Wie in den meisten europäischen Ländern steigen auch in der Schweiz die Tierversuchszahlen, statt zu fallen. Im Jahr 2022 wurden 585.991 Tiere in Versuchen eingesetzt – 366.750 davon in „belastenden“ Versuchen, die ihnen also Leiden oder Schäden zufügten. Ein deutlicher Fortschritt ist seit Jahrzehnten nicht zu erkennen, obwohl der Bund laufend in die Entwicklung von Alternativmethoden investiert.
Konkret finanziert die Schweiz ein Kompetenzzentrum und ein Nationales Forschungsprojekt. Beide stehen ganz im Zeichen der „drei R“, deren Ziel es ist, Tierversuche zu ersetzen („replace“), weniger Tiere pro Studie zu verwenden („reduce“) und ihr Leiden abzumildern („refine“). Aktuell arbeiten in der Schweiz diverse Forschungsteams an Ansätzen, die Versuche zum Beispiel mit Tierzellen in Petrischalen, mit nachgebauten menschlichen Organen oder mit Computersimulationen durchführen. Andere versuchen, das Tierwohl im Labor zu messen und die Haltungsbedingungen und Versuchsprozeduren tierfreundlicher zu machen.
Diese „ drei R“, die in den 1950er Jahren von zwei jungen Biologen auf Auftrag einer britischen Tierschutzorganisation formuliert wurden, gelten bis heute als goldene Regel für Tierversuche – oder zumindest als guter Kompromiss zwischen Forschung und Tierschutz. Doch der Deal geht nicht für beide Seiten auf.
Die „drei R“ verhindern Verbote, nicht Versuche
In der Geschichte der Schweizer Tierversuchspolitik gibt es ein auffälliges, wiederkehrendes Muster: Der Bund stellt Gelder für die „drei R“ immer dann zur Verfügung, wenn eine Initiative für ein radikales Tierversuchsverbot lanciert wurde.
So entstand 1981 die Volksinitiative „für die Abschaffung der Vivisektion“. Prompt initiierte der Bund das Nationale Forschungsprogramm „Alternativen zum Tierversuch“, das seine Arbeit 1983 aufnahm. Als die Initiative 1985 an die Urne kam, verwies der Bund in den Erläuterungen zur Volksabstimmung auf seine laufenden Bemühungen, sinngemäss: Bei Tierversuchen ist Besserung in Sicht und ein Verbot somit unnötig. Die Initiative wurde mit siebzig Prozent Nein-Stimmen deutlich abgelehnt. Aus dem Nationalen Forschungsprogramm ging 1987 die „Stiftung Forschung 3R“ hervor, die dann gute drei Jahrzehnte vor sich hinarbeitete.
Die Tierversuchszahlen gingen in dieser Zeit um sensationelle zwei Drittel zurück – bis Mitte der 1990er Jahre rapide und bis 2000 noch leicht. Zwei Initiativen gegen Tierversuche 1992 und 1993 hatten vor diesem Hintergrund keine Chance. Doch der Rückgang lag wahrscheinlich an einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren.
Mit dem ersten nationalen Tierschutzgesetz 1981 traten neue bürokratische Hürden in Kraft, wobei die „drei R“ eine Rolle spielten. Für belastende Tierversuche brauchte es nun eine Begründung, warum man den Versuch nicht ersetzen, verkleinern oder abmildern konnte. Zum Bewilligungsverfahren gehörte auch eine Überprüfung der Methodologie und eine Einschätzung des Forschungsnutzens – alles mit dem Ziel, schlechte und unnütze Wissenschaft auszusortieren. An welcher dieser verschiedenen Hürden nun wie viele Bewilligungsanträge scheiterten – und wie viele Anträge wegen des Aufwands gar nicht erst gestellt wurden – ist im Nachhinein nicht feststellbar. Hinzu kommt, dass die Pharmaindustrie ihre Tierversuche zunehmend über die Schweizer Landesgrenzen hinaus verlagerte. Ein Teil des Rückgangs war also blosser Schein.
Von dieser Komplexität völlig unbeirrt, rechnete der Bundesrat in einem Bericht von 2015 den gesamten Rückgang seit 1983 den „drei R“ an, als ob zwei Drittel der Tiere kurzerhand durch Alternativmethoden ersetzt worden wären. Dass die Zahlen in den 2000er Jahren wieder anstiegen und sich dann zwischen 500.000 und 700.000 Tieren pro Jahr einpendelten, wurde nicht als Fehler der „drei R“ verstanden, sondern als Fehler der Stiftung Forschung 3R. Sie wurde reevaluiert und 2018 zum heute bestehenden Kompetenzzentrum umgestaltet.
2019 dann wieder das bekannte Muster: Eine Volksinitiative für ein Totalverbot aller Tierversuche kam zustande („Ja zum Tier- und Menschenversuchsverbot“) und prompt stellte der Bund neue Gelder für Forschung zu den „drei R“ bereit. Wie schon 1983 handelte es sich um ein Nationales Forschungsprogramm, und wiederum verwies der Bund in seiner offiziellen Kommunikation auf seine Bemühungen. Die Initiative wurde mit 79 Prozent Nein-Stimmen abgeschmettert.
Die Retrospektive zeigt: Der Bund verwendet die „drei R“ erfolgreich als Abwehrschild gegen drohende Tierversuchsverbote. Wird im Rahmen von Abstimmungskampagnen nahegelegt, dass die Schweizer Forschung dank den „drei R“ irgendwann tierfreundlicher werden wird, beruhigt dies offensichtlich das Wähler:innengewissen. Doch der drei-R-Ansatz kann das Versprechen nicht halten.
Die „drei R“ als radikales Laissez-Faire
Das Problem mit den „drei R“ liegt darin, was sie nicht sagen. Es ist schön und gut, Tierversuche möglichst zu ersetzen, zu verkleinern und abzumildern, aber das betrifft bloss die Forschungsmethode. Der drei-R-Ansatz sagt nichts darüber aus, wie Forschende ihre Themen wählen und ihre Fragen formulieren sollen. Doch genau von Thema und Fragestellung hängt ab, ob ein Tierversuch die geeignetste Methode darstellt.
Die Auswahl von Themen und Fragen wiederum geschieht keineswegs im Vakuum der Wissenschaftsfreiheit, sondern unter dem Druck diverser Sachzwänge. Forschende haben zum Beispiel eine bestimmte Ausbildung und Expertise, sie benötigen Finanzierung, müssen Publikationen produzieren, sich vernetzen und auf Stellen bewerben. All das setzt Anreize für Form und Inhalt der Forschung. Für die meisten Wissenschaftler:innen zahlt es sich aus, konservativ zu sein und mit etablierten Methoden weiter zu arbeiten, statt mit neuen Ansätzen ein Risiko einzugehen.
Diese systemischen Anreizstrukturen der Forschung ignorieren die „drei R“ komplett. Der Ansatz steht damit für ein radikales Laissez-Faire in der Tierversuchspolitik: Der ungezügelte Markt der Wissenschaft und Industrie soll gemäss den „drei R“ sämtliche Aspekte der Forschungsarbeit bestimmen. Erst wenn die Ausbildungen abgeschlossen, die Stellen besetzt, die Gelder ausgeschüttet, die Themen gewählt und die Fragen formuliert sind, werden die Forschenden auf den letzten Metern dazu angehalten, die Methode möglichst tierfreundlich zu gestalten. Das ist zu wenig und zu spät.
Hinzu kommt, dass nicht nur Alternativen, sondern auch Tierversuche laufend neu entwickelt werden. Wie der britische Wissenschaftler William Lane-Petter schon 1961 schilderte, führt dies nicht zu einem stetigen Abbau, sondern zu einer „Pipeline“ der Tierversuche: Manche Tiere verlassen die Pipeline, weil ihre Versuche durch Alternativen ersetzt wurden, doch zugleich betreten neue Tiere die Pipeline durch neu erfundene Tierversuche. Für den Menschen sieht das aus wie Fortschritt, für die Tiere ändert sich wenig.
Aufgrund der gleichbleibend hohen Tierversuchszahlen fordern manche Tierschützer:innen und Politiker:innen eine Wende – weg von den „drei R“, hin zu einer strategischen Tierversuchspolitik. Es brauche konkrete Reduktionsziele und Massnahmenpakete. So forderten es seit 2021 das Europaparlament, eine Europäische Bürger:inneninitiative, eine Petition an die britische Regierung und gleich zwei laufende Petitionen ans Schweizer Parlament. Die entscheidende Diskussion in Sachen Tierversuche dreht sich also weder um ein pauschales Verbot noch um die „drei R“, sondern um Ausstiegspläne.
Der Ausstieg ist kompliziert
Am 25. September 2023 verkündete die Europäische Kommission, dass sie einen Ausstiegsplan erarbeiten werde. Zwar nicht für alle Tierversuche, aber für den wichtigen Teilbereich der gesetzlich vorgeschriebenen Tests. In Zukunft sollen zum Beispiel neue Chemikalien nicht mehr an Tieren getestet werden müssen, um in der EU eine Marktzulassung zu erhalten. Die US-amerikanische Umweltbehörde EPA ist bereits einen Schritt weiter. Schon 2019 liess sie verlauten, dass sie ab 2035 keine Versuche an Säugetieren mehr in Auftrag geben oder finanzieren wird. Ob neue Stoffe toxisch für die Umwelt sind, muss bis dahin mit anderen Methoden messbar sein.
Bisher konzentriert sich die EPA vor allem auf die Lagebestimmung. Sie untersucht das weitläufige Gewirr ihrer eigenen Regeln und Richtlinien, um festzustellen welche Tierversuche sie zurzeit für welche Zwecke verlangt und welche Alternativen sie bereits einsetzen könnte. Später sollen systematisch Lücken geschlossen werden, indem man gezielt die Alternativmethoden entwickelt, die der Behörde noch fehlen. Das alles bis 2035 erledigt haben zu wollen, ist sehr ambitioniert.* Aber die Aufgabe ist grundsätzlich lösbar.
Erheblich komplizierter ist eine Ausstiegsplanung jenseits gesetzlich vorgeschriebener Tests – etwa in der Grundlagenforschung, die in der Schweiz die meisten Versuchstiere verbraucht. Wie die Wissenschaftsphilosophen Hugh LaFollette und Niall Shanks betonen, geht es in der Grundlagenforschung nicht nur darum, bestimmte Daten zu liefern, sondern die Hypothesenbildung anzukurbeln. Wir erkunden in Tierversuchen die basale Biologie des Tierkörpers, um bessere Fragen über Menschenkörper stellen zu können. Zum Beispiel wird die Tumorentwicklung in Tieren nicht unbedingt studiert, um die Ergebnisse direkt auf Menschen zu übertragen, sondern um triftige Hypothesen über Menschentumore aufstellen zu können. Tierversuche haben in diesem Bereich also prinzipiell so viele Anwendungen, wie es signifikante Fakten zu Tierkörpern gibt: unendlich viele. Darum kann man nicht so einfach definieren, was eine Alternativmethode leisten müsste, um Tierversuche überflüssig zu machen und darum ist es auch aussichtslos, in der Grundlagenforschung sämtliche möglichen Tierversuche durch direkte Alternativen zu ersetzen.
Realistische Strategien sind gefragt
Selbstverständlich haben auch tierversuchsfreie Methoden eine offene Palette von Anwendungen, von Zelllinien und Organoiden über chipbasierte Organmodelle bis zu Computersimulationen und künstlicher Intelligenz. Wenn man sie clever kombiniert, multipliziert sich das Potenzial zusätzlich. Auch so ist Grundlagenforschung möglich, und oft ermöglicht sie Einsichten, die kein Tierversuch hätte erschliessen können.
Um die Tierversuchszahlen der Schweiz effektiv zu senken, müsste der Gesetzgeber diese Art der wissenschaftlichen Welterkundung gezielt mehr fördern als jene, die auf Tierversuchen aufbaut. Das wäre ohne Verbote möglich. Man könnte zum Beispiel neue Studiengänge einrichten, spezielle Geldtöpfe reservieren und Stellen schaffen durch neue Lehrstühle, Institute und Netzwerke. Es bräuchte nicht einfach eine Ausstiegsstrategie, sondern eine Transformations- und Profilierungsstrategie mit tierversuchsfreiem Fokus.
Wie jede Strategie hätte auch diese ihre Vor- und Nachteile. Die Art von Fortschritt, die durch Tierversuche möglich ist, würde weniger gefördert als Fortschritt durch andere Methoden. Dadurch würden manche Forschenden unweigerlich ins Ausland abwandern, weil sie hierzulande keine Finanzierung mehr fänden. Umgekehrt würde aber auch Expertise angezogen, die der Schweiz bisher entgeht.
Selbst für Tiere wäre der Plan auf kurze Sicht eine Mischrechnung: Es würden weniger schweizerische, dafür aber wohl mehr französische, amerikanische oder chinesische Mäuse leiden. Doch längerfristig könnte die Errichtung eines führenden, tierversuchsfreien Forschungsstandortes ein Schweizer Grossprojekt von Weltrang sein. Das kleine, reiche Land würde international neue Standards setzen, was der Forschung und den Tieren weltweit zugute käme.
*) Nachtrag vom 14.1.2023: Nach Redaktionsschluss für diesen Artikel kündigte die EPA die Aufgabe des Plans an.