Dass X, ehemals Twitter, seit der Übernahme durch den Tech-Milliardär Elon Musk zu einer toxischen Jauchegrube geworden ist, scheint sich mittlerweile als Erkenntnis durchgesetzt zu haben: Immer mehr Vereine, Behörden und Forschungseinrichtungen verlassen Musks (a)soziales Netzwerk. Facebook, der Klassiker unter den noch lebenden Plattformen, der ohnehin keine jüngeren User:innen mehr anzieht, sorgt unter den Alteingesessenen zunehmend für Frust: Zu vermüllt ist der Feed mit irrelevanter Werbung, reaktionärer Propaganda und KI-generiertem Unsinn. Auch Instagram, ursprünglich als Foto-Sharing-Plattform lanciert und sich ungebrochener Beliebtheit im kreativen Bereich erfreuend, nervt mit Werbung und restriktiven Posting-Regeln, die darauf abzielen, die Nutzer:innen im eigenen geschlossenen Ökosystem zu halten.
Die quasimonopolistischen Social-Media-Plattformen enden immer wieder in einer Spirale der „Enshittification“, wie der Netztheoretiker Cory Doctorow die Folgen systematischer Abstriche an Nutzungsqualität zugunsten von Gewinnabschöpfung nennt. Dies ist keine neue Entwicklung. Netzveteran:innen mögen sich an MySpace erinnern, in den frühen 2000er Jahren eine bahnbrechende Plattform für Musiker:innen und Musikfans, das nach mehreren Besitzerwechseln immer unbenutzbarer wurde und nach wie vor als digitale Ruine zu besichtigen ist. Während MySpace-Nutzer:innen rasch mit SoundCloud einen adäquaten Ersatz fanden, stehen auch heute immer Konkurrenzangebote bereit, um die Abwanderungswellen von an einer Plattform irregewordenen User:innen aufzufangen. Manche suchen ihr Heil auf Threads, einem Kurznachrichten-Netz von Facebook-Mutterkonzern Meta, andere legen ihre Hoffnungen auf Bluesky von Twitter-Mitbegründer Jack Dorsey, der immer wieder verspricht, es anders zu machen als X. Andere wiederum verschwinden im Labyrinth von Telegram-Kanälen.
All diese Angebote eint, dass sie zentralisiert und proprietär organisiert sind. Das heißt, sie werden von einzelnen, profitorientierten Unternehmen betrieben, die den Programmcode als Betriebsgeheimnis betrachten. Sie schlagen Gewinn aus den durch User:innen-Interaktion produzierten Daten, ohne dabei den Nutzer:innen auch nur ein Mitspracherecht bei Strategie- oder Design-Entscheidungen einzuräumen. User:innen investieren unbezahlte Arbeit in die Plattformen, nur um eines Tages zu realisieren, dass die Plattform sich von ihren Vorstellungen wegentwickelt hat –, aber ohne die Möglichkeit, die Ergebnisse ihrer oftmals jahrelangen Aktivität auf eine andere Plattform zu portieren. So begründet Doctorow in einem luziden Text seine Verweigerung gegenüber Bluesky. Nicht nur wolle er seine Inhalte nicht in einem geschlossenen Ökosystem eingesperrt sehen, auch gäbe es keinerlei Garantie dafür, dass die Betreiber der neuen Hoffnungsträger-Plattform nicht doch vor grossen Investoren einknicken.
Was tun? Digitale soziale Netzwerke sind aus unserem Alltag nicht wegzudenken, ein kompletter Rückzug ins Analoge wäre kaum eine Lösung, sondern insgesamt eher ein Rückschritt. Die Möglichkeit, sich dank Computer- und Netzwerktechnologien mit Menschen jenseits der eigenen Nahumgebung zu vernetzen und auszutauschen, hat zwar einerseits politische Polarisierung und Manipulation massiv verstärkt, doch in längerer historischer Perspektive auch immer wieder persönliche und politische Durchbrüche in emanzipatorischer Hinsicht ermöglicht. Eine mögliche Strategie, weiterhin digital zu kommunizieren und sich dabei nicht den Techkonzernen auszuliefern, sind Rückgriffe auf voralgorithmische digitale Medien – etwa Blogs – oder die seit einiger Zeit wieder populären Email-Newsletter. Man könnte aber auch noch einen Schritt zurückgehen und sich die Frühgeschichte digitaler Vernetzung ansehen, die geprägt war von Dezentralisierung und Selbstbestimmung – und die wenigen dezentralen sozialen Netzwerke, die uns in der Gegenwart bereitstehen, als die einzige wirkliche Alternative zur algorithmischen Dystopie unserer Social-Media-Gegenwart begreifen.
Hunderttausende Netzknoten: Das BBS-Universum

Login-Bildschirm der ersten BBS, 1978 (Rekonstruktion). Quelle: User Aeroid, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:CBBS_Login.svg
„Soziale Medien“, wie wir sie kennen, kamen erst Mitte der 2000er Jahre auf. Möglichkeiten digitaler Vernetzung, Kommunikation und Selbstdarstellung hatte es an diesem Punkt allerdings schon über zwei Jahrzehnte lang gegeben – und zwar bereits lange vor der Öffnung und Kommerzialisierung des Internets. Möglich gemacht wurde dies durch das Modem – ein Gerät, das digitale Daten in analoge Signale (und umgekehrt) konvertieren konnte, so dass gewöhnliche Telefonleitungen zur Datenübertragung genutzt werden konnten. Ursprünglich für militärische Zwecke entwickelt, wurden Modems ab den frühen 1970er Jahren von Enthusiasten im Eigenbau hergestellt und waren rasch auch kommerziell verfügbar. 1978 schließlich kamen Mitglieder eines Computerclubs in Chicago auf die Idee, eine Art virtuelle Pinnwand zu errichten: Das Bulletin Board System (BBS). Ein Heimcomputer, mit einer speziellen Software ausgestattet und per Modem an die Telefonleitung angeschlossen, konnte von Computer- und Modem-Besitzer:innen angewählt werden, um dort Nachrichten oder Daten mit anderen User:innen auszutauschen. Die Idee verbreitete sich rasend schnell, dank der niedrigen US-amerikanischen Telefongebühren für Lokalgespräche, aber auch wegen ihrer Niedrigschwelligkeit: Man brauchte bloß einen gewöhnlichen Heimcomputer (selbst Einsteigergeräte wie der Commodore 64 oder der Apple II genügten), ein Modem und eine Telefonleitung, um einen virtuellen Ort zu kreieren, der von Gleichgesinnten frequentiert werden konnte (vergleichbar mit einer persönlichen Homepage, einem Blog oder einem Facebook-Profil).

Digitaler Werbeflyer einer BBS, Australien, ca. 1995-1996. Quelle: Privatsammlung Autor.
Die Idee wurde bald auch von kommerziellen Anbietern aufgegriffen, doch Amateur:innen stellten weiterhin den Löwenanteil der BBS-Betreiber:innen. Eine kommerzielle BBS konnte zwar mit schnellerer Hardware, mehr Telefonleitungen und größerem Speicherplatz punkten, aber letztendlich blieb es dem User überlassen, welche BBS-Telefonnummer er oder sie anwählte: Das Telefonnetz priorisierte keine Anrufe und sorgte für Netzneutralität avant la lettre. Entsprechend wurden BBSs (im deutschen Sprachraum auch als „Mailboxen“ bekannt) zentral für die Vernetzung von Anhänger:innen bestimmter Hobbys, für Frühformen des Online-Datings, aber auch für politischen und sozialen Aktivismus. Für queere Gemeinschaften etwa boten BBSs einen virtuellen Safe Space jenseits der Großstädte, und in der AIDS-Krise Ende der 1980er Jahre wurden communitybetriebene Mailboxen zum wichtigen Medium für die Zirkulation verlässlicher medizinischer Informationen und die Vernetzung Betroffener. Alles in allem kann man BBSs ohne Untertreibung als ein frühdigitales Massenmedium bezeichnen: Berechnungen des US-Historikers Kevin Driscoll zufolge waren zwischen 1978 und den frühen 1990er Jahren allein in Nordamerika über 100.000 BBSs online, die von insgesamt ca. 2,5 Millionen Nutzer:innen frequentiert wurden. Auch jenseits von Nordamerika waren BBSs stark verbreitet, und zwar über alle Weltregionen hinweg, die an der Schwelle der 1980er und 1990er Jahre über ein nennenswertes Kontingent privater Heimcomputernutzer:innen verfügten. Im deutschsprachigen Raum etwa stellten Mailboxen die Infrastruktur für erste feministische Vernetzungen im digitalen Raum. Die globale Dimension dieses ansonsten kaum kartierten und fast nur für Nordamerika erforschten virtuellen Universums lässt sich anhand der Demoszene – einer in den späten 1980er Jahren entstandenen kreativen Programmierersubkultur, die gut erforscht und von Laienarchivist:innen engmaschig dokumentiert ist – anschaulich demonstrieren: Diese Community hat die 1980er und 1990er Jahre hindurch fast 14.500 solcher digitaler Netzknoten betrieben, die sich auf einer virtuellen Landkarte über den gesamten Globus verteilen – von Kapstadt bis Lappland, von Samoa bis Magadan, von den Azoren bis Saudi-Arabien.

Digitaler Werbeflyer einer BBS für Kaninchenzüchter, USA, frühe 1990er Jahre. Quelle: Privatsammlung Autor.
Natürlich wählte sich kaum jemand aus Kapstadt in eine BBS in Lappland ein. Für Modem-Nutzung fielen die üblichen Telefongebühren an, somit blieben die allermeisten BBSs lokale oder regionale, bestenfalls nationale Kommunikationsplattformen. Eine weitere technische Innovation jedoch machte die BBSs zu einem global vernetzten Medium: In den frühen 1980er Jahren entwickelten Hobbyprogrammierer die BBS-Software so weiter, dass BBSs untereinander zu Nachtzeiten (um Telefongebühren zu sparen) autonom Nachrichten austauschen konnten. Es entstanden Netzwerke, die individuelle Nachrichten zwischen Nutzer:innen verschiedener BBSs im Store-and-forward-Prinzip weiterleiten und zustellen konnten, wobei die BBSs als ein gestaffeltes System von regionalen, nationalen und kontinentalen Netzknoten fungierten. Dies dauerte bei interkontinentalem Austausch mitunter mehrere Tage, aber es war kostenlos (abzüglich lokaler Telefongebühren) und beruhte auf dezentralisierter Selbstorganisation, ohne Beanspruchung kommerzieller Netzanbieter. Das größte dieser Nachrichtennetzwerke, das FidoNet, umfasste über 40.000 Netzknoten auf allen Kontinenten und war etwa in Osteuropa bis weit in die 1990er Jahre hinein ein gängiges Kommunikationsmedium.
Kein Gott, kein Kaiser noch Tech-Bro: Radikale Dezentralisierung und Selbstbestimmung
Die BBSs wurden im Verlauf der 1990er Jahre durch den Siegeszug des World Wide Web aufs Abstellgleis befördert. Von jedem Ort der Welt aus auf beliebige Informationen zugreifen, zudem, im Gegensatz zu den textbasierten BBS-Interfaces, mit hochauflösender Grafik – dies war zu bequem und verlockend, um weiterhin per Modem einzelne Mailboxen anzuwählen. Zudem schien das frühe Internet, aus der universitären Welt in die private (und nur schleichend kommerzialisierte) Nutzung überführt, zunächst ein horizontal strukturierter, hierarchiefreier Raum zu sein, sodass viele BBS-Nutzer:innen bereitwillig in diese neue Welt umstiegen und sich kraft ihres Online-Erfahrungsvorsprungs als Internet-Pioniere und -Entrepreneure profilieren konnten.

Digitaler Werbeflyer eines Message-Netzwerks zur christlichen Partnersuche (Ausschnitt), USA, 1990er Jahre. Quelle: Privatsammlung Autor.
Warum lohnt es sich überhaupt, diese BBSs, eine scheinbare Sackgasse der Mediengeschichte, den heutigen Leser:innen in Erinnerung zu rufen? Sicherlich nicht, um sie wiederzubeleben. Niemand trauert horrenden Telefonrechnungen und stundenlang besetzten Leitungen nach, und die heute über das Telnet-Protokoll im Internet betriebenen knapp tausend BBSs sind eher ein lebendes Museum historischen Mediengebrauchs als ein ernstzunehmendes Kommunikationsmittel. Es geht an dieser Stelle jedoch nicht um BBSs an sich, sondern um ein Grundprinzip, das sie verkörperten: Digitale Vernetzung ist ohne proprietäre und zentralisierte Infrastrukturen möglich.
Heutige soziale Netzwerke funktionieren nach folgendem Prinzip: Ein Unternehmen stellt Infrastruktur (Server) und Interface (Website, App) zur Verfügung – als eine Art eingezäunten Hof, auf dem User:innen, eingehegt von Nutzungsbedingungen und „sanft“ geführt von Algorithmen, miteinander interagieren, streiten, sich vernetzen und in digitaler Selbstdarstellung üben können. Diese Interaktionen, bzw. die immer wachsende Datenmenge an protokollierten individuellen Präferenzen und Interessen, lassen die Plattform als unternehmerisches Projekt überhaupt erst an Wert gewinnen – als Werbefläche für individuell zugeschnittene Reklame, aber auch als Spielfeld politischer Einflussnahme. Letzteres kann sich, wie man spätestens seit dem Cambridge-Analytica-Skandal weiß, unmittelbar auf Wahlergebnisse auswirken und größere politische Shifts in Gang setzen.

Digitaler Werbeflyer einer BBS in Hamburg, 1995. Quelle: https://defacto2.net/f/bb30214
Die BBSs dagegen verkörperten ein vollkommen anderes Prinzip: Betreiber:innen hunderttausender Netzknoten besiedelten eine allgemein verfügbare und neutrale Infrastruktur, das Telefonnetz, und brachten ihre eigene Rechenleistung und Speicherkapazität ein, um gemäß den eigenen Interessen Inhalte und Diskussionsplattformen für andere Nutzer:innen zu offerieren. Das dabei geformte Netz existierte als Idee und als ein Set von Tools (es gab sowohl proprietäre als auch gemeinfreie BBS-Software), aber die eigentlichen Interaktionen gehörten niemandem außer denjenigen, die sie ausführten. Es war ein System, das keinerlei zentrale Steuerung oder gar feindliche Übernahme zuließ. Kein Konzern las die durch die Telefonleitung fließenden Daten aus und münzte sie in individuelle Werbestrategien um. Kein nach rechtsaussen gedrifteter Tech-Oligarch hätte alle BBSs aufkaufen und ihre Inhalte nach seinen Vorgaben anpassen können. Die BBS-Welt war ein Musterbeispiel digitaler Autonomie, Resilienz und Selbstorganisation.
Natürlich ging dies auf Kosten von Reichweite. BBSs waren – abgesehen von ihren Vernetzungsmöglichkeiten über FidoNet und andere Netze – in erster Linie regionale Plattformen, und entsprechend ihrer individuellen thematischen Ausrichtung anfällig für Filterblasen-Bildung. Und sie waren keineswegs mehrheitlich ein Hort progressiver Politik, sondern viel öfter ein Rückzugsort für Hobbys und apolitische Vergemeinschaftung. Aber auch US-amerikanische und europäische Neonazis nutzten in den frühen 1990ern die BBS-Technologie zur Vernetzung und Mobilisierung. Ihre Möglichkeiten, andere Mailboxen inhaltlich zu beeinflussen, waren jedoch allein schon aufgrund der dezentralen Technologie äußerst begrenzt, sie blieben also innerhalb ihrer digitalen Infrastruktur weitgehend unter sich. Eine Neonazi-Mailbox anzuwählen, erforderte eine bewusste Entscheidung, es war nichts, wo man versehentlich ‚hineinstolperte‘ und erst schleichend an extremistische Inhalte herangeführt wurde. Sie konnten auch nicht die ganze BBS-Welt übernehmen, solange es mehr BBS-Betreiber:innen gab, die andere Inhalte offerierten.
Mastodon und die Dringlichkeit eines Algorithmus-Detox
Ist eine dezentralisierte Social-Media-Infrastruktur, die gegen User-Ausbeutung, kommerzielle und politische Unterwanderung und feindliche Übernahme gefeit ist, eine Utopie, deren Verwirklichungschancen bereits vor Jahrzehnten verpasst wurden? In den periodischen Twitter-Ausstiegs-Diskussionen der letzten Jahre fiel immer wieder der Name einer möglichen Alternative: Mastodon. Schubweise wagten sich individuelle Nutzer:innen, Organisationen und Medien (so auch dieses Magazin) in das vorher kaum bekannte soziale Netzwerk hinein. Doch der große Umschwung blieb aus. „Was, Du bist immer noch auf Mastodon? Ist da immer noch so wenig los?“, sind die Fragen, die in Kaffeepausen fallen, wenn einmal wieder von toxischen Sozialen Medien die Rede ist.
Und das ist netzpolitisch äußerst schade. Mastodon als Kurznachrichtendienst innerhalb des Verbunds alternativer sozialer Netzwerke Fediverse verkörpert die Grundprinzipien dezentraler Vernetzung aus BBS-Zeiten und überträgt sie ins Social-Media-Zeitalter. Mastodon ist kein Konzern, der Rechenzentren mit protokollierten User-Interaktionen befüllt, sondern lediglich eine gGmbH, die die quellcodeoffene Software für den Betrieb sogenannter Instanzen entwickelt. Jede:r Webserver-Betreiber:in kann eine solche Instanz einrichten, bei der sich anschließend User:innen registrieren und im Twitter-Stil miteinander kommunizieren und Informationen posten können. Über das ActivityPub-Protokoll können sich wiederum unterschiedliche Instanzen miteinander verbinden, d.h. die User:innen einer Instanz können die Feeds von Mitgliedern einer anderen Instanz abonnieren, kommentieren und teilen.

Diagramm zu den Fediverse-Plattformen. Quelle: Imke Senst & Mike Kuketz, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fediverse_AllProcotols_v1.1_13.05.2022.png
Wo liegen die Vorteile eines solchen „föderierten“ Netzwerks im Sinne einer menschenfreundlichen und produktiven Netzkultur? Erstens ist es die gemeinfreie Natur der Infrastruktur. Der offene Quellcode der Software ermöglicht, selbst wenn das aktuelle Entwicklerteam aussteigen würde, eine weitere Wartung und Entwicklung durch neue Freiwillige. Zweitens ist es die dezentralisierte und damit nicht monopolisierbare Natur des Netzwerks selbst. Genauso wie das BBS-Universum ist das Geflecht von Mastodon-Instanzen nicht greifbar, und damit auch nicht erwerbbar oder stilllegbar. Es gibt rein technisch keine Möglichkeit, das Netzwerk an einer zentralen Stelle zu kontrollieren und in eine bestimmte inhaltliche Richtung zu lenken. Und wenn man angesichts dieser scheinbaren Anarchie im ersten Moment annimmt, ein solches Netzwerk sei der perfekte Nährboden für alle möglichen reaktionären oder rechtswidrigen Inhalte, wird diese Befürchtung durch die dezentralisierte Selbstorganisation des Netzwerks anschaulich entkräftet. Jede Instanz bestimmt nicht nur ihre eigenen, dem Gründungszweck und der angedachten Zielgruppe entsprechenden Moderationsregeln, sondern die Instanzbetreiber:innen können auch entscheiden, mit welcher anderen Instanz ihre Nutzer:innen in Austausch treten können. Was sich nach Bevormundung oder Zensur anhört, ist in Wirklichkeit ein effektiver Weg, Unterwanderung und digitalem Hass vorzubeugen und die eigenen User:innen zu schützen. Eine Instanz, die dafür bekannt wird, besonders viele „Trolle“ zu beherbergen oder ihre Moderationsregeln nicht gegen Hassrede oder illegale Inhalte abzusichern, wird von immer mehr anderen Instanzen vom Austausch abgeschnitten, bis die Rechtsextremen, Trolle oder Pornographen ganz unter sich bleiben. Man könnte diese Ausschlussmechanismen auch als Blasenbildung kritisieren – aber es sind keine Blasen, in die man „reinrutscht“, sondern Ergebnis selbständiger, anhand individueller politischer oder persönlicher Präferenzen getroffener Entscheidungen. Wer weniger strikte Regeln will, kann sein Profil (mitsamt der eigenen Posts) einfach auf eine andere Instanz umziehen. Und diejenigen Instanzen, die gegen Gesetze verstoßen, können, da die Verantwortung bei den Instanzbetreibern und nicht beim Netzwerk liegt, strafrechtlich verfolgt werden (im Grunde genauso wie Betreiber einer illegalen Website), ohne das ganze Netzwerk stillzulegen.
Der letzte positive Aspekt dezentraler Vernetzung schließlich – und paradoxerweise zugleich derjenige, der ihrer Durchsetzung am stärkten im Weg steht – ist die komplette Abwesenheit von Content-Algorithmen. In Mastodon bekommt man keine Inhaltsvorschläge, die sich aus vorausgegangenem Nutzer:innenverhalten ergeben. Der Feed ist rein chronologisch und man liest entweder die Posts der gesamten Instanz, oder die derjenigen Autor:innen, die man bewusst abonniert hat. Angesichts des allgegenwärtigen Klagens über unerwünschte Inhalte im Facebook-Feed könnte man meinen, diese Eigenschaft würde Mastodon neue Nutzer:innen in Scharen garantieren. Allerdings erfordert diese Art von Social-Media-Nutzung einen Aufwand, den die meisten User:innen nach fast zwei Jahrzehnten algorithmisierter Social Media verlernt haben: Den eigenen Informationskonsum selbstbestimmt zu organisieren. Die Perspektive, in einem sozialen Netzwerk keine Inhalte empfohlen zu bekommen – so habe ich es schon mehrmals in persönlichen Gesprächen erlebt – löst bei vielen Social-Media-Afficionados, auch solchen, die unter den Schattenseiten etablierter Plattformen leiden, ungläubiges Staunen oder gar Entsetzen aus. Nach Jahren individuell passgenau dargereichter Spotify-Playlists, Youtube-Videos und Facebook-Posts scheint es undenkbar, Zeit und Aufwand zu investieren, den eigenen digitalen Konsum komplett auf sich allein gestellt zu kuratieren. Wer jedoch dazu nicht bereit ist, kommt nicht umhin, Trolle, KI-Slop, Fake News und Propaganda in Kauf zu nehmen. Denn eine proprietäre Social-Media-Plattform, die nicht irgendwann „enshittified“ wird, sei es durch Nachlässigkeit oder Absicht der Betreiber, hat es noch nie gegeben.
Die Zeichen für eine breite Durchsetzung dieser Vision von dezentraler sozialer Vernetzung stehen denkbar schlecht – heute mehr als noch vor einigen Jahren. In einer Zeit, in der immer größere Teile der Bevölkerung bereit sind, sich nicht nur eintönige Aufgaben, sondern auch lebenswichtige Entscheidungen – mit teilweise fatalen Konsequenzen – von KI-Chatbots abnehmen zu lassen, ist es illusorisch und naiv zu erwarten, dass eine kritische Masse an Nutzer:innen sich bereit erklären würde, ihren Social-Media-Konsum selbstbestimmt in die Hand zu nehmen. Stand März 2026 hat Mastodon 9,73 Millionen Nutzer:innen, verteilt auf ca. 16.000 Instanzen. Monatlich aktiv sind davon lediglich 770.000. Gegen die Nutzungszahlen proprietärer Social Media nimmt sich dies geradezu mikroskopisch aus. Doch auch wenn ein Umschwung sehr unwahrscheinlich ist, so soll dieser Beitrag zumindest festhalten, dass eine andere Art digitaler Vernetzung schon vor über 40 Jahren denkbar und technisch machbar war – und die Werkzeuge dafür nach wie vor verfügbar sind.
„Soziale Medien“, wie wir sie kennen, kamen erst Mitte der 2000er Jahre auf. Was heisst das?
Ansonsten sehr hilfreicher Beitrag. Danke.