#Tradition. Können wir einfach wieder „traditionell“ sein?

Autoritäre Regime und rechtspopulistische Parteien reklamieren öffentlich für sich, alleinige Vertreter der Tradition zu sein. Diese dogmatische Setzung dient vor allem dem Gewinn und der Konsolidierung politischer Macht. Eine zukunftsgerichtete Politik hingegen wird mit dem Beschwören von "Tradition" verhindert.



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In turbulenten Zeiten ist der Rückgriff auf die Vergangenheit besonders attraktiv. Die Gegenwart zeigt immer in tausend verschiedene Richtungen, deren Ziele weitgehend unbekannt sind. Wege gibt es immer nach überallhin. Wer weiß, wie wir in zwanzig Jahren leben? Künstliche Intelligenz, Medienwandel, multikulturelle Gesellschaft, Globalisierung –das sind Schlagworte, die nichts Genaues bezeichnen, sondern die grundsätzliche Offenheit der Gegenwart zu bändigen versuchen. Wohin der Weg tatsächlich führt, muss die Zeit uns zeigen.

Die Vergangenheit erscheint demgegenüber als ein sicherer Hafen. Sie ist abgeschlossen, und als solche können wir sie schätzen, verehren, aber auch kritisieren – oder einfach vergessen. Weil wir uns auf unterschiedliche Weise zu ihr verhalten können, unterliegt sie auch dem politischen Streit. Ein möglicher Vergangenheitsbezug erfolgt dabei im Modus der Tradition. Sie dient als Chiffre des Stabilen, indem sie eine scheinbare oder tatsächliche Kontinuität zur Vergangenheit herstellt. Eric Hobsbawm und Terence Ranger zeigten in ihrem inzwischen 35 Jahre alten Klassiker The Invention of Tradition, dass moderne Gesellschaften „Traditionen“ nicht selten richtiggehend erfinden, dass mithin Traditionsbezüge nicht nur für „traditionale Gemeinschaften“ typisch sind. Gerade in Zeiten schnellen sozialen Wandels hatte und hat das Erfinden von Traditionen Konjunktur, um sich veränderte Lebenswelten anzueignen und ihnen einen Sinn zu geben.

Traditionspolitik als Mittel autoritärer Regierungen

In autoritären Staaten kommt der Suche nach Traditionen eine besonders wichtige Bedeutung zu – auch in unseren Tagen. Staatliche Geschichtspolitik soll dort den Machterhalt sichern, indem die eigene Herrschaft auf angebliche „Ursprünge“ und Abstammungslinien zurückgeführt wird. Ambivalenzen haben in diesen Vergangenheitsbezügen keinen Platz. Die Geschichte wird auf einfache ethnische, religiöse oder ideologische Sinnbezüge reduziert, die die Gegenwart auf nationale Identitäten und kulturelle Eigenarten festlegen sollen.

Die türkische Regierung öffnete zum Beispiel Anfang des Jahres ihr bisher streng gehütetes Bevölkerungsregister, das unter anderem Abstammungsurkunden enthält, die bis ins Jahr 1882 zurückreichen. Das Interesse der Bevölkerung war groß. Die Website stürzte binnen weniger Stunden ab. Staatspräsident Erdoğan bezweckte damit vor allem, den türkischen Staat und seine Bewohner in die Traditionslinie des Osmanischen Reichs einzuordnen, aus dessen Spätzeit die älteren Dokumente stammen. Die Öffnung des Archivs erfolgte parallel zur Offensive des türkischen Militärs in Nordsyrien – ein Vorgehen, dass Erdoğan in einer Rede explizit mit Bezug auf die osmanische Militärpolitik rechtfertigte. Gegenwarts- und Geschichtspolitik gehen hier Hand in Hand.

Auch die russische Regierung bastelt an ihrer eigenen Vergangenheit, indem sie sich als „dritte Zivilisation“ von Europa und Asien abgrenzt. Sie beschwört die „russische Seele“, die quasi schon immer den Liberalismus wie den „orientalischen Totalitarismus“ gleichermaßen ablehne. In diesem Kontext gab die Regierung ein nationales „Einheitsgeschichtsbuch“ in Auftrag, das Wladimir Putin vor vier Jahren eigenhändig präsentierte. Der rote Faden dieser Geschichtsschreibung ist bei aller äußeren Modernität vor allem die Verteidigung zaristischer und sowjetischer Imperialpolitik. Im Veröffentlichungsjahr des Buches trat Russland in der Ukraine selbst wieder sichtbar als imperialer Akteur auf – ganz im Sinne Putins, Russland zu alter Größe zurückzuführen.

Die langen Traditionslinien, die sich der russische Staat zuschreibt, enden nicht nur in diesem Fall dort, wo aktuell die Regierung Putins steht – als deren Verkörperung und Fortsetzung. Das ist kein Zufall. Das ideologische Programm der russischen Regierung soll vielmehr ganz grundsätzlich als Ausdruck der russischen Nation und ihrer Geschichte erscheinen. Das ist die Botschaft, die vermittelt werden soll.

Mit der Autorität des Staates versehen, wird diese Geschichtserzählung zur Norm: Wer einen kritischen Einwand zur Politik der Regierung äußert,  zweifelt an der russischen „Identität“, wie sie aus der konstruierten Tradition hergeleitet wird. Wer so etwas wagt, gilt schnell als Verräter und darf staatlicher Repression unterzogen werden. Entsprechend gibt es mehrere Fälle, in denen russische Historiker, die sich kritisch mit der russischen Geschichte im 20. Jahrhundert auseinandersetzen, unter fadenscheinigen Anschuldigungen angeklagt wurden.

Traditionskonstruktion in Folge verlorener Privilegien

Das sind nur zwei Beispiele. Ähnliche Vorgänge lassen sich in Indien oder China feststellen. Auch europäische Demokratien bleiben davon nicht verschont. In Ungarn etwa steht die Kulturbranche bereits unter enormer staatlicher Einflussnahme, um Kritiker der Regierung als Aggressoren wider die traditionelle ungarische Lebensweise abzustempeln und aus dem Weg zu räumen. Auch Parteien wie die AfD, der Front National oder die FPÖ arbeiten an einer Konstruktion dessen, was aus der Tradition heraus zu gelten habe. Im Grundsatzprogramm der AfD heißt es, die Partei stehe für die „gelebte Tradition der deutschen Kultur“ und dass „unser aller Identität vorrangig kulturell determiniert [sei]. Sie kann nicht dem freien Spiel der Kräfte ausgesetzt werden.“ Das ist noch harmlos formuliert. Die AfD-Thüringen spricht in einem Positionspapier von „der deutschen Seele“, die sich „nicht zuletzt in mythischen Erzählungen sowie in der besonderen Ausprägung bestimmter Tugenden“ manifestiere. Entsprechend soll nach AfD-Meinung auch die Kulturpolitik zur Förderung einer positiven Nationalidentität beitragen. Eine Identität, die – so die Behauptung – die AfD natürlich exklusiv vertrete.

Traditionsbezüge kennen auch andere Parteien. Der wesentliche Unterschied liegt darin, ob diese Bezüge ein pluralistisches Bild der Vergangenheit (und Gegenwart) zulassen, oder ob die darin enthaltenen Ambivalenzen zugunsten etwa einer ‚ethnokulturellen‘ Identität ausgeschaltet werden sollen. In der rechtspopulistischen Vorstellung gerät die Tradition zum unverfügbaren Ursprung der Gesellschaft, aus dem es kein sinnvolles, sondern nur ein zerstörerisches Entkommen gibt. Weil wir so waren, sind wir determiniert so zu sein – diese Argumentationsstruktur findet sich immer wieder am Boden der Parolen.

In der Moderne ist die Konstruktion eines solchen Ursprungs, aus dem sich die Traditionen speisen würden (und an denen es also unbedingt festzuhalten gilt) bis an die Grenze der Unmöglichkeit problematisch geworden. Eine funktional-differenzierte Gesellschaft des 21. Jahrhunderts lässt sich offensichtlich nicht mehr auf einen solchen Ursprung zurückführen. Sie konstituiert sich in den sozialen Beziehungen mannigfaltiger unterschiedlicher Milieus, Schichten, Lebensformen, Berufen usw. Jede Tradition, die ihre Geltung auf einen Ursprung zurückführt und diesen reinzuhalten verspricht, scheitert im Moment ihrer Formulierung an diesem Pluralismus. Ein Beispiel liefern die Verfechter des Autoritären selbst: viele Türken, die das Angebot ihrer Regierung nutzten und ihre genealogische Herkunft z.T. bis ins Osmanische Reich zurückverfolgten, entdeckten, dass sie kurdische, armenische, europäische oder ostasiatische Vorfahren haben. Die ethnische Diversität war immer vorhanden. Sie geriet nur in Vergessenheit.

Warum ist das Traditionsargument dennoch so beliebt? Es handelt sich um einen rhetorischen Trick. Rechtspopulistische Parteien können, indem sie öffentlich eine solche angeblich stabile Tradition behaupten, Wähler an sich binden, für die die Komplexität modernen Lebens krisenhaft geworden ist, weil sie z.B. den Arbeitsplatz verloren haben oder weil ihre gesellschaftlichen Privilegien infrage gestellt werden. In solchen Situationen dient „Tradition“ als Chiffre einer angeblich angestammten privilegierten Stellung, die durch Emanzipationsdiskurse scheinbar gefährdet wird. Jeder, der dieser Traditions-Konstruktion öffentlich widerspricht, stellt diese Privilegien in Frage – was den Ärger nur vergrößert.

Wer seinem Wahlprogramm den Mantel des Traditionellen umhängt, verschleiert damit auch die Radikalität seiner Forderungen. Rechtspopulistische Politiker treten häufig mit der Behauptung auf, sie seien selbst nur Vertreter der Tradition – während alle anderen Parteien diese Position attackieren würden. Ellen Kositza, eine Frontfrau der Neuen Rechten, spricht etwa von einem „Angriff auf die Normalität“, der mittels Genderdebatten und -Forschung durchgeführt werde, um „Tausende Jahre währende (…) anthropologische Grundsätze wie die des Geschlechterdualismus“ zu beseitigen.

Traditionen hervorbringen, statt sie zu verhindern

Eine demokratische Öffentlichkeit zeichnet sich auch dadurch aus, diesen Dogmatismus sichtbar zu machen und der Reflexion zu unterziehen. Denn das rechtspopulistische Traditionsangebot ist in Wahrheit ein antipolitisches. Wer ‚hinter der Gesellschaft‘ einen unverfügbaren Ursprung vermutet, aus dem sich Traditionen speisen, die unbedingt und unhinterfragt weitergeführt werden müssen, engt den Raum des politischen Agierens ein. Gesellschaft und die Politik könnten, folgt man dieser Vorstellung, sich weder wachsam den Problemen der Gegenwart zuwenden noch selbst Veränderungen herbeiführen, die einer Tradierung würdig wären.

Die große Renaissance der Tradition in autoritären Regimen ebenso wie in westlichen Demokratien hat politische Teilnahmslosigkeit zum Zweck. Sie will verunmöglichen, dass Bürger oder die Zivilgesellschaft selbst einen Anfang setzen und gesellschaftliche Strukturen der Reflexion unterziehen. Die Vertreter des Autoritären inszenieren sich selbst als einzig traditionelle und damit legitime Position, während Kritik, Diskurs und Partizipation strukturell ausgeschlossen werden. Es handelt sich also um eine Politik, die der Möglichkeit der Veränderung ein Ende setzen will.

Die Traditionspolitik, wie sie uns hier begegnet, hat wenig mit einem blickweitenden und erkenntnisfördernden Rückgriff auf historische Überlieferungen zu tun. Aus der Vergangenheit kann man viel Neues lernen, historische Zusammenhänge verstehen und fremde Epochen für sich entdecken. Man kann durchaus auch sehnsüchtig über den Glanz früherer Zeiten staunen. Allerdings nur, wenn wir den Freiraum haben, zu entscheiden, wie wir uns zu unserer Vergangenheit verhalten wollen. In der rechtspopulistischen Vorstellung gerät die Vergangenheit über das Traditionsargument allerdings zur Herrschaft über die Gegenwart – zum traurigen Nachteil beider.

Können wir also einfach wieder traditionell sein und in die Ruhe der Vergangenheit einkehren? Nein, weil diese scheinbare Ruhe an einen konstruierten Ursprung verfallen macht, der uns regungslos werden lässt. Für eine moderne Gesellschaft, die nicht ins Autoritäre umschlagen will, ist der Rückgriff auf Traditionen nur im Plural denkbar. Und mit dem Wissen im Hinterkopf, dass sie uns nicht festlegen, sondern Möglichkeiten eröffnen.