In der hitzigen Debatte über den „Deutschen Katechismus“ werden in den deutschen Feuilletons Stimmen, die nicht-männlich und nicht-weiß sind, geradezu systematisch ausgeblendet. Doch diese Perspektiven und diese Erinnerungen nicht zur Kenntnis zu nehmen, ist Teil des Problems.

  • Mirjam Brusius (PhD History and Philosophy of Science, Univ. of Cambridge) ist Kolonial- und Wissenschaftshistorikerin mit dem Schwerpunkt materielle und visuelle Kultur sowie Mitinitiatorin des Projekts 100 Histories of 100 Worlds in 1 Object. Ihre aktuellen Buchprojekte (unter Vertrag mit The University of Chicago Press und Oxford University Press) beschäftigen sich mit Fotografie und Empire, sowie Museums- und Sammlungsgeschichte zwischen Europa und dem Nahen Osten.

Der „Deut­sche Kate­chismus“ war mitnichten immer so verbind­lich wie heute. Gerade mal vier Jahre ist es her, dass Benjamin Netan­jahu Gespräche mit dem dama­ligen deut­schen Außen­mi­nister Sigmar Gabriel absagte, weil dieser insis­tierte, israe­li­sche Menschen­rechts­gruppen, darunter B’Tselem, zu treffen. Heute ist dies unvor­stellbar (auch bedingt durch den umstrit­tenen Bundes­tags­be­schluss zum BDS); wahr­schein­lich würden die jüngst als „despe­rate Germans“ bezeich­neten Deut­schen B’Tselems neuen „Apartheid-Bericht“ wohl eher wie ein „ketze­ri­sches Doku­ment“ behan­deln. Deut­sche Medien hatten nicht einmal über den Report berichtet. Ein desil­lu­sio­nierter jüdi­scher Freund brachte die abgrün­dige Ironie auf den Punkt: Wenn Juden und Jüdinnen Menschen zu Opfern machen können, macht sie dies zu normalen Menschen. Wenn Deut­sche also Israel kriti­sierten, würde ihnen das ganz anders als deren ersti­ckender Philo­se­mi­tismus endlich das Gefühl geben, lebendig zu sein.

Mein Teil­aus­stieg aus dem Kate­chismus begann, als ich jene Ironie erkannte. Die Tatsache, dass ich diesen Essay gegen meinen akade­mi­schen Instinkt schreibe, lässt jedoch darauf schließen, dass die quasi­re­li­giöse Bindung sich auch in meine DNA einge­schrieben hat. In  einem Video für das Projekt Menschen mit Nazi­hin­ter­grund näherte ich mich kürz­lich meiner eigenen Biogra­phie vor dem Hinter­grund histo­ri­scher Verflech­tungen und Wider­sprüche. Das war befreiend. Geprägt von den unter­schied­li­chen Welten, in denen ich heran­wuchs, bringen mich die mono­li­thisch ange­legten histo­ri­schen Kate­go­rien Nach­kriegs­deutsch­lands nicht weit. Das ausschließ­lich weiße Deutsch­land, das oft voraus­ge­setzt wird, ist ein Konstrukt. Durch (zum Teil erzwun­gene) Migra­tion haben sich klare Kate­go­rien längst aufge­löst: Deutsch­land ist schon lange multi­kul­tu­rell, mehr­spra­chig, und multi­re­li­giös. Viele von uns leben Bindestrich-Identitäten.

Nun sind wir jedoch bis heute mit einer Version von Geschichte konfron­tiert, die Grenzen zieht, die es in Wirk­lich­keit nie gegeben hat. Deutsch­land braucht ein inklu­sives Narrativ, das auch jenen Rech­nung trägt, die es ruhig und dennoch mit Nach­druck einfor­dern. Nur so können wir Deutsch­lands Platz in einer (noch nicht ganz) post­ko­lo­nialen Welt verstehen und selber auch an Rele­vanz gewinnen.

Das große Versäumnis des Kate­chismus liegt für mich in seiner Abkop­pe­lung von der Gegen­wart. Da wäre zum Beispiel Punkt Nr. 4 des Kate­chismus: „Anti­se­mi­tismus ist ein Vorur­teil sui generis und er war ein spezi­fisch deut­sches Phänomen. Er sollte nicht mit Rassismus verwech­selt werden.“ Nein. Wir müssen die histo­ri­schen Unter­schiede und Gemein­sam­keiten von Anti­se­mi­tismus und Rassismus verstehen, um jeweils spezi­fi­sche Vorur­teile zu bekämpfen und Alli­anzen aufzu­bauen. Oder Nr. 3: „Deutsch­land trägt für die Juden in Deutsch­land eine beson­dere Verant­wor­tung und ist Israel zu beson­derer Loya­lität verpflichtet.“ Genau deshalb schließt unsere Verant­wor­tung euro­päi­schen Impe­ria­lismus und diskri­mi­nie­rende Prak­tiken in dieser Region mit ein, die durch unsere Loya­lität zu Israel verstärkt wurden. Dies impli­ziert, unter­schied­liche, teils wider­sprüch­liche jüdi­sche Perspek­tiven zu respektieren.

Statt Ungleich­heiten zu bekämpfen, margi­na­li­sierte der selbst­be­zo­gene Kate­chismus die Belange Schwarzer und aus Nahost stam­mender migran­ti­scher Einwohner:innen – unter der falschen Annahme, dass diese nicht auch gleich­zeitig jüdisch sein könnten. Es ist diese Blind­heit, die mich im Rück­blick auf west­deut­sche Vergan­gen­heits­auf­ar­bei­tung ratlos zurück­lässt: Warum gingen Lich­ter­ketten gegen rassis­ti­sche Morde an Bewoh­nern von Flücht­lings­heimen (in Ost und West) und das ritua­li­sierte Gedenken an die Progrom­nacht nie mit Rassis­mus­be­kämp­fung in Bezug auf Schul­kinder ethni­scher Minder­heiten einher, welche die bis heute andau­ernden Morde hätten verhin­dern können? Warum wurden Juden und Jüdinnen, oft selbst Migrant:innen, nicht wie normale Menschen behan­delt, die sich viel­leicht nur bedingt für einen Besuch in der örtli­chen Synagoge, für Israel oder für Holo­caust­ge­den­kri­tuale interessieren?

Drei türkisch­stäm­mige Karls­ruher starben, als im Oktober 1996 ein Hinter­haus in der Mark­gra­fen­straße ausbrannte. Laut Polizei war es Brand­stif­tung. Wer die Toten auf dem Gewissen hat, ist bis heute nicht geklärt; Quelle: bnn.de

Die von Moses zitierte vorherr­schende Idee, dass „die Deut­schen nett und welt­offen sein“ sollten, „statt Jüdinnen und Juden zu ermorden“, schien nur auf diese zuzu­treffen, nicht aber auf andere. Für mich, in den 1990er Jahren mit dem Gedanken aufge­wachsen, dass man als fremd wahr­ge­nom­mener Mensch jeder­zeit damit rechnen muss, tödlich mit Molo­tow­cock­tails verletzt zu werden, stellten sich die über­schwäng­li­chen Reak­tionen auf die Ankunft von Flücht­lingen im Jahr 2015 als bizarre Über­sprungs­hand­lung dar. Weiße Deut­sche, die, mit Windeln und Feucht­tü­chern ausge­rüstet, an Bahn­höfen unbe­holfen wild­fremde Menschen umarmen dies war zwar ohne Zweifel Teil einer wich­tigen poli­ti­schen Entschei­dung, wirkte gleich­zeitig aber wie ein hyste­ri­sches Bemühen um Absolution.

Es über­raschte mich nicht, dass die Stim­mung kippte, sobald klar wurde, dass „Assi­mi­la­tion“ nicht unbe­dingt die Norm war, die alle Einwanderer:innen anstrebten. Der Kate­chismus war Teil dieses Assi­mi­lie­rungs­pro­zesses; da er jedoch Rassismus und Isla­mo­phobie gewis­ser­maßen Vorschub leis­tete, war er zugleich eine tödliche Falle. Inte­gra­tion war indes ebenso wenig eine Garantie zum Über­leben. Die durch rechts­ex­tremen Terror schick­sal­haft mitein­ander verbun­denen Namen Hanau und Halle schrieben sich dauer­haft in unser Gedächtnis ein. Sie stärkten jedoch die inter­sek­tio­nalen Bünd­nisse zwischen diskri­mi­nierten Gruppen, die eine lange Geschichte haben.

Nach dem Massaker in Hanau fanden Faschings­feiern statt – eine Mahn­wache zum Gedenken an die Toten wurde nicht bewil­ligt. Anti­se­miten durften bei „Querdenker“-Demonstrationen  auf der Straße marschieren, und manche können sich sogar zur Wahl stellen. Zieht man eine Bilanz dieser Asym­me­trien – ganz zu schweigen von der endlosen Geheim­nis­krä­merei um die NSU-Morde, der surrealen Mbembe-Debatte oder der Tatsache, dass sich einige linke Juden und Jüdinnen nicht geschützt fühlt – stellt sich die Frage: Hat Deutsch­land einen grotesken Tief­punkt seiner Geschichte erreicht? Wenn Anti­se­mi­tismus und Rassismus in Deutsch­land „keinen Platz“ haben, warum bean­spru­chen sie dann immer noch so viel Raum? Wer bestimmt die zukünf­tigen Bedin­gungen für Erin­ne­rungs­kultur in einem Land, in dem, aus Sicht weiter multi­eth­ni­scher Teile der Gesell­schaft, Entna­zi­fi­zie­rung schlicht und ergrei­fend nie statt­ge­funden hat?

Geschichte ist komplex

Der deut­sche Geschichts­kanon von Tätern, Befreiern und Opfern ist zu einem pädago­gi­schen Moral­stück geworden, das die dramatis personae in ihren Rollen fixierte, während andere ausge­schlossen wurden. Doch wie Dirk Moses zeigte, verwehrt sich Geschichte eindeu­tiger Kate­go­rien. Manche Juden und Jüdinnen in Deutsch­land fühlen sich heute zum Beispiel eher als Befreier:innen, denn als Opfer, wenn ihre Vorfahren etwa für die Sowjets kämpften. Schwarze wurden zu verges­senen Opfern der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Rassen­polik, obwohl viele für die alli­ierten Truppen kämpften. Einige Muslime versteckten Juden, wieder andere kämpften für die Nazis, die sie wiederum nur als „Mittel zum Zweck“ betrach­teten. Viele in Deutsch­land lebende Menschen lassen sich nicht eindeutig einer Kate­gorie wie Täter, Befreier und Opfer zuordnen, geschweige denn Geschlecht, Reli­gion oder race. Rassen­theorie befeu­erte Anti­se­mi­tismus, stützte sich immer auf reine, pseu­do­wis­sen­schaft­liche Kate­go­rien, immer auch an soziale Projek­tionen und Vorur­teile gekop­pelt. Lassen wir inter­sek­tio­nale Ansätze außer Acht, so laufen wir Gefahr, irre­füh­rende Kate­go­rien zu perp­etu­ieren, statt sie abzu­schaffen, um Geschichte in ihrer ganzen Komple­xität gerecht zu werden.

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So wie sich kaum mehr bestreiten lässt, dass Anti­se­mi­tismus und Anti-Black­ness eng mitein­ander verwoben waren, wird es schwierig, infor­mierte Geschichts­de­batten zu führen, wenn nicht endlich auch Forschung berück­sich­tigt wird, die zeigt, dass sich Kolo­nia­lismus in Afrika, die Vorge­schichte des Holo­caust und Impe­ria­lismus im Osma­ni­schen Reich immer wieder über­schnitten haben, mit Konse­quenzen bis heute. Moses‘ Argu­ment, dass Orien­ta­lismus dem deut­schen Okzi­den­ta­lismus imma­nent war und auf viele Weise mit dem deut­schen Impe­ria­lismus verwoben, hat immenses Poten­zial, um der deut­schen Debatte Komple­xität und ein holis­ti­scheres Geschichts­be­wusst­sein zu verleihen. Neuere Forschung widmet sich Bürger:innen der Türkei, die während des „Dritten Reiches“ in Deutsch­land lebten und während der Progrom­nacht befürch­teten, für Juden gehalten zu werden. Kürz­lich veröf­fent­lichte die israe­li­sche Zeitung Haaretz einen Artikel von Esra Öyzürek über musli­mi­sche Schüler:innen, die beim Besuch im Konzen­tra­ti­ons­lager mit Empa­thie reagierten: Sie hatten Angst, die nächsten zu sein. In einer israe­li­schen Zeitung publi­ziert, wurde auch dieser Beitrag in Deutsch­land igno­riert, da er sich dem natio­nalen Narrativ widersetzte.

Als Histo­ri­kerin, die vor allem über die Zeit um 1900 forscht, bin auch ich verblüfft über den Wider­stand, mit dem jeder noch so offen­sicht­li­chen und oft seit langem gut erforschten Konti­nuität und Kontex­tua­li­sie­rung – sei es „Lebens­raum“, Rassen­theorie oder kolo­niales Sammeln – begegnet wird. Das Wort Genozid in Bezug auf Namibia brachte mir selbst wenige Tage vor der offi­zi­ellen Aner­ken­nung des Namens der Bundes­re­gie­rung Kritik ein. Auch die Einbet­tung von Rassen­theorie in einen euro­päi­schen Kontext erzeugte Miss­trauen. Warum, wenn selbst die Holocaust-Ausstellung des Impe­rial War Museum im chau­vi­nis­ti­schen Tory-Großbritannien den Briten Francis Galton als Europas trei­bende Kraft der Rassen­theorie verstanden wissen will? Wenn Deutsch­land die Deutungs­ho­heit über die Ursprünge seines Rassen­wahns bean­sprucht, warum schweigen die dortigen Museen und Univer­si­täten weit­ge­hend über ihren eigenen Beitrag im Kaiser­reich? Statt­dessen werden Museen dort wissent­lich nach beken­nenden Anti­se­miten benannt.

Es war weniger kompli­ziert, als der Holo­caust quasi aus dem Nichts erschien – und dann plötz­lich verschwand. Die aktu­elle Abwehr gegen einen neuen Zugang löst den Holo­caust jedoch nicht nur aus dem Kontext der Global­ge­schichte des 20. Jahr­hun­derts, sondern irri­tie­ren­der­weise auch aus dem aktu­ellen Forschungs­kon­text. „Histo­ri­ker­streit 2.0.“ ist somit ein irre­füh­render Begriff. Ziel ist es nicht, den Holo­caust oder dessen Singu­la­rität zu „rela­ti­vieren“, sondern Nuancen zu benennen und neue Kontexte zu erschließen. Michael Roth­berg, selbst kein Histo­riker, hat seine Thesen, dass Erin­ne­rung kein Null­sum­men­spiel sei, bereits vor einer Dekade publi­ziert. Seither hat sich in der Forschung viel getan. Es handelt sich dabei um im peer-reviewed Verfahren begut­ach­tete inter­na­tio­nale Forschungs­er­geb­nisse. Warum wird diese aktu­elle Forschung – auch daraus resul­tie­rende Essays, wie zuletzt auf dem NFS Blog – weithin igno­riert und dekon­tex­tua­li­siert, statt in Zeitungen unter anderem von Fachexpert:innen rezi­piert und disku­tiert zu werden?

Es ist nicht nur deshalb wichtig, Geschichte zu verkom­pli­zieren, um die mitein­ander verfloch­tenen Erfah­rungen – Leid, Wider­stand und Befreiung – sichtbar zu machen, die Juden und Jüdinnen, Muslime und Muslima sowie Schwarze in Deutsch­land teilten, sondern auch, weil es weitere Ereig­nisse gibt, für die Deutsch­land eine Verant­wor­tung trägt. Neben dem Völker­mord an den Nama und Herero, gehören hierzu auch die Verbre­chen an den Sinti und Roma, den sowje­ti­schen, polni­schen und homo­se­xu­ellen Opfern des Holo­caust sowie jenen des Eutha­na­sie­pro­gramms, denen Deutsch­land lange nicht ange­messen gedachte. Doch könnten die zusätz­li­chen Denk­mäler, die zwei­fels­ohne noch errichtet werden, diesmal mit glei­chen Rechten für jene einher­gehen, die immer noch von Rassismus, Sexismus, Ableismus und Homo­phobie betroffen sind, dessen Ursprünge, wie Anti­se­mi­tismus, nicht von weit her kommen, sondern schon lange bei uns und immer noch „chez nous“ sind? Denk­mäler sind schon fast zu einem belas­tenden Symbol des poli­ti­schen Still­stands geworden. Viele Betrof­fene wollen aber, statt rituell in Stein gehauen zu werden, lieber mit Geist und Verstand unter den Lebenden wandeln und selbst zur Erin­ne­rungs­kultur beitragen.

Unsere Geschichten bitte inklusive

Für einige rechts­kon­ser­va­tive Deut­sche sind genau jene lebenden Juden, Einwanderer:innen und ihre Kinder, die neue Narra­tive aktiv mitge­stalten wollen, zum Problem geworden: Jene ehren­amt­li­chen refugee guides, die sich vorstellen können, als mehr­spra­chige Geflüch­tete die Kurator:innen einer neuen natio­nalen Dauer­aus­stel­lung zu werden. Oder die musli­mi­sche Geschichts­leh­rerin, deren Hijab plötz­lich ein Dorn im Auge ist – war er nicht in Ordnung, als ihre Mutter ihn trug und in derselben Schule die Toiletten putzte? Deutsch­land hat durch seine mehr­spra­chige Bevöl­ke­rung beson­ders wert­volles Kapital. Doch statt in Berlin-Neukölln Studie­rende zu rekru­tieren, um zwei­spra­chige Kulturdiplomat:innen, Archäolog:innen und Kunsthistoriker:innen auszu­bilden, die sich bei Ausgra­bungen und den nun angeb­lich so wich­tigen Resti­tu­ti­ons­ver­hand­lungen mit Kolleg:innen aus den Herkunfts­län­dern verstän­digen können, werden diese Stärken als Hindernis betrachtet. Es gibt kein deut­sches Pendant zur Londoner SOAS, der „School of Oriental & African Studies“. Die in Deutsch­land selten ange­bo­tenen Black Studies haben sogar eine proble­ma­ti­sche Geschichte, da Schwarze Wissenschaftler:innen von Planung und Lehre ausge­schlossen wurden.  Ebenso gibt es in Deutsch­land immer noch keine Debatte über die „Deko­lo­ni­sie­rung des Curri­culums“, während die German Studies im Ausland aktiv deko­lo­ni­siert werden. Dieses Versäumnis über­rascht kaum, wenn deut­sche Medien zuweilen allen Ernstes so spre­chen, als ob die Post­co­lo­nial Studies bedroh­li­cher seien als die AfD.

Geschichte ist nie neutral. Sie wird von jenen geprägt, die sie konstru­ieren. Damit eine inklu­si­vere Version gelingt, spielt es eine Rolle, wer über­haupt Geschichte schreiben darf. „Wenn unsere Kolleg:innen der Nach­wuchs der Nazis sind“, dann nicht deshalb, weil sie „als Deut­sche geboren wurden“, so Wendy Shaw, eine inter­na­tional renom­mierte Expertin für isla­mi­sche Kunst, sondern „weil viele von ihnen das Wesen von Auto­rität und Ausgren­zung nicht reflek­tiert haben und weil die weiß-patriarchalische Hier­ar­chie im Herzen der Univer­si­täten nicht durch ein funk­tio­nie­rendes System der Viel­falt und Inklu­sion ersetzt“ wurde. Als im vergan­genen Jahr „Black Lives Matter-Statements“ die Webseiten von vorwie­gend weißen Geschichts­fa­kul­täten in den USA und Groß­bri­tan­nien füllten, entging es den Kolleg:innen im Ausland nicht, dass Historiker:innen in Deutsch­land schwiegen. Ein Tweet lautete: „Sogar mein Schwimm­verein spricht sich für #BLM aus – aber deut­sche Histo­riker tun es nicht.“ Die Beob­ach­tung wurde für mich zum Aufhänger eines Blog­ein­trags zum Thema Rassismus, Geschichte und Wissen­schaft, gefolgt von Lösungs­vor­schlägen, die unter anderem die Erhe­bung von Daten über ethni­sche Minder­heiten in der Wissen­schaft umfasste. Es ist nicht ohne Ironie, dass statis­ti­sche Daten, die helfen könnten, Diskri­mi­nie­rung zu bekämpfen, ausge­rechnet in Deutsch­land umstritten sind, weil sie einst die Verfol­gung von Juden und Jüdinnen erleich­terten. Gera­dezu beun­ru­hi­gend ist jedoch, wenn befürchtet wird, solche Daten könnten auch heute noch in die falschen Hände geraten. Trotzdem werden wir para­do­xer­weise immer nach Beweisen gefragt, um Diskri­mi­nie­rung zu belegen.

Derweil weigert sich die deut­sche Wissen­schaft anzu­er­kennen, dass sie große Teile der Gesell­schaft von ihrem System ausschließt. Im Verei­nigten König­reich hat ein Bericht der Royal Histo­rical Society erheb­liche Diskri­mi­nie­rungs­me­cha­nismen aufge­zeigt und daraus einen Leit­faden entwi­ckelt. Ähnliche Zahlen ließen sich auch in Deutsch­land finden. Dieje­nigen, die dort versu­chen, ihre Insti­tute zu diver­si­fi­zieren, berichten von heftigem Wider­stand, Stellen mit dem Hinweis zu versehen, dass Diver­sität explizit erwünscht sei. Wendy Shaws Professur an der FU Berlin läuft aus: Man hätte meinen können, dass sie auch ange­sichts ihres muslimisch-türkischen und amerikanisch-jüdischen Hinter­grunds in einer Stadt wie Berlin unver­zichtbar wäre.

Noch ohren­be­täu­bender als das Schweigen der deut­schen Wissen­schaft und Museen während der Black-Lives-Matter-Proteste, war das Schweigen, das bis heute nach­hallt. Manchmal fühlt es sich an, als würde man wie Sisy­phos einen Stein – viel­leicht ein Denkmal? – einen steilen Trüm­mer­berg hinauf­schieben. Da auch ich nur befristet als Wissen­schaft­lerin einge­stellt bin, kenne ich die Ängste der Kolleg:innen in einem System, das nur wenigen Dauer­stellen gewährt. Es beruht immer noch weit­ge­hend auf Selbst­re­kru­tie­rung und Patro­nage – während die Tatsache, dass viele People of Color und solche ohne tradi­tio­nellen „Habitus“ ohnehin nie entspre­chende Patrone hatten, gewis­ser­maßen unser „Allein­stel­lungs­merkmal“ ist. Manch eine:r äußerte, dass Kritik am System oder die Zeit­in­ves­ti­tion in etwas, das nicht direkt den eigenen Karrie­re­zielen dient, diesen am Ende ja auch schaden könnte. Was verrät das über ein Land, in dem die kollek­tive Pflicht „nie wieder“ lautet, während Anti­se­mi­tismus und Rassismus immer wieder zurück­kehren, und anti­ras­sis­tisch zu sein wahl­weise als Risiko oder als Zeit­ver­schwen­dung ange­sehen wird?

Ist es nicht zutiefst beun­ru­hi­gend, dass Schwarze deut­sche Geschichte meist von Schwarzen Wissenschaftler:innen geschrieben wird, die frei­be­ruf­lich oder im Ausland tätig sind? Gelang es ihnen, zu bleiben, werden sie nicht selten zur Ziel­scheibe weiterer rassis­ti­schen Beschimp­fungen (so erging es Maureen Maisha Auma, als sie darauf hinwies, dass das einzige Schwarze Personal an den meisten deut­schen Univer­si­täten, das Reini­gungs­per­sonal ist). Sind „wir“ mit diesen Zuständen einver­standen? Wie vielen ist bewusst, wie sehr diese Tatsa­chen mit dieser Debatte hier zusam­men­hängen? Ausgren­zung und stille Konfor­mität setzen sich nicht trotz, sondern gerade weil sie Teil der Vergan­gen­heit unseres Landes sind, immer weiter fort.

Es ist deshalb an der Zeit zu fragen, was hier eigent­lich gerade genau vor sich geht. Inner­halb Deutsch­lands wenden sich viele desil­lu­sio­niert vom tradi­tio­nellen Feuil­leton und den Museen ab und entscheiden sich für andere Räume wie Kunst, Lite­ratur, Theater, Podcasts, sozialen Medien und Blogs. In unserem eigenen Blog, 100 Histo­ries, schreiben Stimmen aus dem Globalen Süden elimi­nierte Geschichten aus Sicht der Orte und Menschen, von denen Muse­ums­ob­jekte einst gewaltsam entwendet wurden, zurück in die weißen Narra­tive ein.

Wer wollen wir als Teil­neh­mende einer Debat­ten­kultur in Zukunft sein? Während die Diskus­sion um die Plura­li­sie­rung der Erin­ne­rungs­kultur als Genera­tio­nen­frage darge­stellt wird, sehe ich das Problem eher darin, dass sich Menschen, die sich eigent­lich gegen­seitig zuhören sollten, immer seltener im selben Raum befinden. Die Hohe­priester, auf die sich Moses bezieht, hadern nicht nur mit der Idee des Ruhe­stands, sondern gehen irrtüm­li­cher­weise auch davon aus, dass ihre Geschichts­schrei­bung einst nicht ebenso von Ideo­logie geprägt war. Statt zuzu­hören, bedienen sich einige nun einer fahr­läs­sigen Rhetorik, die lebende Juden und Jüdinnen trifft – Philo­se­mi­tismus mit einge­schlossen – oder dieje­nigen denun­ziert, die von Nach­wir­kungen des Kolo­nia­lismus täglich betroffen sind. Viele von uns haben älteren Genera­tionen jahr­zehn­te­lang mit Respekt zuge­hört, Argu­mente bewun­dert und von ihnen gelernt, andere viel­leicht im Stillen hinter­fragt. Ist es wirk­lich zu viel, nun eben­falls Gehör und Respekt zu verlangen?

Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie es etablierten Medien und Museen, Schalt­stellen einer sich wandelnden Erin­ne­rungs­kultur, gelingen soll, nicht an Rele­vanz zu verlieren, wenn sie sich jetzt nicht auf neue inter­na­tio­nale Forschungs­an­sätze einlassen – und ihr Personal entspre­chend anpassen. Meinungs­ar­tikel über die Nach­wir­kungen des Kolo­nia­lismus werden immer noch von weißen Autor:innen statt von Betrof­fenen geschrieben. Publi­ka­tionen über kolo­niale Raub­kunst folgen meist einem weißen Retter­kom­plex. Doch was, wenn Herkunfts­ge­mein­schaften nicht alle ihre Objekte zurück­haben wollen, nur weil Europa nun beschlossen hat, dass sie sie loswerden wollen? Wer bestimmt die Kondi­tionen für ihre Rückgabe?

In Groß­bri­tan­nien fragen Kultur­schaf­fende of Colour, darunter die Gruppe Muse­um­detox, was Museen seit Black Lives Matter erreicht haben. Warum meinen deut­sche Insti­tu­tionen, sich solchen Gesprä­chen entziehen zu können – in derselben Woche, in der heftige Kritik an den Repa­ra­ti­ons­zah­lungen an Namibia für den Genozid geübt wurde? Das Humboldt-Forum wäre die einma­lige Chance gewesen, vernach­läs­sigte Teile deut­scher Geschichte aufzu­ar­beiten und im glei­chen Atemzug die Kurator:innenlandschaft zu diver­si­fi­zieren. Statt­dessen wurde vier Tage nach der Ermor­dung George Floyds auf der Kuppel ein Kreuz errichtet – nicht zuletzt auch ein Symbol weißer christ­li­cher Vorherr­schaft. Nun müssen jüdi­sche, musli­mi­sche und Schwarze Mitarbeiter:innen, deren Vorfahren viel­leicht im Namen des Chris­ten­tums in den Kolo­nien Gewalt, den Raub von Objekten und Zwangs­mis­sio­nie­rung erfahren haben, unter seinem Dach arbeiten – sofern sie einge­stellt werden. Um die Ecke des Humboldt-Forums forderten Black-Lives-Matter Demonstrant:innen kurz darauf laut­stark Gerech­tig­keit, während andern­orts in Europa Statuen von Kolo­ni­al­herren und Skla­ven­händ­lern fielen. Ein Paradox, dass an Perfi­dität kaum zu über­treffen ist.

All dies verdient Satire. Mir erschien der Sarkasmus in Moses Essay, der einigen Leser:innen miss­fallen hat oder entgangen zu sein scheint, daher beim ersten Lesen ange­messen. Dass ein Wissen­schaftler, der auf margi­na­li­sierte Stimmen hört, mit einem popu­lis­ti­schen Autor in einen Topf geworfen wird, statt dass man sich ernst­haft und genau mit den zentralen Punkten seiner Argu­men­ta­tion – ein Plädoyer für eine inklu­si­vere Geschichts­schrei­bung – ausein­an­der­setzt, zeigt zwei­erlei: erstens, dass viele diese Pola­ri­sie­rung in ihrer auf wenige Aspekte redu­zierten Kritik an Dirk Moses immer wieder perp­etu­ieren; und, zwei­tens, wie sehr sie sich von den Anliegen der jüngeren, multi­kul­tu­rellen Bevöl­ke­rung entfernt haben. Doch während die einen um Macht und Deutungs­ho­heit fürchten, fürchten andere um ihr Leben. In ihrem Essay über das Schweigen der Juden und Jüdinnen in Deutsch­land schreibt Wendy Shaw: „Es ist sinn­voll und wichtig, die Systeme, die Gewalt aufrecht­erhalten, zu analy­sieren und zu unter­graben, um neue Systeme aufzu­bauen, die eine Wieder­ho­lung der Schre­cken der Vergan­gen­heit vermeiden. Ob Deut­sche oder Nicht-Deutsche, unsere kollek­tive Sünde ist nicht das Versagen, die Vergan­gen­heit zu erkennen, sondern unsere Unfä­hig­keit, ihre Wieder­ho­lung zu verhin­dern.“ Es wird Zeit, Erin­ne­rungs­kultur radikal umzu­denken. Die Vergan­gen­heit wurde nicht im Geringsten bewäl­tigt. Wenn große Teile der post­mi­gran­ti­schen Gesell­schaft befürchten, die nächste Ziel­scheibe zu sein, ist es an der Zeit, sich einzu­ge­stehen, dass der bishe­rige Ansatz schlicht und ergrei­fend nicht funk­tio­niert hat.

Über­set­zung: Svenja Golter­mann und Philipp Sarasin
Der Artikel erschien erst­mals auf dem  New Fascism Syllabus, als Teil einer Debatte über den Essay von A. Dirk Moses über den „Deut­schen Kate­chismus“. Die hier veröf­fent­lichte Fassung wurde für die Über­set­zung leicht über­ar­beitet und gekürzt.
  • Mirjam Brusius (PhD History and Philosophy of Science, Univ. of Cambridge) ist Kolonial- und Wissenschaftshistorikerin mit dem Schwerpunkt materielle und visuelle Kultur sowie Mitinitiatorin des Projekts 100 Histories of 100 Worlds in 1 Object. Ihre aktuellen Buchprojekte (unter Vertrag mit The University of Chicago Press und Oxford University Press) beschäftigen sich mit Fotografie und Empire, sowie Museums- und Sammlungsgeschichte zwischen Europa und dem Nahen Osten.