Roland Barthes’ 1963 veröffentlichte Monografie über den französischen Theaterklassiker Jean Racine beinhaltet eine Theorie absolutistischer Macht. Mit dem Umschwenken der USA unter Trump hin zu einem autokratischen System erhalten Barthes’ Analysen eine überraschende Aktualität.

  • Thomas Nolte hat an den Universitäten Tübingen und Aix-Marseille zum Unterhaltungstheater des 19. Jahrhunderts promoviert. Seither ist er als freier Autor und Übersetzer tätig. Zuletzt ist seine Übersetzung "Über Racine" von Roland Barthes mit einem Nachwort bei Konstanz University Press erschienen.
Geschichte der Gegenwart
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Trump und der Noah-Komplex. Eine Relek­türe von Roland Barthes’ "Über Racine"
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Am 28. Februar 2025 empfing der 47. US-amerikanische Präsi­dent Donald Trump den ukrai­ni­schen Präsi­denten Wolo­dymyr Selen­skyj im Oval Office, um mit ihm über ein Rohstoff­ab­kommen zu verhan­deln. Bekann­ter­maßen ist es zur Verhand­lung an diesem Tag gar nicht erst gekommen. Trump fühlte sich von der Forde­rung Selen­skyjs, als Gegen­leis­tung für den Abbau seltener Erden US-amerikanische Sicher­heits­ga­ran­tien zu erhalten, dermaßen provo­ziert, dass er dem ukrai­ni­schen Präsi­denten das Wort abschnitt, ihn mit Unter­stüt­zung seines Vize­prä­si­denten J.D. Vance nieder­schrie und des Oval Offices verwies.

Der von Trump insze­nierte Eklat erin­nert an das, was Roland Barthes in einer eigen­ar­tigen Wort­schöp­fung als ‚Noah-Komplex‘ bezeichnet hat. Als dessen Auslöser begreift Barthes den Moment, in dem die Söhne die Augen vor dem nackt in seinem Zelt liegenden Vater aufschlagen und erkennen müssen, dass dieser böse ist. Eine vergleich­bare Erkenntnis schien mit dem live über­tra­genen Eklat im Weißen Haus einher­zu­gehen. Er nährte den Verdacht, dass die USA, die sich lange Zeit als Anfüh­rerin der demo­kra­ti­schen Welt­ord­nung sahen, nun die Seiten gewech­selt hatten, da sie kein gestei­gertes Inter­esse mehr daran bekun­deten, die Ukraine in ihrer Vertei­di­gung gegen den russi­schen Angriffs­krieg zu unter­stützen. Viel­mehr deutete die Insze­nie­rung die Möglich­keit an, dass sich die USA auf die Seite des Aggres­sors Russ­land schlagen.

Den Begriff des Noah-Komplexes verwendet Roland Barthes in seinem 1963 erschie­nenen Buch Über Racine. Die darin enthal­tenen Analysen zu dem fran­zö­si­schen Schrift­steller des klas­si­schen Zeit­al­ters, Jean Racine (1639–1699), haben vor dem Hinter­grund der gegen­wär­tigen Entwick­lungen in den USA eine verblüf­fende Aktua­lität erhalten. Dieser Gegen­warts­bezug über­rascht weniger, wenn man den Kontext berück­sich­tigt, in dem sich Racine bewegt hat. Der Schrift­steller war am Hof Ludwigs XIV. tätig; unter anderem wurde er zusammen mit Nicolas Boileau vom König zum offi­zi­ellen Geschichts­schreiber seiner Regie­rungs­zeit ernannt. Die allge­meinen Macht­me­cha­nismen, die Barthes in seinen Lektüren aus den Tragö­dien Racines ableitet, stehen also in einem engen Verhältnis zu abso­lu­tis­ti­schen Herr­schafts­formen. Barthes’ Über Racine lässt sich deshalb auch als eine eigen­stän­dige Theorie abso­lu­tis­ti­scher Macht lesen.

Es sind diese Herr­schafts­formen, die in der Gegen­wart zurück­zu­kehren scheinen. Viel ist in letzter Zeit über den Anbruch eines neuen auto­kra­ti­schen Zeit­al­ters geschrieben worden, und gerade mit Blick auf Trump, der sich selbst gerne als König insze­niert, wurde wieder­holt auf die Nähe seines Regie­rungs­stils zu abso­lu­tis­ti­schen Herr­schafts­formen verwiesen. Aber auch dem aktu­ellen Wirt­schafts­system wurden immer wieder neofeu­dale Züge attes­tiert. So hat etwa der Sozio­loge Philipp Staab in seinem Buch Digi­taler Kapi­ta­lismus beob­achtet, dass den global agie­renden Tech-Unternehmen in der Gegen­wart ein mit abso­lu­tis­ti­schen Herr­schern vergleich­bares Monopol zukommt. Dass sich Trumps gegen den Verwal­tungs­staat gerich­tete Politik mit den wirt­schaft­li­chen Inter­essen der Tech-Industrie deckt, wurde bereits bei der Amts­ein­füh­rung des aktu­ellen Präsi­denten offen­sicht­lich – sämt­liche ihrer Prot­ago­nisten waren in der ersten Reihe promi­nent vertreten.

Wenn Barthes durch das Prisma der Tragö­dien Racines eine Theorie abso­lu­tis­ti­scher Macht entwirft, dann stellt er damit zugleich ein Analy­se­instru­ment für die in der Gegen­wart zu beob­ach­tende Rück­kehr von über­holt geglaubten Herr­schafts­formen bereit. Seine Über­le­gungen haben nicht nur das Poten­tial, gewisse Aspekte der Trump’schen Politik zu erhellen, sondern sie skiz­zieren auch Stra­te­gien, wie auf sie zu reagieren ist.

Spal­tung als grund­le­gende Struktur

In seinem Racine-Buch begreift Barthes die elf Tragö­dien des fran­zö­si­schen Schrift­stel­lers als eine große Gesamt­tra­gödie, aus der er versucht, die wesent­li­chen Struk­turen zu extra­hieren. Wie Barthes in seinem Vorwort schreibt, betä­tigt er sich dabei als eine Art Ethno­loge, der die von Racine in seinen Tragö­dien entwor­fene Welt in ihrer Gesamt­heit zu erfassen versucht. Heraus­ra­gendstes Merkmal dieser Welt ist, dass sie zutiefst gespalten ist. Sie konsti­tu­iert sich aus reinen, exakt abge­mes­senen Gegen­sätzen, zwischen denen jegliche Vermitt­lung ausge­schlossen ist. Auf einer vergleich­baren Spal­tung ruht auch Trumps Herr­schaft. So hat die seit den späten 1960er Jahren in der Poli­tik­wis­sen­schaft entstan­dene Cleavage-Theorie fest­ge­stellt, dass die Spal­tung der US-amerikanischen Gesell­schaft in zwei verfein­dete Lager immer stärker zunimmt.

Racine, Mithri­date, 1672 (Œuvres de Racine, Paris, Jean Ribou, 1676, 2 vol. in-12, ill. par F. Chau­veau), Quelle: BNF (Biblio­t­hèque natio­nale de France)

Barthes zufolge besteht die grund­le­gende Bewe­gung der Tragö­dien Racines darin, dass sich in ihnen ein Umschlag ereigne, der alles verkehre. Nach diesem Umschlag laufe die Welt zwar wie bisher weiter, aller­dings habe sich die Rich­tung und der Sinn der Elemente in ihr Gegen­teil verkehrt. Wie die Kultur­wis­sen­schaft­lerin Sylvia Sasse beob­achtet hat, findet eine solche Verkeh­rung ins Gegen­teil momentan auch in der US-amerikanischen Politik statt. Diese Verkeh­rung scheint unter anderem ein Resultat der Spal­tung der Gesell­schaft zu sein. Denn die aktu­elle Regie­rung bedient nun genau den gesell­schaft­li­chen Pol, der im Gegen­satz zur Vorgän­ger­re­gie­rung steht. Eine Viel­zahl der Dekrete, die Trump seit dem ersten Tag seines Amts­an­tritts massen­wirksam unter­zeichnet hat, verfolgten vor allem das Ziel, Entschei­dungen seines Amts­vor­gän­gers Joe Biden rück­gängig zu machen.

Dass die aktu­elle US-Regierung eine Viel­zahl ihrer Entschei­dungen mit der Abgren­zung von der Vorgän­ger­re­gie­rung begründet, zeigte sich auch während des bereits erwähnten Gesprächs im Oval Office mit Selen­skyj. Ein viel­sa­gender Kommentar J.D. Vances unter­strich, dass der feind­se­lige Empfang des ukrai­ni­schen Präsi­denten weniger mit dem vorge­scho­benen Grund zu tun hatte, dass er es an Dekor habe fehlen lassen – so wurde ihm vorge­worfen, er sei für die Situa­tion nicht ange­messen gekleidet und habe es versäumt, sich ausrei­chend zu bedanken. Viel­mehr scheint Selen­skyj für die aktu­elle US-Regierung gerade deshalb in Ungnade gefallen zu sein, weil er ein gutes Verhältnis zur Vorgän­ger­re­gie­rung unter­halten hatte. So hielt Vance dem ukrai­ni­schen Präsi­denten vor, dass er noch im Herbst 2024 an einer Wahl­kampf­ver­an­stal­tung des Konkur­renten teil­ge­nommen habe.

In sich geschlos­sene Welten

Die Kehrt­wende der US-amerikanischen Politik hat vor allem deshalb gravie­rende Folgen, weil die USA in ihrer (ehema­ligen) Eigen­schaft als Hege­mo­ni­al­macht etliche Abhän­gig­keits­ver­hält­nisse zur rest­li­chen Welt aufge­baut haben. Unter der Politik des America First werden diese Bezie­hungen nun schlag­artig gekappt. Auch die tragi­schen Helden Racines haben, so Barthes, den Bezug zur Außen­welt verloren und leben in einem in sich abge­schlos­senen Universum. Für die ratio­nalen Argu­mente ihrer Bera­ter­fi­guren sind diese Helden unemp­fäng­lich. Statt­dessen konsti­tu­iert sich ihre Welt aus Gerüchten, aus einer diffusen öffent­li­chen Meinung, die – wie Barthes schreibt – mal Terror, mal Alibi für das eigene Handeln ist.

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Der mangelnde Bezug zur Außen­welt ist auch ein Merkmal der aktu­ellen US-Regierung, die sich empi­ri­schen Forschungen verwei­gert und ihnen die Unter­stüt­zung syste­ma­tisch entzieht. Auf den fehlenden Bezug der aktu­ellen Regie­rung zur Außen­welt wies auch Selen­skyj in dem Gespräch hin. Er konfron­tierte den Vize­prä­si­denten mit der Frage, ob er über­haupt einen Einblick in die ukrai­ni­schen Verhält­nisse vor Ort habe. Vance verwies darauf, dass er sich mithilfe von Berichten ein ausrei­chendes Bild der Lage habe verschaffen können. Dabei deutet einiges darauf hin, dass sowohl Vance als auch Trump Soziale Medien als Infor­ma­ti­ons­quelle dienen, wie etwa der Nach­rich­ten­dienst X, der inzwi­schen als Verstärker russi­scher Propa­ganda fungiert. Deren Spuren sind eindeutig in den Stel­lung­nahmen beider Poli­tiker nach­zu­weisen, etwa indem sie behaupten, dass die gesamte Ukraine zerstört sei, das Land den Angriff Russ­lands selbst zu verant­worten habe oder Selen­skyj ein Diktator sei.

Des Weiteren sind Racines Figuren den Beob­ach­tungen Barthes zufolge einer durch Wieder­kehr und Wieder­ho­lung geprägten Zeit verhaftet. Der Versuch eines Neuan­fangs ist den Figuren verwehrt, da sie immer wieder darum bemüht sind, den Mythos neu zu insze­nieren. Es ist diese Wieder­ho­lung einer mytho­lo­gi­schen Vorzeit, die der von Trump begrün­deten MAGA-Bewegung bereits im Akronym mit dem Again einge­schrieben ist. Wie Racines Figuren beziehen sich Trumps Anhänger*innen auf eine unbe­stimmte, mytho­lo­gi­sche Vorzeit, wobei unklar bleibt, welche Epoche der US-amerikanischen Geschichte denn nun eigent­lich wieder­be­lebt werden soll.

Spiel­arten des Noah-Komplex

Auf die immer wieder neue Insze­nie­rung der Vergan­gen­heit beharren bei Racine die Vater­fi­guren. Hierfür verwenden sie eine Reihe von Macht­tech­niken. Wie Barthes schreibt, versucht der Vater sein Gegen­über in ein Verhältnis der Abhän­gig­keit zu treiben, um es dann umso besser demü­tigen zu können. Bei dem Vater handle es sich um eine buch­hal­te­ri­sche Gott­heit, die für jede Leis­tung eine entspre­chende Gegen­leis­tung einfor­dere. Mehr noch: Die Abrech­nung mit seinem Opfer über­schreite noch dessen eigent­liche Schul­dig­keit. Diese Bösar­tig­keit des Vaters ist laut Barthes ästhe­tisch moti­viert; sie begründet ein Schauspiel.

Die einer vergleich­baren Logik folgende Politik Trumps ist eben­falls darauf ausge­richtet, ein Schau­spiel zu begründen. Vor allem der Umgang der Trump-Regierung mit Geflüch­teten bedient das popu­lis­ti­sche Bedürfnis nach einer öffent­lich­keits­wirk­samen Bestra­fung bereits ohnehin margi­na­li­sierter Gruppen – eine Tendenz, die sich nebenbei auch in der deut­schen Politik vermehrt durch­setzt. Auch den Spek­ta­kel­cha­rakter des Gesprächs im Oval Office hob Trump unver­hohlen hervor. Abschlie­ßend bemerkte er: „This is going to make great television.“

Durch den Alters­un­ter­schied zwischen Trump und Selen­skyj wirkte deren Gespräch wie die Insze­nie­rung eines Gene­ra­ti­ons­kon­flikts. Dem vermeint­lich undank­baren Sohn Selen­skyj stand der gehö­rige Sohn J.D. Vance gegen­über, der Trump in seinen Atta­cken sekun­dierte. Auch die Tragö­dien Racines insze­nieren immer wieder Gene­ra­ti­ons­kon­flikte zwischen Vater und Söhnen. Dabei unter­wirft sich einer der Söhne bedin­gungslos dem Vater, wohin­gegen der andere versucht, sich vom Vater zu emanzipieren.

Laut Barthes handelt es sich hierbei um zwei Spiel­arten, um auf den eingangs erwähnten Noah-Komplex zu reagieren. In der ersten Spielart verschließt der unter­wür­fige Sohn die Augen vor der Bösar­tig­keit des Vaters. In einer Verkeh­rung der Schuld, versucht er den Vater zu retten. Dabei über­nimmt er dessen Schuld, um ihn frei zu spre­chen und so den Anschein der Gerech­tig­keit zu wahren. Obgleich sich dieses Verhältnis weder auf Vance noch auf Selen­skyj über­tragen lässt, macht Barthes mit der Schuld­ver­keh­rung auf einen Mecha­nismus aufmerksam, der in der Gegen­wart greift. Denn dem Willen zur Verkeh­rung der Schuld­frage folgt die russi­sche Propa­ganda, die von der aktu­ellen US-Regierung über­nommen wird, indem sie mal Selen­skyj, mal der Biden-Regierung die Verant­wor­tung für den russi­schen Angriffs­krieg gegen die Ukraine zuschreibt.

Die eigent­li­chen Helden Racines sind Barthes zufolge dieje­nigen Figuren, die der zweiten Reak­tion auf den Noah-Komplex entspre­chen. Vor der Bösar­tig­keit des Vaters schlagen sie die Augen nicht nieder, sie verwei­gern sich der Schuld­ver­keh­rung. Sie versu­chen dem streng symme­trisch orga­ni­sierten Universum zu entkommen, indem sie sich zur Welt hin öffnen und aus dem Spiel der Bina­ri­täten austreten. Es ist diese zweite Spielart des Noah-Komplexes, die für die Gegen­wart zu adap­tieren ist. So gilt es, der Bösar­tig­keit der neuen Tyrannen-Figuren ins Auge zu blicken und ihrem Versuch der Schuld­um­kehr nicht nach­zu­geben. Dabei ist es notwendig, die streng symme­tri­sche Auftei­lung des Univer­sums zu durch­bre­chen. Damit ist keine versöhn­le­ri­sche Haltung gemeint, bei der man etwa Zuge­ständ­nisse an Trumps Politik macht. Viel­mehr ist der Argu­men­ta­tion, dass sein Handeln als bloße Reak­tion auf ein angeb­li­ches Unrecht zu verstehen sei, zu miss­trauen. Denn nur so gerät in den Blick, dass Trumps Politik eigene, auf die Welt gerich­tete Macht­in­ter­essen verfolgt.