Am 28. Februar 2025 empfing der 47. US-amerikanische Präsident Donald Trump den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj im Oval Office, um mit ihm über ein Rohstoffabkommen zu verhandeln. Bekanntermaßen ist es zur Verhandlung an diesem Tag gar nicht erst gekommen. Trump fühlte sich von der Forderung Selenskyjs, als Gegenleistung für den Abbau seltener Erden US-amerikanische Sicherheitsgarantien zu erhalten, dermaßen provoziert, dass er dem ukrainischen Präsidenten das Wort abschnitt, ihn mit Unterstützung seines Vizepräsidenten J.D. Vance niederschrie und des Oval Offices verwies.
Der von Trump inszenierte Eklat erinnert an das, was Roland Barthes in einer eigenartigen Wortschöpfung als ‚Noah-Komplex‘ bezeichnet hat. Als dessen Auslöser begreift Barthes den Moment, in dem die Söhne die Augen vor dem nackt in seinem Zelt liegenden Vater aufschlagen und erkennen müssen, dass dieser böse ist. Eine vergleichbare Erkenntnis schien mit dem live übertragenen Eklat im Weißen Haus einherzugehen. Er nährte den Verdacht, dass die USA, die sich lange Zeit als Anführerin der demokratischen Weltordnung sahen, nun die Seiten gewechselt hatten, da sie kein gesteigertes Interesse mehr daran bekundeten, die Ukraine in ihrer Verteidigung gegen den russischen Angriffskrieg zu unterstützen. Vielmehr deutete die Inszenierung die Möglichkeit an, dass sich die USA auf die Seite des Aggressors Russland schlagen.
Den Begriff des Noah-Komplexes verwendet Roland Barthes in seinem 1963 erschienenen Buch Über Racine. Die darin enthaltenen Analysen zu dem französischen Schriftsteller des klassischen Zeitalters, Jean Racine (1639–1699), haben vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Entwicklungen in den USA eine verblüffende Aktualität erhalten. Dieser Gegenwartsbezug überrascht weniger, wenn man den Kontext berücksichtigt, in dem sich Racine bewegt hat. Der Schriftsteller war am Hof Ludwigs XIV. tätig; unter anderem wurde er zusammen mit Nicolas Boileau vom König zum offiziellen Geschichtsschreiber seiner Regierungszeit ernannt. Die allgemeinen Machtmechanismen, die Barthes in seinen Lektüren aus den Tragödien Racines ableitet, stehen also in einem engen Verhältnis zu absolutistischen Herrschaftsformen. Barthes’ Über Racine lässt sich deshalb auch als eine eigenständige Theorie absolutistischer Macht lesen.
Es sind diese Herrschaftsformen, die in der Gegenwart zurückzukehren scheinen. Viel ist in letzter Zeit über den Anbruch eines neuen autokratischen Zeitalters geschrieben worden, und gerade mit Blick auf Trump, der sich selbst gerne als König inszeniert, wurde wiederholt auf die Nähe seines Regierungsstils zu absolutistischen Herrschaftsformen verwiesen. Aber auch dem aktuellen Wirtschaftssystem wurden immer wieder neofeudale Züge attestiert. So hat etwa der Soziologe Philipp Staab in seinem Buch Digitaler Kapitalismus beobachtet, dass den global agierenden Tech-Unternehmen in der Gegenwart ein mit absolutistischen Herrschern vergleichbares Monopol zukommt. Dass sich Trumps gegen den Verwaltungsstaat gerichtete Politik mit den wirtschaftlichen Interessen der Tech-Industrie deckt, wurde bereits bei der Amtseinführung des aktuellen Präsidenten offensichtlich – sämtliche ihrer Protagonisten waren in der ersten Reihe prominent vertreten.
Wenn Barthes durch das Prisma der Tragödien Racines eine Theorie absolutistischer Macht entwirft, dann stellt er damit zugleich ein Analyseinstrument für die in der Gegenwart zu beobachtende Rückkehr von überholt geglaubten Herrschaftsformen bereit. Seine Überlegungen haben nicht nur das Potential, gewisse Aspekte der Trump’schen Politik zu erhellen, sondern sie skizzieren auch Strategien, wie auf sie zu reagieren ist.
Spaltung als grundlegende Struktur
In seinem Racine-Buch begreift Barthes die elf Tragödien des französischen Schriftstellers als eine große Gesamttragödie, aus der er versucht, die wesentlichen Strukturen zu extrahieren. Wie Barthes in seinem Vorwort schreibt, betätigt er sich dabei als eine Art Ethnologe, der die von Racine in seinen Tragödien entworfene Welt in ihrer Gesamtheit zu erfassen versucht. Herausragendstes Merkmal dieser Welt ist, dass sie zutiefst gespalten ist. Sie konstituiert sich aus reinen, exakt abgemessenen Gegensätzen, zwischen denen jegliche Vermittlung ausgeschlossen ist. Auf einer vergleichbaren Spaltung ruht auch Trumps Herrschaft. So hat die seit den späten 1960er Jahren in der Politikwissenschaft entstandene Cleavage-Theorie festgestellt, dass die Spaltung der US-amerikanischen Gesellschaft in zwei verfeindete Lager immer stärker zunimmt.

Racine, Mithridate, 1672 (Œuvres de Racine, Paris, Jean Ribou, 1676, 2 vol. in-12, ill. par F. Chauveau), Quelle: BNF (Bibliothèque nationale de France)
Barthes zufolge besteht die grundlegende Bewegung der Tragödien Racines darin, dass sich in ihnen ein Umschlag ereigne, der alles verkehre. Nach diesem Umschlag laufe die Welt zwar wie bisher weiter, allerdings habe sich die Richtung und der Sinn der Elemente in ihr Gegenteil verkehrt. Wie die Kulturwissenschaftlerin Sylvia Sasse beobachtet hat, findet eine solche Verkehrung ins Gegenteil momentan auch in der US-amerikanischen Politik statt. Diese Verkehrung scheint unter anderem ein Resultat der Spaltung der Gesellschaft zu sein. Denn die aktuelle Regierung bedient nun genau den gesellschaftlichen Pol, der im Gegensatz zur Vorgängerregierung steht. Eine Vielzahl der Dekrete, die Trump seit dem ersten Tag seines Amtsantritts massenwirksam unterzeichnet hat, verfolgten vor allem das Ziel, Entscheidungen seines Amtsvorgängers Joe Biden rückgängig zu machen.
Dass die aktuelle US-Regierung eine Vielzahl ihrer Entscheidungen mit der Abgrenzung von der Vorgängerregierung begründet, zeigte sich auch während des bereits erwähnten Gesprächs im Oval Office mit Selenskyj. Ein vielsagender Kommentar J.D. Vances unterstrich, dass der feindselige Empfang des ukrainischen Präsidenten weniger mit dem vorgeschobenen Grund zu tun hatte, dass er es an Dekor habe fehlen lassen – so wurde ihm vorgeworfen, er sei für die Situation nicht angemessen gekleidet und habe es versäumt, sich ausreichend zu bedanken. Vielmehr scheint Selenskyj für die aktuelle US-Regierung gerade deshalb in Ungnade gefallen zu sein, weil er ein gutes Verhältnis zur Vorgängerregierung unterhalten hatte. So hielt Vance dem ukrainischen Präsidenten vor, dass er noch im Herbst 2024 an einer Wahlkampfveranstaltung des Konkurrenten teilgenommen habe.
In sich geschlossene Welten
Die Kehrtwende der US-amerikanischen Politik hat vor allem deshalb gravierende Folgen, weil die USA in ihrer (ehemaligen) Eigenschaft als Hegemonialmacht etliche Abhängigkeitsverhältnisse zur restlichen Welt aufgebaut haben. Unter der Politik des America First werden diese Beziehungen nun schlagartig gekappt. Auch die tragischen Helden Racines haben, so Barthes, den Bezug zur Außenwelt verloren und leben in einem in sich abgeschlossenen Universum. Für die rationalen Argumente ihrer Beraterfiguren sind diese Helden unempfänglich. Stattdessen konstituiert sich ihre Welt aus Gerüchten, aus einer diffusen öffentlichen Meinung, die – wie Barthes schreibt – mal Terror, mal Alibi für das eigene Handeln ist.
Der mangelnde Bezug zur Außenwelt ist auch ein Merkmal der aktuellen US-Regierung, die sich empirischen Forschungen verweigert und ihnen die Unterstützung systematisch entzieht. Auf den fehlenden Bezug der aktuellen Regierung zur Außenwelt wies auch Selenskyj in dem Gespräch hin. Er konfrontierte den Vizepräsidenten mit der Frage, ob er überhaupt einen Einblick in die ukrainischen Verhältnisse vor Ort habe. Vance verwies darauf, dass er sich mithilfe von Berichten ein ausreichendes Bild der Lage habe verschaffen können. Dabei deutet einiges darauf hin, dass sowohl Vance als auch Trump Soziale Medien als Informationsquelle dienen, wie etwa der Nachrichtendienst X, der inzwischen als Verstärker russischer Propaganda fungiert. Deren Spuren sind eindeutig in den Stellungnahmen beider Politiker nachzuweisen, etwa indem sie behaupten, dass die gesamte Ukraine zerstört sei, das Land den Angriff Russlands selbst zu verantworten habe oder Selenskyj ein Diktator sei.
Des Weiteren sind Racines Figuren den Beobachtungen Barthes zufolge einer durch Wiederkehr und Wiederholung geprägten Zeit verhaftet. Der Versuch eines Neuanfangs ist den Figuren verwehrt, da sie immer wieder darum bemüht sind, den Mythos neu zu inszenieren. Es ist diese Wiederholung einer mythologischen Vorzeit, die der von Trump begründeten MAGA-Bewegung bereits im Akronym mit dem Again eingeschrieben ist. Wie Racines Figuren beziehen sich Trumps Anhänger*innen auf eine unbestimmte, mythologische Vorzeit, wobei unklar bleibt, welche Epoche der US-amerikanischen Geschichte denn nun eigentlich wiederbelebt werden soll.
Spielarten des Noah-Komplex
Auf die immer wieder neue Inszenierung der Vergangenheit beharren bei Racine die Vaterfiguren. Hierfür verwenden sie eine Reihe von Machttechniken. Wie Barthes schreibt, versucht der Vater sein Gegenüber in ein Verhältnis der Abhängigkeit zu treiben, um es dann umso besser demütigen zu können. Bei dem Vater handle es sich um eine buchhalterische Gottheit, die für jede Leistung eine entsprechende Gegenleistung einfordere. Mehr noch: Die Abrechnung mit seinem Opfer überschreite noch dessen eigentliche Schuldigkeit. Diese Bösartigkeit des Vaters ist laut Barthes ästhetisch motiviert; sie begründet ein Schauspiel.
Die einer vergleichbaren Logik folgende Politik Trumps ist ebenfalls darauf ausgerichtet, ein Schauspiel zu begründen. Vor allem der Umgang der Trump-Regierung mit Geflüchteten bedient das populistische Bedürfnis nach einer öffentlichkeitswirksamen Bestrafung bereits ohnehin marginalisierter Gruppen – eine Tendenz, die sich nebenbei auch in der deutschen Politik vermehrt durchsetzt. Auch den Spektakelcharakter des Gesprächs im Oval Office hob Trump unverhohlen hervor. Abschließend bemerkte er: „This is going to make great television.“
Durch den Altersunterschied zwischen Trump und Selenskyj wirkte deren Gespräch wie die Inszenierung eines Generationskonflikts. Dem vermeintlich undankbaren Sohn Selenskyj stand der gehörige Sohn J.D. Vance gegenüber, der Trump in seinen Attacken sekundierte. Auch die Tragödien Racines inszenieren immer wieder Generationskonflikte zwischen Vater und Söhnen. Dabei unterwirft sich einer der Söhne bedingungslos dem Vater, wohingegen der andere versucht, sich vom Vater zu emanzipieren.
Laut Barthes handelt es sich hierbei um zwei Spielarten, um auf den eingangs erwähnten Noah-Komplex zu reagieren. In der ersten Spielart verschließt der unterwürfige Sohn die Augen vor der Bösartigkeit des Vaters. In einer Verkehrung der Schuld, versucht er den Vater zu retten. Dabei übernimmt er dessen Schuld, um ihn frei zu sprechen und so den Anschein der Gerechtigkeit zu wahren. Obgleich sich dieses Verhältnis weder auf Vance noch auf Selenskyj übertragen lässt, macht Barthes mit der Schuldverkehrung auf einen Mechanismus aufmerksam, der in der Gegenwart greift. Denn dem Willen zur Verkehrung der Schuldfrage folgt die russische Propaganda, die von der aktuellen US-Regierung übernommen wird, indem sie mal Selenskyj, mal der Biden-Regierung die Verantwortung für den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zuschreibt.
Die eigentlichen Helden Racines sind Barthes zufolge diejenigen Figuren, die der zweiten Reaktion auf den Noah-Komplex entsprechen. Vor der Bösartigkeit des Vaters schlagen sie die Augen nicht nieder, sie verweigern sich der Schuldverkehrung. Sie versuchen dem streng symmetrisch organisierten Universum zu entkommen, indem sie sich zur Welt hin öffnen und aus dem Spiel der Binaritäten austreten. Es ist diese zweite Spielart des Noah-Komplexes, die für die Gegenwart zu adaptieren ist. So gilt es, der Bösartigkeit der neuen Tyrannen-Figuren ins Auge zu blicken und ihrem Versuch der Schuldumkehr nicht nachzugeben. Dabei ist es notwendig, die streng symmetrische Aufteilung des Universums zu durchbrechen. Damit ist keine versöhnlerische Haltung gemeint, bei der man etwa Zugeständnisse an Trumps Politik macht. Vielmehr ist der Argumentation, dass sein Handeln als bloße Reaktion auf ein angebliches Unrecht zu verstehen sei, zu misstrauen. Denn nur so gerät in den Blick, dass Trumps Politik eigene, auf die Welt gerichtete Machtinteressen verfolgt.
