• Ingrid Tomkowiak ist Kultur- und Literatur­wissenschaftlerin. Sie ist Professorin für Populäre Literaturen und Medien an der Universität Zürich.

Esote­ri­sche Heil­ver­fahren haben seit den 1980er Jahren Konjunktur. Als vermeint­lich sanfte Alter­na­tive zur ‚Apparate-Medizin‘ erfreuen sich para­me­di­zi­ni­sche Prak­tiken wie Aroma-, Edelstein- und Bach­blü­ten­the­rapie, Ayur­veda, Bioen­er­getik, Chakren-Massage oder Reiki einer immer grös­seren Beliebt­heit. Entspre­chende Ratge­ber­li­te­ratur findet sich in nahezu jeder Buch­hand­lung, Bildungs­träger bieten zahl­reiche Thera­pie­kurse an, Messen und Gesund­heits­märkte boomen.

Wer sich darauf einlässt, sollte sich der Tatsache bewusst sein, dass viele alter­na­tive Thera­pien auf reli­giösen bzw. esote­ri­schen Konzepten basieren, die weit über die Bedeu­tung von Gesund­heit im engeren Sinne hinaus­gehen. Sie zielen auf eine Verän­de­rung der Grund­an­schau­ungen und sind damit auch poli­tisch zu beur­teilen.

Theo­re­tisch und metho­disch erweisen sich alter­na­tive Heil­ver­fahren häufig als eklek­ti­zis­tisch, sie arbeiten mit Versatz­stü­cken aus Esoterik, Okkul­tismus und Psycho­logie sowie Vorstel­lungen aus verschie­denen, vor allem fern­öst­li­chen Reli­gionen. Dazu kommen Elemente aus der mittel­al­ter­li­chen Mystik, der Alchemie, der Ur- und Stam­mes­kul­tur­re­zep­tion, exoti­sche medi­zi­ni­sche und para­me­di­zi­ni­sche Tech­niken, Anleihen aus der Natur­heil­kunde und Kräu­ter­me­dizin verschie­dener Kulturen und Epochen sowie Denk­muster der Reform­be­we­gungen des frühen 20. Jahr­hun­derts. Diese Elemente werden neu zusam­men­ge­setzt und umge­deutet, eine lange Tradi­tion gilt bereits als eigener Wert. Verspro­chen wird nichts weniger als Gesund­heit, Glück und langes Leben.

Ganz­heit­lich­keit oder: Dishar­monie als Krank­heit

Vertre­te­rInnen und Anhän­ge­rInnen esote­ri­scher Heil­ver­fahren grenzen sich bewusst von der natur­wis­sen­schaft­li­chen Medizin ab. Sie erheben den Vorwurf, dass die hoch­spe­zia­li­sierte und tech­ni­sierte west­liche Medizin zu einer Entfrem­dung zwischen Arzt und Patient und schliess­lich zur Entsub­jek­ti­vie­rung des Kranken geführt habe. Eine Abkehr von der isolierten Symptom­be­hand­lung sei deshalb drin­gend geboten. Grund­lage dafür ist der Entwurf panthe­is­ti­scher ‚Ganz­heit­lich­keit‘. In diesem Konzept erscheint der ‚Kosmos‘ als geord­neter Raum; wieder­holt anzu­treffen ist auch der Hinweis auf eine ‚Analogie von Mikro­kosmos und Makro­kosmos‘. Damit wird Krank­heit als eine Folge von Ungleich­ge­wicht, als mikro­kos­mi­sche Spie­ge­lung makro­kos­mi­scher Dishar­monie betrachtet, entspre­chend seien auch die Gelas­sen­heit im Annehmen von Krank­heit, Sterben und Tod sowie das Sein­lassen und Loslassen, die Bereit­schaft, Wand­lung und Vergehen zuzu­lassen, von kosmi­schen Prozessen bestimmt.

Im Verständnis esote­ri­scher Heil­ver­fahren hängt die seeli­sche und geis­tige Gesund­heit vom Fluss nicht mess­barer, ‚fein­stoff­li­cher Energie‘ ab. Könne sie unge­hemmt fliessen, sei die Voraus­set­zung für natür­liche Gesund­heit und Vita­lität gegeben. Sei dieser Fluss jedoch durch ‚Dishar­monie‘ blockiert, werde der Mensch krank. Dieser Logik nach erfolgt Heilung durch Auflö­sung von ‚Blockaden‘. Daher meint etwa die Spiri­tu­elle Lebens­schule in Duder­stadt, dass „das ‚Sich-Nicht-Anpassen die Haupt­ur­sache für Dishar­mo­nien auf allen Ebenen ist, die sich z. B. im körper­li­chen Bereich als Krank­heit mani­fes­tieren.“ Sie verkauft nicht nur „Produkte zur Reini­gung, Harmo­ni­sie­rung und Erhö­hung der fein­stoff­li­chen Schwin­gung“, sondern will helfen, „sich aus irdi­scher Knecht­schaft und Unwis­sen­heit zu befreien“ und „Krank­heits­dis­po­si­tionen“ heraus­ar­beiten, mit dem Zweck, einen Weg in die Eigen­ver­ant­wort­lich­keit aufzu­zeigen, wie es in ihrer Broschüre heisst. Dies ist ein Gedanke, der immer wieder einge­bracht wird und letzt­lich den Kranken die Verant­wor­tung für ihren bzw. die Schuld an ihrem Zustand zuschreibt.

Die These von der selbst­ver­schul­deten Krank­heit

Die Bedeu­tung des gesell­schaft­lich bedingten und gesell­schaft­lich handelnden Subjekts wird in diesem Zusam­men­hang abge­wertet und vernach­läs­sigt, denn anders als in psycho­so­ma­ti­schen Konzepten, wo unter Ganz­heit­lich­keit neben Körper und Psyche auch die Berück­sich­ti­gung des sozialen und ökolo­gi­schen Kontextes verstanden wird, ist mit Ganz­heit­lich­keit hier das Streben nach ‚Harmonie von Körper, Geist und Seele‘ gemeint. Mit dem Begriff ‚Spiri­tua­lität‘ wird die Suche nach Sinn und Ziel eines Daseins charak­te­ri­siert, das sich nicht in soma­ti­schen bzw. physi­schen Abläufen erschöpfe. Auch diese Argu­men­ta­tion setzt bei Selbst­ver­ant­wor­tung an, denn esote­ri­sche Thera­pien werden häufig als Zugangs­wege zu solcher Lebens­qua­lität darge­stellt. Ausge­hend von der Vorstel­lung, dass das indi­vi­du­elle ‚Alltags­be­wusst­sein‘ ledig­lich ein Ausschnitt sei, wird nach einer Entwick­lung von Bewusst­seins­mög­lich­keiten gestrebt, die andere Erfah­rungen und Gefühls­lagen, andere Bilder vom Menschen, von der Welt und vom Kosmos zu inte­grieren verstehen. Dies setzt stets eine indi­vi­du­elle „Neuori­en­tie­rung“ voraus: das ‚Loslassen‘ gewohnter Denk- und Hand­lungs­muster und das ‚Einlassen‘ auf eine zunächst durch ‚äussere Führung‘ (Thera­peut, Lehre) gelei­tete ‚Reise nach Innen‘. Das Ziel der Suche, die Erleuch­tung, zeichnet sich demnach unter anderem durch Gesund­heit aus. Für den einzelnen Menschen bedeutet der Weg nach Innen das Aner­kennen von vorge­ge­benen Auto­ri­täten und damit einher­ge­hend die Gering­schät­zung der Verstan­des­kräfte und die Aufgabe der Kritik­fä­hig­keit. Hinzu kommen Selbst­be­zo­gen­heit und die Über­zeu­gung, dass jede und jeder sich letzt­lich nur selbst helfen könne.

Insge­samt basiert das Verständnis von Gesund­heit und Krank­heit in alter­na­tiven Heil­ver­fahren auf der Vorstel­lung, dass ‚natür­liche Gesund­heit‘ in jedem einzelnen von uns beschlossen liegt. Der Vorwurf an die Schul­me­dizin lautet, sie sei gegen die Natur des Menschen gerichtet. Entspre­chend wird ein ‚neues Para­digma‘ im Bezie­hungs­ge­füge von Gesund­heit, Krank­heit und Heilung postu­liert. Die Bedin­gungen von Gesund­heit und Krank­heit seien dem Menschen imma­nent, er sei souverän, sich für oder gegen Krank­heit zu entscheiden. Die indi­vi­du­elle posi­tive Einstel­lung und der Gefühls­zu­stand seien für das Errei­chen indi­vi­du­eller Ziele wie Heilung, Glück, Liebe oder Erfolg von grosser Bedeu­tung. Daher wird ‚posi­tives Denken‘ propa­giert. Aber mit der Forde­rung, auch nega­tive Gege­ben­heiten, Erfah­rungen und Erleb­nisse für sich anzu­nehmen, positiv umzu­deuten, gerät affir­ma­tives Denken gera­dezu zum Gebot, wenn nicht zum Zwang: Denn wer negativ denkt, wird krank und erfährt Leid. Und wer Heilung, Glück, Liebe oder Erfolg nicht erreicht, hat nicht positiv genug gedacht.

Buddha­statue, Burma, 12. Jh.; Quelle: pinterst.com

Eng verbunden mit der Frage der Eigen­ver­ant­wor­tung ist die Frage der Schuld, die sich in den aus Hindu­ismus und Buddhismus bekannten Vorstel­lungen von Reinkar­na­tion und Karma zeigt, die auch in esote­ri­schen Heil­ver­fahren eine grosse Rolle spielen. Reinkar­na­tion wird gedeutet als indi­vi­du­elle Teil­habe an der ‚kosmi­schen Evolu­tion‘. Die Seele ist demnach geis­tigen Ursprungs, unvoll­ständig entstanden bzw. geschaffen und bedarf eines langen Läuterungs- und Erzie­hungs­pro­zesses, in dem sie ihre Frei­heit verwirk­licht. Zu über­setzen mit Werk oder Tat, meint Karma die Folgen eigenen Verhal­tens in früheren und jetzigen Exis­tenzen, den Bedin­gungs­zu­sam­men­hang zwischen Taten und ihren Konse­quenzen. Zentral ist die Vorstel­lung von Schuld, die der nach Heil stre­bende Mensch durch Sühneleis­tungen, Medi­ta­tion, Lebens­um­stel­lung gleichsam abar­beiten und abtragen müsse. Wie weit das geht, zeigt sich in einer Broschüre des Studi­en­kreises für nicht­uni­ver­si­täre Heil­weisen e. V., in der Behin­de­rung als Folge der ‚Seelen­schuld‘ sowohl der inkar­nie­renden Seele selbst als auch der Mutter erscheint. Weiter heisst es: „Wenn bereits vom Kind­heits­alter an die Beine oder Arme behin­dert sind, wird das auf ein körper­li­ches Vergehen in weiter zurück­lie­genden Zeiten beruhen, wie etwa Streit­sucht oder Kriegs­hand­lung durch körper­li­chen Einsatz.“ Eine solche Sicht­weise ist menschen­ver­ach­tend.

Krank­heit als Wille und Weg

Als Ursa­chen von Krank­heit, worunter auch Unfall­folgen und äussere Verlet­zungen fallen, gelten viel­fach allein indi­vi­du­elle (Prä-)Dispositionen, d. h. karmi­sche Last oder die psychi­sche Dispo­si­tion: Krank-sein-Wollen. Nach der Vorstel­lung esote­ri­scher Heil­ver­fahren besitzt Krank­heit einen Sinn. „Alle Krank­heits­sym­ptome über­mit­teln wert­volle Botschaften aus dem seeli­schen Bereich; sie haben einen tieferen Sinn für unser Leben, den es zu begreifen gilt“, lautet der Werbe­text für Thor­wald Detlef­sens und Rüdiger Dahlkes viel gele­senes Buch Krank­heit als Weg (1983), in dem die Autoren diese Sicht­weise auch auf Krebs oder Aids beziehen. Krank­heit wird zu einer posi­tiven Funk­tion mensch­li­chen Lebens umin­ter­pre­tiert. Damit ist aller­dings nicht die selbst­ver­ständ­liche Zuge­hö­rig­keit von Krank­heit zum mensch­li­chen Leben gemeint. Es geht keines­wegs um einen inte­gra­tiven Ansatz, sondern die Botschaft lautet: Erkenne dich selbst durch deine Krank­heit, so wirst du gesund. Krank­heit wird damit als Weg zur Selbst­er­kenntnis verstanden, als Auslöser für eine mögliche, bewusst herbei­zu­füh­rende Lebens­ver­än­de­rung.

Als Wert an sich wird ‚Natur‘ bestimmt. Dabei erfährt sie eine Reihe posi­tiver Zuschrei­bungen: Sie gilt als sanft und zugleich als sicher, als harmo­nisch, rein und – wie selbst­ver­ständ­lich – als gesund. Der Natur­be­griff beinhaltet dabei eine Reihe von Glau­bens­vor­stel­lungen über die Bedeu­tung von Gesund­heit, über die Eigen­schaften des mensch­li­chen Körpers, über die Bezie­hung zwischen Körper, Geist, Seele und Natur und über die Möglich­keit, ein ‚natür­li­ches Leben‘ zu führen.

Die harmo­ni­sche Bezie­hung zur Natur wird als etwas darge­stellt, das nur durch geis­tige bzw. seeli­sche und körper­liche Anpas­sung zu errei­chen sei. Entspre­chend enthalten diese Vorstel­lungen von Natur eine Kritik am ‚Unna­tür­li­chen‘, die sich in der Konstruk­tion verschie­dener Gegen­satz­paare zeigt: künst­lich versus natür­lich, tech­no­lo­gisch versus orga­nisch und synthe­tisch versus ganz­heit­lich und ursprüng­lich. So werden Regeln für ein gesundes Leben formu­liert. Der ‚rich­tigen‘ Lebens­füh­rung wird dabei grosse Bedeu­tung beigemessen, wobei die Frage, ob jemand krank oder gesund ist, vom Grad der ‚Natür­lich­keit‘ seines Lebens abhängig zu sein scheint.

Bei einer solchen Inan­spruch­nahme der Kate­gorie Natur wird zunächst eine künst­liche Naivität erzeugt. Doch in allen Natu­ra­lismen stecken Ansätze zu Ordnungs­ideo­lo­gien. Wo beteuert wird, die Dinge seien von Natur aus, vom Ursprung her in der ‚Ordnung‘ vorge­geben, wird der mensch­liche Beitrag bzw. werden gesell­schaft­liche Prozesse negiert.

Triviale Erklä­rungs­muster komplexer Zusam­men­hänge

Mit einem Gestus des Einge­weihtseins in Höheres und dem Anschein von Wissen­schaft­lich­keit und philo­so­phi­scher Tiefe liefern Verfas­se­rInnen esote­risch ausge­rich­teter Gesund­heits­rat­geber triviale Erklä­rungs­muster komplexer Zusam­men­hänge und Sach­ver­halte. Dabei geht es weniger um die Vermitt­lung von Kennt­nissen als um Sinn­stif­tung. Die wech­sel­sei­tigen Einfluss­nahmen und Abhän­gig­keiten von Indi­vi­duum und Umwelt, sozialem Umfeld und norma­tiven Konstruk­tionen werden igno­riert, rational fass­bare Kausa­li­täten durch Mysti­fi­zie­rung umge­wertet.

Mit der Selbst­er­he­bung der AutorInnen esote­risch orien­tierter Gesund­heits­rat­geber oder Thera­pien geht die Schein­ermäch­ti­gung der Nutze­rInnen einher. Sugge­riert werden die Teil­habe an heilendem Wissen, die Souve­rä­nität der Entschei­dung für Gesund­heit oder Krank­heit sowie die Aussicht auf spiri­tu­elle Voll­kom­men­heit. Mit der Orien­tie­rung an einer kosmi­schen Hier­ar­chie bzw. Evolu­tion, den Mytho­lo­gien des Körpers und der Natur, dem mora­li­schen Verständnis von Gesund­heit, der Ideo­logie der selbst­ver­schul­deten Krank­heit und dem Postulat des Posi­tiven Denkens erweist sich das präsen­tierte Welt- und Menschen­bild bei näherem Hinsehen aller­dings so gar nicht als sanfte Alter­na­tive, sondern als unso­li­da­risch, anti­ra­tional und auto­ritär.

Der Artikel basiert auf einem Beitrag der Verfas­serin in: Sach­buch und popu­läres Wissen im 20. Jahr­hun­dert, hg. von Andy Hahne­mann und David Oels, Frank­furt am Main 2008, S. 109-120, wo sich auch die detail­lierten Nach­weise finden.
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