Der Rücktritt von Kathleen Stock wird derzeit hitzig diskutiert. Nach Protesten gegen ihre transfeindlichen Äußerungen hat sie ihre Professur niedergelegt. Entgegen aller Cancel Culture-Rufe geht es weniger um Meinungsfreiheit als um Menschenrechte. Denn die biologistische Rhetorik führt in gefährliche Fahrwasser.

  • Jule Govrin

    Jule Govrin ist Philosophin und politische Autorin. Sie forscht an der Schnittstelle von Sozialphilosophie, Politischer Theorie, Feministischer Philosophie und Ästhetik. Zuletzt hatte sie eine Gastprofessur am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin und ist im Wintersemester 2024/25 Gastprofessorin am Institut für Philosophie an der Universität Hildesheim. Zu Ihren Büchern zählen u.a. Politische Körper. Von Sorge und Solidarität (Matthes & Seitz 2022), Begehrenswert. Erotisches Kapital und Authentizität als Ware (Matthes & Seitz 2023) und Universalismus von unten. Eine Theorie radikaler Gleichheit (Suhrkamp 2024).

Die Philo­so­phin Kath­leen Stock hat in vergan­genen Jahren beständig behauptet, Menschen, die trans sind, würden nicht exis­tieren, da nur biolo­gi­sches Geschlecht ‚real‘ sei. Ihre Einlas­sungen, die sich vorrangig auf Twitter abspielten, sind mehr akti­vis­ti­scher denn wissen­schaft­li­cher Natur. Stock agiert als Treu­hän­derin der LGB Alli­ance, die sich dafür einsetzt, die Rechte von trans Menschen einzu­schränken. Daraufhin folgten Proteste vonseiten Studie­render der Univer­sity of Sussex. Anschei­nend eska­lierte diese Ausein­an­der­set­zung, als die Protes­tie­renden den Campus plaka­tierten, woraufhin sich Stock nicht mehr sicher fühlte. Ihr Fall ist aufschluss­reich, weil die Rahmung des Konflikts als Frage der Meinungs­frei­heit verdeckt, dass die Rhetorik des biolo­gi­schen Geschlechts, wie sie Stock betreibt, einer reak­tio­nären Schlag­rich­tung folgt.

Zunächst zur Frage der Bedro­hungs­lage: Stocks Rück­tritt geht eine verhär­tete Ausein­an­der­set­zung voraus – zwischen ihr und Studie­renden, Kolleg:innen, der Gewerk­schaft, der Univer­si­täts­lei­tung –, die es erschwert, die Gemenge­lage zu beur­teilen. Wenn Stock bedroht wurde, ist dies nicht hinnehmbar. Das gilt aller­dings für beide Seiten, wie die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lerin Andrea Geier betont. Wieso stoßen Stocks Äuße­rungen, dass Geschlecht biolo­gisch fest­ge­legt sei, auf derar­tigen Wider­stand? Hierzu schreibt Peter Weis­sen­burger in der taz: „Warum wird eine Philo­so­phin für das, was sie über Geschlecht sagt, bedroht? Die Antwort ist: Weil sie für viele selbst eine Bedro­hung darstellt. Das recht­fer­tigt nichts. Aber es kann helfen zu verstehen.“ Denn Stock äußert nicht einfach eine Meinung, auf die Studie­rende über­emp­find­lich reagieren. Sie setzt sich aktiv dafür ein, dass die Rechte von Menschen, die nicht geschlech­ter­kon­form leben, einge­schränkt werden. Und sie stellt die Exis­tenz dieser Menschen in Frage, bezeichnet sie als reine Fantasie und scheut nicht davor zurück, Studie­rende, die ihr wider­spre­chen, auf Twitter hart anzu­gehen. Studie­rende die trans oder non-binär sind, berichten, dass sie sich durch Stocks Akti­vismus unsi­cher fühlten, da die Feind­se­lig­keit gegen sie deut­lich zunahm.

Man muss sich, wie die Sozio­login Paula Villa betont, die

Geschichte verge­gen­wär­tigen: der Gewalt, der Miss­ach­tung, des Leidens, der Beschä­mung, der Verstüm­me­lung von Menschen, die als Trans­men­schen immer schon gelebt haben – in der Geschichte und auch jetzt. Wenn diese nun mehr Rechte und Aner­ken­nung fordern, wenn sie auf ihre Wirk­lich­keit hinweisen […], dann wird viel­leicht auch verständ­lich, vor welch leid­vollem histo­ri­schem Hinter­grund das geschieht.

Durch ihre Einlas­sungen hat Stock ihre Studie­renden expo­niert. Sie entgegnet: Diese würden behaupten, dass allein ihr Buch sie gefährde, doch das, so Stock, entspreche nicht der Wirk­lich­keit. Stock meint, eine klare Vorstel­lung von Wirk­lich­keit zu haben. Dabei blendet ihre Darstel­lung aus, dass in Groß­bri­tan­nien 41 % der Menschen, die trans sind, Gewalt erfahren mussten. Diese Gewalt wird durch trans­feind­liche Rhetorik verstärkt. Dazu gehört auch, dass Stock Trans­ge­schlecht­lich­keit als Fanta­sie­ge­bilde verzerrt und im Schul­ter­schluss zur LGB Alli­ance steht, die  Trans­ge­schlecht­lich­keit mit Pädo­philie und Bestia­lität asso­zi­iert.

Man kann demnach von einer beid­sei­tigen Bedro­hungs­lage ausgehen. Die Studie­renden hatten jedes Recht, gegen Stocks poli­ti­sche Polemik zu protes­tieren. Dies sollte aller­dings eine Dozentin nicht derart bedrängen, dass sie sich an ihrem Arbeits­platz nicht sicher fühlt. Ebenso unzu­lässig ist es, wenn sich Studie­rende in der Univer­sität nicht sicher fühlen, weil ihre Exis­tenz, ihr Geschlecht, ihr Körper von einer Dozentin infrage gestellt werden. Univer­si­täten müssen Umgangs­formen finden, die es allen Betei­ligten ermög­li­chen, sich in akade­mi­schen Räumen zu bewegen.

Eine Frage der Meinungsfreiheit?

Wie verhält es sich nun mit der Meinungs­frei­heit? In den Feuil­le­tons wird der Konflikt als Frage der Meinungs- und Forschungs­frei­heit hoch­ge­spielt. Dabei konnte Stock ihre Forschung frei betreiben und laut­stark ihre Meinung vertreten – in Semi­naren, Blog-Einträgen und tausenden Tweets. Im Gespräch mit ihrer Gleich­ge­sinnten Julie Bindel auf Unherd freut sie sich, dass ihr der Rück­tritt eine größere Platt­form verschaffe. Ange­sichts all dessen ist es absurd, von bedrohter Meinungs­frei­heit zu spre­chen. Zudem wäre es leicht­fertig, die Ausein­an­der­set­zung auf einen Konflikt zwischen zwei femi­nis­ti­schen Posi­tionen zu verkürzen oder als Beleg für eine ‚Cancel Culture‘ anzu­führen. Sie lässt sich weder auf Fragen der Meinungs­frei­heit noch auf ein Minder­hei­ten­pro­blem begrenzen, dafür birgt die biolo­gis­ti­sche Sicht­weise, wie sie Stock vertritt, zu weit­rei­chende poli­ti­sche Risiken.

Stock gilt als Vorden­kerin der soge­nannten ‚gender-critical femi­nists‘, sie hat deren Selbst­be­zeich­nung als ‚gender-kritisch‘ geprägt. Gender, so der Kern­ge­halt, gebe es nicht, denn Geschlecht sei durch Biologie bestimmt. Stock ist nicht die allei­nige Prot­ago­nistin, zuletzt machte die Schrift­stel­lerin Joanne K. Rowling mit trans­feind­li­chen Äuße­rungen auf sich aufmerksam. Um die Schlag­kraft des Konflikts, den sie in den Vorder­grund spielen, zu verstehen, muss man den breiten Diskurs­zu­sam­men­hang betrachten, in dem Biologie zum Einsatz gebracht wird. Man kann schwer­lich argu­men­ta­tive Stränge heraus­ar­beiten, da die Äuße­rungen der ‚Genderkritiker:innen‘ wenig Strin­genz zeigen. Selbst die akade­mi­schen Vertreter:innen unter ihnen vermeiden tiefer­ge­hende Ausein­an­der­set­zungen mit dem Forschungs­stand, der sich über die Diszi­plin­grenzen hinweg in den letzten Jahr­zehnten etabliert hat.

Um beim Beispiel von Stock zu bleiben: Bis vor drei Jahren hat sie nie zum Thema Geschlecht geforscht, ihre Anmer­kungen bestehen haupt­säch­lich aus Tweets und Blog-Einträgen. Ihr Buch Mate­rial Girls. Why Reality Matters for Femi­nists (2021) widmet sich dem Thema zwar ausführ­li­cher, ist aller­dings popu­lär­wis­sen­schaft­lich ange­legt. Anstelle von klar kontu­rierten Argu­menten findet man zwei Schlüs­sel­mo­tive, mit denen trans­feind­liche Rhetorik arbeitet: Bedro­hungs­sze­na­rien und biolo­gis­ti­sche Menschenbilder.

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Angst­bilder und Verschwörungserzählungen

Ein Szenario, das von den ‚gender-critical femi­nists‘ stetig in die Twitter-Time­lines gespült wird, zeichnet Frauen, die trans sind, als Eindring­linge, die sich in Schutz­räume einschlei­chen würden, um sich gewalt­tätig gegen Frauen und Kinder auszu­agieren. Das klingt nicht allein abstrus, diese Behaup­tung ist vor allem nicht belegbar. Statt­dessen wird beständig ein- und derselbe Einzel­fall einer Person zitiert, die trotz Vorge­schichte als Sexu­al­straf­täter fälsch­li­cher­weise ins Frau­en­ge­fängnis über­stellt wurde. Wenn man dagegen auf die gelebte Praxis von Schutz­räumen schaut, zeigen sich hier keinerlei Hinweise auf Gewalt­aus­brüche, wie sie die ‚gender-critical femi­nists‘ beschwören. Zudem über­sehen sie geflis­sent­lich, dass auch Frauen, die trans sind, als Frauen diskri­mi­niert werden, dass sie Gewalt erfahren und diese Schutz­räume bitter benö­tigen wie auch andere Frauen.

Trans­feind­liche Rhetorik arbeitet mit para­no­iden Angst­bil­dern – Bilder, die auch Rowlings jüngster Roman aufruft, sie schil­dert einen Psycho­pa­then, der sich femi­nine Klei­dung anzieht, um sich seinen Opfern, die er aus frau­en­feind­li­chen Affekten tötet, anzu­nä­hern – ein altbe­kanntes, trans­feind­li­ches Motiv der Film-und Lite­ra­tur­ge­schichte, das promi­nent in Hitch­cocks Psycho auftauchte, wie die poli­ti­sche Kommen­ta­torin Natalie Wynn poin­tiert darlegt. In solchen Narra­tiven werden Ressen­ti­ments geschürt. Wie die Schau­spie­lerin Laverne Cox in der Doku­men­ta­tion Disclo­sure erläu­tert, wird trans Menschen seit jeher vorge­worfen, sich zu verkleiden und falsch auszu­geben, um andere zu täuschen. Daher bauen Behaup­tungen, dass sich Frauen, die trans sind, in Schutz­räume ‚einschlei­chen‘, auf veral­teten Vorur­teilen auf – Vorur­teile, die schnell in hand­feste Gewalt umschlagen.

Mithin birgt die Rhetorik des Versteck­spiels verschwö­rungs­theo­re­ti­sche Züge, die bislang in konser­va­tiven Lagern anklangen. Vor nicht allzu langer Zeit warnte der Vatikan vor einer vermeint­li­chen ‚Gay-Lobby‘, die sich heim­lich daran mache, die tradi­tio­nelle, sprich patri­ar­chale Familie zu zerstören, wobei Menschen, die trans sind, als quasi-satanische Sünden­bock­fi­guren herhalten müssen. Mit ähnli­chem Einschlag wird inzwi­schen auf Unherd gegen eine angeb­liche „Trans-Lobby‘ mobi­li­siert: Beispiels­weise schreibt Julie Bindel, die ‚Trans-Lobby‘, die sie auch ‚trans-Taliban‘ nennt, erwarte „blinde Loya­lität und totalen Gehorsam“ und lenke heim­lich die Polizei und den National Health Service. Zum einen wird hier deut­lich, in welcher abstruser Weise solche Behaup­tungen den Einfluss von Transaktivist:innen über­schätzen, zum anderen zeigt sich, wie das ‚gender-kritische‘ ebenso wie das katho­li­sche Lager mit Bedro­hungs­bil­dern und Verschwö­rungs­nar­ra­tiven arbeiten.

Nun haben die katho­li­sche Kirche und Personen, die sich als femi­nis­tisch verstehen, wenig mitein­ander gemein, ja, in vieler Hinsicht sind ihre Welt­an­schau­ungen unver­einbar. Dennoch über­kreuzen sich ihre rheto­ri­schen Muster in der Bezug­nahme auf biolo­gis­ti­sche Geschlech­ter­mo­delle – dem zweiten Schlüs­sel­motiv der selbst­er­nannten ‚gender­kri­ti­schen Feminist:innen‘.

Fremd­be­stimmte Körper

Das Schlüs­sel­motiv lautet, dass zwei und nur zwei ‚natur­ge­ge­bene‘ Geschlechter exis­tieren würden. Diese Annahme vertreten neben den ‚gender-critical femi­nists‘ auch Anhänger:innen von katho­li­schen und evan­ge­li­kalen, konser­va­tiven bis offen rechts­extremen Strö­mungen, die gegen eine angeb­liche ‚Gender-Ideologie‘ agitieren. Voll­mundig beruft man sich auf die Biologie. Schaut man jedoch genauer hin, wird unter dem Deck­mantel der Wissen­schaft­lich­keit ein veral­tetes Alltags­ver­ständnis von Geschlecht in Anschlag gebracht.

Das wird auch in Stocks Texten deut­lich: In ihrem Buch kommt sie zwar darauf zu spre­chen, dass es Menschen gibt, deren Chro­mo­so­men­satz unein­deutig ist, doch davon lässt sie sich nicht irri­tieren und sortiert sie kurzer­hand in die Kate­go­rien ‚männ­lich‘ oder ‚weib­lich‘ ein. Wissen­schaft­lich ist das unred­lich, poli­tisch macht das Menschen, die inter­ge­schlecht­lich sind, unsichtbar. Auch hier wird eine Gewalt­ge­schichte kaschiert, nämlich die Praxis der Zwangs­ope­ra­tionen an Klein­kin­dern, um sie in die binäre Norm einzupassen.

Anstatt sich mit aktu­ellen Erkennt­nissen der Biologie und verwandten Wissen­schaften wie der Medizin oder Sexu­al­wis­sen­schaft ausein­an­der­zu­setzen, beharrt Stock auf zwei natur­ge­ge­benen, getrennten Geschlech­tern. Dabei geht man über die Diszi­plin­grenzen hinweg davon aus, dass sich Geschlecht weit komplexer zusam­men­setzt, und zwar aus sozialem, biolo­gi­schem und gefühltem Geschlecht. In der Biologie wird Geschlecht als Spek­trum verstanden, in dem es keine kate­go­ri­schen Tren­nungen, sondern Über­gänge gibt. Die Natur ist viel­fäl­tiger als es manchen recht ist.

Gerade weil sich Geschlecht facet­ten­reich zusam­men­setzt und anhand von externen Faktoren wie Chro­mo­somen oder Hormonen nicht eindeutig bestimmbar ist, bleibt die Selbst­be­stim­mung das schlüs­sigste Krite­rium – nicht die Fremd­be­stim­mung. Darauf wies beispiels­weise 2017 das Urteil des Bundes­ver­fas­sungs­ge­richts hin, welches die Möglich­keit eines dritten Geschlechts­ein­trags forderte. Ange­sichts dieser Erkennt­nisse– in der Biologie und in verwandten Fächern, aber auch in entfern­teren Fächern wie der Rechts­wis­sen­schaft – ist die Annahme von zwei getrennten Geschlech­tern unhaltbar. Sie enttarnt sich als poli­ti­sche Polemik, die jedweder wissen­schaft­li­chen Grund­lage entbehrt. Das ist nicht nur in wissens­ethi­scher Hinsicht frag­würdig, es trans­por­tiert ein Menschen­bild, das Menschen auf ihre vermeint­liche ‚Natur‘ redu­ziert und in zwei Gruppen einteilt: schüt­zens­werte Frauen und aggres­sive Männer.

Unhei­lige Allianzen

Ob gewollt oder unge­wollt, das Beharren der selbst­er­nannten ‚gender-kritischen Feminist:innen‘ auf einer ‚Wahr­heit der Natur‘ führt zu uner­war­teten Alli­anzen. Auch ein Viktor Orban spricht von ‚biolo­gi­schem Geschlecht‘, so wurde 2020 in Ungarn ein Gesetz verab­schiedet, das Geschlecht als biolo­gisch unum­stöß­liche Tatsache fest­schreibt, wodurch Menschen, die trans- oder inter­ge­schlecht­lich sind, recht­li­cher Schutz und medi­zi­ni­sche Versor­gung entzogen wird. Sie werden zu Verwor­fenen gemacht, die offen Hass und Hetze ausge­setzt sind, ähnlich wie in den selbst­er­klärten ‚LGBT-freien Zonen‘ in Polen.

Judith Butler hat jüngst im Guar­dian geäu­ßert, dass man jene Stimmen und Strö­mungen, die auf biolo­gi­schem Geschlecht beharren und gegen eine angeb­liche ‚Gender-Ideologie‘ predigen, nicht nur reak­tionär, sondern faschis­tisch seien. Das wirkt wie ein hartes Urteil. Konser­vativ oder reak­tionär, viel­leicht. Aber gleich faschis­tisch? Wenn man aller­dings in die Geschichte schaut, gerade in die deut­sche Geschichte, sieht man, dass ‚Biologie‘ als Einsatz­punkt für Politik auto­ri­täre Schlag­kraft entfaltet, die oftmals in den Faschismus führte. Denn faschis­ti­sches Denken baut auf natu­ra­li­sierten Diffe­renzen auf, durch die man eine Gesell­schafts­ord­nung der Ungleich­heit begründet. Man zieht die Natur als höhere Ordnung heran, um über die Körper von Menschen zu verfügen.

Nun ist wenig verwun­der­lich, wenn sich reak­tio­näre und rechts­extreme Kräfte auf eine ‚natür­liche‘ Ordnung der Geschlechter berufen, um ihre anti­fe­mi­nis­ti­sche Agenda zu stärken. Umso erstaun­li­cher ist es, wenn dies von Stimmen kommt, die sich als femi­nis­tisch bezeichnen. Sicher­lich sind die Moti­va­tionen von Stock und ihrem Umfeld anders gela­gert als von einem Orban oder Papst. Dennoch sind die rheto­ri­schen Schlüs­sel­mo­tive, welche die Strö­mungen mitein­ander teilen, untrennbar. Zumal Recher­chen aufzeigen, dass es zwischen der LGB Alli­ance sowie ähnli­chen Gruppen und Orga­ni­sa­tionen der reli­giösen Rechten Verbin­dungen und Vernet­zungen gibt.

Man kann deren Bemü­hungen, die errun­gene Gleich­be­rech­ti­gung rück­gängig zu machen, als Abwehr­kämpfe verstehen, die sich ange­sichts der enormen Erfolge von femi­nis­ti­schen Bewe­gungen auftun. Doch während reli­giöse Rechte ihrer altbe­kannten, anti­fe­mi­nis­ti­schen Tradi­tion folgen, manö­vrieren sich die selbst­er­nannten ‚gender-kritischen Feminist:innen‘ in Selbst­wi­der­sprüche. Denn Vertreter:innen wie Stock, die sich als Femi­nistin versteht und offen lesbisch lebt, verwenden just jene biolo­gis­ti­sche Rhetorik, die in der Vergan­gen­heit gegen sie gewendet wurde. Geschicht­lich gesehen hat der rheto­ri­sche Einsatz von ‚Biologie‘ Frauen und Lesben beständig geschadet, die ‚Natur‘ musste herhalten, um Frauen als passiv, schwach und unter­legen abzutun, um Lesben als krank und gestört zu stig­ma­ti­sieren. Nun wird sie erneut heran­ge­zogen, um eine der größten Errun­gen­schaften des Femi­nismus in Frage zu stellen: körper­liche und geschlecht­liche Selbstbestimmung.

Menschen vorzu­schreiben, in welchem Geschlecht sie zu leben haben, bedeutet, über ihren Körper zu verfügen, ihnen vorzu­schreiben, wie sie sich darin zu fühlen haben, wie sie sich zu bewegen, wie sie sich zu kleiden haben. Deshalb ist die derzei­tige Diskus­sion kein Randgruppen- oder Minder­hei­ten­pro­blem, sondern rührt an den Menschen­rechten. Sie führt uns gera­de­wegs zur Frage, in welcher Gesell­schaft wir leben wollen. Schließ­lich ist Selbst­be­stim­mung eine Sache der Gleich­heit und Gleich­be­rech­ti­gung, sie geht uns alle an, bis in unsere Körper hinein.