2025 ist nicht nur der 150. Geburtstag Thomas Manns, sondern auch der 90. Todestag Magnus Hirschfelds. Während Mann seine ersten Erzählungen und Romane schrieb, erfand Hirschfeld die Theorie der sexuellen Zwischenstufen und bekämpfte den Paragrafen 175. Der Einfluss des Sexualwissenschaftlers auf den Träger des Nobelpreises für Literatur wird oft verkannt.

  • Andreas Kraß

    Andreas Kraß ist Professor für deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin, Mitglied des Zentrums für transdisziplinäre Geschlechterstudien (ZtG) und Leiter der Forschungsstelle zur Kulturgeschichte der Sexualität.
Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart 
Thomas Mann und Magnus Hirschfeld
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Die Lebens­wege des Schrift­stel­lers Thomas Mann (1875-1955) und des Sexu­al­wis­sen­schaft­lers Magnus Hirsch­feld (1868-1935) verliefen in mancher Hinsicht parallel. Beide mussten sich vor dem Para­grafen 175 des preu­ßi­schen Straf­ge­setz­buchs schützen, der Homo­se­xua­lität krimi­na­li­sierte: Mann ging eine bürger­liche Ehe ein und grün­dete eine Familie, Hirsch­feld teilte sein Leben unter dem Deck­mantel des Dienst­ver­hält­nisses mit einem Mitar­beiter. Beide mussten sich anti­se­mi­ti­scher Schmä­hungen erwehren: Mann hatte in eine jüdi­sche Familie einge­hei­ratet, Hirsch­feld stammte selbst aus einer jüdi­schen Familie. Beide erlangten während des Kaiser­reichs und der Weimarer Repu­blik inter­na­tio­nale Promi­nenz: Mann als Träger des Nobel­preises für Lite­ratur, Hirsch­feld als umtrie­biger „Einstein des Sex“, den seine Vortrags­reisen durch die ganze Welt führten. Beide gingen ins Exil, als die Natio­nal­so­zia­listen an die Macht kamen: Mann nach Zürich und weiter in die USA, Hirsch­feld nach Nizza, wo er 1935 starb.

Auch wenn es nie zu einem persön­li­chen Treffen zwischen den beiden kam, haben sie sich doch gegen­seitig beein­flusst. Hirsch­feld, der die schöne Lite­ratur scherz­haft als seine „erste Geliebte“ zu bezeichnen pflegte, pries in seinem Werk Die Homo­se­xua­lität des Mannes und des Weibes (1914) den Verfasser der mit „feiner Kunst“ erzählten Novelle Der Tod in Venedig als Wegbe­reiter der homo­se­xu­ellen Lite­ratur. Mann wiederum unter­stützte den Direktor des Berliner Insti­tuts für Sexu­al­wis­sen­schaft (1919-1933) und Mitbe­gründer des Wissenschaftlich-humanitären Komi­tees (1897-1933) wieder­holt im Kampf für die Abschaf­fung des Para­grafen 175.

Homo­se­xu­eller Aktivismus

Die betref­fenden Doku­mente kann man in Hermann Kurzkes Ausgabe von Thomas Manns Essays der Jahre 1926 bis 1933 nach­lesen. Noch im Juli 1920 hatte sich Mann in einem Brief an seinen schwulen Freund Carl von Weber spöt­tisch von „Dr. Hirsch­felds gräß­li­chem ‚Komitee‘“ distan­ziert. Doch galt seine Abnei­gung weniger Hirsch­feld als dem Verein, der sich uner­müd­lich für die Entkri­mi­na­li­sie­rung der Homo­se­xua­lität einsetzte. Zwei Jahre später unter­zeich­nete Mann Hirsch­felds Reichs­tags­pe­ti­tion gegen den Para­gra­phen, der auch ihm als „Schmach des Jahr­hun­derts“ (Kurt Hiller) galt. 1928 schrieb er in einer Fest­schrift zu Hirsch­felds 60. Geburtstag, dass er dessen Tätig­keit „immer als die eines menschen­freund­li­chen, herzlich-sozial gesinnten Mannes geachtet“ habe und über­dies die Auffas­sung teile, dass „gewisse Geset­zes­be­stim­mungen mit dem heutigen Stande des Wissens vom Menschen, seinem Körper und seiner Seele, nicht mehr in Einklang zu bringen“ seien.

Im selben Jahr gab Mann in der Zeit­schrift Die lite­ra­ri­sche Welt als Antwort auf einen von Hirsch­feld formu­lierten Frage­bogen zur „Physio­logie des dich­te­ri­schen Schaf­fens“ eine frei­mü­tige Selbst­aus­kunft. Unter anderem betonte er, dass für ihn das „Abge­zo­gene, Mora­li­sche“ das „schrift­stel­le­risch Schwerste“ sei – was im Umkehr­schluss bedeuten könnte, dass ihm das Konkrete, mora­li­schen Kate­go­rien Entho­bene leichter von der Hand ging. Den Höhe­punkt seines Enga­ge­ments für Hirsch­felds Sache stellt sein Beitrag zu einem Mani­fest dar, das 1930 unter dem Titel „Protest der Promi­nenten gegen die geplante Beibe­hal­tung und Verschär­fung des § 175“ erschien. Darin führt Mann mit beißender Klar­heit die homo­phoben Argu­men­ta­tionen seiner Zeit ad absurdum:

Geschlecht­liche Zärt­lich­keiten, die zwei erwach­sene Menschen mitein­ander tauschen, […] in unge­bil­deter und takt­loser Weise zu bespit­zeln, solche ‚Hand­lungen‘, die [den Staat] nicht das Geringste angehen, mit Gefäng­nis­strafe zu bedrohen und so dem Erpres­sertum, das ihm doch auch wieder nicht recht ist, gute Tage zu bereiten – ist eine etwas linki­sche Art, wie mir scheint, seinen Sinn fürs Sitt­liche zu erweisen. Der Para­graph muss fallen. Notwendig bleibt die Wahrung des öffent­li­chen Anstandes. Aber ich wüßte nicht, daß Homo­se­xu­elle stärker zu öffent­li­cher Unan­stän­dig­keit neigten, als Normale (die übri­gens in ihren Wünschen und Gewohn­heiten oft perverser sind als jene).

Thomas Mann, „Dina“ – Vorab­druck eines Kapi­tels aus dem Roman „Joseph und seine Brüder“ in der Zeit­schrift „Die Aufklä­rung“ (Heft 4, Mai 1929)

Einen beson­ders eindrucks­vollen, bislang wenig beach­teten Beweis für Manns Soli­da­rität mit dem Sexu­al­wis­sen­schaftler liefert der 1929 erschie­nene erste Jahr­gang der Zeit­schrift Die Aufklä­rung. Monats­schrift für Sexual- und Lebens­re­form, die Hirsch­feld gemeinsam mit der Pädagogin Maria Krische (1880-1945) herausgab. Im Leit­ar­tikel („Was wir wollen“) des ersten Hefts formu­liert Hirsch­feld die Zehn Gebote der Sexu­al­re­form, darunter die Gleich­be­rech­ti­gung der Frau und die Entkri­mi­na­li­sie­rung der Homo­se­xua­lität. Mann steu­erte als Vorab­druck ein Kapitel aus seinem Roman Joseph und seine Brüder bei. Es handelt sich um die bibli­sche Geschichte Dinas, der verge­wal­tigten Jakobs­tochter, die man als Alle­gorie auf die Frau­en­feind­lich­keit des Patri­ar­chats lesen kann. Die in fünf Folgen (Heft 3-7) veröf­fent­lichte Erzäh­lung wurde von der jüdi­schen Malerin und Grafi­kerin Rahel Szalit-Marcus (1892-1942), einem Mitglied der Berliner Seces­sion, aufwändig illustriert.

Sexu­elle Zwischenstufen

Auch mit Magnus Hirsch­felds sexu­al­wis­sen­schaft­li­chen Lehren war Thomas Mann vertraut. Wenn er im erwähnten Brief an Carl von Weber vom „Zwischen­stu­fen­wesen“ spricht, spielt er auf Hirsch­felds Theorie der sexu­ellen Zwischen­stufen an, die man als Vorläufer der heutigen Queer-Theorie verstehen kann. Sie besagt, dass die Pole ideal­ty­pi­scher Männ­lich­keit und Weib­lich­keit imagi­näre Konstrukte seien, zwischen denen sich die Lebens­wirk­lich­keit zahl­loser geschlecht­li­cher Misch­formen aufspanne. Die damals weit verbrei­tete Vorstel­lung des ‚dritten Geschlechts‘, d.h. von Männern mit weib­li­cher und Frauen mit männ­li­cher Seele, ist das popu­lär­wis­sen­schaft­liche Gegen­stück der Zwischen­stu­fen­theorie. Hirsch­feld griff diese Vorstel­lung 1904 in seinem Buch Berlins Drittes Geschlecht auf, in dem er über das queere Leben in der deut­schen Groß­stadt berichtet: „Manchem wird sich hier inner­halb der ihm bekannten Welt eine neue Welt auftun, deren Ausdeh­nung und deren Gebräuche ihn mit Erstaunen erfüllen werden“, schreibt Hirschfeld. 

Magnus Hirsch­feld, „Berlins Drittes Geschlecht“ (Cover der 7. Auflage, vermut­lich von 1905)

Diese Formu­lie­rung lässt sich auch auf Thomas Manns monu­men­talen Roman Joseph und seine Brüder beziehen, dessen vier Bände von 1933 bis 1943 erschienen. Über die zwei­tau­send Seiten umfas­sende Bear­bei­tung der bibli­schen Josephs­ge­schichte schrieb Daniel Kehl­mann jüngst in der ZEIT, dass sie „gleich­be­rech­tigt neben dem zweiten Teil des Faust [stehe]: zwei Gipfel­leis­tungen, die über der deut­schen Lite­ratur leuchten wie Glet­scher im Sonnen­licht – fern, voll­kommen, uner­reichbar und ungelesen“. 

Das scheinbar entrückte Werk bietet Zugang zu einer neuen, erstaun­li­chen Welt, wenn man es mit Magnus Hirsch­feld liest. Dann erscheint die Haupt­figur Joseph als Vertreter des ‚dritten Geschlechts‘, der mit seinem andro­gynen Charme das Herz des Vaters erobert, aber den Hass der älteren Brüder auf sich zieht, die so großen Wert auf ihre „Gerad­heit“ (ihre straight­ness) legen, wie es im Roman immer wieder heißt. Sie schmähen Jakobs Lieb­lings­sohn als „Zier­bengel“, verraten und verkaufen ihn und agieren somit als Reprä­sen­tanten einer hete­ro­nor­ma­tiven Männ­lich­keit, die von Homo­phobie und Miso­gynie geprägt ist. 

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Das Thema der Andro­gynie beschränkt sich nicht auf die Haupt­figur, sondern bildet den Hinter­grund des gesamten Romans, der sich – so meine These – als reli­gi­ons­ge­schicht­liche Alle­gorie auf Hirsch­felds sexu­al­wis­sen­schaft­liche Theorie lesen lässt. Diese Dimen­sion ist den Heraus­ge­bern der 2018 erschie­nenen Großen kommen­tierten Frank­furter Ausgabe des Josephs­ro­mans entgangen. In ihrem verdienst­vollen Kommentar, mit zwei­tau­send Seiten ebenso lang wie der kommen­tierte Roman, fehlt jegli­cher Hinweis auf Hirsch­feld. Die Heraus­geber gehen dem reli­gi­ons­ge­schicht­li­chen Wissen, das Thomas Mann in seinen Roman einflocht, bis in die letzten Veräs­te­lungen nach, wissen aber mit den zahl­rei­chen Anspie­lungen auf die Zwei­ge­schlecht­lich­keit der orien­ta­li­schen, hebräi­schen und ägyp­ti­schen Gott­heiten, die das gesamte Werk durch­ziehen, nicht viel anzu­fangen. Sie räumen zwar ein, dass „Josephs andro­gyne Anlage […] unver­kennbar“ sei, sind aber ansonsten der Meinung, dass Thomas Mann sein „Lieb­lings­thema Mann­weib­lich­keit“ auch dort in den Stoff hinein­ge­lesen habe, „wo es nicht ganz am rich­tigen Platz erscheint“.

Thomas Mann als queerer Autor

Meines Erach­tens ist das Gegen­teil der Fall. Wenn man den Josephs­roman verstehen will, kommt es darauf an, ihn nicht als Werk eines homo­se­xu­ellen, sondern eines queeren Autors zu lesen. Das ist ein großer Unter­schied. Die homo­se­xu­elle Lesart besagt, dass Mann sein Begehren unter­drückt habe, die verdrängte Obses­sion aber durch alle Ritzen seiner Romane dringe: „Was das Ausleben seiner gleich­ge­schlecht­li­chen Neigungen betraf, hatte Thomas Mann sich schon früh zum Trieb­ver­zicht entschlossen. […] In der Kunst frei­lich war vieles möglich, was er sich in der Lebens­rea­lität verbot. Sie bot Befrie­di­gungen, von denen die gewöhn­li­chen Menschen nichts wussten,“ schreiben die Heraus­geber. Die queere Lesart hingegen besagt, dass Thomas Mann, sensi­bi­li­siert durch seine Außen­sei­ter­po­si­tion, einen andro­gynen Prot­ago­nisten schuf, mit dem er eine hete­ro­nor­ma­ti­vi­täts­kri­ti­sche Perspek­tive auf die Welt richten konnte. Es geht also nicht um die Subli­mie­rung der eigenen Homo­se­xua­lität, sondern um die Dekon­struk­tion einer patri­ar­cha­li­schen Denk­ord­nung, die jene Diver­sität und Ambi­guität, die sich in der Josephs­figur verkör­pert, nicht ertragen kann und deshalb bekämpft. 

Darin liegt die eigent­liche Pointe des Romans. Liest man ihn mit Magnus Hirsch­feld, erweist sich Joseph und seine Brüder ebenso als wirk­li­cher Gegen­warts­roman wie Robert Musils Mann ohne Eigen­schaften oder Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlo­renen Zeit. Thomas Mann schrieb gegen den wach­senden Anti­se­mi­tismus und die wach­sende Homo­phobie seiner Zeit an. Das macht seinen Roman bis heute aktuell. Auf die Juden­feind­lich­keit antwortet Mann, indem er eine zentrale Geschichte der hebräi­schen Bibel aufgreift, kunst­voll ausge­staltet und auf seine Gegen­wart bezieht. Auf die Hete­ro­nor­ma­ti­vität seiner Zeit antwortet er, indem er Joseph als andro­gyne Figur entwirft, die die patri­ar­cha­li­sche Ordnung der Geschlechter und des Begeh­rens durch­ein­an­der­wir­belt. Thomas Mann über­setzt Magnus Hirsch­felds sexu­al­wis­sen­schaft­liche Theorie in einen reli­gi­ons­ge­schicht­li­chen Mythos, der das ‚dritte Geschlecht‘ nicht als modi­sche Laune der Gegen­wart, sondern als trans­his­to­ri­sche Gege­ben­heit erscheinen lässt.

Es lohnt sich, das gesamte Werk Thomas Manns unter diesem Gesichts­punkt wieder­zu­lesen. Auch die von Hirsch­feld so sehr geschätzte Novelle Der Tod in Venedig (1911) erscheint in neuem Licht, wenn man sie im zeit­ge­schicht­li­chen Kontext liest. Dann handelt es sich nicht mehr um eine verkappte Selbst­of­fen­ba­rung des Autors, sondern um ein dekon­struk­tives Spiel mit den gegen­läu­figen Homo­se­xua­li­täts­dis­kursen seiner Zeit: dem Diskurs konser­va­tiver Männer­bündler wie Adolf Brand und Hans Blüher auf der einen und dem Diskurs libe­raler Sexu­al­wis­sen­schaftler wie Magnus Hirsch­feld auf der anderen Seite. Die Geschichte führt mit ätzendem Sarkasmus das männ­liche Selbst­bild des Prot­ago­nisten ad absurdum, in dessen Leben unver­hofft ein engel­hafter Jüng­ling tritt. Gustav von Aschen­bach, der in seinen gelehrten Werken den „Heldentyp […] einer intel­lek­tu­ellen und jüng­ling­haften Männ­lich­keit“ propa­giert, lässt sich schließ­lich von einem vene­zia­ni­schen Barbier die Haare färben und das Gesicht schminken, um dem Jüng­ling zu gefallen. So wird er eben jener Kari­katur des ‚dritten Geschlechts‘ ähnlich, die ihm während seiner Anreise in Gestalt eines geschminkten Greises entge­gen­trat. Die Abscheu, die er bei dieser Begeg­nung verspürte, holt ihn schließ­lich ein. Sein hete­ro­nor­ma­tives Selbst­ver­ständnis zerfällt zu Asche und geht den Bach hinunter.