„Schweizer Art ist Bauernart“. Warum wir die Bauern so lieben.

Die Schweizer Staatsbauern haben mehr politischen Einfluss, als gut sein kann - nicht zuletzt, weil die bürgerlichen Städter sie so lieben. Die ideologischen Hintergründe dieser modernen Liaison gehen ins frühe 20. Jahrhundert zurück.



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In vielen industrialisierten Nationen geniessen die Bauern eine besondere Wertschätzung durch die längst städtisch gewordene Bevölkerungsmehrheit. Die EU subventioniert die Landwirtschaft ähnlich grosszügig wie die USA oder Japan. Aber nur in zwei Ländern bewegen sich die staatlichen Subventionen (aller Art) für die Bauern auf der atemberaubenden Höhe von über 50% der bäuerlichen Einkommen: in Norwegen und in der Schweiz.

Es mag sein, dass das Leben an windgeplagten Norwegischen Fjords und auf stotzigen Schweizer Höggern härter ist als anderswo. Und zweifellos kann es auch eine kluge politische Entscheidung sein, die Landschaftspflege staatlich zu subventionieren, so wie andernorts eben Universitäten, Opernhäuser oder Spitäler staatlich geführt werden (was, by the way, liebe NZZ, nichts mit „Sozialismus“ zu tun hat). Alles wunderbar, die reiche Schweiz kann und soll sich das leisten.

In jüngster Zeit durften wir allerdings den Medien entnehmen, dass nicht nur die Agrar-Subventionen keinesfalls von Budgetkürzungen betroffen sein werden, sondern dass überdies der Verkaufserlös landwirtschaftlich genutzter Grundstücke steuerbefreit sein soll. Man hat ebenfalls aus den Medien lernen dürfen, dass dafür die Bauernlobbyisten in Berner Hinterzimmern sich mit Industrie- und Bankenvertretern auf freundliches Entgegenkommen bei Fragen der Unternehmenssteuer-Reform III und ähnlichem geeinigt hätten – nach dem alten Grundsatz do ut des. Das ist alles nun wirklich nicht überraschend, man nennt es zurzeit „bürgerlicher Schulterschluss“ oder „Rechtsblock“ (oder ist es schon Korruption?) und soll uns hier nicht weiter beschäftigen. Auch der nicht-zuständige Bundesrat aus dem waadtländer Rebland will ja nicht länger über diese Verwicklungen sprechen.

Allein, wieso eigentlich ist die Sympathie für die Bauern in der Schweiz so ungebrochen? Daran, dass wir ihnen unser tägliches Brot zu verdanken hätten – wir tun es, abgesehen von den durch Zölle geschützten Nationalerzeugnissen Milch und Fleisch, nur zu rund 40% –, kann es nicht liegen, und schon gar nicht daran, dass der laufend schrumpfende Beitrag der landwirtschaftlichen Wertschöpfung zum nationalen Wohlstand mit gegenwärtig noch 0,67% des Bruttoinlandsprodukts in irgendeiner Weise signifikant wäre. Andere gesellschaftliche Gruppen mit ähnlich marginaler wirtschaftlicher Bedeutung können nicht einmal davon träumen, eine vergleichbare politische Hebelwirkung auszuüben wie die Bauern. Und welche Branche kann schon hoffen, dass die Erbringung ihres BIP-Beitrages von 4,3 Mia. mit stolzen 3,7 Mia. vom Steuerzahler subventioniert wird? Man könnte sie mit Fug und Recht Staatsbauern nennen.

Wir wollen fair sein: Landschaftspflege ist wie Kulturpflege nicht vollständig in geldwerten Leistungen zu messen. Wenn ein junger Mensch in einem Uni-Seminar denken lernt, ist das so schön wie die blaue Blume am landwirtschaftlich gepflegten Wegesrand. Wenn unsere Liebe zu den Bauern also nichts mit Geld zu tun hat, dann vielleicht mit Geist? Zweifellos, aber dieser Geist weht nicht vom Himmel oder den Alpenfirnen her, sondern ist längst das Produkt geschickten Polit-Marketings. Den ersten beeindruckenden Auftritt dieser Art hatten zwar schon die Abgesandten der Eidgenossenschaft am Wiener Kongress von 1815, als sie mit Alphornspiel und Käse-Degustationen für ihr neutrales Talschaften-Konglomerat warben. Wirklich einflussreich aber wurden die Bauern erst im 20. Jahrhundert. Doch halt – die Bauern?

Es war der Basler Bürgersohn, ETH-Professor und Bauernverbandssekretär Ernst Laur (der „Bauernheiland“), hat in der Zwischenkriegszeit den Schweizerischen Bauernverband (SBV) zu einer schlagkräftigen und einflussreichen Lobbyorganisation aufgebaut und er prägte vor allem jenen Slogan, der bis heute offenbar unauslöschlich im identity-code vieler Schweizerinnen und Schweizern verankert ist, obwohl sie seit schon bald nicht mehr erinnerbaren Generationen in Städten leben: „Schweizer Art ist Bauernart“. Zusammen mit seinem gleichnamigen Sohn hat er im Rahmen der Geistigen Landesverteidigung der 1930er Jahr das neu erfunden, was angeblich der „frume edle pur“ der alten Eidgenossenschaft gewesen sein soll: Laur junior beauftragte in den 1930er Jahren mehrere Textildesigner, um die heute bekannten Schweizer Trachten entwerfen zu lassen.  Dabei passt ins Bild, dass schon an der Wende zum 20. Jahrhundert in der Unterhaltungsszene des Zürcher Niederdorfs die Ländler-Musik kreiert worden ist, und dass ebenfalls zu Beginn des 20. Jh. der städtisch-bürgerliche Heimatschutz die von der Moderne „bedrohte“ bäuerliche Kultur und die Vielfalt der Schweizer Bauernhäuser zu „schützen“ sich zur Aufgabe machte. „Der“ Schweizer Bauer ist eine städtische Erfindung; die „Bauernart“-Ideologie war, noch bevor sie Laur auf den Begriff brachte, eine Reaktion auf die Moderne.

Diese ideologische Hinwendung des städtischen Bürgertums zu den „Bauern“ war ohne Frage ein hochwillkommenes Werbegeschenk und Identitätsangebot an die stetig schrumpfende, von wirtschaftlicher Not geplagte (dabei aber nicht selten auch die noch Schwächeren selbst plagende) landwirtschaftliche Bevölkerung. Vor allem aber erfüllte sie eine politische Funktion: Laur als erster Lobbyist der Bauern ging es einerseits natürlich darum, deren Anteil am Wohlstandskuchen der Schweiz zu verteidigen. Andrerseits und vor allem aber sollte die „Bauernart“-Ideologie in der Zeit der Geistigen Landesverteidigung dazu dienen, dem in vielerlei Hinsicht durchaus modernistischen Nationalsozialismus ein konservativ-eigenständiges Bild der Schweiz entgegenzuhalten. Mit diesem Bild wurde „schweizerische Eigenart“ (ein Begriff der 30er und 40er Jahre) wider alle Evidenz als „bäuerlich“ definiert und mit der mythischen Bedeutung alteidgenössischen Widerstandsgeistes aufgeladen.

Die Landesaustellung 1939 mit dem legendären „Dörfli“ auf der rechten Seeseite fand für dieses ideologische Dispositiv den wirkungsvollsten und eine ganze Gereration (sowie deren Kinder) prägenden Ausdruck; die Industrieausstellung auf der linken Seeuferseite hingegen hatte nicht im entferntesten solche weitreichenden Identitätseffekte. Die „Anbauschlacht“ des Zweiten Weltkriegs tat dann das ihre, um das mythische Bild der agrarischen Selbstversorgung der Schweiz endgültig in der Bevölkerung zu verankern. Der ‚eigensinnige Bauer’ und der ‚knorrige Bergler‘ jedenfalls gehören nicht der Volkskultur, gar der Ethnographie der Schweiz an, sondern sind politische Konzepte, die bis heute nicht nur die Wirtschaftspolitik, sondern auch die aktuell wieder überaus virulente „Nationalfrömmelei“ (Simon Teuscher) imprägnieren.

Zur Verteidigung der Bauern muss man daher sagen, dass sie selbst fast nichts dafür können, dass wir sie so lieben. Es sind die Städter, die nicht aufhören, im „Bauern“ ihr ewig verlorenes Ideal zu erblicken, zudem gewiefte Verbandspolitiker, die das schamlos ausnützen – und schliesslich Nationalideologen, die das Bild der ‚knorrigen, eigensinnigen Bauern‘ zum „Unternehmer“ stilisieren, der von seinen Höggern herunter dem Abbau des teuren Sozialstaats mit Wohlgefallen zuschaut, solange es nur nicht seine Subventionen betrifft.

Nachbermerkung: Viele Leserinnen und Leser haben sich an den sexistischen Bildern aus dem Bauernkalender gestossen, was ich gut verstehe. Diese Bilder hätten tatsächlich kommentiert werden müssen; das sei hier nachgeholt. Die Bilder gehören meines Erachtens in die Reihe eines gezielten Marketings für den sog. „Bauernstand“ – die Macher betonen denn auch, dass das alles „echte“ Bäuerinnen und Bauern seien, keine Models! – und haben damit eine dezidiert politische Funktion: „Die“ Bauern sind sexy, lautet die Botschaft, sie sind „natürlich“, „jung“, „attraktiv“… Sie sind damit, offenkundig, Projektionsflächen für die Fantasien nicht nur, aber eben auch von Städterinnen und Städtern. Sie sind die neue Form des Mythos, der die Bauern umrankt und aus ihnen „Bauern“ macht.