Am 26. April jährt sich die Reaktorkatastrophe im Kernkraftwerk Tschornobyl zum 40. Mal. Das anschliessende Schweigen der sowjetischen Regierung zeigt einen besonders gefährlichen Aspekt von Propaganda, die nicht in der Erfindung von Falschnachrichten liegt, sondern im Heruntersspielen, Vertuschen und Inszenieren von Normalität. Ein Gespräch mit Vasyl Zoria, der 1986 in Kyiv als Journalist arbeitete.

  • Vasyl Zoria

    Vasyl Zoria ist ein ukrainischer Journalist mit 30 Jahren Berufserfahrung in allen Bereichen des Journalismus – von Tageszeitungen, Zeitschriften und Nachrichtenagenturen bis hin zum Fernsehen. Er begann seine Karriere in der Sowjetunion und beendete sie in der Ukraine. Nach und neben seiner journalistischen Tätigkeit war er auch im diplomatischen Dienst sowie in der strategischen Kommunikationsdienst tätig. Seit 2022 lebt er in Zürich.

Am 26. April jährt sich die Reak­tor­ka­ta­strophe im Kern­kraft­werk Tschor­nobyl zum 40. Mal. Damals explo­dierte in der Nacht um 01:23 Uhr der Reaktor in Block 4 des Kern­kraft­werkes. Der Super-GAU geschah bei einem Sicher­heits­check durch eine Kombi­na­tion aus Sicher­heits­män­geln, fehler­haftem Bedien­ver­halten und Konstruk­ti­ons­feh­lern am RBMK-Reaktor. Das anschlies­sende Schweigen der sowje­ti­schen Regie­rung zeigt einen beson­ders gefähr­li­chen Aspekt von Propa­ganda, die nicht in der Erfin­dung von Falsch­nach­richten liegt, sondern im Herun­ters­spielen, Vertu­schen und Insze­nieren von Normalität.

Der Jour­na­list Vasyl Zoria war damals ein junger Reporter bei der „Pravda Ukrainy“ in Kyiv.

Sylvia Sasse: Herr Zoria, können Sie sich daran erin­nern, wann und wie Sie von der Explo­sion im Kern­kraft­werk Tschor­nobyl erfahren haben?

Vasyl Zoria: Woher erfuhr ich selbst von dem Unfall? Am 27. April, ein Tag nach dem Reak­tor­un­glück, fuhren an meinem Haus in Kyiv Kolonnen von Bussen vorbei, mit denen zunächst etwa 50.000 Einwohner aus der Stadt Prypjat evaku­iert wurden, in der sich das Kern­kraft­werk befand. In der Redak­tion der Zeitung „Prawda Ukrainy“ wusste niemand etwas – ausser einer einzigen Person: dem Chef­re­dak­teur der Zeitung. Er hatte die Infor­ma­tion erhalten, nachdem er im Zentral­ko­mitee der Kommu­nis­ti­schen Partei der Ukraine gewesen war. In diesem Gebäude befindet sich heute übri­gens die offi­zi­elle Resi­denz des Präsi­denten der Ukraine, Wolo­dymyr Selen­skyj. Zum Zeit­punkt der Kata­strophe war es dem Chef­re­dak­teur strengs­tens verboten, diese Infor­ma­tion auch nur unter Kollegen zu verbreiten.

Sylvia Sasse: Was dachten Sie, als Sie die Busse gesehen haben?

Vasyl Zoria: Ich spürte eine kogni­tive Disso­nanz aufgrund der wider­sprüch­li­chen Gefühle. Ein Unbe­hagen ange­sichts der Erkenntnis, dass irgendwo in der Nähe eine grosse Kata­strophe einge­treten war und die Behörden gezwungen waren, ausser­ge­wöhn­liche Mass­nahmen zur Rettung der Bevöl­ke­rung zu ergreifen. Ande­rer­seits war ich völlig verwirrt.

Sylvia Sasse: Wie ging es mit der Infor­ma­ti­ons­po­litik weiter?

Vasyl Zoria: Für die gewöhn­li­chen sowje­ti­schen Bürger:innen, zu denen ich seit den 1970er Jahren gehörte, wurde das ganze Geheimnis der Tragödie von Tschor­nobyl erst viele Jahre nach dieser welt­weit grössten tech­no­genen Kata­strophe der Kern­energie voll­ständig sichtbar. Dabei begann ich meine jour­na­lis­ti­sche Karriere in den 1980er Jahren in einer der am besten infor­mierten und grössten kommu­nis­ti­schen Zeitungen der Ukraine.

Doch leider hatten weder ich noch die über­wäl­ti­gende Mehr­heit der ukrai­ni­schen Jour­na­listen – geschweige denn gewöhn­liche Menschen – auch nur eine unge­fähre Vorstel­lung davon, was sich nur 150 Kilo­meter von Kyiv entfernt im Kern­kraft­werk Tschor­nobyl abspielte. Der Kreis der Einge­weihten in dieses Geheimnis war äusserst klein. Ich meine damit nur jene, die Zugang zur „Weissen TASS“ und zur „Roten TASS“ hatten.

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Sylvia Sasse: Was bedeutet „Weisse TASS“ und „Rote TASS“?

Vasyl Zoria: „Weiße TASS“ war ein geschlos­senes Infor­ma­ti­ons­bul­letin mit relativ objek­tiven, fakti­schen Infor­ma­tionen für die Führung und wurde in einer Auflage von mehreren Hundert Exem­plaren, im Umfang von etwa 20 bis 30 Seiten in einem weissen Umschlag mit dem Vermerk „streng geheim“ an mehrere Hundert Partei­funk­tio­näre – vom Kreml bis zu den Ersten Sekre­tären der Gebiets­ko­mi­tees der Kommu­nis­ti­schen Partei verteilt.

„Rote TASS“ war eine noch engere und streng geheime Vertei­lung, die beson­ders sensible Daten (auch von den sowje­ti­schen Geheim­diensten KGB und GRU), Analysen und Warnungen enthielt und nur für einen sehr kleinen Kreis von bis zu etwa 20 Personen bestimmt war, darunter 10–15 Mitglieder des Politbüros.

Die „Weisse TASS“ war in der sowje­ti­schen Zeit faktisch die einzige zuver­läs­sige und objek­tive Infor­ma­ti­ons­quelle. Er bestand ausschliess­lich aus Fakten und war mit einem Minimum an ideo­lo­gi­schen Flos­keln geschrieben. Bei einer Bevöl­ke­rung von 300 Millionen Sowjetbürger:innen wurde dieses Bulletin nur in einer Auflage von etwa 300 bis 500 Exem­plaren heraus­ge­geben. Seine Ziel­gruppe war streng begrenzt. In der Regel erhielten Exem­plare der „Weissen TASS“ Mitglieder des Polit­büros (der höchsten Staats­füh­rung), die Leitung des Zentral­ko­mi­tees der Kommu­nis­ti­schen Partei der UdSSR, Regie­rungs­mit­glieder – Minister –, die Führungen der Unions­re­pu­bliken der UdSSR, hohe Mili­tärs sowie rang­hohe Funk­tio­näre der Geheimdienste.

Jedes Exem­plar der „Weissen TASS“ hatte eine eigene Nummer, damit mögliche Infor­ma­ti­ons­lecks zurück­ver­folgt werden konnten. Unter strengster Geheim­hal­tung wurde er in Moskau von der TASS, der grössten Nach­rich­ten­agentur der Sowjet­union, heraus­ge­geben. Danach wurden die Bulle­tins durch einen spezi­ellen Kurier­dienst entlang der gesamten verti­kalen Hier­ar­chie der Partei­füh­rung verteilt. Was tatsäch­lich im Leben der UdSSR und im Ausland geschah, wussten nur die aus Sicht des sowje­ti­schen Regimes zuver­läs­sigsten Personen. Diese Praxis wurde in den 1940er Jahren nach dem Zweiten Welt­krieg von Josef Stalin einge­führt, um maxi­male Kontrolle über den Partei­ap­parat zu gewährleisten.

Im Jahr 1986 entstand dadurch eine para­doxe Situa­tion. Ein regio­naler Partei­chef irgendwo an den Grenzen der UdSSR zu China, Iran, der Türkei, Norwegen oder Finn­land wusste über die Ereig­nisse während und nach der Kata­strophe deut­lich mehr als ein Mensch, der in unmit­tel­barer Nach­bar­schaft des Kern­kraft­werks lebte.

Aufgrund der Abschot­tung der Sowjet­union erfuhr die Gesell­schaft selbst von stra­te­gi­schen und schick­sal­haften Entschei­dungen stets zuletzt.

Sylvia Sasse: In diesem Schweigen entstehen sicher­lich haufen­weise Gerüchte.

Vasyl Zoria: Ja genau, das Vakuum offi­zi­eller Mittei­lungen in Kyiv und in der Ukraine wurde von den unglaub­lichsten Gerüchten gefüllt.

Man sprach von der Frei­set­zung tödli­cher Dosen von Radio­ak­ti­vität in die Atmo­sphäre, es wurden Prognosen über Nieder­schläge von radio­ak­tivem Regen und über die Folgen der radio­ak­tiven Strah­lung gemacht. In Kyiv herrschte ein Schock­zu­stand, und in der Stadt begann sich Panik auszu­breiten. Jeder sammelte Infor­ma­tionen Stück für Stück und gab sie an Freunde und Nach­barn weiter.

Zum Beispiel rief meine Schwie­ger­mutter einen guten Bekannten an und fragte, was eigent­lich geschehe. Er wollte nicht ins Detail gehen – viele Beamte hatten Angst, am Telefon zu spre­chen, da sie befürch­teten, dass ihre Gespräche von den Geheim­diensten abge­hört würden. Er sagte nur zwei Dinge: „Fahren Sie sofort weg“, und dann fügte er hinzu: „Je weiter, desto besser.“ Es war klar, dass die Behörden vom schlimmsten Szenario ausgingen – von einer mögli­chen Ketten­re­ak­tion im Kern­kraft­werk und einer nuklearen Explo­sion mit poten­zi­ellen Folgen für die Hälfte des Terri­to­riums der Ukraine.

Sylvia Sasse: Die erste Meldung über den Unfall im Kern­kraft­werk Tschor­nobyl erschien am 27. April 1986, 36 Stunden nach der Explo­sion. Ein Spre­cher des Rund­funk­netzes von Prypjat berich­tete über die Zusam­men­füh­rung und vorüber­ge­hende Evaku­ie­rung der Einwohner der Stadt. Am 28. April um 21:00 Uhr meldete die TASS folgendes: „Im Kern­kraft­werk Tscher­nobyl ist ein Unglücks­fall (несчастный случай) passiert. Einer der Reak­toren wurde beschä­digt. Es werden Mass­nahmen ergriffen, um die Folgen des Vorfalls zu besei­tigen. Den Verletzten wurde die notwen­dige Hilfe geleistet. Es wurde eine Regie­rungs­kom­mis­sion zur Unter­su­chung des Vorfalls einge­richtet.“ Was war typisch an dieser Meldung in der Sowjetunion?

Vasyl Zoria: Die erste TASS-Meldung über den Unfall in Tschor­nobyl wirkte befremd­lich. Darin wurde der Unfall wie ein gewöhn­li­ches Ereignis darge­stellt – etwa wie ein lokaler Brand oder das Austreten von Schad­stoffen – zu einem Zeit­punkt, als bereits eine Massen­eva­ku­ie­rung statt­fand. Der Text enthielt keinerlei konkrete Infor­ma­tionen, als ob derar­tige Notfälle in sowje­ti­schen Kern­kraft­werken nahezu täglich vorkämen.

Doch über viele Jahr­zehnte sowje­ti­scher Herr­schaft hatten die Bürger:innen gelernt, wie man zwischen den Zeilen liest. Es war typisch für die sowje­ti­sche Propa­ganda, ausschliess­lich über posi­tive Ereig­nisse zu berichten und deren Bedeu­tung zu über­treiben und nega­tive Nach­richten hingegen zu verschweigen. Darin spie­gelte sich die Haltung der Kommu­nis­ti­schen Partei gegen­über dem Volk als einer steu­er­baren Masse wider und zwar während der gesamten Zeit ihrer Herrschaft.

Sylvia Sasse: Das Verschweigen der Miss­stände und Kata­stro­phen führte dabei stets zur Verschlim­me­rung derselben. Die Kata­strophe entstand durch Schweigen – die Mitar­beiter des Kern­kraft­werks sind nicht über die poten­zi­ellen Probleme bei Sicher­heits­checks von RBMK-Reaktoren infor­miert worden. Und das Verschweigen der Kata­strophe machte die Menschen krank.   

Vasyl Zoria: Ja, so war es auch während der Hungersnot von 1933, als die Wahr­heit über Kanni­ba­lismus in ukrai­ni­schen Dörfern infolge des Holo­domor, der staat­lich verur­sachten Hungersnot, erst ein halbes Jahr­hun­dert später bekannt wurde.

Die dosierte Weiter­gabe von Infor­ma­tionen zeugte von Miss­ach­tung des Rechts des Menschen auf objek­tive Infor­ma­tion – ein Recht, von dem die sowje­ti­schen Menschen selbst nichts wussten.

Die Tatsache, dass über­haupt eine erste Meldung über Tschor­nobyl veröf­fent­licht wurde, bestä­tigte den ausser­ge­wöhn­li­chen Charakter des Ereig­nisses. Die Nach­richt der TASS wurde als Mittei­lung über eine Bedro­hung höchster Stufe wahr­ge­nommen und als Hand­lungs­auf­for­de­rung verstanden. Jeder folgende Tag bestä­tigte diese Befürch­tungen – klare und ange­mes­sene Infor­ma­tionen blieben nahezu aus. Das zwang die Menschen, Eigen­in­itia­tive zu zeigen, was für einen pater­na­lis­ti­schen Staat unty­pisch war.

Sylvia Sasse: Am 1. Mai 1986 musste die Bevöl­ke­rung auch in den betrof­fenen Gebieten an den Feiern zum Tag der Arbeit teil­nehmen. Der Demons­tra­ti­onszug in Kyiv wurde abge­halten, als die radio­ak­tive Belas­tung am höchsten war. Die unwis­sende Bevöl­ke­rung sollte so tun, als sei alles in Ordnung.

Vasyl Zoria: Ich selbst habe für meine Zeitung über diese Demons­tra­tion geschrieben. Die Menschen, darunter auch Kinder, wurden unter einem falschen Vorwand auf die Straße gelockt. In der Kolonne der Pioniere marschierte meine Schwester. Der oberste Partei­führer der Ukraine wurde sogar gezwungen, seine Enkel­kinder mitzu­bringen. Und das alles nur, um in der Sowjet­union zu zeigen, dass in der Ukraine nichts Beson­deres passiert sei und es keinen Grund zur Beun­ru­hi­gung gebe. Unter­dessen fiel am Vorabend der Demons­tra­tion in Kyiv der erste radio­ak­tive Regen.

Sylvia Sasse: Kam der Befehl aus Moskau?

Vasyl Zoria: Der Erste Sekretär des Zentral­ko­mi­tees der Kommu­nis­ti­schen Partei der Ukraine, Wolo­dymyr Scht­scher­byzkyj, rief über die Regie­rungs­lei­tung aus Kyiv in Moskau den Gene­ral­se­kretär des Zentral­ko­mi­tees der KPdSU, Michail Gorbat­schow, an. Scht­scher­byzkyj sagte, es wäre besser, die Mai-Demonstrationen in Kyiv abzu­sagen, und er sei bereit, falls nötig eine Evaku­ie­rung der Stadt zu beginnen. Zu diesem Zeit­punkt lebten in der ukrai­ni­schen Haupt­stadt etwa 2,5 Millionen Menschen. Doch Gorbat­schow beschimpfte Scht­scher­byzkyj heftig und verbot dies kate­go­risch. Im Gegen­teil sagte er: „Kannst du dir vorstellen, welche Panik im Land ausbre­chen würde? Das darf auf keinen Fall passieren. Im Gegen­teil, wir müssen den Eindruck erwe­cken, dass die Behörden die Situa­tion unter Kontrolle haben. Wenn du trotzdem mit der Evaku­ie­rung beginnst, werden wir dich mit Schande aus der Partei ausschliessen …“.

Gorbat­schow war bereit, seinen ange­se­henen Partei­ge­nossen Scht­scher­byzkyj wegen angeb­li­cher Panik­mache und Verrats aus der Partei zu werfen. Der Gene­ral­se­kretär gab die Anwei­sung, die Demons­tra­tionen nicht abzu­sagen, sondern sie in allen ukrai­ni­schen Regionen durch­zu­führen, um zu zeigen, dass angeb­lich alles ruhig sei.

Sylvia Sasse: Die Bevöl­ke­rung durch Täuschung für die eigene Propa­ganda zu miss­brau­chen, war (und ist) ein typi­sches Verfahren. Ich kann mich daran erin­nern, dass in meiner Schul­klasse in der DDR dieje­nigen fünf Mädchen, die sich für einen Eintritt in die SED entschlossen hatten, 1986 mit einer Reise nach Kiyv „belohnt“ worden sind. Man hat also auch Jugend­liche in der DDR für die sowje­ti­sche Propa­ganda in Moskau miss­braucht, gerade dieje­nigen wurden betrogen, die dem System am treu­esten dienten. An solchen Beispielen sieht man auch, dass die Sowjet­union nicht einfach eine Diktatur war, sondern eine impe­riale Diktatur.

Aber gucken wir uns die Infor­ma­ti­ons­po­litik noch etwas genauer an: Erst am 14. Mai, also ganze 18 Tage später, trat Gorbat­schow vor die Bevöl­ke­rung und vertuschte nach wie vor die Ausmasse des Gesche­hens auch durch seine Wort­wahl: Er sprach von einer Havarie, aber nicht von einem GAU. Er beschwich­tigte und sagte, dass trotz der „Schwere des Gesche­henen der Schaden in entschei­dendem Masse, dank des Mutes und des Könnens der Menschen, dank ihrer Pflicht­treue, Dank der Dynamik der Hand­lungen aller, die sich an der Besei­ti­gung der Folgen der Havarie betei­ligten, in Grenzen gehalten werden“ konnte.

Wie wurde über Gorbat­schows State­ment damals disku­tiert? Glaubte man ihm?

Vasyl Zoria: Die vagen Formu­lie­rungen Gorbat­schows zeigten deut­lich, dass der Gene­ral­se­kretär erst nach zwei Wochen Worte zur Beru­hi­gung fand und es nicht wagte, sich sofort in einer beson­deren Ansprache an die Nation zu wenden. Ein solches unions­weites Format exis­tierte in der dama­ligen sowje­ti­schen Praxis über­haupt nicht.

Dies machte die Schwäche des sowje­ti­schen Führers und seine Unent­schlos­sen­heit deut­lich – letzt­lich auch seine mangelnde Bereit­schaft, dem Infor­ma­ti­ons­be­darf der Gesell­schaft in einer ausser­ge­wöhn­li­chen Situa­tion Rech­nung zu tragen. Jahre später bestä­tigten Analysen und Bewer­tungen selbst inner­halb der sowje­ti­schen Führungs­schicht diese Einschät­zung. Hinter den Kulissen hatte man einen Büro­kraten zum Anführer gewählt, dem das Verständnis für derart grosse Bedro­hungen fehlte und dessen Vorzüge sich auf begrenzte Verwal­tungs­er­fah­rung in der Land­wirt­schaft, ein vergleichs­weise junges Alter und eine neue Rhetorik beschränkten.

Tatsäch­lich erwar­teten die sowje­ti­schen Bürger intuitiv eine ganz andere Reak­tion. Zum Beispiel wie im März 1979 in Penn­syl­vania nach dem Unfall im Kern­kraft­werk „Three Mile Island“, als der Gouver­neur Dick Thorn­burgh entschlos­sene Mass­nahmen zum Schutz der Bevöl­ke­rung ergriff. Er empfahl sofort die Evaku­ie­rung von Schwan­geren und Vorschul­kin­dern aus der Fünf-Meilen-Zone und rief die Bewohner:innen im Umkreis von zehn Meilen dazu auf, in ihren Häusern zu bleiben. Nur durch solche Mass­nahmen – und nicht durch das Verschweigen von Gefahren – konnte Panik verhin­dert werden. Der Gouver­neur bemühte sich um ausge­wo­gene Einschät­zungen, obwohl die Infor­ma­tionen der Betreiber wider­sprüch­lich waren.

Die Gefahr in Tschor­nobyl war unver­gleich­lich grösser. Und die Führung der KPdSU verfügte zumin­dest über mini­male Kennt­nisse der ameri­ka­ni­schen Erfah­rungen. Dennoch veran­lasste nichts die Behörden, die poten­zi­elle Gesund­heits­ge­fahr für die Menschen über das Pres­tige der Partei zu stellen, die behaup­tete, stets alles unter Kontrolle zu haben. Der Mythos von der abso­luten Sicher­heit der sowje­ti­schen Kern­energie, der durch die Propa­ganda geschaffen worden war, wurde bald zerstört.

Beim Unfall von Three Mile Island kam niemand zu Schaden. Bereits drei Tage nach dem Unfall besuchte US-Präsident Jimmy Carter mit seiner Ehefrau die Anlage. Gorbat­schow hingegen besuchte Tschor­nobyl erst drei Jahre später. 

Sylvia Sasse: Gorbat­schow übte bei der Ansprache vor allem Kritik am Westen, an dessen „zügel­loser anti­so­wje­ti­scher Hetze“: Er sagte: „Was sie in diesen Tagen nicht alles redeten und schrieben, von tausenden Opfern, Massen­grä­bern, vom ausge­stor­benen Kyiv, davon dass der ganze Boden der Ukraine vergiftet ist. Alles in allem haben wir es fürwahr mit einem aufge­türmten Berg gewis­sen­loser und böswil­liger Lügen zu tun.“ Auch das ist typisch, die Propa­ganda immer dem poli­ti­schen Gegner in die Schuhe zu schieben.

Aber, wie hat die Bevöl­ke­rung reagiert, um sich selbst zu schützen? In den Unter­lagen der Staats­si­cher­heit der DDR wurde z.B. notiert, dass es „Rück­gänge beim Abkauf von Frisch- und Frei­land­ge­müse“ und bei Frisch­milch trotz Preis­sen­kung gab. Das Minis­te­rium leitet daraufhin „Mass­nahmen“ ein, die auf eine Vermei­dung von Verlusten zielten und liess Lebens­mittel konser­vieren. Mütter haben aufge­hört zu stillen, die Sand­kästen waren leer. Wie haben Sie sich in Kyiv geschützt?

Vasyl Zoria: „Die Rettung des Ertrin­kenden liegt in den Händen des Ertrin­kenden selbst.“ Dieser beliebte Satz aus der sowje­ti­schen Lite­ratur spie­gelt das Verhalten der Bevöl­ke­rung sehr tref­fend wider. Da nach der Kata­strophe von Tschor­nobyl seitens der Behörden weder Hilfe noch Klar­heit zu erkennen war, suchte jeder selbst nach einem Ausweg.

Die Eltern fürch­teten vor allem die gesund­heit­li­chen Folgen der radio­ak­tiven Konta­mi­na­tion für ihre Kinder. Deshalb wurden zu Beginn des Sommers 1986 alle Kinder und Jugend­li­chen aus Kyiv evaku­iert. Im Sommer 1986 war die Haupt­stadt der Ukraine drei Monate lang wie ausge­storben. Die menschen­leeren Strassen und die leeren öffent­li­chen Verkehrs­mittel vermit­telten den Eindruck einer Massen­flucht aus der dritt­grössten Stadt der Sowjetunion.

Ich will es nicht verschweigen: Es gab viele Fälle, in denen sogar Verwandte in anderen Regionen sich weigerten, Bewohner der Region Kyiv aufzu­nehmen, aus Angst vor Radioaktivität.

Unmit­telbar nach der Kata­strophe von Tschor­nobyl versuchten alle, nicht auf die Strasse zu gehen, nicht einmal für Spazier­gänge. Die Fenster in den Häusern waren selbst bei Hitze fest verschlossen, obwohl es in gewöhn­li­chen Wohnungen keine Klima­an­lagen gab. Die Menschen fürch­teten sich vor radio­ak­tiver Konta­mi­na­tion, was bis zu einer pani­schen Angst vor radio­ak­tivem Staub reichte. Auf Empfeh­lung der Gesund­heits­be­hörden wurde in den Häusern täglich eine Nass­rei­ni­gung durch­ge­führt. Nicht nur die Wohnungen, sondern auch die Treppen zwischen den Stock­werken wurden gerei­nigt. Ende April begann man mit der regel­mäs­sigen tägli­chen Bewäs­se­rung der Strassen mit spezi­ellen Lösungen, um den Gehalt an radio­ak­tivem Staub zu senken. Dies war Teil der Dekon­ta­mi­nie­rungs­mass­nahmen. Radio­ak­tive Partikel wurden von den Strassen, Dächern und Wänden der Gebäude abge­wa­schen, um die Auswir­kungen auf die Gesund­heit der Bevöl­ke­rung zu verringern.

Sylvia Sasse: Wie reagierten Sie persönlich?

Vasyl Zoria: Eine Woche nach dem Unfall gelang es mir, meine schwan­gere Frau aus Kyiv nach Moskau zu bringen. Am Haupt­bahnhof herrschte Chaos. Die Fahr­karten für alle Rich­tungen waren für mehrere Wochen im Voraus ausver­kauft. Norma­ler­weise bestanden die Züge aus 16 Waggons, doch am Tag der Abreise meiner Frau wurden noch acht weitere Waggons an ihren Zug ange­hängt. Das war riskant und unsi­cher. Doch die Eisen­bahn­ge­sell­schaft willigte unter dem Druck der Behörden ein.

Es ging das Gerücht um, dass sich radio­ak­tiver Staub beson­ders auf dem Gras in den Städten und in den Wäldern ansammle. Der Verzehr von Grün­zeug, Pilzen und Gemüse, die häufig gegessen wurden, ging dras­tisch zurück. Die Angst, eine über­mäs­sige Strah­len­dosis zu erhalten, drang massiv ins Unter­be­wusst­sein der Menschen ein.

Ich erin­nere mich noch gut daran, wie ich zu meiner Frau fuhr, nachdem unsere älteste Tochter geboren worden war. Ich ging auf einem schmalen Pfad durch den Park und stellte mit Entsetzen fest, dass ich Angst hatte, das Gras zu betreten, da ich es unbe­wusst für radio­aktiv hielt. Dabei lag diese Stadt 1000 Kilo­meter vom Unfallort entfernt.

In der Ukraine selbst führte die Kata­strophe unter­dessen zu etwa 100.000 bis 200.000 zusätz­li­chen Abtrei­bungen, die aus Angst vor Geburts­feh­lern vorge­nommen wurden. Obwohl in der Praxis nach dem Unfall keine solchen Fälle regis­triert wurden, glaubten die Menschen nicht daran, dass es keine gab. Sie wussten: Die sowje­ti­schen Ärzte hatten die Anwei­sung erhalten, selbst die entfern­testen Vermu­tungen, dass die Krank­heiten der Pati­enten mit radio­ak­tiver Konta­mi­na­tion in Zusam­men­hang stehen könnten, aus den Daten­banken zu löschen.

Sylvia Sasse: Später hat Gorbat­schow die Reak­tor­ka­ta­strophe auch als das Ende der Sowjet­union bezeichnet. Sehen Sie das aus ukrai­ni­scher Perspek­tive auch so? Begann damit eine ökolo­gi­sche und dissi­den­ti­sche Bewe­gung, die sich gegen Moskau richtete?

Vasyl Zoria: Tschor­nobyl spie­gelte die gesamte Krise des sowje­ti­schen Staates in der letzten Phase seines Bestehens wider. Ebenso zeigte es die Probleme der sowje­ti­schen Gesell­schaft – von poli­ti­schen bis zu wirt­schaft­li­chen. Letzt­lich wurde diese Kata­strophe zum letzten Nagel im Sarg der Sowjet­union. Sie offen­barte die Unfä­hig­keit der partei­li­chen Nomen­kla­tura, mit Heraus­for­de­rungen dieses Ausmasses umzu­gehen. Infol­ge­dessen verlor die Kommu­nis­ti­sche Partei endgültig das Vertrauen der Gesell­schaft, was zu einem entschei­denden Schlag für das Ende der Sowjet­union wurde. Fünf Jahre nach der nuklearen Kata­strophe kam es in der UdSSR zum Zusam­men­bruch der Macht.