Welche Lehren lassen sich aus der Zwischenkriegszeit ziehen? Angesichts des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine hilft ein Blick auf Haltungen und Handlungen von drei prominenten Politiken, die auf den Faschismus reagierten: Chamberlain, Churchill und Roosevelt.

  • Benjamin Carter Hett ist Professor für Geschichte am Hunter College und dem Graduate Center der City University of New York (CUNY). Er hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter ein Guggenheim-Stipendium und den Fraenkel-Preis der Wiener Library in London. Sein neuestes Buch ist „The Nazi Menace: Hitler, Churchill, Roosevelt, Stalin, and the Road to War“, 2020 (auf Deutsch erschienen unter dem Titel „Eskalationen. Wie Hitler die Welt in den Krieg zwang“).
Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart 
Über Dikta­toren, Ukrainer und „Garni­sons­staaten“. Einige histo­ri­sche Über­le­gungen zu den Lehren aus den 1930er Jahren
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Ein großes Land mit mäch­tigen Streit­kräften, ange­führt von einem brutalen und skru­pel­losen Diktator, über­fällt ein klei­neres demo­kra­ti­sches Land. Man fühlt sich in die 1930er und 1940er Jahre zurück­ver­setzt. Tatsäch­lich aber schreiben wir das Jahr 2022.

Wie sollten demo­kra­ti­sche Länder auf solche Ereig­nisse reagieren? Diese Frage stellten die Dikta­turen der Zwischen­kriegs­zeit ganz direkt an die Demo­kra­tien jener Zeit. Man kann folg­lich eine Menge lernen, wenn man mit klarem Blick unter­sucht, wie die demo­kra­ti­sche Antwort auf die faschis­ti­sche und nazis­ti­sche Aggres­sion der Zwischen­kriegs­zeit tatsäch­lich aussah. Betrachten wir dazu drei verschie­dene führende Poli­tiker, die auf je unter­schied­liche Weise auf die Bedro­hung durch Nazi-Deutschland (aber auch durch das faschis­ti­sche Italien und das impe­riale Japan) reagierten. Es handelt sich um zwei briti­sche Premier­mi­nister, Neville Cham­ber­lain und Winston Chur­chill, und den ameri­ka­ni­schen Präsi­denten Fran­klin Delano Roosevelt.

Cham­ber­lains reso­luter Realismus

Neville Cham­ber­lain trifft Adolf Hitler 1938 in München; Quelle: faz.net

Neville Cham­ber­lain ist jemand, der in der popu­lären Vorstel­lung stets spek­ta­kulär falsch einge­schätzt wird. Nach land­läu­figer Meinung war Cham­ber­lain dumm, feige und schwach in seiner Reak­tion auf die von Hitler ausge­hende Gefahr, vor allem in seiner berüch­tigten „Appease­ment“- bzw. „Beschwich­ti­gungs­po­litik“, die in der Abtre­tung des Sude­ten­landes an Deutsch­land im Jahr 1938 gipfelte. In Wirk­lich­keit aber war Cham­ber­lain das genaue Gegen­teil seines Stereo­typs: Er war hart und mutig, dazu auch arro­gant und dikta­to­risch in seinem Regie­rungs­stil, und in vielerlei Hinsicht ein äußerst kompe­tenter und weit­sich­tiger Politiker.

Cham­ber­lains Politik stützte sich auf drei wesent­liche Impulse. Der erste war die weit verbrei­tete Abscheu, die fast alle Europäer:innen ange­sichts der Schre­cken des Ersten Welt­kriegs empfanden. Cham­ber­lain war entschlossen, eine Wieder­ho­lung dieser Schre­cken zu vermeiden, zumal er (wie die meisten Menschen in den 1930er Jahren) davon ausging, dass der nächste Krieg ange­sichts der zerstö­re­ri­schen Kraft der neuen stra­te­gi­schen Bomber noch schlimmer sein würde.

Der zweite Impuls war der Wunsch, die Ressourcen der briti­schen Regie­rung für höhere Sozi­al­aus­gaben zu nutzen. In den 1920er Jahren war Cham­ber­lain ein reform­ori­en­tierter Gesund­heits­mi­nister; daher wollte er auch jetzt, dass die Regie­rung mehr für die Verbes­se­rung des Lebens der einfa­chen Menschen tat. Dies war jedoch nicht möglich, wenn sie einen großen Teil ihrer Mittel für Mili­tär­aus­gaben bereit­stellen musste. Cham­ber­lains Ziel war es daher, die mili­tä­ri­schen Bedro­hungen zu redu­zieren, damit die Ausgaben für soziale Programme steigen konnten.

In der Außen­po­litik schließ­lich war Cham­ber­lain das, was wir heute einen „Realisten“ nennen, d.h. ein Poli­tiker, der versucht, das, was er als natio­nales Inter­esse ansieht, an erste Stelle zu setzen, während er mora­li­sche Erwä­gungen völlig außer Acht lässt. Cham­ber­lain betrach­tete es nicht als briti­sches Inter­esse, in einen großen Krieg zur Vertei­di­gung kleiner Nationen in Mittel- oder Osteu­ropa verwi­ckelt zu werden. So erklärte er dem briti­schen Volk in seiner berühmt gewor­denen Rund­funk­an­sprache am Vorabend der Münchner Konfe­renz: „Wie schreck­lich, fantas­tisch, unglaub­lich wäre es doch, dass wir hier Schüt­zen­gräben ausheben und Gasmasken anpro­bieren sollten wegen eines Streits in einem weit entfernten Land zwischen Menschen, von denen wir nichts wissen.“

Der kommende Krieg

Cham­ber­lain verkündet am Radio die briti­sche Kriegs­er­klä­rung an Deutsch­land, 3.9.1939; Quelle: bbc.com

Cham­ber­lain rech­nete damit, dass weder Italien noch Japan es im Allein­gang wagen würden, die briti­schen Inter­essen zu bedrohen, sobald die Bedro­hung durch Nazi-Deutschland gebannt sei. Daher suchte er nach einer Möglich­keit, Hitler mit den bestehenden inter­na­tio­nalen Verein­ba­rungen zu versöhnen. Cham­ber­lain zog es vor, dies auf dem Verhand­lungsweg zu errei­chen; doch falls die Verhand­lungen schei­tern sollten, hatte er ein kluges, realis­ti­sches Gespür dafür, wie Groß­bri­tan­nien einen Krieg führen sollte und welche Art von Krieg sein Land gegen Deutsch­land gewinnen konnte. Er bezog sich dabei auf die Ideen des Stra­tegen Basil Liddell Hart, um einen Krieg zu planen, der auf die wirt­schaft­liche Stärke Groß­bri­tan­niens, seine schlag­kräf­tige Marine und seine zuneh­mend aufge­rüs­tete Luft­waffe gestützt sein sollte und so einen ruinösen Boden­krieg in der Art des Ersten Welt­kriegs vermeiden würde. Cham­ber­lain war der Ansicht, dass Groß­bri­tan­nien, wenn es in der Defen­sive bliebe und sich zwei oder drei Jahre lang auf seine See- und Luft­streit­kräfte verlassen würde, die deut­sche Wirt­schaft durch Sank­tionen und Blockaden soweit schwä­chen könnte, dass Hitlers Regime zusam­men­bre­chen würde. Er wollte keine schwere und verfrühte Aufrüs­tung betreiben, da dies die Wirt­schaft, die eine der Haupt­quellen der briti­schen Stärke war, schä­digen könnte.

Als der Zweite Welt­krieg ausbrach, führte Groß­bri­tan­nien vor allem einen Luft- und Seekrieg, und einer der Haupt­gründe für ein mögli­ches Schei­terns Groß­bri­tan­niens wäre die mangelnde finan­zi­elle Unter­stüt­zung durch die Verei­nigten Staaten gewesen. Man kann also kaum sagen, dass Cham­ber­lains stra­te­gi­sche Einschät­zung der Lage in den Jahren 1938 und 1939 grund­sätz­lich falsch war. Bis auf eines aller­dings: Er erkannte die syste­mi­schen Impli­ka­tionen von Hitlers zuneh­mendem Angriff auf die demo­kra­ti­sche Ordnung der Welt nach dem Ersten Welt­krieg nicht. Dies war ein wesent­li­cher Bestand­teil seiner realis­ti­schen Sicht­weise, die solche Über­le­gungen ganz hinter rein macht­po­li­ti­sche zurück­stellte. Sein konser­va­tiver Rivale Winston Chur­chill aller­dings verstand 1938 dieses Problem sehr gut.

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Chur­chills klarer Blick

Auch über Winston Chur­chill exis­tieren viele popu­läre Mythen. Chur­chill war nie ein so konse­quenter Gegner des Natio­nal­so­zia­lismus, wie er später gern von sich behaup­tete, und seine Einschät­zung der stra­te­gi­schen Lage Groß­bri­tan­niens war nicht annä­hernd so scharf wie die von Cham­ber­lain. Aber es gab eine Sache, die Chur­chill als fast einziger der Poli­tiker des briti­schen Estab­lish­ments sehr gut verstand. Die meisten hoch­ran­gigen briti­schen Poli­tiker sahen in der Bedro­hung durch Nazi-Deutschland eine Bedro­hung, die ihnen mit jener aus dem Deut­schen Kaiser­reich oder dem Frank­reich Napo­leons oder gar dem Abso­lu­tismus von Ludwig XIV vergleichbar erschien. Analo­gien zu diesen vergan­genen Konflikten füllen seiten­weise die briti­schen Kabi­netts­pro­to­kolle jener Zeit. Chur­chill hingegen begriff, dass die Situa­tion in den 1930er Jahren eine völlig andere war. Natür­lich ist er für seine Kriegs­rhe­torik berühmt, vor allem für die wort­ge­wal­tigen und kraft­vollen Reden, mit welchen er die briti­sche Gesell­schaft im Sommer 1940 zur Vertei­di­gung seiner Insel aufrief. Ich würde jedoch behaupten, dass die kraft­vollste und wich­tigste Rede, die er je gehalten hat, seine Ansprache im Anschluss an die Münchner Konfe­renz war, in der er klar darlegte, wie ein demo­kra­ti­scher Staat auf eine auto­ri­täre Bedro­hung reagieren sollte.

Chur­chill kriti­siert im Unter­haus Cham­ber­lain, 5. Oktober 1938; Quelle: legallegacy.wordpress.com

In einer Rede vor dem Unter­haus am 5. Oktober 1938 warnte Chur­chill: „Viele Leute glauben, zwei­fellos ehrlich, dass sie nur die Inter­essen der Tsche­cho­slo­wakei aufgeben, während ich fürchte, dass wir fest­stellen werden, dass wir die Sicher­heit und sogar die Unab­hän­gig­keit Groß­bri­tan­niens und Frank­reichs zutiefst gefährdet und viel­leicht sogar tödlich bedroht haben.“ Chur­chill hielt es für uner­läss­lich, „den Charakter der Nazi-Bewegung und die Herr­schaft, die sie mit sich bringt, zu berück­sich­tigen“. Es sei eine Sache, „herz­liche Bezie­hungen“ zum deut­schen Volk zu wollen – „unser Herz schlägt für sie“. Doch zu ihrer Regie­rung „muss man diplo­ma­ti­sche und korrekte Bezie­hungen haben, aber es kann niemals Freund­schaft zwischen der briti­schen Demo­kratie und der Nazi-Macht geben, dieser Macht, die die christ­liche Ethik verschmäht, die ihren Vormarsch durch ein barba­ri­sches Heidentum anfeuert, die sich des Geistes der Aggres­sion und der Erobe­rung rühmt, die aus der Verfol­gung Kraft und perverses Vergnügen schöpft und, wie wir gesehen haben, mit erbar­mungs­loser Bruta­lität von der Andro­hung mörde­ri­scher Gewalt Gebrauch macht. Diese Macht kann niemals der vertrau­ens­wür­dige Freund der briti­schen Demo­kratie sein.“ Eine demo­kra­ti­sche Regie­rung müsse in ihrem eigenen Inter­esse, aber auch im Inter­esse der Aufrecht­erhal­tung einer demo­kra­ti­schen Welt, die syste­mi­schen Auswir­kungen des Angriffs eines großen Landes auf eine kleine Demo­kratie bedenken – und entspre­chend reagieren.

Roose­velts Angst um die Demokratie

Fran­klin Delano Roose­velt oder „FDR“ war der rätsel­haf­teste und zugleich der faszi­nie­rendste ameri­ka­ni­sche Präsi­dent. Er führte kein Tage­buch, schrieb keine Memoiren und sagte immer viele verschie­dene Dinge zu vielen verschie­denen Menschen, so dass es fast unmög­lich ist, zu rekon­stru­ieren, was er wirk­lich dachte. Es gibt jedoch eindeu­tige Belege dafür, dass er in einem Maß, das selten aner­kannt wird, ein äußerst scharf­sin­niger stra­te­gi­scher Denker war, der genau wusste, wie sich die Welt der 1930er und frühen 1940er Jahre verän­dert hatte – und was diese Verän­de­rungen für die Vertei­di­gung der Demo­kratie bedeu­teten. Und wie Winston Chur­chill verstand auch Roose­velt die welt­po­li­ti­schen Impli­ka­tionen der von einer aggres­siven Diktatur ausge­henden Bedrohungen.

In den späten 1930er Jahren begann der ameri­ka­ni­sche Poli­tik­wis­sen­schaftler Harold Lass­well, das Konzept des „Garni­sons­staates“ zu entwi­ckeln – das heißt, ein stark regle­men­tierter Staat mit Wehr­pflicht, wenig indi­vi­du­eller Frei­heit, und einer Mili­tär­in­dus­trie, die die zivile Indus­trie verdrängt. Es ist nicht klar, ob Roose­velt Lass­wells Werk jemals gelesen hat, aber er sah das gleiche Problem: Das Problem nämlich, dass die Verei­nigten Staaten nicht in der Lage sein würden, in einer von faschis­ti­schen Dikta­turen beherrschten Welt eine Demo­kratie zu bleiben. Als demo­kra­ti­sche Insel in einer faschis­ti­schen Welt müssten sie aufrüsten und ihre Frei­heit einschränken, so dass auch die Demo­kratie im eigenen Land gefährdet oder gar zerstört würde. Anders ausge­drückt: Die ameri­ka­ni­sche Frei­heit war untrennbar mit der Frei­heit Europas verbunden (und zu seinem großen Verdienst war Roose­velt auch ein entschie­dener Anti­im­pe­ria­list, ein Punkt, an dem es zwischen ihm und Winston Chur­chill häufig zu Reibe­reien kam).

F.D. Roose­velt, State of the Union Address, 4.1.1939; Quelle: sutori.com

Roose­velt machte dieses Problem zum Haupt­thema seiner Rede zur Lage der Nation 1939: „Wenn eine andere Regie­rungs­form bei ihrem Angriff auf die Demo­kratie eine geschlos­sene Front bilden kann“, sagte er vor dem Kongress, „dann muss dieser Angriff von einer geeinten Demo­kratie beant­wortet werden“. Könnten die USA, fragte Roose­velt, mit den Dikta­turen konkur­rieren und gleich­zeitig „in unserer ameri­ka­ni­schen Lebensart [bleiben], im Rahmen der Bill of Rights und inner­halb der Grenzen dessen, was aus unserer Sicht die Zivi­li­sa­tion selbst ausmacht“? Könnte eine Demo­kratie der Bedro­hung durch die Nazis und mögli­cher­weise einem totalen Krieg gegen diese Bedro­hung stand­halten – und dennoch eine Demo­kratie bleiben?

Dieser Punkt wurde im Sommer 1940 beson­ders akut, nachdem der deut­sche Sieg über Frank­reich das Schreck­ge­spenst einer Inva­sion und Unter­wer­fung Groß­bri­tan­niens und damit der Auslö­schung aller Demo­kratie auf dem euro­päi­schen Konti­nent aufkommen ließ. Roose­velt erkannte, welche Bedro­hung dieses Szenario für die Verei­nigten Staaten und die Welt darstellen würde. Aber er führte auch ein sehr isola­tio­nis­ti­sches Land, dessen öffent­liche Meinung ein bewaff­netes Eingreifen in den euro­päi­schen Krieg nicht unter­stützen würde. Roose­velt erkannte, dass seine Heraus­for­de­rung darin bestand, Groß­bri­tan­nien in einem Krieg gegen Deutsch­land zu halten, ohne direkt mili­tä­risch in den Krieg einzutreten.

Die poli­ti­schen Ergeb­nisse seiner Schluss­fol­ge­rung sind berühmt. Im Sommer 1940 kam es zu einem Abkommen, durch das die US-Marine 50 alte Zerstörer an Groß­bri­tan­nien schickte und im Gegenzug briti­sche Mari­ne­stütz­punkte in der west­li­chen Hemi­sphäre für 99 Jahre pach­tete. Im Dezember 1940, als Groß­bri­tan­nien vor dem finan­zi­ellen Zusam­men­bruch stand und nicht mehr in der Lage war, die Liefe­rungen aus den Verei­nigten Staaten zu bezahlen, schlug Roose­velt das Lend-Lease-Programm vor, in dessen Rahmen die Verei­nigten Staaten Groß­bri­tan­nien kostenlos eine breite Palette von Waffen und anderen Gütern liefern sollten. Das Gesetz zum Lend-Lease-Programm wurde im März 1941 vom Kongress mit komfor­ta­bler Mehr­heit verab­schiedet, und die US-Marine begann sogar, Handels­schiffe auf halber Strecke über den Ozean nach Groß­bri­tan­nien zu eskor­tieren, um sie vor deut­schen U-Booten zu schützen. Hitler und die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Führung waren sich also durchaus bewusst – zwei­fellos bewusster als die meisten Ameri­kaner –, wie nahe die Verei­nigten Staaten dem offi­zi­ellen Kriegs­ein­tritt standen. Hitler rech­nete spätes­tens 1942 mit einer direkten mili­tä­ri­schen Betei­li­gung der USA. In Wirk­lich­keit hat er den Prozess kurz­ge­schlossen, indem er den Verei­nigten Staaten nach Pearl Harbor den Krieg erklärt hat.

Von der Zwischen­kriegs­zeit in die Gegenwart

Diese drei Ansätze – der von Cham­ber­lain, Chur­chill und Roose­velt – können uns helfen, über unsere derzei­tige Reak­tion auf die Krise in der Ukraine nach­zu­denken. Aus mensch­li­cher Sicht spricht viel für Cham­ber­lains mini­ma­lis­ti­schen und gradu­ellen Ansatz, seine Bereit­schaft zu verhan­deln, statt zu kämpfen, sowie für seine scharfe Einschät­zung der stra­te­gi­schen Reali­täten. Aber wir müssen uns vor Augen halten, was Chur­chill und Roose­velt in Nazi­deutsch­land sahen. Putins Regime stellt ebenso wie Hitlers Regime eine Bedro­hung für die gesamte globale demo­kra­ti­sche (oder erhoffte demo­kra­ti­sche) Ordnung dar. Da wir in weiten Teilen der Welt, nicht zuletzt in den Verei­nigten Staaten, mit haus­ge­machten auto­ri­tären Heraus­for­de­rungen konfron­tiert sind, wäre eine Nieder­lage in der Ukraine ein ähnli­ches Desaster, wie eine Nieder­lage in der Tsche­cho­slo­wakei vor über achtzig Jahren ein Desaster war. Wenn wir einen direkten mili­tä­ri­schen Konflikt mit Russ­land vermeiden, aber dennoch die ukrai­ni­sche (und welt­weite) Demo­kratie retten wollen, dann besteht die einzig mögliche Antwort in Sank­tionen, um Russ­lands kriegs­trei­bende Kraft zu schwä­chen (à la Cham­ber­lain), und Lend-Lease für die Ukraine à la Roose­velt: Demo­kra­tien in Europa, Amerika und anderswo müssen ihr Möglichstes tun, um den Ukrai­nern mili­tä­ri­sche und andere Hilfe zukommen zu lassen, damit sie die Linie halten können, wie es Groß­bri­tan­nien 1940 getan hat. Ein Zusam­men­bruch der Ukraine würde, wie FDR das genau sah, das Schreck­ge­spenst eines von mili­tä­ri­scher Aufrüs­tung domi­nierten, quasi-autoritären „Garni­sons­staates“ für den Rest von uns heraufbeschwören.

 

Über­set­zung: Philipp Sarasin