Caspar Battegay: Wenn wir bei Geschichte der Gegenwart über Literatur oder Musik schreiben, sind wir normalerweise an einer bewussten Deutung interessiert, wir stellen die Kunst in einen kulturellen, historischen oder politischen Kontext. Nun ist eines Deiner Forschungsgebiete aber gerade der Zusammenhang von Musik und Schlaf, und da geht es um eine unbewusste oder vielleicht eher physiologische Wirkung von Musik, gar nicht so sehr um Inhalte. Kannst Du beschreiben, was Du genau erforscht?
Miriam Akkermann: Im internationalen Forschungsprojekt Lullabyte, bei dem auch die Psychologie, die Neurowissenschaften und die Informatik beteiligt sind, wollen wir verstehen, welche Mechanismen dafür sorgen, dass Menschen besser und schneller einschlafen, wenn sie Musik hören und ob die Proband:innen tatsächlich subjektiv oder objektiv besser schlafen. Gibt es Mechanismen, die wir analysieren, reproduzieren und objektiv messen können? Wir messen also zum Beispiel die elektrischen Hirnaktivitäten mit EEG. Ich und mein Team beschäftigen sich natürlich vor allem mit den musikalischen Elementen. Das ist dann weniger musikanalytisch oder musiktheoretisch, sondern wir befragen die Studienteilnehmenden nach ihrem subjektiven Empfinden: Woher kenne ich die Musik? Wie gefällt mir die Musik und was verbinde ich damit? Wie war meine Einschlafsituation, war es eher ruhig oder gab es störende Geräusche vor dem Fenster? Dies alles spielt zusammen, wenn wir uns der Frage nach dem Zusammenspiel von Musik und Schlaf nähern, es ist sehr individuell und man kann eigentlich kein allgemeines Modell entwerfen.
CB: Gibt es aus Deiner Sicht bestimmte Musik, die quasi prädestiniert ist zum Einschlafen, oder könnte alles funktionieren?
MA: Grundsätzlich könnte alles funktionieren. Vor allem wenn wir auch die Musik einbeziehen, die Erwachsene zum Einschlafen hören, kann man keine distinkte Kompositionsweise für diese „Schlaf-Musik“ feststellen, das Schlaflied an sich als musikalisches Genre gibt es also nicht. Aber es gibt kulturell bestimmte Schlaflieder für Kinder und Babys, die phasenweise sehr beliebt sind. Doch in der Summe sind dann wieder sehr, sehr viele unterschiedliche Arten von singbaren Melodien mit jeweils sehr unterschiedlichen Texten zu finden, die dann entweder kulturell gebunden oder individuell zu einem Schlaflied umfunktioniert oder funktionalisiert werden. Klar: Wenn wir uns die kulturelle Praxis anschauen, einem Kind ein Schlaflied vorzusingen, dann sehen wir schon, dass sich bestimmte Elemente über viele Schlaflieder hinweg ähneln. Die Phrasen sind zum Beispiel meist nicht besonders lang, die Texte einfach gehalten und auch die Melodien sind häufig recht schlicht. Gleichzeitig wissen wir gar nicht genau, warum das so ist. Wenn wir an die Situation denken, in der Schlaflieder gesungen werden, dann sind das oft Menschen ohne stimmliche Ausbildung oder Gesangstraining. Dazu kommt, dass sie sich möglicherweise in einer stressigen Situation befinden, etwa wenn das Kind einfach nicht einschlafen möchte. All diese Faktoren schränken ein, welche Art von Musik oder Gesang in diesem Moment überhaupt möglich ist. Das wiederum beeinflusst, welche Lieder sich in dieser Praxis etablieren und weitergegeben werden.
CB: Seit wann gibt es historisch eigentlich Schlaflieder?
MA: Im British Museum in London ist eine Tafel mit Keilschrift aus dem antiken Mesopotamien ausgestellt, die mehr als 4000 Jahre alt ist. Der Text könnte eine Art Erziehungshinweis darstellen: Die Eltern sollen den Hausgeist anrufen, einen Dämon, und falls das Kind nicht schlafen will, diesem damit drohen, dass der Dämon böse wird. Das Interessante daran ist allerdings, dass es noch eine andere Deutung dieser Tafel gibt. Dieses Bild des Hausgeistes ist auch eine Art Topos, also es muss sich gar nicht zwingend auf eine tatsächliche Praxis des Singens beziehen, die Anrufung gilt vielleicht vielmehr dem Dämon: Also der Text könnte eher darauf abzielen, dass dieser Dämon schläft, und gar nicht das Baby. Aber dies ist natürlich spekulativ. Obwohl wir verschiedene Zeugnisse von Schlafliedern aus verschiedenen Epochen haben, können wir erst seit der Entwicklung der westlichen Notenschrift im Mittelalter auch über die Musik dazu etwas sagen.
CB: Ich hätte jetzt intuitiv darauf getippt, dass die Romantik die große Epoche des Schlaflieds war, als Novalis seine Hymnen an die Nacht schreibt oder E.T.A. Hoffmann seine Nachtstücke und melancholische Gesellen die Energie der Träume fruchtbar machen wollen. Spielt diese Verbindung von romantischer Reise ins Unbewusste und Schlafliedern für die tatsächliche Geschichte von Schlaf und Musik eine Rolle?
MA: Sie spielt definitiv eine Rolle, allerdings vor allem deshalb, weil die meisten Lieder, die wir heute als traditionelle Schlaflieder wahrnehmen, aus dieser Epoche stammen. Ursprünglich wurden sie jedoch als klassische Klavierlieder komponiert. Ausgenommen sind diejenigen, die in Volksliedsammlungen überliefert sind. Viele bekannte Lieder – etwa Der Mond ist aufgegangen von Matthias Claudius – wurden zunächst als Klavierlieder geschrieben und waren auch für eine kleine Bühne gedacht. Bei Johannes Brahms Wiegenlied gibt es den Begleitbrief, in dem der Komponist schreibt, dass das Lied für eine Freundin bestimmt sei, damit sie ihrem Baby etwas vorsingen könne. Gleichzeitig ist es aber mit einer Klavierbegleitung komponiert. In der Romantik finden sich auch viele Abendlieder oder Liebeslieder, die das Thema Schlaf zwar implizit aufgreifen, aber andere Themen behandeln, die verloren gehen, wenn wir diese Lieder heute als Schlaflieder rezipieren. Beim Einschlaflied steht meist die Funktion im Vordergrund: Ich sage mir „Das kenne ich, das kann ich singen.“ Oder: Das Kind will es hören – und dadurch werden diese Lieder eigentlich zu Schlafliedern gemacht. Ein bemerkenswerter Aspekt in diesem Zusammenhang ist, dass es im 21. Jahrhundert immer noch Schlaflieder-Alben und Sammlungen für Kinder gibt, auf denen die Lieder genau in diesem romantischen Liedstil des 19. und frühen 20. Jahrhunderts eingesungen sind. Wenn man Menschen fragt, ob diese Art der Interpretation ungewöhnlich oder besonders passend sei, empfinden sie sie meist als typisch für Schlaflieder. Daran zeigt sich, dass es hier gewisse Diskrepanzen zwischen der historischen Entstehung der Lieder und ihrer heutigen Wahrnehmung gibt.
CB: Du forschst auch im Projekt „Berlin schläft ein“, das zusammen mit dem Landesmusikrat Berlin entstand, und das Schlaflieder sammeln, archivieren und zugänglich machen will, in Kooperation dem Ethnologischen Museum Berlin und dem Endangered Languages Archive an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Sind Schlaflieder denn eine vom Aussterben bedrohte Kultur?
MA: Naja, das Projekt „Berlin schläft ein“ wurde dadurch inspiriert, dass 2025 in Deutschland von den Landesmusikräten die Stimme zum Instrument des Jahres gewählt wurde. Damit verfolgte man auch explizit das Ziel, das Singen im Amateurbereich zu fördern, wieder mehr zu singen, auch vor allem zuhause mehr zu singen. Das Projekt geht auf diesen Impuls zurück, denn das Anstimmen von Schlafliedern ist ja eine Praxis, die in der Familie verankert ist. Gleichzeitig sollen die diversen kulturellen Traditionen der Berliner Bevölkerung hörbar gemacht und geteilt werden, also diese unglaubliche kulturelle Vielfalt, die sich auch in musikalischen Traditionen zeigt. Von dieser Grundidee aus stellte sich die Frage, was mit den gesammelten Liedern geschehen sollte. Wenn wir sie sammeln, wollen wir sie natürlich auch wissenschaftlich einordnen. Mit dieser Projektidee kamen schließlich die weiteren Projektpartner hinzu. Alle gesammelten Schlaflieder werden im Humboldt Forum, genauer gesagt im Berliner Phonogramm-Archiv (Abteilung Medien des Ethnologischen Museums), als Kulturgut archiviert. Das Phonogramm-Archiv sammelt heute nicht nur historische Tonaufnahmen, sondern auch Formen der Alltagskultur. Die Sammlung dokumentiert somit den gegenwärtigen kulturellen Schatz an Schlafliedern in Berlin. Nicht vergessen sollte man auch, dass in Berlin viele seltene oder kleinere Sprachen gesprochen werden. Wenn die Menschen ihre Schlaflieder singen, werden gleichzeitig auch diese Sprachen dokumentiert und bewahrt. Für die wissenschaftliche Begleitung des Projekts entwickelten wir einen kleinen Fragebogen. Dabei interessierte uns beispielsweise, welche Vorstellungen die Teilnehmenden von Musik zum Einschlafen haben: Wie sieht für sie die ideale Musik zum Schlafen aus? Hören sie selbst als Erwachsene Musik zum Einschlafen, und wenn ja, welche? Darüber hinaus stellten wir Fragen zu den jeweiligen Schlafliedern selbst: Woher kennen die Teilnehmenden das Lied? Warum haben sie gerade dieses Lied ausgewählt? Und welche Bedeutung oder Inhalte verbinden sie damit? Anschließend wurden sowohl die Interviews als auch die Schlaflieder aufgezeichnet.
CB: Ist das so eine Art Musik-Ethnologie?
MA: Sicher keine klassische ethnografische Forschung. Unsere Forschungsgruppe mit Studierenden, Promovierenden etc. haben Teilnehmende im Studio und auf unserer Webseite Lieder einsingen lassen, primär aus dem deutschsprachigen Raum und den Nachbarländern Italien, Frankreich und den Niederlanden. Damit konnten wir beispielsweise zeigen, dass es wohl wirklich so eine Art universelles Tempo gibt in allen Sprachen, wie die Menschen ihren Kindern beim Einschlafen vorsingen. Was wir klar nicht sehen, ist etwa, dass es Tempounterschiede je nach Geschlecht der Singenden gibt, das ist wohl eher ein Klischee. Das Projekt hat auch eine stark kulturhistorische Komponente: Uns interessierte die Frage, welche Lieder die Teilnehmenden mitbringen und ob sich darin unsere Grundannahme bestätigt, dass grundsätzlich jedes Lied zu einem Schlaflied werden kann, vorausgesetzt, es wird entsprechend interpretiert und in diesem Kontext gesungen. Tatsächlich zeigte sich, dass die ausgewählten Lieder sämtliche Genres und Themenbereiche umfassen. Das Spektrum reicht von traditionellen Schlafliedern aus dem deutschsprachigen und internationalen Volksliedgut bis hin zu Popmusik. Insgesamt zieht sich die Auswahl quer durch alle musikalischen Stilrichtungen. Für Deutschland hatten wir ursprünglich erwartet, dass sich vor allem einige wenige, stereotype Schlaflieder wiederholen würden. Das hat sich jedoch nicht bestätigt. Stattdessen begegneten uns eine große sprachliche und kulturelle Vielfalt: Wir erhielten Schlaflieder auf Niedersorbisch, Jiddisch oder Elsässisch etc. Gerade die kleineren Sprachen und Dialekte waren häufig vertreten. Eine Frau sang z.B. ein Lied auf Hawaiianisch, da ihre Mutter diese Sprache nicht sprechen durfte – in den USA war diese Sprache bis in die 1970er Jahre verboten. Auffällig war zudem, dass viele Lieder aus sehr persönlichen Gründen ausgewählt wurden. Insbesondere bei kleineren oder bedrohten Sprachen spielten dabei auch politische Motive eine Rolle. Einige Teilnehmende machten deutlich, dass ihnen die Weitergabe ihrer Sprache und ihres kulturellen Erbes ein besonderes Anliegen ist und sie dies durch das Singen ihrer Schlaflieder bewusst sichtbar machen wollten. Und einzelne Personen wurden auch beim Einsingen sehr emotional, viel mehr, als sie, wie sie auch selbst sagten, das erwartet hatten.
CB: Ich möchte nochmal zurückgehen und allgemein nach Deinen Forschungen fragen. Was mir im Kontext einer angeblichen Legitimationskrise der Geisteswissenschaften auffällt, ist der breite interdisziplinäre Ansatz etwa beim Lullabyte-Projekt. Du arbeitest als Musikwissenschaftlerin sehr selbstbewusst mit Psycholog:innen und Neurowissenschaftler:innen zusammen. Wie sind Deine Erfahrungen aus diesen Kooperationen?
MA: Gerade beim Thema Musik zum Einschlafen greifen kulturelle, psychologische, neurowissenschaftliche und technologische Aspekte so eng ineinander, dass sie nur interdisziplinär angemessen untersucht werden können. Während die Geisteswissenschaften wie gesagt die kulturelle Verankerung von Schlafliedern in den Blick nehmen, untersucht die Psychologie beispielsweise die Wahrnehmung und Auswahl von Musik. Die Neurowissenschaften ergänzen dies durch objektive Messungen des Schlafs. Die Zusammenarbeit mit Informatiker:innen ermöglichen uns die Analyse großer Datenmengen, die mit den Methoden einer einzelnen Disziplin nicht mehr zu bewältigen wären. Gleichzeitig ist interdisziplinäre Forschung deutlich aufwendiger als disziplinäre Forschung. Sie erfordert eine kontinuierliche Verständigung über Begriffe, Methoden und Interpretationen, da dieselben Forschungsgegenstände aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven betrachtet werden. Diese Übersetzungsleistung verlangt einem oft recht viel Energie ab, aber ich empfinde sie gerade als besonders bereichernd, weil sie dazu anregt, die eigenen Annahmen zu reflektieren und gemeinsam ein differenzierteres Verständnis des Forschungsgegenstands zu entwickeln. Wir Geisteswissenschaftler:innen sind oft allgemein sehr wortbezogen, und durch diese Kooperationen musste ich mich dann oft fragen, wie ich etwas anders oder noch präziser formulieren kann.
CB: Gibt es eine Erkenntnis aus Deinen Arbeiten zu Musik und Schlaf, die Dich besonders überrascht hat?
MA: Ja, beim Sammeln der Schlaflieder hat mich wirklich überrascht, wie wenig Wiederholungen es gab. Also vielleicht wurde „Der Mond ist aufgegangen“ etwa sechs Mal genannt, aber ansonsten gibt es eben nicht das Schlaflied, sondern eine wirklich extreme Diversität. Da hätte ich intuitiv zuerst gedacht, es gibt einige wenige gängige Schlaflieder, aber dem ist überhaupt nicht so, sondern es gibt eine Praxis, wie, in welchem Tempo usw. man etwas singt, und da verwenden die Menschen eigentlich fast alles vom Volkslied bis zu Pop. Die zweite erstaunliche Erkenntnis war für mich die Diskrepanz zwischen dem, was sich die Leute als ideales Schlaflied vorstellen und dem, was sie praktisch dann wirklich singen. Stereotype Vorstellungen und Praxis haben wenig miteinander zu tun!