Vor 100 Jahren rief Carter G. Woodson die Negro History Week ins Leben. Nicht als Gedenkfeier, sondern als Akt des Widerstands. Woodsons Ziel war politisch: Schwarze Gemeinschaften sollten die Deutungshoheit über ihre eigene Geschichte gewinnen. Heute, in Zeiten eines Backlashs gegen Schwarze Erinnerung in den USA, ist diese Überzeugung dringlicher denn je.

  • Nicki K. Weber

    Nicki K. Weber studierte Politische Wissenschaften und Philosophie in München. Er war wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule für Politik München sowie zuletzt am Lehrstuhl für Politikwissenschaft, Friedens- und Konfliktforschung der Universität Augsburg. Derzeit forscht er zu Dekolonisationstheorien sowie zu Konfliktdynamiken in postkolonialen Gesellschaften. In seinem Dissertationsprojekt an der Hochschule für Philosophie München untersucht er den Schwarzen Existenzialismus (Black Existentialism) und dessen politisch-philosophische Implikationen für eine Theorie Schwarzer Kritik.

Im Februar 1926 initi­ierte Carter G. Woodson die Negro History Week, aus der später der Black History Month hervor­ging. Heute, einhun­dert Jahre später, unter­bre­chen schwarze Gemein­schaften im Februar hege­mo­niale Geschichts­er­zäh­lungen, indem sie die Wirkung von Wood­sons Geste in der Wieder­ho­lung entfalten. Sie fordern anders zu erin­nern und wollen ein Bewusst­sein dafür schaffen, wessen Geschichten weiterhin über­sehen werden.

Das histo­ri­sche Bewusst­sein hinter dieser Geste prägt das Verständnis von Schwarzer Geschichte als Praxis. Gesten, die in ihrer Wieder­ho­lung betonen: Wir sind nicht Gegen­stand einer herr­schenden Geschichts­er­zäh­lung, wir prak­ti­zieren unsere eigene Geschichts­schrei­bung. Diese Verschie­bung ist konkret-lebensweltlich: Sie stellt die Frage nach Subjek­ti­vität und Hand­lungs­fä­hig­keit — wer wir sind, wer wir sein können, welche Gegen­warten und Zukünfte möglich sind. Für rassi­fi­zierte Gemein­schaften gewinnt diese Frage ange­sichts des globalen Geschichts­re­vi­sio­nismus auto­kra­ti­scher Regime eine aktua­li­sierte Dringlichkeit.

Wood­sons Infrastruktur

Carter G. Woodson ist heute vor allem als „Vater des Black History Month“ bekannt, grün­dete jedoch eine ganze Infra­struktur schwarzer Wissens­pro­duk­tion: die Asso­cia­tion for the Study of Negro Life and History im Jahr 1915, das Journal of Negro History 1916, die Asso­ciated Publishers 1922 und schliess­lich die Negro History Week 1926. Die Beschrei­bung als Infra­struktur ist deshalb passend, weil seine Projekte um die offi­zi­ellen Insti­tu­tionen der Wissens­pro­duk­tion, wie Schulen und Univer­si­täten, herum konzi­piert waren.

Heute, 100 Jahre später, verbreitet sich der Black History Month in unter­schied­li­cher Varia­tion. Jede Commu­nity, Stadt und Land schliessen an die jeweils lokalen Spuren schwarzer Univer­sal­ge­schichte an und führen Wood­sons Wider­stands­praxis fort. Dabei bleibt der Kern dieser Prak­tiken das, was Jarvis Garvin als Fugi­tive Pedagogy bezeichnet: ein Umgang mit Wissen, der sich der Kontrolle herr­schender Insti­tu­tionen entzieht und dessen Pädagogik in Prak­tiken des Erin­nerns, Forschens und Erzäh­lens wehr­haftes Wissen und wider­stän­dige Subjekte ausbildet. Schwarze Geschichte als Praxis zu verstehen, bedeutet Selbst­be­stim­mung als Voraus­set­zung histo­ri­scher Erkenntnis zu begreifen. Wood­sons Infra­struktur sollte Kontrolle über das Lernen, Vermit­teln und Herstellen Schwarzer Geschichte gewährleisten.

Schwarze Diaspora als Erkenntnisform

Hinter dem Verständnis von Schwarzer Geschichte steht das Verständnis der schwarzen Diaspora als Erkennt­nis­form. Der Diaspora-Begriff ermög­licht es, schwarz weder ausschliess­lich als essen­tia­lis­ti­sche Eigen­schaft noch als kultu­relle oder poli­ti­sche Konstruk­tion zu begreifen. Als kollek­tive Iden­tität bleibt sie fragil und umkämpft zugleich. Der Sozio­loge Stuart Hall hat darauf verwiesen, dass Schwarz-Sein grund­le­gende Fragen aufwirft: nach kultu­reller Vermitt­lung, nach Erbe, nach dem Verhältnis zwischen afri­ka­ni­schen Ursprüngen und der unum­kehr­baren Zerstreut­heit der Diaspora.

Es geht bei Schwarzer Geschichte als Praxis also weniger um einen Ursprung, der bewahrt oder frei­ge­legt werden muss, sondern um eine Span­nung, die produktiv aufrecht­erhalten werden soll. Kollek­tive Iden­ti­täten exis­tieren durch Erzäh­lungen, Symbole und geteilte Bezugs­rahmen. Michel-Rolph Trouillot hat gezeigt, dass kollek­tive Subjekte nicht Träger einer festen Vergan­gen­heit sind, sondern gleich­zeitig mit deren Deutung entstehen. Sie exis­tieren also nicht nur aufgrund einer geteilten Erin­ne­rung; sie werden durch diese hervor­ge­bracht, was das Verständnis Schwarzer Geschichte als Praxis unterstreicht.

Die Situa­tion hat eine histo­ri­sche Ursache: Der trans­at­lan­ti­sche Skla­ven­handel, dessen Bedeu­tung die UN-Generalversammlung zuletzt unter­strich, hat Afrika epis­te­misch „archi­pe­li­siert“ – zu Inseln verein­zelt, indem Spra­chen zerstört, Genea­lo­gien unter­bro­chen, Menschen über Ozeane zerstreut wurden.

Édouard Glis­sant beschreibt diese Erfah­rung nicht (nur) als Verlust, sondern unter­streicht die darauf und darüber hinaus­füh­renden Spuren. Rhythmen, Gesten und Prak­tiken, die sich Körpern einge­schrieben haben, ohne dass man sagen könnte, woher sie kommen. In der Diaspora arbeiten zwei Bewe­gungen, die sich nicht ausschliessen, sondern wech­sel­seitig bedingen. Das Eintau­chen in afri­ka­ni­sche Genea­logie, eine Form der Immersion, und, das Leben in der Verstreut­heit an Orten der Gegen­wart ohne verläss­liche Rück­bin­dung, eine Form der Disper­sion. Wer diaspo­risch denkt, grenzt sich vom konti­nen­talen Denken ab, weil ihm kein Zentrum, kein Kanon, keine externe Auto­rität zur Verfü­gung steht, die bestimmt, was Geschichte ist und wie sie zu lesen sei.

Schwarzes Denken als Motor

Schwarze Geschichte als Praxis zu verstehen, schliesst an dieses Spur­denken an, in dessen Zentrum der Umgang mit Frag­menten steht. Und wenn die Diaspora dabei die Erkennt­nis­form ist, ist Schwarzes Denken ihr Inhalt, nicht als abstraktes Programm, aber als opera­tive Konse­quenz, die aus der gelebten Erfah­rung der Rassif­zie­rung entsteht und diese zu einem entschei­denden Ausgangs­punkt seines kriti­schen Unter­fan­gens macht.

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Schwarzes Denken arbeitet durch drei Opera­tionen, die immer körper­lich veran­kert sind. Die erste ist Wieder­her­stel­lung: Schwarzes Denken macht die Frag­men­tie­rung der eigenen Geschichten sichtbar, die als Hin-und-hergerissen-Sein zwischen dem, was man über sich selbst weiss, und dem, was über sich erzählt wird, erlebt wird. Die zweite Opera­tion ist die Gegen-Ordnung: neue Archive schaffen, nicht nach den Regeln euro­zen­tris­ti­scher Wissen­schaft, sondern nach eigener Rhythmik. Die dritte ist Beweg­lich­keit: durch frag­men­tierte, wider­sprüch­liche Wissens­land­schaften navi­gieren, ohne sich zu verlieren.

Gemeinsam bilden diese Opera­tionen das Funda­ment der eigenen Hand­lungs­fä­hig­keit. Für ein prak­ti­sches Verständnis von Geschichte ist es entschei­dend, dass das Leib­liche vom Denken nicht zu trennen ist. Schwarze Subjekte sind leben­dige Archive, weil sie Geschichte als soziale Körper tragen, verkör­pern und affektiv erfahren. Das ist eine phäno­me­no­lo­gi­sche Beschrei­bung diaspo­ri­scher Exis­tenz: eine leib­lich erfah­rene Span­nung zwischen der Orien­tie­rung an der vergan­genen Herkunft und der exis­ten­zi­ellen Dring­lich­keit der Gegenwart.

Was Mise­du­ca­tion bedeutet

„There Would Be No Lynching If It Did Not Start in the School­room!“ Wood­sons bekann­testes Zitat zielt auf sein zentrales Konzept ab, das der Mise­du­ca­tion. Die formale Bildung, so Woodson, produ­ziert nicht nur Unwissen, sie produ­ziert die Unter­wer­fung unter eine Ordnung, die Gewalt und Subor­di­na­tion ermög­licht und legitimiert.

In einem engen Verständnis bedeutet Mise­du­ca­tion Fehl­bil­dung und verweist auf Lücken, auf etwas Fehlendes, etwas das durch Ergän­zung schliessbar wäre. In einem brei­teren Verständnis meint Wood­sons Begriff Nicht­bil­dung als etwas Syste­ma­ti­sches. Wissen wird in einem spezi­fi­schen Rahmen vermit­telt, der bestehende Macht­ver­hält­nisse legi­ti­miert. Kogni­tive und epis­te­mi­sche Fehl­bil­dungen sind eine Konse­quenz dieser Rahmung und Bildung verfolgt keinen Selbst­zweck, sondern hat die Diszi­pli­nie­rung bestimmter Menschen­gruppen zum Ziel.

Mise­du­ca­tion voll­zieht drei syste­ma­ti­sche Tren­nungen. Erstens trennt sie Wissen von Erfah­rung: Die Alltags­er­fah­rung der Rass­fi­zie­rung bildet sich nicht in den Curri­cula der Bildungs­ein­rich­tungen ab. Die Wissens­ord­nung und die gelebte Erfah­rung wider­spre­chen sich. Zwei­tens, Mise­du­ca­tion trennt Erin­ne­rung von Hand­lungs­macht, indem sie, drit­tens, Geschichte von Gegen­wart trennt: Die Wider­stands­ge­schichte rassi­fi­zierter Menschen ist nicht Teil der gegen­wär­tigen Kollek­ti­v­er­in­ne­rung, sie bleibt in der Vergan­gen­heit einge­schlossen und lässt sich nicht in gegen­wär­tiges Handeln über­setzen. Geschichte wird unter­richtet, als wäre sie abge­schlossen und die Gegen­wart muss gelebt werden, als hätte sie keine Geschichte. Dadurch erscheint die Gegen­wart alter­na­tivlos, weil die Geschichts­er­zäh­lung, die auf Alter­na­tiven in der Gegen­wart verweisen könnte, unsichtbar gemacht wird.

Dring­lich­keit der Gegenwart

Wood­sons Konzept der Mise­du­ca­tion erfährt in der Gegen­wart eine neue Dring­lich­keit. Was in den USA geschieht, ist kein kultur­po­li­ti­scher Ausrut­scher. Die Trump-Regierung hat die Smit­h­so­nian Insti­tu­tion scharf ange­griffen, Über­prü­fungen ange­ordnet und das Diver­si­täts­büro schliessen lassen. Die Begrün­dung: Insti­tu­tionen verbrei­teten anti­ame­ri­ka­ni­sche Propa­ganda und konzen­trierten sich zu stark auf die Geschichte der Verskla­vung, Ausbeu­tung und Unter­drü­ckung nicht­weisser Bevöl­ke­rungs­gruppen. Der BLM-Schriftzug nahe dem Weissen Haus wurde entfernt, DEI-Programme aufge­löst, Google strich den Black History Month aus dem Kalender. Schwarze Geschichte wird von der Trump-Regierung auf ein „Kapitel in der gross­ar­tigen ameri­ka­ni­schen Geschichte“ reduziert.

Diese Entwick­lung erzeugt eine eigene Zumu­tung: Wer schwarze Erin­ne­rung vertei­digt, sieht sich gezwungen, Insti­tu­tionen zu schützen, die selbst Gegen­stand anti­ras­sis­ti­scher Kritik waren. Die Smit­h­so­nian war 2020 in die Kritik geraten, weil sie ihre Bildungs­ma­te­ria­lien in Kate­go­rien wie Ratio­na­lität und Fleiss als Merk­male „weisser Kultur“ rahmten. Die Tilgung dieser Wider­sprüche ist Teil der Stra­tegie: Sie macht diffe­ren­zierte Kritik unmög­lich und zwingt zur Vertei­di­gung des klei­neren Übels.

Das ist eine Sympto­matik, die eine Diagnose braucht. Die Beschrei­bung der neuen US-amerikanischen Verhält­nisse als Faschismus erfährt im Rahmen Schwarzer Geschichte eine spezi­fi­sche Brisanz. Vanessa Thompson erin­nert uns im Anschluss an eine Tradi­tion schwarzer radi­kaler Theorie: Faschi­sie­rung ist kein Bruch mit der Demo­kratie, sie ist in liberal-demokratische Verhält­nisse einge­lassen. Sie zeigt sich dort, wo Erin­ne­rung kontrol­liert wird, wo Geschichte getilgt wird, wo die Frage, was erzählbar ist und was nicht, auto­ritär entschieden wird.

Der gegen­wär­tige Back­lash gegen Schwarze Geschichte operiert nicht nur durch insti­tu­tio­nelle Mass­nahmen, sondern durch die gezielte Mobi­li­sie­rung affek­tiver Öffent­lich­keiten. Diese funk­tio­nieren — wie Arjun Appa­durai gezeigt hat — nicht primär über Argu­mente, sondern über Gefühle, Zuge­hö­rig­keiten, Bilder und Symbole, die Lager bilden und Ambi­va­lenz ausschliessen. Lauryn Hills The Mise­du­ca­tion of Lauryn Hill (1998) schreibt Wood­sons Diagnose meta­pho­risch fort und verschiebt ihren Ort entschei­dend. Es geht nicht nur um ein abstraktes Denken über Bildung, sondern um Bezie­hungen und Selbst­ver­hält­nisse. Mise­du­ca­tion ist nicht nur eine Bildungs­frage, sondern eine exis­ten­zi­elle Lage, die Loya­lität zu einer Ordnung produ­ziert, die Ungleich­heit erzeugt.

Der Back­lash kommt im Gewand von Lehr­plan­re­form, natio­naler Selbst­ver­ge­wis­se­rung, korrek­tiver Bildungs­po­litik daher. Kollek­tive Iden­ti­täten sind fragil, und sie können unter dem Druck affek­tiver Öffent­lich­keiten umge­baut werden: zu Freund-Feind-Mustern, entlang mora­li­scher Aufla­dung und unter Ausschluss von Ambi­va­lenz. Mise­du­ca­tion und affek­tive Öffent­lich­keit sind Teile derselben Ordnung. Die eine arbeitet durch Wissens­kon­trolle, die andere durch Gefühls­mo­bi­li­sie­rung. Zusammen erzeugen sie eine Gegen­wart, die alter­na­tivlos erscheint.

Wege der Gegenbildung

Was kann man der Mise­du­ca­tion entge­gen­setzen? Notwendig ist eine Form der Bildung, die nicht als blosses Verlernen, als Nega­tion im Hori­zont der herr­schenden Ordnung bleibt. Diese Form der Gegen­bil­dung ist nicht Critical Whiteness, diese zielt primär auf das Verlernen von Privi­le­gien. Gegen­bil­dung will bestehende Wissens­ord­nungen unter­bre­chen, Leer­stellen, Tilgungen und Verschie­bungen sichtbar machen, die zur Herr­schaft über bestimmte Menschen­gruppen notwendig sind.

Gegen­bil­dung funk­tio­niert nicht nur kognitiv. Sie ist perfor­mativ und leib­lich. Sie arbeitet im Körper, in der Gemein­schaft, in Musik und Sprache. Der Berliner Verein Each One Teach One ist dafür ein leben­diges Beispiel: keine staat­liche Insti­tu­tion, sondern selbst­or­ga­ni­siert und selbst­be­stimmt. (Der geplante Umbau des deut­schen Bundes­pro­gramms „Demo­kratie leben!“, das eben­sol­chen Projekten dennoch eine wich­tige Stütze darstellt, irri­tiert vor dem Hinter­grund gegen­wär­tiger auto­kra­ti­scher Entwick­lungen umso mehr.) Dezen­tral, rela­tional als archi­pe­li­sche Praxis in Aktion. Schwarze Geschichte als Praxis, als Gegen-Bildung, ist deshalb nicht als Zusatz zum bestehenden Bildungs­system zu verstehen. Es ist ein politisch-epistemisches Korrektiv. Selbst­be­stim­mung ist nicht das Ziel, Selbst­be­stim­mung ist die Voraus­set­zung dieses Verständnisses.

Wood­sons Geste, die er vor 100 Jahren erst­malig vollzog, ist deshalb heute weiter von Bedeu­tung. Es stellt sich die Frage, ob nur die Symbole über­nommen worden sind – die Feier­tage, und Events –, oder auch die tiefere Forde­rung, Gegen­bil­dung als anti­fa­schis­ti­sche Praxis zu verstehen. Jedes Mal, wenn Geschichte anders erzählt wird, wenn Leer­stellen sichtbar gemacht werden, wenn Erin­ne­rung selbst orga­ni­siert wird, dann wird Wider­stand gegen eine Ordnung geleistet, die darauf ange­wiesen ist, dass bestimmte Geschichten nicht frem­der­zählt werden.