Tut um Gottes Willen etwas Tapferes. Plädoyer für ein Reformations-Rashomon

Verfilmungen von geschichtlichen Ereignissen sagen etwas darüber aus, wie „Geschichte“ gedacht wird. Wird sie als eindeutige und lineare Entwicklung gedacht, von wichtigen Personen gemacht, mit denen man sich identifizieren kann, dann entsteht wie beim Schweizer Kinofilm „Zwingli“ – eidgenössisches Hollywood.



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„Tut um Gottes Willen etwas Tapferes,“ so prangt bis heute das Zwinglizitat in der Sakristei des Zürcher Grossmünsters. So wurde der Reformator während des seit mehr als zwei Jahren tobenden Reformationsjubiläums immer wieder von Politiker*innen, Theolog*innen oder Medienschaffenden zitiert. Zwingli allerorten: Wer nicht schon mit eigens die Silhouette des Reformators nachzeichnenden „Re-Förmchen“ Kekse backt, läuft ihm etwa in seiner Wirkungsstätte Zürich in Form von überlebensgrossen, im ganzen Stadtraum verteilten Statuen beständig über den Weg.

Am präsentesten aber wurde Zwingli in der schweizerischen Öffentlichkeit durch den erfolgreichen, Anfang des Jahres pünktlich zum Reformationsjubiläum produzierten Kinofilm „Zwingli“ (CH 2019, Regie: Stephan Haupt). Genau der aber tut so gar nichts Tapferes. Zwar werden eine chronologisch erzählte Lovestory (das Ehepaar Zwingli), angedeutete action (die nicht gefilmte Schlacht bei Kappel), moralische Identifikation (die mutige Äbtissin des Fraumünsters), unverhüllter Schauder (die Ertränkung des Täufers Manz in Anlehnung an die chronikalische Überlieferung) mit präsentistischen Dialogen und musikalischem Pathos (von einem hochkarätigen Orchester und weltbekannten Solisten eingespielte Filmmusik) gekonnt zu einem eidgenössischen Hollywood Film kombiniert, doch ist es aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive ein Leichtes, die zahllosen medialen und historischen Klischees der an einen Heimatfilm erinnernden Produktion zu identifizieren und zu kritisieren. Dies haben andere bereits getan, allerdings ohne die Frage zu stellen, wie man die Zürcher Reformation historisch angemessen hätte filmisch erzählen können.

Historische Klischees

Im Film „Zwingli“ ist immer schon klar, wer auf der richtigen Seite der Geschichte steht. Zwingli, der Zürcher Rat und die Fraumünster-Äbtissin Katharina von Zimmern setzen sich als progressive Kräfte gegen den hoffnungslos reaktionären Chorherrn Hoffmann, den korrupten Bischof von Konstanz, und all jene durch, die sich, wie es im Film vollkommen anachronistisch heisst, „nach den alten Gewissheiten sehnen.“ Der Film verharrt in teleologischen Klischees einer Befreiung vom „dunklen Mittelalter“ durch die erlösende Reformation. Er provoziert keine Fragen, sondern bestätigt populäre, aber unzutreffende, Vorstellungen von der Vergangenheit. Mit seinen Kulissen, seiner Musik und Dramaturgie befriedigt er die Erwartungen eines Publikums, das einen „schönen“ Film sehen und gleichzeitig nebenbei eine eindeutige Geschichte der Reformation mitnehmen möchte.

„Zwingli“ ist nicht lediglich ein harmloser mit grossen Mitteln gross inszenierter historischer Unterhaltungsfilm. Wenn Schulklassen der zweiten Sekundarstufe scharenweise ins Kino geführt werden oder die jüngst erschienene DVD im Unterricht vorgeführt wird, dann hat der Film unmittelbaren Einfluss auf gesellschaftliche Geschichtsbilder. Wenn wiederum im eigens zum Film entwickelten Lehrmaterial Geschichte zu etwas macht wird, bei dem man lediglich die Lebensdaten von Persönlichkeiten zusammenträgt, geht das auch die Geschichtswissenschaft unbedingt etwas an. Denn: Wie der Kinofilm „Zwingli“ die Zürcher Reformationsgeschichte präsentiert und was Schulmaterialien daraus machen, ist symptomatisch für einen allzu beliebten und doch problematischen Zugang zur Geschichte. Geschichte wird auf Chronologie reduziert. Geschichte erscheint als eine eindeutige lineare Entwicklung, die Selbstidentifikation anbietet. Mit dieser überholten Vorstellung von „Geschichte“ verfehlt der Kinofilm „Zwingli“ die Komplexität der historischen Konstellation „Reformation“. Aber wie lässt sich geschichtliche Komplexität erfolgreich verfilmen?

Multiperspektivität

Das Phänomen Zwingli historisch ernst zu nehmen, hiesse, die Reformation als eine offene geschichtliche Konstellation zu präsentieren. Ein solcher Ansatz wäre nicht nur deshalb im besten Sinne historisch, weil er ohne Kategorien wie Fortschritt und Rückständigkeit auskäme, sondern auch weil er die Chance böte, Zwingli und das Zürich des frühen 16. Jahrhunderts als fern und fremd vorzuführen. Vor allem aber würden die Handlungsmotive, Beweggründe und Wahrnehmungen verschiedener Beteiligter zu ihrem Recht kommen und als in sich plausibel und sinnhaft verständlich werden. Der Komplexität der Reformationszeit, wie sie die Geschichtswissenschaft seit Jahrzehnten herausstreicht, könnte durch konsequente Multiperspektivität Rechnung getragen werden.

Um dies in bewegten Bildern umzusetzen, muss man nicht einmal etwas wirklich Tapferes tun. Es ist ja nicht so, als würde die Filmgeschichte keine Vorbilder für die Repräsentation von Multiperspektivität und Komplexität bereitstellen. Der sicherlich bekannteste Fall ist Akira Kurosawas Klassiker „Rashomon“ von 1951. Der Film erzählt die Geschichte eines Mordes an einem Samurai im mittelalterlichen Japan aus vier verschiedenen Perspektiven, ohne dass eine davon als plausibler oder gar als endgültig wahr privilegiert würde. Im Gegenteil: Alle Versionen, die des Täters, des Opfers, seiner Frau und eines unbeteiligten Augenzeugen werden einander gleichwertig gegenübergestellt, keine kann grössere Glaubwürdigkeit für sich beanspruchen als eine andere. Der Film inszeniert Multiperspektivität nicht nur als Darstellungsprinzip, sondern auch als Modus der Weltwahrnehmung. Auf diese Weise ist er radikal historisch, indem er jedes geradlinige und eindeutige Narrativ dessen, was vermeintlich eigentlich gewesen sei, radikal verabschiedet. „Rashomon“ wurde in der Folge weit über das Kino oder die Filmwissenschaft hinaus zum Paradigma von Komplexität.

Der „Rashomon-Effekt“

Der amerikanische Anthropologe Karl Heider sprach 1988 vom „Rashomon effect“ als der Herausforderung, ethnologische (aber natürlich ebenso historische) Komplexität angemessen zu repräsentieren. Dabei geht es nicht nur um das schlichte Nebeneinander von verschiedenen Versionen derselben Geschichte, sondern auch um das Aushandeln und Aushalten von konfligierenden Plausibilitätsansprüchen. In diesem Sinne präzisiert der kanadische Kommunikationswissenschaftler Robert Anderson, was mit dem „Rashomon effect“ gemeint ist: „[T]he Rashomon effect is a combination of a difference of perspective and equally plausible accounts, with the absence of evidence to elevate one above others, with the inability to disqualify any particular version of the truth, all surrounded by the social pressure for closure on the question.“ Das wahrhaft Beunruhigende und zugleich Interessante am „Rashomon effect“ liegt also in der Gleichzeitigkeit von Unsicherheit und dem gesellschaftlichen Bedürfnis nach Eindeutigkeit. Ein Mord will schliesslich aufgeklärt und gesühnt werden. Eben diese Integration von verschiedenen Wahrnehmungen in eine grosse Meistererzählung verweigert „Rashomon“ konsequent.

Wie sähe ein solches Reformations-Rashomon konkret aus? Der Rashomon effect würde es ermöglichen, den Reformator als jemand zu präsentieren, der ein religiöses und politisches Angebot zu machen hatte, das viele begeistert annahmen, andere aber ebenso mit guten Gründen ablehnten. Als das Heilsmonopol der römischen Kirche bröckelte, eröffneten sich mehrere „windows of opportunity“, die nicht von vornherein und ex post nach ihrem historischen „Erfolg“ bewertet werden dürfen. Ein solches stellte etwa auch die radikale Reformation der Täufer um den Patriziersohn Konrad Grebel dar, der vor dem zeitgenössischen Horizont eine ganz und gar plausible religiöse und gesellschaftliche Position vertrat, neben der Zwinglis Weg keineswegs als einzig sinnvoller bleiben muss. Auch der spätmittelalterliche Katholizismus und die römische Kirche dürfen nicht einfach als marode und korrupt dargestellt werden, sondern im Einklang mit der reformationsgeschichtlichen Forschung der letzten 50 Jahre als vielfältige, durchaus lebendige und effiziente Kultur der Heilsvermittlung. Ihre Vertreter erschienen dann als reflektierte und reformfähige Angehörige einer ehrwürdigen Institution. Der Konstanzer Bischof Hugo von Hohenlandenberg etwa träte auf als der humanistisch gebildete und kommunikativ begabte Kirchenmanager, als der er in den Quellen erscheint. Den Widerstand gegen Zwinglis Reformationsanstrengungen könnten Zuschauer*innen als wohldurchdachte und in der Geschichte der Kirche bewährte Bemühung verstehen, die religiöse Einheit in der Vielfalt zu bewahren. Vor allem träte Zwingli nicht als alleiniger Protagonist auf. Daneben stünde das Reden über Zwingli, die unterschiedlichen Wahrnehmungen der Ereignisse und die sich wandelnden Standpunkte der Zeitgenossen im Mittelpunkt der Handlung.

Eine neue Protagonistin

Ein Reformations-Rashomon böte ausserdem die Möglichkeit, zusätzlich zur Haltung der Gebildeten die Vielfalt der religiösen Erfahrungen der Zürcher Bevölkerung zu zeigen. Jene Magd, die das kollektive Wurstessen zur Fastenzeit 1522, das die reformatorischen Konflikte in der Stadt eskalieren liess, dem Rat anzeigte: Wäre sie nicht geeignet, eine weitere konkurrierende Perspektive auf die Ereignisse zur Anschauung zu bringen? Spielen wir das Szenario einmal durch: Die Magd hat einen Namen, als Elsi Flammer ist sie in den Quellen überliefert. Was sie dem Rat zur Anzeige brachte, war aus der Sicht einer frommen Christin des frühen 16. Jahrhunderts kein harmloses, fleischseliges Beisammensein, sondern die Profanierung des Christlichen überhaupt. Christ sein hiess im Mittelalter, so die amerikanische Mediävistin Caroline Walker Bynum schon 1984, die Eucharistie zu empfangen und freitags sowie in der Fastenzeit kein Fleisch zu verzehren. Im Zürcher Wurstessen, an dem nicht zufällig zwölf Teilnehmer das Abendmahl mit der Wurstscheibe als Hostie verspotteten, sah Elsi Flammer ihre ganze christliche Lebensweise in Frage gestellt. Diese zentrale Episode der Zürcher Reformation aus der Sicht der Magd zu zeigen, würde das vielschichtige Bild spätmittelalterlicher Frömmigkeit ergänzen und zusätzlich die Chance bieten, die Quellen der Reformationsgeschichte selbst ins Spiel zu bringen. Warum nicht die Verhörprotokolle des Zürcher Rates ins Szene setzen, die über Elsi Flammer überliefert sind und sich für dramaturgisch ansprechende Dialoge geradezu aufdrängen? Anstatt das Wurstessen anachronistisch ausschliesslich als provokante Performance gegen absurde Religionsvorschriften zu inszenieren, liesse sich aus der Perspektive der Magd und der Vertreter des Ratsgerichts das Wurstessen als ein dramatischer Verstoss gegen die gottgewollte Ordnung historisieren.

Ein Reformations-Rashomon, in dem verschiedene Stimmen zu Wort kämen, würde nicht nur für mehr historisch angemessene Komplexität und Mehrdeutigkeit sorgen, sondern könnten auch verdeutlichen, wie fremd uns heute die Reformation geworden ist, wie wenig wir uns daher mit ihr identifizieren können. Wie konnte man sich nur buchstäblich bis aufs Blut darum streiten, ob ein Stück Brot der materielle, essentielle oder spirituelle Leib Christi ist, der Wein zum allein dem Priester vorbehaltenen Blut Christi gewandelt wird oder das Abendmahl lediglich eine symbolische Erinnerungshandlung ist, an der alle Gläubigen Brot und Wein miteinander teilen? Statt beruhigend eindeutige Antworten auf die Ereignisse um Zwingli zu liefern, würde ein Reformations-Rashomon weiterführende, offene Fragen über den Prozess der Reformation aufwerfen. Ob ein solcher Zugriff wirklich zu „tapfer“ wäre – eine unpopuläre Zumutung für das breitere Publikum, das angeblich immer nur in seinen Geschichtsbildern bestätigt werden will? Dies ist solange offen, solange das Risiko der Innovation gescheut wird.