Sinn ohne Wort. Vom „Volks­thum“ und anderen „Thum­heiten“

Die gegenwärtige Diskussion über ein Fortwirken des Nationalsozialismus in politischen Redeweisen zeigt: Sprache ist politisch. Sie formt Weltbilder. Manchmal stellen Wörter auch dann ein Problem der offenen Gesellschaft dar, wenn sie älter sind als der Nationalsozialismus oder rasseideologische Vorstellungen.

Vergleiche der gegen­wär­tigen poli­ti­schen Lage mit der Zeit der Entste­hung des Natio­nal­so­zia­lismus sind wieder verstärkt auf der öffent­li­chen Tages­ord­nung. Es wird auf das Ende der Weimarer Repu­blik geschaut, um die Bedin­gungen und Mecha­nismen zu verstehen, die eine Demo­kratie zusam­men­bre­chen lassen. Die histo­ri­sche Folie ist aller­dings trüge­risch. Durch den direkten Vergleich geraten nicht nur Unter­schiede der histo­ri­schen Konstel­la­tion aus dem Blick, insbe­son­dere werden auch weit hinter das 20. Jahr­hun­dert zurück­ge­hende Tradi­ti­ons­li­nien poli­ti­scher Semantik verdeckt. Denn einige der Wörter, die das völki­sche Welt­bild konsti­tu­ieren, sind älter als rasseideo­lo­gi­sche Vorstel­lungen – und auch nach dem Natio­nal­so­zia­lismus nie ganz aus der deut­schen Alltags­sprache verschwunden.

So kam zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts eine Wort­gruppe auf, die sich als „natür­lich“ ausgab, tatsäch­lich aber eine dezi­dierte poli­ti­sche Stoß­rich­tung besaß: „Volkstum“, „volks­tüm­lich“ und „Volks­tüm­lich­keit“. „Volkstum“ bedeutet laut aktu­ellem Duden „Wesen, Eigenart des Volkes, wie es sich in seinem Leben, seiner Kultur ausprägt“, „volks­tüm­lich“ wird mit „in seiner Art dem Denken und Fühlen des Volkes entspre­chend, entge­gen­kom­mend (und allge­mein beliebt)“, „populär, gemein­ver­ständ­lich“ sowie „dem Volk eigen, dem Volkstum entspre­chend“ erklärt und „Volks­tüm­lich­keit“ schlicht als „volks­tüm­liche Art“ beschrieben. Mit Bildern „volks­tüm­li­cher“ Musik oder dem entspre­chenden Theater im Hinter­kopf wird in der Alltags­sprache ein Voka­bular verwendet, das einen Kollek­tiv­be­griff aufruft, durch den unter der Hand bestimmt wird, wer dazu gehört – und wer nicht. Wenn diese Abgren­zung der Zuge­hö­rig­keit und die Kate­gorie des „Volks­tüm­li­chen“ kriti­siert wird, dann wird zu Recht an die Zeit des Natio­nal­so­zia­lismus erin­nert, aber oft nicht über diesen hinaus­ge­blickt. Das vermeint­liche Alter und „Wesen­hafte“ der Wörter wird nicht weiter hinter­fragt, dabei ist das „Volkstum“ eine Erfin­dung des frühen 19. Jahrhunderts.

Das neue Volk

Um 1800 kamen in der deut­schen Sprache neue Beschrei­bungen für ein zukünf­tiges Gemein­wesen auf; das Wort „Volk“ erhielt eine neue Bedeu­tung. Meinte es zuvor ganz allge­mein Menschen­an­samm­lungen, aber auch den „Pöbel“, das „Gottes­volk“ oder das „Kriegs­volk“, wurde es nun zum poli­ti­schen Grund­be­griff des prospek­tiven natio­nalen Kollek­tivs. In dessen sich ausfor­mendem Bedeu­tungs­feld wurden zuerst die Vorstel­lungen der Fran­zö­si­schen Revo­lu­tion von „Frei­heit, Gleich­heit und Brüder­lich­keit“ adap­tiert. Mit den Napo­leo­ni­schen Kriegen wurde das Volk aber auch verstärkt von einem als fran­zö­sisch begrif­fenen Denken abge­grenzt. Das eini­gende Band sollte die deut­sche Sprache sein. Die Geister schieden sich aber bald in der Ausdeu­tung. Die einen suchten „das Volk“ mit einem Werte- und Normen­ge­füge zu verbinden, die anderen wollten es durch eine vermeint­liche gemein­same Bluts­linie begründen. Diese Diffe­renz spie­gelte sich wiederum in der Sprache.

Insbe­son­dere Joachim Hein­rich Campe versuchte den Sprach­wandel aktiv voran­zu­treiben. 1801 veröf­fent­lichte er ein zwei­bän­diges Wörter­buch mit dem bezeich­nenden Titel­zu­satz zur Erklä­rung und Verdeut­schung der unserer Sprache aufge­drun­genen fremden Ausdrücke. Campes Anspruch bestand in einer Verdeut­schung der deut­schen Sprache selbst. Er ging, den Vorstel­lungen der Fran­zö­si­schen Revo­lu­tion tief verbunden, gegen die „fremden Ausdrücke“ als Zeichen der Stan­des­un­ter­schiede an. Seiner­zeit war die Sprache des euro­päi­schen Adels Fran­zö­sisch und so rich­tete er sich vor allem auch gegen fran­zö­si­sche Ausdrücke. Für seine Wort­vor­schläge wählte er mit Vorliebe Wörter mit dem Suffix „-tum“, für das es im Fran­zö­si­schen keine Entspre­chung gab oder gibt. So ersetzte er „Antike“ und „antik“ durch „Alter­thum“ und „alterthüm­lich“ – womit er recht erfolg­reich war. Im Schatten Napo­leons fanden seine Verdeut­schungen in jenen Kreisen Anklang, die den mit der Fran­zö­si­schen Revo­lu­tion verbun­denen poli­ti­schen Begriffen ableh­nend gegen­über­standen. In diesem Radius wurden zuneh­mend neue Sammel­be­zeich­nungen, soge­nannte Kollek­tiva mit dem Suffix „-tum“ gebildet, die sich als uralt gaben und bald auch so gelesen wurden. Anstatt bestehende Gemein­sam­keiten nur zu benennen, wurden durch die Sprache – meist nur im Zirkel­schluss beschreib­bare – Gemein­sam­keiten gestiftet, wie sie eben das Wort „Volkstum“ ausdrü­cken sollte.

Gibt es eine deut­sche Humanität?

Campe wollte um 1800 ein aufklä­re­ri­sches Werte- und Normen­ge­füge in und mit der deut­schen Sprache zum Ausdruck bringen. Dabei berei­tete ihm insbe­son­dere das Fremd­wort „Huma­nität“ Probleme. Campe nahm Johann Gott­fried Herders Briefe zu Beför­de­rung der Huma­nität (1793–1797) zum Ausgangs­punkt und über­legte, welches deut­sche Wort für „Human­tität“ passen könne. Herder bestimmte die „Huma­nität“ als „Charakter unseres Geschlechts“, der „nur in Anlagen ange­bohren“ sei und „ange­bildet“ werden müsse – sie war also eine alle Menschen glei­cher­maßen betref­fende, auf die Zukunft gerich­tete Aufgabe. Wie schon Herder, so über­legte auch Campe, dass „Mensch­heit“, „Mensch­lich­keit“, „Menschen­würde“, „Menschen­rechte“ oder „Menschen­liebe“ nicht so recht das gesamte Bedeu­tungs­feld der Huma­nität treffen wollten. Das eine Mal etwa waren zwar alle Menschen gemeint, aber die Aufgabe war nicht inbe­griffen, das andere Mal verhielt es sich umge­kehrt. Als mögli­chen Ersatz führte er das auf den Barock­dichter Logau zurück­ge­hende Wort „Menschenthum“ an. Campe meinte, eine Ähnlich­keit zum „Chris­tentum“ oder auch zum „Königtum“ ausma­chen zu können. Bei der Probe aufs Exempel – „Briefe zu Beför­de­rung des Menschent­hums“ – wollte das Wort aller­dings nicht richtig passen. Aufgrund eines Gefühls, dass etwas nicht stimme, bildete Campe das Wort „Menschent­hüm­lich­keit“. Dieses erschien ihm plau­sibel, bringe es doch auch gleich eine Verdeut­schung von „human“ mit sich, nämlich „menschent­hüm­lich“. Campe schlug also um 1800, ohne dass er dies benannte, eine analoge Wort­mor­pho­logie zu „Eigentum“, „eigen­tüm­lich“ und „Eigen­tüm­lich­keit“ vor.

Diese Wörter verän­derten bald selbst ihre Bedeu­tungen; zuneh­mend wurden sie zur Bestim­mung des Gemein­we­sens heran­ge­zogen. So prokla­mierte Johann Gott­lieb Fichte in seinen 1808 veröf­fent­lichten Reden an die deut­sche Nation die „Eigen­thüm­lich­keit des deut­schen Volkes“. Vermit­tels einer „Ursprache“ meinte er das „Urvolk“ ausma­chen zu können. An diesen Gedanken knüpfte der soge­nannte Turn­vater Fried­rich Ludwig Jahn an. Im Jahr 1810 erschien sein Buch Deut­sches Volks­thum, mit dem er die Wörter „Volks­thum“, „volks­thüm­lich“ und „Volks­thüm­lich­keit“ ins Deut­sche einführte. Trotz der Wort­bil­dung, die frap­pie­rende Ähnlich­keit zu Campes Vorschlägen für Huma­nität hatte, folgte Jahn keines­wegs dessen aufklä­re­ri­schem Anspruch, sondern über­nahm das Wort­ge­füge von „Urvolk“ und „Ursprache“ von Fichte und trieb es über sich hinaus. So defi­nierte Jahn das „Volks­thum“, jenes wesen­hafte Voka­bular vorbe­rei­tend, das im 20. Jahr­hun­dert gera­dezu selbst­ver­ständ­lich geworden war: „Es ist das Gemein­same des Volkes, sein inne­woh­nendes Wesen, sein Regen und Leben, seine Wieder­erzeu­gungs­kraft, seine Fort­pflan­zungs­fä­hig­keit.“ Der Unter­schied zwischen den Erfin­dungen von Campe und Jahn verweist auf die unter­schied­liche Grund­lage des prospek­tiven Gemein­we­sens: Campe berief sich auf ein Werte- und Normen­ge­füge, Jahn konstru­ierte ein ursprüng­li­ches Kollektiv. Gemein­samer Ausgangs­punkt war die deut­sche Sprache mit ihrem Suffix „-tum“.

Kampf um die Endsilben

Nicht mehr ganz am Anfang des 19. Jahr­hun­derts, aber thema­tisch auf das Engste verbunden mit der Aushand­lung von Kollek­tiv­be­griffen liest sich eine Schrift Carl Gustav Joch­manns, die in den 1930er Jahren von Werner Kraft wieder­ent­deckt und von Walter Benjamin aus dem fran­zö­si­schen Exil heraus publik gemacht wurde. Joch­mann, 1789 geboren, war Rechts­an­walt, er lebte vor allem in Riga und den deut­schen Ländern. Sein Buch Über die Sprache erschien 1828 in Heidel­berg ohne Angabe eines Verfas­sers. Ein gut 150 Seiten umfas­sender Beitrag trägt den bezeich­nenden Titel Die Sprach­rei­niger. Darin machte Joch­mann die Frage der Verdeut­schungen zu seinem Thema, die mit Campe Verbrei­tung gefunden hatte. Die Sprache wurde durch die Erfin­dung verschie­denster Wörter erwei­tert, gerade auch solcher Wörter, die bald nicht mehr als Konstruk­tionen verstanden wurden. Genau darauf rich­tete Joch­mann seinen Blick: Manchmal ironisch, mitunter pole­misch argu­men­tierte er aus, dass die Sprache im Gebrauch ihre Wirkung entfalte, nicht durch bloße Erfin­dungen in den Wörterbüchern.

Auch wenn Joch­mann die poli­ti­schen Fort­set­zungen der „Sprach­rei­ni­gung“ kannte, als er sein Buch Über die Sprache schrieb, benannte er „vater­län­di­sche“ Denker wie Jahn zumeist nicht im Text selbst, sondern nur in den Fußnoten. Statt mit Jahns „Volks­thum“ setzte er sich mit Campes Über­le­gungen zu „Menschenthum“ und „Menschent­hüm­lich­keit“ ausein­ander. Er gestand Campe zu, das Wort „Huma­nität“ mit Recht proble­ma­ti­siert zu haben, sah dessen Vorschläge aber kritisch. Dagegen hoffte er, dass das Wort „Mensch­heit“ viel­leicht in der Lage wäre, an deren Stelle gesetzt zu werden. Joch­manns Kritik entzün­dete sich an der Endsilbe „-tum“. Diese deutete er als Ausdruck für „die Gesammt­heit gewisser, […] von Menschen zusam­men­ge­fügter und zusam­men­ge­dachter Meinungen, Lehren, Einrich­tungen oder Erschei­nungen“ – und das hieß gerade auch der nega­tiven. Einzige Ausnahme war für den protes­tan­ti­schen Joch­mann das Chris­tentum. Gegen die seiner­zeit noch vergleichs­weise neuen Kollek­tiva mit der Endsilbe „-tum“ pole­mi­sierte er, dass ihre „auch Schlech­teres umfas­sende Bedeu­tung“ dazu geführt habe, dass die bis „vor kurzem bis zum Ekel beliebte und verviel­fäl­tigte Form“ immer wieder auch eine andere, ja, eine entge­gen­ge­setzte Wirkung als die beab­sich­tigte hervor­ge­rufen habe. „Begriffe, die mit Hülfe“ der Endsilbe „sich in einem vortheil­haften Licht darstellen sollten,“ erschienen „in einem lächer­li­chen, oder gar gehäs­sigen“. Beispiel dafür war ihm unter anderem gerade das „Volks­thum“ und er setzte hinzu, dass die Wort­schöp­fungen „Thum­heiten“ seien, „die man eben so füglich mit einem D hätte schreiben können“.

Gemacht oder gegeben?

Im Hori­zont der Verdeut­schung von „Huma­nität“ ist Joch­manns kurze Polemik gegen das „Volkstum“ und andere „Thum­heiten“ nicht zu unter­schätzen. Sie rich­tete sich gegen Sammel­be­zeich­nungen, die Gemein­sam­keiten durch diverse Abgren­zungen schufen und sie zugleich in einer Vorver­gan­gen­heit zu begründen meinten. In der Hoff­nung, dass diese merk­würdig alter­tü­melnden Wörter bald verschwänden, ordnete Joch­mann sie der Vergan­gen­heit zu. Auch wenn sich seine Hoff­nung nicht erfüllte, verwies er damit auf deren Konstrukt­cha­rakter. Joch­manns Polemik deutet so auf die poli­ti­sche Konstel­la­tion im frühen 19. Jahr­hun­dert, in der zur Dispo­si­tion gestellt war, ob ein auf die Zukunft gerich­tetes, verhan­del­bares und wandel­bares Werte- und Normen­ge­füge oder eine in die Vergan­gen­heit weisende, verpflich­tende Ahnen­reihe die Grund­lage des Gemein­we­sens sein solle.

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Im Sprach­ge­brauch waren es Jahns Wörter und Wort­be­deu­tungen, die sich durch­setzten. Einmal abge­sehen von einer äußerst frag­wür­digen, anti­se­mi­ti­schen Wieder­auf­nahme von „Menschen­tüm­lich­keit“ in Martin Heideg­gers Schwarzen Heften, sind Campes Vorschläge der Verges­sen­heit anheim­ge­fallen. Für die „Huma­nität“ hatte er keinen passenden Ersatz finden können.

Auch heute bedarf es in der deut­schen Sprache noch der – mitunter unaus­ge­spro­chenen – Kompo­si­tion um das Wort „Huma­nität“ zu ersetzen: ein auch auf die Zukunft gerich­teter Begriff der Mensch-heit, der eine univer­selle Gesamt­heit beschreibt, verbindet sich mit dem der Mensch-lich-keit, der dessen norma­tiven Gehalt im Einzelnen reprä­sen­tiert. Die Wort­gruppe „Volkstum“, „volks­tüm­lich“ und „Volks­tüm­lich­keit“ steht hingegen für die Erfin­dung von „ursprüng­li­cher“ Kollek­ti­vität, die gegen­wärtig wieder so mancher poli­ti­schen Rede­weise vor allem des rechten Spek­trums einge­schrieben ist. Der Ausdruck weist zurück ins frühe 19. Jahr­hun­dert, dorthin, wo die Funda­mente des natio­nalen Gemein­we­sens verhan­delt wurden – und wohin eine Kritik der Kollek­tiv­vor­stel­lungen und ihrer Sprache zurück­gehen muss.