdrücken und Fotografie zu „beweisen“.
Es dauerte mehr als zwanzig Jahre, bis Margit Berner die Herkunft dieses Materials rekonstruieren und ein Buch über ihre Recherchen verfassen konnte. Ein Forschungsstipendium Anfang der 2000er-Jahre ermöglichte ihr den Zugang zu Materialien am Smithsonian Institute in den USA, darunter biografische Daten, die es ihr erlaubten, Namen mit Bildern zu verknüpfen. Zudem recherchierte sie in Archiven des Holocaust Memorial Museum, des Bundesarchivs in Berlin und von Yad Vashem in Jerusalem. In den USA nahm sie Kontakt zu Überlebenden und Angehörigen auf, was ihr half, Identitäten zu bestätigen und die Materialien weiter zu kontextualisieren.
Gemeinsam mit anderen Expert*innen konzipierte sie zudem 2021 die Ausstellung Der kalte Blick. Letzte Bilder jüdischer Familien aus dem Ghetto von Tarnόw. Ausgehend von den Fotografien zeigt die Ausstellung auch Briefe der beiden damaligen Anthropologinnen, in denen sie betonten, dass nur wenige Jüd*innen in Tarnów verblieben seien: „Von unseren“, schrieb Fliethmann im Oktober 1942, „fast niemand mehr. Unser Material hat also heute schon Seltenheitswert.“ Wohin die Jüd*innen gingen, wurde nie thematisiert. Die Betroffenen blieben Forschungsobjekte.
Dieses Beispiel bietet einen ersten Ansatz, inwiefern Un-Writing einen Weg bietet, mit gewaltsamen Archiven anders umzugehen: durch die Erweiterung des Raums zwischen den Worten – sei es im Textuellen oder im Visuellen. Indem Margit Berner den zeitlichen und emotionalen Raum um diese Bilder erweitert hat, verwandelte sie Forschungsobjekte in Menschen. Anders gesagt: Ihre Forschung versucht nicht, die Gewalt zu verringern oder zu beseitigen, sondern wendet sich ihr mit Sorgfalt und Genauigkeit zu, bis ihre enorme Größenordnung durch Gesichter, Geschichten und Relationen fassbar wird.
Die Geister zum Leben erwecken
Ich stieß auf Margit Berners Arbeit kurz nachdem ich von der Herkunft meiner eigenen Familie aus Tarnów erfuhr. Dies geschah durch die Entdeckung eines Familienfilms meines Ururgroßvaters, den der Neffe meiner Urgroßmutter in den 1930er-Jahren während einer Europareise aus den USA aufnahm. Er hatte ihn auf 16 mm gedreht, später wurde der Film auf VHS überspielt, kommentiert und schließlich digitalisiert. Die VHS und die 16 mm-Rolle sind in der Zwischenzeit verloren gegangen. Uns bleibt also nur noch das Digitalisat einer Übertragung der ursprünglichen Aufzeichnung.

Coverbild des Ausstellungskatalogs „Der kalte Blick. Letzte Bilder jüdischer Familien aus dem Ghetto von Tarnów“, Topographie des Terrors, Berlin, 2021. Foto ©️ Wolfgang Reichmann, Naturhistorisches Museum Wien.
Mein Bruder Adam Sekuler ist Filmemacher und Filmwissenschaftler. Uns war schnell klar, dass wir gemeinsam damit arbeiten sollten. Aber wie? Roland Barthes verglich in seinem berühmten Text zur Fotografie „Die helle Kammer“ (La chambre claire, Paris 1980) das Fotografiert-Werden mit dem Tod, da Fotografie einen Moment festhält, der im selben Augenblick bereits der Vergangenheit angehört. In unserer Familie wusste vor dem Erhalt dieses Films niemand, dass ein Verwandter sich zu Beginn des Zweiten Weltkriegs noch in Polen befand. Und so war es in gewisser Weise umgekehrt gerade das (bewegte) Bild, der Film, das ihn zum Leben erweckte, wenn auch nur als digitalisierter ghost seiner selbst.
In den letzten Jahren habe ich versucht, so viele Informationen wie möglich über unseren Ururgroßvater zusammenzutragen, um den digitalisierten ghost dem Menschen näherzubringen, der er zu Lebzeiten gewesen sein könnte. Im Austausch mit Archivar*innen in den USA und Polen stieß ich auf ein digitalisiertes Archiv polnischer Geburts-, Sterbe- und Heiratsregister. Während des COVID-Lockdowns verbrachte ich Wochen damit, Einträge aus der jüdischen Gemeinde Tarnóws durchzusehen auf der Suche nach Hinweisen auf meine Vorfahren oder andere mögliche Verwandte. Ich notierte auch Namen von Menschen, die in derselben Straße wie unser Ururgroßvater gelebt haben, in der Hoffnung, weitere Personen aus dem Film identifizieren zu können.
Mit jedem neuen Eintrag in meinem wachsenden Archiv stellten sich neue Fragen – zur Herkunft, zu Verbindungen und zum Schicksal einzelner Personen, die durch die Archive sichtbar wurden. Auch darüber, ob und wie sich Verbindungen zu uns herstellen lassen. Anders gesagt: Das Auftauchen eines visuellen Objekts aus der Vergangenheit eröffnete einen Raum, aus dem eine geisterhafte Erscheinung hervortreten konnte. Ein solcher ghost verweist auf die Leerstellen des Archivs – Leerstellen, die sich mit jedem neuen Objekt paradoxerweise weiter vervielfachen.
Um diese Dynamiken weiter auszuloten, denken mein Bruder und ich derzeit über eine technologische Umkehrung nach: das digitalisierte Filmmaterial zurück auf VHS zu übertragen und anschließend wieder auf 16 mm. Der 2009 von Bonaventure Soh Bejeng Ndikung ins Leben gerufene Berliner Kunstraum SAVVY Contemporary, der sich mit Archivpraktiken und Performances befasst, lud 2016 anlässlich der langen Nacht der Museen dazu ein „das Gegebene zu verlernen“, denn Verlernen sei kein Akt des Auslöschens, sondern ein „Erwecken der Geister“ – ein Ansatz, den wir hier adaptieren könnten, indem wir die materielle Abnutzung und rekursive Übertragungen als Erkenntniswege begreifen (vgl. auch Spivaks Konzept des Verlernens). Ziel wäre nicht die Wiederherstellung eines Ursprungs, sondern die sich verschiebenden Brüche und Brücken zu erkunden, die sich für uns zwischen Vergangenheit und Gegenwart auftun – in einem Projekt, in dem jede Schicht des Verlusts zum Ort wird, an dem unterdrückte Gegenwarten zurückkehren und sprechen können. Es wäre gleichzeitig ein technologisches Zurückdrängen und ein zeitliches Vorwärtsschreiten: Jede neue Übertragung fügt eine weitere Schicht der Abnutzung hinzu – mit immer stärker flackernden Bildern und zunehmend verstärktem Knistern.
Entmenschlichung rekonstruieren
Eine zentrale Frage für Margit Berner und ihre Kolleg*innen aus dem Projekt- und Ausstellungsteam war: Kann und soll eine solche Sammlung „rassenkundlicher“ Fotografien überhaupt ausgestellt werden? Um die objektifizierende Logik der ursprünglichen Studie nicht zu reproduzieren, wählten sie eine Präsentation, bei der die Bilder nur aus versperrten Blickwinkeln einsehbar waren. Ausgewählte Fotografien wurden außerhalb des Archivs zu didaktischen Zwecken gezeigt – jedoch nur in Kombination mit Porträts aus Familienalben, als Versuch, dem kalten Blick antisemitischer Dokumentation die Wärme familiärer Erinnerung gegenüberzustellen.

Archiv der Bilder aus der Ausstellung Der kalte Blick, Berlin, 2021. Foto © Sebastian Eggler / Stiftung Topographie des Terrors
Auch wenn diese Entscheidung nahelegt, dass Familienarchive eine vermeintlich menschlichere Perspektive bieten, fordert sie zugleich dazu auf, die Grenzen dieser Dichotomie zu hinterfragen – denn auch die Familienarchive können in Gewalt- und Ausschlussprozesse verstrickt sein. Umgekehrt lassen sich Bilder, die unter gewaltsamen Bedingungen entstanden sind, von Familien zurückfordern und umdeuten – als Zeugnisse verlorener Angehöriger. In einem Interview mit der Kulturhistorikerin und Gedächtnisforscherin Zuzanna Dziuban betonte Margit Berner selbst diese Vielschichtigkeit als Alternative zu Stimmen, die meinten, man dürfe solche „furchtbaren Bilder“ nicht zeigen. Stattdessen brachte sie eine andere Position zur Sprache:
Wir müssen den Kontext dieser Sammlungen erweitern und sie als eine unglaublich wichtige Quelle betrachten – für die Holocaustforschung, für die Erforschung der Verbrechen des NS-Regimes, als persönliche Erinnerungen und als Dokumentation der Institutionsgeschichte des Museums, das die Verpflichtung hat, sich dem zu stellen und es öffentlich zu machen.
In der Ausstellung und im Katalog rahmten die Kurator*innen die Fotografien daher neu – als Dokumente, eingebettet in sich überschneidende Geschichten: Geschichten wissenschaftlicher Gewalt, institutioneller Verstrickung und familiärer Erinnerung. In einem unserer Gespräche erzählte Berner, dass die Fotografien für die Ausstellung digital bereinigt wurden – Knicke und Flecken wurden entfernt –, um ihrer ursprünglichen technischen Qualität zu entsprechen. So sollten die klinische Ästhetik der Fotografien und ihre Rolle in der Entmenschlichung rekonstruiert werden, zugleich aber auch die abgebildeten Personen nicht mit einer „heimeligen“ Patina des Historischen gezeigt werden, um ihnen in gewisser Weise Gerechtigkeit widerfahren lassen und ihre Würde zu betonen.
Widersprüchen direkt ins Auge sehen
Im Frühling 2025 unternahm ich mit einer Kollegin und einer Gruppe schweizerischer und österreichischer Studierender eine Exkursion nach Tarnów, wo wir Schüler*innen trafen, die die Ausstellung Der Kalte Blick gesehen hatten. In wechselnden Kleingruppen diskutierten sie über die Ausstellung, ihre Wirkung und darüber, wie jüdische Geschichte in den jeweiligen Schulsystemen vermittelt wird. Die Gespräche waren lebendig, und als wir uns schließlich als Gesamtgruppe versammelten, äußerten sich viele der Schüler*innen mit großer Leidenschaft: Erst durch die Ausstellung und Diskussion sei ihnen bewusst geworden, dass sie in einem Ort aufgewachsen waren, in dem jüdisches Leben einst so präsent gewesen war und dennoch in den Erzählungen und im Unterricht nahezu unsichtbar blieb.
Mehrere Schüler*innen baten darum, uns beim anschließenden Rundgang durch das ehemalige jüdische Viertel zu begleiten. Während wir durch den Stadtteil gingen – vorbei am kürzlich restaurierten jüdischen Friedhof, dem Gelände des ehemaligen jüdischen Krankenhauses, dem alten Badehaus, in dem die erste nach Auschwitz deportierte Gruppe festgehalten wurde, und der Bima, dem einzigen Überrest einer einst monumentalen Synagoge – war den Schüler*innen ihre Betroffenheit deutlich anzumerken.

Fotografie der Bima während der Tour mit Schüler*innen, Tarnów, Polen, 2025. Foto © Todd Sekuler
Dabei traten Widersprüche zutage: In Gesprächen mit einem Schüler, der uns bis zum Ende der Führung begleitete, erfuhren wir, dass er die rechtsradikale Partei Konfederacja unterstützt – eine Partei, die besonders unter jungen Männern wachsenden Zuspruch findet. Auf unsere Nachfragen erklärte er diese Haltung mit der Angst vor Geflüchteten als Bedrohung für die polnische Bevölkerung. Überrascht – angesichts all dessen, was wir an dem Tag gemeinsam erlebt und geteilt hatten – sprachen wir ihn darauf an: Wie lässt sich seine Empathie für das ausgelöschte jüdische Leben mit der Ablehnung heutiger Geflüchteter vereinbaren? Nach langen Gesprächen überlegte er, dass jüdisches Leben hätte gerettet werden müssen, dass auch das Leben Geflüchteter wertvoll sei – und doch hielt er daran fest, dass der Schutz der „eigenen“ Menschen Vorrang habe. Seine oberste Pflicht, so sagte er, sei es, Familie, Land und Volk zu verteidigen.
Rückblickend erscheint mir dieser Moment als Hinweis darauf, dass Un-Writing auch bedeuten muss, romantisierte Vorstellungen über die Wirkung und das Potenzial unserer Arbeit zurückzuweisen. Stattdessen verlangt es von uns, bei Widersprüchen zu verweilen – zwischen dem, was wir tun, und der Welt, die sich um und durch unser Tun entfaltet. Diese Haltung verweigert die Vorstellung einer heilbaren Vergangenheit und fordert uns stattdessen auf, Spannungen auszuhalten: zwischen Erinnerung und Politik, Empathie und Angst, vermittelten Lektionen und tatsächlich Gelerntem – und zwischen dem, was wir zu erkennen beginnen, und dem, was wir mit dieser Erkenntnis tun.