Trans­ra­cial Iden­tity. Rachel Dolezals Kampf um Anerkennung

2015 wurde die Vorsitzende der Bürgerrechtsorganisation NAACP (National Association for the Advancement of Coloured People) in Spokane (WA) als Weiße „geouted“. 2017 veröffentlichte sie ihre Autobiografie und beansprucht seitdem eine transracial identity. Was ist falsch daran, wenn „Rasse“ nur ein Konstrukt ist?

In einem poli­ti­schen Klima, in dem offener Rassismus zur offi­zi­ellen Politik des Weißen Hauses gehört, in einem Ausmaß, das selbst unter Präsi­denten wie Reagan und Bush Senior und Junior undenkbar gewesen wäre, könnte eine Geschichte wie die von Rachel Dolozel einen befrei­enden Charakter haben. Eine weisse Frau dekla­riert sich frei­willig als Schwarze und kämpft gegen Rassen­dis­kri­mi­nie­rung und Rassen­hass. Aber es ist und bleibt eine trau­rige Episode, die mehr über ein Einzel­schicksal verrät als über krea­tiven Anti­ras­sismus, wie man zunächst noch meinen konnte. Das liegt unter anderem daran, weil Rachel Dolezal nicht verstanden hat, was es mit dem Konstruk­ti­ons­cha­rakter von Rasse – oder Geschlecht – eigent­lich auf sich hat. Sie hat dies ebenso wenig verstanden, wie die hämi­schen Kommen­ta­toren, die nach Trumps Wahl­sieg umge­hend der „kultur­wis­sen­schaft­li­chen Linken“ (M. Hampe) den post­fak­ti­schen Spiegel vorhalten wollten, nach dem Motto: Wie kann man Lügen und alter­na­tive Fakten geißeln, wenn man selbst alles für konstru­iert hält? 

Rachel Dolezal; Quelle. independent.co.uk

Tatsäch­lich scheinen sich einige Grenzen zu verwi­schen, seit man nach dem Wahltag aufstand, sich die Augen rieb und dachte, das kann doch wohl alles nicht wahr sein. Plötz­lich stellen Rechts­po­pu­listen „das System“ in Frage, rufen zur Revo­lu­tion auf und pochen auf Alter­na­tiven gegen­über dem Estab­lish­ment. Zurück bleibt – angeb­lich – eine mehr oder weniger verwirrte Linke, die hilflos weiter ihr Spiel mit poli­ti­scher Korrekt­heit und multi­plen Iden­ti­täten treibt, als deren Höhe­punkt nun Rachel Dolezals Kampf für ihre Aner­ken­nung als trans­ra­cial person gelten könnte. Die Diagnose aller­dings, dass linke Theorie und Praxis gründ­lich und nach­haltig versagt hätten, kam wohl etwas zu früh ange­sichts von Frau­en­mär­schen und welt­weiten Protesten gegen den Rechts­po­pu­lismus. Und Rachel Dolezal bleibt ein Beispiel für ein grund­le­gendes Miss­ver­ständnis darüber, was die Erkenntnis bedeutet, dass Rasse ein Konstrukt ist. Die Kritik essen­tia­lis­ti­scher Behaup­tungen geht nämlich keines­wegs mit der Leug­nung histo­ri­scher Tatsa­chen einher, auch wenn das immer wieder gern behauptet wird, sondern richtet sich gegen die Vorstel­lung, die Welt, die Realität sei voraus­set­zungslos gegeben.

Black als poli­ti­sches Konzept

Ina Ray Hutton (1916-1984): “a ‘blonde bombs­hell’ with a secret: she was black”; Quelle: chicago.suntimes.com

Racial passing, der Wechsel von einer rassi­schen Kate­gorie in eine andere, hat in ehema­ligen Sied­ler­ge­sell­schaften wie den USA und Südafrika eine lange Geschichte. Übli­cher­weise erfolgte das Passing jedoch von schwarz zu weiß, um die eigenen Lebens­chancen und die der Kinder zu verbes­sern, und nicht in umge­kehrte Rich­tung von weiß zu schwarz. Die Praxis des Passing war für Menschen mit heller Haut­farbe möglich, weil rassi­sche Zuord­nungen eben keines­falls eindeutig sind, sondern immer etwas mit sozialer Praxis und poli­ti­schen Verhand­lungen zu tun haben und nicht nur mit physi­schen Merkmalen.

Als in den 1980er Jahren in Südafrika „black“ zu einem poli­ti­schen Kampf­be­griff wurde, zu einer Selbst­be­zeich­nung im Antia­part­heid­kampf, die sich gegen die absurden rassi­schen Eintei­lungen der Bevöl­ke­rung in drei, später vier Haupt- und zahl­reiche Neben­gruppen rich­tete, schloss dieses poli­ti­sche Schwarz­sein die weiße Bevöl­ke­rung aus. Weiße Akti­vis­tinnen und Akti­visten durften sich nicht als black bezeichnen, denn ihnen fehlte die alltäg­lich Erfah­rung, der jeder als black, coloured, indian, asian, mixed oder other klas­si­fi­zierte Mensch in Südafrika ausge­setzt war: die Klas­si­fi­ka­tion bestimmte den Zugang zum Bildungs- und Gesund­heits­system, den Platz im Bus und auf der Park­bank und selbst die Qualität des Essens im Gefängnis. Jeder zerlumpte weiße Bettler, jeder Hilfs­ar­beiter, der als weiß klas­si­fi­ziert war, konnte sich „schwarzen“ Geschäfts­frauen und Univer­si­täts­ab­sol­venten über­legen fühlen und besaß faktisch Privi­le­gien und poli­ti­sche Rechte, die diesen verwehrt blieben.

In den offi­zi­ellen juris­ti­schen und sozio­lo­gi­schen Defi­ni­tionen wurde niemals allein die Biologie als Grund­lage von Rasse bemüht. Im Gegen­teil: es gab selbst im starren System der Apart­heid regel­mäßig Umklas­si­fi­ka­tionen, wöchent­lich in den Zeitungen bekannt gegeben, aber dies stellte das rassis­ti­sche System insge­samt nicht in Frage, sondern zemen­tierte es eher. Rasse als Herr­schafts­in­stru­ment basierte auf einer komplexen Mischung von Herkunft, Ansehen, Verhalten, Status, Zuschrei­bungen und Selbst­be­schrei­bungen. Und so war es auch möglich, Irrtümer und Unein­deu­tig­keiten zuzu­geben und umge­hend zu besei­tigten, nachdem mit dem Popu­la­tion Regis­tra­tion Act von 1950 die rassi­sche Klas­si­fi­ka­tion aller Einwoh­ne­rinnen und Einwohner Südafrikas einge­führt worden war. Es ist ja das Perfide an der rassis­ti­schen Ideo­logie, dass sie die Biologie gar nicht braucht, und wie jede Ideo­logie prächtig mit Wider­sprü­chen leben kann. 

Der Konstruk­ti­ons­cha­rakter von „Rasse“ gehört also zum Herr­schafts­wissen jeder rassis­ti­schen Gesell­schaft, wie nicht nur das südafri­ka­ni­sche Beispiel zeigt, und daher sind Hinweise auf biolo­gi­sche und gene­ti­sche Erkennt­nisse darüber, dass mensch­liche Rassen nicht exis­tieren, auch so wenig wirksam. Vor diesem Hinter­grund ist Rachel Dolezals eigen­mäch­tige Umklas­si­fi­zie­rung weniger ein Akt der Kritik, als viel­mehr eine unrecht­mä­ßige Aneig­nung histo­ri­scher Erfahrung.

„Race“ in den USA

In den USA herrscht zwar keine offi­zi­elle Apart­heid bzw. Rassen­se­gre­ga­tion mehr, aber Rasse ist eine alltäg­liche Realität und exis­tiert auch als admi­nis­tra­tive Kate­gorie weiter fort. In der heutigen Behör­den­sprache der USA gilt race aller­dings auch nicht als natur­wis­sen­schaft­liche Tatsache, sondern beschreibt, ähnlich wie in Südafrika, eine Mischung von fami­liärer Herkunft und sozialer Praxis sowie kultu­reller Selbst- und Fremd­zu­schrei­bung – race ist also ein Konstrukt, das aber eben sehr reale Auswir­kungen hat und auf lebens­langen Erfah­rungen basiert, die man sich nicht aussu­chen kann. Konstruk­tion bedeutet ja nicht Willkür, und etwas als „konstru­iert“ zu analy­sieren, also zu erkennen, dass die Gene­rie­rung von Wissen histo­ri­schen und kultu­rellen Voraus­set­zungen unter­liegt und Tatsa­chen auch „gemacht“ sind, bedeutet im Umkehr­schluss nicht, dass Lügen Wahr­heit sind oder eine konstru­ierte Kate­gorie wie Rasse keine Realität besitzen würde. 

Dolezal zemen­tiert mit ihrem Passing eher rassi­sche Kate­go­rien, als diese aufzu­heben, denn sie hat sich mit ihrer Auto­bio­grafie eine Geschichte von Miss­brauch und Diskri­mi­nie­rung zurecht­ge­legt, die klas­si­schen weißen Stereo­typen über schwarzes Fami­li­en­leben entspricht (mit einigen kuriosen native american indian Einspreng­seln, wie ihrem angeb­li­chen Leben als Kind in einem Tipi). So sei sie in einer Atmo­sphäre von Miss­brauch aufge­wachsen und später von ihrem Ehemann geschlagen worden, und hätte sich dann als single mom tapfer durch­ge­bracht, bis sie schliess­lich als Bürger­recht­lerin und Dozentin für African American Studies Erfolg hatte. 

Rachel Dolezal an einer Mode­schau; Quelle: .thebritishblacklist.com

So sieht Osamudia James, Profes­sorin an der juris­ti­schen Fakultät der Univer­sität Miami, Rachel Dolezals Auftreten denn auch in der Tradi­tion des Black Facing, als eine Kostü­mie­rung mit Dread­looks, knallig lackierten Finger­nä­geln und auffäl­ligem Schmuck. Sie schreibt: “Not every black person has grown up poor, witnessed a cross burning, or actively joined (much less headed) a civil rights orga­niz­a­tion. Rather, the expe­ri­ence of black­ness more often includes subtle, but more inde­lible, pheno­mena”. Dazu gehörten die rassis­ti­schen Narra­tive von schwarzer Infe­rio­rität (während Rachel Dolezal als weißes Kind ja genau die umge­kehrten Geschichten frag­loser weißer Über­le­gen­heit gehört haben dürfte), Frus­tra­tionen darüber, in einer Gesell­schaft aufzu­wachsen, in der Zusam­men­hänge weißer Über­le­gen­heit mit Gender- und Klas­sen­fragen nicht auf dem Lehr­plan stünden, aber auch die Arbeit und Sorge schwarzer „care­gi­vers“, die den ihnen anver­trauten Kindern Stärke und Stolz, trotz aller Kämpfe in einer nach wie vor rassis­ti­schen Gesell­schaft vermit­teln würden.

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Schwarz zu sein, so James, sei eben auch das Resultat einer inter­ge­nera­tio­nellen alltäg­liche Erfah­rung und eines histo­ri­schen Kampfes gegen Diskri­mi­nie­rung, der neben Leid auch Stolz und wert­volle kultu­relle und intel­lek­tu­elle Errun­gen­schaften hervor­ge­bracht hat. Diese Geschichte kann man sich nicht durch einen Willensakt aneignen und diese Erfah­rung hat wenig mit dem Aussehen zu tun. Und während sich Rachel Dolezal einer­seits, viel­leicht soli­da­risch, mit einer immer noch margi­na­li­sierten Gruppe iden­ti­fi­zierte, benutzte sie ande­rer­seits ihre neu erwor­bene Iden­tität, um Status zu gewinnen – schließ­lich war sie keine einfa­ches Mitglied der NAACP in Spokane (WA), sondern deren Vorsitzende. 

„Rasse“ als Schicksal

Da Rachel Dolezal nicht mehr behaupten kann, sie hätte einen schwarzen Vater, da ihr also genau die fami­liären, inter­ge­nera­tio­nellen Erfah­rungen fehlen, von denen Osamudia James spricht, bean­sprucht sie nun, bereits als kleines Kind „gespürt“ zu haben, dass sie schwarz sei. Sie habe ihr Gesicht in Kinder­zeich­nungen mit einem braunen Stift gemalt – viel­leicht nicht beson­ders über­ra­schend, hatte sie doch zwei schwarze Adop­tiv­brüder – und mit schwarzen Puppen gespielt. Als wäre es irgendwie „unna­tür­lich“ wenn „normale“ weiße Kinder mit schwarzen Puppen spielen. Ihr Schwarz­sein ist also kein bewusster Akt der Eman­zi­pa­tion oder eine poli­ti­sche Perfor­mance in einem immer noch rassis­ti­schen System, sondern reicht in eine tragi­sche Kind­heit zurück und wird zum Schicksal. Sie sei eine trans­ra­cial person, so Rachel Dolezal aka Nkeschi Diallo (der Name vereint gleich mehrere afri­ka­ni­sche Spra­chen), im falschen Körper geboren und, analog zu Menschen, die ihr Geschlecht wech­seln, dazu berech­tigt, ihre „Rasse“ zu wech­seln. An ihren Lügen über ihre Herkunft, ihre Familie und ihre Erfah­rungen als schwarzes Kind und schwarze Frau ändert diese neue Argu­men­ta­tion nichts. Auch wenn Rasse eine Fiktion ist, so ist sie doch „reale Fiktion“ und unter­liegt nicht einer indi­vi­du­ellen Wahl. Aller­dings fühlt sie sich jetzt als trans­ra­cial person aktuell diskri­mi­niert und hat damit ihre Geschichte und ihre neue Iden­tität synchro­ni­siert. Doch verdeckt und negiert nicht diese als Einzel­schicksal dekla­rierte Erfah­rung die Herr­schafts­struk­turen und Diskri­mi­nie­rungs­er­fah­rungen, die „black“ als soziale Kate­gorie erst hervorbringen?