Um eine stabile jüdische Mehrheit zu sichern, vertrieb Israel bei seiner Gründung hunderttausende Palästinenser:innen. Das Geschehen von 1948 ist wie ein Brennglas für aktuelle Fragen: nach der Zukunft eines jüdisch definierten Staates und nach der Utopie eines gleichberechtigten Einheimischseins.

  • Charlotte Wiedemann

    Charlotte Wiedemann, langjährige Auslandsreporterin, lebt als Publizistin und Autorin in Berlin. Von Erinnerung, Empathie und Respekt handelt ihr jüngstes Buch: „Den Schmerz der Anderen begreifen. Holocaust und Weltgedächtnis“, Berlin (Propyläen) 2022.
Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart 
Über die Nakba spre­chen lernen
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Opfer können unter verschie­densten histo­ri­schen Umständen ein Gefühl der Scham entwi­ckeln. Die erste Gene­ra­tion jener, die ihre Heimat Paläs­tina verloren, empfand die Scham, vertrieben worden zu sein, sich nicht ausrei­chend gewehrt zu haben. Die Scham erzeugte Schweigen, die Sprach­lo­sig­keit der Eltern gegen­über den Kindern in den Flüchtlingslagern.

Nicht spre­chen können, nicht spre­chen wollen, nicht spre­chen dürfen, all dies kreuzt sich im Begriff al-Nakba; die Kata­strophe, wie es im Arabi­schen heißt, hat Tiefen­di­men­sionen jenseits dessen, was poli­tisch lapidar aufge­zählt werden kann: Flucht und Vertrei­bung von 750 000 Männern, Frauen und Kindern zwischen Herbst 1947 und Früh­ling 1949, die folgende Konfis­zie­rung von Eigentum und Land, die Zerstö­rung von mehr als 400 Dörfern. Und bis heute ein Verbot der Rückkehr.

Zu erkennen, welches Unrecht bei der Grün­dung eines Staates begangen wurde, dessen jüdi­sche Bürger:innen zu einem Drittel Über­le­bende des Holo­caust waren, fällt beson­ders Deut­schen schwer. Massaker an wehr­losen Zivilist:innen, mit dem Ziel, Flucht­be­we­gungen auszu­lösen, fügen sich nicht in das Ideal­bild eines progres­siven, huma­nis­ti­schen jüdi­schen Heim­staats. Manche meinen, bereits das Ausspre­chen des Begriffs Nakba sei anti­se­mi­tisch, ziele er doch auf die Dele­gi­ti­mie­rung Israels.

Diese beinahe reli­giöse Scheu ist keines­wegs nur ein Echo auf israe­li­sche Geschichts­dok­trinen, sondern glei­cher­maßen ein Resultat genuin deut­scher Psycho­dy­na­miken. Obwohl eine Aner­ken­nung der Nakba den Jahrhundert-Schrecken der Shoah nicht um ein Jota mindert, herrscht offen­kundig die Furcht, der kollek­tive Opfer­status der jüdi­schen Staats­gründer könne beein­träch­tigt werden. Viel­mehr sollen sie makellos reine Opfer sein, damit ein zentrales Element deut­scher Erin­ne­rungs­kultur funk­tio­niert: Die Iden­ti­fi­ka­tion mit dem jüdi­schen Staat erlöst von eigenen Schuldgefühlen.

Über die Nakba spre­chen zu lernen, bedarf einer Über­win­dung solcher Dyna­miken. Dabei dürfen poli­ti­sche Ambi­gui­täten im Blick auf die Zeit­ge­schichte durchaus bleiben: Grau­sam­keiten gegen Zivilist:innen gab es auf beiden Seiten während der Kämpfe zwischen 1947 und 1949, zunächst einem jüdisch-palästinensischen Bürger­krieg und – nach der Staats­grün­dung im Mai 1948 – dem israelisch-arabischen Krieg. Auch tragen die Vereinten Nationen und die arabi­schen Regime gravie­rende Mitschuld an der paläs­ti­nen­si­schen Tragödie.

Nur ist es eben auch eine geschicht­liche Tatsache, dass die zionis­ti­schen Prot­ago­nisten eine demo­gra­fisch klare jüdi­sche Mehr­heit für den neuen Staat wollten. Und eine solche Mehr­heit sah der UN-Teilungsplan vom November 1947 nicht vor. Er begüns­tigte zwar die jüdi­sche Minder­heit in Paläs­tina, indem er ihr mehr als die Hälfte des Terri­to­riums zusprach. Doch wären in dem so konzi­pierten Staat 45 Prozent der Einwohner:innen arabisch gewesen – ohne die Nakba. Am Ende der Kämpfe hatte Israel einen Staat, der flächen­mäßig größer war als von der UN vorge­sehen, mit nur 20 Prozent arabi­schen Einwohner:innen.

War die Nakba unvermeidlich?

Die Vorstel­lung, es habe ein direkter Weg von der frühen jüdi­schen Besied­lung Paläs­tinas ab 1882 bis zur Nakba geführt, wäre indes unhis­to­risch. „Dass die Schaf­fung einer jüdi­schen Heimat mit der Zerstö­rung der paläs­ti­nen­si­schen Heimat einher ging, war keine in die Geschichte einge­schrie­bene Notwen­dig­keit“, schreibt der israe­li­sche Histo­riker Alon Confino. Neuere Forschung gelangte zu einem diffe­ren­zierten Bild, wonach sich die Bereit­schaft zur aktiven Vertrei­bung erst im Jahr­zehnt vor 1948 erhärtet hat.

Bis in die Mitte der 1930er Jahre koexis­tierten in der zionis­ti­schen Bewe­gung noch zwei einander wider­spre­chende Posi­tionen: Die eine erkannte natio­nale Rechte der Araber:innen in Paläs­tina an, die andere verneinte sie. Den Gedanken an einen soge­nannten Transfer von Palästinenser:innen gab es im Zionismus zwar von früh an, doch deren dras­ti­sche Redu­zie­rung galt erst ab 1936 als unab­dingbar für den Erfolg des Staats­pro­jekts. Weil die Sied­ler­ge­meinde durch den Zustrom Geflüch­teter aus Europa gewachsen war – und weil der Vormarsch des Ideals ethni­scher Homo­ge­nität in Europa, obwohl so sehr zu Lasten der Juden, auf den Zionismus abfärbte und auch für Paläs­tina die Idee eines möglichst homo­genen ethno­na­tio­nalen Staats forcierte.

Solange das Ausmaß des NS-Mordprogramms nicht absehbar war, bestand die Vorstel­lung, die Zahl der Palästinenser:innen müsse verrin­gert werden, um bei Kriegs­ende Platz für Millionen von Neuan­kömm­lingen zu schaffen. Nachdem die Shoah schreck­liche Gewiss­heit geworden war, schien der künf­tige Staat andern­falls nicht genug Juden und Jüdinnen für eine Bevöl­ke­rungs­mehr­heit zu haben. Der Holo­caust verlieh der Nakba den letzt­nö­tigen mora­li­schen Rück­halt und den betei­ligten jüdi­schen Kämp­fern die notwen­dige Uner­bitt­lich­keit. Das schlechte Gewissen der west­li­chen Welt tat ein Übriges: Der Westen hatte die jüdi­schen Flücht­linge 1945 zum zweiten Mal im Stich gelassen und das Problem der Displaced Persons nach Paläs­tina abge­schoben. Nun wurde die Staats­grün­dung welt­his­to­risch aufge­laden, und die Nakba verschwand für Jahre hinter einem Vorhang – was nur möglich war, weil die Stimmen arabi­scher Histo­riker im anglo­phonen Raum nicht zählten.

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Es gibt ein Detail, das aufschluss­reich ist für die Atmo­sphäre von 1948: die spon­tane Bereit­schaft jüdi­scher Zivilist:innen, sich den Besitz vertrie­bener und geflo­hener Nach­barn anzu­eignen. „Die Plün­de­rung war eine Volks­be­we­gung von unten, an der sich Juden aus allen Gesell­schafts­schichten betei­ligten“, schreibt Alon Confino. „Sie signa­li­sierte die imagi­näre Gewiss­heit, dass die Paläs­ti­nenser nicht zurück­kehren würden und dass sie im jüdi­schen Staat keinen Platz hätten.“

Wenn man eine solche imagi­näre Gewiss­heit ebenso bei den jüdi­schen Mili­zio­nären und Soldaten voraus­setzt, rela­ti­viert sich die früher heiß disku­tierte Frage, ob sie aufgrund eines expli­ziten Vertrei­bungs­be­fehls handelten. Wie der Histo­riker Benny Morris berichtet, entschied die künf­tige Staats­spitze am 12. Mai 1948, in der zwei Tage später verkün­deten Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung die Grenzen des neuen Staates nicht zu benennen. David Ben-Gurion war zuver­sicht­lich, Israel könne bei Kriegs­ende mehr Terri­to­rium kontrol­lieren als im UN-Plan vorge­sehen, und so kam es: Die Soldaten besetzten etwa das west­liche Galiläa, im UN-Plan für einen arabi­schen Staat vorge­sehen. Expan­sion und „Transfer“ gingen Hand in Hand.

Auf Fotos von 1948 erscheint die Nakba vor allem als länd­li­ches Ereignis: alters­ge­beugte Flüch­tende mit Bündeln, barfü­ßige Kinder. Doch die Entwur­ze­lung betraf gleich­falls die städ­ti­schen Intel­lek­tu­ellen. Aus Villen im west­li­chen Jeru­salem wurden große Buch­be­stände geplün­dert; einen Teil verleibte sich die israe­li­sche Natio­nal­bi­blio­thek ein, wo bis heute eine Samm­lung die Buch­staben AP in der Signatur trägt, für „aban­doned property“. Der Bücher­raub illus­triert die Zerstö­rung kultu­reller Iden­tität, die über­wu­cherten Ruinen der Dörfer den ausge­löschten Alltag zwischen Brunnen und Kaktushecke.

Wer die Nakba erwähnt, bekommt wie in einem Abwehr­re­flex häufig eine andere Vertrei­bung entge­gen­ge­halten: jene der arabi­schen Juden und Jüdinnen aus mehr­heit­lich musli­mi­schen Ländern. Etwa 900 000 verließen in den Jahren nach 1948 ihre Heimat; 600 000 von ihnen zogen nach Israel. Historiker:innen zeichnen von Land zu Land unter­schied­liche Panoramen von Push- und Pull-Faktoren: Ein sich radi­ka­li­sie­render arabi­scher Natio­na­lismus machte die jüdi­schen Nach­barn zu unge­wollten Fremden; zugleich warb die israe­li­sche Regie­rung um drin­gend benö­tigte Einwan­derer – bis hin zu Bomben­an­schlägen des Geheim­dienstes in Irak und Ägypten, um Unschlüs­sige in Panik zu versetzen. In Israel empfing die Mizra­chim dann oft Rassismus. Opfer der Geschichte waren zwei­fellos auch sie – und wir können die vertrie­benen jüdi­schen Araber:innen und die vertrie­benen musli­mi­schen und christ­li­chen Palästinenser:innen als Leid­tra­gende zweier Natio­na­lismen betrachten, die poli­tisch gegen­sätz­lich, gar verfeindet waren und doch im Kern verwandt.

Die Vertrie­benen gegen­ein­ander aufzu­rechnen, ist indes eine ethisch verfehlte Mathe­matik. Und der Vergleich unter­streicht, was die Nakba unter­scheidet: Sie fand kein Ende, Heimat­lo­sig­keit und Entrech­tung setzen sich fort.

Die neue Defi­ni­tion des Begriffs Rückkehr

Kann eine Demo­kratie vertei­digt werden, die im wesent­lich nur demo­kra­tisch für Juden ist? Diese Frage des Jahres 2023 ist im Geschehen von 1948 bereits ange­legt. Israel wollte eine klare jüdi­sche Mehr­heit nicht allein aus Gründen der Sicher­heit, sondern um den demo­gra­fi­schen Spiel­raum für eine parla­men­ta­ri­sche Demo­kratie zu gewinnen. Um für sich selbst also Demo­kratie zu sein, vertrieben 650 000 jüdi­sche Siedler eine Zahl von Palästinenser:innen, die mit 750 000 größer war als sie selbst.

Da der UN-Teilungsplan Bürger­rechte für Minder­heiten verlangte, gewährte Israel den verblie­benen 130 000 Palästinenser:innen die Staats­an­ge­hö­rig­keit – und konfis­zierte den größeren Teil ihres Land­eigen­tums. Nach zionis­ti­scher Lesart war das Land histo­ri­scher Besitz des jüdi­schen Volkes; folg­lich bestand auch gegen­über den Geflüch­teten in den Lagern jenseits der Grenze keine mora­li­sche Verpflich­tung, ihnen die Rück­kehr zu gestatten.

Der Begriff Rück­kehr war fortan für Juden und Jüdinnen aus aller Welt reser­viert. Das 1950 verab­schie­dete Rück­kehr­ge­setz sicherte ihnen auf Wunsch auto­ma­tisch die Staats­an­ge­hö­rig­keit. Das war weitaus mehr als ein Asyl­pri­vileg für den Fall künf­tiger Verfol­gung; hier wurde signa­li­siert: Dieser Staat ist Juden vorbe­halten. Dennoch hat es gegen das Primat des Ethno­na­tio­na­lismus immer wieder zeit­wei­ligen Einspruch gegeben. Selbst der Histo­riker Shlomo Sand, der mit seinem Buch Die Erfin­dung des jüdi­schen Volkes (2008) Israels Selbst­de­fi­ni­tion radi­kaler Kritik unterzog, hält es keines­wegs für unaus­weich­lich, dass sich Israel „einer echten Demo­kra­ti­sie­rung seiner Rechts­grund­sätze dauer­haft verweigerte“.

Wie lite­ra­ri­sche Zeug­nisse beweisen, war manchen jüdi­schen Betei­ligten 1948 durchaus bewusst, wie ethisch prekär die Staats­grün­dung verlief; es wurden sogar Analo­gien zum Holo­caust gezogen. Und verein­zelt weigerten sich Über­le­bende, nach ihrer Ankunft aus Europa in Häuser zu ziehen, wo die Teller jener anderen Geflo­henen noch auf dem Tisch standen.

Was danach geschah, in weniger als einem Jahr­zehnt, gleicht einem doppelten Auslö­schen von Erin­ne­rung: an den Akt der Vertrei­bung und an die vorhe­rige Exis­tenz der Vertrie­benen. „Als Kinder spielten wir in der Nähe soge­nannter verlas­sener Dörfer, und wir fragten niemals: Wohin gingen die Araber? Warum sind sie nicht da?“ berichtet der Holocaust-Historiker Omer Bartov, geboren 1954. Es habe damals zwei wirk­mäch­tige Tabus gegeben: Nie über das euro­päi­sche Gestern spre­chen und nie über das Paläs­tina von gestern. „Mit uns begann die Geschichte. Menschen wie ich galten als erste Gene­ra­tion von Einhei­mi­schen, während die Araber als die viel länger Einhei­mi­schen entnor­ma­li­siert wurden.“ Deren Einhei­misch­sein gänz­lich zu bestreiten sei dann Staats­raison geworden.

Anders als vor einigen Jahr­zehnten wird die Nakba als bloßes Faktum heute von zahl­rei­chen Israelis aner­kannt, jedoch ohne Schuld­be­wusst­sein. Ein kaltes Wissen, aus dem nichts folgen darf. Die Nakba in den Mittel­punkt jüdi­scher Ethik zu stellen, „mit störender Empa­thie“, wie der Jeru­sa­lemer Histo­riker Amos Gold­berg fordert, ist eine radi­kale Außenseiter-Position.

Der Komple­xität der Materie kann niemand entrinnen

Zum Zeit­punkt des UN-Teilungsbeschlusses von 1947 waren in den Vereinten Nationen die kolo­ni­sierten Völker noch kaum vertreten. Seitdem das anders ist, etwa seit 1975, wird die Entrech­tung der Paläs­ti­nenser in der Voll­ver­samm­lung regel­mäßig verur­teilt. Deutsch­land und die Schweiz gehören zu jener Minder­heit von Ländern, die sogar zum 75. Jahrestag ein Gedenken an die Nakba unter­binden wollten. Obwohl es ohne deren Aner­ken­nung keinen Weg zu einem gerechten Frieden in Israel-Palästina geben kann. Sollten nicht gerade Deut­sche diesen Weg unterstützen?

Wenn der Holo­caust als über­ra­gende Ursache der Grün­dung Israels betrachtet wird, wie es in Deutsch­land üblich ist, wäre die Nakba doch Teil einer gemein­samen Geschichte, der Geschichte des euro­päi­schen Anti­se­mi­tismus. Doch so sehen es nur wenige. Nach der vorherr­schenden Erzähl­weise sollen die 200 000 Paläs­ti­nenser und Paläs­ti­nen­se­rinnen in Deutsch­land ihr Schicksal vom Holo­caust ausge­hend als unver­meid­liche Folge des größeren Leids anderer betrachten. Tun sie das nicht, wird die rote Karte gezeigt: Antisemitismus!

Unter diesem Verdacht steht auch ein Begriff, der mit dem welt­weit gestie­genen Inter­esse an kolo­nialen und post­ko­lo­nialen Fragen in der Palästina-Solidarität gera­dezu in Mode gekommen ist: Sied­ler­ko­lo­nia­lismus. Eines seiner wich­tigsten Kenn­zei­chen im Allge­meinen ist das Prinzip der Segre­ga­tion: Im Unter­schied zum Einwan­derer, der sich in die örtliche Bevöl­ke­rung inte­griert, will der kolo­niale Siedler die Einhei­mi­schen, auf die er herab­blickt, besten­falls tole­rieren, möglichst aber ersetzen. Die jüdi­schen Siedler hatten mit Arabern zuweilen gutnach­bar­liche Bezie­hungen, doch ihr Projekt zielte in der Tat auf räum­liche und soziale Tren­nung. Und die Araber standen aus jüdi­scher Sicht auf der Fort­schritt­skala der Zivi­li­sa­tion beträcht­lich weiter unten.

Um zu begreifen, wie es zur Nakba kommen konnte, bietet der sied­ler­ko­lo­niale Rahmen einen wissen­schaft­lich legi­timen Ansatz, jedoch keine erschöp­fende Erklä­rung. Der paläs­ti­nen­si­sche Philo­soph Raef Zreik hat dies in folgende Worte gefasst: „Der Zionismus ist ein sied­lungs­ko­lo­niales Projekt, aber nicht allein das. Er verbindet das Bild des Flücht­lings mit dem Bild des Soldaten, des Ohnmäch­tigen mit dem Mäch­tigen, des Opfers mit dem Verfolger (…). Die Euro­päer sehen den Rücken des jüdi­schen Flücht­lings, der um sein Leben flieht. Der Paläs­ti­nenser sieht das Gesicht des Sied­ler­ko­lo­nia­listen, der sich sein Land aneignet.“

Die bekann­testen Sied­ler­ko­lo­nia­lismen der Welt endeten mit der Beinahe-Vernichtung der Einhei­mi­schen (Austra­lien, USA) oder mit der anti­ko­lo­nial erkämpften Auswei­sung der Siedler (Alge­rien). Für Israel-Palästina kann es hingegen keine Lösung geben ohne die Aner­ken­nung jüdi­scher Selbst­be­stim­mung – wegen der Shoah, aber auch weil die jüdi­schen Israelis, ob man sie nun ethnisch als Volk betrachten will oder nicht, zwei­fellos eine natio­nale Iden­tität an Ort und Stelle entwi­ckelt haben, wie die gegen­wär­tigen Massen­pro­teste illustrieren.

Genaues Spre­chen ist also ratsam, als Ausdruck intel­lek­tu­eller Sorg­falt, aber auch als ethi­sche Selbst­ver­si­che­rung in einem oft toxi­schen Diskurs. Bereits die Forde­rung nach glei­chen Rechten für alle zwischen Jordan und Mittel­meer, also die demo­kra­ti­sche Utopie eines gleich­be­rech­tigten Einhei­misch­seins, steht bei jenen unter Antisemitismus-Verdacht, die sich jüdi­sche Exis­tenz nur als Supre­matie vorstellen können. Und genau dies ist der Schei­tel­punkt, wo sich Zeit­ge­schichte und Tages­ak­tua­lität treffen – die Nakba als histo­ri­sches Geschehen und als fort­ge­setzte Möglichkeit.

Die Charak­te­ri­sie­rung von Raef Zreik, der Zionismus sei „eine andau­ernde Revo­lu­tion, die sich weigert, ein Rechts­staat zu werden, und ein ethnisch exklu­sives Sied­lungs­pro­jekt, das sich weigert, sich nieder­zu­lassen“, erweist sich mit Israels ultra­na­tio­na­lis­ti­scher Regie­rung als hoch­prä­zise. Die sied­ler­ko­lo­niale Seite Israels wird auf die Stufe Turbo gestellt, wenn Benjamin Netan­jahu die Beset­zung der West­bank folgen­der­maßen wegde­fi­niert: „Das jüdi­sche Volk hält sein Land nicht besetzt.“

Mili­tante Siedler skan­dieren dieser Tage vor Fern­seh­ka­meras „Wir wollen Nakba!“, während manche Deut­sche glauben, sie dürften das Wort nicht einmal für die histo­ri­schen Gescheh­nisse verwenden. Und der Evan­ge­li­sche Kirchentag verbietet eine  Ausstel­lung zum Thema auf seinem Groß­kon­vent – ausge­rechnet in Nürn­berg, einer Stadt, deren dunkle Geschichte eigent­lich zum Einsatz für univer­selle Menschen­rechte verpflichtet.