Soziale Netzwerke sorgen permanent für schlechte Laune – aber man bleibt drin oder zieht bestenfalls zur nächsten kommerziellen Plattform. Es gibt jedoch eine andere, dezentrale und selbstbestimmte Tradition, sich digital zu vernetzen. Gleb J. Albert zeichnet die Geschichte dieser Alternative nach – von Mailboxen bis Mastodon.

  • Gleb Albert

    Gleb Albert ist Assistenzprofessor am Historischen Seminar der Universität Luzern. Er forscht und lehrt zur Geschichte der Computerisierung in Ost und West, zur Geschichte der Sowjetunion und des internationalen Kommunismus. Er ist Mitherausgeber des International Newsletter of Communist Studies und Herausgeber von Geschichte der Gegenwart.

Dass X, ehemals Twitter, seit der Über­nahme durch den Tech-Milliardär Elon Musk zu einer toxi­schen Jauche­grube geworden ist, scheint sich mitt­ler­weile als Erkenntnis durch­ge­setzt zu haben: Immer mehr Vereine, Behörden und Forschungs­ein­rich­tungen verlassen Musks (a)soziales Netz­werk. Face­book, der Klas­siker unter den noch lebenden Platt­formen, der ohnehin keine jüngeren User:innen mehr anzieht, sorgt unter den Altein­ge­ses­senen zuneh­mend für Frust: Zu vermüllt ist der Feed mit irrele­vanter Werbung, reak­tio­närer Propa­ganda und KI-generiertem Unsinn. Auch Insta­gram, ursprüng­lich als Foto-Sharing-Plattform lanciert und sich unge­bro­chener Beliebt­heit im krea­tiven Bereich erfreuend, nervt mit Werbung und restrik­tiven Posting-Regeln, die darauf abzielen, die Nutzer:innen im eigenen geschlos­senen Ökosystem zu halten.

Die quasi­mo­no­po­lis­ti­schen Social-Media-Plattformen enden immer wieder in einer Spirale der „Enshit­ti­fi­ca­tion“, wie der Netz­theo­re­tiker Cory Doctorow die Folgen syste­ma­ti­scher Abstriche an Nutzungs­qua­lität zugunsten von Gewinn­ab­schöp­fung nennt. Dies ist keine neue Entwick­lung. Netzveteran:innen mögen sich an MySpace erin­nern, in den frühen 2000er Jahren eine bahn­bre­chende Platt­form für Musiker:innen und Musik­fans, das nach mehreren Besit­zer­wech­seln immer unbe­nutz­barer wurde und nach wie vor als digi­tale Ruine zu besich­tigen ist. Während MySpace-Nutzer:innen rasch mit Sound­Cloud einen adäquaten Ersatz fanden, stehen auch heute immer Konkur­renz­an­ge­bote bereit, um die Abwan­de­rungs­wellen von an einer Platt­form irre­ge­wor­denen User:innen aufzu­fangen. Manche suchen ihr Heil auf Threads, einem Kurznachrichten-Netz von Facebook-Mutterkonzern Meta, andere legen ihre Hoff­nungen auf Bluesky von Twitter-Mitbegründer Jack Dorsey, der immer wieder verspricht, es anders zu machen als X. Andere wiederum verschwinden im Laby­rinth von Telegram-Kanälen.

All diese Ange­bote eint, dass sie zentra­li­siert und proprietär orga­ni­siert sind. Das heißt, sie werden von einzelnen, profit­ori­en­tierten Unter­nehmen betrieben, die den Programm­code als Betriebs­ge­heimnis betrachten. Sie schlagen Gewinn aus den durch User:innen-Interaktion produ­zierten Daten, ohne dabei den Nutzer:innen auch nur ein Mitspra­che­recht bei Strategie- oder Design-Entscheidungen einzu­räumen. User:innen inves­tieren unbe­zahlte Arbeit in die Platt­formen, nur um eines Tages zu reali­sieren, dass die Platt­form sich von ihren Vorstel­lungen wegent­wi­ckelt hat –, aber ohne die Möglich­keit, die Ergeb­nisse ihrer oftmals jahre­langen Akti­vität auf eine andere Platt­form zu portieren. So begründet Doctorow in einem luziden Text seine Verwei­ge­rung gegen­über Bluesky. Nicht nur wolle er seine Inhalte nicht in einem geschlos­senen Ökosystem einge­sperrt sehen, auch gäbe es keinerlei Garantie dafür, dass die Betreiber der neuen Hoffnungsträger-Plattform nicht doch vor grossen Inves­toren einknicken.

Was tun? Digi­tale soziale Netz­werke sind aus unserem Alltag nicht wegzu­denken, ein kompletter Rückzug ins Analoge wäre kaum eine Lösung, sondern insge­samt eher ein Rück­schritt. Die Möglich­keit, sich dank Computer- und Netz­werk­tech­no­lo­gien mit Menschen jenseits der eigenen Nahum­ge­bung zu vernetzen und auszu­tau­schen, hat zwar einer­seits poli­ti­sche Pola­ri­sie­rung und Mani­pu­la­tion massiv verstärkt, doch in längerer histo­ri­scher Perspek­tive auch immer wieder persön­liche und poli­ti­sche Durch­brüche in eman­zi­pa­to­ri­scher Hinsicht ermög­licht. Eine mögliche Stra­tegie, weiterhin digital zu kommu­ni­zieren und sich dabei nicht den Tech­kon­zernen auszu­lie­fern, sind Rück­griffe auf voral­go­rith­mi­sche digi­tale Medien – etwa Blogs – oder die seit einiger Zeit wieder popu­lären Email-Newsletter. Man könnte aber auch noch einen Schritt zurück­gehen und sich die Früh­ge­schichte digi­taler Vernet­zung ansehen, die geprägt war von Dezen­tra­li­sie­rung und Selbst­be­stim­mung – und die wenigen dezen­tralen sozialen Netz­werke, die uns in der Gegen­wart bereit­stehen, als die einzige wirk­liche Alter­na­tive zur algo­rith­mi­schen Dystopie unserer Social-Media-Gegenwart begreifen. 

Hundert­tau­sende Netz­knoten: Das BBS-Universum

Login-Bildschirm der ersten BBS, 1978 (Rekonstruktion). Quelle: User Aeroid, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:CBBS_Login.svg

Login-Bildschirm der ersten BBS, 1978 (Rekon­struk­tion). Quelle: User Aeroid, Wiki­media Commons, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:CBBS_Login.svg

„Soziale Medien“, wie wir sie kennen, kamen erst Mitte der 2000er Jahre auf. Möglich­keiten digi­taler Vernet­zung, Kommu­ni­ka­tion und Selbst­dar­stel­lung hatte es an diesem Punkt aller­dings schon über zwei Jahr­zehnte lang gegeben – und zwar bereits lange vor der Öffnung und Kommer­zia­li­sie­rung des Inter­nets. Möglich gemacht wurde dies durch das Modem – ein Gerät, das digi­tale Daten in analoge Signale (und umge­kehrt) konver­tieren konnte, so dass gewöhn­liche Tele­fon­lei­tungen zur Daten­über­tra­gung genutzt werden konnten. Ursprüng­lich für mili­tä­ri­sche Zwecke entwi­ckelt, wurden Modems ab den frühen 1970er Jahren von Enthu­si­asten im Eigenbau herge­stellt und waren rasch auch kommer­ziell verfügbar. 1978 schließ­lich kamen Mitglieder eines Compu­ter­clubs in Chicago auf die Idee, eine Art virtu­elle Pinn­wand zu errichten: Das Bulletin Board System (BBS). Ein Heim­com­puter, mit einer spezi­ellen Soft­ware ausge­stattet und per Modem an die Tele­fon­lei­tung ange­schlossen, konnte von Computer- und Modem-Besitzer:innen ange­wählt werden, um dort Nach­richten oder Daten mit anderen User:innen auszu­tau­schen. Die Idee verbrei­tete sich rasend schnell, dank der nied­rigen US-amerikanischen Tele­fon­ge­bühren für Lokal­ge­spräche, aber auch wegen ihrer Nied­rig­schwel­lig­keit: Man brauchte bloß einen gewöhn­li­chen Heim­com­puter (selbst Einstei­ger­ge­räte wie der Commo­dore 64 oder der Apple II genügten), ein Modem und eine Tele­fon­lei­tung, um einen virtu­ellen Ort zu kreieren, der von Gleich­ge­sinnten frequen­tiert werden konnte (vergleichbar mit einer persön­li­chen Home­page, einem Blog oder einem Facebook-Profil). 

Digi­taler Werbe­flyer einer BBS, Austra­lien, ca. 1995-1996. Quelle: Privat­samm­lung Autor.

Die Idee wurde bald auch von kommer­zi­ellen Anbie­tern aufge­griffen, doch Amateur:innen stellten weiterhin den Löwen­an­teil der BBS-Betreiber:innen. Eine kommer­zi­elle BBS konnte zwar mit schnel­lerer Hard­ware, mehr Tele­fon­lei­tungen und größerem Spei­cher­platz punkten, aber letzt­end­lich blieb es dem User über­lassen, welche BBS-Telefonnummer er oder sie anwählte: Das Tele­fon­netz prio­ri­sierte keine Anrufe und sorgte für Netz­neu­tra­lität avant la lettre. Entspre­chend wurden BBSs (im deut­schen Sprach­raum auch als „Mail­boxen“ bekannt) zentral für die Vernet­zung von Anhänger:innen bestimmter Hobbys, für Früh­formen des Online-Datings, aber auch für poli­ti­schen und sozialen Akti­vismus. Für queere Gemein­schaften etwa boten BBSs einen virtu­ellen Safe Space jenseits der Groß­städte, und in der AIDS-Krise Ende der 1980er Jahre wurden commu­ni­ty­be­trie­bene Mail­boxen zum wich­tigen Medium für die Zirku­la­tion verläss­li­cher medi­zi­ni­scher Infor­ma­tionen und die Vernet­zung Betrof­fener. Alles in allem kann man BBSs ohne Unter­trei­bung als ein früh­di­gi­tales Massen­me­dium bezeichnen: Berech­nungen des US-Historikers Kevin Dris­coll zufolge waren zwischen 1978 und den frühen 1990er Jahren allein in Nord­ame­rika über 100.000 BBSs online, die von insge­samt ca. 2,5 Millionen Nutzer:innen frequen­tiert wurden. Auch jenseits von Nord­ame­rika waren BBSs stark verbreitet, und zwar über alle Welt­re­gionen hinweg, die an der Schwelle der 1980er und 1990er Jahre über ein nennens­wertes Kontin­gent privater Heimcomputernutzer:innen verfügten. Im deutsch­spra­chigen Raum etwa stellten Mail­boxen die Infra­struktur für erste femi­nis­ti­sche Vernet­zungen im digi­talen Raum. Die globale Dimen­sion dieses ansonsten kaum kartierten und fast nur für Nord­ame­rika erforschten virtu­ellen Univer­sums lässt sich anhand der Demo­szene – einer in den späten 1980er Jahren entstan­denen krea­tiven Program­mier­ersub­kultur, die gut erforscht und von Laienarchivist:innen engma­schig doku­men­tiert ist – anschau­lich demons­trieren: Diese Commu­nity hat die 1980er und 1990er Jahre hindurch fast 14.500 solcher digi­taler Netz­knoten betrieben, die sich auf einer virtu­ellen Land­karte über den gesamten Globus verteilen – von Kapstadt bis Lapp­land, von Samoa bis Magadan, von den Azoren bis Saudi-Arabien. 

Digi­taler Werbe­flyer einer BBS für Kanin­chen­züchter, USA, frühe 1990er Jahre. Quelle: Privat­samm­lung Autor.

Natür­lich wählte sich kaum jemand aus Kapstadt in eine BBS in Lapp­land ein. Für Modem-Nutzung fielen die übli­chen Tele­fon­ge­bühren an, somit blieben die aller­meisten BBSs lokale oder regio­nale, besten­falls natio­nale Kommu­ni­ka­ti­ons­platt­formen. Eine weitere tech­ni­sche Inno­va­tion jedoch machte die BBSs zu einem global vernetzten Medium: In den frühen 1980er Jahren entwi­ckelten Hobby­pro­gram­mierer die BBS-Software so weiter, dass BBSs unter­ein­ander zu Nacht­zeiten (um Tele­fon­ge­bühren zu sparen) autonom Nach­richten austau­schen konnten. Es entstanden Netz­werke, die indi­vi­du­elle Nach­richten zwischen Nutzer:innen verschie­dener BBSs im Store-and-forward-Prinzip weiter­leiten und zustellen konnten, wobei die BBSs als ein gestaf­feltes System von regio­nalen, natio­nalen und konti­nen­talen Netz­knoten fungierten. Dies dauerte bei inter­kon­ti­nen­talem Austausch mitunter mehrere Tage, aber es war kostenlos (abzüg­lich lokaler Tele­fon­ge­bühren) und beruhte auf dezen­tra­li­sierter Selbst­or­ga­ni­sa­tion, ohne Bean­spru­chung kommer­zi­eller Netz­an­bieter. Das größte dieser Nach­rich­ten­netz­werke, das FidoNet, umfasste über 40.000 Netz­knoten auf allen Konti­nenten und war etwa in Osteu­ropa bis weit in die 1990er Jahre hinein ein gängiges Kommu­ni­ka­ti­ons­me­dium. 

Kein Gott, kein Kaiser noch Tech-Bro: Radi­kale Dezen­tra­li­sie­rung und Selbstbestimmung

Die BBSs wurden im Verlauf der 1990er Jahre durch den Siegeszug des World Wide Web aufs Abstell­gleis beför­dert. Von jedem Ort der Welt aus auf belie­bige Infor­ma­tionen zugreifen, zudem, im Gegen­satz zu den text­ba­sierten BBS-Interfaces, mit hoch­auf­lö­sender Grafik – dies war zu bequem und verlo­ckend, um weiterhin per Modem einzelne Mail­boxen anzu­wählen. Zudem schien das frühe Internet, aus der univer­si­tären Welt in die private (und nur schlei­chend kommer­zia­li­sierte) Nutzung über­führt, zunächst ein hori­zontal struk­tu­rierter, hier­ar­chie­freier Raum zu sein, sodass viele BBS-Nutzer:innen bereit­willig in diese neue Welt umstiegen und sich kraft ihres Online-Erfahrungsvorsprungs als Internet-Pioniere und -Entre­pre­neure profi­lieren konnten.

Digi­taler Werbe­flyer eines Message-Netzwerks zur christ­li­chen Part­ner­suche (Ausschnitt), USA, 1990er Jahre. Quelle: Privat­samm­lung Autor.

Warum lohnt es sich über­haupt, diese BBSs, eine schein­bare Sack­gasse der Medi­en­ge­schichte, den heutigen Leser:innen in Erin­ne­rung zu rufen? Sicher­lich nicht, um sie wieder­zu­be­leben. Niemand trauert horrenden Tele­fon­rech­nungen und stun­den­lang besetzten Leitungen nach, und die heute über das Telnet-Proto­koll im Internet betrie­benen knapp tausend BBSs sind eher ein lebendes Museum histo­ri­schen Medi­en­ge­brauchs als ein ernst­zu­neh­mendes Kommu­ni­ka­ti­ons­mittel. Es geht an dieser Stelle jedoch nicht um BBSs an sich, sondern um ein Grund­prinzip, das sie verkör­perten: Digi­tale Vernet­zung ist ohne proprie­täre und zentra­li­sierte Infra­struk­turen möglich. 

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Heutige soziale Netz­werke funk­tio­nieren nach folgendem Prinzip: Ein Unter­nehmen stellt Infra­struktur (Server) und Inter­face (Website, App) zur Verfü­gung – als eine Art einge­zäunten Hof, auf dem User:innen, einge­hegt von Nutzungs­be­din­gungen und „sanft“ geführt von Algo­rithmen, mitein­ander inter­agieren, streiten, sich vernetzen und in digi­taler Selbst­dar­stel­lung üben können. Diese Inter­ak­tionen, bzw. die immer wach­sende Daten­menge an proto­kol­lierten indi­vi­du­ellen Präfe­renzen und Inter­essen, lassen die Platt­form als unter­neh­me­ri­sches Projekt über­haupt erst an Wert gewinnen – als Werbe­fläche für indi­vi­duell zuge­schnit­tene Reklame, aber auch als Spiel­feld poli­ti­scher Einfluss­nahme. Letz­teres kann sich, wie man spätes­tens seit dem Cambridge-Analytica-Skandal weiß, unmit­telbar auf Wahl­er­geb­nisse auswirken und größere poli­ti­sche Shifts in Gang setzen.

Digi­taler Werbe­flyer einer BBS in Hamburg, 1995. Quelle: https://defacto2.net/f/bb30214

Die BBSs dagegen verkör­perten ein voll­kommen anderes Prinzip: Betreiber:innen hundert­tau­sender Netz­knoten besie­delten eine allge­mein verfüg­bare und neutrale Infra­struktur, das Tele­fon­netz, und brachten ihre eigene Rechen­leis­tung und Spei­cher­ka­pa­zität ein, um gemäß den eigenen Inter­essen Inhalte und Diskus­si­ons­platt­formen für andere Nutzer:innen zu offe­rieren. Das dabei geformte Netz exis­tierte als Idee und als ein Set von Tools (es gab sowohl proprie­täre als auch gemein­freie BBS-Software), aber die eigent­li­chen Inter­ak­tionen gehörten niemandem außer denje­nigen, die sie ausführten. Es war ein System, das keinerlei zentrale Steue­rung oder gar feind­liche Über­nahme zuließ. Kein Konzern las die durch die Tele­fon­lei­tung flie­ßenden Daten aus und münzte sie in indi­vi­du­elle Werbe­stra­te­gien um. Kein nach rechts­aussen gedrif­teter Tech-Oligarch hätte alle BBSs aufkaufen und ihre Inhalte nach seinen Vorgaben anpassen können. Die BBS-Welt war ein Muster­bei­spiel digi­taler Auto­nomie, Resi­lienz und Selbstorganisation.

Natür­lich ging dies auf Kosten von Reich­weite. BBSs waren – abge­sehen von ihren Vernet­zungs­mög­lich­keiten über FidoNet und andere Netze – in erster Linie regio­nale Platt­formen, und entspre­chend ihrer indi­vi­du­ellen thema­ti­schen Ausrich­tung anfällig für Filterblasen-Bildung. Und sie waren keines­wegs mehr­heit­lich ein Hort progres­siver Politik, sondern viel öfter ein Rück­zugsort für Hobbys und apoli­ti­sche Verge­mein­schaf­tung. Aber auch US-amerikanische und euro­päi­sche Neonazis nutzten in den frühen 1990ern die BBS-Technologie zur Vernet­zung und Mobi­li­sie­rung. Ihre Möglich­keiten, andere Mail­boxen inhalt­lich zu beein­flussen, waren jedoch allein schon aufgrund der dezen­tralen Tech­no­logie äußerst begrenzt, sie blieben also inner­halb ihrer digi­talen Infra­struktur weit­ge­hend unter sich. Eine Neonazi-Mailbox anzu­wählen, erfor­derte eine bewusste Entschei­dung, es war nichts, wo man verse­hent­lich ‚hinein­stol­perte‘ und erst schlei­chend an extre­mis­ti­sche Inhalte heran­ge­führt wurde. Sie konnten auch nicht die ganze BBS-Welt über­nehmen, solange es mehr BBS-Betreiber:innen gab, die andere Inhalte offe­rierten. 

Mast­odon und die Dring­lich­keit eines Algorithmus-Detox

Ist eine dezen­tra­li­sierte Social-Media-Infrastruktur, die gegen User-Ausbeutung, kommer­zi­elle und poli­ti­sche Unter­wan­de­rung und feind­liche Über­nahme gefeit ist, eine Utopie, deren Verwirk­li­chungs­chancen bereits vor Jahr­zehnten verpasst wurden? In den peri­odi­schen Twitter-Ausstiegs-Diskussionen der letzten Jahre fiel immer wieder der Name einer mögli­chen Alter­na­tive: Mast­odon. Schub­weise wagten sich indi­vi­du­elle Nutzer:innen, Orga­ni­sa­tionen und Medien (so auch dieses Magazin) in das vorher kaum bekannte soziale Netz­werk hinein. Doch der große Umschwung blieb aus. „Was, Du bist immer noch auf Mast­odon? Ist da immer noch so wenig los?“, sind die Fragen, die in Kaffee­pausen fallen, wenn einmal wieder von toxi­schen Sozialen Medien die Rede ist.

Und das ist netz­po­li­tisch äußerst schade. Mast­odon als Kurz­nach­rich­ten­dienst inner­halb des Verbunds alter­na­tiver sozialer Netz­werke Fedi­verse verkör­pert die Grund­prin­zi­pien dezen­traler Vernet­zung aus BBS-Zeiten und über­trägt sie ins Social-Media-Zeitalter. Mast­odon ist kein Konzern, der Rechen­zen­tren mit proto­kol­lierten User-Interaktionen befüllt, sondern ledig­lich eine gGmbH, die die quell­code­of­fene Soft­ware für den Betrieb soge­nannter Instanzen entwi­ckelt. Jede:r Webserver-Betreiber:in kann eine solche Instanz einrichten, bei der sich anschlie­ßend User:innen regis­trieren und im Twitter-Stil mitein­ander kommu­ni­zieren und Infor­ma­tionen posten können. Über das Acti­vi­tyPub-Proto­koll können sich wiederum unter­schied­liche Instanzen mitein­ander verbinden, d.h. die User:innen einer Instanz können die Feeds von Mitglie­dern einer anderen Instanz abon­nieren, kommen­tieren und teilen. 

Diagramm zu den Fediverse-Plattformen. Quelle: Imke Senst & Mike Kuketz, Wiki­media Commons, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fediverse_AllProcotols_v1.1_13.05.2022.png

Wo liegen die Vorteile eines solchen „föde­rierten“ Netz­werks im Sinne einer menschen­freund­li­chen und produk­tiven Netz­kultur? Erstens ist es die gemein­freie Natur der Infra­struktur. Der offene Quell­code der Soft­ware ermög­licht, selbst wenn das aktu­elle Entwick­ler­team aussteigen würde, eine weitere Wartung und Entwick­lung durch neue Frei­wil­lige. Zwei­tens ist es die dezen­tra­li­sierte und damit nicht mono­po­li­sier­bare Natur des Netz­werks selbst. Genauso wie das BBS-Universum ist das Geflecht von Mastodon-Instanzen nicht greifbar, und damit auch nicht erwerbbar oder still­legbar. Es gibt rein tech­nisch keine Möglich­keit, das Netz­werk an einer zentralen Stelle zu kontrol­lieren und in eine bestimmte inhalt­liche Rich­tung zu lenken. Und wenn man ange­sichts dieser schein­baren Anar­chie im ersten Moment annimmt, ein solches Netz­werk sei der perfekte Nähr­boden für alle mögli­chen reak­tio­nären oder rechts­wid­rigen Inhalte, wird diese Befürch­tung durch die dezen­tra­li­sierte Selbst­or­ga­ni­sa­tion des Netz­werks anschau­lich entkräftet. Jede Instanz bestimmt nicht nur ihre eigenen, dem Grün­dungs­zweck und der ange­dachten Ziel­gruppe entspre­chenden Mode­ra­ti­ons­re­geln, sondern die Instanzbetreiber:innen können auch entscheiden, mit welcher anderen Instanz ihre Nutzer:innen in Austausch treten können. Was sich nach Bevor­mun­dung oder Zensur anhört, ist in Wirk­lich­keit ein effek­tiver Weg, Unter­wan­de­rung und digi­talem Hass vorzu­beugen und die eigenen User:innen zu schützen. Eine Instanz, die dafür bekannt wird, beson­ders viele „Trolle“ zu beher­bergen oder ihre Mode­ra­ti­ons­re­geln nicht gegen Hass­rede oder ille­gale Inhalte abzu­si­chern, wird von immer mehr anderen Instanzen vom Austausch abge­schnitten, bis die Rechts­extremen, Trolle oder Porno­gra­phen ganz unter sich bleiben. Man könnte diese Ausschluss­me­cha­nismen auch als Blasen­bil­dung kriti­sieren – aber es sind keine Blasen, in die man „rein­rutscht“, sondern Ergebnis selb­stän­diger, anhand indi­vi­du­eller poli­ti­scher oder persön­li­cher Präfe­renzen getrof­fener Entschei­dungen. Wer weniger strikte Regeln will, kann sein Profil (mitsamt der eigenen Posts) einfach auf eine andere Instanz umziehen. Und dieje­nigen Instanzen, die gegen Gesetze verstoßen, können, da die Verant­wor­tung bei den Instanz­be­trei­bern und nicht beim Netz­werk liegt, straf­recht­lich verfolgt werden (im Grunde genauso wie Betreiber einer ille­galen Website), ohne das ganze Netz­werk stillzulegen.

Der letzte posi­tive Aspekt dezen­traler Vernet­zung schließ­lich – und para­do­xer­weise zugleich derje­nige, der ihrer Durch­set­zung am stärkten im Weg steht – ist die komplette Abwe­sen­heit von Content-Algorithmen. In Mast­odon bekommt man keine Inhalts­vor­schläge, die sich aus voraus­ge­gan­genem Nutzer:innenverhalten ergeben. Der Feed ist rein chro­no­lo­gisch und man liest entweder die Posts der gesamten Instanz, oder die derje­nigen Autor:innen, die man bewusst abon­niert hat. Ange­sichts des allge­gen­wär­tigen Klagens über uner­wünschte Inhalte im Facebook-Feed könnte man meinen, diese Eigen­schaft würde Mast­odon neue Nutzer:innen in Scharen garan­tieren. Aller­dings erfor­dert diese Art von Social-Media-Nutzung einen Aufwand, den die meisten User:innen nach fast zwei Jahr­zehnten algo­rith­mi­sierter Social Media verlernt haben: Den eigenen Infor­ma­ti­ons­konsum selbst­be­stimmt zu orga­ni­sieren. Die Perspek­tive, in einem sozialen Netz­werk keine Inhalte empfohlen zu bekommen – so habe ich es schon mehr­mals in persön­li­chen Gesprä­chen erlebt – löst bei vielen Social-Media-Afficionados, auch solchen, die unter den Schat­ten­seiten etablierter Platt­formen leiden, ungläu­biges Staunen oder gar Entsetzen aus. Nach Jahren indi­vi­duell pass­genau darge­reichter Spotify-Playlists, Youtube-Videos und Facebook-Posts scheint es undenkbar, Zeit und Aufwand zu inves­tieren, den eigenen digi­talen Konsum komplett auf sich allein gestellt zu kura­tieren. Wer jedoch dazu nicht bereit ist, kommt nicht umhin, Trolle, KI-Slop, Fake News und Propa­ganda in Kauf zu nehmen. Denn eine proprie­täre Social-Media-Plattform, die nicht irgend­wann „enshit­ti­fied“ wird, sei es durch Nach­läs­sig­keit oder Absicht der Betreiber, hat es noch nie gegeben.

Die Zeichen für eine breite Durch­set­zung dieser Vision von dezen­traler sozialer Vernet­zung stehen denkbar schlecht – heute mehr als noch vor einigen Jahren. In einer Zeit, in der immer größere Teile der Bevöl­ke­rung bereit sind, sich nicht nur eintö­nige Aufgaben, sondern auch lebens­wich­tige Entschei­dungen – mit teil­weise fatalen Konse­quenzen – von KI-Chatbots abnehmen zu lassen, ist es illu­so­risch und naiv zu erwarten, dass eine kriti­sche Masse an Nutzer:innen sich bereit erklären würde, ihren Social-Media-Konsum selbst­be­stimmt in die Hand zu nehmen. Stand März 2026 hat Mast­odon 9,73 Millionen Nutzer:innen, verteilt auf ca. 16.000 Instanzen. Monat­lich aktiv sind davon ledig­lich 770.000. Gegen die Nutzungs­zahlen proprie­tärer Social Media nimmt sich dies gera­dezu mikro­sko­pisch aus. Doch auch wenn ein Umschwung sehr unwahr­schein­lich ist, so soll dieser Beitrag zumin­dest fest­halten, dass eine andere Art digi­taler Vernet­zung schon vor über 40 Jahren denkbar und tech­nisch machbar war – und die Werk­zeuge dafür nach wie vor verfügbar sind.