Die kontrastierende Auseinandersetzung mit gewaltvollem Bildmaterial und Familienbildern jüdischen Lebens im Tarnów (Polen) der Shoah-Zeit eröffnet Strategien des Im-Bild-Bleibens, die nicht versuchen zu reparieren, sondern autoethnographisch der Gewalt nahekommen und ihre Kontinuitäten, Wirkungen und Widersprüche sichtbar machen.

  • Todd Sekuler

    Todd Sekuler ist Oberassistent für Populäre Kulturen am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft der Universität Zürich. Er hat einen Master of Public Health von der Columbia University und wurde an der Humboldt-Universität zu Berlin in Europäischer Ethnologie promoviert. Aktuell beschäftigt er sich mit neu auftauchenden materiellen Zeugnissen jüdischen Lebens in Polen aus der Zeit vor der Shoah.

Bei der Ausein­an­der­set­zung mit archi­va­li­schen Mate­ria­lien, die auf Gewalt­ge­schichten zurück­gehen, stellt sich die Frage, welche neuen Wege wir finden können, mit Archiven der Gewalt in den Räumen und im Kontext von Prak­tiken kollek­tiver Erin­ne­rung umzu­gehen. Ausge­hend von wissenschafts- und kultur­his­to­ri­schen Debatten um das, was Ann Laura Stoler als „impe­rial debris“ bezeichnet – nämlich mate­ri­elle und affek­tive Über­reste von Gewalt, die die Gegen­wart weiterhin prägen –, schlage ich hier Stra­te­gien des Un-Writing vor: als Formen des Arbei­tens mit, statt gegen die verstö­renden, frag­men­ta­ri­schen Dimen­sionen über­lie­ferter Gewalt.

Den Raum zwischen den Worten erweitern

Im Jahr 1998 entdeckte die Anthro­po­login und Kura­torin Margit Berner in den Archiven des Natur­his­to­ri­schen Museums in Wien eine Kiste mit anthro­po­me­tri­schen Foto­gra­fien einer natio­nal­so­zia­lis­ti­schen „Rassen­studie“, die 1942 im polni­schen Tarnów statt­fand. Verant­wort­lich für die Erhe­bung waren die öster­rei­chi­schen Anthro­po­lo­ginnen Doro­thea Maria Kahlich (1905-1970) und Elisa­beth Flieth­mann (1915-1987), beide Mitglieder der NSDAP mit beson­derem Inter­esse an der erbbio­lo­gi­schen und rasse­kund­li­chen „Forschung“. Unter Anwen­dung von Zwang führten sie im Ghetto von Tarnόw ihre Forschung an 106 jüdi­schen Fami­lien – insge­samt 565 Personen – mit dem Ziel durch, die vermeint­liche biolo­gi­sche Minder­wer­tig­keit ostga­li­zi­scher Jüd*innen mit Hilfe von Vermes­sungen, Befund­bögen, Finger­ab­drü­cken und Foto­grafie zu „beweisen“.

Es dauerte mehr als zwanzig Jahre, bis Margit Berner die Herkunft dieses Mate­rials rekon­stru­ieren und ein Buch über ihre Recher­chen verfassen konnte. Ein Forschungs­sti­pen­dium Anfang der 2000er-Jahre ermög­lichte ihr den Zugang zu Mate­ria­lien am Smit­h­so­nian Insti­tute in den USA, darunter biogra­fi­sche Daten, die es ihr erlaubten, Namen mit Bildern zu verknüpfen. Zudem recher­chierte sie in Archiven des Holo­caust Memo­rial Museum, des Bundes­ar­chivs in Berlin und von Yad Vashem in Jeru­salem. In den USA nahm sie Kontakt zu Über­le­benden und Ange­hö­rigen auf, was ihr half, Iden­ti­täten zu bestä­tigen und die Mate­ria­lien weiter zu kontextualisieren.

Gemeinsam mit anderen Expert*innen konzi­pierte sie zudem 2021 die Ausstel­lung Der kalte Blick. Letzte Bilder jüdi­scher Fami­lien aus dem Ghetto von Tarnόw. Ausge­hend von den Foto­gra­fien zeigt die Ausstel­lung auch Briefe der beiden dama­ligen Anthro­po­lo­ginnen, in denen sie betonten, dass nur wenige Jüd*innen in Tarnów verblieben seien: „Von unseren“, schrieb Flieth­mann im Oktober 1942, „fast niemand mehr. Unser Mate­rial hat also heute schon Selten­heits­wert.“ Wohin die Jüd*innen gingen, wurde nie thema­ti­siert. Die Betrof­fenen blieben Forschungsobjekte.

Dieses Beispiel bietet einen ersten Ansatz, inwie­fern Un-Writing einen Weg bietet, mit gewalt­samen Archiven anders umzu­gehen: durch die Erwei­te­rung des Raums zwischen den Worten – sei es im Textu­ellen oder im Visu­ellen. Indem Margit Berner den zeit­li­chen und emotio­nalen Raum um diese Bilder erwei­tert hat, verwan­delte sie Forschungs­ob­jekte in Menschen. Anders gesagt: Ihre Forschung versucht nicht, die Gewalt zu verrin­gern oder zu besei­tigen, sondern wendet sich ihr mit Sorg­falt und Genau­ig­keit zu, bis ihre enorme Größen­ord­nung durch Gesichter, Geschichten und Rela­tionen fassbar wird.

Die Geister zum Leben erwecken

Ich stieß auf Margit Berners Arbeit kurz nachdem ich von der Herkunft meiner eigenen Familie aus Tarnów erfuhr. Dies geschah durch die Entde­ckung eines Fami­li­en­films meines Urur­groß­va­ters, den der Neffe meiner Urgroß­mutter in den 1930er-Jahren während einer Euro­pa­reise aus den USA aufnahm. Er hatte ihn auf 16 mm gedreht, später wurde der Film auf VHS über­spielt, kommen­tiert und schließ­lich digi­ta­li­siert. Die VHS und die 16 mm-Rolle sind in der Zwischen­zeit verloren gegangen. Uns bleibt also nur noch das Digi­ta­lisat einer Über­tra­gung der ursprüng­li­chen Aufzeichnung.

Cover­bild des Ausstel­lungs­ka­ta­logs „Der kalte Blick. Letzte Bilder jüdi­scher Fami­lien aus dem Ghetto von Tarnów“, Topo­gra­phie des Terrors, Berlin, 2021. Foto ©️ Wolf­gang Reich­mann, Natur­his­to­ri­sches Museum Wien.

Mein Bruder Adam Sekuler ist Filme­ma­cher und Film­wis­sen­schaftler. Uns war schnell klar, dass wir gemeinsam damit arbeiten sollten. Aber wie? Roland Barthes verglich in seinem berühmten Text zur Foto­grafie „Die helle Kammer“ (La chambre claire, Paris 1980) das Fotografiert-Werden mit dem Tod, da Foto­grafie einen Moment fest­hält, der im selben Augen­blick bereits der Vergan­gen­heit ange­hört. In unserer Familie wusste vor dem Erhalt dieses Films niemand, dass ein Verwandter sich zu Beginn des Zweiten Welt­kriegs noch in Polen befand. Und so war es in gewisser Weise umge­kehrt gerade das (bewegte) Bild, der Film, das ihn zum Leben erweckte, wenn auch nur als digi­ta­li­sierter ghost seiner selbst.

In den letzten Jahren habe ich versucht, so viele Infor­ma­tionen wie möglich über unseren Urur­groß­vater zusam­men­zu­tragen, um den digi­ta­li­sierten ghost dem Menschen näher­zu­bringen, der er zu Lebzeiten gewesen sein könnte. Im Austausch mit Archivar*innen in den USA und Polen stieß ich auf ein digi­ta­li­siertes Archiv polni­scher Geburts-, Sterbe- und Heirats­re­gister. Während des COVID-Lockdowns verbrachte ich Wochen damit, Einträge aus der jüdi­schen Gemeinde Tarnóws durch­zu­sehen auf der Suche nach Hinweisen auf meine Vorfahren oder andere mögliche Verwandte. Ich notierte auch Namen von Menschen, die in derselben Straße wie unser Urur­groß­vater gelebt haben, in der Hoff­nung, weitere Personen aus dem Film iden­ti­fi­zieren zu können.

Mit jedem neuen Eintrag in meinem wach­senden Archiv stellten sich neue Fragen – zur Herkunft, zu Verbin­dungen und zum Schicksal einzelner Personen, die durch die Archive sichtbar wurden. Auch darüber, ob und wie sich Verbin­dungen zu uns herstellen lassen. Anders gesagt: Das Auftau­chen eines visu­ellen Objekts aus der Vergan­gen­heit eröff­nete einen Raum, aus dem eine geis­ter­hafte Erschei­nung hervor­treten konnte. Ein solcher ghost verweist auf die Leer­stellen des Archivs – Leer­stellen, die sich mit jedem neuen Objekt para­do­xer­weise weiter vervielfachen.

Sie können uns unter­stützen, indem Sie diesen Artikel teilen: 

Um diese Dyna­miken weiter auszu­loten, denken mein Bruder und ich derzeit über eine tech­no­lo­gi­sche Umkeh­rung nach: das digi­ta­li­sierte Film­ma­te­rial zurück auf VHS zu über­tragen und anschlie­ßend wieder auf 16 mm. Der 2009 von Bona­ven­ture Soh Bejeng Ndikung ins Leben geru­fene Berliner Kunst­raum SAVVY Contem­po­rary, der sich mit Archiv­prak­tiken und Perfor­mances befasst, lud 2016 anläss­lich der langen Nacht der Museen dazu ein „das Gege­bene zu verlernen“, denn Verlernen sei kein Akt des Auslö­schens, sondern ein „Erwe­cken der Geister“ – ein Ansatz, den wir hier adap­tieren könnten, indem wir die mate­ri­elle Abnut­zung und rekur­sive Über­tra­gungen als Erkennt­nis­wege begreifen (vgl. auch Spivaks Konzept des Verler­nens). Ziel wäre nicht die Wieder­her­stel­lung eines Ursprungs, sondern die sich verschie­benden Brüche und Brücken zu erkunden, die sich für uns zwischen Vergan­gen­heit und Gegen­wart auftun – in einem Projekt, in dem jede Schicht des Verlusts zum Ort wird, an dem unter­drückte Gegen­warten zurück­kehren und spre­chen können. Es wäre gleich­zeitig ein tech­no­lo­gi­sches Zurück­drängen und ein zeit­li­ches Vorwärts­schreiten: Jede neue Über­tra­gung fügt eine weitere Schicht der Abnut­zung hinzu – mit immer stärker flackernden Bildern und zuneh­mend verstärktem Knistern.

Entmensch­li­chung rekonstruieren

Eine zentrale Frage für Margit Berner und ihre Kolleg*innen aus dem Projekt- und Ausstel­lungs­team war: Kann und soll eine solche Samm­lung „rassen­kund­li­cher“ Foto­gra­fien über­haupt ausge­stellt werden? Um die objek­ti­fi­zie­rende Logik der ursprüng­li­chen Studie nicht zu repro­du­zieren, wählten sie eine Präsen­ta­tion, bei der die Bilder nur aus versperrten Blick­win­keln einsehbar waren. Ausge­wählte Foto­gra­fien wurden außer­halb des Archivs zu didak­ti­schen Zwecken gezeigt – jedoch nur in Kombi­na­tion mit Porträts aus Fami­li­en­alben, als Versuch, dem kalten Blick anti­se­mi­ti­scher Doku­men­ta­tion die Wärme fami­liärer Erin­ne­rung gegenüberzustellen.

Archiv der Bilder aus der Ausstel­lung Der kalte Blick, Berlin, 2021. Foto © Sebas­tian Eggler / Stif­tung Topo­gra­phie des Terrors

Auch wenn diese Entschei­dung nahe­legt, dass Fami­li­en­ar­chive eine vermeint­lich mensch­li­chere Perspek­tive bieten, fordert sie zugleich dazu auf, die Grenzen dieser Dicho­tomie zu hinter­fragen – denn auch die Fami­li­en­ar­chive können in Gewalt- und Ausschluss­pro­zesse verstrickt sein. Umge­kehrt lassen sich Bilder, die unter gewalt­samen Bedin­gungen entstanden sind, von Fami­lien zurück­for­dern und umdeuten – als Zeug­nisse verlo­rener Ange­hö­riger. In einem Inter­view mit der Kultur­his­to­ri­kerin und Gedächt­nis­for­scherin Zuzanna Dziuban betonte Margit Berner selbst diese Viel­schich­tig­keit als Alter­na­tive zu Stimmen, die meinten, man dürfe solche „furcht­baren Bilder“ nicht zeigen. Statt­dessen brachte sie eine andere Posi­tion zur Sprache:

Wir müssen den Kontext dieser Samm­lungen erwei­tern und sie als eine unglaub­lich wich­tige Quelle betrachten – für die Holo­caust­for­schung, für die Erfor­schung der Verbre­chen des NS-Regimes, als persön­liche Erin­ne­rungen und als Doku­men­ta­tion der Insti­tu­ti­ons­ge­schichte des Museums, das die Verpflich­tung hat, sich dem zu stellen und es öffent­lich zu machen.

In der Ausstel­lung und im Katalog rahmten die Kurator*innen die Foto­gra­fien daher neu – als Doku­mente, einge­bettet in sich über­schnei­dende Geschichten: Geschichten wissen­schaft­li­cher Gewalt, insti­tu­tio­neller Verstri­ckung und fami­liärer Erin­ne­rung. In einem unserer Gespräche erzählte Berner, dass die Foto­gra­fien für die Ausstel­lung digital berei­nigt wurden – Knicke und Flecken wurden entfernt –, um ihrer ursprüng­li­chen tech­ni­schen Qualität zu entspre­chen. So sollten die klini­sche Ästhetik der Foto­gra­fien und ihre Rolle in der Entmensch­li­chung rekon­stru­iert werden, zugleich aber auch die abge­bil­deten Personen nicht mit einer „heime­ligen“ Patina des Histo­ri­schen gezeigt werden, um ihnen in gewisser Weise Gerech­tig­keit wider­fahren lassen und ihre Würde zu betonen.

Wider­sprü­chen direkt ins Auge sehen

Im Früh­ling 2025 unter­nahm ich mit einer Kollegin und einer Gruppe schwei­ze­ri­scher und öster­rei­chi­scher Studie­render eine Exkur­sion nach Tarnów, wo wir Schüler*innen trafen, die die Ausstel­lung Der Kalte Blick gesehen hatten. In wech­selnden Klein­gruppen disku­tierten sie über die Ausstel­lung, ihre Wirkung und darüber, wie jüdi­sche Geschichte in den jewei­ligen Schul­sys­temen vermit­telt wird. Die Gespräche waren lebendig, und als wir uns schließ­lich als Gesamt­gruppe versam­melten, äußerten sich viele der Schüler*innen mit großer Leiden­schaft: Erst durch die Ausstel­lung und Diskus­sion sei ihnen bewusst geworden, dass sie in einem Ort aufge­wachsen waren, in dem jüdi­sches Leben einst so präsent gewesen war und dennoch in den Erzäh­lungen und im Unter­richt nahezu unsichtbar blieb.

Mehrere Schüler*innen baten darum, uns beim anschlie­ßenden Rund­gang durch das ehema­lige jüdi­sche Viertel zu begleiten. Während wir durch den Stadt­teil gingen – vorbei am kürz­lich restau­rierten jüdi­schen Friedhof, dem Gelände des ehema­ligen jüdi­schen Kran­ken­hauses, dem alten Bade­haus, in dem die erste nach Ausch­witz depor­tierte Gruppe fest­ge­halten wurde, und der Bima, dem einzigen Über­rest einer einst monu­men­talen Synagoge – war den Schüler*innen ihre Betrof­fen­heit deut­lich anzumerken.

Fotografie der Bima während der Tour mit Schüler*innen, Tarnów, Polen, 2025. Foto © Todd Sekuler

Foto­grafie der Bima während der Tour mit Schüler*innen, Tarnów, Polen, 2025. Foto © Todd Sekuler

Dabei traten Wider­sprüche zutage: In Gesprä­chen mit einem Schüler, der uns bis zum Ende der Führung beglei­tete, erfuhren wir, dass er die rechts­ra­di­kale Partei Konfe­deracja unter­stützt – eine Partei, die beson­ders unter jungen Männern wach­senden Zuspruch findet. Auf unsere Nach­fragen erklärte er diese Haltung mit der Angst vor Geflüch­teten als Bedro­hung für die polni­sche Bevöl­ke­rung. Über­rascht – ange­sichts all dessen, was wir an dem Tag gemeinsam erlebt und geteilt hatten – spra­chen wir ihn darauf an: Wie lässt sich seine Empa­thie für das ausge­löschte jüdi­sche Leben mit der Ableh­nung heutiger Geflüch­teter verein­baren? Nach langen Gesprä­chen über­legte er, dass jüdi­sches Leben hätte gerettet werden müssen, dass auch das Leben Geflüch­teter wert­voll sei – und doch hielt er daran fest, dass der Schutz der „eigenen“ Menschen Vorrang habe. Seine oberste Pflicht, so sagte er, sei es, Familie, Land und Volk zu verteidigen.

Rück­bli­ckend erscheint mir dieser Moment als Hinweis darauf, dass Un-Writing auch bedeuten muss, roman­ti­sierte Vorstel­lungen über die Wirkung und das Poten­zial unserer Arbeit zurück­zu­weisen. Statt­dessen verlangt es von uns, bei Wider­sprü­chen zu verweilen – zwischen dem, was wir tun, und der Welt, die sich um und durch unser Tun entfaltet. Diese Haltung verwei­gert die Vorstel­lung einer heil­baren Vergan­gen­heit und fordert uns statt­dessen auf, Span­nungen auszu­halten: zwischen Erin­ne­rung und Politik, Empa­thie und Angst, vermit­telten Lektionen und tatsäch­lich Gelerntem – und zwischen dem, was wir zu erkennen beginnen, und dem, was wir mit dieser Erkenntnis tun.