Jack Harris verarbeitet in seinen Liedtexten depressive Episoden, psychotische Schübe und Angstzustände. In seinem Song „Careful What You Wish For“ kritisiert er die Verschreibung von Antidepressiva und erreichte damit auf TikTok ein Millionenpublikum. Sein Song ist zu einer Hymne der Generation Z geworden, die TikTok als primäre Informationsquelle für Fragen rund um die Psychische Gesundheit nutzt.

  • Nadia Pettannice

    Nadia Pettannice ist Historikerin. Sie doktoriert derzeit an der Universität Zürich und arbeitet Teilzeit im Kulturarchiv der Stadt Winterthur. Ihre Forschungsschwerpunkte und Interessen liegen in der jüngeren Psychiatrie- und Medizingeschichte sowie im Bereich der Geschichtsvermittlung. Seit einigen Jahren beschäftigt sie sich intensiv mit Digital Marketing, Fotografie und Motion Design. Bei Geschichte der Gegenwart ist sie für den Kundenservice und das Marketing zuständig.

Jack Harris ist ein 23-jähriger Pop-Rock-Musiker und Song­writer aus Cleve­land, Ohio. Seinen ersten grossen inter­na­tio­nalen Auftritt hatte er 2023 am Glas­ton­bury Festival mit Mainacts wie Elton John, Arctic Monkeys und Guns N’Roses. Im Anschluss nahm er an der Chris Difford Song­wri­ting Week teil und feilte dort neben seinen Song­texten auch an seinen Kennt­nissen im Bereich des Social-Media-Marketings. Es ist schon längst kein Geheimnis mehr, dass grosse Plat­ten­la­bels das Poten­zial junger Musik­ta­lente anhand ihrer Follo­wer­zahlen messen. Harris war bereits seit einigen Jahren auf TikTok aktiv und postete immer wieder Videos über sein musi­ka­li­sches Schaffen. Nach seiner Rück­kehr reiste er mit seinem Wohn­wagen in den Joshua Tree Natio­nal­park und liess dort einen profes­sio­nellen 30-Sekunden langen Song­teaser drehen, den er im Februar 2024 auf TikTok postete. In dem Video­clip singt er den Refrain seines damals noch nicht veröf­fent­lichten Songs „Careful What You Wish For“:

 And the doctor said to
Take this pill, you’ll feel much better
When you wake up numb and your brain’s been severed
And your heart­beat won’t be based on the weather
When you sell yourself to me
Took your peace, your pain, your pleasure
And I left you with one face forever
You won’t hurt anymore, be careful what you wish for.

Das Video unter­ti­telte er mit der Frage „Did the doc tell u this?“ und ergänzte es mit den Hash­tags #Mental­He­alth, #music, #song­wri­ting und #poem. Über Nacht ging sein Video viral. Wenige Wochen später unter­zeich­nete er seinen ersten Plat­ten­ver­trag bei Columbia Records und brachte seine Single auf Spotify heraus. Inner­halb kürzester Zeit erreichte der Song über 7.5 Millionen Streams. Rück­bli­ckend schrieb Jack Harris über die bisher verrück­testen Wochen seines Lebens: „I’ve been putting music out since 2019 and all it took was finally being brut­ally honest about my mental health and writing about my personal experience.“

Der Musiker hat mit Angst­zu­ständen sowie Panik­at­ta­cken zu kämpfen und begab sich deswegen in Therapie. Dabei erhielt er zeit­weise Anti­de­pres­siva verschrieben, die bei ihm schwer­wie­gende Neben­wir­kungen verur­sachten. In seinem Lied kriti­siert er neben den Tabletten auch die proble­ma­ti­sche Rolle seines Thera­peuten und singt erst darüber, dass er Hilfe brauchte und etwas haben wollte, damit er die Krise durch­steht, und dann ange­sichts der empfoh­lenen Anti­de­pres­siva dachte:

How can they sell you on some­thing, they help you
Then tell you it might make you wish you were…?

Wie kein anderes Lied thema­ti­siert „Careful What You Wish For“ die oftmals belas­tende Einstel­lungs­phase von Anti­de­pres­siva, die in der Regel mehrere Anläufe braucht, bis das rich­tige Präparat gefunden ist – wenn es über­haupt gefunden wird. Das ist mitunter auch ein Grund, weshalb Anti­de­pres­siva gemäss offi­zi­ellen Leit­li­nien bei leichten Depres­sionen in der Regel nicht empfohlen werden. Anders verhält es sich bei mittel­schweren und schweren Episoden. Laut dem Bericht Psycho­phar­maka Schweiz des Schwei­ze­ri­schen Gesund­heits­ob­ser­va­to­riums (OBSAN) aus dem Jahr 2022, werden die meisten Anti­de­pres­siva landes­weit jedoch nicht von Psychiater:innen, sondern von Hausärzt:innen verschrieben. Letz­tere spielen eine zentrale Rolle in der psych­ia­tri­schen Grund­ver­sor­gung, was immer wieder die Frage aufwirft, ob sie für diese Aufgabe über das nötige Fach­wissen verfügen. Neben thera­peu­ti­schen Über­le­gungen spielen aber auch die Erwar­tungs­hal­tung der Patient:innen und struk­tu­relle Bedin­gungen wie beispiels­weise die Auslas­tung in der Haus­arzt­praxis und die Verfüg­bar­keit von Psycho­the­ra­pie­plätzen eine wich­tige Rolle dabei, ob Hausärzt:innen eher zum Rezept­block als zum Über­wei­sungs­for­mular greifen.

„Wrote it for me and it found you“

Ein wich­tiger Teil der Vermark­tungs­stra­tegie von Jack Harris war von Anfang an, die Commu­nity dazu aufzu­rufen, ihre eigenen Erfah­rungen in den Kommen­tar­spalten zu teilen. Weiter lancierte Harris eine „Open-Verse-Challenge“, indem er eine Instrumental-Version seines Refrains veröf­fent­lichte und andere Crea­tors dazu anhielt, alter­na­tive Texte zu entwi­ckeln oder sein Lied mit Video­clips neu zu inter­pre­tieren. Immer mehr Menschen berich­teten von ihren zum Teil als trau­ma­tisch empfun­denen Erfah­rungen mit Ärzt:innen, kriti­sierten Big Pharma oder die gesamte Gesell­schaft. Es wäre zu erwarten gewesen, dass diese Schlag­worte Tür und Tor für eine Flut an anti­wis­sen­schaft­li­chen und verschwö­rungs­theo­re­ti­schen Kommen­taren öffnen, doch über­ra­schen­der­weise schlüpfte der Song unter dem Radar der laut trötenden Social-Media-Trolls hindurch. Die Kommen­tar­schrei­benden beschränken sich in der Regel auf ihre eigene Erfah­rung und erheben keinen Anspruch auf Allge­mein­gül­tig­keit. Gleich­zeitig spre­chen sie sich auf ihren indi­vi­du­ellen Wegen gegen­seitig Mut zu. Schon längs­tens haben auch Ange­hö­rige von Betrof­fenen und Therapeut:innen den Song für sich entdeckt und tauschen ihre Gedanken aus. Die Commu­nity mode­riert sich dabei mehr­heit­lich selbst, doch auch der TikTok-Algorithmus mischt dabei mit, wobei die konkreten Mecha­nismen nicht durch­schaubar sind.

Jack Harris, der anfäng­lich eine dezi­diert psycho­phar­ma­ka­kri­ti­sche Haltung vertrat und die Ärzt:innen in seinen Werbe­clips auch mal als „Legal Dealers“ bezeich­nete, wurde in den Kommen­taren vermehrt mit Betrof­fenen konfron­tiert, die kurz vor einem Thera­pie­be­ginn standen und es sich nun wegen des Songs anders über­legten. Andere offen­barten, dass sie von ihren Medi­ka­menten profi­tieren und jetzt Angst haben, dass die Einnahme wieder verstärkt stig­ma­ti­siert werden könnte. Der Musiker passte seine Clips darauf an und betonte immer wieder, dass er das Lied für sich geschrieben habe und er durchaus aner­kenne, dass es eine grosse Zahl von Menschen gibt, die von einer medi­ka­men­tösen Behand­lung profitieren.

Diese direkte Inter­ak­tion zwischen Künstler:innen und ihrer Commu­nity auf den Sozialen Medien gehört zu jenen neuen Eigen­heiten, die das Musik­busi­ness umkrem­peln. Die Bühne als tradi­tio­nelles Habitat von Musiker:innen verliert zuneh­mend an Bedeu­tung. Sie müssen nun auch auf den Sozialen Medien performen und dort Verant­wor­tung für ihre Lyrics über­nehmen, indem sie Stel­lung beziehen. Die Grenzen zwischen der künst­le­ri­schen Persona und dem privaten Selbst lösen sich auf, und immer grös­sere Teile des Alltags werden für sie zu einem Gig in Dauer­schleife. Auch für eine Influen­cer­kar­riere gilt: Careful what you wish for! Wer selbst einmal auf einer Bühne stand, weiss, dass ein Auftritt berau­schende Wirkung hat. Beklatscht und gefeiert zu werden, setzt im Gehirn Endor­phine und Oxycontin frei. Das ist auch der Grund, weshalb viele Künstler:innen nach ihrer Perfor­mance auch erstmal wieder „runter­kommen“ müssen. Von den Sozialen Medien runter­zu­kommen, erweist sich dabei als wesent­lich schwieriger.

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Jack Harris hat Mut bewiesen, indem er sich geoutet hat und all diesen Menschen seine Stimme gewidmet hat – für den Preis, dass seine Stimme nicht mehr ihm alleine gehört. Sie erklingt nun für die Vielen, und das weckt einen hohen Erwar­tungs­druck, dem er aktuell mit einer Reihe neuer Songs gerecht wird.

Gen Z: Zwischen #Mental­He­alth und Psychopharmaka

Jack Harris hat den Code geknackt“, hiess es in einem Inter­view. Tatsäch­lich bespielt er mit #Mental­He­alth einen mäch­tigen Hashtag auf TikTok. Allein im Jahr 2023 verbuchte dieser 109 Milli­arden Aufrufe. Das lässt aufhor­chen, denn der TikTok-Algorithmus füttert die Commu­nity konse­quent mit jenen Video­clips, die Inter­ak­tionen auslösen. Ausserdem hat TikTok ein grosses Inter­esse daran, in Sachen psychi­scher Gesund­heits­för­de­rung gut dazu­stehen, weil das Unter­nehmen selbst oft genug unter dem Verdacht steht, für viele Probleme der Jugend­li­chen verant­wort­lich zu sein. Deshalb verfügt TikTok über ziem­lich durch­dachte Well-Being-Guidelines, macht beson­ders gerne am 10. Oktober anläss­lich des World Mental Health Day mit gross­zü­gigen Spenden auf sich aufmerksam und ruft die Commu­nity aktiv dazu auf, ihre persön­li­chen Erfah­rungen zu teilen und sich gegen­seitig mit posi­tiven Berichten zu bestärken. Die Produk­tion von Mental-Health-Content boomt. Unter allen Sozialen Medien hat sich TikTok als jene Platt­form etabliert, auf der medi­zi­ni­sches und phar­ma­zeu­ti­sches Wissen sowie Selbst­er­fah­rungen am erfolg­reichsten verbreitet werden.

Während die Kinder- und Jugend­psych­ia­trien seit der Corona-Pandemie chro­nisch über­lastet sind und es überall an Psycho­the­ra­pie­plätzen fehlt, verab­schiedet sich die Gene­ra­tion Z zuneh­mend von den tradi­tio­nellen medi­zi­ni­schen Struk­turen und sucht sich Rat und Hilfe auf TikTok. Dort finden sie Antworten in Hülle und Fülle, und zwar von Betrof­fenen, Fach­per­sonen oder auch selbst­er­nannten Therapeut:innen mit zum Teil frag­wür­digen Methoden. Über­spitzt formu­liert erleben wir auf TikTok gerade das viel­leicht grösste Revival der Laien­me­dizin der Neuzeit und den Aufstieg einer neuen Mental-Health-Bewegung.

Die Schweizer Stif­tung Pro Juven­tute hat diesen Trend bereits erkannt und ist seit 2022 mit einer TikTok-Version ihres Sorgen­te­le­fons 147 präsent. Es ist davon auszu­gehen, dass psych­ia­tri­sche Kliniken und Psychotherapeut:innen dem Beispiel bald folgen werden und einen Teil ihrer Sprech­stunden und Gesund­heits­för­de­rungs­mass­nahmen auf TikTok verla­gern. #Doctortok ist längs­tens in der Gegen­wart ange­kommen und wird wohl in Zukunft immer bedeu­tender werden.

Im Durch­schnitt ist ein Kind 12.5 Jahre alt, wenn es seinen ersten Social-Media-Account eröffnet, und häufig beginnt die Reise auf TikTok. Welt­weit nutzen über eine Milli­arde Menschen die App: 70% von ihnen sind jünger als 35 Jahre. Damit ist TikTok die primäre Platt­form für die Gene­ra­tion Z. Sie ist aber auch dieje­nige Gene­ra­tion, die zusammen mit der noch jüngeren Gene­ra­tion Alpha zu jenen beiden Kohorten zählt, die in der Schweiz – wenn sie sich denn in medi­zi­ni­sche Behand­lung begeben – im Vergleich zu den anderen Alters­gruppen zwischen 2017 und 2020 einen deut­li­chen Anstieg an Psychopharmaka-Verschreibungen erlebten. Laut dem OBSAN-Bericht gehören Psycho­phar­maka schweiz­weit zu der am meisten verschrie­benen Medi­ka­men­ten­gruppe, und die Spit­zen­reiter darunter sind die Antidepressiva.

Dabei konnte bisher noch nicht abschlies­send fest­ge­stellt werden, ob es um die psychi­sche Gesund­heit der Gene­ra­tion Z im Vergleich zu den anderen Alters­gruppen tatsäch­lich schlechter steht oder sie eher bereit ist, über psychi­sche Probleme zu spre­chen. In einer Studie des McKinsey Health Insti­tute im Jahr 2022 wurden 6000 Personen der Gene­ra­tion Z in 10 euro­päi­schen Ländern über ihre psychi­sche Gesund­heit befragt. Dabei stellte sich heraus, dass die Befragten ihre psychi­sche Gesund­heit im Vergleich zu allen anderen Alters­gruppen deut­lich schlechter einschätzt. 25% der Befragten gaben zudem an, dass sich ihre psychi­sche Verfas­sung zwischen 2019 und 2022 verschlech­tert habe. 19% berich­teten, dass sie sich bei Problemen eher ihren Freunden statt einer medi­zi­ni­schen Fach­person anver­trauen würden… wobei mit „Freunden“ eben auch die Mitmen­schen im TikTok-Feed unter dem Song von Jack Harris gemeint sein können. 

Pillen zur Linde­rung gesell­schaft­li­cher Probleme

I needed something
To help me get through
I wanted something
And the doctor said to…

Ein Grund für die hohe Popu­la­rität von Anti­de­pres­siva in Haus­arzt­praxen ist auch die Tatsache, dass sich ihre Anwen­dungs­ge­biete immer mehr ausdehnen. Sie werden gerne auch nied­rig­do­siert bei Schlaf­stö­rungen, Angst­zu­ständen, Unruhe und anderen Symptomen einge­setzt. Patient:innen verlangen nicht selten selbst nach einer phar­ma­zeu­ti­schen Lösung für Probleme, die nicht medi­zi­ni­scher, sondern gesell­schaft­li­cher Natur sind. Statt über weniger belas­tende Prüfungs­formen nach­zu­denken, gibt es für Prüf­linge Beta­blo­cker oder Benzo­dia­ze­pine – Abhän­gig­keits­ge­fahr inklu­sive. Statt ernst­hafte Bemü­hungen zu starten, um toxi­sche Struk­turen am Arbeits­platz, an Schulen oder Univer­si­täten aufzu­bre­chen, gibt es ein Dauer­re­zept für Anti­de­pres­siva. Auch wenn die Heraus­for­de­rungen gross und die Sache komplex ist, muss uns dieser Umstand als Indi­vi­duen nicht davon abhalten, achtsam und respekt­voll mit unserem Gegen­über umzu­gehen. Es ist ein verhält­nis­mässig beschei­denes Invest­ment der Einzelnen für ein gesün­deres Miteinander.

Ein Teil der Gene­ra­tion Z lebt uns diese Haltung vor und gewichtet das psychi­sche Wohl­be­finden weit stärker als alle Vorgän­ger­ge­ne­ra­tionen. Toxi­sche Struk­turen werden vermehrt in Frage gestellt und Probleme adres­siert. Auch in Sachen Work-Life-Balance stellt sie umfang­reiche Forde­rungen an die Arbeit­ge­benden, sofern sie sich nicht gleich selb­ständig machen. Da sie aufgrund der demo­gra­fi­schen Entwick­lung in den meisten west­li­chen Indus­trie­staaten in Bezug auf ihre Arbeits­kraft in einer starken Verhand­lungs­po­si­tion befinden, müssen sich die Betriebe auf sie zube­wegen. Dafür werden sie gerne als schwierig, unbe­quem, anstren­gend oder schwach taxiert. Viel­leicht sind viele dieser jungen Menschen, die in einer Zeit der Unsi­cher­heiten aufge­wachsen sind, mitt­ler­weile aber auch einfach selbst­be­wusst genug, um Verän­de­rungen anzu­stossen, für die wir selbst bisher nicht genü­gend Mut und Kraft aufbringen konnten.

Jack Harris Verse spre­chen Millionen von Menschen aus dem Herzen, die einen über­wie­gend stummen Kampf um ihre psychi­sche Gesund­heit ausfechten. Stumm deshalb, weil psychi­sche Probleme gesell­schaft­lich nach wie vor weit­ge­hend stig­ma­ti­siert sind und kaum offen darüber gespro­chen wird. Natür­lich kann auf einer abstrakten Ebene über Depres­sionen und Burnout disku­tiert werden, aber wer kann von sich behaupten, am Arbeits­platz oder im Klas­sen­zimmer offen über die eigenen Ängste, die eigene Verzweif­lung und die eigene Über­for­de­rung mit dem Leben zu spre­chen? Wir sollten es vermehrt tun und vor allem achtsam damit umgehen, wenn es unser Gegen­über tut. Wir können uns nicht der Tatsache entziehen, dass wir aktiv zum psychi­schen Wohl­be­finden unserer Mitmen­schen beitragen – oder eben nicht.