Die Rechte in den USA – aber auch andernorts – hat ein neues Angriffsziel entdeckt: trans Menschen. Was bedeutet es konkret, rechtlich und politisch, wenn die Religiöse Rechte ihre transfeindlichen Ressentiments umsetzen kann?

  • Annika Brockschmidt

    Annika Brockschmidt ist freie Journalistin und Autorin. Ihr aktuelles Buch, „Amerikas Gotteskrieger - wie die Religiöse Rechte die Demokratie gefährdet" landete auf der Spiegel Bestsellerliste. Sie schreibt außerdem für den Tagesspiegel, die Frankfurter Rundschau, Zeit Online und Religion Dispatches. Außerdem hostet sie den Podcast „Kreuz und Flagge", der sich mit der amerikanischen Demokratie befasst.
Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart 
Trans­feind­lich­keit: Radikalisierungs-Pipeline der ameri­ka­ni­schen Rechten
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„Eine Bombe ist auf dem Weg zum Kran­ken­haus. Ihr solltet besser alle evaku­ieren, ihr kranken Schweine.” Das war die Nach­richt, die ein Anrufer am 30. August 2022 dem Boston Children’s Hospital hinter­ließ. Es war eine von zahl­rei­chen Drohungen, die das Kran­ken­haus und seine Mitarbeiter*innen erhalten haben, seit es zur Ziel­scheibe einer rechten Kampagne geworden ist. Die Ärzt*innen und das Pfle­ge­per­sonal des Boston Children’s Hospital sind nicht die einzigen Health Care-Arbei­tenden, die Mord­dro­hungen erhalten. Immer wieder hetzen rechte Medi­en­stars wie Tucker Carlson, aber auch Repu­bli­ka­ni­sche Politiker*innen und rechte Troll-Accounts wie „Libs of TikTok“ ihre Anhän­ger­schaft auf einzelne Ärzt*innen, die gender affir­ming Gesund­heits­ver­sor­gung für trans Kinder, Jugend­liche und Erwach­sene anbieten.

Trans­feind­lich­keit ist zu einem der bestim­menden Themen der US-amerikanischen Rechten geworden. In den USA verab­schieden Repu­bli­ka­ni­sche Bundes­staaten gerade immer extre­mere trans­feind­liche Gesetze.

„Toiletten-Gesetze“

Noch vor zehn Jahren sprach die US-amerikanische Rechte nicht über Trans­ge­schlecht­lich­keit, sondern wetterte gegen Homo­se­xua­lität. Doch mit der Einfüh­rung der gleich­ge­schlecht­li­chen Ehe, die in der Bevöl­ke­rung Zustim­mung auf einem Rekord­ni­veau findet, hat die Reli­giöse und Poli­ti­sche Rechte entschieden, sich einer anderen margi­na­li­sierten Gruppe zuzu­wenden: trans Menschen. Das bedeutet nicht, dass die Rechte ihre Ansichten zu Gay Rights geän­dert hätte – keines­wegs. Man ist jedoch prag­ma­tisch genug, um auf ein anderes Pferd zu setzen, wenn das aktu­elle aussichtslos erscheint.

Tatsäch­lich eignen sich trans Menschen perfider Weise viel besser als Sünden­bock als Homo­se­xu­elle: Die Gruppe ist viel kleiner – sprich, viel weniger Menschen haben trans Menschen in ihrem persön­li­chen Umfeld – und das Unwissen zu trans Rights in der Bevöl­ke­rung ist viel höher. Die US-amerikanische Rechte hatte schon einmal versucht, mit Trans­feind­lich­keit zu punkten. Damals ging es um soge­nannte „Bathroom-Bills“ – „Toiletten-Gesetze“ also, die trans Menschen z.B. den Zugang zu Schul­toi­letten, die ihrer Geschlechts­iden­tität entspre­chen, verbieten sollten.

Diese Gesetze waren aller­dings unbe­liebt, denn selbst jemand, der sich nicht mit trans Themen auskennt, bemerkt schnell, dass diese Rege­lungen diskri­mi­nie­rend sind und keinerlei Sinn ergeben, selbst wenn man der Argu­men­ta­tion der Transfeind*innen folgt: In den meisten Fällen ist nicht zu erkennen, wer trans ist und wer nicht. Solche Toiletten-Gesetze hätten zur Folge, dass z.B. trans Männer – in den meisten Fällen optisch deut­lich männ­lich gelesen – eine Damen­toi­lette benutzen, was ja genau das Szenario darstellt, vor dem Transfeind*innen warnen: dass Männer Frau­en­toi­letten benutzen. Die Stra­te­gien verleumdet am meisten trans Frauen, denn die Agita­tion bedient sich zweier Muster: Erstens spricht man trans Frauen ab, weib­lich zu sein, so dass man ihnen die Toilet­ten­be­nut­zung verwehren will. Zwei­tens führt dieses Abspre­chen von Weib­lich­keit dazu, dass sie völlig falsch und diffa­mie­rend darge­stellt werden, als verklei­dete Trieb­täter. Dieses groteske Bedro­hungs­sze­nario sugge­riert, cis Männer würden sich als Frauen verkleiden, um in öffent­li­chen Toiletten Gewalt­taten zu begehen. Dieses Angst­bild geht absur­der­weise davon aus, dass ein cis Mann den schmerz­haften, mit massiven Diskri­mi­nie­rungen und Kosten verbun­denen Weg einschlägt, eine trans Frau zu werden, weil er in einer Toilette Frauen beläs­tigen will. Gewalt­tä­tige cis Männer lassen sich für gewöhn­lich nicht von einem Toilet­ten­schild abhalten.

Recht­liche Ausschlüsse und soziale Angriffe

Doch jetzt hat die Rechte zwei Narra­tive gefunden, die zu zünden scheinen – und zwar nicht nur bei den eigenen Anhän­gern, sondern auch in Milieus, die sie sonst schwer erreicht: in libe­ralen, femi­nis­tisch orien­tierten Teilen der Gesell­schaft und in der „bürger­li­chen Mitte“.

Im ersten Narrativ betont sie, dass es ledig­lich um „Fair­ness“ im Mädchen­sport gehe. Wenn es trans Mädchen und jungen Frauen erlaubt werde, am Schul- oder College­sport teil­zu­nehmen, würden cis Mädchen und Frauen keinerlei Chance mehr haben. Abge­sehen davon, wie unglaub­würdig es ist, dass die Rechte plötz­lich ihre Begeis­te­rung für den Mädchen- und Frau­en­sport entdeckt hat, zeigt die Präsenz von trans Menschen im Sport, dass es sinn­voll sein könnte, ganz ohne moral panic darüber nach­zu­denken, ob die binäre Geschlech­ter­tren­nung nicht durch andere Krite­rien wie Gewichts­klassen ergänzt oder ersetzt werden müsste.

Das zweite Narrativ, das von rechts gesponnen wird, ist das vom „Schutz der Kinder“. Es gehe nicht um Trans­feind­lich­keit, behaupten ihre Vertreter*innen, sondern darum, unschul­dige und wehr­lose Kinder zu schützen. Damit verbunden ist die Lüge von Trans­ge­schlecht­lich­keit als „sozialer Anste­ckung“. Es ist ein Echo der alten Mär, dass Homo­se­xua­lität „anste­ckend“ und dementspre­chend „heilbar“ sei. Trans­ge­schlecht­liche und homo­se­xu­elle Menschen, so die Rechte, könnten sich nicht selbst fort­pflanzen, deshalb müssten sie Kinder in ihren „Gender-Kult“ oder ihre „trans-Ideologie“ rekru­tieren. Alles, was auch nur annä­hernd mit LGBTQ-Themen zu tun hat, wird als sexuell dege­ne­riert darge­stellt und mit Pädo­philie asso­zi­iert. So hat sich im letzten halben Jahr im US-amerikanischen poli­ti­schen Diskurs die Bezeich­nung „Groomer” für LGBTQ-Menschen etabliert, gemeint sind Erwach­sene, die Kinder mani­pu­lieren, um ihnen gegen­über sexuell über­griffig zu werden. Diese Verleum­dung ist nicht auf die siffigsten rechten Ecken des Inter­nets beschränkt, sondern wird von führenden Republikaner*innen, wie zum Beispiel von der Nummer drei im Reprä­sen­tan­ten­haus, Elise Stefanik, verbreitet.

Es ist eine perfide Taktik, LGBTQ-Menschen in die Nähe von Pädo­philen zu rücken oder sie gar mit ihnen gleich­zu­setzen. Es ist eine Taktik, die als soge­nannter „stochas­ti­scher“ Terro­rismus bezeichnet wird. Stochas­ti­scher Terro­rismus erklärt das Phänomen von gewalt-induzierender Rhetorik durch bekannte Persön­lich­keiten aus Medien und Politik, die die Ziel­gruppe immer weiter radi­ka­li­siert, bis Einzelne – aufge­hetzt von der Stim­mungs­mache gegen eine margi­na­li­sierte Gruppe – zur Gewalttat schreiten. Das „Schützt die Kinder“-Narrativ wird auf Ebene der US-Bundesstaaten benutzt, um vor allem anti-trans, aber auch  anti-LGBTQ-Gesetze zu verab­schieden. Die Zahlen sind erschre­ckend: Allein in den ersten vier Monaten des Jahres 2022 wurde mit 300 anti-LGBTQ Gesetzen der Rekord an einge­reichter Gesetz­ge­bung gebro­chen – 2018 waren es noch 41.

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Gegen Gleich­be­rech­ti­gung: queer­feind­liche Gesetze

Die LGBTQ-feindlichen Gesetze lassen sich in drei Kate­go­rien einteilen: Erstens Verbote für trans Mädchen und Frauen am Universitäts- oder Schul­sport für Mädchen und Frauen teil­zu­nehmen. Während der Vorwand genannt wird, den Mädchen- und Frau­en­sport „schützen“ zu wollen, leiden unter einem solchen Verbot trans und cis Mädchen. Sie wären gezwungen, sich einer Geni­tal­un­ter­su­chung zu unter­ziehen, sollte jemand behaupten, dass sie trans- oder inter­ge­schlecht­lich seien. Das träfe beson­ders sport­liche Mädchen, solche, die nicht „mädchen­haft“ genug erscheinen – von breiten Schul­tern bis zu Cargo­hosen könnte alles eine womög­lich trau­ma­ti­sie­rende Geni­tal­un­ter­su­chung zur Folge haben. Erst diese Reali­sie­rung sorgte dafür, dass die inva­sive Geni­tal­un­ter­su­chung aus dem Gesetz gestri­chen wurde. Ein DNA-Test wird jedoch immer noch verlangt – was zudem dazu auch führen würde, dass inter­ge­schlecht­liche Menschen unfrei­willig geoutet würden.

Den zweiten Block bilden Gesetze, die die Gesund­heits­ver­sor­gung von trans Kindern und Jugend­li­chen mit der ärzt­lich empfoh­lenen Gesund­heits­ver­sor­gung einschränken oder krimi­na­li­sieren. Das trans würde Kinder und Jugend­liche in eine plötz­liche Detran­si­tion zwingen, mitten in der Pubertät – mit mögli­cher­weise tödli­chen Folgen, da der Einsatz von Hormon­blo­ckern mit einem nied­ri­geren Suizid­ri­siko einher­geht. Die psychi­schen und körper­li­chen Folgen einer erzwun­genen Detran­si­tion bei Heran­wach­senden wären katastrophal. 

Die dritte Gruppe von Gesetzen verbietet es Lehrer*innen und Betreuer*innen in Schulen, LGBTQ-Themen anzu­spre­chen oder über­haupt anzu­er­kennen, dass es queere Menschen gibt. Damit sollen queere Menschen unsichtbar gemacht werden. Jetzt zeichnet sich eine vierte Kate­gorie ab: die versuchte Einschrän­kung der medi­zi­ni­schen Versor­gung von trans Erwach­senen. Lange sind die Warnungen von trans Menschen unge­hört geblieben, was dies betrifft. Repu­bli­kaner haben jetzt zudem auf Bundes­ebene Geset­zes­vor­schläge einge­reicht, die eine natio­nale Version von Floridas „Don’t Say Gay“-Gesetz sind. Zudem verbieten sie Insti­tu­tionen, die öffent­liche Gelder erhalten, über LGBTQ-Themen aufzu­klären und trans Menschen in Sport­teams antreten zu lassen. Solche Gesetze würden es zudem Eltern erlauben, Lehrer*innen und Dozent*innen zu verklagen, sollte ihr Kind mit LGBTQ-Themen in Kontakt treten. Noch haben Repu­bli­kaner keine Chance, diese Gesetze zu verab­schieden – sollten sie jedoch in den Midterms beide Kammern des Kongresses zurück­ge­winnen, wäre der Weg frei. Das Ziel dieses Gesetzes ist klar: LGBTQ-Menschen aus der Gesell­schaft zu verdrängen, sie unsichtbar zu machen und schlimms­ten­falls ihren Tod in Kauf zu nehmen. 

Offene Gewalt­auf­rufe

Vertreter*innen der Repu­bli­kaner verlangen zudem, man müsse Kinder nicht nur vor LGBTQ-Menschen „schützen“, sondern auch vor Ärzt*innen, die die für trans Kinder und Jugend­liche über­le­bens­wich­tige gender affir­ming Gesund­heits­ver­sor­gung bereit­stellen. Rechte Politiker*innen und Kommentator*innen behaupten, man wolle „die Kinder“ vor den gierigen Händen von Ärzten „schützen“, die sie „verstüm­meln“ wollten. Matt Walsh, der jüngst von der WELT als „konser­va­tiver Michael Moore“ bezeichnet wurde, hat Ärzt*innen, die gender affir­ming care anbieten, als „böse“ bezeichnet – „so böse wie Nazi-Wissenschaftler“.

Tucker Carlson ist in seinen Aufrufen zur Gewalt noch expli­ziter. Er sagte über LGBTQ- Lehrer*innen, die gegen­über ihren Schüler*innen zugeben, eine gleich­ge­schlecht­liche Ehe zu führen: „Bis vor Kurzem war die Regel noch: Wenn du mit meinen minder­jäh­rigen Kindern über ihr Sexleben redest, dann wird dir wehgetan. Und ich glaube, das sollte weiterhin die Regel sein. Ich glaube, dass das wirk­lich so bedroh­lich ist.“

Die Gewalt- und Mord­dro­hungen gegen­über Ärzt*innen, die trans Kinder und Jugend­liche behan­deln, folgt derselben perfiden „Logik“ wie die Anschläge auf Abtrei­bungs­kli­niken. In beiden wird unter dem Motto „Schutz der Kinder“ Gewalt ange­droht und auch verübt. Abtrei­bungs­kli­niken wurden Ziel­scheibe von Brand­an­schlägen, Ärzt*innen wurden ermordet.

In der inter­na­tio­nalen Rechten sind die Erfolge der anti-trans-Bewegung in den USA nicht unbe­merkt geblieben: Vor allem Groß­bri­tan­nien hat sich in Europa als Zentrum der Trans­feind­lich­keit heraus­ge­bildet, doch sie ist längst auch in anderen euro­päi­schen Ländern ange­kommen. In den letzten Jahren sind Millionen von Dollar in die allge­mein als „anti-gender“-Themen bezeich­neten Unter­fangen geflossen, bei denen ähnliche Narra­tive verbreitet werden. Sie stammen aus den Taschen rechter und funda­men­ta­lis­ti­sche Christ*innen, die ein globales Netz­werk aufge­baut haben, wie der Bericht The Tip of the Iceberg des Euro­pean Parlia­men­tary Forum for Sexual & Repro­duc­tive Rights zeigt.

Die Radikalisierungs-Pipeline

Beson­ders besorg­nis­er­re­gend ist der Zusam­men­schluss einiger trans-feindlicher Feminist*innen mit der Poli­ti­schen und Reli­giösen Rechten. Weshalb machen Frauen, die sich als femi­nis­tisch verstehen, gemein­same Sache mit einer dezi­diert frau­en­feind­li­chen, anti-feministischen und queer­feind­li­chen Bewe­gung? Wer in die Geschichte schaut, sieht jedoch, dass es nicht das erste Mal ist, dass „radi­kale Femi­nis­tinnen“ und die Reli­giöse Rechte sich zusam­mentun. Die auf den ersten Blick para­doxe Koali­tion findet ihren gemein­samen Nenner über ihr rein biolo­gis­ti­sches Geschlech­ter­ver­ständnis. Schon früher haben beide Gruppen gemein­same Sache gemacht, wenn man sich über das Ziel einig war: wie beispiels­weise, Sexar­beit oder Porno­gra­phie abzu­schaffen. So lässt sich erklären, dass trans­feind­liche Femi­nis­tinnen auf Panels der rechts­re­li­giösen Heri­tage Foun­da­tion auftreten, und dass J.K. Rowling den trans­feind­li­chen Film des selbst­er­nannten „theo­kra­ti­schen Faschisten“ Matt Walsh lobt. Trans­feind­lich­keit ist eine Radikalisierungs-Pipeline: Der biolo­gis­ti­sche Ansatz bietet poten­zi­ellen Nähr­boden für andere, offen rechte Ideo­lo­gien. So ist es nicht verwun­der­lich, dass Trans­feind­lich­keit oft einher­geht mit anti-muslimischem Rassismus und einer Bewer­bung „tradi­tio­neller“ Geschlech­ter­rollen. Biolo­gis­ti­sche Geschlechts­kon­trollen im Profi­sport führen beispiels­weise in der Praxis vor allem zum Ausschluss Schwarzer Athletinnen.

Der Philo­soph und Faschismus-Experte der Univer­sität Yale, Jason Stanley, erklärt: „Die Kern­er­zäh­lung des Faschismus ist der ‚Große Austausch’, die Angst, dass eine domi­nante Gruppe kultu­rell oder physisch durch eine margi­na­li­sierte Gruppe ersetzt werden soll, die als Sünden­bock benutzt wird. Der Angriff auf trans Frauen folgt dieser Logik; er schürt die Angst, dass Frauen als Klasse ,ersetzt‘ werden sollen.“

In den USA ist die Situa­tion für viele trans Menschen uner­träg­lich geworden. Ich habe Jolene Jones, eine trans Frau aus evan­ge­li­kalem Eltern­haus in Austin, Texas, getroffen. Sie erzählte vom sich verschlim­mernden Klima der Angst für trans Menschen im Land, vor allem in repu­bli­ka­nisch regierten Bundes­staaten, in denen trans-feindliche Gesetze verab­schiedet wurden. „Am liebsten würden wir das Land verlassen,“ sagt sie über sich und ihre Familie. „Aber das ist leider finan­ziell nicht möglich.“ Mitt­ler­weile haben sie immerhin Texas verlassen – wie auch andere Fami­lien, die ihre trans Mitglieder, Kinder und Jugend­liche schützen wollen. Schützen vor Über­griffen auf der Straße, vor erzwun­gener Detran­si­tion, vor einer trans­feind­li­chen Umge­bung in der Schule und dem Sozi­al­leben, vor Straf­ver­fol­gung, Geld­bußen oder gar Gefäng­nis­strafe für die Eltern.

Roxanne Werner, Commu­ni­ca­tions Director für den Staats­an­walt des Harris County District, Chris­tian Menefee, der sich für den Schutz von trans Rights einsetzt, erzählte bei einem Treffen in Austin, dass sie vor kurzem eine befreun­dete Familie verab­schieden musste, die aus Angst um ihr trans Kind den Staat verlassen hat: „Es war furchtbar traurig.“

Die Ängste, die Eltern von trans Kindern ausstehen müssen, sind enorm: In Texas hat die Auffor­de­rung des Gouver­neurs und Gene­ral­staats­an­walts, Fami­lien beim Jugendamt zu melden, falls der Verdacht besteht, dass ein Kind trans sei, Fami­lien mit trans Kindern in eine Art Bela­ge­rungs­men­ta­lität gezwungen. Die Auffor­de­rung war zwar recht­lich nicht bindend, doch trotzdem ging bei den Fami­lien die Angst um, dass das Jugendamt anklopfen könnte. Durch das gene­relle Miss­trauen gegen­über trans Kindern und ihren Fami­lien, das durch die Anord­nung gene­riert wurde, können auch trans Kinder, oder cis Kinder, die optisch nicht ihrem bei der Geburt einge­tra­genen Geschlecht entspre­chen, zur Ziel­scheibe werden.

Für kurze Zeit konnten die Fami­lien von trans Kindern aufatmen, weil ein Bundes­richter die Anord­nung des Gouver­neurs und Gene­ral­staats­an­walts blockiert hatte. Doch der Texas Supreme Court urteilte anschlie­ßend, dass die Blockade aufge­hoben werden müsse – aber auch, dass der Gouver­neur zwar die Leitung des Jugend­amts besetzen, dieser gegen­über aber nicht weisungs­be­fugt sei.

Die, die bleiben können, kämpfen für trans Rights, auch wenn sie das poten­ziell selbst in Gefahr bringt. Remington Johnson, Seel­sor­gerin und selbst trans Frau, die im konser­va­tiven Okla­homa aufwuchs und jetzt für die Rechte von trans Kindern und Jugend­li­chen kämpft, spricht eine eindring­liche Warnung aus: „Wir verlieren. Wir, die trans Commu­nity, wird diese nächste Legis­la­tur­pe­riode nicht über­stehen, wenn es so weiter­geht. Die Commu­nity wird irgendwie über­leben – viel­leicht im Unter­grund. Einige werden den Staat verlassen oder tun es schon. Aber der Preis, den wir zahlen müssen, wird enorm sein.“