In Berlin will der Bürgermeister einen millionenteuren Zaun um den Görlitzer Park bauen. Warum? Aus Gründen der Sicherheit. Doch solche Sicherheitspolitiken schüren bloß die Unsicherheit. Was tatsächlich helfen würde, wäre eine Stärkung der Sozialen Arbeit.

  • Jule Govrin

    Jule Govrin ist Philosophin und politische Autorin. Sie forscht an der Schnittstelle von Sozialphilosophie, Politischer Theorie, Feministischer Philosophie und Ästhetik. Zuletzt hatte sie eine Gastprofessur am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin und ist im Wintersemester 2024/25 Gastprofessorin am Institut für Philosophie an der Universität Hildesheim. Zu Ihren Büchern zählen u.a. Politische Körper. Von Sorge und Solidarität (Matthes & Seitz 2022), Begehrenswert. Erotisches Kapital und Authentizität als Ware (Matthes & Seitz 2023) und Universalismus von unten. Eine Theorie radikaler Gleichheit (Suhrkamp 2024).

Der in Kreuz­berg gele­gene Görlitzer Park gilt in sicher­heits­po­li­ti­schen Diskursen aufgrund von Drogen­handel und Beschaf­fungs­kri­mi­na­lität als Brenn­punkt. Die Berliner Polizei stufte ihn 2020 als „krimi­na­li­täts­be­las­teter Ort“ ein. Schlag­zei­len­trächtig wurde über den „wohl berühmteste[n] und berüchtigtste[n] Park Deutsch­lands“ berichtet. Als 2023 eine Grup­pen­ver­ge­wal­ti­gung zur Anklage kam, nahm dies der CDU-Bürgermeister Kai Wegner zum Anlass, rigo­rose Maßnahmen ins Auge zu fassen – eine nächt­liche Abrie­ge­lung des Parks durch Zäune und Dreh­kreuze. Dafür insze­nierte er sich medi­en­wirksam als hemds­är­me­liger Macher mit Sprü­chen wie „Am liebsten würde ich den Zaun selbst setzen“ und hantierte mehr­fach mit falschen Zahlen.

Der Görlitzer Park als Gemeinschaftsort

Der Görlitzer Park ist ein inter­kul­tu­reller, gemein­schaft­li­cher Ort des öffent­li­chen Lebens, dessen Erschlie­ßung Ende der 1980er von den Anwohner*innen und Hausbesetzer*innen erkämpft wurde. Damals wurde er von den post­mi­gran­ti­schen Fami­lien im anlie­genden Wran­gel­kiez zärt­lich Gölizar genannt, nach einem türki­schen Frau­en­namen. Heut­zu­tage gibt es dort neben Spazier­wegen und der Grill­wiese einen Kinder­bau­ernhof, einen Aben­teu­er­spiel­platz und Sport­plätze. Und dies in einem Kiez, in dem die wenigsten einen Balkon, geschweige denn einen Garten haben, in dem viele Menschen wenig Geld haben und Grün­flä­chen spär­lich gesät sind. Dort befindet sich das Colab, das von den Streetworker*innen des Vereins Gangway betrieben wird, eine Anlauf­stelle für wohnungs­lose und für drogen­kon­su­mie­rende Menschen. Ihre Arbeit wird durch die sehr präsenten Poli­zei­kon­trollen massiv erschwert. Dabei liegt gerade darin eine lang­fris­tige Möglich­keit, der Problem­lage im Park und im umlie­genden Kiez entge­gen­zu­wirken, die sich durch die Wohnungs­krise, aber auch als Drogen­pro­ble­matik durch das Aufkommen von Crack in den letzten Jahren verschärft hat.

Vom Sicher­heits­gipfel zum Sozialgipfel

2023 luden Wegner und die SPD-Innensenatorin Iris Spranger zu einem „Sicher­heits­gipfel“ zum Görlitzer Park ein, bei dem sie den Zaunbau als zentrales Ziel nannten. Aller­dings fand dieser Gipfel unter Ausschluss der Öffent­lich­keit statt, ohne Anwohner*innen und Expert*innen. Dabei warnen Expert*innen wie der Krimi­no­loge Thomas Feltes eindring­lich, dass solch eine Verdrän­gungs­maß­nahme soziale Probleme bloß verla­gern und sogar verschlim­mern würde. Auch der Krimi­no­loge Tobias Sing­le­stein meint, mit Wegner und Spranger finde „eine poli­ti­sche Debatte statt, die eigent­lich nicht an der Lösung der Sach­fragen vor Ort inter­es­siert ist, sondern vor allem symbo­li­sche Maßnahmen gene­riert, um die öffent­liche Debatte zufrie­den­zu­stellen und zu zeigen, dass man etwas unternimmt“.

Mit der Forde­rung, dass es für die Probleme im Kiez nach­hal­tiger Ansätze der Sozialen Arbeit bedarf, grün­dete sich 2023 das Bündnis Görli zaun­frei, das sich  aus Sozialarbeiter*innen und Anwohner*innen zusam­men­setzt. Es fordert soziale Lösungen für soziale Probleme. Statt der nächt­li­chen Schlie­ßung und der Poli­zei­kon­trollen des Racial Profiling, die gezielt PoC-Personen fest­halten und über­prüfen, braucht es, so das Bündnis, neben der Stär­kung der aufsu­chenden Sozialen Arbeit Hilfs­an­ge­bote für Drogen­kon­su­mie­rende und Obdach­lose, damit „Menschen ohne Arbeits­er­laubnis […[ legale Beschäf­ti­gungs­mög­lich­keiten erhalten“ und „Frau­en­häuser, Gewalt­schutz­am­bu­lanzen und gewalt­prä­ven­tive Projekte weiter ausge­baut und mit entspre­chenden finan­zi­ellen Mitteln ausge­stattet werden“.

Das Bündnis veran­stal­tete Anfang September einen Sozi­al­gipfel im Görlitzer Park, als Gegen­format zum Sicher­heits­gipfel des Senats. Dort über­legten Expert*innen wie Tobias Sing­le­stein, die femi­nis­ti­sche Stadt­for­schern Stefanie Bock, der inter­kul­tu­relle Mediator Moro Yapha, Dirk Schäfer von der Berliner Aids­hilfe und Astrid Leicht von Fixpunkt, einem Projekt der Drogen­hilfe und Gesund­heits­för­de­rung, gemeinsam mit Anwohner*innen, wie man den Park umge­stalten könnte. Es kamen unzäh­lige Ideen auf, zum einen die bestehenden Struk­turen zu erwei­tern, wie die Parkläufer*innen, die jede Nacht da sein sollten, zum anderen sichere Konsum- und Aufent­halts­räume zu schaffen und Kontakt­orte wie Kioske einzu­richten. Damit formu­lierten sie ähnliche Punkte wie im Beschluss des Sicher­heits­gip­fels des Senats, der eben­falls Maßnahmen der sozialen und gesund­heit­li­chen Hilfs­an­ge­bote beinhaltet – Maßnahmen, die jedoch nur schritt­weise umge­setzt wurden oder noch auf ihre Umset­zung und Verste­ti­gung warten.

Doch das Bündnis geht mit seinen Forde­rungen weiter, und zwar im Bestreben, den Park gemein­schaft­lich umzu­ge­stalten . Während der Senats­be­schluss Zäune, Dreh­kreuze, Abhol­zungen und Flut­licht­an­lagen vorsieht, will das Bündnis die Mauern abbauen, dem Park die Enge nehmen und die Eingänge verbrei­tern, um den nächt­li­chen Angst­raum durch Nähe zu den belebten Straßen zu verrin­gern und ihn so für Frauen und queere Menschen sicherer zu gestalten. So ließe sich der Park zu einem „offenen öffent­li­chen Raum“ machen, wie es Stefanie Bock ausdrückte. Auch um der Drogen­pro­ble­matik im Park zu begegnen, braucht es mehr, nicht weniger Menschen im Park. Juri Schaf­frank, der bei Gangway tätig ist, sagt hierzu: „Je belebter und leben­diger der Park durch verschie­dene Gruppen ist, desto weniger sind Drogen ein Problem. Ein Dealer wird, wenn die Massen um ihn herum sind, nicht anfangen, seine Drogen wie olle Kamellen zu verteilen.“

Öffent­li­cher Raum in der gentri­fi­zierten Stadt

In der Debatte um den Görlitzer Park treten mithin Konflikt­li­nien hervor, wie sie sich derzeit in vielen Städten zeigen. Gentri­fi­zie­rung und Wohnungs­krisen verschärfen soziale Probleme. Doch anstatt die Krisen­ur­sa­chen anzu­gehen, antwortet die Politik mit diszi­pli­nären Kontroll­maß­nahmen, die den koope­ra­tiven Ansätzen der Sozialen Arbeit entgegenlaufen.

Städte werden immer stärker zu reinen Konsum­räumen umstruk­tu­riert, mit Einkaufs- und Restau­rant­meilen. Menschen, die nicht zur zahlungs­kräf­tigen Kund­schaft gehören, sind in solchen urbanen Szena­rien uner­wünscht. Zugleich nimmt die soziale Ungleich­heit bei rasant stei­genden Wohn- und Lebens­hal­tungs­kosten zu. Je stärker Städte gentri­fi­ziert und kommer­zia­li­siert werden, umso umkämpfter der öffent­liche Raum. Ob Plätze oder Parks, sie stehen im Zentrum dieser Kämpfe. Plätze wie der Görlitzer Park oder das nahe­ge­le­gene Kott­busser Tor werden als Orte der Krimi­na­li­täts­be­las­tung gebrand­markt. Glei­cher­maßen werden bestimmte Gruppen als gesell­schaft­liche Gefahr markiert, entlang rassis­ti­scher und klas­sen­be­dingter Muster, meist Drogen­kon­su­mie­rende und Drogen­ver­kau­fende. Dafür wird, schreibt der Stadt­for­scher und Sozio­loge Marc Diebä­cker, die „ordnungs­po­li­ti­sche Verdrän­gung und Krimi­na­li­sie­rung der proble­ma­ti­sierten Anderen […] diskursiv vorbe­reitet, indem zuvor tole­rierte Nutzungen […] inten­siver proble­ma­ti­siert und den ‚erstre­bens­werten‘ Nutzungs­prä­fe­renzen und Geschmä­ckern von Ober- und Mittel­klas­se­mi­lieus gegenübergestellt werden“.

Durch Verdrän­gungs­maß­nahmen werden die reell exis­tie­renden Probleme für alle Betrof­fenen nicht gelöst, viel­mehr verschlim­mert sich so die Lage vor Ort. Denn die raum­ein­neh­menden Poli­zei­kon­trollen inter­ve­nieren in Hand­lungs­felder der aufsu­chenden Sozialen Arbeit und erschweren deren Möglich­keiten, mit den Menschen, die auf der Straße leben und Drogen konsu­mieren, in Bezie­hung zu treten und ihnen Hilfs­an­ge­bote zu machen. Dazu kommen vonseiten des Staats die enormen Kürzungen im sozi­al­po­li­ti­schen Bereich, die oftmals durch die mone­täre Aufrüs­tung von Kontroll­in­stanzen wie mobilen Einsatz­sta­tionen der Polizei und Video­über­wa­chung gerecht­fer­tigt werden. Diese werden zwar als Lösung für die sozialen Probleme ange­priesen. Doch je mehr die Mittel im Sozialen gestri­chen werden, desto mehr nimmt die Unsi­cher­heit zu und Maßnahmen von Law and Order werden durch­setz­barer – ein sicher­heits­po­li­ti­scher Teufels­kreis, so scheint es.

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Genau solch eine ordnungs­po­li­ti­sche Dynamik lässt sich daher auch rund um den Görlitzer Park beob­achten. Während sich in den Kalku­la­tionen des Senats die Kosten für Bau und Erhal­tung des Zauns auf rund 2 Millionen Euro mitsamt jähr­li­chen 800.000 Euro für laufende Kosten erhöhen, scheint dem Senat nicht an der Umset­zung der anderen Punkte des Gipfel­be­schlusses gelegen. Zuge­sagte Gelder werden kurz­fristig gesperrt, dann nach Protesten doch frei­ge­geben wie im Falle von Ohlauer 365, einer Notüber­nach­tungs­stelle für obdach­lose Menschen, die im Rahmen des Sicher­heits­gip­fels beschlossen worden war. Auch andere Projekte rund um den Park sind über die unsi­chere Mittel­ver­gabe zuge­sagter Gelder, die plötz­lich gesperrt, komplett gekürzt oder nur schritt­weise und verspätet bewil­ligt werden, verun­si­chert – wie die Streetworker*innen bei Gangway.  So zermürbt der Senat nicht nur die ohnehin belas­tende Arbeit vom Sozialarbeiter*innen, ebenso schürt er weitere Unruhe und Unsi­cher­heit in soge­nannten „Problem­kiezen“.

Wessen Sicher­heit?

Die Ausein­an­der­set­zung um den Görlitzer Park bietet ein Para­de­bei­spiel, wie staat­liche Sicher­heits­po­litik in Span­nungs­ver­hältnis zu Sozialer Arbeit geraten, wenn Regie­rende auf begrenzte finan­zi­elle Mittel verweisen und unum­gäng­liche Kürzungen im Sozialen behaupten. Mit gesten­hafter Symbol­po­litik, wie sie Bürger­meister Wegner und Innen­mi­nis­terin Spranger an den Tag legen, wird Sicher­heit zum leeren Platz­halter, um an selbst gesetzten Zielen fest­zu­halten, die ihnen die Gunst der Wähler*innen einbringen sollen. Das sind wohl­ge­merkt nicht die Anwohner*innen der umlie­genden Kieze, die diese geplanten Maßnahmen betreffen. Wegner weiß als CDU-Politiker nur zu gut, dass er an Wähler­stimmen im links geprägten, grün regierten Kreuz­berg wenig zu gewinnen hat. Seine Symbol­po­litik zielt auf seine Wähler­schichten in den Außen­be­zirken ab, dem Speck­gürtel, die den Görli, wie der Park in Kreuz­bergs Umgangs­sprache heißt, eher aus Medi­en­be­richten, denn aus ihrem Alltag kennen.

Die grüne Bezirks­bür­ger­meis­terin Clara Herr­mann, die im Gegen­satz zu Wegner und Spranger im Austausch mit Anwohner*inneninitiativen und Sozialarbeiter*innen steht, stellt sich klar gegen das Zaun­bau­pro­jekt. Um gegen den Willen des Bezirks den Zaunbau durch­zu­drü­cken, hat der Senat sogar das Grün­flä­chen­ge­setz geän­dert: Mit dem Görlitzer Park als Präze­denz­fall erlaubt die neue Geset­zes­lage, in sämt­li­chen Berliner Park­an­lagen Über­wa­chung durch­zu­setzen und Verbots­mög­lich­keiten auszu­weiten. Durch solch eine „Verpo­li­zei­li­chung des Grün­an­la­gen­rechts“ werden öffent­liche Räume der Verhal­tens­kon­trollen unter­stellt, es „drohen nicht nur Park­schlie­ßungen, sondern auch andere Frei­heits­ein­schrän­kungen wie zum Beispiel Bettel- und Alko­hol­ver­bote“, so der Anwalt David Werder­mann, der bei der Gesell­schaft für Frei­heits­rechte tätig ist.

Koope­ra­tion statt Kontrolle: Soziale Arbeit als egali­täre Praxis

Soziale Arbeit liefert sicher­lich keine kurz­fris­tigen Lösungen, doch die bieten Poli­zei­kon­trollen ebenso wenig. Sie haben Konflikte in den Kiezen verstärkt, weil die Menschen, die sich im Park aufhalten, dort Drogen verkaufen oder konsu­mieren, in die Stra­ßen­ecken und Haus­ein­gänge ausweichen.

Indessen reichen die zu bewäl­ti­genden Krisen weit über den Wirkungs­kreis Sozialer Arbeit hinaus. Die Wohnungs­krise, die in Städten um sich greift, kann nicht sozi­al­ar­bei­te­risch gelöst werden, hierfür braucht es neben Housing First-Projekten schlichtweg andere Miet­po­li­tiken, wie eine Eindäm­mung der ausufernden Immo­bi­li­en­spe­ku­la­tion und die Verge­sell­schaf­tung von Wohn­raum. Auch die Drogen­pro­ble­matik kann nicht allein sozi­al­ar­bei­te­risch ange­gangen werden. Denn die Probleme derje­nigen, die in finan­zi­eller Zwangs­lage im Park dealen, entstehen daraus, dass sie als Geflüch­tete keine Arbeits­er­laubnis erhalten. Solch eine migra­ti­ons­pro­ble­ma­ti­sche Proble­matik kann nur außer­halb der Sozialen Arbeit gelöst werden. Daher kann sie stets nur abfe­dern, was an anderer Stelle poli­tisch grund­le­gend gehand­habt werden müsste. Doch diese abfe­dernde Wirkung sollte nicht unter­schätzt werden. Es macht einen reellen Unter­schied, ob es sozi­al­ar­bei­te­ri­sche Ansprache und Ange­bote gibt oder ob Menschen komplett durch sämt­liche sozialen Sicher­heits­netze fallen gelassen werden.

Soziale Arbeit adres­siert die Erfah­rung des Verwund­bar­seins, genauer gesagt der struk­tu­rellen Verwund­bar­ma­chung, durch Armut und Diskri­mi­nie­rung. Sie geht von der allsei­tigen Abhän­gig­keit und Verbun­den­heit aus und folgt als menschen­recht­liche Profes­sion dem Anspruch auf Gleich­heit und Allge­mein­wohl. Dies wider­spricht dem libe­ralen Leit­ideal des für sich stehenden, auto­nomen Menschen, das mit einem Voka­bular der Eigen­ver­ant­wort­lich­keit daher­kommt. Dieses Leit­ideal birgt Schat­ten­seiten. Denn all jene, die nicht dem Ideal entspre­chen, wird die Hand­lungs­macht sogleich abge­spro­chen – statt frei­heit­li­cher Auto­nomie kommt auto­ri­täre Diszi­plin ins Spiel. Solche Umschlag­mo­mente sieht man in den gegen­wär­tigen Reden über Bürgergeld-Empfänger*innen, für die Politiker*innen aus den Reihen FDP und CDU, aber auch SPD harte Sank­tionen fordern. In anderer Weise erkennt man sie in den sicher­heits­po­li­ti­schen Reden über Drogen­süch­tige und Migrant*innen wie in der Debatte rund um den Görlitzer Park. Sie betreiben eine Politik der Ungleich­heit. Dagegen sind sozi­al­ar­bei­te­ri­sche Prak­tiken egalitär, sobald sie sich bemühen, die Bedürf­nisse aller zu beachten, im Bestreben in unglei­chen Umständen Ansprache und Austausch zu ermög­li­chen. Diese Gleich­heits­praxis bleibt unwei­ger­lich prekär, weil die Lebens­lagen und Sprech­si­tua­tionen weit ausein­ander gehen.

Stadt­po­li­tiken von unten

Dass öffent­liche Räume in Zeiten von Wohnungs­krisen und Immo­bi­li­en­spe­ku­la­tion, von anstei­gender Armut, um sich grei­fender Unsi­cher­heits­at­mops­häre so umkämpft sind, bringt starke stadt­po­li­ti­sche Bewe­gungen von unten hervor. In Berlin sind neben besagtem Bündnis rund um den Görlitzer Park die Kampagne Deut­sche Wohnen & Co enteignen zu nennen, die in einem Volks­ent­scheid über die Verge­sell­schaf­tung von Wohn­raum abstimmen ließ, und der Volks­ent­scheid, der das Tempel­hofer Feld nach Schlie­ßung des Flug­haften zu einem Frei­raum für alle machte. Wie schon davor unter der SPD-Bürgermeisterin Fran­ziska Giffey geht die CDU geführte Regie­rung gegen diese demo­kra­ti­schen Entschlüsse vor, verwei­gert sich der Umset­zung des Volks­ent­scheids von Deut­sche Wohnen & Co enteignen und plant die Rand­be­bauung des Feldes gegen den demo­kra­ti­schen Beschluss der Berliner*innen. Dieser auto­ri­täre Stil zeigt sich ebenso in den Bestre­bungen des Zaun­baus und im Unwillen, sich mit den Bedürf­nis­lagen und Vorschlägen von Anwohner*innen und den Kiezexpert*innen der Sozialen Arbeit vor Ort auseinanderzusetzen.

Im Gegen­satz zu diesem auto­ri­tären Stil lassen sich solche zivil­ge­sell­schaft­li­chen Bewe­gungen als radi­kal­de­mo­kra­ti­sche Prak­tiken auffassen, die eng mit Sozialer Arbeit verbunden sind. Die sozi­al­ar­bei­te­ri­sche Bezie­hungs­ar­beit, die sich um Ansprache mit den von Sucht oder Wohnungs­lo­sig­keit betrof­fenen Menschen bemüht, erweist sich als egali­täre Praxis, wenn sie sich das Gute Leben für alle zum erstre­bens­werten, wenn auch weit entfernten Ziel setzt. Sie wird wirksam in Zusam­men­spiel mit gras­wur­zel­mä­ßigen Stadt­po­li­tiken von unten und bietet eine Verbin­dung­s­telle zwischen zivilem Enga­ge­ment und staat­li­chen Institutionen.

Für Stadt­po­li­tiken von unten bedarf es daher der Sozi­al­ar­bei­tenden. Sie sind in Bezie­hung zu den Menschen vor Ort, kennen deren Wünsche, deren Bedürf­nisse, deren Sorgen, lernen von deren internen Kennt­nissen über die prekäre Lage, als soli­da­ri­sche Kiezexpert*innen mit viel­schich­tigen Wissen, was sie weiter­geben, wenn es ihnen gelingt, nicht pater­na­lis­tisch oder bevor­mun­dend aufzu­treten. Solche sozi­al­ar­bei­te­ri­schen Prak­tiken finden sich jeden­falls beim Bündnis rund um den Görlitzer Park, wo es gerade darum geht, nicht über die Menschen, die im Fokus der Sicher­heits­po­litik stehen, zu spre­chen, sondern mit ihnen das Gespräch zu suchen. Ob wohnungs­lose oder drogen­kon­su­mie­rende Menschen, von deren Ängsten die Streetworker*innen von Gangway und Fixpunkt berichten können. Oder die Drogen­ver­käufer, die im Austausch mit den Parkläufer*innen und inter­kul­tu­rellen Mediator*innen wie Moro Yapha sind.

Projekte der Sozialen Arbeit, die in Stadt­po­li­tiken von unten invol­viert sind und mit  zivil­ge­sell­schaft­li­chen Initia­tiven zusam­men­ar­beiten wie beim Bündnis Görli zaun­frei, bringen egali­täre, sorgende Prak­tiken hervor. Sie zeugen vom beharr­li­chen Bestreben, bei allen Unter­schieden gemein­same, soli­da­ri­sche Bande zu schaffen, um den Kiez und den Park für alle sicherer zu machen. Einmal mehr wird deut­lich: Soziale Sicher­heit entsteht nicht durch scheinbar ulti­ma­tive Lösungen wie durch einen Zaunbau, der Probleme verla­gert und verschlim­mert. Statt ausgren­zender Sicher­heits­po­litik wird soziale Sicher­heit gemeinsam herge­stellt, im Zusam­men­wirken von Politik, Sozialer Arbeit, Anwoh­ner­schaft und allen Menschen vor Ort. Gerade die Koope­ra­tion zwischen Sozialarbeiter*innen und enga­gierten Stadtbewohner*innen bildet eine egali­täre Praxis, die unwei­ger­lich prekär bleibt, und nach Formen einer soli­da­ri­schen Sicher­heit für alle sucht.

Anmer­kung: Dieser Text ist nicht allein von meinem sozi­al­phi­lo­so­phi­schen Stand­punkt, sondern ebenso aus der Binnen­per­spek­tive einer im Bündnis aktiven Anwoh­nerin geschrieben.