Billie Eilish hat es getan, Beyoncé nun endlich auch. Aber Taylor Swifts endorsement für Harris vom 10. September 2024 sei entscheidend gewesen. Das liberale Europa, das seit vielen Monaten besorgt dem Wiederaufstieg Donald Trumps vom vorbestraften Kriminellen zum 47. Präsidenten der Vereinigten Staaten verfolgt, schien aufatmen zu können. Kamala Harris werde die Wahl, die am 5. November stattfindet, allen Bosheiten wie gerrymandering, fake news oder populism der Trumpisten zum Trotz gewonnen haben, denn, so hält es Dietmar Dath am 12. September 2024 fest:
Die kriegsentscheidende Stimmabgabe ist erfolgt. Taylor Swift erklärt sich für Harris.
Es wird also gut ausgehen. Prima! Aber wieso? Am 10. September 2024 hat der Popstar auf Instagram ein Foto veröffentlicht, das sie im Halbprofil zeigt, das lange blonde Haar offen, ein schlichter Ohrring; sie trägt ein schwarzes, langärmliges Oberteil und auf dem Arm ihre Katze Benjamin Button, eine Ragdoll. Das harmlos wirkende Selbstporträt mit Katze, bekannt vom Cover des Time Magazine, das Swift 2023 zur „person of the year“ gekürt hat, nimmt nunmehr auf J.D. Vance Bezug, Trumps running mate, der demokratische Politikerinnen im Allgemeinen und Kamala Harris im Besonderen als „childless cat ladies“ abgetan hat. Swift zeichnet mit „childless cat lady“, und der längere Text, der ungewöhnlicher Weise diesen Post begleitet, macht die politische Botschaft des neu kontextualisierten Bildes explizit: Taylor Swift nimmt kritisch zu den KI-generierten Fälschungen Stellung, die sie als Unterstützerin von Donald Trump zeigen, und macht dann erstmals ihre Entscheidung publik, bei der Wahl des 47. Präsidenten der Vereinigten Staaten ihre Stimme Kamala Harris und ihrem running mate Tim Waltz zu geben.

Screenshot des Instagram-Profils von taylorswift (instagram.com/p/C_wtAOKOW1z/)
Diese Wahlempfehlung nennt Dath „kriegsentscheidend“. Warum? Taylor Swifts Stimme sei die „derzeit meistgehörte“, und mit ihrer Erklärung für Harris stehe der Ausgang der Kämpfe um die notorischen battlegrounds oder swing states fest: Ihr Endorsement sei, so erklärt Dietmar Dath acht Wochen vor der Wahl, die „kriegsentscheidende Stimmabgabe“ aus dem Grunde, dass sie nicht nur eine jener „Prominenten“ sei, deren „Wort“ den „Planeten wackeln“ lasse, sondern eine „Abgöttin“, deren „autorisiertes Bild mit Katze“ die vielen Millionen Stimmen ihrer globalen Gemeinde in die richtige Richtung lenke. „Swifts klare Parteinahme“ sei daher „kriegsentscheidend“, weil vorausgesetzt wird, dass ihre Stimme nicht nur von den allermeisten gehört, sondern ihr auch gehorcht werde – eine zweifelhafte wie verbreitete Unterstellung.
Einigermaßen zutreffend an dieser Einschätzung ist die Popularität Taylor Swifts. Ihr folgen (laut Statista) auf Instagram 283,9 Millionen Nutzerinnen und Nutzer der Plattform, auf Spotify werden ihre Hits milliardenfach gestreamt, öfter als von jedem anderen Star. Swift erreicht Platz 14 des aktuellen globalen Rankings. Beyoncé liegt einige Dutzend Millionen Follower vor Swift, aber wer will da schon kleinlich sein, es stimmt, ihre Popularität ist enorm. Ihr Endorsement-Post erhält innerhalb einer Woche 11 Millionen Likes, 1,1 Millionen kommentieren die Veröffentlichung. Das sind mehr als doppelt so viele Likes, als ihre jüngsten Tournee-Fotos durchschnittlich erhalten haben (zwischen 4,5 und 5 Millionen), und viermal mehr Kommentare als ihre anderen Instagram-Beiträge sonst bekommen.
Unzutreffend sind allerdings die beiden implizierten Annahmen, dass erstens all die vielen Millionen, die der „derzeit meistgehörten“ Stimme lauschen, diese auch alle mögen, so als folgten nur begeisterte Fans ihrem Account, als seien all jene, die ihre Musik hören, durchweg angetan, als bedeute populär in jedem Fall auch beliebt; und dass zweitens all die vielen hundert Millionen Follower nicht nur empfänglich für Songs, Outfits, Lifestyle seien, sondern auch für parteipolitische Empfehlungen. Das Fandom von Swift bildet aber kein Gefolge, das tut, was ihm befohlen wird. Doch das immense öffentliche Interesse an Swifts politischer Stimme basiert nicht nur auf der globalen Bekanntheit des Stars, die selbst Trump in den Schatten stellt, dessen Popularität ebenfalls erheblich größer ist als seine Beliebtheit, sondern vor allem auf der sehr zweifelhaften Hypothese, ihre Social Media-Follower würden ihrer Führung auch in politicis so brav folgen wie sonst in Modefragen:
„Loyalty and commitment“ der Swifties gehe, so die strittige Annahme, über die Merkmale einer popkulturellen Stilgemeinschaft hinaus und umfasse also nicht nur geteilte musikalische und modische Präferenzen, sondern jene rückhaltlose Begeisterung, Hingabe, Verehrung, die in politischen Kontexten der „charismatischen Führung“ zugerechnet werden könnte. Wenn die Swifties nun nicht nur Bracelets basteln und Katzenfotos posten, sondern Harris/Waltz wählen statt Trump/Vance, dann würde aus der popkulturellen Stilgemeinschaft ein Wahlverein. In der Fan-Forschung, so bei Simone Driessen, wird vermutet: „becoming involved in a fandom might resemble becoming a member of a political party“.
Diese Mutmaßung leuchtet nicht für jedes Fandom gleichermaßen ein. Es gibt keine Eilishists oder Beyoncists, und dies mag in der veröffentlichten Meinung dazu beitragen, gerade im Falle Swifts davon auszugehen, sie übe auf ihre 283 Millionen Follower besonderen Einfluss aus, so als bildeten die Swifties eine von ihr geführte Gefolgschaft. In den Celebrity Studies heißt es (bei Paul Théberge) tatsächlich, „Swift signaled that she knows her celebrity, and in particular, the attendant devotion of her fans, is a form of ‚power‛“. Swift gilt, wie Simone Driessen (1060) es formuliert, als „celebrity who is fighting for a particular interest or certain political outcome, while holding a certain political influence over an audience“. Diese Einschätzung wird weithin geteilt, zumal der Wikipedia-Artikel Swifties alle einschlägigen Zuschreibungen zitierfähig versammelt. In der FAZ ist am 11. September 2024 zu lesen:
Die 34 Jahre alte Amerikanerin ist derzeit der erfolgreichste und einflussreichste Popstar der Welt. Allein auf Instagram folgen ihr 283 Millionen Menschen. Ihr werden ein hohes Mobilisierungspotential und Einfluss auf ihre Fans, zu denen insbesondere jüngere, weiße Frauen zählen, zugeschrieben. Zu den sogenannten Swifties hat die Sängerin seit Beginn ihrer Karriere vor 18 Jahren eine enge Verbindung aufgebaut, sie gelten als sehr loyal.
Loyalität bedeutet, Präferenzen anderer auch gegen persönliche Überzeugungen für eigene Entscheidungen zu übernehmen. Im Zweifel für Swift, lautet die Devise bei der Auswahl von Ketten, Frisuren, Songs, Mottos, Farben, Haustieren, Schuhen etc. – aber bei der Wahl von Parteien? Unterstellt wird, die Mitteilung ihrer eigenen Wahlentscheidung zeitige entsprechende Folgen in ihrer „loyalen“ Gefolgschaft. Millionen Fans registrieren sich, schminken sich, schnappen sich ihre Bracelets und Katzen, gehen zur Urne und gewinnen für Harris die Wahl!
In der NZZ wird das gleiche Lied schon am 4. Juli 2024 – am Independence Day – gespielt, aber ein religiöses Register gezogen: „Taylor Swift ist nicht nur eine Sängerin, sie ist die Anführerin einer Religion. Ihre Anhängerinnen sind ihr treu ergeben. [Konzerte sind ihr] Gottesdienst.“ Swifts „Fangemeinde“ bete die Sängerin als „Göttin“ an. Die NZZ fragt: „Warum sind die Swifties so devot?“ Die BBC spricht von einer „army of Swifties“, die auf der Seite von Kamala Harris in den Wahlkampf ziehe. Das Musikmagazin Insounder behauptet: „Taylor Swift is a phenomenon in her own universe, where she rules an utterly devoted army of dedicated fans as their goddess.“
Dietmar Daths Behauptung, die „kriegsentscheidende Stimmabgabe“ sei erfolgt, ist vor dem Hintergrund dieser populären wie hochspekulativen Annahmen nur allzu verständlich: Die Millionen-Armee folge ihrer Göttin hingebungsvoll („utterly devoted“) in den Wahlkampf und gewinne den Krieg für Kamala Harris (18,7 Millionen Follower auf Instagram), die in der Berichterstattung hinter dem Weltstar zu verschwinden scheint.
Asymmetrische Auf- und Abwertungen
Die vielfach geteilte Einschätzung, Swifts Post zeitige politische Folgen für den Wahlkampf, wird häufig von der Bewertung begleitet, diese Konsequenzen seien hocherfreulich. Dass viele ihrer Follower dem Endorsement für Harris folgen mögen, wird nicht nur erwartet, sondern erhofft. Es scheint allgemein erwünscht zu sein, dass die Hingabe der Swifties zu ihrer Göttin so intensiv sei, dass sie ihrem politischen Gebot Folge leisten. Umgekehrt findet sich kaum ein Hinweis darauf, dass ein solches Verhältnis zwischen „Abgöttin“ und „Armee“ demokratietheoretisch als heikel gelten müsste; wer würde sich noch über die Loyalität eines Fandoms freuen, wenn es zur Wahl Trumps aufrufen würde? Was würde Dietmar Dath über ein Endorsement Till Lindemanns (für wen auch immer) schreiben?
Dass mit diesem Einwand niemand zu rechnen scheint, weil tout le monde Trump und den Trumpismus entschieden ablehne, wird auch an der offenbar zustimmungsfähigen impliziten Abwertung all jener Personen ersichtlich, die von der politischen Selbstpositionierung der „weltberühmteste Sängerin aller Zeiten“ nichts halten. Für Dietmar Dath zählen jene Personen zu denjenigen, die von „unreifen Kasperköpfen“ und „lautstarken Dummenfängern“ mobilisiert werden: Sie bewundern die „Männer mit […] Ressentiments“. Wer der geliebten „Abgöttin“ nicht folge, könne ja nur vollkommen hinterwäldlerisch und verblödet sein, sonst ginge man „Dummenfängern“ wie J.D. Vance nicht auf den Leim. Zu diesen eingefangenen Dummen zählen allerdings Millionen.
Es mag allzu sehr naheliegen, Dietmar Dath einfach zuzustimmen. Was der Beobachtung dann aber entgeht, ist eine politisch heikle Dynamik, die sich dann entfaltet, wenn etwas von vielen beachtet wird, was keine Beachtung finden soll, nämlich Trump, dessen überzeugte Anhängerschaft ja unleugbar viele Millionen US-Bürger:innen umfasst. Trumps unstrittige Popularität wird in der Perspektive jener, die in ihm einen Clown, Kasper, con man oder Nazi sieht, aber gerade nicht zum Ausweis der Beachtlichkeit seiner Positionen, im Gegenteil. Obwohl in liberalen Demokratien Wahlergebnisse und Zustimmungswerte einer populären politischen Position auch Legitimation verschaffen, wird vielfach behauptet, die vielen, die Trump wählen wollen, seien als Staatsbürger:innen gar nicht ernst zu nehmen, denn sie seien dumm und folgten „ranzigen Ressentiments“. Dath bezeichnet die Stars, die ihren „Kultur-Cachet Stempel auf Trump-Wahlempfehlungsbotschaften zu drücken bereit sind“, als angejahrt und verschroben. Wer mag schon Empfehlungen von Kid Rock oder Hulk Hogan folgen? Doch wohl nur jener white trash, der vom Chief Hillbilly Vance gut abgeholt wird. In diesen Abwertungen findet das Trump-Lager eine weitere Bestätigung dafür, dass das Bündnis aus Kultureliten und Establishment die einfachen Leute nicht zur Sprache kommen lässt und buchstäblich für dumm verkaufen will.
Legitimationsprobleme der Popularisierung
Das Trump-Camp hat scharf auf Swifts Endorsement reagiert. Eine Vielzahl von Kommentaren lehnen ihre Wahlempfehlung für Harris entschieden ab und greifen ihre politische Positionierung an. Sie solle singen, im Wahlkampf aber schweigen. Sie solle daran denken, dass auch republikanische Wähler ihre Platten kaufen – und daher im Wahlkampf besser schweigen. Sie sei als Milliardärin mit Privatjet von den politischen Problemen der Bevölkerung allzu weit entfernt – und solle daher am besten schweigen. Und so weiter. Diese Positionen sind allesamt populär, lassen aber zugleich Swifts Statement weiter und über ihr Fandom hinaus zirkulieren.

Screenshot (truthsocial.com/@realDonaldTrump/posts/113142103182027626)
Die Behauptung, Swifts Endorsement verdiene keinerlei Beachtung, wird ausgerechnet von Donald Trump selbst konterkariert. Den großen Einfluss Swifts auf die Wahl bestätigt er am 15. September 2024 mit seinem Post auf Truth Social, der in Captations in die Welt hinausschreit: „I HATE TAYLOR SWIFT“. Als Screenshot findet der Post über die kleine und unbedeutende Klitsche Truth Social auf allen Plattformen größte Aufmerksamkeit. Mehr Beachtung für Swifts Unterstützung von Harris kann man sich nicht wünschen. Die Spirale dreht sich auf ein neues Level, eine exit option ist nicht in Sicht. Im Taylor Swift-Subreddit, das 3,3 Millionen Mitglieder zählt, wird Trumps Ausfall gegen Taylor als Bedrohung aufgefasst. „His voters are totally crazy and might even try to attack Taylor or her family or Swifties”, sorgt sich @Ek_Chutki_Sindoor und erzielt damit 900 upvotes. Harris zu wählen, bedeutet nun auch, Swift vor Trump zu schützen. Die Swifties waren nie eine Gemeinde, eine Gefolgschaft oder gar eine Partei. Doch Trump hat es geschafft, eine popkulturelle Stilgemeinschaft zu politisieren, die sich jahrelang nach dem Motto „you are what you love“ definiert hat. Es ist eine Spirale der Popularisierung, in der Trumps Hass-Post Taylor’s Choice noch mehr Beachtung verschafft, aber zugleich auch die Reichweite der politischen Konfliktagenda vergrößert.

Screenshot (2.11.24) reddit.com/r/TaylorSwift/?rdt=64489
Das Forum hat sich verändert: Die populärsten (all time) Posts auf Reddit informieren heute nicht mehr darüber, wen Taylor gerade in New York getroffen oder was Taylor zuletzt angezogen hat, welche song line in welcher Typo für ein Tattoo am besten wäre oder welche Farbe zu welchem Taylor-Song am besten passt – sondern über ihr Endorsement für Harris, über den Katzenfreund Tim Waltz, über die Bracelets der Harris-Kampagne, über Trumps Hass, über die lieb- und freudlose Welt der Republikaner. Am Nullpunkt der Beachtung (keine upvotes) und des Unpopulären (viele downvotes) landen auf Reddit jene Posts, die Trump unterstützen, Swifts Endorsement kritisieren oder fordern, Pop Stars sollten unpolitisch bleiben. Dagegen erhalten solche User weitaus mehr Beachtung und mehr Zustimmung, wenn sie behaupten, „real Swifties“ registrierten sich für die Wahl und stimmten für Harris-Waltz. Real Swifties sind nun Never Trumper.
Was die Verteilung von Beachtung auf Reddit angeht, lässt sich beobachten, dass die am meisten beachteten und zugleich beliebtesten Posts und Comments Taylor’s choice feiern. Unter den zwanzig Top-Posts des Monats sind zwölf explizit politisch und pro Harris. Unter den populärsten fünf ist nur einer unpolitisch. All Time Number One mit 86k Upvotes, 7,1k Comments und 58 Top-Awards ist auch am 29. Oktober noch immer die Nachricht: „Taylor Swift Officially Endores Kamala Harris for US President 2024.“ Damit ist die Wahl nicht entschieden. Aber damit ist das Taylor Swift-Subreddit-Forum im Wahlkampf angekommen. In den Comments berichten Swifties davon, von Bekannten, Familienmitgliedern, Kollegen etc. aufgrund der politischen Positionierung Swifts kritisiert, attackiert oder beleidigt worden zu sein. Kaum jemanden ist entgangen, wen Swift zur Wahl empfiehlt, und viele nehmen an, die Swifties folgten ihrem Star. Taylor’s choice ist so populär wie umstritten und je größer der Einfluss auf ihre Fans ist, der Swift unterstellt wird, desto wahrscheinlicher sind die Konflikte, mit denen es die Swifties zu tun bekommen. Ein rosafarbenes Bracelet oder ein hellblaues Smartphone Wallpaper können nun politisch gelesen und als Provokation gewertet werden. Der popkulturelle Stilverbund polarisiert. Trumpists fordern längst auf Twitter: „lock her up!“ Die Swifties sorgen sich um die Sicherheit Swifts. Verschwörungsmythen beginnen zu zirkulieren.
Das Problem der problematischen Popularität
Darf man sich nicht über jede Stimme für Harris freuen, egal, ob sie aus einer freien Entscheidung mündiger Bürger:innen hervorgeht oder aus der Hingabe beglückter wie „devoter“ Teenager an einen Weltstar? Wer dürfte legitimerweise beanspruchen, verbindlich zwischen verdienter und unverdienter Beachtung zu unterscheiden? „Quis judicabit?“ Diese politische Frage stellt sich geradezu unweigerlich dann, wenn einerseits Popularität politische Positionen legitimieren sollen und anderseits dieselben politischen Positionen für illegitim gehalten werden, gleichgültig wie populär sie sind. Dieselben Akteure, die Trumps Anhänger für verblendete Fanatiker halten, die ihrem Anführer allen Halbwahrheiten und Lügen zum Trotz die Treue halten, freuen sich über die vermeintlich unverbrüchliche Loyalität aka blinde Gefolgschaft der Swifties, weil sie Harris zum erwünschten Sieg gegen Trump verhelfen würden. Das Problem besteht darin, zu begründen, warum Personen, Positionen oder Parteien, die Beachtung von vielen finden, keine Beachtung finden sollen. Und dies Problem ist desto gravierender, als der Versuch, Nichtbeachtung einer populären Person oder Position durchzusetzen, seinerseits diese Meinung, Person oder Partei popularisiert und so dank der Legitimitätseffekte des Populären stärkt.
Dies gilt für Swift und ihre Fans genauso wie für Trump und seine Anhänger. In der Regel wird Popularität zu einem Argument für die Legitimität dessen (gemacht), was von vielen beachtet wird. Große oder mangelnde Popularität legitimiert oder delegitimiert. Dies gilt für politische Parteien oder Kandidat:innen genauso wie für Songs und Stars. Die Swifties feiern auf Instagram und Reddit die neuesten Beachtungsrekorde des Pop Stars. Ihre Popularität wird als Beleg dafür gesehen, dass ihr Endorsement richtig gewesen sei. Und Trump verweist auf Truth Social und X nahezu täglich auf Umfragen, die bestätigen sollen, wie viele ihn unterstützen und wählen wollen. Gegen die populäre Ansicht, Trump verdiene keinerlei Beachtung, lässt sich offenbar erfolgreich einwenden, genau diese Forderung liefere einen Beleg dafür, hier würde eine arrogante oder ignorante Elite den „vielen“ ihre Stimme rauben und eine Grundregel der Demokratie sabotieren, dass nämlich jede Stimme zähle und es auf große Zahlen ankomme – genau wie in der Populärkultur, in der jeder Versuch, Taylor Swift zu einer unbeachtlichen Sängerin zu erklären, an der Zahl ihrer verkauften Tonträger und Streams scheitern muss. Ihre Popularität rechtfertigt ihren Rang. Trumps Popularität soll aber, aus der Perspektive der guten Demokraten, ein Irrtum sein, gespeist aus der Dummheit, dem Hass, der Wut, dem Ressentiment seiner Fans.
Das Problem der problematischen Popularität ist nicht nur für die Populärkulturforschung von Interesse, sondern auch „methodisch wie demokratietheoretisch“, weil es nämlich, wie Philipp Manow in seinem Buch über die (Ent-)Demokratisierung der Demokratie schreibt, „problematisch“ ist, wenn „eine ganz spezifische Wählerschaft für systematisch getäuscht, verführt, letztlich unzurechnungsfähig und/oder moralisch defizient“ erklärt wird. Problematisch wäre bei dem Versuch, unerwünschten Personen und Positionen ihre Beachtung zu nehmen, die Diskreditierung all jener, die sie zuallererst populär machen: Die Anbetung von Taylor Swift gilt als okay, die Bewunderung von Trump aber nicht. Dessen Anhänger sind nicht wie „wir“; es sind geistig Arme, die „lautstarken Dummenfängern“ auf den Leim gehen, um noch einmal Dietmar Dath zu zitieren.
Mit solchen Etikettierungen ist das Problem aber nicht etwa gelöst, es wird vielmehr verschärft: Denn die Abwehrversuche der unerwünschten Popularität als unanständig, unmoralisch, böse, faschistisch, intolerant, sexistisch oder rassistisch sorgen unvermeidlich für weitere Thematisierung in den alten und neuen Medien und verstärken so auch die Popularität der unerwünschten Person oder Partei. Sie wird noch populärer, noch bedrohlicher. Zugleich können die Vertreter dieser bedrohlichen Positionen von der so wachsenden Beachtung profitieren: noch mehr Follower, noch mehr Resonanz, noch größere Bekanntheit, noch mehr „Stimmen“, für die zu sprechen reklamiert wird. Und diese vielen müssen doch wohl gehört werden, alles andere wäre undemokratisch…
Millionen zu diskreditieren, weil sie beachten, was sie nicht beachten sollen, führt zu einem politischen Problem, dessen Lösbarkeit für mich nicht abzusehen ist: Ob man die Trump-Fans nun bemitleiden oder belehren möchte, befähigen oder bestrafen – all dies wird von der Trump-Kampagne und ihren Sprachrohren als Herabsetzung deklariert und in Popularität verwandelt, die wiederum als Legitimationsressource genutzt wird. Popularität gilt ja schließlich, siehe oben, völlig selbstverständlich als entscheidende Ressource beim Blick der Massenmedien auf Swifts Endorsement: Kein Artikel, der ihre Hundertmillionen Follower und Fans nicht zuallererst herausheben würde, auch hier ist Dath nur der typische Fall. Swifts Popularität legitimiert nicht nur die Berichterstattung über ihre Wahlempfehlung, sondern rechtfertigt zugleich auch die Unterstellung, ihre Stimme habe Einfluss. Allerdings hindert nichts und niemand Trump daran, seinerseits auf Popularität als Legitimationsressource zurückzugreifen; und gerade die Forderung, er verdiene keinerlei Beachtung und seine Fans seien dumm und voller Ressentiment, lässt sich gut bewirtschaften. Denn die Präferenz von vielen muss doch wohl Gehör finden, oder nicht? Wer seine Ohren verschließt, muss sich elitäre, exkludierende, undemokratische Taubheit vorwerfen lassen.
Das Populäre macht einen Unterschied, der sich als problematisch erweist: Die Beobachtung, dass eine Person oder Position auch von vielen anderen Beachtung findet, kann als Ermächtigung und Legitimierung der eigenen Präferenzen erfahren werden, zugleich aber von anderen als Irritation, Bedrohung oder Affront.

Europa hat vor 100 Jahren bewiesen, dass nicht die Anzahl Millionen Anhänger einer Ideologie oder einer sie verkörpernden Person ausschlaggebend ist, sondern WAS, WELCHE WERTE sie vertritt. Faschismus ist und war schon damals die Allianz von Reichtum und Dummheit. Wenn eine populäre Künstlerin ihre Fans dazu aufruft, antifaschistisch zu wählen, ist das nicht dasselbe, wie wenn ein Milliardär seine Anhänger unter dem Jubel religiöser Fundamentalisten zu Hass und Diskriminierung anstachelt. Wer das nicht sieht, ist Teil des Problems.