Das Leben der Aufseherinnen und Aufseher des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz bewegte sich zwischen Selektion und Morden einerseits und freizeitlichen Besuchen von Kulturprogrammen und gemeinsamen Festen andererseits. Wie üblich, zogen die Familien der Ehepartner aus Nazi-Deutschland an den Dienstort und bauten sich als „arische Übermenschen“ im „Lebensraum“ Osten eine neue Existenz auf.
Der oscarnominierte Film „The Zone of Interest“ des britisch-jüdischen Regisseurs Jonathan Glazer zeigt einmal mehr, wie idyllisch das bürgerliche Leben solcher Familien verlaufen konnte, wenn sie sich hartnäckig genug von Empathielosigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber der systematischen Vernichtung jüdischer und nichtjüdischer Menschen leiten ließen.
Nach Quellenrecherchen in der Gedenkstätte Auschwitz entwarf Glazer am Beispiel des KZ‑Kommandanten Rudolf Höß (Christian Friedel), seiner Frau Hedwig (Sandra Hüller) und ihrer fünf Kinder einen Holocaust- und Kriegsfilm, der das Alltagsleben dieser Familie thematisiert, deren Wohnhaus – von einem Polen enteignet – nur durch eine Betonmauer vom Verbrechen gegen die Menschlichkeit getrennt war. Das Anpflanzen von Gemüse, Obst und Blumen im eigenen Garten, das Freizeitvergnügen im hauseigenen Schwimmbad, fröhliche Geburtstagsfeiern, spielende Kinder, Kaffeekränzchen mit Freundinnen, das schreiende Baby am Esstisch – all das sind alltägliche Ereignisse, die sich so auch in jedem Haushalt abspielen könnten. Und tatsächlich versetzt die Kameraführung den Zuschauer in die Position des Beobachters, von dem im Grunde bestimmte Kenntnisse über das Todeslager Auschwitz erwartet werden, um manche Gespräche und Handlungen überhaupt verstehen zu können.
Verbrechen und Idylle
Lediglich auf subtile Weise, ohne die Darstellung von gewaltvollen Szenen, wie wir sie aus „Der Pianist“, „Paradies“ oder „Schindlers Liste“ kennen, wird die Brutalität des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz anhand von bildelementarischen und geräuschgeladenen Kompositionen dargestellt. Den bunten, friedvollen Bildern eines beschaulichen Gartenlebens wird eine Tonkulisse unerträglicher Gewalt gegenübergestellt. Das Gebrüll der SS‑Männer, das die Häftlinge tagtäglich ertragen mussten, das Bellen der Hunde, die darauf abgerichtet waren, Menschen in kürzester Zeit zu zerfleischen, dann ständige Schüsse aus Gewehren, und vor allem die verzweifelten Schreie der Häftlinge vermitteln das Ausmaß der Vernichtung an einem Ort, den Auschwitz-Überlebende als Hölle bezeichneten.
Auf der anderen Seite der Mauer führte die Familie Höß ein gutbürgerliches Leben, in dem Hedwig Höß, die Ehefrau des KZ-Kommandanten, keineswegs eine unsichtbare Randfigur war. Sie war, wie ihr Ehemann, eine typische Nutznießerin des NS-Regimes, die sich am Eigentum der (jüdischen) Häftlinge bereicherte. Lebensmittel, Wäsche, Lippenstifte, Schmuck und vieles mehr ließ sich das Ehepaar Höß von Häftlingen aus der Auschwitz-Abteilung „Kanada“ „organisieren“ – der Lagerhalle, in der alle Kleidungsstücke, Wertsachen, Lebensmittel usw. gesammelt wurden. So betrachtet sich Hedwig Höß im Film im gestohlenen Pelzmantel im Spiegel ihres Schlafzimmers und amüsiert sich über die antisemitische Anekdote ihrer Mutter, die erzählt, dass sie die Vorhänge einer deportierten jüdischen Nachbarin bei einer Auktion leider nicht ergattern konnte. Diese Jüdin sei, so Hedwig Höß, auch im Todeslager Auschwitz gelandet – gleich neben dem „Paradies“, dem Gartenreich der fanatischen Nationalsozialistin. Sie fühlt sich am Ort des Verbrechens wohl. Hitlers „Lebensraum“-Ideologie folgend, weigert sie sich sogar, ihr „Königinnen-Dasein“ in Auschwitz aufzugeben, als ihr Mann vorübergehend nach Oranienburg versetzt wird und das besetzte Polen verlassen muss.
Namenlose Opfer von Auschwitz
Hinter der Mauer, die das Haus der Familie Höß vom Lager trennt, bleiben die Opfer von Auschwitz im Film namenlos. Ihre Präsenz wird durch den Tod symbolisiert. Er erscheint subtil in Form von Goldzähnen, mit denen eines der Höß-Kinder spielt. Sie wurden den Ermordeten im Lager entnommen. Zudem breitet sich die Asche der verbrannten Körper im Fluss Sola aus und stört dadurch die Badeidylle der Familie Höß, die daraufhin panisch ihren geliebten Erholungsort verlässt. Der blutige Tod klebt auch an den Stiefeln des KZ‑Kommandanten, die von einem Häftling gesäubert werden. Im Gegensatz zum Film, in dem der Häftling die blutigen Stiefel stillschweigend reinigen muss, berichtete nach dem Krieg ein ehemaliges polnisches Dienstmädchen, das im Haushalt des SS-Obersturmführers Wilhelm Frank (er diente von 1942 bis 1944 in Auschwitz) arbeitete, wie sehr die blutigen Stiefel nach Leichen rochen – so sehr, dass ihr übel wurde. Ihre Aussage wurde in den 1970er Jahren aufgenommen und erst im Jahre 2022 vom Historiker Piotr Setkiewicz im Buch Das Privatleben von SS-Leuten im KZ Auschwitz veröffentlicht.
Die gewaltige Massenmordmaschinerie ist im Film allgegenwärtig. Bei genauer Betrachtung des Films wird deutlich, dass die Verbrechen von allen Akteuren und Akteurinnen wahrgenommen wurden und auch wahrgenommen werden konnten. Der Tod ist selbst für die, die das Verbrechen ignorieren wollten, unübersehbar: So laufen die Krematorien ununterbrochen und werden nach den perfektionistischen Geschäftsvorstellungen des Unternehmens Topf & Söhne weiter ausgebaut.
Die historische Frage, ob denn scheinbar unwissende Familienmitglieder des KZ‑Personals etwas vor der systematischen Vernichtung von Menschen mitbekommen haben, erübrigt sich damit – nicht nur im Film. Sie haben nicht nur gewusst, dass Männer, Frauen und Kinder in den Vernichtungslagern umgebracht wurden, sondern sie haben auch den Massenmord an den europäischen Jüdinnen und Juden in den meisten Fällen durch nutznießerisches Handeln, Denunziation und Verbreitung der NS-Propaganda aktiv unterstützt. So droht auch im Film Hedwig Höß ihrem Hausmädchen mit der Vernichtung.
Unerzählte Aspekte
Was im Film „The Zone of Interest“ im Zusammenhang mit dem erzwungenen Nebeneinander von Tätern und Opfern im Hause Höß allerdings nicht erzählt wird, ist die Solidarität zwischen den vom Arbeitsamt in Oświęcim/Auschwitz angeworbenen, oft jugendlichen Dienstmädchen, und den Auschwitz-Häftlingen. Polnische Mädchen und Frauen, die bei der Familie Höß etwa als Schneiderinnen und Köchinnen arbeiteten, versteckten im Haus der Familie Höß Lebensmittel für die KZ-Häftlinge und informierten sie über das kriegspolitische Geschehen, von dem die Häftlinge abgeschottet waren. Diese Solidarität konnte alle Beteiligten zusätzlich in Lebensgefahr bringen. Auch verhielten sich einige der Kinder der Familie Höß nach Zeugenaussagen nach dem Krieg gegenüber den polnischen Dienstmädchen gehässig; ein Sohn von Rudolf Höß soll sogar Häftlinge mit einer Reitpeitsche geschlagen haben. Dies berichtete nach dem Krieg das polnische Dienstmädchen Danuta Rzempiel. Die ehemalige polnische Haushaltsangestellte Aniela Bednarska erinnerte sich an einem anderen Zwischenfall mit Elfriede, der Tochter von Höß: „Einmal, als Häftlinge Schnee vom Hof räumten und zum Fluss Sola brachten, waren wir beim Abwaschen und beobachteten, wie der Kapo einen Häftling umstieß und verprügelte. Elfriede machte das große Freude, und da versetzte ich ihr – da ich mich einfach nicht mehr beherrschen konnte – mit dem Geschirrtuch eine Ohrfeige. Die Deutsche machte ein großes Aufsehen daraus, während Frau Höß gleichgültig blieb. Doch Elfriede verfolgte mich seitdem auf Schritt und Tritt, und ich musste sehr vorsichtig sein.“
Gegen Intoleranz und Hass
Der Film „The Zone of Interest“ hüllt die Gewalt in ein Zellophan aus Empathielosigkeit, politischem Fanatismus und erdrückender Gleichgültigkeit der Akteure am Ort des Terrors. Vermutlich ist der nüchtern gehaltene Film unter anderem deswegen so erfolgreich, weil er das Publikum eben nicht mit direkten Gewaltszenen konfrontiert; die Vernichtung taucht lediglich subtil und nebenbei im Alltagsleben der Familie Höß auf. Eine ähnliche Reaktion des Publikums bzw. der Leserschaft löste das Tagebuch der Anne Frank aus, welches unter anderem Berühmtheit erlangte, weil es im Versteck geschrieben wurde und nicht wie viele andere Tagebücher im Ghetto oder Konzentrationslager. Die Auseinandersetzung mit Zeugnissen aus dem Untergrund ist für die Nachwelt erträglicher, als mit Ego-Dokumenten, die tagtägliche Folter und Vernichtung aufzeigen.
Das Publikum des Films „The Zone of Interest“ wird in diesem Sinne umso manches verschont. Und auch die auditive Ebene, die fürchterliche Geräuschkulisse im Hintergrund, kann manch einer durchaus ausblenden, wenn das Visuelle, das Einfamilienhaus mit Gartenanlage, in den Vordergrund rückt.
Auszublenden ist dagegen nicht die Absicht des Filmes, der soeben einen Oscar für den besten internationalen Film gewonnen hat: Glazer, Hüller und Friedel wollen mit diesem Holocaust-Film nicht nur aufklären, sondern auch unser Handeln und Reagieren auf Themen wie Intoleranz und Hass sensibilisieren – insofern kommt dieser Film zur richtigen Zeit.
“The Zone of Interest“ beschreibt ein unmittelbares Nebeneinander von erstaunlich unbeschwertem, genussvollem und luxeriösem Leben in vollständiger Ignoranz von qualvollem, menschengemachtem Leid in dessen unmittelbarer Nachbarschaft.
Eine solche ernüchternde, brutale und unmenschliche Realität wird es doch nicht etwa in unserer heutigen Zeit noch immer geben? Würden wir so etwas zulassen?