Schon 2017 leitete der ukrainische Literaturwissenschaftler, Übersetzer und Psychoanalytiker Jurko Prochasko einen Essay über die „unbeteiligte Teilung“ seines Landes folgendermaßen ein: „Diesen Aufsatz sollte es eigentlich gar nicht geben, mehr noch: dürfte es nicht geben. Er sollte ganz und gar überflüssig sein, im Ideal, ja selbst im Normalfall. Denn er behandelt lauter Dinge, die eigentlich ganz offensichtlich, längst allen bekannt und selbstverständlich sein sollten und niсht еinmal ansatzweise in Frage gestellt werden dürften – wenn die Welt vernünftig, gut und gerecht wäre.“
Ich erinnerte mich an diesen Satz, als ich die Texte für die heutige Ausgabe von GdG zusammenstellte. Es sind die Texte, die von ganz unterschiedlichen internationalen Autor:innen über den Krieg gegen die Ukraine publiziert worden sind. Viele handeln von diesen Selbstverständlichkeiten, die Prochasko meinte, z.B. einen Überfall als Überfall, eine Besatzung als Besatzung, einen Krieg als Krieg anzuerkennen – und die Deportation von Kindern als Deportation. Dazu gehört auch, die Geschichte der Ukraine nicht auszulöschen, sich ukrainische Kultur nicht anzueignen, die Sprache nicht zu diskriminieren. Alles Selbstverständlichkeiten, und wir müssen uns fragen, wie es dazu kommt, sie immer wieder und wieder wiederholen zu müssen.
Prochasko schreibt in einem anderen Artikel, dass es für sein „Empfinden an einem wirklichen Verstehen dessen mangelt, was in der Ukraine vor sich geht.“ Damit meint er ein Verstehen, für das es gute „Grundlagen des Wissens, vergleichbar mit dem Wissen über andere Nachbarländer wie Frankreich, die Niederlande oder andere Westeuropäische Länder und Staaten“ geben muss.
Damit das, was Prochasko schreibt, selbstverständlich wird, müssen Texte, die es nicht geben sollte, geschrieben werden – aus diesem Paradoxon kommen auch wir nicht heraus.
Die im Folgenden verlinkten zweiunddreissig Texte, die auf GdG seit dem 24. Februar 2022 erschienen sind, handeln vom realen Krieg, von den Opfern, den Geflüchteten, von Kriegsverbrechen, aber auch vom Kulturkrieg gegen den „kollektiven Westen“, den Putin seit Jahren führt. Und die Texte handeln von der Frage, wie wir mit Diktatur und Desinformation, mit illiberalen, populistischen und extremistischen Akteuren in unseren Gesellschaften umgehen.
Viele Texte handeln auch von ukrainischer Geschichte, vom russischen Blick auf diese Geschichte und von Geschichtsfälschung, davon dass dieser russische Blick oft genug der europäische Blick war und ist – in Geschichtsbüchern, in journalistischen Beiträgen und selbst im Studium an der Universität. Das zeigt sich auch in der Literatur- und Kunstgeschichte und in der alltäglichen Verwendung von einzelnen Wörtern, z.B. wenn ukrainische Orte einfach weiterhin stur in der russischen Variante und Transliteration geschrieben werden.
Viel lieber würden wir Texte darüber publizieren, wie die Ukraine ihr Land zurückbekommen hat, wie die russische Bevölkerung Putin und sein Gefolge aus dem Kreml vertrieben hat, wie Putin vor dem Internationalen Strafgerichtshof für seine Kriegsverbrechen verurteilt wird – und darüber, dass es selbstverständlich geworden ist, sich nicht von Verbrechern regieren zu lassen, weltweit.
(Sylvia Sasse)
2022
Sylvia Sasse, Im Krieg wohnen
Die ukrainische Gegenwartsliteratur hat seit 2014, seit der Annexion der Krym und der Besetzung der Ostukraine durch prorussische Separatisten, sehr genau beschrieben, was es bedeutet, „im Krieg zu wohnen“. Jetzt sind viele Autor:innen und Künstler:innen selbst auf der Flucht. Zeit, ihnen genauer zuzuhören.
Jason Stanley, Der Antisemitismus hinter Putins Forderung nach „Entnazifizierung“ der Ukraine
Putins Ansage, die Ukraine ‚entnazifizieren‘ zu wollen, ist offenkundig ein Vorwand für seinen Angriffskrieg. Dennoch sollte man sich diese Rhetorik genauer anzuschauen. Denn in ihr zeigen sich antisemitische Schlüsselelemente einer weltweit vernetzen Rechten, die in Putin ihren Führer sieht.
Juliane Fürst, Die Ukraine, Putin und die Rhetorik des Krieges
Putins Vorwand, die Ukraine zu ‚entnazifizieren‘, baut auf der Rhetorik auf, den Gegner als „Faschisten“ zu bezeichnen. Hinter ihr verbirgt sich eine Geschichte, die bis in den Zweiten Weltkrieg zurückreicht und die die heute so unterschiedlichen Erinnerungskulturen der Ukraine und Russlands prägt.
Bill Niven, Babyn Jar, Antisemitismus und der Angriff auf die Ukraine
Nach dem russischen Angriff auf die Gedenkstätte Babyn Jar erklärte Präsident Selenskyi umgehend, es drohe die Gefahr, dass der Holocaust sich wiederhole. Ist das bloßer Krieg der Worte – oder angesichts der antisemitischen Kampagnen und der Verstöße gegen das Völkerrecht nicht mehr als berechtigt?
Riccardo Nicolosi, Erniedrigte und Beleidigte. Vladimir Putins Affektrhetorik
Putin versucht das postsowjetische Russland seit Jahren als ein zutiefst gekränktes Land, das vom ‚Westen‘ wiederholt beleidigt und betrogen worden sei, darzustellen. Wie hat Putin mit dieser Affektrhetorik den Krieg vorbereitet?
Fabian Baumann, „Anti-Russland“? Die Ukraine als politisches Projekt
Vladimir Putin legitimiert seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine unter anderem mit dem Kampf gegen den dort vermeintlich weitverbreiteten extremen Nationalismus. Tatsächlich war der ukrainische Nationalismus dem russischen Staat immer ein Dorn im Auge – vor allem aber aufgrund seiner emanzipatorischen Eigenschaften.
Svenja Goltermann, Das Credo der Gewaltlosigkeit. Eine Kritik
Die Friedensbewegung erfährt in Deutschland gerade scharfe Kritik an ihrem Widerstand gegen Waffenlieferungen an die Ukraine. Doch wer das Credo der Gewaltlosigkeit und dessen Effekte verstehen will, sollte sich nicht an der Friedensbewegung festbeissen.
Philipp Sarasin, Das Leiden anderer in meiner Timeline. Über Fotografie im Ukraine-Krieg
Seit Susan Sontag vor fast zwanzig Jahren über Kriegsfotografien schrieb, hat sich die Medienlandschaft grundlegend verändert. Wie zeigt sich der Schmerz der anderen in Zeiten von Sozialen Medien? Wie ‚funktionieren‘ die Bilder aus dem Krieg – und unser Blick auf sie?
Benjamin Carter Hett, Über Diktatoren, Ukrainer und „Garnisonsstaaten“. Einige historische Überlegungen zu den Lehren aus den 1930er Jahren
Welche Lehren lassen sich aus der Zwischenkriegszeit ziehen? Angesichts des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine hilft ein Blick auf Haltungen und Handlungen von drei prominenten Politiken, die auf den Faschismus reagierten: Chamberlain, Churchill und Roosevelt.
Marta Havryshko, Regina Mühlhäuser, Vergewaltigung als Kriegswaffe? Einige Überlegungen zu sexueller Gewalt im Krieg gegen die Ukraine
Meldungen über Vergewaltigungen von russischen Soldaten an Ukrainer:innen mehren sich. Doch wer spricht wie über diese Gewalt? Was kommt dabei nicht zur Sprache? Und wie lassen sich solche Verbrechen vor Gericht bringen? Ein Gespräch der beiden Historikerinnen Marta Havryshko und Regina Mühlhäuser.
Alexis Nuselovici und Till Breyer, Die territoriale Logik herausfordern. Ein Gespräch über Flucht und Exil
Der russische Angriff auf die Ukraine hat Europa abermals mit einer Fluchtbewegung konfrontiert, die Millionen von Ukrainer:innen inner- wie außerhalb ihres Landes betrifft. Till Breyer spricht mit dem Exilforscher Alexis Nuselovici über das Verhältnis Europas zur Fluchtmigration, den Krieg und die politischen Widersprüche der Gegenwart.
Stephan Scholz, Erinnerungskultur in der „Zeitenwende“. Die deutsche Weltkriegserinnerung und der Ukrainekrieg
Neben Kanzler Olaf Scholz und den Verfasser:innen Offener Briefe scheinen auch breite Teile der Gesellschaft in Deutschland bei Waffenlieferungen in die Ukraine zu zögern. Ein Grund für dieses Zaudern ist die viel gelobte deutsche Erinnerungskultur.
Sylvia Sasse, Der „forensische“ Blick
Kurz nach Beginn des Krieges ist im russischen Fernsehen ein neues Genre entstanden: die Anti-Fake-Show. Allerdings wird hier Desinformation nicht entlarvt, sondern hergestellt.
Annette Vowinckel, Nicht vom Ende her denken? Die „Zeitenwende“ und die Geschichtswissenschaft
Der Krieg Russlands gegen die Ukraine konfrontiert die Geschichtswissenschaften damit, dass kein friedvolles ‚Ende der Geschichte‘ in Sicht ist. Wie lässt sich Geschichte verstehen, ohne von ihrer Gegenwart auszugehen?
Olena Strelnyk, „Männer als Beschützer, Frauen als Beschützte“ – Der Krieg als Herausforderung für den ukrainischen Feminismus
Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine stellt auch Geschlechtsverhältnisse auf die Probe. Werden Geschlechterrollen aufgebrochen, weil viele Frauen und Queere als Soldat:innen an die Front gehen – oder überwiegen nach wie vor traditionelle Frauenbilder und die Vorurteile gegenüber LGBTQ+-Menschen?
Amelia Glaser, Was uns ukrainische Lyriker*innen über Krieg und Sprache lehren
Wie lässt sich die Geschichte einer multiethnischen, schon von unzähligen vergangenen Grausamkeiten gezeichneten Nation erzählen – und wie lassen sich die Schrecken des jüngsten Krieges in Worte fassen? Zeitgenössische ukrainische Lyriker:innen glauben, dass ihre Sprache dafür das richtige Gefäß ist.
Boris Belge, Odessa und das Getreide
Die Handelsstadt Odessa ist eines der strategischen Ziele von Russlands Angriffskrieg. Schon ihre Geschichte ist voller Spannungen und gesellschaftspolitischer Konflikte.
Agnieszka Graff, Elżbieta Korolczuk, Kultureller Krieg und tatsächlicher Krieg. Russlands Feldzug gegen „Gender“ und den „dekadenten Westen“
Putins rhetorische Spitzen gegen queere Menschen, „Gender“ und Feminismus werden meist als politischer Nebenschauplatz abgetan. Doch dieser ‚Kulturkampf‘ gegen den Westen gehört zu einer Rhetorik, die nationale Identität mit patriarchaler Ordnung verbindet und für den russischen Angriffskrieg die Begründung liefert.
Dunja Melčić, Unheilvolle Parallelen. Ideologisch-nationalistische Rhetorik in Russland und Serbien
Eine Ethnisierung des Diskurses, aus der Luft gegriffene Genozidvorwürfe, wechselnde Leugnungen und Rechtfertigungen für die eigenen Kriegsverbrechen: All das ist nicht neu. Dunja Melčić analysiert die Parallelen zwischen russischem und serbischem Kriegsdiskurs in den 1990er Jahren und heute.
Imke Hansen, Felix Ackermann, Mit Hauskatzen den „Orks“ standhalten. Ein Gespräch über die Hilfe für Überlebende in der Ukraine
Der russische Angriffskrieg und jüngst die Raketenangriffe gegen städtische Zentren bedrohen Hunderttausende in der Ukraine. Wie kann man den Menschen helfen, die auf der Flucht im Nirgendwo leben und von den Kriegsgeschehnissen traumatisiert sind?
Georgiy Kasianov, Von Geschichte besessen. Putins (selbst)zerstörerische Geschichtspolitik im Krieg gegen die Ukraine
Im Geschichtsbild Putins und eines großen Teils der russischen Bevölkerung ist kein Platz für die Ukraine als eigenständige kulturelle und politische Größe – und damit auch nicht in der Gegenwart. Dieses katastrophale Geschichtsbild ist älter als der aktuelle Krieg.
Constantin M. März, Comeback der Bombe? Nukleare Drohungen im Kalten Krieg und in der Gegenwart
Putins Atomdrohung löste im Westen ganz unterschiedliche Reaktionen aus: Angst, Kopfschütteln und neue Bekenntnisse zum „nuklearen Tabu“. Ein Blick in die Geschichte der Atomdrohungen seit 1953 zeigt, wie die aktuelle Situation einzuschätzen ist.
2023
Anne Krier, Den Krieg aus der Nahsicht filmen: Combat Footage als dokumentarisches Genre im Ukraine-Krieg
Der Krieg in der Ukraine ist nicht nur geografisch nah, sondern durch die Fülle an Filmaufnahmen direkt aus dem Kriegsgeschehen auch visuell. Welche Wirkungsweisen entfaltet diese neue technische Reproduzierbarkeit von Kriegsbildern?
Sylvia Sasse, #Westsplaining und #Eastsplaining
Seit Beginn des Angriffskrieges gegen die Ukraine kursieren Begriffe wie Westsplaining, Eastsplaining und Russplaining. Sie kritisieren imperiale Sprechgesten beider Himmelsrichtungen und deren gegenseitige Aneignung. Doch welcher Westen und welcher Osten sind gemeint?
Vadim Zakharov, Die russische Kultur muss lernen zu schweigen
Über russische Kultur reden, während Russland Krieg gegen die Ukraine führt? Vadim Zakharov über zwei unterschiedliche Arten des Schweigens und über die Aktualität der Erfahrungen aus dem sowjetischen Underground.
Sarah Katharina Stein, Wagner ist keine Söldnertruppe – und das ist nicht so gut, wie es auf den ersten Blick scheint
Nach dem Putsch gegen Putin ist die Wagner-Gruppe in aller Munde als brutale Söldner-Truppe. Dabei sind sie gar keine Söldner, sondern PMCs. Doch was wissen wir überhaupt über den internationalen Einsatz privatisierter Gewalt und die gescheiterten rechtlichen Versuche, diese einzudämmen?
Robert Kindler, Zeit der Wirren. Der Wagner-Aufstand in historischen Analogien
Wiederholt sich Geschichte? Genauer gefragt: Lässt sich der Wagner-Putsch in die Kontinuität russischer Geschichtsschreibung einreihen? Derartige Analogien erweisen sich bei genauerem Hinsehen als historisch ungenau und politisch nicht ganz ungefährlich.
Matthäus Wehowski, „Natürlicher“ oder „künstlicher“ Staat? Nation und Imperium im russischen Staatsdenken
Russlands Großinvasion im Februar 2022 hat einen langen Vorlauf, der tief in der russischen Geschichte wurzelt. Der Kreml beruft sich bis heute auf eine historische Vorstellung von Staatlichkeit, die eine echte Souveränität der Ukraine und von Belarus ausschließt.
Olena Strelnyk, Mariya Shcherbyna, Wissenschaft, Gender und erzwungene Migration: Ein auto-ethnografischer Blick zweier ukrainischer Wissenschaftlerinnen
Erzwungene Migration betrifft weltweit eine ganze Reihe von Akademiker:innen und ihre Forschung. Die Soziologin Olena Strelnyk und die Kulturwissenschaftlerin Mariya Shcherbyna richten ihren Blick auf die eigene Vertreibung aus der Ukraine, die der russische Angriffskrieg verursacht.
2024
Alya Aglan, Lachen im Krieg. Humor als Waffe des Widerstands
Humor stellt Gesellschaft her und macht Hoffnung auf eine andere Zukunft. Leidet eine Bevölkerung unter einer Besatzung, dann gehören frecher Humor und subtiler Sprachwitz zu den Waffen der Unterdrückten, sei es in der Ukraine heute oder im besetzten Frankreich im Zweiten Weltkrieg.
Claus Leggewie, Wer will nicht zu den Soldaten? Russische und ukrainische Deserteure – vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte
Deserteure gehören zum Krieg, seit es Soldaten gibt. Doch welche Fahnenflucht als feige und welche als heroisch gilt, hängt stets von der Parteinahme in einem Konflikt ab.
Hanna Perekhoda, Imperiale Blindheit und russische Identität
Putins Behauptung, die Idee einer eigenständigen nationalen Identität der Ukraine sei nichts als eine Verschwörung der westlichen Feinde Russlands, lässt tief blicken. Denn sie ist untrennbar mit der Entstehung des Russischen Reiches, seiner Geographie und der Art seiner kolonialen Herrschaft über andere Nationen verbunden.
Oder in Buchform, mit Artikeln zwischen 2016 und 2022: