Seit über vierzig Jahren verlangen Volksinitiativen in der Schweiz ein Totalverbot für Tierversuche. Der Bund reagiert jeweils, indem er neue Programme für die sogenannten „drei R“ finanziert. Doch währenddessen steigen die Schweizer Tierversuchszahlen, statt zu fallen. Braucht es ein strategisches Umdenken?

  • Nico Müller

    Nico Müller ist Philosoph an der Universität Basel und Projektleiter im Nationalen Forschungsprogramm 79 „Advancing 3R – Tiere, Forschung und Gesellschaft“. Sein Projekt befasst sich aus ethischer Perspektive mit dem Thema der Ausstiegsplanung aus Tierversuchen.

Wie in den meisten euro­päi­schen Ländern steigen auch in der Schweiz die Tier­ver­suchs­zahlen, statt zu fallen. Im Jahr 2022 wurden 585.991 Tiere in Versu­chen einge­setzt – 366.750 davon in „belas­tenden“ Versu­chen, die ihnen also Leiden oder Schäden zufügten. Ein deut­li­cher Fort­schritt ist seit Jahr­zehnten nicht zu erkennen, obwohl der Bund laufend in die Entwick­lung von Alter­na­tiv­me­thoden investiert.

Konkret finan­ziert die Schweiz ein Kompe­tenz­zen­trum und ein Natio­nales Forschungs­pro­jekt. Beide stehen ganz im Zeichen der „drei R“, deren Ziel es ist, Tier­ver­suche zu ersetzen („replace“), weniger Tiere pro Studie zu verwenden („reduce“) und ihr Leiden abzu­mil­dern („refine“). Aktuell arbeiten in der Schweiz diverse Forschungs­teams an Ansätzen, die Versuche zum Beispiel mit Tier­zellen in Petri­schalen, mit nach­ge­bauten mensch­li­chen Organen oder mit Compu­ter­si­mu­la­tionen durch­führen. Andere versu­chen, das Tier­wohl im Labor zu messen und die Haltungs­be­din­gungen und Versuchs­pro­ze­duren tier­freund­li­cher zu machen.

Diese „ drei R“, die in den 1950er Jahren von zwei jungen Biologen auf Auftrag einer briti­schen Tier­schutz­or­ga­ni­sa­tion formu­liert wurden, gelten bis heute als goldene Regel für Tier­ver­suche – oder zumin­dest als guter Kompro­miss zwischen Forschung und Tier­schutz. Doch der Deal geht nicht für beide Seiten auf.

Die „drei R“ verhin­dern Verbote, nicht Versuche

In der Geschichte der Schweizer Tier­ver­suchs­po­litik gibt es ein auffäl­liges, wieder­keh­rendes Muster: Der Bund stellt Gelder für die „drei R“ immer dann zur Verfü­gung, wenn eine Initia­tive für ein radi­kales Tier­ver­suchs­verbot lanciert wurde.

So entstand 1981 die Volks­in­itia­tive „für die Abschaf­fung der Vivi­sek­tion“. Prompt initi­ierte der Bund das Natio­nale Forschungs­pro­gramm „Alter­na­tiven zum Tier­ver­such“, das seine Arbeit 1983 aufnahm. Als die Initia­tive 1985 an die Urne kam, verwies der Bund in den Erläu­te­rungen zur Volks­ab­stim­mung auf seine laufenden Bemü­hungen, sinn­ge­mäss: Bei Tier­ver­su­chen ist Besse­rung in Sicht und ein Verbot somit unnötig. Die Initia­tive wurde mit siebzig Prozent Nein-Stimmen deut­lich abge­lehnt. Aus dem Natio­nalen Forschungs­pro­gramm ging 1987 die „Stif­tung Forschung 3R“ hervor, die dann gute drei Jahr­zehnte vor sich hinarbeitete.

Die Tier­ver­suchs­zahlen gingen in dieser Zeit um sensa­tio­nelle zwei Drittel zurück – bis Mitte der 1990er Jahre rapide und bis 2000 noch leicht. Zwei Initia­tiven gegen Tier­ver­suche 1992 und 1993 hatten vor diesem Hinter­grund keine Chance. Doch der Rück­gang lag wahr­schein­lich an einem Zusam­men­spiel verschie­dener Faktoren.

Mit dem ersten natio­nalen Tier­schutz­ge­setz 1981 traten neue büro­kra­ti­sche Hürden in Kraft, wobei die „drei R“ eine Rolle spielten. Für belas­tende Tier­ver­suche brauchte es nun eine Begrün­dung, warum man den Versuch nicht ersetzen, verklei­nern oder abmil­dern konnte. Zum Bewil­li­gungs­ver­fahren gehörte auch eine Über­prü­fung der Metho­do­logie und eine Einschät­zung des Forschungs­nut­zens – alles mit dem Ziel, schlechte und unnütze Wissen­schaft auszu­sor­tieren. An welcher dieser verschie­denen Hürden nun wie viele Bewil­li­gungs­an­träge schei­terten – und wie viele Anträge wegen des Aufwands gar nicht erst gestellt wurden – ist im Nach­hinein nicht fest­stellbar. Hinzu kommt, dass die Phar­ma­in­dus­trie ihre Tier­ver­suche zuneh­mend über die Schweizer Landes­grenzen hinaus verla­gerte. Ein Teil des Rück­gangs war also blosser Schein.

Von dieser Komple­xität völlig unbe­irrt, rech­nete der Bundesrat in einem Bericht von 2015 den gesamten Rück­gang seit 1983 den „drei R“ an, als ob zwei Drittel der Tiere kurzer­hand durch Alter­na­tiv­me­thoden ersetzt worden wären. Dass die Zahlen in den 2000er Jahren wieder anstiegen und sich dann zwischen 500.000 und 700.000 Tieren pro Jahr einpen­delten, wurde nicht als Fehler der „drei R“ verstanden, sondern als Fehler der Stif­tung Forschung 3R. Sie wurde reeva­lu­iert und 2018 zum heute bestehenden Kompe­tenz­zen­trum umgestaltet.

2019 dann wieder das bekannte Muster: Eine Volks­in­itia­tive für ein Total­verbot aller Tier­ver­suche kam zustande („Ja zum Tier- und Menschen­ver­suchs­verbot“) und prompt stellte der Bund neue Gelder für Forschung zu den „drei R“ bereit. Wie schon 1983 handelte es sich um ein Natio­nales Forschungs­pro­gramm, und wiederum verwies der Bund in seiner offi­zi­ellen Kommu­ni­ka­tion auf seine Bemü­hungen. Die Initia­tive wurde mit 79 Prozent Nein-Stimmen abgeschmettert.

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Die Retro­spek­tive zeigt: Der Bund verwendet die „drei R“ erfolg­reich als Abwehr­schild gegen drohende Tier­ver­suchs­ver­bote. Wird im Rahmen von Abstim­mungs­kam­pa­gnen nahe­ge­legt, dass die Schweizer Forschung dank den „drei R“ irgend­wann tier­freund­li­cher werden wird, beru­higt dies offen­sicht­lich das Wähler:innengewissen. Doch der drei-R-Ansatz kann das Verspre­chen nicht halten.

Die „drei R“ als radi­kales Laissez-Faire

Das Problem mit den „drei R“ liegt darin, was sie nicht sagen. Es ist schön und gut, Tier­ver­suche möglichst zu ersetzen, zu verklei­nern und abzu­mil­dern, aber das betrifft bloss die Forschungs­me­thode. Der drei-R-Ansatz sagt nichts darüber aus, wie Forschende ihre Themen wählen und ihre Fragen formu­lieren sollen. Doch genau von Thema und Frage­stel­lung hängt ab, ob ein Tier­ver­such die geeig­netste Methode darstellt.

Die Auswahl von Themen und Fragen wiederum geschieht keines­wegs im Vakuum der Wissen­schafts­frei­heit, sondern unter dem Druck diverser Sach­zwänge. Forschende haben zum Beispiel eine bestimmte Ausbil­dung und Exper­tise, sie benö­tigen Finan­zie­rung, müssen Publi­ka­tionen produ­zieren, sich vernetzen und auf Stellen bewerben. All das setzt Anreize für Form und Inhalt der Forschung. Für die meisten Wissenschaftler:innen zahlt es sich aus, konser­vativ zu sein und mit etablierten Methoden weiter zu arbeiten, statt mit neuen Ansätzen ein Risiko einzugehen.

Diese syste­mi­schen Anreiz­struk­turen der Forschung igno­rieren die „drei R“ komplett. Der Ansatz steht damit für ein radi­kales Laissez-Faire in der Tier­ver­suchs­po­litik: Der unge­zü­gelte Markt der Wissen­schaft und Indus­trie soll gemäss den „drei R“ sämt­liche Aspekte der Forschungs­ar­beit bestimmen. Erst wenn die Ausbil­dungen abge­schlossen, die Stellen besetzt, die Gelder ausge­schüttet, die Themen gewählt und die Fragen formu­liert sind, werden die Forschenden auf den letzten Metern dazu ange­halten, die Methode möglichst tier­freund­lich zu gestalten. Das ist zu wenig und zu spät.

Hinzu kommt, dass nicht nur Alter­na­tiven, sondern auch Tier­ver­suche laufend neu entwi­ckelt werden. Wie der briti­sche Wissen­schaftler William Lane-Petter schon 1961 schil­derte, führt dies nicht zu einem stetigen Abbau, sondern zu einer „Pipe­line“ der Tier­ver­suche: Manche Tiere verlassen die Pipe­line, weil ihre Versuche durch Alter­na­tiven ersetzt wurden, doch zugleich betreten neue Tiere die Pipe­line durch neu erfun­dene Tier­ver­suche. Für den Menschen sieht das aus wie Fort­schritt, für die Tiere ändert sich wenig.

Aufgrund der gleich­blei­bend hohen Tier­ver­suchs­zahlen fordern manche Tierschützer:innen und Politiker:innen eine Wende – weg von den „drei R“, hin zu einer stra­te­gi­schen Tier­ver­suchs­po­litik. Es brauche konkrete Reduk­ti­ons­ziele und Mass­nah­men­pa­kete. So forderten es seit 2021 das Euro­pa­par­la­ment, eine Euro­päi­sche Bürger:inneninitiative, eine Peti­tion an die briti­sche Regie­rung und gleich zwei laufende Peti­tionen ans Schweizer Parla­ment. Die entschei­dende Diskus­sion in Sachen Tier­ver­suche dreht sich also weder um ein pauschales Verbot noch um die „drei R“, sondern um Ausstiegspläne.

Der Ausstieg ist kompliziert

Am 25. September 2023 verkün­dete die Euro­päi­sche Kommis­sion, dass sie einen Ausstiegs­plan erar­beiten werde. Zwar nicht für alle Tier­ver­suche, aber für den wich­tigen Teil­be­reich der gesetz­lich vorge­schrie­benen Tests. In Zukunft sollen zum Beispiel neue Chemi­ka­lien nicht mehr an Tieren getestet werden müssen, um in der EU eine Markt­zu­las­sung zu erhalten. Die US-amerikanische Umwelt­be­hörde EPA ist bereits einen Schritt weiter. Schon 2019 liess sie verlauten, dass sie ab 2035 keine Versuche an Säuge­tieren mehr in Auftrag geben oder finan­zieren wird. Ob neue Stoffe toxisch für die Umwelt sind, muss bis dahin mit anderen Methoden messbar sein.

Bisher konzen­triert sich die EPA vor allem auf die Lage­be­stim­mung. Sie unter­sucht das weit­läu­fige Gewirr ihrer eigenen Regeln und Richt­li­nien, um fest­zu­stellen welche Tier­ver­suche sie zurzeit für welche Zwecke verlangt und welche Alter­na­tiven sie bereits einsetzen könnte. Später sollen syste­ma­tisch Lücken geschlossen werden, indem man gezielt die Alter­na­tiv­me­thoden entwi­ckelt, die der Behörde noch fehlen. Das alles bis 2035 erle­digt haben zu wollen, ist sehr ambi­tio­niert.* Aber die Aufgabe ist grund­sätz­lich lösbar.

Erheb­lich kompli­zierter ist eine Ausstiegs­pla­nung jenseits gesetz­lich vorge­schrie­bener Tests – etwa in der Grund­la­gen­for­schung, die in der Schweiz die meisten Versuchs­tiere verbraucht. Wie die Wissen­schafts­phi­lo­so­phen Hugh LaFol­lette und Niall Shanks betonen, geht es in der Grund­la­gen­for­schung nicht nur darum, bestimmte Daten zu liefern, sondern die Hypo­the­sen­bil­dung anzu­kur­beln. Wir erkunden in Tier­ver­su­chen die basale Biologie des Tier­kör­pers, um bessere Fragen über Menschen­körper stellen zu können. Zum Beispiel wird die Tumor­ent­wick­lung in Tieren nicht unbe­dingt studiert, um die Ergeb­nisse direkt auf Menschen zu über­tragen, sondern um trif­tige Hypo­thesen über Menschen­tu­more aufstellen zu können. Tier­ver­suche haben in diesem Bereich also prin­zi­piell so viele Anwen­dungen, wie es signi­fi­kante Fakten zu Tier­kör­pern gibt: unend­lich viele. Darum kann man nicht so einfach defi­nieren, was eine Alter­na­tiv­me­thode leisten müsste, um Tier­ver­suche über­flüssig zu machen und darum ist es auch aussichtslos, in der Grund­la­gen­for­schung sämt­liche mögli­chen Tier­ver­suche durch direkte Alter­na­tiven zu ersetzen.

Realis­ti­sche Stra­te­gien sind gefragt

Selbst­ver­ständ­lich haben auch tier­ver­suchs­freie Methoden eine offene Palette von Anwen­dungen, von Zell­li­nien und Orga­no­iden über chip­ba­sierte Organ­mo­delle bis zu Compu­ter­si­mu­la­tionen und künst­li­cher Intel­li­genz. Wenn man sie clever kombi­niert, multi­pli­ziert sich das Poten­zial zusätz­lich. Auch so ist Grund­la­gen­for­schung möglich, und oft ermög­licht sie Einsichten, die kein Tier­ver­such hätte erschliessen können.

Um die Tier­ver­suchs­zahlen der Schweiz effektiv zu senken, müsste der Gesetz­geber diese Art der wissen­schaft­li­chen Welt­erkun­dung gezielt mehr fördern als jene, die auf Tier­ver­su­chen aufbaut. Das wäre ohne Verbote möglich. Man könnte zum Beispiel neue Studi­en­gänge einrichten, spezi­elle Geld­töpfe reser­vieren und Stellen schaffen durch neue Lehr­stühle, Insti­tute und Netz­werke. Es bräuchte nicht einfach eine Ausstiegs­stra­tegie, sondern eine Transformations- und Profi­lie­rungs­stra­tegie mit tier­ver­suchs­freiem Fokus.

Wie jede Stra­tegie hätte auch diese ihre Vor- und Nach­teile. Die Art von Fort­schritt, die durch Tier­ver­suche möglich ist, würde weniger geför­dert als Fort­schritt durch andere Methoden. Dadurch würden manche Forschenden unwei­ger­lich ins Ausland abwan­dern, weil sie hier­zu­lande keine Finan­zie­rung mehr fänden. Umge­kehrt würde aber auch Exper­tise ange­zogen, die der Schweiz bisher entgeht.

Selbst für Tiere wäre der Plan auf kurze Sicht eine Misch­rech­nung: Es würden weniger schwei­ze­ri­sche, dafür aber wohl mehr fran­zö­si­sche, ameri­ka­ni­sche oder chine­si­sche Mäuse leiden. Doch länger­fristig könnte die Errich­tung eines führenden, tier­ver­suchs­freien Forschungs­stand­ortes ein Schweizer Gross­pro­jekt von Welt­rang sein. Das kleine, reiche Land würde inter­na­tional neue Stan­dards setzen, was der Forschung und den Tieren welt­weit zugute käme.

 

*) Nach­trag vom 14.1.2023: Nach Redak­ti­ons­schluss für diesen Artikel kündigte die EPA die Aufgabe des Plans an.