Was haben Impfgegner:innen mit Putinunterstützer:innen gemein? Wozu verwenden Diktatoren, die andere Länder besetzen, postkoloniale Theorien? Über strategische Verknüpfungen und „opportunistische Synergien“.

Ich kann mich noch genau daran erin­nern, wie ein entfernter Bekannter, der bis Januar 2021 als Impf­skep­tiker in Social Media unter­wegs war, kurz nach dem 24. Februar 2022 plötz­lich etwas zum Angriffs­krieg gegen die Ukraine postete, und zwar in dem Sinne, dass alles zwei Seiten habe und dass Putin der Ukraine Demo­kratie bringe. Er hatte keinerlei Kennt­nisse von Russ­land oder der Ukraine und nie zuvor etwas über diese Gegend geschrieben, er folgte einem italie­ni­schen Impfgegner-Account, der Putin als Wider­stand gegen den Westen inter­pre­tierte und jetzt den Terrorakt der Hamas als Wider­stand gegen Israel.

Und er war nicht der einzige Impf­gegner, der sich plötz­lich für Putin inter­es­sierte und eine prorus­si­sche Haltung einnahm. Doch was wird da eigent­lich mitein­ander verbunden? Und wer sind die Akteure dieser narra­tiven Verknüpfungen?

Verknüp­fungs­nar­ra­tive

Die Verknüp­fung der beiden Narra­tive von Krieg und Corona war kein Zufall, viel­mehr wurde sie gezielt herge­stellt und anschlies­send von ganz unter­schied­li­chen Seiten gierig über­nommen. Schon ein paar Tage nach dem Angriffs­krieg lancierte die russi­sche Auslands­pro­pa­ganda einen entspre­chenden Artikel auf ihrem deutsch­spra­chigen Inter­net­portal. Auf dem russi­schen Propa­gan­da­sender RT konnte man am 10. März 2022 Folgendes lesen: „Moskau. In US-finanzierten Laboren in der Ukraine wurde mit Coro­na­viren expe­ri­men­tiert“. Und im Teaser dann: „Russ­land behauptet, dass in den von den USA finan­zierten Bio-Laboren in der Ukraine auch mit Fledermaus-Coronaviren gear­beitet worden sei. Das russi­sche Vertei­di­gungs­mi­nis­te­rium zitiert Doku­mente, die es in den Einrich­tungen erbeutet haben will, während die USA die Entwick­lung von Biowaffen bestritten“.

Die Erzähl­in­ten­tion ist offen­sicht­lich, es ist die Verknüp­fung selbst. Auf diese Weise werden Impf- und Coronaskeptiker:innen, selbst­er­nannte Querdenker:innen u.a. für eine neue „Sache“ mobi­li­siert, die mit einem Punkt ihrer bishe­rigen Agenda über­ein­stimmt: mit Skepsis gegen­über den USA, die sowohl für Bioex­pe­ri­mente als auch für den Krieg in der Ukraine verant­wort­lich gemacht werden sollen. Laut russi­scher Propa­ganda habe erst der Angriff auf die Ukraine diese Achse offen­ge­legt, weil geheime Papiere auf ukrai­ni­schem Terri­to­rium erbeutet werden konnten. Wenig später sah man auf den Impf­skep­tiker­demos Z und V-Zeichen und auf Pro-Putin-Demos Plakate gegen das Impfen. Auch rechts­po­pu­lis­ti­sche Medien wie die Schweizer Welt­woche griffen die Verknüp­fung sofort auf und titelten am glei­chen Tag wie RT: „Betreiben die USA in der Ukraine geheime Biowaf­fen­la­bore? Einiges deutet darauf hin – vor allem Washing­tons Dementis“.

Verknüp­fungs­mangel in der Wirklichkeit

Was erzählt und verknüpft wird, hat in der Wirk­lich­keit oft keinerlei Grund­lage. Die Verbin­dung von Putin und den Impfgegner:innen ist dafür ein beson­ders gutes Beispiel, denn ihre Mobi­li­sie­rung lässt sich z.B. nicht damit begründen, dass die russi­sche Regie­rung oder Putin selbst impf­skep­tisch seien. Ganz im Gegen­teil: Russ­land entwi­ckelte einen eigenen Impf­stoff, Sputnik V, bewarb ihn mit dem Slogan „Ein Impf­stoff für die ganze Mensch­heit“, expor­tierte das Vakzin nach Latein­ame­rika, Asien, Afrika und Südost­eu­ropa, liess eine Zulas­sung bei der Euro­päi­schen Arzneimittel-Agentur EMA prüfen, wollte Sputnik V sogar u.a. in Deutsch­land und Italien produ­zieren lassen. Noch 2022 warb der Propa­gan­da­sender RT in Deutsch­land für eine neue nasale Vari­ante des Impf­stoffes, die „bei der Mini­mie­rung der Sterb­lich­keits­raten bei Pati­enten genauso wirksam sein soll wie seine herkömm­liche, intra­mus­ku­läre Version“. Der Pres­se­spre­cher von Putin, Dmitrij Peskov, hat Impf­gegner 2021 als „gefähr­liche Idioten“ (opasnye duraki) bezeichnet.

Man könnte sich also berech­tig­ter­weise fragen, warum viele Impfgegner:innen hier­zu­lande eine Regie­rung unter­stützen, die einen eigenen Impf­stoff entwi­ckelt und expor­tiert hat? Eine Regie­rung, die keine Meinungs­frei­heit erlaubt, obwohl Meinungs­frei­heit für Impfgegner:innen und Querdenker:innen ein zentrales Anliegen ist. Es ist nur leider gleich­zeitig unwahr­schein­lich, dass Impfgegner:innen und Querdenker:innen, die auf ihren Demos mehr Meinungs­frei­heit in der Schweiz oder in Deutsch­land fordern, dies je für Russ­land tun. Doch warum fällt diese Wider­sprüch­lich­keit zwischen Wirk­lich­keit und Diskurs nicht ins Gewicht? Wenn der Wider­spruch kein Problem ist, dann muss es eine Über­ein­stim­mung geben, die mehr wiegt und die die ganze Verknüp­fung zumin­dest an einer Stelle zusam­men­hält. In diesem Fall ist der Kitt der Anti­ame­ri­ka­nismus, in anderen Fällen ist es eine gemein­same Antigender-Agenda oder der Kampf gegen eine ökolo­gi­sche Politik.

Verknüpfen und Verschwören

Erzählen basiert immer auf Verknüpfen. Literaturwissenschaftler:innen haben die Art und Weise des lite­ra­ri­schen Verknüp­fens von Ereig­nissen mal als Sujet (Tomaševskij), mal als Plot (Forster), mal als Discours (Benve­niste) oder Narra­tion (Genette) bezeichnet. Sie alle wollten darauf aufmerksam machen, dass ein Geschehen auf ganz unter­schied­liche Weise erzählt werden kann und nicht der Reihen­folge, der mir zugäng­li­chen Perspek­tive oder der Kausa­lität des Gesche­hens in der Wirk­lich­keit entspre­chen muss.

Aller­dings gibt es auch Erzäh­lungen, die nicht erst auf der Ebene des Erzäh­lens Verknüp­fungen herstellen, sondern die davon ausgehen, dass diese tatsäch­lich bereits vorliegen und nur aufzu­de­cken seien. Gemeint sind Verschwö­rungs­er­zäh­lungen. So war es auch bei dem eingangs zitierten Beispiel: RT ‚deckte‘ eine geheime Verbin­dung zwischen den USA und der Ukraine ‚auf‘. Die Verknüp­fung war anschei­nend schon da, und die russi­sche Propa­ganda rühmte sich damit, diese enthüllt zu haben.

Wissenschaftler:innen, die sich mit Verschwö­rungs­er­zäh­lungen beschäf­tigen, etwa Michael Butter, haben die Verknüp­fung als beson­dere Attrak­ti­vität von Verschwö­rungs­er­zäh­lungen bezeichnet, da „sie Dispa­rates verbinden“, da sie „statt auf Zufall und Kontin­genz auf Kohä­renz und dunkle Absichten setzen“. Butter schreibt, dass Verschwö­rungs­er­zäh­lungen „ein allge­mein mensch­li­ches Bedürfnis befrie­digen“, und zwar auch dort Verbin­dungen zu sehen, wo keine sind.

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Aus narra­to­lo­gi­scher Sicht wird in Verschwö­rungs­er­zäh­lungen – hinsicht­lich der Verknüp­fung – jedoch die Ebene des Erzäh­lens mit der des Erzählten vertauscht. Denn es sind die Verschwörungserzähler:innen selbst, die die Verbin­dungen herstellen, die sie bereits als vorhanden oder als gegeben ,aufde­cken‘. Produk­tion wird so als Rezep­tion darge­stellt, das Sujet oder der Plot als das Geschehene.

Plots about Plots

Auch der Schweizer Verschwö­rungs­er­zähler Daniele Ganser widmet sich in seinen Vorträgen dem Verknüpfen, und das gleich auf mehreren Ebenen. Immer wieder deckt er angeb­lich verschlei­erte Verbin­dungen auf, in der Regel zwischen CIA, Pentagon, oder allge­meiner den USA, und bekannten spek­ta­ku­lären und drama­ti­schen Ereig­nissen: 9/11, Corona, der Krieg Russ­lands gegen die Ukraine. Weil die USA der gemein­same Nenner sind, kann er alle drei seiner Topthemen auch mitein­ander verknüpfen.

Warum das wichtig ist, verrät er in seiner Verknüp­fungs­theorie, die er zwar nicht auf sich selbst bezieht, sondern auf die Praxis der Propa­ganda, aber die er dennoch streng befolgt. Denn, so will es Ganser seinen Zuhörer:innen in der Live-Show vermit­teln: Wir sind ständig Opfer falscher Verknüp­fungen. „100 Milli­arden Nerven­zellen“ habe man im Gehirn, und diese würden durch Wieder­ho­lung ständig mitein­ander verknüpft. Die Verbin­dungen zwischen Nerven­zellen, die Synapsen, seien es, die durch gezielte Wieder­ho­lung bestimmter Bilder, Themen und Botschaften in den Medien stimu­liert werden.

Wie das funk­tio­niert, demons­triert Ganser vor allem selbst. Er wieder­holt in seinen Vorträgen immer wieder dieselben Narra­tive: Die Revo­lu­tion in der Ukraine, die er „Regi­me­ch­ange“ nennt, habe nicht das Volk gemacht, sondern die USA. Diese Verknüp­fung zwischen USA-Ukraine wird mehr­fach in andere Rich­tungen verknüpft, histo­risch zu anderen „Regi­me­ch­anges“, für die die USA verant­wort­lich gemacht werden, und intel­lek­tuell zu anderen Personen, die das gleiche behaupten. So entsteht ein ganzes Netz an „Beweisen“, oder anders gesagt: das Netz, die selbst gestrickte Verknüp­fung wird zum eigent­li­chen Beweis.

„Oppor­tu­nis­ti­sche Synergien“

Die polni­schen Kultur­wis­sen­schaft­le­rinnen und Sozio­lo­ginnen Agnieszka Graff und Elżbieta Korolczuk haben ähnliche diskur­sive, mediale und poli­ti­sche Verknüp­fungs­stra­te­gien in ihrem Buch Anti-Gender Poli­tics in the Popu­list Moment (2022) eine „opor­tu­ni­stic synergy“ genannt. Vieler­orts, so schreiben sie, haben sich rechts­po­pu­lis­ti­sche Parteien mit ultra­kon­ser­va­tiven reli­giösen Akteuren verbündet, „die poli­ti­sche Alli­anzen, ideo­lo­gi­sche Affi­ni­täten und orga­ni­sa­to­ri­sche Verbin­dungen“ umfasse. In Russ­land gehen eine solche Allianz die russisch-orthodoxe Kirche und die Regie­rung ein, in Polen die katho­li­sche Kirche und die PIS, in den USA die Repu­bli­kaner und die Evan­ge­li­kalen. Was sie vereint bzw. womit sie sich ideo­lo­gisch verkup­peln, ist in diesem Fall nicht der Anti­ame­ri­ka­nismus, sondern eine Anti-Gender-Rhetorik, die in den USA und Russ­land so gut funk­tio­niert wie in Polen: „Polen, so schreiben Graff und Korolczuk, „ist ein spek­ta­ku­läres Beispiel dafür, wie oppor­tu­nis­ti­sche Syner­gien zum Vorteil beider Seiten wirken: Anti-Gender-Aktivismus hat Popu­listen an die Macht verholfen, und nachdem die Partei Recht und Gerech­tig­keit die Wahlen gewonnen hatten, erhielten Anti-Gender-Akteure erheb­li­chen Zugang zu Geld, poli­ti­schen Insti­tu­tionen und Entscheidungsprozessen“.

Graff und Korolc­zuks Theorie der „oppor­tu­nis­ti­schen Stra­tegie“ geht weit über die Beob­ach­tung der Verknüp­fung von Narra­tiven hinaus, sie zeigen viel­mehr ganz deut­lich, wie diese Verbin­dungen in Gesell­schaften hinein­wirken. Verknüp­fungen müssen zwar, wie wir bei Corona und Krieg sehen konnten, keine gemein­same Grund­lage in der Wirk­lich­keit haben, sie haben aber reale Effekte, die durch diskur­sive Kolla­bo­ra­tionen entstehen.

Multi­di­rek­tio­nale Verknüpfung

Die Verknüp­fungen ideo­lo­gi­scher und ökono­mi­scher Player sind oft multi­di­rek­tional: Anti­ame­ri­ka­nismus funk­tio­niert über linke und rechte poli­ti­sche Rich­tungen hinweg, von Sarah Wagen­knecht bis Daniele Ganser, und auch bei Rechts­po­pu­listen, wenn er gegen Biden und nicht gegen Trump gerichtet ist. Die Verknüp­fungen sind stets um neue Knoten erwei­terbar: Anti-Klima kann mit Pro-Putin und zusätz­lich mit Migra­tion verknüpft werden, so kann man dann z.B. behaupten, dass es ukrai­ni­sche Geflüch­tete und nicht etwa ein mafiöser impe­rialer Staat seien, die die Heiz­kosten hoch­treiben und dafür kann man die grüne Politik verant­wort­lich machen. In Verknüp­fungen kann man stets neue Ereig­nisse einbinden: Der Terrorakt der Hamas wurde in der russi­schen Propa­ganda mit der Ukraine verknüpft, z.B. verbrei­teten pro-russische Kanäle ein Video, dass behaup­tete, der briti­sche Nach­rich­ten­sender BBC und das inter­na­tio­nale Recher­chen­etz­werk Bellingcat hätten heraus­ge­funden, dass die Ukraine west­liche Waffen an die Hamas gelie­fert habe. 

Aber manchmal geht beim Verknüpfen auch etwas schief: Putin hat ange­fangen, seinen Angriff auf die Ukraine in post­ko­lo­nia­lis­ti­scher Argu­men­ta­tion als Wider­stand gegen den kolo­nialen Westen zu inter­pre­tieren, um damit insbe­son­dere im globalen Süden zu punkten. Rechts­na­tio­nale Player versu­chen gerade, post­ko­lo­niale Theo­rien pauschal als anti­se­mi­tisch zu bezeichnen. Da hätte man sich etwas besser abstimmen sollen.