Die Lebenswege des Schriftstellers Thomas Mann (1875-1955) und des Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld (1868-1935) verliefen in mancher Hinsicht parallel. Beide mussten sich vor dem Paragrafen 175 des preußischen Strafgesetzbuchs schützen, der Homosexualität kriminalisierte: Mann ging eine bürgerliche Ehe ein und gründete eine Familie, Hirschfeld teilte sein Leben unter dem Deckmantel des Dienstverhältnisses mit einem Mitarbeiter. Beide mussten sich antisemitischer Schmähungen erwehren: Mann hatte in eine jüdische Familie eingeheiratet, Hirschfeld stammte selbst aus einer jüdischen Familie. Beide erlangten während des Kaiserreichs und der Weimarer Republik internationale Prominenz: Mann als Träger des Nobelpreises für Literatur, Hirschfeld als umtriebiger „Einstein des Sex“, den seine Vortragsreisen durch die ganze Welt führten. Beide gingen ins Exil, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen: Mann nach Zürich und weiter in die USA, Hirschfeld nach Nizza, wo er 1935 starb.
Auch wenn es nie zu einem persönlichen Treffen zwischen den beiden kam, haben sie sich doch gegenseitig beeinflusst. Hirschfeld, der die schöne Literatur scherzhaft als seine „erste Geliebte“ zu bezeichnen pflegte, pries in seinem Werk Die Homosexualität des Mannes und des Weibes (1914) den Verfasser der mit „feiner Kunst“ erzählten Novelle Der Tod in Venedig als Wegbereiter der homosexuellen Literatur. Mann wiederum unterstützte den Direktor des Berliner Instituts für Sexualwissenschaft (1919-1933) und Mitbegründer des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (1897-1933) wiederholt im Kampf für die Abschaffung des Paragrafen 175.
Homosexueller Aktivismus
Die betreffenden Dokumente kann man in Hermann Kurzkes Ausgabe von Thomas Manns Essays der Jahre 1926 bis 1933 nachlesen. Noch im Juli 1920 hatte sich Mann in einem Brief an seinen schwulen Freund Carl von Weber spöttisch von „Dr. Hirschfelds gräßlichem ‚Komitee‘“ distanziert. Doch galt seine Abneigung weniger Hirschfeld als dem Verein, der sich unermüdlich für die Entkriminalisierung der Homosexualität einsetzte. Zwei Jahre später unterzeichnete Mann Hirschfelds Reichstagspetition gegen den Paragraphen, der auch ihm als „Schmach des Jahrhunderts“ (Kurt Hiller) galt. 1928 schrieb er in einer Festschrift zu Hirschfelds 60. Geburtstag, dass er dessen Tätigkeit „immer als die eines menschenfreundlichen, herzlich-sozial gesinnten Mannes geachtet“ habe und überdies die Auffassung teile, dass „gewisse Gesetzesbestimmungen mit dem heutigen Stande des Wissens vom Menschen, seinem Körper und seiner Seele, nicht mehr in Einklang zu bringen“ seien.
Im selben Jahr gab Mann in der Zeitschrift Die literarische Welt als Antwort auf einen von Hirschfeld formulierten Fragebogen zur „Physiologie des dichterischen Schaffens“ eine freimütige Selbstauskunft. Unter anderem betonte er, dass für ihn das „Abgezogene, Moralische“ das „schriftstellerisch Schwerste“ sei – was im Umkehrschluss bedeuten könnte, dass ihm das Konkrete, moralischen Kategorien Enthobene leichter von der Hand ging. Den Höhepunkt seines Engagements für Hirschfelds Sache stellt sein Beitrag zu einem Manifest dar, das 1930 unter dem Titel „Protest der Prominenten gegen die geplante Beibehaltung und Verschärfung des § 175“ erschien. Darin führt Mann mit beißender Klarheit die homophoben Argumentationen seiner Zeit ad absurdum:
Geschlechtliche Zärtlichkeiten, die zwei erwachsene Menschen miteinander tauschen, […] in ungebildeter und taktloser Weise zu bespitzeln, solche ‚Handlungen‘, die [den Staat] nicht das Geringste angehen, mit Gefängnisstrafe zu bedrohen und so dem Erpressertum, das ihm doch auch wieder nicht recht ist, gute Tage zu bereiten – ist eine etwas linkische Art, wie mir scheint, seinen Sinn fürs Sittliche zu erweisen. Der Paragraph muss fallen. Notwendig bleibt die Wahrung des öffentlichen Anstandes. Aber ich wüßte nicht, daß Homosexuelle stärker zu öffentlicher Unanständigkeit neigten, als Normale (die übrigens in ihren Wünschen und Gewohnheiten oft perverser sind als jene).

Thomas Mann, „Dina“ – Vorabdruck eines Kapitels aus dem Roman „Joseph und seine Brüder“ in der Zeitschrift „Die Aufklärung“ (Heft 4, Mai 1929)
Einen besonders eindrucksvollen, bislang wenig beachteten Beweis für Manns Solidarität mit dem Sexualwissenschaftler liefert der 1929 erschienene erste Jahrgang der Zeitschrift Die Aufklärung. Monatsschrift für Sexual- und Lebensreform, die Hirschfeld gemeinsam mit der Pädagogin Maria Krische (1880-1945) herausgab. Im Leitartikel („Was wir wollen“) des ersten Hefts formuliert Hirschfeld die Zehn Gebote der Sexualreform, darunter die Gleichberechtigung der Frau und die Entkriminalisierung der Homosexualität. Mann steuerte als Vorabdruck ein Kapitel aus seinem Roman Joseph und seine Brüder bei. Es handelt sich um die biblische Geschichte Dinas, der vergewaltigten Jakobstochter, die man als Allegorie auf die Frauenfeindlichkeit des Patriarchats lesen kann. Die in fünf Folgen (Heft 3-7) veröffentlichte Erzählung wurde von der jüdischen Malerin und Grafikerin Rahel Szalit-Marcus (1892-1942), einem Mitglied der Berliner Secession, aufwändig illustriert.
Sexuelle Zwischenstufen
Auch mit Magnus Hirschfelds sexualwissenschaftlichen Lehren war Thomas Mann vertraut. Wenn er im erwähnten Brief an Carl von Weber vom „Zwischenstufenwesen“ spricht, spielt er auf Hirschfelds Theorie der sexuellen Zwischenstufen an, die man als Vorläufer der heutigen Queer-Theorie verstehen kann. Sie besagt, dass die Pole idealtypischer Männlichkeit und Weiblichkeit imaginäre Konstrukte seien, zwischen denen sich die Lebenswirklichkeit zahlloser geschlechtlicher Mischformen aufspanne. Die damals weit verbreitete Vorstellung des ‚dritten Geschlechts‘, d.h. von Männern mit weiblicher und Frauen mit männlicher Seele, ist das populärwissenschaftliche Gegenstück der Zwischenstufentheorie. Hirschfeld griff diese Vorstellung 1904 in seinem Buch Berlins Drittes Geschlecht auf, in dem er über das queere Leben in der deutschen Großstadt berichtet: „Manchem wird sich hier innerhalb der ihm bekannten Welt eine neue Welt auftun, deren Ausdehnung und deren Gebräuche ihn mit Erstaunen erfüllen werden“, schreibt Hirschfeld.

Magnus Hirschfeld, „Berlins Drittes Geschlecht“ (Cover der 7. Auflage, vermutlich von 1905)
Diese Formulierung lässt sich auch auf Thomas Manns monumentalen Roman Joseph und seine Brüder beziehen, dessen vier Bände von 1933 bis 1943 erschienen. Über die zweitausend Seiten umfassende Bearbeitung der biblischen Josephsgeschichte schrieb Daniel Kehlmann jüngst in der ZEIT, dass sie „gleichberechtigt neben dem zweiten Teil des Faust [stehe]: zwei Gipfelleistungen, die über der deutschen Literatur leuchten wie Gletscher im Sonnenlicht – fern, vollkommen, unerreichbar und ungelesen“.
Das scheinbar entrückte Werk bietet Zugang zu einer neuen, erstaunlichen Welt, wenn man es mit Magnus Hirschfeld liest. Dann erscheint die Hauptfigur Joseph als Vertreter des ‚dritten Geschlechts‘, der mit seinem androgynen Charme das Herz des Vaters erobert, aber den Hass der älteren Brüder auf sich zieht, die so großen Wert auf ihre „Geradheit“ (ihre straightness) legen, wie es im Roman immer wieder heißt. Sie schmähen Jakobs Lieblingssohn als „Zierbengel“, verraten und verkaufen ihn und agieren somit als Repräsentanten einer heteronormativen Männlichkeit, die von Homophobie und Misogynie geprägt ist.
Das Thema der Androgynie beschränkt sich nicht auf die Hauptfigur, sondern bildet den Hintergrund des gesamten Romans, der sich – so meine These – als religionsgeschichtliche Allegorie auf Hirschfelds sexualwissenschaftliche Theorie lesen lässt. Diese Dimension ist den Herausgebern der 2018 erschienenen Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe des Josephsromans entgangen. In ihrem verdienstvollen Kommentar, mit zweitausend Seiten ebenso lang wie der kommentierte Roman, fehlt jeglicher Hinweis auf Hirschfeld. Die Herausgeber gehen dem religionsgeschichtlichen Wissen, das Thomas Mann in seinen Roman einflocht, bis in die letzten Verästelungen nach, wissen aber mit den zahlreichen Anspielungen auf die Zweigeschlechtlichkeit der orientalischen, hebräischen und ägyptischen Gottheiten, die das gesamte Werk durchziehen, nicht viel anzufangen. Sie räumen zwar ein, dass „Josephs androgyne Anlage […] unverkennbar“ sei, sind aber ansonsten der Meinung, dass Thomas Mann sein „Lieblingsthema Mannweiblichkeit“ auch dort in den Stoff hineingelesen habe, „wo es nicht ganz am richtigen Platz erscheint“.
Thomas Mann als queerer Autor
Meines Erachtens ist das Gegenteil der Fall. Wenn man den Josephsroman verstehen will, kommt es darauf an, ihn nicht als Werk eines homosexuellen, sondern eines queeren Autors zu lesen. Das ist ein großer Unterschied. Die homosexuelle Lesart besagt, dass Mann sein Begehren unterdrückt habe, die verdrängte Obsession aber durch alle Ritzen seiner Romane dringe: „Was das Ausleben seiner gleichgeschlechtlichen Neigungen betraf, hatte Thomas Mann sich schon früh zum Triebverzicht entschlossen. […] In der Kunst freilich war vieles möglich, was er sich in der Lebensrealität verbot. Sie bot Befriedigungen, von denen die gewöhnlichen Menschen nichts wussten,“ schreiben die Herausgeber. Die queere Lesart hingegen besagt, dass Thomas Mann, sensibilisiert durch seine Außenseiterposition, einen androgynen Protagonisten schuf, mit dem er eine heteronormativitätskritische Perspektive auf die Welt richten konnte. Es geht also nicht um die Sublimierung der eigenen Homosexualität, sondern um die Dekonstruktion einer patriarchalischen Denkordnung, die jene Diversität und Ambiguität, die sich in der Josephsfigur verkörpert, nicht ertragen kann und deshalb bekämpft.
Darin liegt die eigentliche Pointe des Romans. Liest man ihn mit Magnus Hirschfeld, erweist sich Joseph und seine Brüder ebenso als wirklicher Gegenwartsroman wie Robert Musils Mann ohne Eigenschaften oder Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Thomas Mann schrieb gegen den wachsenden Antisemitismus und die wachsende Homophobie seiner Zeit an. Das macht seinen Roman bis heute aktuell. Auf die Judenfeindlichkeit antwortet Mann, indem er eine zentrale Geschichte der hebräischen Bibel aufgreift, kunstvoll ausgestaltet und auf seine Gegenwart bezieht. Auf die Heteronormativität seiner Zeit antwortet er, indem er Joseph als androgyne Figur entwirft, die die patriarchalische Ordnung der Geschlechter und des Begehrens durcheinanderwirbelt. Thomas Mann übersetzt Magnus Hirschfelds sexualwissenschaftliche Theorie in einen religionsgeschichtlichen Mythos, der das ‚dritte Geschlecht‘ nicht als modische Laune der Gegenwart, sondern als transhistorische Gegebenheit erscheinen lässt.
Es lohnt sich, das gesamte Werk Thomas Manns unter diesem Gesichtspunkt wiederzulesen. Auch die von Hirschfeld so sehr geschätzte Novelle Der Tod in Venedig (1911) erscheint in neuem Licht, wenn man sie im zeitgeschichtlichen Kontext liest. Dann handelt es sich nicht mehr um eine verkappte Selbstoffenbarung des Autors, sondern um ein dekonstruktives Spiel mit den gegenläufigen Homosexualitätsdiskursen seiner Zeit: dem Diskurs konservativer Männerbündler wie Adolf Brand und Hans Blüher auf der einen und dem Diskurs liberaler Sexualwissenschaftler wie Magnus Hirschfeld auf der anderen Seite. Die Geschichte führt mit ätzendem Sarkasmus das männliche Selbstbild des Protagonisten ad absurdum, in dessen Leben unverhofft ein engelhafter Jüngling tritt. Gustav von Aschenbach, der in seinen gelehrten Werken den „Heldentyp […] einer intellektuellen und jünglinghaften Männlichkeit“ propagiert, lässt sich schließlich von einem venezianischen Barbier die Haare färben und das Gesicht schminken, um dem Jüngling zu gefallen. So wird er eben jener Karikatur des ‚dritten Geschlechts‘ ähnlich, die ihm während seiner Anreise in Gestalt eines geschminkten Greises entgegentrat. Die Abscheu, die er bei dieser Begegnung verspürte, holt ihn schließlich ein. Sein heteronormatives Selbstverständnis zerfällt zu Asche und geht den Bach hinunter.