In den 1960er und 70er Jahren war LSD der Brennstoff der US-amerikanischen und der europäischen Gegenkulturen und der „acid-head“ ein Rebell. Heute erlebt die Substanz eine erstaunliche neue Karriere: „Microdosiert“ dient sie zu Leistungssteigerung und Anpassung an die flexibilisierte Arbeitswelt.

4. Februar 2018 Lesezeit ca. 7 Minuten Artikel drucken In Pocket speichern
  • Kristoff Kerl ist wissen­schaftlicher Mitarbeiter an der Abteilung für Nord­ameri­kanische Geschichte an der Uni­versität zu Köln. Er forscht zur Geschichte des Rausches in den westlichen Gegenkulturen von den 1960ern bis in die 1980er Jahre.

Seit einigen Jahren kommt es zur Ausbrei­tung einer neuar­tigen Form des Konsums von Lyserg­säu­re­di­ethyl­amid, besser bekannt als LSD. Nachdem „Acid“, wie LSD im Jargon der gegen­kul­tu­rellen Milieus bezeichnet wurde, in den frühen 1970er Jahren nach einigen Jahren des Hypes wieder aus dem Blick­winkel vieler Menschen geriet, erfährt die Substanz unge­fähr fünfzig Jahre nach der geschei­terten „psyche­de­li­schen Revo­lu­tion“ in Form des Micro­dosing gegen­wärtig einen erneuten Aufmerk­sam­keits­schub. Zeitungen berichten von „LSD-Fans, die ihren Alltag im Microdosing-Rausch verbringen“, im Silicon Valley schwärmen IT-Spezialist_innen und Software-Entwickler_innen von den produktivitäts- und krea­ti­vi­täts­stei­gernden Wirkungen des Micro­dosing, und Coaches geben Online-Tutorials und vermit­teln dabei Neueinsteiger_innen Wissen über die ‚rich­tige‘ und ‚produk­tive‘ Anwen­dung niedrig dosierten LSDs.

Den Auslöser dieses revi­ta­li­sierten Inter­esses an LSD bildet das 2011 publi­zierte Buch The Psyche­delic Explorer’s Guide. Safe, Thera­peutic, and Sacred Jour­neys von James Fadiman. Fadiman, der bereits in den 1960er Jahren zu einer kleinen Gruppe von Forscher_innen gehörte, die nach Wegen suchten, LSD zur Produk­ti­vi­täts­stei­ge­rung einzu­setzen, ist heute ein Star der wach­senden Szene des Micro­dosing und hält mitunter Vorträge vor hunderten Zuhörer_innen. Weitere bedeu­tende Akteure in der weit­ge­hend dezen­tralen Micro­dosing-Commu­nity sind die briti­sche Beckley Foun­da­tion  und die Webside Third Wave, deren Gründer Paul Austin bereits Kapi­tal­geber für ein „micro­dosing psyche­delic startup“ sucht.

Beim Micro­dosing nehmen die Konsu­mie­renden in regel­mä­ßigen Abständen (häufig in einem Rhythmus von drei bis vier Tagen) äußerst geringe Mengen psycho­ak­tiver Substanzen wie LSD oder Psilo­cybin ein. Dabei werden die Dosen derart niedrig gehalten, dass sie keinerlei hallu­zi­no­gene Rausch­wir­kungen entfalten, die Effekte also unter­halb der Wahr­neh­mungs­grenze verbleiben. Trotz dieser „subper­zep­tualen“ Wirkung der einge­nom­menen Substanzen koppeln die Befürworter_innen große Erwar­tungen an das Micro­dosing. Sie erhoffen sich zum einen eine Stei­ge­rung der kogni­tiven Leis­tungs­fä­hig­keit und Produk­ti­vität, zum anderen die Heilung psychi­scher Probleme wie Angst­zu­stände oder Depressionen.

Eine Geschichte der Gegenkultur

Die Vorstel­lung, dass LSD zur posi­tiven Verän­de­rung des Selbst beitragen könne, begleitet die Substanz seit ihren Anfängen. 1943 vom Sandoz-Chemiker Albert Hofmann in Basel entdeckt, expe­ri­men­tierten Pharmakolog_innen und Psychiater_innen bereits in den 1950er Jahren mit LSD. Von den 1960er bis in die frühen 1970er Jahre erfuhr LSD dann seine bishe­rige Hoch­zeit und wurde für einige Jahre zu einem signi­fi­kanten Bestand­teil west­li­cher Gegen- und Popkulturen.

The Velvet Illu­sions: Acid Head; Quelle: spotify.com

In den 1960er Jahren kam es ausge­hend von den USA in west­li­chen Ländern zur Ausbrei­tung gegen­kul­tu­reller Milieus und Bewe­gungen. Diese wollten die gesell­schaft­li­chen Verhält­nisse durch eine „kultu­relle Revo­lu­tion“ umge­stalten. Dabei waren die aus unter­schied­lichsten Akteur_innen bestehenden Gegen­kul­turen in diffe­rie­rende, sich zum Teil über­lap­pende Strö­mungen aufge­fä­chert. Einige strebten nach der Aufhe­bung westlich-kapitalistischer Formen der Verge­sell­schaf­tung, andere wiederum zielten primär auf die Über­win­dung eines angeb­lich in west­li­chen Ländern vorherr­schenden „spiri­tu­ellen Vakuums“ und suchten ihr Heil häufig in reli­giösen Lehren aus Fernost.

Die Vision einer inter­na­tio­nalen „kultu­rellen Revo­lu­tion“ ging in gegen­kul­tu­rellen Milieus mit mannig­fal­tigen Poli­tiken des Selbst einher, in denen wiederum Körper(-praktiken) eine zentrale Stel­lung einnahmen. Körper erfuhren eine immense Poli­ti­sie­rung und wurden als Terri­to­rien gesell­schaft­li­cher Konflikte und Macht­kämpfe verstanden. Für den Konsum psyche­de­li­scher Drogen bedeu­tete dies, dass die unter Einfluss der Substanzen gemachten Körper­er­fah­rungen zu einer Verän­de­rung des Selbst und darüber vermit­telt zur Umfor­mung der Gesell­schaft beitragen sollten. In seiner breit rezi­pierten Schrift Bewusst­seins­er­wei­ternde Drogen. Eine Auffor­de­rung zur Diskus­sion von 1969 beschrieb Ronald Steckel Psyche­de­lika „als Hilfs­mittel im Bemühen um die Verwirk­li­chung der Gegen­kultur: Instru­mente, die zur Entfal­tung der eigenen Sinnes- und Denk­tä­tig­keit benutzt werden.“

Die Poli­ti­sie­rung von LSD

So unter­schied­lich die Ausrich­tungen der gegen­kul­tu­rellen Milieus, so verschieden waren auch die Vorstel­lungen von Gesell­schaft, zu der der Konsum psyche­de­li­scher Substanzen den Weg bahnen helfen sollte. In den mehr spiri­tuell ausge­rich­teten gegen­kul­tu­rellen Milieus galten psyche­de­li­sche Drogen primär als ein Mittel, um die in west­li­chen Gesell­schaften angeb­lich verküm­merte Spiri­tua­lität wieder­zu­be­leben. Timothy Leary, das bis heute sicher­lich bekann­teste Gesicht der „psyche­de­li­schen Revo­lu­tion“, nannte LSD im Buch Poli­tics of Ecstasy ein Sakra­ment, das dazu beitrage, sich mit „Lao-Tse, Christus, Blake“ zu verbinden. Er empfahl den Anhänger_innen der psyche­de­li­schen Bewe­gung reli­giöse „clans“ zu gründen, um aus den mate­ria­lis­ti­schen west­li­chen Gesell­schaften auszu­steigen. Anar­chis­tisch inspi­rierte Personen und Gruppen wiederum stellten ein enges Verhältnis zwischen Drogen­konsum und der Aufhe­bung kapi­ta­lis­ti­scher Formen der Verge­sell­schaf­tung her. Für John Sinc­lair zum Beispiel, der in den USA 1968 die links­ra­di­kale White Panther Party mitge­gründet hatte, war LSD ein Mittel, um die Entfrem­dung junger Menschen zu über­winden und die Jugend zu einer poli­tisch radi­kalen Kraft zu formen. Andere, wie der Lite­ra­tur­kri­tiker Leslie Fiedler, verstanden den Konsum psyche­de­li­scher Drogen als eine Stra­tegie im „Krieg gegen Arbeit und Zeit“ und damit gegen zwei der elemen­taren Säulen kapi­ta­lis­ti­scher Vergesellschaftung.

Teile der Linken kriti­sierten den Drogen­konsum jedoch als Verschleie­rung des revo­lu­tio­nären Bewusst­seins sowie als Anpas­sung an die bestehenden gesell­schaft­li­chen Verhält­nisse, und auch einige Anhänger_innen der psyche­de­li­schen Bewe­gung erkannten die Gefahr, dass Drogen­konsum zur Stabi­li­sie­rung des Bestehenden beitragen könne. Da der bloße Konsum psycho­ak­tiver Substanzen nicht von sich aus gesell­schafts­ver­än­dernde Effekte hervor­bringe, bedürfe der Drogen­konsum, um die gewünschten Poten­ziale entfalten zu können, der Einbet­tung in gegen­kul­tu­relle Umwelten und der Anbin­dung an Lebens­stile, die gegen die Mehr­heits­ge­sell­schaft gerichtet waren. Trotz solcher Postu­late warnten einige Gegen­kul­tu­relle bereits in den 1970er Jahren vor der vermeint­li­chen Entpo­li­ti­sie­rung der berau­schenden Substanzen. Zugleich setzte ein deut­li­cher Bedeu­tungs­ver­lust der Psyche­de­lika (auch) in alter­na­tiv­kul­tu­rellen Milieus ein, wozu Heroin und Diskurse um Drogen­sucht maßgeb­lich beitrugen.

Opti­mie­rung, Flexi­bi­li­sie­rung und (Selbst-)Verwertung

LSD-microdosing; Quelle: rollingstone.com

Heute haben sich die Impli­ka­tionen und die Stoß­rich­tung des LSD-Konsums um 180 Grad gedreht. Zwar gibt es auch im Kontext des Micro­dosing noch verein­zelt Versuche, die durch die Einnahme psyche­de­li­scher Substanzen vermeint­lich erzielten Verän­de­rungen des Selbst zur Über­win­dung gesell­schaft­li­cher Herr­schafts­struk­turen fruchtbar zu machen, aller­dings weist die substanz­in­du­zierte Arbeit am Selbst im über­wie­genden Teil der Fälle eine völlig andere Rich­tung auf als während der 1960er und 1970er Jahre. Nicht mehr die – wie auch immer gear­tete – Trans­for­ma­tion der Gesell­schaft soll durch einen Wandel der Subjek­ti­vität reali­siert werden. Viel­mehr geht es um eine immer bessere Ausrich­tung der Konsument_innen auf die Anfor­de­rungen der perma­nenten Opti­mie­rung, Flexi­bi­li­sie­rung und (Selbst-)Verwertung, die in der Gegen­wart an das Selbst heran­ge­tragen werden. Diese Verschie­bung kommt in den Worten zum Ausdruck, mit denen auf der Webseite Third Wave für ein Zeit­alter des Micro­dosing geworben wird: „It is an era of psyche­delic use defined by prac­tical, measured use for specific purposes. It is an era, not for ‚drop­ping out‘ and rebel­ling against society, but for inte­gra­ting psyche­de­lics into our main­stream culture.”

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Dieser Konnex zwischen Drogen­konsum und Selb­st­op­ti­mie­rung stellt aller­dings keines­wegs eine Erfin­dung der letzten Jahre dar. Bereits in den 1980er Jahren wurde Kokain als leis­tungs­stei­gerndes Mittel einge­nommen. In den 1990er Jahren wurden dann, wie Robert Feustel gezeigt hat, der Konsum von Drogen wie Ecstasy und damit verbun­dene Rausch­zu­stände in den Dienst der Opti­mie­rung gestellt: zum einen indem sie als Mittel zur Stei­ge­rung der Produk­tiv­kraft Krea­ti­vität einge­setzt wurden, zum anderen, weil sie durch das Gewähren kurzer Momente der inten­si­vierten Frei­zeit und des Ausstei­gens aus dem Alltag zur Repro­duk­tion und Opti­mie­rung der Arbeits­kraft beitragen sollten.

Sukzes­sive verän­dert das Micro­dosing nun aber diese Form der substanz­in­du­zierten Selb­st­op­ti­mie­rung. In diesem Zusam­men­hang spielt das grund­le­gend andere Verhältnis zum Rausch eine bedeu­tende Rolle. An die Stelle des ökono­misch produktiv gemachten Drogen­rau­sches der 1990er Jahre tritt dabei ein Körper­zu­stand, der nicht durch Berauscht­sein, sondern durch opti­male Geis­tes­schärfe und äußerste Leis­tungs­fä­hig­keit gekenn­zeichnet ist und für den der Psycho­loge Mihály Csíks­zent­mi­hályi den Begriff flow state geprägt hat. Die Entkopp­lung psyche­de­li­scher Substanzen von Rausch­zu­ständen geht mit einer Entgren­zung dieser Stoffe einher. Sie sind nicht mehr auf Phasen der Erho­lung und der Repro­duk­tion der Arbeits­kraft sowie auf einige Bran­chen der Krea­tiv­wirt­schaft beschränkt, sondern könnten zuneh­mend zu einem Bestand­teil der verschie­densten Bereiche der Alltags- und Arbeits­welt werden.

LSD at work; Quelle: menshealth.com

Davon verspre­chen sich die Befürworter_innen des Micro­dosing nicht bloß eine quali­ta­tive Aufwer­tung der Arbeits­kraft, indem diese bessere und krea­ti­vere Lösungen für Probleme bei der Arbeit findet und mit mehr Energie an die Erle­di­gung der Aufgaben geht. Sie erhoffen auch eine quan­ti­ta­tive Produk­ti­vi­täts­stei­ge­rung. So soll Micro­dosing zum Beispiel dazu beitragen, das Prokras­ti­nieren – also die nicht produk­tive Zeit – zu redu­zieren. Neben diesen vermeint­li­chen posi­tiven Auswir­kungen des Micro­dosing auf die Arbeits­leis­tung werden den mikro­dosierten psyche­de­li­schen Substanzen auch posi­tive Auswir­kungen auf die emotio­nale Intel­li­genz, eine weitere wich­tige Quali­fi­ka­tion auf dem heutigen Arbeits­markt, zuge­schrieben. So stei­gere Micro­dosing die sozialen Fähig­keiten und verbes­sere die Führungs­qua­li­täten der Konsumierenden.

Während in den 1960ern LSD als ein Instru­ment in den Kämpfen gegen Arbeit und Zeit oder als ein Stoff zur Respi­ri­tua­li­sie­rung west­li­cher Gesell­schaften vorge­stellt war, sind psyche­de­li­sche Drogen in den letzten Jahren in Form des Micro­dosing zu Mitteln der gestei­gerten Verwer­tung von Zeit und Arbeit geworden (was natür­lich nicht heißt, dass psyche­de­li­sche Drogen nicht nach wie vor auch im Kontext von Frei­zeit­ak­ti­vi­täten Verwen­dung finden). Das Primat der voll­stän­digen Ökono­mi­sie­rung und Verwer­tung hat dabei nicht nur die Welt der berau­schenden Substanzen durch­drungen und sie für sich nutzbar gemacht, wie bereits in den 1980er und 1990er Jahren. Viel­mehr hat diese Ökono­mi­sie­rung das Verhältnis zwischen psyche­de­li­schen Substanzen und Rausch grund­le­gend verän­dert – und damit auch die Wech­sel­be­zie­hungen zwischen diesen Stoffen, ihren Subjekten und unseren Gesellschaften.

  • Kristoff Kerl ist wissen­schaftlicher Mitarbeiter an der Abteilung für Nord­ameri­kanische Geschichte an der Uni­versität zu Köln. Er forscht zur Geschichte des Rausches in den westlichen Gegenkulturen von den 1960ern bis in die 1980er Jahre.
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