Fragt man nach der Auseinandersetzung mit Digitalität im aktuellen deutschsprachigen Gedichtschaffen ergibt sich ein paradoxes Bild, das zwischen hochreflektierter Thematisierung einerseits und einer Gleichgültigkeit gegenüber dem Thema andererseits changiert. So taucht unter den rund 600 in den drei jüngsten Jahrbüchern der Lyrik abgedruckten Gedichten das Thema Digitalität nur in 16 auf, die meist beiläufig durch ein Wort oder Wortcluster eingeleitet werden (z.B. Handyfoto, Apple Watch, Cam-Cache eines zertrümmerten Telefons, Hashtag, Datenbank, Computerspiel, Google Earth, Spotify). Die große Anthologie Grand Tour. Reisen durch die junge Lyrik Europas ergibt ein noch marginaleres Resultat: Von den rund 550 Gedichten aus 49 europäischen Ländern erwähnen nur fünf überhaupt digitale Technologien (z.B. Bildbearbeitung, GPS auf dem Smartphone, eine Yahoo-E-Mail-Adresse), nur zwei davon etwas ausführlicher.
Dieser Befund scheint darauf hinzuweisen, dass digitale Medien als alltägliches Phänomen wahrgenommen werden und die Mehrheit der zeitgenössischen Lyriker:innen (und Lyrik-Herausgeber:innen) eine Indifferenz gegenüber der Digitalisierung an den Tag legt oder das Thema bewusst ausklammert. Im Gegensatz dazu gibt es einige Autor:innen, die in ihren Texten originelle und kritische Perspektiven auf die vernetzte Realität einnehmen und diese interessanter Weise nicht primär im digitalen Raum publizieren, sondern im anachronistisch wirkenden gedruckten Buch. Dies lässt sich als postdigitale Strategie fassen und steht im Kontext mit einer Haltung, wonach der Umgang mit heutiger Informationstechnologie von Kritik und Distanz geprägt ist. Das Konzept der ‚Postdigitalität‘ verweist außerdem auf die Hybridisierung alter und neuer Technologien und auf eine Phase, in der der Mediengebrauch in verstärktem Maße selbstthematisch wird.
Daniel Falb: Orchidee und Technofossil
Zu den Autor:innen, welche die ubiquitäre Hypervernetzung sowie die digitalen Infrastrukturen der Gegenwart kritisch reflektieren und sie in einen Zusammenhang mit brisanten Themen wie die Ausbeutung natürlicher Ressourcen und das massive globale Artensterben stellen, gehört der Berliner Lyriker und Philosoph Daniel Falb. Titel und Cover seines Lyrikbandes Orchidee und Technofossil (2019) legen einen Zusammenhang zwischen Natur im Anthropozän und digitaler Technologie nahe: Auf dem von Andreas Töpfer anhand eines Entwurfs des Autors gestalteten Umschlag ist die Zeichnung einer Hand zu sehen, die ein vollständig aufgeladenes Smartphone mit zerbrochenem Display präsentiert. Es zeigt das Bild einer Orchidee, jener besonders bewunderten und seit dem Mittelalter mit wechselnder Symbolik belegten Blumenart.

Cover von Orchidee und Technofossil, gestaltet von Andreas Töpfer, © Daniel Falb / kookbooks
In der rechten oberen Ecke verlässt eine der Blüten die zweidimensionale Bildfläche und wächst aus dem device heraus, so als würde das Reale die Welt der Simulation überwuchern. Das Smartphone dokumentiert eine bestimmte Uhrzeit („17:00“), vielleicht den Zeitpunkt des Zerbrechens, die im Rückblick als verbliebenes „Technofossil“ in einer sehr fernen Zukunft von unserer Gegenwart zeugen könnte. Im ersten Gedicht erfahren wir nämlich, dass das sprechende Ich zuletzt am „21/06/4.541.736.978“ eine bestimmte Website besucht hat, also zu einem Zeitpunkt, der erst in mehr als viereinhalb Milliarden Jahren kommen wird!
Der Band besteht aus vier Langgedichten, von denen das erste – „Svalbard Paem“ – eine Figuration der Poesie darstellt (‚Paem‘ ein Wortspiel für ‚Poem‘). Es geht um den Global Crop Diversity Trust in Svalbard, Norwegen, den der Autor als „ultimatives Backup aller Saatgutbibliotheken auf der Erde“ bezeichnet – finanziert durch eine Stiftung zur langfristigen Erhaltung der genetischen Vielfalt von Nutzpflanzen in der Landwirtschaft. Falb „überblendet“ diesen Speicher natürlicher ‚Daten‘ mit lyrikline.org, dem „Archiv für Stimmen der Dichtung“. Auf dieser vom Berliner Haus für Poesie kuratierten Online-Plattform existiert auch eine von Falb eingesprochene Version ebendieses Gedichts.

www.lyrikline.org/de/gedichte/svalbard-paem-15118 (Screenshot)
Falb amalgamiert die Sprachen der Naturwissenschaften, der Botantik und der digitalen Technologie und schafft eine sowohl komplexe als auch verwirrende Form des poetischen Diskurses. Der dritte Teil des „Svalbard Paems“ steigt mit irritierenden Fragen ein (dass jeder dieser Verse zwischen Leerzeilen steht, ist mehrdeutig, man kann es als Reflexion auf Bildschirmtexte lesen, die beim Copy & Paste in Textdateien aufgrund automatisierter Zeilenabstände ein derartiges Schriftbild erzeugen):
Wie hast du dieses Gedicht gefunden?
Was hat dich hierher geführt?
Wie hast du es, lebend, gefunden
in der roten Wüste?
[…]
Under der Haube, da, wo auch
die ausgeatmete warme
Luft des gesprochenen …
und der Geruch eines Apfels
Cis-Heiko Strunk, dieses Gedicht
muss auf lyrikline.org, sonst
muss ich es andauernd sprechen. *Thanks*
lyrikline.org ist DOBES, das VolkswagenStiftung
geförderte Documentation of Endangered Languages
Project bei meinem durchnässten Haar.
Die Saaten der Wörter Sorghum, Okra,
Einkorn und Gerste, Hopfenbuchen, Tannenbaum etc.
verschwinden ja mit den sterbenden
Sprachen, in denen sie gelagert sind.
Heiko Strunk ist am Haus für Poesie für Lyrikline zuständig (was im Gedicht als Wortspiel mit einem ‚Apfelstrunk‘, der ja mit den Kernen Saatgut enthält, korreliert wird; womöglich handelt es sich auch um eine Anspielung auf den berühmten Apfel, den Friedrich Schiller in seiner Schreibtischschublade verwesen ließ, damit ihn der Geruch beständig an Vergänglichkeit erinnert!).
Wenn es im zitierten Auszug heißt, „dieses Gedicht | muss auf lyrikline.org, sonst | muss ich es andauernd sprechen“, werden – unter irritierender Bezugnahme auf ein ungreifbares Ich – die Technologien benannt, mit denen Sprache heute archiviert wird, nämlich digital und akustisch bzw. multimodal. Denn das ist ja das Merkmal dieser Lyrikplattform: dass man Gedichte zugleich hören und lesen, das Original und seine Übersetzungen parallel konsultieren kann. Mittels der Behauptung, lyrikline.org diene der „Documentation of Endangered Languages“ wird die aktuelle Situation der Lyrik ironisch überzeichnet: als ob diese Ausdrucksform – wie etwa die Hälfte der weltweit 6000 bis 7000 Sprachen – heute bedroht scheint. Dass Falb den Projekttitel DOBES (Dokumentation bedrohter Sprachen) zwar auf Deutsch nennt, dann aber sofort in die globale lingua franca, das Englische, wechselt, ist in diesem Zusammenhang signifikant.
Der Blick zurück auf die Jetztzeit
Das Gedicht thematisiert aus einer fingierten Gegenwart den Blick zurück auf die Lyrik der Jetztzeit, die einmal irgendwo gespeichert werden muss, um – genau wie die Saaten und Namen („Sorghum, Okra, | Einkorn und Gerste, Hopfenbuchen, Tannenbaum“) lebender und aussterbenden Pflanzen – als ein ‚Gencode‘ einer vergangenen Zeit zurückzubleiben, als ein ‚Sprachfossil‘, ähnlich der zukünftig veralteten Technologie, die das Cover des Bandes ziert. Der Leser, die Leserin, wird gleich zu Beginn von der Frage überrumpelt, wo er oder sie es gefunden habe, „dieses Gedicht“, und sein möglicher Fundort in der Erde ist auch der Ort archäologischer Dinge oder eben des eingegrabenen Saatguts.
Dem digitalen Archiv Lyrikline wiederum steht „ein SUPERZERFLEDDERTES, MIT | GUMMI ZUSAMMENGEHALTENES ODER -GEBUNDENES | BUCH / BRAUNES BLATTKONVOLUT“ gegenüber. Damit ist hier nicht an erster Stelle der (ebenfalls braun eingebundene) Gedichtband gemeint, sondern ein analoges Notizbuch, das starke Gebrauchsspuren aufweist, in dem das lyrische Subjekt in postdigitaler Manier Papierausdrucke von „Wiki Searches“ zum Eintrag „Grimm’sches Wörterbuch“ gesammelt hat,
[…] ohne die mein Beitrag f
ür KOOK.MONO,
„Svalbard Paem“,
ganz weiß und leer
geblieben wär.
Es ist dies ein kalauerhaft sich reimender, autoreflexiver Verweis auf den Berliner Verlag Kookbooks, der mit ‚KOOK.MONO. Schrift spricht‘ kurz vor der Veröffentlichung von Falbs Gedichtband ein performatives Veranstaltungsformat etabliert hat, auf dem dieser das „Swalbard Poem“ ebenfalls vorgetragen hat. Kookbooks publiziert aufwändige, individuell gestaltete Bücher, nur sechs pro Jahr, die Wertigkeit und künstlerischen Anspruch signalisieren und bei denen nicht selten, wie bei Orchidee und Technofossil, das Layout mit dem Thema verknüpft ist – ein konzeptueller Gegenimpuls zur Digitalisierung.
In dem zitierten Ausschnitt ist die postdigitale Verschränkung digitaler Technologie mit dem analogen Buch besonders deutlich: Das 33-bändige Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm – erstellt ab 1838 in einem Zeitraum von weit mehr als hundert Jahren und umfänglichstes Speichermedium neuhochdeutscher Sprache und Literatur – wird als Quelle für das ‚Paem‘ benannt und der heutigen globalen Online-Enzyklopädie Wikipedia gegenübergestellt.
‚Post-internet‘-Lyrik
Neben der Beschäftigung mit Fragen des Anthropozäns zeichnet sich Falbs lyrische und theoretische Arbeit also durch eine dezidierte Auseinandersetzung mit dem ‚Technozän‘ aus. Dafür zeugt exemplarisch auch ein Video, das er für das ‚Lyrikschaufenster‘ erstellt hat, ein inzwischen abgeschlossenes weiteres Online-Projekt des Hauses für Poesie auf YouTube, in dem Lyriker:innen über ein von ihnen auf lyrikline.org ausgewähltes fremdes Gedicht sprechen. Die dabei entstandenen Videos wurden monatlich auf kanalfuerpoesie.org veröffentlicht. Falb hat sich das von ihm übersetzte „history poem“ des britischen Lyrikers Crispin Best vorgenommen. Ihm zufolge liegt diesem Gedicht Bests keine Menschheits- oder teleologische Fortschrittsgeschichte zugrunde, sondern das neue Genre der big history – „vom Urknall bis zum Ende des Universums“.
Anders als seine Dichterkolleg:innen präsentiert sich Falb nicht selbst im ‚Schaufenster‘, sondern hält stattdessen sein Handy frontal in die Kamera, auf dem er unter anderem Bests Gedicht auf Lyrikline zeigt.

Lyrikschaufenster: Daniel Falb spricht über ‚geschichtsgedicht‘ von Crispin Best (Stills), © Haus für Poesie
Beim Sprechen scrollt er lässig den Text durch, so dass man ihn im ‚Screen im Screen‘ mitlesen kann. Zu Bests „tweetförmigen Strophen“ – wie etwa „before long | it is dark in a language | that we don’t understand“ – scrollt Falb, während er sie aus dem Off kommentiert, nacheinander zahlreiche Tabs auf seinem Display durch, um Literaturhinweise zu geben und theoretische Kontexte zu entwickeln, beispielsweise auf Sianne Ngais Buch Our Aesthetic Categories: Zany, Cute, Interesting, mit dem er Bests Stilmittel der ‚niedlichen, kleinen Bilder‘ als kulturkritische Intervention deutet. Best wird von Falb als „post-internet“ Lyriker vorgestellt, der in einer Phase der „Naturalisierung des Internets als Habitat“ schreibe, in der die „Online/Offline-Unterscheidung“ längst zusammengebrochen sei. Ebendies demonstriert Falb durch seine meta-reflexive Vortragsform. Man hört seine Stimme und nimmt durch das Gewackel des Handys auch wahr, dass ein Körper im Spiel ist – der eigentliche Protagonist des Videos aber ist Falbs Smartphone, auf dem sich (vermeintlich) alles Wissen der Welt bündelt.
Wie das Beispiel Falb zeigt, leistet postdigitale Buchlyrik der Gegenwart einen theoretisch und ästhetisch avancierten Beitrag zur kritischen Auseinandersetzung mit Digitalisierung und legt dar, wie eng diese mit weiteren virulenten Themen, etwa dem dramatischen Arten- und Sprachensterben, zusammenhängt. In Frage steht, was genau das im Titel von Falbs Band genannte „Technofossil“ in ferner Zukunft sein wird: die deutsche Sprache, die Gegenwartslyrik, die ubiquitäre digitale Technologie in Form von Smartphones oder doch vielleicht der Mensch selbst.
Das ist eine lyrische Beschreibung zeitgenössischer Lyrik: ein leiser Genuss.