Der mit einem Oscar preisgekrönte Film „The Zone of Interest“ erzählt das Alltagsleben des KZ-Kommandanten Höß und seiner Familie, die direkt neben dem Konzentrationslager Auschwitz wohnten. Doch lassen sich die namenlose Gewalt im Vernichtungslager und die bürgerliche Idylle nebenan überhaupt in Szene setzen?

  • Martina Bitunjac

    Martina Bitunjac ist Historikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien. Sie lehrt am Historischen Institut der Universität Potsdam und ist außerdem geschäftsführende Redakteurin der „Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte“. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören der Zweite Weltkrieg und der Holocaust in Südosteuropa, jüdische Geschichte auf dem Balkan, Täter:innenforschung und Erinnerungskultur.

Das Leben der Aufse­he­rinnen und Aufseher des Konzentrations- und Vernich­tungs­la­gers Ausch­witz bewegte sich zwischen Selek­tion und Morden einer­seits und frei­zeit­li­chen Besu­chen von Kultur­pro­grammen und gemein­samen Festen ande­rer­seits. Wie üblich, zogen die Fami­lien der Ehepartner aus Nazi-Deutschland an den Dienstort und bauten sich als „arische Über­men­schen“ im „Lebens­raum“ Osten eine neue Exis­tenz auf. 

Der oscar­no­mi­nierte Film „The Zone of Inte­rest“ des britisch-jüdischen Regis­seurs Jona­than Glazer zeigt einmal mehr, wie idyl­lisch das bürger­liche Leben solcher Fami­lien verlaufen konnte, wenn sie sich hart­nä­ckig genug von Empa­thie­lo­sig­keit und Gleich­gül­tig­keit gegen­über der syste­ma­ti­schen Vernich­tung jüdi­scher und nicht­jü­di­scher Menschen leiten ließen. 

Nach Quel­len­re­cher­chen in der Gedenk­stätte Ausch­witz entwarf Glazer am Beispiel des KZ‑Kommandanten Rudolf Höß (Chris­tian Friedel), seiner Frau Hedwig (Sandra Hüller) und ihrer fünf Kinder einen Holocaust- und Kriegs­film, der das Alltags­leben dieser Familie thema­ti­siert, deren Wohn­haus – von einem Polen enteignet – nur durch eine Beton­mauer vom Verbre­chen gegen die Mensch­lich­keit getrennt war. Das Anpflanzen von Gemüse, Obst und Blumen im eigenen Garten, das Frei­zeit­ver­gnügen im haus­ei­genen Schwimmbad, fröh­liche Geburts­tags­feiern, spie­lende Kinder, Kaffee­kränz­chen mit Freun­dinnen, das schrei­ende Baby am Esstisch – all das sind alltäg­liche Ereig­nisse, die sich so auch in jedem Haus­halt abspielen könnten. Und tatsäch­lich versetzt die Kame­ra­füh­rung den Zuschauer in die Posi­tion des Beob­ach­ters, von dem im Grunde bestimmte Kennt­nisse über das Todes­lager Ausch­witz erwartet werden, um manche Gespräche und Hand­lungen über­haupt verstehen zu können.

Verbre­chen und Idylle

Ledig­lich auf subtile Weise, ohne die Darstel­lung von gewalt­vollen Szenen, wie wir sie aus „Der Pianist“, „Para­dies“ oder „Schind­lers Liste“ kennen, wird die Bruta­lität des Konzentrations- und Vernich­tungs­la­gers Ausch­witz anhand von bild­ele­men­ta­ri­schen und geräusch­ge­la­denen Kompo­si­tionen darge­stellt. Den bunten, fried­vollen Bildern eines beschau­li­chen Garten­le­bens wird eine Tonku­lisse uner­träg­li­cher Gewalt gegen­über­ge­stellt. Das Gebrüll der SS‑Männer, das die Häft­linge tagtäg­lich ertragen mussten, das Bellen der Hunde, die darauf abge­richtet waren, Menschen in kürzester Zeit zu zerflei­schen, dann stän­dige Schüsse aus Gewehren, und vor allem die verzwei­felten Schreie der Häft­linge vermit­teln das Ausmaß der Vernich­tung an einem Ort, den Auschwitz-Überlebende als Hölle bezeichneten. 

Auf der anderen Seite der Mauer führte die Familie Höß ein gutbür­ger­li­ches Leben, in dem Hedwig Höß, die Ehefrau des KZ-Kommandanten, keines­wegs eine unsicht­bare Rand­figur war. Sie war, wie ihr Ehemann, eine typi­sche Nutz­nie­ßerin des NS-Regimes, die sich am Eigentum der (jüdi­schen) Häft­linge berei­cherte. Lebens­mittel, Wäsche, Lippen­stifte, Schmuck und vieles mehr ließ sich das Ehepaar Höß von Häft­lingen aus der Auschwitz-Abteilung „Kanada“ „orga­ni­sieren“ – der Lager­halle, in der alle Klei­dungs­stücke, Wert­sa­chen, Lebens­mittel usw. gesam­melt wurden. So betrachtet sich Hedwig Höß im Film im gestoh­lenen Pelz­mantel im Spiegel ihres Schlaf­zim­mers und amüsiert sich über die anti­se­mi­ti­sche Anek­dote ihrer Mutter, die erzählt, dass sie die Vorhänge einer depor­tierten jüdi­schen Nach­barin bei einer Auktion leider nicht ergat­tern konnte. Diese Jüdin sei, so Hedwig Höß, auch im Todes­lager Ausch­witz gelandet – gleich neben dem „Para­dies“, dem Garten­reich der fana­ti­schen Natio­nal­so­zia­listin. Sie fühlt sich am Ort des Verbre­chens wohl. Hitlers „Lebensraum“-Ideologie folgend, weigert sie sich sogar, ihr „Königinnen-Dasein“ in Ausch­witz aufzu­geben, als ihr Mann vorüber­ge­hend nach Orani­en­burg versetzt wird und das besetzte Polen verlassen muss.

Namen­lose Opfer von Auschwitz

Hinter der Mauer, die das Haus der Familie Höß vom Lager trennt, bleiben die Opfer von Ausch­witz im Film namenlos. Ihre Präsenz wird durch den Tod symbo­li­siert. Er erscheint subtil in Form von Gold­zähnen, mit denen eines der Höß-Kinder spielt. Sie wurden den Ermor­deten im Lager entnommen. Zudem breitet sich die Asche der verbrannten Körper im Fluss Sola aus und stört dadurch die Badei­dylle der Familie Höß, die daraufhin panisch ihren geliebten Erho­lungsort verlässt. Der blutige Tod klebt auch an den Stie­feln des KZ‑Kommandanten, die von einem Häft­ling gesäu­bert werden. Im Gegen­satz zum Film, in dem der Häft­ling die blutigen Stiefel still­schwei­gend reinigen muss, berich­tete nach dem Krieg ein ehema­liges polni­sches Dienst­mäd­chen, das im Haus­halt des SS-Obersturmführers Wilhelm Frank (er diente von 1942 bis 1944 in Ausch­witz) arbei­tete, wie sehr die blutigen Stiefel nach Leichen rochen – so sehr, dass ihr übel wurde. Ihre Aussage wurde in den 1970er Jahren aufge­nommen und erst im Jahre 2022 vom Histo­riker Piotr Setkie­wicz im Buch Das Privat­leben von SS-Leuten im KZ Ausch­witz veröffentlicht.

Die gewal­tige Massen­mord­ma­schi­nerie ist im Film allge­gen­wärtig. Bei genauer Betrach­tung des Films wird deut­lich, dass die Verbre­chen von allen Akteuren und Akteu­rinnen wahr­ge­nommen wurden und auch wahr­ge­nommen werden konnten. Der Tod ist selbst für die, die das Verbre­chen igno­rieren wollten, unüber­sehbar: So laufen die Krema­to­rien unun­ter­bro­chen und werden nach den perfek­tio­nis­ti­schen Geschäfts­vor­stel­lungen des Unter­neh­mens Topf & Söhne weiter ausgebaut. 

Die histo­ri­sche Frage, ob denn scheinbar unwis­sende Fami­li­en­mit­glieder des KZ‑Personals etwas vor der syste­ma­ti­schen Vernich­tung von Menschen mitbe­kommen haben, erüb­rigt sich damit – nicht nur im Film. Sie haben nicht nur gewusst, dass Männer, Frauen und Kinder in den Vernich­tungs­la­gern umge­bracht wurden, sondern sie haben auch den Massen­mord an den euro­päi­schen Jüdinnen und Juden in den meisten Fällen durch nutz­nie­ße­ri­sches Handeln, Denun­zia­tion und Verbrei­tung der NS-Propaganda aktiv unter­stützt. So droht auch im Film Hedwig Höß ihrem Haus­mäd­chen mit der Vernichtung.

Uner­zählte Aspekte

Was im Film „The Zone of Inte­rest“ im Zusam­men­hang mit dem erzwun­genen Neben­ein­ander von Tätern und Opfern im Hause Höß aller­dings nicht erzählt wird, ist die Soli­da­rität zwischen den vom Arbeitsamt in Oświęcim/Auschwitz ange­wor­benen, oft jugend­li­chen Dienst­mäd­chen, und den Auschwitz-Häftlingen. Polni­sche Mädchen und Frauen, die bei der Familie Höß etwa als Schnei­de­rinnen und Köchinnen arbei­teten, versteckten im Haus der Familie Höß Lebens­mittel für die KZ-Häftlinge und infor­mierten sie über das kriegs­po­li­ti­sche Geschehen, von dem die Häft­linge abge­schottet waren. Diese Soli­da­rität konnte alle Betei­ligten zusätz­lich in Lebens­ge­fahr bringen. Auch verhielten sich einige der Kinder der Familie Höß nach Zeugen­aus­sagen nach dem Krieg gegen­über den polni­schen Dienst­mäd­chen gehässig; ein Sohn von Rudolf Höß soll sogar Häft­linge mit einer Reit­peit­sche geschlagen haben. Dies berich­tete nach dem Krieg das polni­sche Dienst­mäd­chen Danuta Rzem­piel. Die ehema­lige polni­sche Haus­halts­an­ge­stellte Aniela Bednarska erin­nerte sich an einem anderen Zwischen­fall mit Elfriede, der Tochter von Höß: „Einmal, als Häft­linge Schnee vom Hof räumten und zum Fluss Sola brachten, waren wir beim Abwa­schen und beob­ach­teten, wie der Kapo einen Häft­ling umstieß und verprü­gelte. Elfriede machte das große Freude, und da versetzte ich ihr – da ich mich einfach nicht mehr beherr­schen konnte – mit dem Geschirr­tuch eine Ohrfeige. Die Deut­sche machte ein großes Aufsehen daraus, während Frau Höß gleich­gültig blieb. Doch Elfriede verfolgte mich seitdem auf Schritt und Tritt, und ich musste sehr vorsichtig sein.“

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Gegen Into­le­ranz und Hass

Der Film „The Zone of Inte­rest“ hüllt die Gewalt in ein Zello­phan aus Empa­thie­lo­sig­keit, poli­ti­schem Fana­tismus und erdrü­ckender Gleich­gül­tig­keit der Akteure am Ort des Terrors. Vermut­lich ist der nüch­tern gehal­tene Film unter anderem deswegen so erfolg­reich, weil er das Publikum eben nicht mit direkten Gewalt­szenen konfron­tiert; die Vernich­tung taucht ledig­lich subtil und nebenbei im Alltags­leben der Familie Höß auf. Eine ähnliche Reak­tion des Publi­kums bzw. der Leser­schaft löste das Tage­buch der Anne Frank aus, welches unter anderem Berühmt­heit erlangte, weil es im Versteck geschrieben wurde und nicht wie viele andere Tage­bü­cher im Ghetto oder Konzen­tra­ti­ons­lager. Die Ausein­an­der­set­zung mit Zeug­nissen aus dem Unter­grund ist für die Nach­welt erträg­li­cher, als mit Ego-Dokumenten, die tagtäg­liche Folter und Vernich­tung aufzeigen.

Das Publikum des Films „The Zone of Inte­rest“ wird in diesem Sinne umso manches verschont. Und auch die audi­tive Ebene, die fürch­ter­liche Geräusch­ku­lisse im Hinter­grund, kann manch einer durchaus ausblenden, wenn das Visu­elle, das Einfa­mi­li­en­haus mit Garten­an­lage, in den Vorder­grund rückt. 

Auszu­blenden ist dagegen nicht die Absicht des Filmes, der soeben einen Oscar für den besten inter­na­tio­nalen Film gewonnen hat: Glazer, Hüller und Friedel wollen mit diesem Holocaust-Film nicht nur aufklären, sondern auch unser Handeln und Reagieren auf Themen wie Into­le­ranz und Hass sensi­bi­li­sieren – inso­fern kommt dieser Film zur rich­tigen Zeit.

 

The Zone of Inte­rest. Regie und Dreh­buch: Jona­than Glazer. Mit Sandra Hüller und Chris­tian Friedel. USA/Vereinigtes Königreich/Polen, 2024.