Niklaus Ingold

Von

Niklaus Ingold publiziert als freiberuflicher Historiker zur Wissenschafts-, Medizin- und Technikgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts.

Schweres Schnaufen. Rhyth­mi­sches Piepsen. Das Puls­fre­quenz-Über­wa­chungs­gerät meldet eine korrekte Belas­tung des Körpers. Sonnen­gruß, einmal durch­stre­cken. Daumen aufs Hand­ge­lenk, Blick auf die Uhr, Puls­schläge zählen. Eine Kamera fängt alles ein. Engadin, Mitte der 1970er Jahre. Schweizer Film­schaf­fende um Roman Hollen­stein, Alexa Haberthür und Georg Janett filmen ein „Gesund­heits­se­minar für Führungs­kräfte“. Sie arbeiten am Film Je Ka Mi oder Dein Glück liegt ganz in dieser Welt. Dazu inter­viewen sie sehr unter­schied­liche „Experten“, die alle Sport als bestes Mittel empfehlen, um Herz­kreis­lauf­krank­heiten vorzu­beugen und Stress abzu­bauen.

Gesundheitsseminar für Führungskräfte im Engadin, geleitet von Günter Traub, Weltmeister im Eisschnell- und Rollschuhlauf aus Österreich. Als zweite Person spricht der Hotelier, der das Seminar beherbergte. Ausschnitt aus Je Ka Mi (1978), Filmkollektiv Zürich.
 

Je Ka Mi ist aus verschie­denen Gründen ein span­nendes Beispiel für den Neuen Schweizer Film der 1960er und 1970er Jahre. So gehörten mehrere Mitglieder der Film­crew zum Kern der cine­as­ti­schen Erneue­rungs­be­we­gung. Auch Je Ka Mi-Regis­seur Hollen­stein zählte bis zu seinem Freitod 1977 zu dieser Gruppe.

Inter­es­sant ist zudem die Rezep­tion des Films. 1978 an den Solo­thurner Film­tagen urauf­ge­führt, wurde er als Abrech­nung mit dem Brei­ten­sport wahr­ge­nommen. An Film­fes­ti­vals stieg er zum Geheim­tipp auf, das Schweizer Fern­sehen wider­setzte sich später dennoch einer Ausstrah­lung. Statt im Fern­sehen wurde der Film im Kino­be­trieb des Auto­nomen Jugend­zen­trum Zürich (AJZ) wieder gezeigt.

Der hier inter­es­sie­rende Aspekt ist jedoch ein inhalt­li­cher: Der Film lenkte die Aufmerk­sam­keit nicht nur auf Selb­st­op­ti­mie­rung durch Fitness-Trai­ning, sondern thema­ti­sierte auch den Stel­len­wert und die poli­ti­sche Bedeu­tung der dabei erho­benen persön­li­chen Daten. Das macht ihn für eine Gegen­wart inter­es­sant, in der Smart­phones und andere Weara­bles eine Unmenge von Daten über ihre User erzeugen.

Fitnessboom, angepasstes Verhalten und Überwachung

Zwar gab es in den 1970er Jahren noch kein Internet der Dinge, über das die Puls­über­wa­chungs­ge­räte wandernder Manager im Engadin mit den Servern eines IT-Dienst­leis­ters in Kali­for­nien verbunden gewesen wären und Angaben zum körper­li­chen Leis­tungs­ver­mögen versendet hätten. Trotzdem stellten sich die Je Ka Mi-Macher bereits Fragen zum Umgang mit solchen Daten: Muss, ja soll man sie erheben? Wer darf sie spei­chern? Und was sollen sie bewirken? Um diese Fragen aufzu­werfen, zeigten die Film­schaf­fenden Loch­karten, nahmen Magnet­spulen auf und schnitten über diese Film­se­quenzen dann eine Exper­ten­stimme. Diese verlangte aus dem Off Systeme staat­li­cher Kontrolle, welche über die indi­vi­du­elle Leis­tungs­fä­hig­keit Buch führen.

Sollen Fitnesstests obligatorisch sein? Und wer entscheidet über die angemessene Reaktion auf die Resultate? Es spricht ein unbekannter Gesundheitsexperte. Ausschnitt aus Je KA Mi (1978), Filmkollektiv Zürich.
 

Diese Wendung war in der Schweiz Ende der 1970er Jahre auch ohne vernetzte Weara­bles brisant. Zwar blieb vorläufig noch geheim, dass die Bundes­po­lizei längst ein riesiges Schat­ten­ar­chiv aufge­baut hatte, in dem 1989 900’000 Personen erfasst sein werden. Während der Dreh­ar­beiten zu Je Ka Mi hatten aber Akti­visten um den Jour­na­listen Jürg Frisch­knecht aufge­deckt, dass der private „Subver­si­ven­jäger“ Ernst Cincera Daten zu Personen aus der linken Szene gesam­melt und an Inter­es­sierte aus Wirt­schaft, Politik und Verwal­tung weiter­ge­geben hatte.

Vor diesem Hinter­grund stili­sierten die Je Ka Mi-Macher das Streben nach Fitness zum konformen Verhalten schlechthin, dessen Einhal­tung staat­lich über­wacht werden könnte. Das „Jeder kann mitma­chen“ des Titels wird im Verlauf des Films immer mehr zu einem „Jeder muss mitma­chen“. Eine düstere Welt entsteht: Je Ka Mi endet in der Wohnung einer gespielten Klein­fa­milie, die bei laufendem Fern­seher mit Übungs­ge­räten trai­niert. Mani­pu­la­tion und Gleich­schal­tung bis in die eigenen vier Wände hinein. Nicht von unge­fähr war als alter­na­tiver Film­titel 1983 ½ disku­tiert worden – ein halbes Jahr noch bis zu George Orwells Nine­teen Eighty-Four

Das Streben nach Fitness als Lebensinhalt. Ausschnitt aus Je Ka Mi (1978), Filmkollektiv Zürich.

Doch was hat die derart arti­ku­lierte Dystopie aus den 1970er Jahren mit der Gegen­wart zu tun? – Je Ka Mi führt mitten in die meines Erach­tens nach wie vor rele­vante Ausein­an­der­set­zung um die Frage nach einer ange­mes­senen Macht­kritik nach 68 hinein. Einer durch die Beschäf­ti­gung mit Natio­nal­so­zia­lismus und Tota­li­ta­rismus entstan­dene Gesell­schafts­kritik, die vornehm­lich ideo­lo­gie­kri­tisch argu­men­tierte, stand eine von fran­zö­si­schen Theo­re­ti­kern – neben Jacques Derrida und Roland Barthes vor allem von Michel Foucault – beein­flusste Kritik gegen­über, die Macht ganz anders konzi­pierte und veror­tete.

Machtkritik nach 68

Je Ka Mi geht davon aus, dass Macht haupt­säch­lich von ‚oben‘ kommt, von Herr­schenden ausgeht. Im Film unter­wirft die „Gesund­heits­er­zie­hung“ die Menschen einem Leis­tungs­denken, das allein auf die Herstel­lung wirt­schaft­lich nutz­barer Körper abzielt und damit im Inter­esse der Herr­schenden sei: der Unter­nehmer, der Mili­tärs, der Regie­rung. Inso­fern inter­pre­tieren die Film­schaf­fenden Sport als „verschlei­erte Repres­sion“, ein Sport­ver­ständnis, das vom linken Psycho­ana­ly­tiker Wilhelm Reich geprägt war, dessen Schriften in der 68er-Bewe­gung stark rezi­piert wurden. Nach Reich dient der Sport in indus­tria­li­sierten Gesell­schaften der Unter­drü­ckung der Sexua­lität, was stabi­li­sie­rend auf die kapi­ta­lis­ti­sche Ordnung wirke und auch den Natio­nal­so­zia­lismus begüns­tigt habe.

Der Physiologe Gottfried Schönholzer, der in den 1960er Jahren das Forschungsinstitut der Eidgenössischen Turn- und Sportschule Magglingen aufgebaut hatte, definiert Fitness. Ausschnitt aus Je KA Mi (1978), Filmkollektiv Zürich.

Gegen diese Vorstel­lung einer die Gesell­schaft steu­ernden repres­siven Macht wandte sich Michel Foucault, Inhaber des Lehr­stuhls für Geschichte der Denk­sys­teme am renom­mierten Collège de France, in den 1970er Jahren. Die Sexua­lität war das Feld, auf dem er der Repres­sion eine stimu­lie­rende Kontrolle gegen­über­stellte. Er ging davon aus, dass Macht produktiv wirkt, indem sie ein bestimmtes Verhalten oder eine entspre­chende Vorstel­lung erst hervor­bringt.

Während die Je Ka Mi-Macher – passend zu Reichs These – die Eroti­sie­rung fitter Körper aus ihrer Gesell­schafts­kritik ausblen­deten, verwies Foucault auf diesen in Massen­me­dien genauso wie in Porno­filmen fass­baren Vorgang, um die schiere Möglich­keit der von der 68er-Bewe­gung ausge­ru­fenen Befreiung der Sexua­lität in Frage zu stellen. Denn auch die ‚befreite‘ Sexua­lität exis­tierte für Foucault nicht unab­hängig von Macht: „Zeige dich nackt… aber sei schlank, schön und gebräunt!“

Entschei­dend aber ist, dass Foucault mit seiner Kritik auf Macht­me­cha­nismen verwies, die ohne zentrale Macht­in­stanz, also zum Beispiel ohne Zutun des Staats funk­tio­nieren, sondern viel­mehr in lokalen, hete­ro­genen Ausein­an­der­set­zungen, gleichsam ‚von unten‘ entstehen. Mani­pu­la­tionen, wie sie die Je Ka Mi-Macher den Fitness­pro­mo­toren unter­stellten, sind in dieser Sicht­weise noch keine Form von Macht, sondern ledig­lich eine Stra­tegie in einer endlosen Ausein­an­der­set­zung, deren Macht­ef­fekte für die Akteure unbe­re­chenbar bleiben.

Ein Beispiel für diese Unbe­re­chen­bar­keit gibt Jane Fondas Workout Book (1982). Die werdende Aerobic-Ikone propa­gierte hier – anders als das Je Ka Mi vorher­sagte – keinen Rückzug auf den privaten Home­trainer, sondern den Gang auf die Straße: „Soll aber unsere private Entschei­dung für ein gesundes Leben wirk­lich Sinn haben, müssen wir uns aktiv, kämp­fe­risch und syste­ma­tisch mit den umfas­sen­deren Problemen der natio­nalen Politik ausein­an­der­setzen.“ Die Hinwen­dung zum Körper brachte also nicht nur Diszi­pli­nie­rung hervor, sondern auch Wider­stand gegen die Regie­rung, ohne dass die Gesund­heit als Wert aufge­geben worden wäre. Was aber heißt das für die Frage nach einer stich­hal­tigen Proble­ma­ti­sie­rung gegen­wär­tiger Entwick­lungen?

Die Rolle des Staates

Ich will hier nicht gegen kriti­sche Debatten über die Kompe­tenzen staat­li­cher Nach­rich­ten­dienste, über den Sinn und Unsinn von Video­über­wa­chung und über Alter­na­tiven zu mehr Über­wa­chung in libe­ralen Demo­kra­tien anschreiben (dazu Jan Jirát u.a. in der WOZ vom 22.01.2015, 12.03.2015 und 31.03.2016). Die Rede vom Über­wa­chungs­staat taugt aller­dings meines Erach­tens nicht zu einer ange­mes­senen Proble­ma­ti­sie­rung gegen­wär­tiger Entwick­lungen, weil sie von jenen – von Foucault analy­sierten – lokalen Ausein­an­der­set­zungen ablenkt, in denen unser Verständnis von Privat­sphäre, unser Umgang mit persön­li­chen Daten, unsere Vorstel­lung von Gesund­heit und anderes mehr gerade geformt werden.

Der Gebrauch von Weara­bles wie Smart­phones und Fitness­arm­bänder zählt zu den Schau­plätzen solcher Ausein­an­der­set­zungen. Geräte und Apps regen dazu an, eine Viel­zahl von Daten zu erheben und zu teilen, die ohne sie nicht erhoben würden. Sie gestalten zudem die Art und Weise, wie wir uns mit uns selbst beschäf­tigen und nach welchen Vorgaben wir uns dabei richten.

Ein Beispiel dafür gibt die digital health-Kultur. Der Publi­zist Eduard Kaeser stellte kürz­lich in der NZZ seine Diagnose dazu vor. Diese verläuft zunächst parallel zur Posi­tion der Je Ka Mi-Macher: Der zur Anwen­dung kommende Gesund­heits­be­griff ist durch ökono­mi­sches Denken geprägt. Anders als in Je Ka Mi wird dieses Gesund­heits­ver­ständnis aber gerade nicht von einem Über­wa­chungs­staat durch­ge­setzt. Statt­dessen verin­ner­li­chen wir es durch den Konsum der Produkte der digital health-Indus­trie.

Weitere lokale Ausein­an­der­set­zungen sind im Gange: Kaeser berichtet von Arbeit­ge­bern, die GPS-Daten ihrer Arbeit­nehmer abgreifen; auf spiegel.de macht eine Kran­ken­kasse Schlag­zeilen, die die Daten von Fitness­arm­bän­dern nutzen möchte; in der Sonn­tags­zei­tung erwähnt Andreas Kunz, dass via Social Media Details aus dem Privat­leben ‚frei­willig‘ ins Internet gelangen und privaten Unter­nehmen anver­traut werden.

Derar­tige Entwick­lungen vor Augen, lenkt die Rede vom Über­wa­chungs­staat nicht nur von den eigent­li­chen Schau­plätzen ab, sondern ist gefähr­lich, weil sie den – viel­leicht einzigen – Verbün­deten verteu­felt, der die Kräf­te­ver­hält­nisse in den lokalen Ausein­an­der­set­zungen entschei­dend beein­flussen kann und den wir darüber hinaus mitge­stalten können: den Staat. Denn der Staat kann die Infor­ma­ti­ons­lust von Arbeit­ge­bern und Dienst­leis­tungs­an­bie­tern Regeln unter­stellen, was die Arbeit­neh­me­rinnen von der Wahl zwischen Kündi­gung oder Preis­gabe persön­li­cher Daten bewahrt und den Usern den Gebrauch potenter Geräte und Appli­ka­tionen erlaubt, ohne dabei die Kontrolle über persön­liche Daten im Cyber­space zu verlieren.

Neben der Rolle des Staates bleibt am Ende aber auch die Frage zu beant­worten, wie weit man selbst in der Mittei­lung seiner Daten gehen und nach welchen Werten man leben möchte. Im Roman Auswei­tung der Kampf­zone (1994) schil­derte der fran­zö­si­sche Autor Michel Houel­le­becq eine Welt, in der Werte wie Jugend­lich­keit, Schön­heit und Gesund­heit ohne die Schi­märe des Über­wa­chungs­staates absto­ßende Wirkungen entfalten. Der zurück­ge­zogen lebende Houel­le­becq wird an der Kunst­aus­stel­lung Mani­festa 11 in Zürich diesen Sommer seine Privat­sphäre aufgeben und zum Spek­takel des Publi­kums einen Arzt Daten zu seinem Gesund­heits­zu­stand erheben lassen. Viel­leicht Anlass zu jenen Fragen, die schon die Je Ka Mi-Macher umge­trieben haben mögen: Weshalb tun wir uns das eigent­lich alles an? Macht es uns glück­lich?

Niklaus Ingold

Von

Niklaus Ingold publiziert als freiberuflicher Historiker zur Wissenschafts-, Medizin- und Technikgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts.