Seit Christopher Nolans The Odyssey Anfang Juli in die Kinos kam, reißt die Debatte um die Qualität des Films nicht ab. Insbesondere aus der Sicht von klassischen Philolog:innen – darunter auch Katharina Wesselmann hier auf GdG – wird eine simplifizierte Sicht auf Homers Klassiker im für IMAX-gefilmten Action-Blockbuster kritisiert. Die Historikerin Mary Beard vermisst die „elusive sexiness“ des Originals, und auch Nolans Frauenfiguren überzeugen sie ganz und gar nicht. Besonders hohe Wellen schlug die Polemik der Gräzistik-Professorin und Homer-Übersetzerin Emily Wilson in der London Review of Books. Dem Film fehle „psychological, political and ethical depth“ und er habe „nothing convincing to say“, stellt sie unter anderem fest. Daraufhin empörte sich die US-Autorin Joyce Carol Oates auf X über Emily Wilsons Ton und Rhetorik, insbesondere, weil sich deren Übersetzung der Odyssee dank Nolans Film millionenfach verkauft habe. Oates operiert ihrerseits mit schwerem rhetorischem Geschütz: „Rather than disagreeing with interpretations of Homer in a collegial manner, this person, who has benefited enormously from Nolan’s film, speaks the crude language of Maga folks attacking someone with ideas that differ from hers“, schreibt sie.
Christine Lötscher: Elisabeth, wie erklärst du dir die Aufregung um Nolans Homer-Adaption?
Elisabeth Bronfen: Wie so oft momentan geht es um die Frage, „Who controls the narrative?“ Will sagen: Wer hat die Deutungshoheit über einen kanonischen Text der, zumindest in der anglo-amerikanischen Welt ein household name ist? Wir dürfen nicht vergessen, die mythopoethische Figur Odysseus ist bekannt, nicht zuletzt durch die Populärkultur ist sie integriert in das alltägliche Leben. Man bezieht sich im Gespräch – privat wie öffentlich – auf diesen Namen, auch wenn das alles weit vom Originaltext entfernt ist. Übrigens: Es gibt 19 Städte in den USA, die „Homer“ heißen. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert war „Homer“ zudem auch ein beliebter Vorname für junge Männer, die nicht unbedingt Krieger wurden. Und der Vater der Simpsons heißt Homer!
CL: Die Debatte um die Originaltreue hat etwas Antiquiertes, denn längst hat sich doch die Erkenntnis aus den Adaptation Studies und Transmedia Studies durchgesetzt, dass jede Adaption neue Aspekte aus einem Stoff herausholt und ihn gerade dadurch lebendig hält. Es gibt sogar den Begriff der „Mythenkorrektur“, bezogen auf Autor:innen wie Kafka, Brecht oder Margaret Atwood – die mit ihrer Penelopiad (2005) eine ganz eigenwillige feministische Version oder Korrektur der Odyssee vorgelegt hat. Penelope ist tot und erzählt ihre Geschichte vom Reich der Toten aus. Im Zusammenhang Nolas The Odyssey war es zunächst Elon Musk, der die Frage nach der „Originaltreue“ mit seiner massiven Polemik angestoßen und sicher zur Aufheizung der Debatte beigetragen hat.
EB: Wenn man von Homer das gleiche behaupten kann wie von Shakespeare, nämlich „he is a poet not of his age but of all times”, bedeutet das, dass er jeder Epoche neu angepasst werden muss. Ich frage mich auch, warum man bei den kühnen Überschreibungen, die man im deutschsprachigen Theater von den Klassikern (wie auch Shakespeare) zu sehen bekommt, unter der Bezeichnung „Regietheater” absolut keine Probleme mit fehlender Werktreue hat. Oft bleibt von Shakespeares Sprache, geschweige denn von der Komplexität seiner Figurenzeichnungen, kaum etwas übrig. Dies fürs Kino nicht zu erlauben, bezeugt eine Naivität gegenüber diesem Medium und seiner mehr als 100jährigen Geschichte.
CL: Deshalb wollen wir über den Film reden. Wir haben The Odyssey von Christopher Nolan nun beide zum zweiten Mal gesehen. Und ich betone: Christopher Nolans Odyssey. Denn auffällig an der aufgeregten und im rechtspopulistischen Lager geradezu hysterischen Rezeption des Films ist, dass geradezu obsessiv auf Homer und auf die mangelnde Originaltreue verwiesen wird, aber kaum je danach gefragt wird, was der Film macht, wie er funktioniert.
EB: Zunächst muss man festhalten: Die enormen Zuschauer:innenzahlen hat dieser Film, weil er ein Christopher-Nolan-Film ist. Er trägt die Handschrift des Regisseurs. Das ist in den 2020er-Jahren sehr ungewöhnlich. Es sind nicht die Schauspieler:innen, es ist nicht der Stoff, was den Film ausmacht, sondern es ist das Werk eines „Auteurs“, eines Regisseurs mit persönlicher Handschrift. Und gleichzeitig gelingt Nolan etwas Interessantes. Er macht einen Sommer-Blockbuster, der sowohl ein großes Publikum anspricht, das sich nicht besonders für Homer interessiert, als auch ein intellektuelles Publikum, das überall Spuren seiner früheren Filme entdeckt.
Nolan selbst hat den Film einen Antikriegsfilm genannt. Mir schien schon beim ersten Sehen, dass er so etwas wie den dritten Teil einer Triade bildet: Dunkirk, Oppenheimer und nun The Odyssey. Aber das reicht noch nicht. Entscheidend ist: Wenn man den Film als Antikriegsfilm bzw. Kriegsfilm betrachtet und die lange Tradition dieser Gattung mitdenkt, bekommt man einen Zugang, der all jenen entgeht, die ihn nur auf seine Werktreue gegenüber Homer befragen. Dazu muss man sich die filmischen Bilder anschauen. Die Filmsprache, die Schnitte, die Kameraführung, die Farben, die Musik. Wer den Film auf die Handlung reduziert, übersieht wesentliche Dimensionen.
CL: Beim ersten Mal habe ich den Film im IMAX gesehen. Die viszerale Erfahrung, die Immersion stand stark im Vordergrund, man spürt das Getrampel der Krieger, das Rasseln der Rüstungen und das Sirren der fliegenden Pfeile im eigenen Körper. Gleichzeitig ist klar, dass alles unglaublich präzise gearbeitet ist und man den Film eigentlich regelmäßig anhalten müsste, um seine Struktur, die Wiederholungen und Variationen, die Nuancen zu verstehen.
EB: Genau. Dieses Viszerale entsteht gerade deshalb, weil alles technisch so ausgeklügelt ist. Jede Einstellung, jede Kamerafahrt, jeder Übergang ist genau geplant. Die Zeitwechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit sind so geschnitten, dass man sie fast gar nicht bemerkt. Gleichzeitig darf man nicht vergessen: Nolan ist ein intellektueller Filmemacher. Das Denken findet bei ihm nicht gegen die Form statt, sondern durch die Form. Es steckt in den Kamerabewegungen, den Einstellungen, den Größenverhältnissen der Figuren, den Rückblenden. Die intellektuelle Arbeit findet in der Mise-en-scène, dem Aufbau und der Montage der Bilder statt.
CL: Wenn der Film als Antikriegsfilm bezeichnet wird, was ist damit genau gemeint? Könntest du das ein wenig ausführen?
EB: Zunächst einmal gibt es keinen Antikriegsfilm ohne beeindruckende Schlachtszenen. Der Sinn der Schlachten ist zu zeigen, wie schrecklich Krieg ist. Aber das kann man nur, indem man Schlachten darstellt. Deshalb ist es auch kein Zufall, dass die Eroberung Trojas immer wieder gezeigt wird. Diese Rückkehr zur Schlacht, die Flashbacks, das Trauma des Krieges: Das ist zentral. Der Krieg erscheint hier zugleich als Trauma und als Abenteuerreise. Und beides wird mit derselben Vehemenz inszeniert. Das entspricht einer langen Tradition des Kriegskinos. Kriegsgeschichten sind fast immer auch Abenteuergeschichten, Reisen ins Unbekannte. Das Neue an den modernen Kriegsfilmen ist die Frage der Heimkehr. Und genau darum geht es hier. Odysseus ist ein Veteran, der nach Hause will – aber auch nicht.
CL: Damit wären wir beim Motiv des Nachhausekommens.
EB: Absolut. Ich musste ständig an John Fords The Searchers (1956) denken. Dort sagt Ethan Edwards (John Wayne) am Ende zu Debbie (Natalie Wood): „Let’s go home.“ Dieses „going home“ hat eine lange Tradition im US-Western und im Kriegskino. Und Nolan greift genau darauf zurück. Doch am Ende kehrt Odysseus (Matt Damon) gar nicht wirklich nach Hause zurück. Viel entscheidender ist die Wiederverheiratung, das Narrative of Remarriage, um es mit Stanley Cavell auszudrücken. Penelope (Anne Hathaway) und Odysseus finden wieder zueinander, und fahren dann gemeinsam in einem Schiff in Richtung der Horizontlinie am Meer. Die Zukunft ist offen. Gleichzeitig wird die Macht an die nächste Generation übergeben. Telemachos (Tom Holland) kann in Nolans Film tatsächlich erwachsen werden. Das finde ich bemerkenswert. In vielen gegenwärtigen Erzählungen scheint Erwachsenwerden nicht möglich, blockiert zu sein. Hier dagegen wird für den Sohn Platz geschaffen. Der Vater tritt zurück.
CL: Über Telemachos würde ich gern noch etwas sprechen, über das doch eher konservative oder zumindest klassische Coming-of-Age-Narrativ, auf das Nolan zurückgreift.
EB: Der Film ist hier in der Tat sehr klassisch erzählt. Telemachos darf die Freier nicht töten. Immer wieder wird ihm dieser Akt verwehrt. Denn hätte er sie getötet, hätte er die Schuld für das Massaker und für die Gesetzesübertretung auf sich geladen. Er muss seine Fähigkeiten beweisen, aber an der richtigen Stelle. Deshalb tötet er nur den verräterischen Sklaven Melanthios (Logan Marshall-Green), der die Freier beim Kampf gegen Odysseus unterstützt. Das ist Telemachos‘ rite de passage.
Gleichzeitig braucht er die Anerkennung des Vaters. Es muss einen Moment geben, in dem er sagen kann: Das ist mein Vater. Erst dann kann er dessen symbolische Position übernehmen. Das ist beinahe philosophisch gedacht: Der Sohn braucht die Anerkennung des Vaters und muss diese Anerkennung anerkennen.
CL: Wenn wir schon bei den Vätern sind, lass uns auch über Agamemnon (Benny Safdie) sprechen. Als Anführer überragt er alle anderen Männer, und er verkörpert das gesichtslose patriarchale System, indem er seine Rüstung niemals ablegt. Nicht einmal im Hades, im Reich der Toten, tritt er Odysseus ohne Helm und Rüstung entgegen. Und selbst bei seiner Rückkehr nach Hause, wo ihn Clytemnestra (Lupita Nyong’o, die auch Helena spielt) mit dem Messer empfängt, sehen wir den nackten, verletzlichen Mann nur von hinten.
EB: Für mich ist Agamemnon ganz klar der Phallus im lacanianischen Sinn. Er ist leer. Wir sehen nie einen Menschen. Wir sehen die volle Rüstung. Wir sehen die Macht. Agamemnon ist die Verkörperung patriarchaler Ordnung. Und genau deshalb ist es so interessant, dass er als Person fast verschwindet. Es geht nicht um ihn als Individuum. Der Film macht klar: Diese Kultur beruht auf Hierarchie. Auf Gesetzen, die auch dann gelten, wenn sie irrational erscheinen. Man könnte sagen, Nolan übernimmt hier eine sehr freudianische Vorstellung von Kultur. Wir brauchen die Regeln, damit wir uns nicht gegenseitig umbringen.
CL: Und wie liest du die Frauenfiguren?
EB: Die Frauen haben kein politisches Handlungsvermögen. Aber sie haben Wissen. Circe hat Wissen. Calypso hat Wissen. Penelope hat Wissen. Sie alle sind Außenseiterinnen und gerade deshalb können sie Dinge sehen, die den Männern verborgen bleiben. Calypso (Charlize Theron) ist fast eine Therapeutin. Sie hilft Odysseus zu erinnern. Penelope versteht die Logik des Systems. Und Circe (Samantha Morton) formt die Männer geradezu buchstäblich um, indem sie die Schweine, die sie in Wahrheit sind, aus ihren Gesichtern und Körpern herausknetet.
Besonders interessant finde ich Athena (Zendaya). Ich glaube überhaupt nicht, dass sie als reale Göttin dargestellt wird. Für mich ist sie die Verkörperung einer inneren Stimme von Odysseus. Sie ist das Andere in seiner Psyche. Das, was aus dem Unbewussten kommt und ihn zu einer Erkenntnis zwingt, die er vermeiden möchte. Und er gibt diesem „Anderen“ das Gesicht der Priesterin des Tempels der Athena, die vor seinen Augen hingerichtet wird. Da ist der „Schnitt“ beeindruckend – wie sehen aus seiner Perspektive ihr Gesicht, dessen Ausdruck ihn anfleht, ahnen, wie das Schwert sie köpft, wir sehen aber, wie der Kopf einer Statue der Athene die Treppen des Tempels hinunterrollt. Das ist filmsprachlich sehr präzise gearbeitet.
CL: Du hast vorhin das Trauma erwähnt. Nicht nur die Bildsprache, sondern auch die Erzählstruktur scheint damit eng verbunden.
EB: Ja. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, der Film selbst sei traumatisiert. Trauma bedeutet ja: Du hast Wissen, das so schmerzhaft ist, dass du es nicht in eine kohärente Erzählung bringen kannst. Und genau so funktioniert der Film. Die Geschichte ist einerseits vollkommen klar strukturiert. Andererseits kehren die Bilder von Troja ständig zurück. Sie kommen in Fragmenten, in unterschiedlichen Längen, aus unterschiedlichen Perspektiven. Und der Film zwingt uns, diese Fragmente selbst zusammenzusetzen. Deshalb erzählt er Trauma nicht nur, er inszeniert es auf der Ebene seiner Form.
CL: Ist Nolans Odyssey in seiner Eigenschaft als Kriegsfilm letztlich ein Film über die Bedeutsamkeit von Erinnerung?
EB: Absolut. Der Film endet ja mit der Idee, dass die Menschen alles wieder vergessen werden. Und dies wiederum heißt: Sie werden dieselben Fehler wiederholen. Das Bild, mit dem diese Idee ausgedrückt wird, ist das Trojanische Pferd, dessen Kopf in der letzten Einstellung melancholisch an die Ruine des Athena-Tempels im zerstörten Troja angelehnt ist. Hier findet der eigentliche Gedanke des Films seinen Ausdruck. Im Zentrum jeder Zivilisation steckt eine zerstörerische Kraft. Wenn wir uns nicht erinnern, kehrt sie zurück. Deshalb halte ich es auch für verkürzt, den Film entweder als konservativ oder aber als Fortschrittserzählung zu lesen. Er reagiert vielmehr auf einen historischen Moment, in dem patriarchale Machtfantasien weltweit wieder an Sichtbarkeit gewinnen. Man denke an die Manosphäre, an autoritäre Männlichkeitsentwürfe oder an die Rückkehr politischer Führungsfiguren, die Stärke und Dominanz inszenieren. Interessant finde ich, dass Nolan darauf nicht mit einer Feier heroischer Männlichkeit antwortet. Sein Odysseus ist kein triumphierender Held, sondern ein traumatisierter Veteran, dessen größte Leistung nicht im Krieg, sondern im Überleben, Erinnern und Heimkehren liegt. Gerade dadurch entwickelt der Film, vielleicht sogar gegen seine eigene Oberfläche, eine kritische Perspektive auf jene Fantasien von männlicher Macht, die gegenwärtig wieder Konjunktur haben.
Deshalb ist der Film für mich weniger eine Adaptation Homers als eine Reflexion über Krieg, Erinnerung, Schuld und die Fragilität von Kultur. Und genau deshalb sollte man ihn als Film ernst nehmen. Nicht nur als Illustration eines antiken Textes.
CL: Elisabeth, vielen Dank für das Gespräch.
Vielen herzlichen Dank für dieses wunderbare Gespräch! Ich habe den Film noch nicht gesehen, werde ihn mir aber, erst recht nach diesem Gespräch, bestimmt ansehen. Ich war durch die hier aufgeführten, teils sehr gehässigen Kommentare ohnehin der Ansicht, Christopher Nolan müsse durch seinen Film bei vielen Kommentierenden einen Nerv getroffen haben. Von den kritischen Stimmen hat mir etwa Daniel Mendelsohn in der NYRB am ehesten gefallen, der keinesfalls gehässig kommentiert, sondern darauf hinweist, dass ihm (was man gut nachvollziehen kann) der Charakter des homerischen Odysseus (Schlauheit, Verschlagenheit etc.) fehlt. Aber Sie zeigen hier verdienstvollerweise auf, dass es in Nolans Verfilmung… Mehr anzeigen »