Der Boom der Fitnessindustrie begann in den 1970er Jahren. Gleichzeitig wurde Kritik an der Norm des „fitten Körpers“ laut – und an einem Staat, der versuchen könnte, diese Norm durchzusetzen. Heute muss die Furcht vor dem Staat jedoch revidiert werden.

24. April 2016Lesezeit ca. 7 MinutenArtikel druckenIn Pocket speichern

Schweres Schnaufen. Rhyth­mi­sches Piepsen. Das Pulsfrequenz-Überwachungsgerät meldet eine korrekte Belas­tung des Körpers. Sonnen­gruß, einmal durch­stre­cken. Daumen aufs Hand­ge­lenk, Blick auf die Uhr, Puls­schläge zählen. Eine Kamera fängt alles ein. Engadin, Mitte der 1970er Jahre. Schweizer Film­schaf­fende um Roman Hollen­stein, Alexa Haberthür und Georg Janett filmen ein „Gesund­heits­se­minar für Führungs­kräfte“. Sie arbeiten am Film Je Ka Mi oder Dein Glück liegt ganz in dieser Welt.Dazu inter­viewen sie sehr unter­schied­liche „Experten“, die alle Sport als bestes Mittel empfehlen, um Herz­kreis­lauf­krank­heiten vorzu­beugen und Stress abzubauen.

Gesund­heits­se­minar für Führungs­kräfte im Engadin, geleitet von Günter Traub, Welt­meister im Eisschnell- und Roll­schuh­lauf aus Öster­reich. Als zweite Person spricht der Hote­lier, der das Seminar beher­bergte. Ausschnitt aus Je Ka Mi (1978), Film­kol­lektiv Zürich.
 

Je Ka Mi ist aus verschie­denen Gründen ein span­nendes Beispiel für den Neuen Schweizer Film der 1960er und 1970er Jahre. So gehörten mehrere Mitglieder der Film­crew zum Kern der cine­as­ti­schen Erneue­rungs­be­we­gung. Auch Je Ka Mi-Regis­seur Hollen­stein zählte bis zu seinem Freitod 1977 zu dieser Gruppe.

Inter­es­sant ist zudem die Rezep­tion des Films. 1978 an den Solo­thurner Film­tagen urauf­ge­führt, wurde er als Abrech­nung mit dem Brei­ten­sport wahr­ge­nommen. An Film­fes­ti­vals stieg er zum Geheim­tipp auf, das Schweizer Fern­sehen wider­setzte sich später dennoch einer Ausstrah­lung. Statt im Fern­sehen wurde der Film im Kino­be­trieb des Auto­nomen Jugend­zen­trum Zürich (AJZ) wieder gezeigt.

Der hier inter­es­sie­rende Aspekt ist jedoch ein inhalt­li­cher: Der Film lenkte die Aufmerk­sam­keit nicht nur auf Selb­st­op­ti­mie­rung durch Fitness-Training, sondern thema­ti­sierte auch den Stel­len­wert und die poli­ti­sche Bedeu­tung der dabei erho­benen persön­li­chen Daten. Das macht ihn für eine Gegen­wart inter­es­sant, in der Smart­phones und andere Weara­bles eine Unmenge von Daten über ihre User erzeugen.

Fitness­boom, ange­passtes Verhalten und Überwachung

Zwar gab es in den 1970er Jahren noch kein Internet der Dinge, über das die Puls­über­wa­chungs­ge­räte wandernder Manager im Engadin mit den Servern eines IT-Dienstleisters in Kali­for­nien verbunden gewesen wären und Angaben zum körper­li­chen Leis­tungs­ver­mögen versendet hätten. Trotzdem stellten sich die Je Ka Mi-Macher bereits Fragen zum Umgang mit solchen Daten: Muss, ja soll man sie erheben? Wer darf sie spei­chern? Und was sollen sie bewirken? Um diese Fragen aufzu­werfen, zeigten die Film­schaf­fenden Loch­karten, nahmen Magnet­spulen auf und schnitten über diese Film­se­quenzen dann eine Exper­ten­stimme. Diese verlangte aus dem Off Systeme staat­li­cher Kontrolle, welche über die indi­vi­du­elle Leis­tungs­fä­hig­keit Buch führen.

Sollen Fitness­tests obli­ga­to­risch sein? Und wer entscheidet über die ange­mes­sene Reak­tion auf die Resul­tate? Es spricht ein unbe­kannter Gesund­heits­ex­perte. Ausschnitt aus Je KA Mi (1978), Film­kol­lektiv Zürich.
 

Diese Wendung war in der Schweiz Ende der 1970er Jahre auch ohne vernetzte Weara­bles brisant. Zwar blieb vorläufig noch geheim, dass die Bundes­po­lizei längst ein riesiges Schat­ten­ar­chiv aufge­baut hatte, in dem 1989 900’000 Personen erfasst sein werden. Während der Dreh­ar­beiten zu Je Ka Mi hatten aber Akti­visten um den Jour­na­listen Jürg Frisch­knecht aufge­deckt, dass der private „Subver­si­ve­n­jäger“ Ernst Cincera Daten zu Personen aus der linken Szene gesam­melt und an Inter­es­sierte aus Wirt­schaft, Politik und Verwal­tung weiter­ge­geben hatte.

Vor diesem Hinter­grund stili­sierten die Je Ka Mi-Macher das Streben nach Fitness zum konformen Verhalten schlechthin, dessen Einhal­tung staat­lich über­wacht werden könnte. Das „Jeder kann mitma­chen“ des Titels wird im Verlauf des Films immer mehr zu einem „Jeder muss mitma­chen“. Eine düstere Welt entsteht: Je Ka Mi endet in der Wohnung einer gespielten Klein­fa­milie, die bei laufendem Fern­seher mit Übungs­ge­räten trai­niert. Mani­pu­la­tion und Gleich­schal­tung bis in die eigenen vier Wände hinein. Nicht von unge­fähr war als alter­na­tiver Film­titel 1983 ½ disku­tiert worden – ein halbes Jahr noch bis zu George Orwells Nine­teen Eighty-Four

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Das Streben nach Fitness als Lebens­in­halt. Ausschnitt aus Je Ka Mi (1978), Film­kol­lektiv Zürich.

Doch was hat die derart arti­ku­lierte Dystopie aus den 1970er Jahren mit der Gegen­wart zu tun? – Je Ka Mi führt mitten in die meines Erach­tens nach wie vor rele­vante Ausein­an­der­set­zung um die Frage nach einer ange­mes­senen Macht­kritik nach 68 hinein. Einer durch die Beschäf­ti­gung mit Natio­nal­so­zia­lismus und Tota­li­ta­rismus entstan­dene Gesell­schafts­kritik, die vornehm­lich ideo­lo­gie­kri­tisch argu­men­tierte, stand eine von fran­zö­si­schen Theo­re­ti­kern – neben Jacques Derrida und Roland Barthes vor allem von Michel Foucault – beein­flusste Kritik gegen­über, die Macht ganz anders konzi­pierte und verortete.

Macht­kritik nach 68

Je Ka Mi geht davon aus, dass Macht haupt­säch­lich von ‚oben‘ kommt, von Herr­schenden ausgeht. Im Film unter­wirft die „Gesund­heits­er­zie­hung“ die Menschen einem Leis­tungs­denken, das allein auf die Herstel­lung wirt­schaft­lich nutz­barer Körper abzielt und damit im Inter­esse der Herr­schenden sei: der Unter­nehmer, der Mili­tärs, der Regie­rung. Inso­fern inter­pre­tieren die Film­schaf­fenden Sport als „verschlei­erte Repres­sion“, ein Sport­ver­ständnis, das vom linken Psycho­ana­ly­tiker Wilhelm Reich geprägt war, dessen Schriften in der 68er-Bewegung stark rezi­piert wurden. Nach Reich dient der Sport in indus­tria­li­sierten Gesell­schaften der Unter­drü­ckung der Sexua­lität, was stabi­li­sie­rend auf die kapi­ta­lis­ti­sche Ordnung wirke und auch den Natio­nal­so­zia­lismus begüns­tigt habe.

Der Physio­loge Gott­fried Schön­holzer, der in den 1960er Jahren das Forschungs­in­stitut der Eidge­nös­si­schen Turn- und Sport­schule Magglingen aufge­baut hatte, defi­niert Fitness. Ausschnitt aus Je KA Mi (1978), Film­kol­lektiv Zürich.

Gegen diese Vorstel­lung einer die Gesell­schaft steu­ernden repres­siven Macht wandte sich Michel Foucault, Inhaber des Lehr­stuhls für Geschichte der Denk­sys­teme am renom­mierten Collège de France, in den 1970er Jahren. Die Sexua­lität war das Feld, auf dem er der Repres­sion eine stimu­lie­rende Kontrolle gegen­über­stellte. Er ging davon aus, dass Macht produktiv wirkt, indem sie ein bestimmtes Verhalten oder eine entspre­chende Vorstel­lung erst hervorbringt.

Während die Je Ka Mi-Macher – passend zu Reichs These – die Eroti­sie­rung fitter Körper aus ihrer Gesell­schafts­kritik ausblen­deten, verwies Foucault auf diesen in Massen­me­dien genauso wie in Porno­filmen fass­baren Vorgang, um die schiere Möglich­keit der von der 68er-Bewegung ausge­ru­fenen Befreiung der Sexua­lität in Frage zu stellen. Denn auch die ‚befreite‘ Sexua­lität exis­tierte für Foucault nicht unab­hängig von Macht: „Zeige dich nackt… aber sei schlank, schön und gebräunt!“

Entschei­dend aber ist, dass Foucault mit seiner Kritik auf Macht­me­cha­nismen verwies, die ohne zentrale Macht­in­stanz, also zum Beispiel ohne Zutun des Staats funk­tio­nieren, sondern viel­mehr in lokalen, hete­ro­genen Ausein­an­der­set­zungen, gleichsam ‚von unten‘ entstehen. Mani­pu­la­tionen, wie sie die Je Ka Mi-Macher den Fitness­pro­mo­toren unter­stellten, sind in dieser Sicht­weise noch keine Form von Macht, sondern ledig­lich eine Stra­tegie in einer endlosen Ausein­an­der­set­zung, deren Macht­ef­fekte für die Akteure unbe­re­chenbar bleiben.

Ein Beispiel für diese Unbe­re­chen­bar­keit gibt Jane Fondas Workout Book (1982). Die werdende Aerobic-Ikone propa­gierte hier – anders als das Je Ka Mi vorher­sagte – keinen Rückzug auf den privaten Home­trainer, sondern den Gang auf die Straße: „Soll aber unsere private Entschei­dung für ein gesundes Leben wirk­lich Sinn haben, müssen wir uns aktiv, kämp­fe­risch und syste­ma­tisch mit den umfas­sen­deren Problemen der natio­nalen Politik ausein­an­der­setzen.“ Die Hinwen­dung zum Körper brachte also nicht nur Diszi­pli­nie­rung hervor, sondern auch Wider­stand gegen die Regie­rung, ohne dass die Gesund­heit als Wert aufge­geben worden wäre. Was aber heißt das für die Frage nach einer stich­hal­tigen Proble­ma­ti­sie­rung gegen­wär­tiger Entwicklungen?

Die Rolle des Staates

Ich will hier nicht gegen kriti­sche Debatten über die Kompe­tenzen staat­li­cher Nach­rich­ten­dienste, über den Sinn und Unsinn von Video­über­wa­chung und über Alter­na­tiven zu mehr Über­wa­chung in libe­ralen Demo­kra­tien anschreiben (dazu Jan Jirát u.a. in der WOZ vom 22.01.2015, 12.03.2015 und 31.03.2016). Die Rede vom Über­wa­chungs­staat taugt aller­dings meines Erach­tens nicht zu einer ange­mes­senen Proble­ma­ti­sie­rung gegen­wär­tiger Entwick­lungen, weil sie von jenen – von Foucault analy­sierten – lokalen Ausein­an­der­set­zungen ablenkt, in denen unser Verständnis von Privat­sphäre, unser Umgang mit persön­li­chen Daten, unsere Vorstel­lung von Gesund­heit und anderes mehr gerade geformt werden.

Der Gebrauch von Weara­bles wie Smart­phones und Fitness­arm­bänder zählt zu den Schau­plätzen solcher Ausein­an­der­set­zungen. Geräte und Apps regen dazu an, eine Viel­zahl von Daten zu erheben und zu teilen, die ohne sie nicht erhoben würden. Sie gestalten zudem die Art und Weise, wie wir uns mit uns selbst beschäf­tigen und nach welchen Vorgaben wir uns dabei richten.

Ein Beispiel dafür gibt die digital health-Kultur. Der Publi­zist Eduard Kaeser stellte kürz­lich in der NZZ seine Diagnose dazu vor. Diese verläuft zunächst parallel zur Posi­tion der Je Ka Mi-Macher: Der zur Anwen­dung kommende Gesund­heits­be­griff ist durch ökono­mi­sches Denken geprägt. Anders als in Je Ka Mi wird dieses Gesund­heits­ver­ständnis aber gerade nicht von einem Über­wa­chungs­staat durch­ge­setzt. Statt­dessen verin­ner­li­chen wir es durch den Konsum der Produkte der digital health-Indus­trie.

Weitere lokale Ausein­an­der­set­zungen sind im Gange: Kaeser berichtet von Arbeit­ge­bern, die GPS-Daten ihrer Arbeit­nehmer abgreifen; auf spiegel.de macht eine Kran­ken­kasse Schlag­zeilen, die die Daten von Fitness­arm­bän­dern nutzen möchte; in der Sonn­tags­zei­tung erwähnt Andreas Kunz, dass via Social Media Details aus dem Privat­leben ‚frei­willig‘ ins Internet gelangen und privaten Unter­nehmen anver­traut werden.

Derar­tige Entwick­lungen vor Augen, lenkt die Rede vom Über­wa­chungs­staat nicht nur von den eigent­li­chen Schau­plätzen ab, sondern ist gefähr­lich, weil sie den – viel­leicht einzigen – Verbün­deten verteu­felt, der die Kräf­te­ver­hält­nisse in den lokalen Ausein­an­der­set­zungen entschei­dend beein­flussen kann und den wir darüber hinaus mitge­stalten können: den Staat. Denn der Staat kann die Infor­ma­ti­ons­lust von Arbeit­ge­bern und Dienst­leis­tungs­an­bie­tern Regeln unter­stellen, was die Arbeit­neh­me­rinnen von der Wahl zwischen Kündi­gung oder Preis­gabe persön­li­cher Daten bewahrt und den Usern den Gebrauch potenter Geräte und Appli­ka­tionen erlaubt, ohne dabei die Kontrolle über persön­liche Daten im Cyber­space zu verlieren.

Neben der Rolle des Staates bleibt am Ende aber auch die Frage zu beant­worten, wie weit man selbst in der Mittei­lung seiner Daten gehen und nach welchen Werten man leben möchte. Im Roman Auswei­tung der Kampf­zone (1994) schil­derte der fran­zö­si­sche Autor Michel Houel­le­becq eine Welt, in der Werte wie Jugend­lich­keit, Schön­heit und Gesund­heit ohne die Schi­märe des Über­wa­chungs­staates absto­ßende Wirkungen entfalten. Der zurück­ge­zogen lebende Houel­le­becq wird an der Kunst­aus­stel­lung Mani­festa 11 in Zürich diesen Sommer seine Privat­sphäre aufgeben und zum Spek­takel des Publi­kums einen Arzt Daten zu seinem Gesund­heits­zu­stand erheben lassen. Viel­leicht Anlass zu jenen Fragen, die schon die Je Ka Mi-Macher umge­trieben haben mögen: Weshalb tun wir uns das eigent­lich alles an? Macht es uns glücklich?

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