Die Auseinandersetzung mit Digitalisierung findet nicht nur im digitalen Raum statt, sondern gezielt auch im Buchformat. Der Lyriker und Philosoph Daniel Falb setzt postdigitale Strategien ein und widmet sich ‚Post-Internet‘-Gedichten.

  • Claudia Benthien

    Claudia Benthien ist Germanistin und Professorin für Neuere deutsche Literatur an der Universität Hamburg. Sie leitet von 2021 bis 2025 das ERC Forschungsprojekt „Poetry in the Digital Age“. Letzte Buchpublikation (mit Norbert Gestring): „Public Poetry. Lyrik im urbanen Raum“.

Fragt man nach der Ausein­an­der­set­zung mit Digi­ta­lität im aktu­ellen deutsch­spra­chigen Gedicht­schaffen ergibt sich ein para­doxes Bild, das zwischen hoch­re­flek­tierter Thema­ti­sie­rung einer­seits und einer Gleich­gül­tig­keit gegen­über dem Thema ande­rer­seits chan­giert. So taucht unter den rund 600 in den drei jüngsten Jahr­bü­chern der Lyrik abge­druckten Gedichten das Thema Digi­ta­lität nur in 16 auf, die meist beiläufig durch ein Wort oder Wort­cluster einge­leitet werden (z.B. Handy­foto, Apple Watch, Cam-Cache eines zertrüm­merten Tele­fons, Hashtag, Daten­bank, Compu­ter­spiel, Google Earth, Spotify). Die große Antho­logie Grand Tour. Reisen durch die junge Lyrik Europas ergibt ein noch margi­naleres Resultat: Von den rund 550 Gedichten aus 49 euro­päi­schen Ländern erwähnen nur fünf über­haupt digi­tale Tech­no­lo­gien (z.B. Bild­be­ar­bei­tung, GPS auf dem Smart­phone, eine Yahoo-E-Mail-Adresse), nur zwei davon etwas ausführlicher.

Dieser Befund scheint darauf hinzu­weisen, dass digi­tale Medien als alltäg­li­ches Phänomen wahr­ge­nommen werden und die Mehr­heit der zeit­ge­nös­si­schen Lyriker:innen (und Lyrik-Herausgeber:innen) eine Indif­fe­renz gegen­über der Digi­ta­li­sie­rung an den Tag legt oder das Thema bewusst ausklam­mert. Im Gegen­satz dazu gibt es einige Autor:innen, die in ihren Texten origi­nelle und kriti­sche Perspek­tiven auf die vernetzte Realität einnehmen und diese inter­es­santer Weise nicht primär im digi­talen Raum publi­zieren, sondern im anachro­nis­tisch wirkenden gedruckten Buch. Dies lässt sich als post­di­gi­tale Stra­tegie fassen und steht im Kontext mit einer Haltung, wonach der Umgang mit heutiger Infor­ma­ti­ons­tech­no­logie von Kritik und Distanz geprägt ist. Das Konzept der ‚Post­di­gi­ta­lität‘ verweist außerdem auf die Hybri­di­sie­rung alter und neuer Tech­no­lo­gien und auf eine Phase, in der der Medi­en­ge­brauch in verstärktem Maße selbst­the­ma­tisch wird.

Daniel Falb: Orchidee und Technofossil

Zu den Autor:innen, welche die ubiqui­täre Hyper­ver­net­zung sowie die digi­talen Infra­struk­turen der Gegen­wart kritisch reflek­tieren und sie in einen Zusam­men­hang mit brisanten Themen wie die Ausbeu­tung natür­li­cher Ressourcen und das massive globale Arten­sterben stellen, gehört der Berliner Lyriker und Philo­soph Daniel Falb. Titel und Cover seines Lyrik­bandes Orchidee und Tech­no­fossil (2019) legen einen Zusam­men­hang zwischen Natur im Anthro­pozän und digi­taler Tech­no­logie nahe: Auf dem von Andreas Töpfer anhand eines Entwurfs des Autors gestal­teten Umschlag ist die Zeich­nung einer Hand zu sehen, die ein voll­ständig aufge­la­denes Smart­phone mit zerbro­chenem Display präsen­tiert. Es zeigt das Bild einer Orchidee, jener beson­ders bewun­derten und seit dem Mittel­alter mit wech­selnder Symbolik belegten Blumenart.

Cover von Orchidee und Tech­no­fossil, gestaltet von Andreas Töpfer, © Daniel Falb / kookbooks

In der rechten oberen Ecke verlässt eine der Blüten die zwei­di­men­sio­nale Bild­fläche und wächst aus dem device heraus, so als würde das Reale die Welt der Simu­la­tion über­wu­chern. Das Smart­phone doku­men­tiert eine bestimmte Uhrzeit („17:00“), viel­leicht den Zeit­punkt des Zerbre­chens, die im Rück­blick als verblie­benes „Tech­no­fossil“ in einer sehr fernen Zukunft von unserer Gegen­wart zeugen könnte. Im ersten Gedicht erfahren wir nämlich, dass das spre­chende Ich zuletzt am „21/06/4.541.736.978“ eine bestimmte Website besucht hat, also zu einem Zeit­punkt, der erst in mehr als vier­ein­halb Milli­arden Jahren kommen wird!

Der Band besteht aus vier Lang­ge­dichten, von denen das erste – „Sval­bard Paem“ – eine Figu­ra­tion der Poesie darstellt (‚Paem‘ ein Wort­spiel für ‚Poem‘). Es geht um den Global Crop Diver­sity Trust in Sval­bard, Norwegen, den der Autor als „ulti­ma­tives Backup aller Saat­gut­bi­blio­theken auf der Erde“ bezeichnet – finan­ziert durch eine Stif­tung zur lang­fris­tigen Erhal­tung der gene­ti­schen Viel­falt von Nutz­pflanzen in der Land­wirt­schaft. Falb „über­blendet“ diesen Spei­cher natür­li­cher ‚Daten‘ mit lyrikline.org, dem „Archiv für Stimmen der Dich­tung“. Auf dieser vom Berliner Haus für Poesie kura­tierten Online-Plattform exis­tiert auch eine von Falb einge­spro­chene Version eben­dieses Gedichts.

www.lyrikline.org/de/gedichte/svalbard-paem-15118 (Screen­shot)

Falb amal­ga­miert die Spra­chen der Natur­wis­sen­schaften, der Botantik und der digi­talen Tech­no­logie und schafft eine sowohl komplexe als auch verwir­rende Form des poeti­schen Diskurses. Der dritte Teil des „Sval­bard Paems“ steigt mit irri­tie­renden Fragen ein (dass jeder dieser Verse zwischen Leer­zeilen steht, ist mehr­deutig, man kann es als Refle­xion auf Bild­schirm­texte lesen, die beim Copy & Paste in Text­da­teien aufgrund auto­ma­ti­sierter Zeilen­ab­stände ein derar­tiges Schrift­bild erzeugen):

 

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Wie hast du es, lebend, gefunden

in der roten Wüste?

[…]

Under der Haube, da, wo auch

die ausge­at­mete warme

Luft des gesprochenen …

und der Geruch eines Apfels

Cis-Heiko Strunk
, dieses Gedicht

muss auf lyrikline.org, sonst

 

muss ich es andau­ernd spre­chen. *Thanks*

lyrikline.org ist DOBES, das VolkswagenStiftung

 

geför­derte Docu­men­ta­tion of Endan­gered Languages

Project bei meinem durch­nässten Haar.

Die Saaten der Wörter Sorghum, Okra,

Einkorn und Gerste, Hopfen­bu­chen, Tannen­baum etc.

verschwinden ja mit den sterbenden

Spra­chen, in denen sie gela­gert sind.

 

Heiko Strunk ist am Haus für Poesie für Lyrik­line zuständig (was im Gedicht als Wort­spiel mit einem ‚Apfel­strunk‘, der ja mit den Kernen Saatgut enthält, korre­liert wird; womög­lich handelt es sich auch um eine Anspie­lung auf den berühmten Apfel, den Fried­rich Schiller in seiner Schreib­tisch­schub­lade verwesen ließ, damit ihn der Geruch beständig an Vergäng­lich­keit erinnert!).

Wenn es im zitierten Auszug heißt, „dieses Gedicht | muss auf lyrikline.org, sonst | muss ich es andau­ernd spre­chen“, werden – unter irri­tie­render Bezug­nahme auf ein ungreif­bares Ich – die Tech­no­lo­gien benannt, mit denen Sprache heute archi­viert wird, nämlich digital und akus­tisch bzw. multi­modal. Denn das ist ja das Merkmal dieser Lyrik­platt­form: dass man Gedichte zugleich hören und lesen, das Original und seine Über­set­zungen parallel konsul­tieren kann. Mittels der Behaup­tung, lyrikline.org diene der „Docu­men­ta­tion of Endan­gered Languages“ wird die aktu­elle Situa­tion der Lyrik ironisch über­zeichnet: als ob diese Ausdrucks­form – wie etwa die Hälfte der welt­weit 6000 bis 7000 Spra­chen heute bedroht scheint. Dass Falb den Projekt­titel DOBES (Doku­men­ta­tion bedrohter Spra­chen) zwar auf Deutsch nennt, dann aber sofort in die globale lingua franca, das Engli­sche, wech­selt, ist in diesem Zusam­men­hang signifikant.

Der Blick zurück auf die Jetztzeit

Das Gedicht thema­ti­siert aus einer fingierten Gegen­wart den Blick zurück auf die Lyrik der Jetzt­zeit, die einmal irgendwo gespei­chert werden muss, um – genau wie die Saaten und Namen („Sorghum, Okra, | Einkorn und Gerste, Hopfen­bu­chen, Tannen­baum“) lebender und ausster­benden Pflanzen – als ein ‚Gencode‘ einer vergan­genen Zeit zurück­zu­bleiben, als ein ‚Sprach­fossil‘, ähnlich der zukünftig veral­teten Tech­no­logie, die das Cover des Bandes ziert. Der Leser, die Leserin, wird gleich zu Beginn von der Frage über­rum­pelt, wo er oder sie es gefunden habe, „dieses Gedicht“, und sein mögli­cher Fundort in der Erde ist auch der Ort archäo­lo­gi­scher Dinge oder eben des einge­gra­benen Saatguts.

Dem digi­talen Archiv Lyrik­line wiederum steht „ein SUPERZERFLEDDERTES, MIT | GUMMI ZUSAMMENGEHALTENES ODER -GEBUNDENES | BUCH / BRAUNES BLATTKONVOLUT“ gegen­über. Damit ist hier nicht an erster Stelle der (eben­falls braun einge­bun­dene) Gedicht­band gemeint, sondern ein analoges Notiz­buch, das starke Gebrauchs­spuren aufweist, in dem das lyri­sche Subjekt in post­di­gi­taler Manier Papier­aus­drucke von „Wiki Sear­ches“ zum Eintrag „Grimm’sches Wörter­buch“ gesam­melt hat,

 

[…] ohne die mein Beitrag f

ür KOOK.MONO,

„Sval­bard Paem“,

ganz weiß und leer

geblieben wär.

 

Es ist dies ein kalau­er­haft sich reimender, auto­re­fle­xiver Verweis auf den Berliner Verlag Kook­books, der mit ‚KOOK.MONO. Schrift spricht‘ kurz vor der Veröf­fent­li­chung von Falbs Gedicht­band ein perfor­ma­tives Veran­stal­tungs­format etabliert hat, auf dem dieser das „Swal­bard Poem“ eben­falls vorge­tragen hat. Kook­books publi­ziert aufwän­dige, indi­vi­duell gestal­tete Bücher, nur sechs pro Jahr, die Wertig­keit und künst­le­ri­schen Anspruch signa­li­sieren und bei denen nicht selten, wie bei Orchidee und Tech­no­fossil, das Layout mit dem Thema verknüpft ist – ein konzep­tu­eller Gegen­im­puls zur Digitalisierung.

In dem zitierten Ausschnitt ist die post­di­gi­tale Verschrän­kung digi­taler Tech­no­logie mit dem analogen Buch beson­ders deut­lich: Das 33-bändige Deut­sche Wörter­buch der Brüder Grimm – erstellt ab 1838 in einem Zeit­raum von weit mehr als hundert Jahren und umfäng­lichstes Spei­cher­me­dium neuhoch­deut­scher Sprache und Lite­ratur – wird als Quelle für das ‚Paem‘ benannt und der heutigen globalen Online-Enzyklopädie Wiki­pedia gegenübergestellt.

‚Post-internet‘-Lyrik

Neben der Beschäf­ti­gung mit Fragen des Anthro­po­zäns zeichnet sich Falbs lyri­sche und theo­re­ti­sche Arbeit also durch eine dezi­dierte Ausein­an­der­set­zung mit dem ‚Tech­nozän‘ aus. Dafür zeugt exem­pla­risch auch ein Video, das er für das ‚Lyrik­schau­fenster‘ erstellt hat, ein inzwi­schen abge­schlos­senes weiteres Online-Projekt des Hauses für Poesie auf YouTube, in dem Lyriker:innen über ein von ihnen auf lyrikline.org ausge­wähltes fremdes Gedicht spre­chen. Die dabei entstan­denen Videos wurden monat­lich auf kanalfuerpoesie.org veröf­fent­licht. Falb hat sich das von ihm über­setzte „history poem“ des briti­schen Lyri­kers Crispin Best vorge­nommen. Ihm zufolge liegt diesem Gedicht Bests keine Menschheits- oder teleo­lo­gi­sche Fort­schritts­ge­schichte zugrunde, sondern das neue Genre der big history – „vom Urknall bis zum Ende des Universums“.

Anders als seine Dichterkolleg:innen präsen­tiert sich Falb nicht selbst im ‚Schau­fenster‘, sondern hält statt­dessen sein Handy frontal in die Kamera, auf dem er unter anderem Bests Gedicht auf Lyrik­line zeigt. 

Lyrik­schau­fenster: Daniel Falb spricht über ‚geschichts­ge­dicht‘ von Crispin Best (Stills), © Haus für Poesie

Beim Spre­chen scrollt er lässig den Text durch, so dass man ihn im ‚Screen im Screen‘ mitlesen kann. Zu Bests „tweet­för­migen Stro­phen“ – wie etwa „before long | it is dark in a language | that we don’t under­stand“ – scrollt Falb, während er sie aus dem Off kommen­tiert, nach­ein­ander zahl­reiche Tabs auf seinem Display durch, um Lite­ra­tur­hin­weise zu geben und theo­re­ti­sche Kontexte zu entwi­ckeln, beispiels­weise auf Sianne Ngais Buch Our Aesthetic Cate­go­ries: Zany, Cute, Inte­res­ting, mit dem er Bests Stil­mittel der ‚nied­li­chen, kleinen Bilder‘ als kultur­kri­ti­sche Inter­ven­tion deutet. Best wird von Falb als „post-internet“ Lyriker vorge­stellt, der in einer Phase der „Natu­ra­li­sie­rung des Inter­nets als Habitat“ schreibe, in der die „Online/Offline-Unterscheidung“ längst zusam­men­ge­bro­chen sei. Eben­dies demons­triert Falb durch seine meta-reflexive Vortrags­form. Man hört seine Stimme und nimmt durch das Gewa­ckel des Handys auch wahr, dass ein Körper im Spiel ist – der eigent­liche Prot­ago­nist des Videos aber ist Falbs Smart­phone, auf dem sich (vermeint­lich) alles Wissen der Welt bündelt.

Wie das Beispiel Falb zeigt, leistet post­di­gi­tale Buch­lyrik der Gegen­wart einen theo­re­tisch und ästhe­tisch avan­cierten Beitrag zur kriti­schen Ausein­an­der­set­zung mit Digi­ta­li­sie­rung und legt dar, wie eng diese mit weiteren viru­lenten Themen, etwa dem drama­ti­schen Arten- und Spra­chensterben, zusam­men­hängt. In Frage steht, was genau das im Titel von Falbs Band genannte „Tech­no­fossil“ in ferner Zukunft sein wird: die deut­sche Sprache, die Gegen­warts­lyrik, die ubiqui­täre digi­tale Tech­no­logie in Form von Smart­phones oder doch viel­leicht der Mensch selbst.