Nicht nur „Hass und Hetze“, auch Lifestyle, Musik und Mode können polarisieren. Zur Politisierung des popkulturellen Stilverbunds der Swifties als Fall problematischer Popularität

  • Niels Werber (*1965) ist seit 2009 Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Siegen und war von 2016 bis 2021 Dekan der Philosophischen Fakultät sowie Prodekan für Forschung. Seit 2024 ist er Hochschulrat der Universität Siegen. Seit 2021 ist Niels Werber Sprecher des SFB 1472 "Transformationen des Populären“, er war Fellow des HKFZ der Uni Trier sowie des Exzellenzclusters „Kulturelle Grundlagen der Integration“ der Universität Konstanz. Aktuelle Arbeitsschwerpunkte: Das Populäre der Gesellschaft. Geopolitik der Literatur. Soziale Insekten. Selbstbeschreibung der Gesellschaft.

Billie Eilish hat es getan, Beyoncé nun endlich auch. Aber Taylor Swifts endor­se­ment für Harris vom 10. September 2024 sei entschei­dend gewesen. Das libe­rale Europa, das seit vielen Monaten besorgt dem Wieder­auf­stieg Donald Trumps vom vorbe­straften Krimi­nellen zum 47. Präsi­denten der Verei­nigten Staaten verfolgt, schien aufatmen zu können. Kamala Harris werde die Wahl, die am 5. November statt­findet, allen Bosheiten wie gerry­man­de­ring, fake news oder popu­lism der Trum­pisten zum Trotz gewonnen haben, denn, so hält es Dietmar Dath am 12. September 2024 fest: 

Die kriegs­ent­schei­dende Stimm­ab­gabe ist erfolgt. Taylor Swift erklärt sich für Harris.

Es wird also gut ausgehen. Prima! Aber wieso? Am 10. September 2024 hat der Popstar auf Insta­gram ein Foto veröf­fent­licht, das sie im Halb­profil zeigt, das lange blonde Haar offen, ein schlichter Ohrring; sie trägt ein schwarzes, lang­ärm­liges Ober­teil und auf dem Arm ihre Katze Benjamin Button, eine Ragdoll. Das harmlos wirkende Selbst­por­trät mit Katze, bekannt vom Cover des Time Maga­zine, das Swift 2023 zur „person of the year“ gekürt hat, nimmt nunmehr auf J.D. Vance Bezug, Trumps running mate, der demo­kra­ti­sche Poli­ti­ke­rinnen im Allge­meinen und Kamala Harris im Beson­deren als „child­less cat ladies“ abgetan hat. Swift zeichnet mit „child­less cat lady“, und der längere Text, der unge­wöhn­li­cher Weise diesen Post begleitet, macht die poli­ti­sche Botschaft des neu kontex­tua­li­sierten Bildes explizit: Taylor Swift nimmt kritisch zu den KI-generierten Fälschungen Stel­lung, die sie als Unter­stüt­zerin von Donald Trump zeigen, und macht dann erst­mals ihre Entschei­dung publik, bei der Wahl des 47. Präsi­denten der Verei­nigten Staaten ihre Stimme Kamala Harris und ihrem running mate Tim Waltz zu geben.

Screen­shot des Instagram-Profils von taylors­wift (instagram.com/p/C_wtAOKOW1z/)

Diese Wahl­emp­feh­lung nennt Dath „kriegs­ent­schei­dend“. Warum? Taylor Swifts Stimme sei die „derzeit meist­ge­hörte“, und mit ihrer Erklä­rung für Harris stehe der Ausgang der Kämpfe um die noto­ri­schen batt­le­grounds oder swing states fest: Ihr Endor­se­ment sei, so erklärt Dietmar Dath acht Wochen vor der Wahl, die „kriegs­ent­schei­dende Stimm­ab­gabe“ aus dem Grunde, dass sie nicht nur eine jener „Promi­nenten“ sei, deren „Wort“ den „Planeten wackeln“ lasse, sondern eine „Abgöttin“, deren „auto­ri­siertes Bild mit Katze“ die vielen Millionen Stimmen ihrer globalen Gemeinde in die rich­tige Rich­tung lenke. „Swifts klare Partei­nahme“ sei daher „kriegs­ent­schei­dend“, weil voraus­ge­setzt wird, dass ihre Stimme nicht nur von den aller­meisten gehört, sondern ihr auch gehorcht werde – eine zwei­fel­hafte wie verbrei­tete Unterstellung.

Eini­ger­maßen zutref­fend an dieser Einschät­zung ist die Popu­la­rität Taylor Swifts. Ihr folgen (laut Statista) auf Insta­gram 283,9 Millionen Nutze­rinnen und Nutzer der Platt­form, auf Spotify werden ihre Hits milli­ar­den­fach gestreamt, öfter als von jedem anderen Star. Swift erreicht Platz 14 des aktu­ellen globalen Rankings. Beyoncé liegt einige Dutzend Millionen Follower vor Swift, aber wer will da schon klein­lich sein, es stimmt, ihre Popu­la­rität ist enorm. Ihr Endor­se­ment-Post erhält inner­halb einer Woche 11 Millionen Likes, 1,1 Millionen kommen­tieren die Veröf­fent­li­chung. Das sind mehr als doppelt so viele Likes, als ihre jüngsten Tournee-Fotos durch­schnitt­lich erhalten haben (zwischen 4,5 und 5 Millionen), und viermal mehr Kommen­tare als ihre anderen Instagram-Beiträge sonst bekommen.

Unzu­tref­fend sind aller­dings die beiden impli­zierten Annahmen, dass erstens all die vielen Millionen, die der „derzeit meist­ge­hörten“ Stimme lauschen, diese auch alle mögen, so als folgten nur begeis­terte Fans ihrem Account, als seien all jene, die ihre Musik hören, durchweg angetan, als bedeute populär in jedem Fall auch beliebt; und dass zwei­tens all die vielen hundert Millionen Follower nicht nur empfäng­lich für Songs, Outfits, Life­style seien, sondern auch für partei­po­li­ti­sche Empfeh­lungen. Das Fandom von Swift bildet aber kein Gefolge, das tut, was ihm befohlen wird. Doch das immense öffent­liche Inter­esse an Swifts poli­ti­scher Stimme basiert nicht nur auf der globalen Bekannt­heit des Stars, die selbst Trump in den Schatten stellt, dessen Popu­la­rität eben­falls erheb­lich größer ist als seine Beliebt­heit, sondern vor allem auf der sehr zwei­fel­haften Hypo­these, ihre Social Media-Follower würden ihrer Führung auch in poli­ticis so brav folgen wie sonst in Modefragen: 

„Loyalty and commit­ment“ der Swif­ties gehe, so die strit­tige Annahme, über die Merk­male einer popkul­tu­rellen Stil­ge­mein­schaft hinaus und umfasse also nicht nur geteilte musi­ka­li­sche und modi­sche Präfe­renzen, sondern jene rück­halt­lose Begeis­te­rung, Hingabe, Vereh­rung, die in poli­ti­schen Kontexten der „charis­ma­ti­schen Führung“ zuge­rechnet werden könnte. Wenn die Swif­ties nun nicht nur Brace­lets basteln und Katzen­fotos posten, sondern Harris/Waltz wählen statt Trump/Vance, dann würde aus der popkul­tu­rellen Stil­ge­mein­schaft ein Wahl­verein. In der Fan-Forschung, so bei Simone Driessen, wird vermutet: „beco­ming involved in a fandom might resemble beco­ming a member of a poli­tical party“.

Diese Mutma­ßung leuchtet nicht für jedes Fandom glei­cher­maßen ein. Es gibt keine Eili­shists oder Beyon­cists, und dies mag in der veröf­fent­lichten Meinung dazu beitragen, gerade im Falle Swifts davon auszu­gehen, sie übe auf ihre 283 Millionen Follower beson­deren Einfluss aus, so als bildeten die Swif­ties eine von ihr geführte Gefolg­schaft. In den Cele­brity Studies heißt es (bei Paul Théberge) tatsäch­lich, „Swift signaled that she knows her cele­brity, and in parti­cular, the atten­dant devo­tion of her fans, is a form of ‚power‛“. Swift gilt, wie Simone Driessen (1060) es formu­liert, als „cele­brity who is fighting for a parti­cular inte­rest or certain poli­tical outcome, while holding a certain poli­tical influence over an audi­ence“. Diese Einschät­zung wird weithin geteilt, zumal der Wiki­pedia-Artikel Swif­ties alle einschlä­gigen Zuschrei­bungen zitier­fähig versam­melt. In der FAZ ist am 11. September 2024 zu lesen:

Die 34 Jahre alte Ameri­ka­nerin ist derzeit der erfolg­reichste und einfluss­reichste Popstar der Welt. Allein auf Insta­gram folgen ihr 283 Millionen Menschen. Ihr werden ein hohes Mobi­li­sie­rungs­po­ten­tial und Einfluss auf ihre Fans, zu denen insbe­son­dere jüngere, weiße Frauen zählen, zuge­schrieben. Zu den soge­nannten Swif­ties hat die Sängerin seit Beginn ihrer Karriere vor 18 Jahren eine enge Verbin­dung aufge­baut, sie gelten als sehr loyal.

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Loya­lität bedeutet, Präfe­renzen anderer auch gegen persön­liche Über­zeu­gungen für eigene Entschei­dungen zu über­nehmen. Im Zweifel für Swift, lautet die Devise bei der Auswahl von Ketten, Frisuren, Songs, Mottos, Farben, Haus­tieren, Schuhen etc. – aber bei der Wahl von Parteien? Unter­stellt wird, die Mittei­lung ihrer eigenen Wahl­ent­schei­dung zeitige entspre­chende Folgen in ihrer „loyalen“ Gefolg­schaft. Millionen Fans regis­trieren sich, schminken sich, schnappen sich ihre Brace­lets und Katzen, gehen zur Urne und gewinnen für Harris die Wahl!

In der NZZ wird das gleiche Lied schon am 4. Juli 2024 – am Inde­pen­dence Day – gespielt, aber ein reli­giöses Register gezogen: „Taylor Swift ist nicht nur eine Sängerin, sie ist die Anfüh­rerin einer Reli­gion. Ihre Anhän­ge­rinnen sind ihr treu ergeben. [Konzerte sind ihr] Gottes­dienst.“ Swifts „Fange­meinde“ bete die Sängerin als „Göttin“ an. Die NZZ fragt: „Warum sind die Swif­ties so devot?“ Die BBC spricht von einer „army of Swif­ties“, die auf der Seite von Kamala Harris in den Wahl­kampf ziehe. Das Musik­ma­gazin Insounder behauptet: „Taylor Swift is a pheno­menon in her own universe, where she rules an utterly devoted army of dedi­cated fans as their goddess.“

Dietmar Daths Behaup­tung, die „kriegs­ent­schei­dende Stimm­ab­gabe“ sei erfolgt, ist vor dem Hinter­grund dieser popu­lären wie hoch­spe­ku­la­tiven Annahmen nur allzu verständ­lich: Die Millionen-Armee folge ihrer Göttin hinge­bungs­voll („utterly devoted“) in den Wahl­kampf und gewinne den Krieg für Kamala Harris (18,7 Millionen Follower auf Insta­gram), die in der Bericht­erstat­tung hinter dem Welt­star zu verschwinden scheint. 

Asym­me­tri­sche Auf- und Abwertungen

Die viel­fach geteilte Einschät­zung, Swifts Post zeitige poli­ti­sche Folgen für den Wahl­kampf, wird häufig von der Bewer­tung begleitet, diese Konse­quenzen seien hoch­er­freu­lich. Dass viele ihrer Follower dem Endor­se­ment für Harris folgen mögen, wird nicht nur erwartet, sondern erhofft. Es scheint allge­mein erwünscht zu sein, dass die Hingabe der Swif­ties zu ihrer Göttin so intensiv sei, dass sie ihrem poli­ti­schen Gebot Folge leisten. Umge­kehrt findet sich kaum ein Hinweis darauf, dass ein solches Verhältnis zwischen „Abgöttin“ und „Armee“ demo­kra­tie­theo­re­tisch als heikel gelten müsste; wer würde sich noch über die Loya­lität eines Fandoms freuen, wenn es zur Wahl Trumps aufrufen würde? Was würde Dietmar Dath über ein Endor­se­ment Till Linde­manns (für wen auch immer) schreiben?

Dass mit diesem Einwand niemand zu rechnen scheint, weil tout le monde Trump und den Trum­pismus entschieden ablehne, wird auch an der offenbar zustim­mungs­fä­higen impli­ziten Abwer­tung all jener Personen ersicht­lich, die von der poli­ti­schen Selbst­po­si­tio­nie­rung der „welt­be­rühm­teste Sängerin aller Zeiten“ nichts halten. Für Dietmar Dath zählen jene Personen zu denje­nigen, die von „unreifen Kasper­köpfen“ und „laut­starken Dummen­fän­gern“ mobi­li­siert werden: Sie bewun­dern die „Männer mit […] Ressen­ti­ments“. Wer der geliebten „Abgöttin“ nicht folge, könne ja nur voll­kommen hinter­wäld­le­risch und verblödet sein, sonst ginge man „Dummen­fän­gern“ wie J.D. Vance nicht auf den Leim. Zu diesen einge­fan­genen Dummen zählen aller­dings Millionen.

Es mag allzu sehr nahe­liegen, Dietmar Dath einfach zuzu­stimmen. Was der Beob­ach­tung dann aber entgeht, ist eine poli­tisch heikle Dynamik, die sich dann entfaltet, wenn etwas von vielen beachtet wird, was keine Beach­tung finden soll, nämlich Trump, dessen über­zeugte Anhän­ger­schaft ja unleugbar viele Millionen US-Bürger:innen umfasst. Trumps unstrit­tige Popu­la­rität wird in der Perspek­tive jener, die in ihm einen Clown, Kasper, con man oder Nazi sieht, aber gerade nicht zum Ausweis der Beacht­lich­keit seiner Posi­tionen, im Gegen­teil. Obwohl in libe­ralen Demo­kra­tien Wahl­er­geb­nisse und Zustim­mungs­werte einer popu­lären poli­ti­schen Posi­tion auch Legi­ti­ma­tion verschaffen, wird viel­fach behauptet, die vielen, die Trump wählen wollen, seien als Staatsbürger:innen gar nicht ernst zu nehmen, denn sie seien dumm und folgten „ranzigen Ressen­ti­ments“. Dath bezeichnet die Stars, die ihren „Kultur-Cachet Stempel auf Trump-Wahlempfehlungsbotschaften zu drücken bereit sind“, als ange­jahrt und verschroben. Wer mag schon Empfeh­lungen von Kid Rock oder Hulk Hogan folgen? Doch wohl nur jener white trash, der vom Chief Hill­billy Vance gut abge­holt wird. In diesen Abwer­tungen findet das Trump-Lager eine weitere Bestä­ti­gung dafür, dass das Bündnis aus Kulture­liten und Estab­lish­ment die einfa­chen Leute nicht zur Sprache kommen lässt und buch­stäb­lich für dumm verkaufen will.

Legi­ti­ma­ti­ons­pro­bleme der Popularisierung 

Das Trump-Camp hat scharf auf Swifts Endor­se­ment reagiert. Eine Viel­zahl von Kommen­taren lehnen ihre Wahl­emp­feh­lung für Harris entschieden ab und greifen ihre poli­ti­sche Posi­tio­nie­rung an. Sie solle singen, im Wahl­kampf aber schweigen. Sie solle daran denken, dass auch repu­bli­ka­ni­sche Wähler ihre Platten kaufen – und daher im Wahl­kampf besser schweigen. Sie sei als Milli­ar­därin mit Privatjet von den poli­ti­schen Problemen der Bevöl­ke­rung allzu weit entfernt – und solle daher am besten schweigen. Und so weiter. Diese Posi­tionen sind alle­samt populär, lassen aber zugleich Swifts State­ment weiter und über ihr Fandom hinaus zirkulieren.

Screen­shot (truthsocial.com/@realDonaldTrump/posts/113142103182027626)

Die Behaup­tung, Swifts Endor­se­ment verdiene keinerlei Beach­tung, wird ausge­rechnet von Donald Trump selbst konter­ka­riert. Den großen Einfluss Swifts auf die Wahl bestä­tigt er am 15. September 2024 mit seinem Post auf Truth Social, der in Capt­a­tions in die Welt hinaus­schreit: „I HATE TAYLOR SWIFT“. Als Screen­shot findet der Post über die kleine und unbe­deu­tende Klit­sche Truth Social auf allen Platt­formen größte Aufmerk­sam­keit. Mehr Beach­tung für Swifts Unter­stüt­zung von Harris kann man sich nicht wünschen. Die Spirale dreht sich auf ein neues Level, eine exit option ist nicht in Sicht. Im Taylor Swift-Subreddit, das 3,3 Millionen Mitglieder zählt, wird Trumps Ausfall gegen Taylor als Bedro­hung aufge­fasst. „His voters are totally crazy and might even try to attack Taylor or her family or Swif­ties”, sorgt sich @Ek_Chutki_Sindoor und erzielt damit 900 upvotes. Harris zu wählen, bedeutet nun auch, Swift vor Trump zu schützen. Die Swif­ties waren nie eine Gemeinde, eine Gefolg­schaft oder gar eine Partei. Doch Trump hat es geschafft, eine popkul­tu­relle Stil­ge­mein­schaft zu poli­ti­sieren, die sich jahre­lang nach dem Motto „you are what you love“ defi­niert hat. Es ist eine Spirale der Popu­la­ri­sie­rung, in der Trumps Hass-Post Taylor’s Choice noch mehr Beach­tung verschafft, aber zugleich auch die Reich­weite der poli­ti­schen Konflik­tagenda vergrößert.

Screen­shot (2.11.24) reddit.com/r/TaylorSwift/?rdt=64489

Das Forum hat sich verän­dert: Die popu­lärsten (all time) Posts auf Reddit infor­mieren heute nicht mehr darüber, wen Taylor gerade in New York getroffen oder was Taylor zuletzt ange­zogen hat, welche song line in welcher Typo für ein Tattoo am besten wäre oder welche Farbe zu welchem Taylor-Song am besten passt – sondern über ihr Endor­se­ment für Harris, über den Katzen­freund Tim Waltz, über die Brace­lets der Harris-Kampagne, über Trumps Hass, über die lieb- und freud­lose Welt der Repu­bli­kaner. Am Null­punkt der Beach­tung (keine upvotes) und des Unpo­pu­lären (viele down­votes) landen auf Reddit jene Posts, die Trump unter­stützen, Swifts Endor­se­ment kriti­sieren oder fordern, Pop Stars sollten unpo­li­tisch bleiben. Dagegen erhalten solche User weitaus mehr Beach­tung und mehr Zustim­mung, wenn sie behaupten, „real Swif­ties“ regis­trierten sich für die Wahl und stimmten für Harris-Waltz. Real Swif­ties sind nun Never Trumper.

Was die Vertei­lung von Beach­tung auf Reddit angeht, lässt sich beob­achten, dass die am meisten beach­teten und zugleich belieb­testen Posts und Comm­ents Taylor’s choice feiern. Unter den zwanzig Top-Posts des Monats sind zwölf explizit poli­tisch und pro Harris. Unter den popu­lärsten fünf ist nur einer unpo­li­tisch. All Time Number One mit 86k Upvotes, 7,1k Comm­ents und 58 Top-Awards ist auch am 29. Oktober noch immer die Nach­richt: „Taylor Swift Offi­ci­ally Endores Kamala Harris for US Presi­dent 2024.“ Damit ist die Wahl nicht entschieden. Aber damit ist das Taylor Swift-Subreddit-Forum im Wahl­kampf ange­kommen. In den Comm­ents berichten Swif­ties davon, von Bekannten, Fami­li­en­mit­glie­dern, Kollegen etc. aufgrund der poli­ti­schen Posi­tio­nie­rung Swifts kriti­siert, atta­ckiert oder belei­digt worden zu sein. Kaum jemanden ist entgangen, wen Swift zur Wahl empfiehlt, und viele nehmen an, die Swif­ties folgten ihrem Star. Taylor’s choice ist so populär wie umstritten und je größer der Einfluss auf ihre Fans ist, der Swift unter­stellt wird, desto wahr­schein­li­cher sind die Konflikte, mit denen es die Swif­ties zu tun bekommen. Ein rosa­far­benes Bracelet oder ein hell­blaues Smart­phone Wall­paper können nun poli­tisch gelesen und als Provo­ka­tion gewertet werden. Der popkul­tu­relle Stil­ver­bund pola­ri­siert. Trum­pists fordern längst auf Twitter: „lock her up!“ Die Swif­ties sorgen sich um die Sicher­heit Swifts. Verschwö­rungs­my­then beginnen zu zirkulieren.

Das Problem der proble­ma­ti­schen Popularität

Darf man sich nicht über jede Stimme für Harris freuen, egal, ob sie aus einer freien Entschei­dung mündiger Bürger:innen hervor­geht oder aus der Hingabe beglückter wie „devoter“ Teen­ager an einen Welt­star? Wer dürfte legi­ti­mer­weise bean­spru­chen, verbind­lich zwischen verdienter und unver­dienter Beach­tung zu unter­scheiden? „Quis judi­cabit?“ Diese poli­ti­sche Frage stellt sich gera­dezu unwei­ger­lich dann, wenn einer­seits Popu­la­rität poli­ti­sche Posi­tionen legi­ti­mieren sollen und ander­seits dieselben poli­ti­schen Posi­tionen für ille­gitim gehalten werden, gleich­gültig wie populär sie sind. Dieselben Akteure, die Trumps Anhänger für verblen­dete Fana­tiker halten, die ihrem Anführer allen Halb­wahr­heiten und Lügen zum Trotz die Treue halten, freuen sich über die vermeint­lich unver­brüch­liche Loya­lität aka blinde Gefolg­schaft der Swif­ties, weil sie Harris zum erwünschten Sieg gegen Trump verhelfen würden. Das Problem besteht darin, zu begründen, warum Personen, Posi­tionen oder Parteien, die Beach­tung von vielen finden, keine Beach­tung finden sollen. Und dies Problem ist desto gravie­render, als der Versuch, Nicht­be­ach­tung einer popu­lären Person oder Posi­tion durch­zu­setzen, seiner­seits diese Meinung, Person oder Partei popu­la­ri­siert und so dank der Legi­ti­mi­täts­ef­fekte des Popu­lären stärkt.

Dies gilt für Swift und ihre Fans genauso wie für Trump und seine Anhänger. In der Regel wird Popu­la­rität zu einem Argu­ment für die Legi­ti­mität dessen (gemacht), was von vielen beachtet wird. Große oder mangelnde Popu­la­rität legi­ti­miert oder dele­gi­ti­miert. Dies gilt für poli­ti­sche Parteien oder Kandidat:innen genauso wie für Songs und Stars. Die Swif­ties feiern auf Insta­gram und Reddit die neuesten Beach­tungs­re­korde des Pop Stars. Ihre Popu­la­rität wird als Beleg dafür gesehen, dass ihr Endor­se­ment richtig gewesen sei. Und Trump verweist auf Truth Social und X nahezu täglich auf Umfragen, die bestä­tigen sollen, wie viele ihn unter­stützen und wählen wollen. Gegen die popu­läre Ansicht, Trump verdiene keinerlei Beach­tung, lässt sich offenbar erfolg­reich einwenden, genau diese Forde­rung liefere einen Beleg dafür, hier würde eine arro­gante oder igno­rante Elite den „vielen“ ihre Stimme rauben und eine Grund­regel der Demo­kratie sabo­tieren, dass nämlich jede Stimme zähle und es auf große Zahlen ankomme – genau wie in der Popu­lär­kultur, in der jeder Versuch, Taylor Swift zu einer unbe­acht­li­chen Sängerin zu erklären, an der Zahl ihrer verkauften Tonträger und Streams schei­tern muss. Ihre Popu­la­rität recht­fer­tigt ihren Rang. Trumps Popu­la­rität soll aber, aus der Perspek­tive der guten Demo­kraten, ein Irrtum sein, gespeist aus der Dumm­heit, dem Hass, der Wut, dem Ressen­ti­ment seiner Fans.

Das Problem der proble­ma­ti­schen Popu­la­rität ist nicht nur für die Popu­lär­kul­tur­for­schung von Inter­esse, sondern auch „metho­disch wie demo­kra­tie­theo­re­tisch“, weil es nämlich, wie Philipp Manow in seinem Buch über die (Ent-)Demokratisierung der Demo­kratie schreibt, „proble­ma­tisch“ ist, wenn „eine ganz spezi­fi­sche Wähler­schaft für syste­ma­tisch getäuscht, verführt, letzt­lich unzu­rech­nungs­fähig und/oder mora­lisch defi­zient“ erklärt wird. Proble­ma­tisch wäre bei dem Versuch, uner­wünschten Personen und Posi­tionen ihre Beach­tung zu nehmen, die Diskre­di­tie­rung all jener, die sie zual­ler­erst populär machen: Die Anbe­tung von Taylor Swift gilt als okay, die Bewun­de­rung von Trump aber nicht. Dessen Anhänger sind nicht wie „wir“; es sind geistig Arme, die „laut­starken Dummen­fän­gern“ auf den Leim gehen, um noch einmal Dietmar Dath zu zitieren.

Mit solchen Etiket­tie­rungen ist das Problem aber nicht etwa gelöst, es wird viel­mehr verschärft: Denn die Abwehr­ver­suche der uner­wünschten Popu­la­rität als unan­ständig, unmo­ra­lisch, böse, faschis­tisch, into­le­rant, sexis­tisch oder rassis­tisch sorgen unver­meid­lich für weitere Thema­ti­sie­rung in den alten und neuen Medien und verstärken so auch die Popu­la­rität der uner­wünschten Person oder Partei. Sie wird noch popu­lärer, noch bedroh­li­cher. Zugleich können die Vertreter dieser bedroh­li­chen Posi­tionen von der so wach­senden Beach­tung profi­tieren: noch mehr Follower, noch mehr Reso­nanz, noch größere Bekannt­heit, noch mehr „Stimmen“, für die zu spre­chen rekla­miert wird. Und diese vielen müssen doch wohl gehört werden, alles andere wäre undemokratisch…

Millionen zu diskre­di­tieren, weil sie beachten, was sie nicht beachten sollen, führt zu einem poli­ti­schen Problem, dessen Lösbar­keit für mich nicht abzu­sehen ist: Ob man die Trump-Fans nun bemit­leiden oder belehren möchte, befä­higen oder bestrafen – all dies wird von der Trump-Kampagne und ihren Sprach­rohren als Herab­set­zung dekla­riert und in Popu­la­rität verwan­delt, die wiederum als Legi­ti­ma­ti­ons­res­source genutzt wird. Popu­la­rität gilt ja schließ­lich, siehe oben, völlig selbst­ver­ständ­lich als entschei­dende Ressource beim Blick der Massen­me­dien auf Swifts Endor­se­ment: Kein Artikel, der ihre Hundert­mil­lionen Follower und Fans nicht zual­ler­erst heraus­heben würde, auch hier ist Dath nur der typi­sche Fall. Swifts Popu­la­rität legi­ti­miert nicht nur die Bericht­erstat­tung über ihre Wahl­emp­feh­lung, sondern recht­fer­tigt zugleich auch die Unter­stel­lung, ihre Stimme habe Einfluss. Aller­dings hindert nichts und niemand Trump daran, seiner­seits auf Popu­la­rität als Legi­ti­ma­ti­ons­res­source zurück­zu­greifen; und gerade die Forde­rung, er verdiene keinerlei Beach­tung und seine Fans seien dumm und voller Ressen­ti­ment, lässt sich gut bewirt­schaften. Denn die Präfe­renz von vielen muss doch wohl Gehör finden, oder nicht? Wer seine Ohren verschließt, muss sich elitäre, exklu­die­rende, unde­mo­kra­ti­sche Taub­heit vorwerfen lassen. 

Das Popu­läre macht einen Unter­schied, der sich als proble­ma­tisch erweist: Die Beob­ach­tung, dass eine Person oder Posi­tion auch von vielen anderen Beach­tung findet, kann als Ermäch­ti­gung und Legi­ti­mie­rung der eigenen Präfe­renzen erfahren werden, zugleich aber von anderen als Irri­ta­tion, Bedro­hung oder Affront.