Jack Harris ist ein 23-jähriger Pop-Rock-Musiker und Songwriter aus Cleveland, Ohio. Seinen ersten grossen internationalen Auftritt hatte er 2023 am Glastonbury Festival mit Mainacts wie Elton John, Arctic Monkeys und Guns N’Roses. Im Anschluss nahm er an der Chris Difford Songwriting Week teil und feilte dort neben seinen Songtexten auch an seinen Kenntnissen im Bereich des Social-Media-Marketings. Es ist schon längst kein Geheimnis mehr, dass grosse Plattenlabels das Potenzial junger Musiktalente anhand ihrer Followerzahlen messen. Harris war bereits seit einigen Jahren auf TikTok aktiv und postete immer wieder Videos über sein musikalisches Schaffen. Nach seiner Rückkehr reiste er mit seinem Wohnwagen in den Joshua Tree Nationalpark und liess dort einen professionellen 30-Sekunden langen Songteaser drehen, den er im Februar 2024 auf TikTok postete. In dem Videoclip singt er den Refrain seines damals noch nicht veröffentlichten Songs „Careful What You Wish For“:
And the doctor said to
Take this pill, you’ll feel much better
When you wake up numb and your brain’s been severed
And your heartbeat won’t be based on the weather
When you sell yourself to me
Took your peace, your pain, your pleasure
And I left you with one face forever
You won’t hurt anymore, be careful what you wish for.
Das Video untertitelte er mit der Frage „Did the doc tell u this?“ und ergänzte es mit den Hashtags #MentalHealth, #music, #songwriting und #poem. Über Nacht ging sein Video viral. Wenige Wochen später unterzeichnete er seinen ersten Plattenvertrag bei Columbia Records und brachte seine Single auf Spotify heraus. Innerhalb kürzester Zeit erreichte der Song über 7.5 Millionen Streams. Rückblickend schrieb Jack Harris über die bisher verrücktesten Wochen seines Lebens: „I’ve been putting music out since 2019 and all it took was finally being brutally honest about my mental health and writing about my personal experience.“
Der Musiker hat mit Angstzuständen sowie Panikattacken zu kämpfen und begab sich deswegen in Therapie. Dabei erhielt er zeitweise Antidepressiva verschrieben, die bei ihm schwerwiegende Nebenwirkungen verursachten. In seinem Lied kritisiert er neben den Tabletten auch die problematische Rolle seines Therapeuten und singt erst darüber, dass er Hilfe brauchte und etwas haben wollte, damit er die Krise durchsteht, und dann angesichts der empfohlenen Antidepressiva dachte:
How can they sell you on something, they help you
Then tell you it might make you wish you were…?
Wie kein anderes Lied thematisiert „Careful What You Wish For“ die oftmals belastende Einstellungsphase von Antidepressiva, die in der Regel mehrere Anläufe braucht, bis das richtige Präparat gefunden ist – wenn es überhaupt gefunden wird. Das ist mitunter auch ein Grund, weshalb Antidepressiva gemäss offiziellen Leitlinien bei leichten Depressionen in der Regel nicht empfohlen werden. Anders verhält es sich bei mittelschweren und schweren Episoden. Laut dem Bericht Psychopharmaka Schweiz des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (OBSAN) aus dem Jahr 2022, werden die meisten Antidepressiva landesweit jedoch nicht von Psychiater:innen, sondern von Hausärzt:innen verschrieben. Letztere spielen eine zentrale Rolle in der psychiatrischen Grundversorgung, was immer wieder die Frage aufwirft, ob sie für diese Aufgabe über das nötige Fachwissen verfügen. Neben therapeutischen Überlegungen spielen aber auch die Erwartungshaltung der Patient:innen und strukturelle Bedingungen wie beispielsweise die Auslastung in der Hausarztpraxis und die Verfügbarkeit von Psychotherapieplätzen eine wichtige Rolle dabei, ob Hausärzt:innen eher zum Rezeptblock als zum Überweisungsformular greifen.
„Wrote it for me and it found you“
Ein wichtiger Teil der Vermarktungsstrategie von Jack Harris war von Anfang an, die Community dazu aufzurufen, ihre eigenen Erfahrungen in den Kommentarspalten zu teilen. Weiter lancierte Harris eine „Open-Verse-Challenge“, indem er eine Instrumental-Version seines Refrains veröffentlichte und andere Creators dazu anhielt, alternative Texte zu entwickeln oder sein Lied mit Videoclips neu zu interpretieren. Immer mehr Menschen berichteten von ihren zum Teil als traumatisch empfundenen Erfahrungen mit Ärzt:innen, kritisierten Big Pharma oder die gesamte Gesellschaft. Es wäre zu erwarten gewesen, dass diese Schlagworte Tür und Tor für eine Flut an antiwissenschaftlichen und verschwörungstheoretischen Kommentaren öffnen, doch überraschenderweise schlüpfte der Song unter dem Radar der laut trötenden Social-Media-Trolls hindurch. Die Kommentarschreibenden beschränken sich in der Regel auf ihre eigene Erfahrung und erheben keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Gleichzeitig sprechen sie sich auf ihren individuellen Wegen gegenseitig Mut zu. Schon längstens haben auch Angehörige von Betroffenen und Therapeut:innen den Song für sich entdeckt und tauschen ihre Gedanken aus. Die Community moderiert sich dabei mehrheitlich selbst, doch auch der TikTok-Algorithmus mischt dabei mit, wobei die konkreten Mechanismen nicht durchschaubar sind.
Jack Harris, der anfänglich eine dezidiert psychopharmakakritische Haltung vertrat und die Ärzt:innen in seinen Werbeclips auch mal als „Legal Dealers“ bezeichnete, wurde in den Kommentaren vermehrt mit Betroffenen konfrontiert, die kurz vor einem Therapiebeginn standen und es sich nun wegen des Songs anders überlegten. Andere offenbarten, dass sie von ihren Medikamenten profitieren und jetzt Angst haben, dass die Einnahme wieder verstärkt stigmatisiert werden könnte. Der Musiker passte seine Clips darauf an und betonte immer wieder, dass er das Lied für sich geschrieben habe und er durchaus anerkenne, dass es eine grosse Zahl von Menschen gibt, die von einer medikamentösen Behandlung profitieren.
Diese direkte Interaktion zwischen Künstler:innen und ihrer Community auf den Sozialen Medien gehört zu jenen neuen Eigenheiten, die das Musikbusiness umkrempeln. Die Bühne als traditionelles Habitat von Musiker:innen verliert zunehmend an Bedeutung. Sie müssen nun auch auf den Sozialen Medien performen und dort Verantwortung für ihre Lyrics übernehmen, indem sie Stellung beziehen. Die Grenzen zwischen der künstlerischen Persona und dem privaten Selbst lösen sich auf, und immer grössere Teile des Alltags werden für sie zu einem Gig in Dauerschleife. Auch für eine Influencerkarriere gilt: Careful what you wish for! Wer selbst einmal auf einer Bühne stand, weiss, dass ein Auftritt berauschende Wirkung hat. Beklatscht und gefeiert zu werden, setzt im Gehirn Endorphine und Oxycontin frei. Das ist auch der Grund, weshalb viele Künstler:innen nach ihrer Performance auch erstmal wieder „runterkommen“ müssen. Von den Sozialen Medien runterzukommen, erweist sich dabei als wesentlich schwieriger.
Jack Harris hat Mut bewiesen, indem er sich geoutet hat und all diesen Menschen seine Stimme gewidmet hat – für den Preis, dass seine Stimme nicht mehr ihm alleine gehört. Sie erklingt nun für die Vielen, und das weckt einen hohen Erwartungsdruck, dem er aktuell mit einer Reihe neuer Songs gerecht wird.
Gen Z: Zwischen #MentalHealth und Psychopharmaka
„Jack Harris hat den Code geknackt“, hiess es in einem Interview. Tatsächlich bespielt er mit #MentalHealth einen mächtigen Hashtag auf TikTok. Allein im Jahr 2023 verbuchte dieser 109 Milliarden Aufrufe. Das lässt aufhorchen, denn der TikTok-Algorithmus füttert die Community konsequent mit jenen Videoclips, die Interaktionen auslösen. Ausserdem hat TikTok ein grosses Interesse daran, in Sachen psychischer Gesundheitsförderung gut dazustehen, weil das Unternehmen selbst oft genug unter dem Verdacht steht, für viele Probleme der Jugendlichen verantwortlich zu sein. Deshalb verfügt TikTok über ziemlich durchdachte Well-Being-Guidelines, macht besonders gerne am 10. Oktober anlässlich des World Mental Health Day mit grosszügigen Spenden auf sich aufmerksam und ruft die Community aktiv dazu auf, ihre persönlichen Erfahrungen zu teilen und sich gegenseitig mit positiven Berichten zu bestärken. Die Produktion von Mental-Health-Content boomt. Unter allen Sozialen Medien hat sich TikTok als jene Plattform etabliert, auf der medizinisches und pharmazeutisches Wissen sowie Selbsterfahrungen am erfolgreichsten verbreitet werden.
Während die Kinder- und Jugendpsychiatrien seit der Corona-Pandemie chronisch überlastet sind und es überall an Psychotherapieplätzen fehlt, verabschiedet sich die Generation Z zunehmend von den traditionellen medizinischen Strukturen und sucht sich Rat und Hilfe auf TikTok. Dort finden sie Antworten in Hülle und Fülle, und zwar von Betroffenen, Fachpersonen oder auch selbsternannten Therapeut:innen mit zum Teil fragwürdigen Methoden. Überspitzt formuliert erleben wir auf TikTok gerade das vielleicht grösste Revival der Laienmedizin der Neuzeit und den Aufstieg einer neuen Mental-Health-Bewegung.
Die Schweizer Stiftung Pro Juventute hat diesen Trend bereits erkannt und ist seit 2022 mit einer TikTok-Version ihres Sorgentelefons 147 präsent. Es ist davon auszugehen, dass psychiatrische Kliniken und Psychotherapeut:innen dem Beispiel bald folgen werden und einen Teil ihrer Sprechstunden und Gesundheitsförderungsmassnahmen auf TikTok verlagern. #Doctortok ist längstens in der Gegenwart angekommen und wird wohl in Zukunft immer bedeutender werden.
Im Durchschnitt ist ein Kind 12.5 Jahre alt, wenn es seinen ersten Social-Media-Account eröffnet, und häufig beginnt die Reise auf TikTok. Weltweit nutzen über eine Milliarde Menschen die App: 70% von ihnen sind jünger als 35 Jahre. Damit ist TikTok die primäre Plattform für die Generation Z. Sie ist aber auch diejenige Generation, die zusammen mit der noch jüngeren Generation Alpha zu jenen beiden Kohorten zählt, die in der Schweiz – wenn sie sich denn in medizinische Behandlung begeben – im Vergleich zu den anderen Altersgruppen zwischen 2017 und 2020 einen deutlichen Anstieg an Psychopharmaka-Verschreibungen erlebten. Laut dem OBSAN-Bericht gehören Psychopharmaka schweizweit zu der am meisten verschriebenen Medikamentengruppe, und die Spitzenreiter darunter sind die Antidepressiva.
Dabei konnte bisher noch nicht abschliessend festgestellt werden, ob es um die psychische Gesundheit der Generation Z im Vergleich zu den anderen Altersgruppen tatsächlich schlechter steht oder sie eher bereit ist, über psychische Probleme zu sprechen. In einer Studie des McKinsey Health Institute im Jahr 2022 wurden 6000 Personen der Generation Z in 10 europäischen Ländern über ihre psychische Gesundheit befragt. Dabei stellte sich heraus, dass die Befragten ihre psychische Gesundheit im Vergleich zu allen anderen Altersgruppen deutlich schlechter einschätzt. 25% der Befragten gaben zudem an, dass sich ihre psychische Verfassung zwischen 2019 und 2022 verschlechtert habe. 19% berichteten, dass sie sich bei Problemen eher ihren Freunden statt einer medizinischen Fachperson anvertrauen würden… wobei mit „Freunden“ eben auch die Mitmenschen im TikTok-Feed unter dem Song von Jack Harris gemeint sein können.
Pillen zur Linderung gesellschaftlicher Probleme
I needed something
To help me get through
I wanted something
And the doctor said to…
Ein Grund für die hohe Popularität von Antidepressiva in Hausarztpraxen ist auch die Tatsache, dass sich ihre Anwendungsgebiete immer mehr ausdehnen. Sie werden gerne auch niedrigdosiert bei Schlafstörungen, Angstzuständen, Unruhe und anderen Symptomen eingesetzt. Patient:innen verlangen nicht selten selbst nach einer pharmazeutischen Lösung für Probleme, die nicht medizinischer, sondern gesellschaftlicher Natur sind. Statt über weniger belastende Prüfungsformen nachzudenken, gibt es für Prüflinge Betablocker oder Benzodiazepine – Abhängigkeitsgefahr inklusive. Statt ernsthafte Bemühungen zu starten, um toxische Strukturen am Arbeitsplatz, an Schulen oder Universitäten aufzubrechen, gibt es ein Dauerrezept für Antidepressiva. Auch wenn die Herausforderungen gross und die Sache komplex ist, muss uns dieser Umstand als Individuen nicht davon abhalten, achtsam und respektvoll mit unserem Gegenüber umzugehen. Es ist ein verhältnismässig bescheidenes Investment der Einzelnen für ein gesünderes Miteinander.
Ein Teil der Generation Z lebt uns diese Haltung vor und gewichtet das psychische Wohlbefinden weit stärker als alle Vorgängergenerationen. Toxische Strukturen werden vermehrt in Frage gestellt und Probleme adressiert. Auch in Sachen Work-Life-Balance stellt sie umfangreiche Forderungen an die Arbeitgebenden, sofern sie sich nicht gleich selbständig machen. Da sie aufgrund der demografischen Entwicklung in den meisten westlichen Industriestaaten in Bezug auf ihre Arbeitskraft in einer starken Verhandlungsposition befinden, müssen sich die Betriebe auf sie zubewegen. Dafür werden sie gerne als schwierig, unbequem, anstrengend oder schwach taxiert. Vielleicht sind viele dieser jungen Menschen, die in einer Zeit der Unsicherheiten aufgewachsen sind, mittlerweile aber auch einfach selbstbewusst genug, um Veränderungen anzustossen, für die wir selbst bisher nicht genügend Mut und Kraft aufbringen konnten.
Jack Harris Verse sprechen Millionen von Menschen aus dem Herzen, die einen überwiegend stummen Kampf um ihre psychische Gesundheit ausfechten. Stumm deshalb, weil psychische Probleme gesellschaftlich nach wie vor weitgehend stigmatisiert sind und kaum offen darüber gesprochen wird. Natürlich kann auf einer abstrakten Ebene über Depressionen und Burnout diskutiert werden, aber wer kann von sich behaupten, am Arbeitsplatz oder im Klassenzimmer offen über die eigenen Ängste, die eigene Verzweiflung und die eigene Überforderung mit dem Leben zu sprechen? Wir sollten es vermehrt tun und vor allem achtsam damit umgehen, wenn es unser Gegenüber tut. Wir können uns nicht der Tatsache entziehen, dass wir aktiv zum psychischen Wohlbefinden unserer Mitmenschen beitragen – oder eben nicht.