Am 26. April jährt sich die Reaktorkatastrophe im Kernkraftwerk Tschornobyl zum 40. Mal. Damals explodierte in der Nacht um 01:23 Uhr der Reaktor in Block 4 des Kernkraftwerkes. Der Super-GAU geschah bei einem Sicherheitscheck durch eine Kombination aus Sicherheitsmängeln, fehlerhaftem Bedienverhalten und Konstruktionsfehlern am RBMK-Reaktor. Das anschliessende Schweigen der sowjetischen Regierung zeigt einen besonders gefährlichen Aspekt von Propaganda, die nicht in der Erfindung von Falschnachrichten liegt, sondern im Heruntersspielen, Vertuschen und Inszenieren von Normalität.
Der Journalist Vasyl Zoria war damals ein junger Reporter bei der „Pravda Ukrainy“ in Kyiv.
Sylvia Sasse: Herr Zoria, können Sie sich daran erinnern, wann und wie Sie von der Explosion im Kernkraftwerk Tschornobyl erfahren haben?
Vasyl Zoria: Woher erfuhr ich selbst von dem Unfall? Am 27. April, ein Tag nach dem Reaktorunglück, fuhren an meinem Haus in Kyiv Kolonnen von Bussen vorbei, mit denen zunächst etwa 50.000 Einwohner aus der Stadt Prypjat evakuiert wurden, in der sich das Kernkraftwerk befand. In der Redaktion der Zeitung „Prawda Ukrainy“ wusste niemand etwas – ausser einer einzigen Person: dem Chefredakteur der Zeitung. Er hatte die Information erhalten, nachdem er im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Ukraine gewesen war. In diesem Gebäude befindet sich heute übrigens die offizielle Residenz des Präsidenten der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj. Zum Zeitpunkt der Katastrophe war es dem Chefredakteur strengstens verboten, diese Information auch nur unter Kollegen zu verbreiten.
Sylvia Sasse: Was dachten Sie, als Sie die Busse gesehen haben?
Vasyl Zoria: Ich spürte eine kognitive Dissonanz aufgrund der widersprüchlichen Gefühle. Ein Unbehagen angesichts der Erkenntnis, dass irgendwo in der Nähe eine grosse Katastrophe eingetreten war und die Behörden gezwungen waren, aussergewöhnliche Massnahmen zur Rettung der Bevölkerung zu ergreifen. Andererseits war ich völlig verwirrt.
Sylvia Sasse: Wie ging es mit der Informationspolitik weiter?
Vasyl Zoria: Für die gewöhnlichen sowjetischen Bürger:innen, zu denen ich seit den 1970er Jahren gehörte, wurde das ganze Geheimnis der Tragödie von Tschornobyl erst viele Jahre nach dieser weltweit grössten technogenen Katastrophe der Kernenergie vollständig sichtbar. Dabei begann ich meine journalistische Karriere in den 1980er Jahren in einer der am besten informierten und grössten kommunistischen Zeitungen der Ukraine.
Doch leider hatten weder ich noch die überwältigende Mehrheit der ukrainischen Journalisten – geschweige denn gewöhnliche Menschen – auch nur eine ungefähre Vorstellung davon, was sich nur 150 Kilometer von Kyiv entfernt im Kernkraftwerk Tschornobyl abspielte. Der Kreis der Eingeweihten in dieses Geheimnis war äusserst klein. Ich meine damit nur jene, die Zugang zur „Weissen TASS“ und zur „Roten TASS“ hatten.
Sylvia Sasse: Was bedeutet „Weisse TASS“ und „Rote TASS“?
Vasyl Zoria: „Weiße TASS“ war ein geschlossenes Informationsbulletin mit relativ objektiven, faktischen Informationen für die Führung und wurde in einer Auflage von mehreren Hundert Exemplaren, im Umfang von etwa 20 bis 30 Seiten in einem weissen Umschlag mit dem Vermerk „streng geheim“ an mehrere Hundert Parteifunktionäre – vom Kreml bis zu den Ersten Sekretären der Gebietskomitees der Kommunistischen Partei verteilt.
„Rote TASS“ war eine noch engere und streng geheime Verteilung, die besonders sensible Daten (auch von den sowjetischen Geheimdiensten KGB und GRU), Analysen und Warnungen enthielt und nur für einen sehr kleinen Kreis von bis zu etwa 20 Personen bestimmt war, darunter 10–15 Mitglieder des Politbüros.
Die „Weisse TASS“ war in der sowjetischen Zeit faktisch die einzige zuverlässige und objektive Informationsquelle. Er bestand ausschliesslich aus Fakten und war mit einem Minimum an ideologischen Floskeln geschrieben. Bei einer Bevölkerung von 300 Millionen Sowjetbürger:innen wurde dieses Bulletin nur in einer Auflage von etwa 300 bis 500 Exemplaren herausgegeben. Seine Zielgruppe war streng begrenzt. In der Regel erhielten Exemplare der „Weissen TASS“ Mitglieder des Politbüros (der höchsten Staatsführung), die Leitung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der UdSSR, Regierungsmitglieder – Minister –, die Führungen der Unionsrepubliken der UdSSR, hohe Militärs sowie ranghohe Funktionäre der Geheimdienste.
Jedes Exemplar der „Weissen TASS“ hatte eine eigene Nummer, damit mögliche Informationslecks zurückverfolgt werden konnten. Unter strengster Geheimhaltung wurde er in Moskau von der TASS, der grössten Nachrichtenagentur der Sowjetunion, herausgegeben. Danach wurden die Bulletins durch einen speziellen Kurierdienst entlang der gesamten vertikalen Hierarchie der Parteiführung verteilt. Was tatsächlich im Leben der UdSSR und im Ausland geschah, wussten nur die aus Sicht des sowjetischen Regimes zuverlässigsten Personen. Diese Praxis wurde in den 1940er Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg von Josef Stalin eingeführt, um maximale Kontrolle über den Parteiapparat zu gewährleisten.
Im Jahr 1986 entstand dadurch eine paradoxe Situation. Ein regionaler Parteichef irgendwo an den Grenzen der UdSSR zu China, Iran, der Türkei, Norwegen oder Finnland wusste über die Ereignisse während und nach der Katastrophe deutlich mehr als ein Mensch, der in unmittelbarer Nachbarschaft des Kernkraftwerks lebte.
Aufgrund der Abschottung der Sowjetunion erfuhr die Gesellschaft selbst von strategischen und schicksalhaften Entscheidungen stets zuletzt.
Sylvia Sasse: In diesem Schweigen entstehen sicherlich haufenweise Gerüchte.
Vasyl Zoria: Ja genau, das Vakuum offizieller Mitteilungen in Kyiv und in der Ukraine wurde von den unglaublichsten Gerüchten gefüllt.
Man sprach von der Freisetzung tödlicher Dosen von Radioaktivität in die Atmosphäre, es wurden Prognosen über Niederschläge von radioaktivem Regen und über die Folgen der radioaktiven Strahlung gemacht. In Kyiv herrschte ein Schockzustand, und in der Stadt begann sich Panik auszubreiten. Jeder sammelte Informationen Stück für Stück und gab sie an Freunde und Nachbarn weiter.
Zum Beispiel rief meine Schwiegermutter einen guten Bekannten an und fragte, was eigentlich geschehe. Er wollte nicht ins Detail gehen – viele Beamte hatten Angst, am Telefon zu sprechen, da sie befürchteten, dass ihre Gespräche von den Geheimdiensten abgehört würden. Er sagte nur zwei Dinge: „Fahren Sie sofort weg“, und dann fügte er hinzu: „Je weiter, desto besser.“ Es war klar, dass die Behörden vom schlimmsten Szenario ausgingen – von einer möglichen Kettenreaktion im Kernkraftwerk und einer nuklearen Explosion mit potenziellen Folgen für die Hälfte des Territoriums der Ukraine.
Sylvia Sasse: Die erste Meldung über den Unfall im Kernkraftwerk Tschornobyl erschien am 27. April 1986, 36 Stunden nach der Explosion. Ein Sprecher des Rundfunknetzes von Prypjat berichtete über die Zusammenführung und vorübergehende Evakuierung der Einwohner der Stadt. Am 28. April um 21:00 Uhr meldete die TASS folgendes: „Im Kernkraftwerk Tschernobyl ist ein Unglücksfall (несчастный случай) passiert. Einer der Reaktoren wurde beschädigt. Es werden Massnahmen ergriffen, um die Folgen des Vorfalls zu beseitigen. Den Verletzten wurde die notwendige Hilfe geleistet. Es wurde eine Regierungskommission zur Untersuchung des Vorfalls eingerichtet.“ Was war typisch an dieser Meldung in der Sowjetunion?
Vasyl Zoria: Die erste TASS-Meldung über den Unfall in Tschornobyl wirkte befremdlich. Darin wurde der Unfall wie ein gewöhnliches Ereignis dargestellt – etwa wie ein lokaler Brand oder das Austreten von Schadstoffen – zu einem Zeitpunkt, als bereits eine Massenevakuierung stattfand. Der Text enthielt keinerlei konkrete Informationen, als ob derartige Notfälle in sowjetischen Kernkraftwerken nahezu täglich vorkämen.
Doch über viele Jahrzehnte sowjetischer Herrschaft hatten die Bürger:innen gelernt, wie man zwischen den Zeilen liest. Es war typisch für die sowjetische Propaganda, ausschliesslich über positive Ereignisse zu berichten und deren Bedeutung zu übertreiben und negative Nachrichten hingegen zu verschweigen. Darin spiegelte sich die Haltung der Kommunistischen Partei gegenüber dem Volk als einer steuerbaren Masse wider und zwar während der gesamten Zeit ihrer Herrschaft.
Sylvia Sasse: Das Verschweigen der Missstände und Katastrophen führte dabei stets zur Verschlimmerung derselben. Die Katastrophe entstand durch Schweigen – die Mitarbeiter des Kernkraftwerks sind nicht über die potenziellen Probleme bei Sicherheitschecks von RBMK-Reaktoren informiert worden. Und das Verschweigen der Katastrophe machte die Menschen krank.
Vasyl Zoria: Ja, so war es auch während der Hungersnot von 1933, als die Wahrheit über Kannibalismus in ukrainischen Dörfern infolge des Holodomor, der staatlich verursachten Hungersnot, erst ein halbes Jahrhundert später bekannt wurde.
Die dosierte Weitergabe von Informationen zeugte von Missachtung des Rechts des Menschen auf objektive Information – ein Recht, von dem die sowjetischen Menschen selbst nichts wussten.
Die Tatsache, dass überhaupt eine erste Meldung über Tschornobyl veröffentlicht wurde, bestätigte den aussergewöhnlichen Charakter des Ereignisses. Die Nachricht der TASS wurde als Mitteilung über eine Bedrohung höchster Stufe wahrgenommen und als Handlungsaufforderung verstanden. Jeder folgende Tag bestätigte diese Befürchtungen – klare und angemessene Informationen blieben nahezu aus. Das zwang die Menschen, Eigeninitiative zu zeigen, was für einen paternalistischen Staat untypisch war.
Sylvia Sasse: Am 1. Mai 1986 musste die Bevölkerung auch in den betroffenen Gebieten an den Feiern zum Tag der Arbeit teilnehmen. Der Demonstrationszug in Kyiv wurde abgehalten, als die radioaktive Belastung am höchsten war. Die unwissende Bevölkerung sollte so tun, als sei alles in Ordnung.
Vasyl Zoria: Ich selbst habe für meine Zeitung über diese Demonstration geschrieben. Die Menschen, darunter auch Kinder, wurden unter einem falschen Vorwand auf die Straße gelockt. In der Kolonne der Pioniere marschierte meine Schwester. Der oberste Parteiführer der Ukraine wurde sogar gezwungen, seine Enkelkinder mitzubringen. Und das alles nur, um in der Sowjetunion zu zeigen, dass in der Ukraine nichts Besonderes passiert sei und es keinen Grund zur Beunruhigung gebe. Unterdessen fiel am Vorabend der Demonstration in Kyiv der erste radioaktive Regen.
Sylvia Sasse: Kam der Befehl aus Moskau?
Vasyl Zoria: Der Erste Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Ukraine, Wolodymyr Schtscherbyzkyj, rief über die Regierungsleitung aus Kyiv in Moskau den Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU, Michail Gorbatschow, an. Schtscherbyzkyj sagte, es wäre besser, die Mai-Demonstrationen in Kyiv abzusagen, und er sei bereit, falls nötig eine Evakuierung der Stadt zu beginnen. Zu diesem Zeitpunkt lebten in der ukrainischen Hauptstadt etwa 2,5 Millionen Menschen. Doch Gorbatschow beschimpfte Schtscherbyzkyj heftig und verbot dies kategorisch. Im Gegenteil sagte er: „Kannst du dir vorstellen, welche Panik im Land ausbrechen würde? Das darf auf keinen Fall passieren. Im Gegenteil, wir müssen den Eindruck erwecken, dass die Behörden die Situation unter Kontrolle haben. Wenn du trotzdem mit der Evakuierung beginnst, werden wir dich mit Schande aus der Partei ausschliessen …“.
Gorbatschow war bereit, seinen angesehenen Parteigenossen Schtscherbyzkyj wegen angeblicher Panikmache und Verrats aus der Partei zu werfen. Der Generalsekretär gab die Anweisung, die Demonstrationen nicht abzusagen, sondern sie in allen ukrainischen Regionen durchzuführen, um zu zeigen, dass angeblich alles ruhig sei.
Sylvia Sasse: Die Bevölkerung durch Täuschung für die eigene Propaganda zu missbrauchen, war (und ist) ein typisches Verfahren. Ich kann mich daran erinnern, dass in meiner Schulklasse in der DDR diejenigen fünf Mädchen, die sich für einen Eintritt in die SED entschlossen hatten, 1986 mit einer Reise nach Kiyv „belohnt“ worden sind. Man hat also auch Jugendliche in der DDR für die sowjetische Propaganda in Moskau missbraucht, gerade diejenigen wurden betrogen, die dem System am treuesten dienten. An solchen Beispielen sieht man auch, dass die Sowjetunion nicht einfach eine Diktatur war, sondern eine imperiale Diktatur.
Aber gucken wir uns die Informationspolitik noch etwas genauer an: Erst am 14. Mai, also ganze 18 Tage später, trat Gorbatschow vor die Bevölkerung und vertuschte nach wie vor die Ausmasse des Geschehens auch durch seine Wortwahl: Er sprach von einer Havarie, aber nicht von einem GAU. Er beschwichtigte und sagte, dass trotz der „Schwere des Geschehenen der Schaden in entscheidendem Masse, dank des Mutes und des Könnens der Menschen, dank ihrer Pflichttreue, Dank der Dynamik der Handlungen aller, die sich an der Beseitigung der Folgen der Havarie beteiligten, in Grenzen gehalten werden“ konnte.
Wie wurde über Gorbatschows Statement damals diskutiert? Glaubte man ihm?
Vasyl Zoria: Die vagen Formulierungen Gorbatschows zeigten deutlich, dass der Generalsekretär erst nach zwei Wochen Worte zur Beruhigung fand und es nicht wagte, sich sofort in einer besonderen Ansprache an die Nation zu wenden. Ein solches unionsweites Format existierte in der damaligen sowjetischen Praxis überhaupt nicht.
Dies machte die Schwäche des sowjetischen Führers und seine Unentschlossenheit deutlich – letztlich auch seine mangelnde Bereitschaft, dem Informationsbedarf der Gesellschaft in einer aussergewöhnlichen Situation Rechnung zu tragen. Jahre später bestätigten Analysen und Bewertungen selbst innerhalb der sowjetischen Führungsschicht diese Einschätzung. Hinter den Kulissen hatte man einen Bürokraten zum Anführer gewählt, dem das Verständnis für derart grosse Bedrohungen fehlte und dessen Vorzüge sich auf begrenzte Verwaltungserfahrung in der Landwirtschaft, ein vergleichsweise junges Alter und eine neue Rhetorik beschränkten.
Tatsächlich erwarteten die sowjetischen Bürger intuitiv eine ganz andere Reaktion. Zum Beispiel wie im März 1979 in Pennsylvania nach dem Unfall im Kernkraftwerk „Three Mile Island“, als der Gouverneur Dick Thornburgh entschlossene Massnahmen zum Schutz der Bevölkerung ergriff. Er empfahl sofort die Evakuierung von Schwangeren und Vorschulkindern aus der Fünf-Meilen-Zone und rief die Bewohner:innen im Umkreis von zehn Meilen dazu auf, in ihren Häusern zu bleiben. Nur durch solche Massnahmen – und nicht durch das Verschweigen von Gefahren – konnte Panik verhindert werden. Der Gouverneur bemühte sich um ausgewogene Einschätzungen, obwohl die Informationen der Betreiber widersprüchlich waren.
Die Gefahr in Tschornobyl war unvergleichlich grösser. Und die Führung der KPdSU verfügte zumindest über minimale Kenntnisse der amerikanischen Erfahrungen. Dennoch veranlasste nichts die Behörden, die potenzielle Gesundheitsgefahr für die Menschen über das Prestige der Partei zu stellen, die behauptete, stets alles unter Kontrolle zu haben. Der Mythos von der absoluten Sicherheit der sowjetischen Kernenergie, der durch die Propaganda geschaffen worden war, wurde bald zerstört.
Beim Unfall von Three Mile Island kam niemand zu Schaden. Bereits drei Tage nach dem Unfall besuchte US-Präsident Jimmy Carter mit seiner Ehefrau die Anlage. Gorbatschow hingegen besuchte Tschornobyl erst drei Jahre später.
Sylvia Sasse: Gorbatschow übte bei der Ansprache vor allem Kritik am Westen, an dessen „zügelloser antisowjetischer Hetze“: Er sagte: „Was sie in diesen Tagen nicht alles redeten und schrieben, von tausenden Opfern, Massengräbern, vom ausgestorbenen Kyiv, davon dass der ganze Boden der Ukraine vergiftet ist. Alles in allem haben wir es fürwahr mit einem aufgetürmten Berg gewissenloser und böswilliger Lügen zu tun.“ Auch das ist typisch, die Propaganda immer dem politischen Gegner in die Schuhe zu schieben.
Aber, wie hat die Bevölkerung reagiert, um sich selbst zu schützen? In den Unterlagen der Staatssicherheit der DDR wurde z.B. notiert, dass es „Rückgänge beim Abkauf von Frisch- und Freilandgemüse“ und bei Frischmilch trotz Preissenkung gab. Das Ministerium leitet daraufhin „Massnahmen“ ein, die auf eine Vermeidung von Verlusten zielten und liess Lebensmittel konservieren. Mütter haben aufgehört zu stillen, die Sandkästen waren leer. Wie haben Sie sich in Kyiv geschützt?
Vasyl Zoria: „Die Rettung des Ertrinkenden liegt in den Händen des Ertrinkenden selbst.“ Dieser beliebte Satz aus der sowjetischen Literatur spiegelt das Verhalten der Bevölkerung sehr treffend wider. Da nach der Katastrophe von Tschornobyl seitens der Behörden weder Hilfe noch Klarheit zu erkennen war, suchte jeder selbst nach einem Ausweg.
Die Eltern fürchteten vor allem die gesundheitlichen Folgen der radioaktiven Kontamination für ihre Kinder. Deshalb wurden zu Beginn des Sommers 1986 alle Kinder und Jugendlichen aus Kyiv evakuiert. Im Sommer 1986 war die Hauptstadt der Ukraine drei Monate lang wie ausgestorben. Die menschenleeren Strassen und die leeren öffentlichen Verkehrsmittel vermittelten den Eindruck einer Massenflucht aus der drittgrössten Stadt der Sowjetunion.
Ich will es nicht verschweigen: Es gab viele Fälle, in denen sogar Verwandte in anderen Regionen sich weigerten, Bewohner der Region Kyiv aufzunehmen, aus Angst vor Radioaktivität.
Unmittelbar nach der Katastrophe von Tschornobyl versuchten alle, nicht auf die Strasse zu gehen, nicht einmal für Spaziergänge. Die Fenster in den Häusern waren selbst bei Hitze fest verschlossen, obwohl es in gewöhnlichen Wohnungen keine Klimaanlagen gab. Die Menschen fürchteten sich vor radioaktiver Kontamination, was bis zu einer panischen Angst vor radioaktivem Staub reichte. Auf Empfehlung der Gesundheitsbehörden wurde in den Häusern täglich eine Nassreinigung durchgeführt. Nicht nur die Wohnungen, sondern auch die Treppen zwischen den Stockwerken wurden gereinigt. Ende April begann man mit der regelmässigen täglichen Bewässerung der Strassen mit speziellen Lösungen, um den Gehalt an radioaktivem Staub zu senken. Dies war Teil der Dekontaminierungsmassnahmen. Radioaktive Partikel wurden von den Strassen, Dächern und Wänden der Gebäude abgewaschen, um die Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung zu verringern.
Sylvia Sasse: Wie reagierten Sie persönlich?
Vasyl Zoria: Eine Woche nach dem Unfall gelang es mir, meine schwangere Frau aus Kyiv nach Moskau zu bringen. Am Hauptbahnhof herrschte Chaos. Die Fahrkarten für alle Richtungen waren für mehrere Wochen im Voraus ausverkauft. Normalerweise bestanden die Züge aus 16 Waggons, doch am Tag der Abreise meiner Frau wurden noch acht weitere Waggons an ihren Zug angehängt. Das war riskant und unsicher. Doch die Eisenbahngesellschaft willigte unter dem Druck der Behörden ein.
Es ging das Gerücht um, dass sich radioaktiver Staub besonders auf dem Gras in den Städten und in den Wäldern ansammle. Der Verzehr von Grünzeug, Pilzen und Gemüse, die häufig gegessen wurden, ging drastisch zurück. Die Angst, eine übermässige Strahlendosis zu erhalten, drang massiv ins Unterbewusstsein der Menschen ein.
Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich zu meiner Frau fuhr, nachdem unsere älteste Tochter geboren worden war. Ich ging auf einem schmalen Pfad durch den Park und stellte mit Entsetzen fest, dass ich Angst hatte, das Gras zu betreten, da ich es unbewusst für radioaktiv hielt. Dabei lag diese Stadt 1000 Kilometer vom Unfallort entfernt.
In der Ukraine selbst führte die Katastrophe unterdessen zu etwa 100.000 bis 200.000 zusätzlichen Abtreibungen, die aus Angst vor Geburtsfehlern vorgenommen wurden. Obwohl in der Praxis nach dem Unfall keine solchen Fälle registriert wurden, glaubten die Menschen nicht daran, dass es keine gab. Sie wussten: Die sowjetischen Ärzte hatten die Anweisung erhalten, selbst die entferntesten Vermutungen, dass die Krankheiten der Patienten mit radioaktiver Kontamination in Zusammenhang stehen könnten, aus den Datenbanken zu löschen.
Sylvia Sasse: Später hat Gorbatschow die Reaktorkatastrophe auch als das Ende der Sowjetunion bezeichnet. Sehen Sie das aus ukrainischer Perspektive auch so? Begann damit eine ökologische und dissidentische Bewegung, die sich gegen Moskau richtete?
Vasyl Zoria: Tschornobyl spiegelte die gesamte Krise des sowjetischen Staates in der letzten Phase seines Bestehens wider. Ebenso zeigte es die Probleme der sowjetischen Gesellschaft – von politischen bis zu wirtschaftlichen. Letztlich wurde diese Katastrophe zum letzten Nagel im Sarg der Sowjetunion. Sie offenbarte die Unfähigkeit der parteilichen Nomenklatura, mit Herausforderungen dieses Ausmasses umzugehen. Infolgedessen verlor die Kommunistische Partei endgültig das Vertrauen der Gesellschaft, was zu einem entscheidenden Schlag für das Ende der Sowjetunion wurde. Fünf Jahre nach der nuklearen Katastrophe kam es in der UdSSR zum Zusammenbruch der Macht.
Im Grunde genommen hat sich nicht soviel verändert mit dem Unterschied, dass die Uninformiertheit heute zustande kommt durch eine Kombination aus unstrukturiert nebeneinander stehenden allgemein zur Verfügung stehenden Informationen, der Unwilligkeit oder Unfähigkeit vieler, die Informationen einzuordnen sowie Medien, die vorauseilend willfährig Brisanz herunterspielen (aus Trump droht mit der Auslöschung einer Zivilisation wird „Trump stellt ein Ultimatum“)