Sieben Fragen an Jörg Baberowski

Wie muss man die Nation denken? Gab es die „gute alte Zeit“? Sind „identity politics“ gut oder schlecht? Ist die Bürgergesellschaft ein Opfer der Geister, die sie rief? Was ist Populismus? Fragen über Fragen an den Historiker Jörg Baberowski.



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Im Sommer dieses Jahres tauschte ich mich mit Jörg Baberowski via E-Mail aus. Seine Thesen aus mehreren Essays für diverse Medien waren mir in höchstem Maße einseitig und unredlich erschienen. Gerade deshalb, so meine Haltung, ist es jedoch wichtig, die direkte Konfrontation zu suchen. In unserem Mailverkehr ging es unter anderem darum, dass es in Zeiten wachsender Polarisierung mehr denn je wichtig ist, Konfliktparteien jenseits von hysterischen Talkshows miteinander ins Gespräch zu bringen, statt diese immer weiter auseinanderzurücken zu lassen, bis keine Kommunikation, sondern nur noch Gewalt möglich ist. So, und nur so funktioniert die Demokratie, auch wenn es kontraintuitiv und schmerzhaft ist. Vor diesem Hintergrund schlug ich Baberowski vor, ihm meine Kritikpunkte in ausführlicher Form zu schicken und bat ihn, darauf schriftlich zu reagieren. Der Austausch sollte dann an geeigneter Stelle veröffentlicht werden. Baberowski willigte ein und betonte die Sinnhaftigkeit eines solchen Austauschs, bei dem nicht nur zu den Bekehrten gepredigt wird. Allein, die Monate und mehrere Deadlines verstrichen. Mal waren es gesundheitliche Gründe, mal Zeitmangel. Baberowski betonte, er wolle ja eigentlich, doch am Ende sagte er das Unterfangen ab. Wir vereinbarten, dass ich meine Kommentare und Fragen online publizieren und er sich gegebenenfalls dazu äußern werde.

Wir haben Jörg Baberowski angeboten, seine Antworten auf dieser Plattform zu publizieren; er wird dies in den kommenden Wochen tun (Red.).

I.

In einem Essay für die NZZ schreiben Sie, der Nationalstaat sei unabdingbar für Schutz- und Wohlfahrtsfunktionen. Dies ist zunächst einmal eine bloße Behauptung. Ihr zugrunde liegt die Prämisse: Weil es so war, muss es so sein und so bleiben. Wieso aber sollte ein Schutz- und Wohlfahrtssystem, das Nationalgrenzen überschreitet, nicht möglich sein? Stellen wir uns einen Menschen vor, der vor der „Erfindung der Nation“ (Benedict Anderson) lebte. Ähnlich wie manche Deutsche heute sagen: „Warum soll ich für die Griechen zahlen!“ hätte er sagen können: „Für mich als Mannheimer gibt es keinen Grund, mit diesen Faulpelzen in Bremen solidarisch zu sein! Und warum sollte ich einen Finanzausgleich für die in Erfurt zahlen? Was haben die aus Berlin in politischen oder rechtlichen Fragen bei uns mitzuentscheiden?“ Ein Bürger des antiken Athens wiederum hätte ein weit verstreut lebendes demokratisches Kollektiv mit 80 Millionen Mitgliedern, in dem sogar Frauen mitbestimmen dürfen – vulgo: Deutschland – wohl als absurd empfunden. Sprich, der Nationalstaat als „imaginierte Gemeinschaft“ (Anderson) ist bereits ein – paradoxer – Schritt in Richtung Globalisierung, da er lokale, tribalistische Gemeinschaften transzendiert und zugleich dynastische, von Geburtslotteriegewinnlern geführte Regime ablöst. Müsste man nicht an diese Dynamik anknüpfen und den Nationalstaat weiter, nicht enger denken?

II.

Ähnlich wie Politiker der AfD blicken Sie wehmütig auf die jüngere Vergangenheit Deutschlands zurück: „Die Herzen der Milieus und ihrer Parteien schlugen noch im gleichen Rhythmus.“ War das wirklich der Fall oder ist dieses bukolische Bild nicht vielmehr eine Überreaktion auf die gegenwärtige turbulente Umbruchs- und Übergangszeit? Die Nachkriegsära war doch auch gekennzeichnet von massiven sozialen Umbrüchen, von der 68er-Bewegung, von der außerparlamentarischen Opposition, von Grabenkämpfen innerhalb der Parteien – man denke an Helmut Schmidt vs. Erhard Eppler in der SPD –, vom disruptiven kulturellen Einfluss der Vereinigten Staaten von Amerika auf Europa, usw. Verklären Sie nicht die vermeintlich „gute alte Zeit“, anstatt die Potentiale der Gegenwart zu stärken? Man kann ja einerseits, wie es die konservative Kulturkritik seit jeher tut, Atomisierung durch Individualisierung beklagen. Man kann aber auch, wie es etwa der Soziologe Christoph Kucklick tut, feststellen, dass mit einer höheren Anzahl von Partikeln die Anzahl möglicher Verbindungen und Schnittstellen steigt. Und tatsächlich sind doch allerorten neue Verbände, Gemeinschaften, Kollektive, Korporationen, Organisationen und Parteien in Entstehung begriffen – wie in allen Übergangszeiten, die nicht zuletzt von neuen Technologien getriggert werden, wirkt dieser Prozess zwar chaotisch und weckt Ängste, wird jedoch zu Konsolidierungen und Konzentrationen fördern. Wäre es da nicht besser, aktiv neue Schnittstellen zu generieren oder die entstehenden zu fördern anstatt nostalgisch die Segnungen der Vergangenheit zu beschwören?

III.

Ihrer Ansicht nach ist das „Identitätsgerede“ schuld am Verfall der Bürgergesellschaft. Diese Sicht erscheint mir stark verkürzt. Ich stehe Identity Politics ebenfalls skeptisch gegenüber, weil sie mir die Widersprüche, ja den Irrsinn des Identitätskonzepts zu vervielfältigen, anstatt zu reduzieren scheinen und zudem – unfreiwillig – Wasser auf die Mühlen der Neuen Rechten ist (Stichwort: Ethnopluralismus). Doch es können kaum Zweifel daran bestehen, dass sehr viel gewichtigere Entwicklungen die Erosion des Bürgertums ausgelöst haben – Entwicklungen, die paradoxerweise vom Bürgertum selbst ihren Ausgang nahmen, insbesondere Kapitalismus, Globalisierung, Digitalisierung. Das potentiell unendliche Wachstum, dem die westlichen Gesellschaften anhängen, führt implizit zu deren Hybridisierung und Diffusion. Ohne die Kolonalisierung hätte es die Globalisierung in heutiger Form nicht gegeben und auch keine vergleichbare Selbstexotisierung des Westens. Die Digitalisierung wiederum fördert die Genese der „granularen Gesellschaft“ (Kucklick) unter marktwirtschaftlichen Vorzeichen: je individueller die Kunden, desto vielfältiger die Produktpaletten und die Vermarktungsmöglichkeiten. Ist die Bürgergesellschaft also nicht eher ein Opfer jener ökonomischen Geister, welche sie selbst rief, als irgendwelcher linksprogressiver Universitätsseminare?

IV.

Als Public Intellectual wundern Sie sich mitunter, dass Kritiker Ihre Aussagen nicht im Zusammenhang Ihres Gesamtwerkes sehen. Dies vorauszusetzen ist jedoch ein frommer Wunsch, wie ich selbst schon schmerzlich feststellen musste. Wer sich in Massenmedien zu Wort meldet, muss damit rechnen, dass die LeserInnen nicht mit dem wissenschaftlichen oder weltanschaulichen Kontext vertraut sind, in dem die Aussagen entstanden sind. Umso bedachter sollte sich äußern, wer Missverständnisse vermeiden will. In diesem Zusammenhang empfinde ich Ihre Interventionen als widersprüchlich. Einerseits formulieren Sie scharf, spitzen Sie zu, provozieren Sie, verwenden Sie Kollektivsingulare wie „die Linke“, argumentieren Sie häufig weltanschaulich-selektiv, nicht wissenschaftlich-intersubjektiv. Fallen die Gegenreaktionen jedoch ähnlich zugespitzt und konfrontativ aus, reagieren Sie verletzt, fühlen Sie sich missverstanden. Polemisch gefragt: Muss ein Boxer im Einstecken nicht ebenso versiert sein wie im Austeilen?

V.

Ein Mitarbeiter der Eidgenössischen-Technischen Hochschule Zürich schrieb kürzlich auf seinem Blog: „Bei Jörg Baberowski verschmelzen die Rollen, es verschmelzen die verschiedenen Hüte (Der Osteuropa-Professor, Der Feuilleton-Professor bzw. -Kommentator, der besorgte Bürger, der gepeinigte Privatmann) – und damit die Verletzbarkeiten – in ein und demselben Menschen, in ein und derselben personalen Identität. […] Macht der Hinweis darauf, dass Baberowski … ein in seinem Fach anerkannter Professor sei, Kritik an in irgendeiner seiner anderen Rollen gemachten Aussagen hinfällig?“ Was würden Sie hierauf erwidern?

VI.

Wenn ich mir die Kurznachrichten auf Ihrem Twitter-Kanal ansehe, erschrecke ich. Da finde ich nichts als selektive Wahrnehmung und ideologische Verzerrung. Was links steht, unterziehen Sie einer harten, teils auch treffenden Kritik; nicht aber das, was rechts steht. Man liest viel von Ihnen zum schwarzen Block und zur Doppelmoral der Linken, aber erstaunlich wenig etwa zur Hetze eines Donald Trump oder zu Angriffen gegen Liberalismus und Gewaltenteilung durch Nationalkonservative in Ost(mittel)europa. Wenn Sie – pauschal – eine mangelnde Integrationsbereitschaft oder -fähigkeit von Flüchtlingen beklagen, so trifft die unterstellte Ablehnung von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Bürgersinn, Liberalismus, etc. ebenso für Neonazis, Reichsbürger oder Teile der AfD zu. Dazu schweigen Sie jedoch. Stellen Sie hier nicht Ihre persönliche Verletztheit – und ich kann Ihre Empörung über Ihre Kritiker aus der Steinzeit-Linken im Grunde gut nachvollziehen – über die Dringlichkeit, gegen Polarisierung, Eskalation, Ideologie und antidemokratischen oder -liberalen Haltungen im Allgemeinen vorzugehen? Machen Sie sich nicht der Gesinnungsethik verdächtig, da Sie offenbar mit zweierlei Maß messen? Tun Sie nicht das, was Sie (‚der‘) Linken vorwerfen, sich nämlich zum „Gefangenen eines Stammes“ zu machen? Was dialektisch gemeint sein mag, also als Gegengewicht zu einer – mutmaßlichen – Diskurshegemonie der Linken, entwickelt eine gänzlich undialektische Eigendynamik, die sich letztlich Ihrer Kontrolle entzieht. Bräuchten wir nicht ein öffentliches Engagement von Intellektuellen und Wissenschaftlern, das nüchterner, differenzierter, unparteiischer und gerade deshalb überzeugender ist?

VII.

Als besonders befremdlich empfinde ich es, dass einige Ihrer Diagnosen sowohl treffend als auch abwegig sind, was eine Kernstrategie des Populismus darstellt: An der Vordertüre rationale, auch für Gemäßigte nachvollziehbare Forderungen stellen, während man die Hintertüre für Irrationales, Mystagogisches und Demagogisches öffnet. Darin exzelliert derzeit etwa die PiS in Polen. Ein Beispiel aus Ihrem erwähnten NZZ-Essay: „Die Globalisierung hat den Gebildeten und Wohlhabenden neue Perspektiven eröffnet, den Armen aber wenig gegeben. Die einen können auf den Nationalstaat verzichten, weil sie den Folgen des Wandels ausweichen können, die anderen indessen haben keine Wahl, weil sie am Ort bleiben und die Konsequenzen politischer Entscheidungen tragen müssen.“ Natürlich ist Ihnen als Wissenschaftler bekannt, dass die (absolute) Armut und die Ungleichheit im globalen Maßstab abnehmen (über kulturelle Armut und Ungleichheit ließe sich diskutieren). Innerhalb einzelner Länder, darunter Deutschland, nehmen sie jedoch zu. Von einem Wissenschaftler würde ich mir solche Differenzierungen erwarten. Was Sie offenbar eigentlich sagen wollen ist dies: „Dass die Ungleichheit in der Welt abnimmt, das interessiert mich nicht. Dass sie in Deutschland zunimmt, das interessiert mich.“ Treiben Sie da nicht den Beelzebub des Globalismus mit dem Teufel des Nationalismus aus? Die Fährnisse der Globalisierung sind, aus meiner Sicht, kein Grund dafür auszublenden, dass die Geschichte von Nationalstaat und Nationalismus mit körperlicher und diskursiver Gewalt, irrationaler Überhöhung und genau dem „Identitätsgerede“, das Sie kritisieren, verbunden ist. Oder anders gefragt: Warum sollte man die Fehler der Vergangenheit wiederholen, um die Probleme der Gegenwart zu lösen?