Wir befinden uns erneut in einem Zeitalter ideologischer Kriege. Russlands Krieg gegen die Ukraine ist vor allem ein ideologischer Krieg. Ebenso ist Donald Trumps MAGA-Bewegung gegen eine auf Inklusivität basierende Wertepolitik ein ideologischer Krieg gegen Vielfalt und Demokratie. Dies wurde lange Zeit ignoriert und Russland wurde immer wieder als ideologiefreier, lediglich korrupter Mafiastaat beschrieben. Doch es ist wichtig, staatliche oder über Parteien organisierte Ideologien – ob in Russland, den USA, Europa oder anderswo – zu verstehen und ideologisches Handeln nicht nur als reine Mafiamethode oder Korruption abzutun. Ohne die Einsicht in die historischen und kulturellen Bilder und Semantiken, auf die der russische Angriffskrieg und die ihm vorausgehenden Kriege beruhen, versteht man weder Ursprung noch Dauer oder Gewaltformen dieses Krieges. Und schon lange vor dem Maidan konnte man wissen, dass der russische Nationalismus eine messianische Ideologie verfolgt.
Warum ist es wichtig, Ideologien ernst zu nehmen und vor allem: Was unterscheidet ideologisches Handeln von ethischem Handeln? Werte schützen Gruppen und Individuen vor illegitimer staatlicher Gewalt und bieten politische Teilhabe. Ideologien hingegen rechtfertigen mit ihren totalen und episch angelegten Erzählungen über eine vollkommene, abstrakt gedachte Zukunft anarchische Gewalt in der Gegenwart und machen Politik exklusiv. Gerade das russische Beispiel bietet ein wichtiges Lehrstück für das 21. Jahrhundert. Es zeigt, dass nicht allein philosophische Systeme wie der Marxismus Grundlagen für Ideologien darstellen können, sondern ebenso eklektische Sammlungen von Ideen sehr flexible, wirkungsvolle Weltanschauungen mit globaler Wirkung ausbilden. Faschismusforscher wie Zeev Sternhell oder George Mosse haben auf die Bedeutung von Kulten und Mythen in Gesellschaften hingewiesen. Ihre Forschungen helfen zu verstehen, dass Formen ideologischen Handelns nicht nur plötzliche Verirrungen sind oder allein auf die ,Besatzung‘ eines Landes durch ein Regime zurückzuführen sind.
Nationalismus und imperial prestige
„Nation ist nicht, was die Nation selbst von sich denkt, sondern das, was sich Gott für sie ausgedacht hat“, so fasst Juri Andruchowytsch in einem Essay aus dem Jahr 2022 einen Aufsatz des russischen Symbolisten Wladimir Solowjow zur ,russischen Idee‘ zusammen, den dieser 1888 auf Französisch verfasst hatte. Andruchowytsch erkennt in dessen Idee den Mechanismus, der auch für Hannah Arendt ideologische Regime kennzeichnete: Die ideologische Idee wird mit dem göttlichen oder natürlichen Lauf der Geschichte erklärt und sei nicht menschengemacht. Ideologien basieren auf zwei Prämissen: Überlegenheit und Größe, die angeblich naturgegeben ist, sowie die Bereitschaft, diese Vorherrschaft mit Gewalt gegen innere und äußere Feinde durchzusetzen. Ideologien rufen zur Disziplin auf, indem sie einen narrativen Raum schaffen, in dem persönliche Freiheiten und Rechte eingeschränkt werden, um der Größe der Idee und des Landes zu dienen. Und die Zentralisierung der Macht wird als unerlässlich für die Rettung von Beidem gesehen.
Nach der Niederlage im Krymkrieg im Jahr 1856 spielte die kolonial-imperiale Eroberung Zentralasiens eine wichtige ideologische Rolle. Das Ziel war der Erhalt des Imperial Prestige, das man sich seit den Napoleonischen Kriegen in Europa erarbeitet hatte, wie dies Alexander Morrison in seinem neuesten Buch zur russischen Eroberung Zentralasiens nachzeichnete. Russland wollte mit der Eroberung Zentralasiens sein imperiales Ansehen als Großmacht nach der Krymniederlage wieder zur Geltung bringen, und die territoriale Größe galt als Maß für diese Macht. Im 19. Jahrhundert verglich das Russische Reich seine eigenen imperialen Errungenschaften mit Großbritannien und sah dessen Erfolge als Niederlage. Heute misst man sich an den USA und Europa, wobei letztes eher als Interessengebiet der USA verstanden wird. Russland führt Krieg gegen die Ukraine auch aus dem Gefühl der Niederlage heraus, die das Ende der Sowjetunion repräsentierte, und versucht sich an der Wiederherstellung des Imperiale Prestige, das viel mehr Ressourcen und Einflussmittel erzeugt, als das eroberte Territorium selbst, denn es demonstriert die Fähigkeit, ein souveränes Land vor den Augen der Weltöffentlichkeit zu annektieren. Geopolitisch erlaubt die Annexion, noch mehr Druck auf Europa auszuüben und noch mehr Imperial Prestige zu produzieren. Es geht um die Erzeugung des Mythos einer geopolitischen Supermacht und nicht um die vermeintliche Wohlstandsvermehrung für die eigene Bevölkerung.
Das Verständnis von Imperial Prestige bleibt bis in unsere Gegenwart wichtig, weil es zeigt, dass die russische Niederlage in der Ukraine, auch wenn sie notwendig ist, nicht ausreichen wird, um Russlands Ideologie zu transformieren. Die Überwindung der Ideologie der Überlegenheit ist ein langer Prozess, der damit beginnen muss, den Betroffenen zuzuhören. So zeigt sich etwa, dass die vehemente Verteidigung der russischen Sprache durch russische Intellektuelle dem ideologischen Ansatz folgt, russisches Prestige in Sprache, Literatur und Kunst zu erhalten. Ohne kritischen Blick darauf und den Dialog mit den ehemals und derzeit Kolonisierten ist eine Entideologisierung von Russland unmöglich.
Von der ‚russischen Idee‘ zur ‚russischen Welt‘
Viele heutige Missverständnisse basieren auf der falschen Analyse, dass russische Probleme vor allem auf Korruption oder auf der angeblichen Ideologielosigkeit des Regimes beruhen. Dabei verzeichnet Putin im Gegensatz zum militärischen Bereich mit seiner Herrschaft mittels der russischen Ideenwelt seit über zwei Jahrzehnten zahllose Erfolge. Das ideologische Repertoire reicht von der alten Rede über den drohenden ‚Untergang‘ des Westens über die natürliche russische ‚Grenzenlosigkeit‘ bis hin zur besonderen ‚russischen DNA‘ und dem ‚Gen des Siegervolks‘ in der Gegenwart. Ein angeblich für die russische ‚Zivilisation‘ typischer ‚Traditionalismus‘ wird zudem über verschiedene slawophile und antiaufkärerische Ideologeme aus dem 19. Jahrhundert evoziert. Man kann dies als eine faschisierte Form der vermeintlichen ‚Gottesnähe‘ des russischen Volkes betrachten, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei deutschsprachigen Autoren von Rainer Maria Rilke bis zu Thomas Mann en vogue war. Auch die russische ‚Allmenschlichkeit‘ und die Völkerfreundschaft werden erfolgreich als Erbe eines angeblichen sowjetischen Antikolonialismus eingesetzt.
In einem Essay aus dem Jahr 2012 schreibt Putin konkret über die „nationale Frage“ Russlands und fährt dabei das ganze ideologische Programm der ‚russischen Idee‘ auf, vom „kulturellen Code“ bis zu Dostojewskis „allweltlicher Ansprechbarkeit“, die alle Nationen unter dem Banner von Russlands Zivilisation vereinen soll. Auch Russland selbst braucht Putin zufolge kein westliches Minderheitenmodell, sondern arbeite mit der „kulturellen Dominanz“ und den „Werten“ des russischen staatsbildendes Volks, das allein bestimme, wer Freund und Feind sei. An solchen Artikeln sieht man: Russische Politik ist eine in die Gegenwart gewendete nationalistische Ideengeschichte. Schon die 1980er und 1990er Jahre haben viele ideologische Grundlagen gelegt. Nach der Auflösung der Sowjetunion, die für viele russische Nationalisten eine Katastrophe darstellte, begab man sich schon 1996 unter Jelzin erneut auf die Suche nach der ‚russischen Idee‘. In Wiktor Pelewins Roman „Generation P“ wird diese Suche noch ins Groteske gewendet, als die Figur Wladen Tatarski mit dem Auftrag ein Exposé zur russischen Idee zu erstellen, einen Taxifahrer befragt. Die russischen Ideen haben sich spätestens seit den Nullerjahren aber in Realität verwandelt. Wenn man heute den Namen Wladimir Solowjow anführt, denkt man an den Propagandisten, nicht den Philosophen und wenn man Tatarski erwähnt, denken viele an den verurteilten Bankräuber und russischen Militärblogger, der sich Pelewins Figur zum Pseudonym nahm und 2023 einem Bombenanschlag zum Opfer fiel. Das postmoderne Spiel und die Nachlesen der Literatur der Emigration und des Silbernen Zeitalters (1890-1930) wurden in den Nullerjahren blutiger ideologischer Ernst, als Russland im Schatten des Tschetschenienkriegs das Projekt der ‚russischen Welt‘ 2007 offiziell begann und sich ein Netzwerk samt Doktrin herausbildete.
Die ‚russische Welt‘ ist die putinistische Version der russischen Idee für das 21. Jahrhundert. Durch sie wurden alte Ideen der Slawophilen aus dem 19. Jahrhundert, protofaschistische Werke aus dem Exil oder der sowjetische antagonistische Doppelsprech erfolgreich mit neu fabrizierten Ideen des Eurasismus und des neurechten dritten Weges vermischt. Das Konzept der ‚russischen Welt‘ war keine völlige Neuerfindung, sondern schloss an alte bekannte nationalistische Mythen an. Aber russische Kassenschlager im Kino wie zum Beispiel die Filme „Brat“ (Bruder) und vor allem „Brat 2“ von Andrej Balabanow, die noch in den späten 1990er Jahren entstanden, haben zur Popularisierung der ‚russischen Idee‘ und der ‚russischen Geopolitik‘ beigetragen, noch bevor das Konzept der russischen Welt überhaupt offiziell propagiert wurde. Im Angriffskrieg wurden Schlagworte aus den Filmen wie „Kraft in Wahrheit“ (Sila w prawde) verwendet, die auch Putin am 24. Februar 2022 in seiner Kriegserklärung aufgriff: „wahre Stärke“ speise sich aus „Gerechtigkeit und Wahrheit“ und darüber verfüge eben Russland.
Von der Geschichte zur nationalistischen Ideengeschichte
Das Erbe des russischen Nationalismus ist umfangreich: Sergei Uwarow, der Minister für Volksaufklärung, installierte die drei Begriffe Orthodoxie, Autokratie und Volkstümlichkeit im Jahre 1833 mit der zynischen Einsicht, dass man die Moderne nicht aufhalten, ihr aber zumindest einen staatlichen Mythos entgegensetzen sollte. Die reaktionäre Gegenrede zur französischen „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“, die man sich im aufständischen Polen schon 1832 auf die Fahnen schrieb, ist leicht zu erkennen. Diese Triade bildete den offiziellen Anfangspunkt des Imperialnationalismus im Russischen Reich und beförderte eine dunkle Linie antiaufklärerischen Denkens. Alexander Dugin aktualisierte etwa im April 2024 die drei Begriffe zu „Orthodoxie, Herrschaft und Russisches Volk“.
Die Idee der Größe Russlands ist systemübergreifend präsent und wird fast immer historisch begründet. Die geographische Mythomanie und russische Fixierung auf Macht über schiere Größe und unendliche Weite soll von Erhabenheit und Gottesnähe erzählen. Fjodor Tjutschew, einer der bekanntesten Dichter Russlands, fasste in seinem Gedicht „Russische Geographie“ von 1848 diesen nationalen Raummythos in die Verse:
Moskau, Stadt Peters und Stadt Konstantins
das sind die ersehnten Hauptstädte des russischen Zarentums
nur wo sind seine Ränder, wo sind seine Grenzen?
im Norden, im Osten, im Süden und beim Sonnenuntergang?
Putins Sätze über die Grenzenlosigkeit Russlands sind wie fast alles im Putinismus nicht originell. Selbst ein berüchtigter deutsch-nationaler Ideologe der „russischen Idee“ wie etwa Arthur Moeller van den Bruck (1876-1925) sprach bereits von der „russischen Politik der Grenzenlosigkeit“. Solche nationalistischen Codes aus dem 19. Jahrhundert finden Widerhall in einer Gesellschaft, die in sowjetischer Zeit in den Büchern der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts wie in einer Ersatzreligion lebte. Nicht zuletzt aus diesem Grund lesen auch heute russische Regierungsmitglieder literarische Klassiker mit imperialer Botschaft öffentlich vor.
Ideologien und nationalistische Ideen ermächtigen, ohne den Bürgern tatsächlich Mitsprache zu gewährleisten. Sie befreien von der täglichen Arbeit einer politischen Auseinandersetzung, indem sie die nationale Größe, Gerechtigkeit und Überlegenheit als Wiederherstellung einer „natürlichen Ordnung“ versprechen. Ideologische Modelle produzieren auf diese Weise Untertanen, nicht aktive Bürger. Dabei ist die angeblich spezielle Verbindung des Volks zum Herrscher in Russland ein besonderer Fixpunkt ideologischer Schriften der Slawophilen, der Protofaschisten der späten Zarenzeit, konservativer Emigranten oder von putinistischen Ideologen der Gegenwart. So gibt es in Russland eine lange Tradition, Autoritäres mit russischer Kultur und Eigenart zu begründen und Kritik daran als nationalen Verrat zu ächten. Michail Pogodin beschreibt zum Beispiel schon 1838 die russische Autokratie als ein besonderes Gebilde, da „Russland ein ungeheures Maschinenwerk“ sei, auf „die einfachste, zweckmäßigste Art konstruiert“ und „von der Hand eines Menschen, des russischen Zaren, gelenkt“, der ihm „jede beliebige Richtung, jede beliebige Geschwindigkeit“ geben könne. Der Slawophile Konstantin Aksakow betonte wiederum 1855, dass das russische Volk „kein staatliches Volk“ sei, es strebe nicht „nach der staatlichen Macht, es wünscht sich keine politischen Rechte, es hat in sich nicht einmal den Keim der Liebe des Volkes zur Macht“. Eine zivilgesellschaftliche Vermittlung zwischen Volk und Macht wurde oft als unrussisch, fremd, kolonialistisch oder gar „russophob“ bezeichnet, und liberale Denker zu Westlern, Kosmopoliten oder „ausländischen Agenten“ erklärt, die die unrussischen Traditionen der Angelsachen implementieren möchten. Das „Dritte“ in dieser Welt der Freunde und Feinde sind nicht „checks and balances“, sondern es ist eine nationale, gottgegebene Berufung.
Was passiert, wenn Personen diese Berufung zur russischen Idee zurückweisen? An der Brutalität gegenüber ukrainischen Kriegsgefangenen und Zivilisten lässt sich ablesen, dass sie nicht nur Gewalt erfahren, sondern ideologischer Bestrafung ausgesetzt sind, weil sie dem exklusiven Ruf, zur ‚russischen Welt‘ zu gehören, ablehnen und damit diese Welt in Frage stellen. Der Katechismus der russischen Idee erlaubt es Tätern, sich als gläubige Verteidiger der Ideologie zu verstehen und ihre Gewalt zu rechtfertigen. Dabei sind Ideologien flexibel und systemisch anpassbar, solange sie Größe versprechen: Sowohl Stalin als auch Putin ziehen beispielsweise bestimmte Zaren oder historische Perioden als Belege für das eigene Handeln in der Gegenwart heran. Stalins Interesse für Sergei Eisensteins Filme über Iwan den Schrecklichen ist nur das bekannteste Beispiel hierfür.
Das verhängnisvolle Erbe dieser russischen Mythen und Ideen bleibt im 21. Jahrhundert leider sehr lebendig. Eine Verteidigung des Volkes vor diesen autoritären Zumutungen durch eine wohlmeinende russische ‚Intelligenzija‘ bleibt halbherzig ohne die Analyse nationalistischer Mythen – gerade auch in der Bevölkerung und in der eigenen Zunft. Solange man die russischen Mythen nur als Teil einer vergangenen russischen Ideengeschichte oder als alternatives Wertesystem verharmlost und nicht als politisches Modell der Dominanz wahrnimmt, wird man Russland nicht verstehen. Das ist auch nicht die Absicht der Ideologen. Sie wollen nicht verstanden, sondern gefürchtet und bewundert werden. Wer das tut, hat verloren.
Ich finde diesen Artikel sehr einleuchtend! Allerdings wünschte ich mir ein paar Originalzitate oder einfach Quellen, denn ich habe, wie vermutlich die meisten Leser:innen, selten Zugang zu Reden Putins oder Äußerungen von anderen der hier genannten.