Die Russische Föderation wurde wiederholt als korrupter und ideologieloser Mafiastaat bezeichnet, um den russischen Nationalismus und die messianischen Ideen eines kommenden russischen Imperiums herunterzuspielen. Warum diese Perspektive falsch und vielleicht sogar gefährlich ist.

  • Botakoz Kassymbekova

    Botakoz Kassymbekova ist Assistenzprofessorin an der Universität Zürich im Bereich Osteuropäische Geschichte. Sie forscht zum Thema Stalinismus und Post-Stalinismus sowie russische und sowjetische koloniale Geschichte.
  • Annette Werberger

    Annette Werberger ist Professorin für Osteuropäische Literaturen an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder). Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Literatur- und Ideengeschichte.
Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart 
Russ­land führt einen ideo­lo­gi­schen Krieg
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Wir befinden uns erneut in einem Zeit­alter ideo­lo­gi­scher Kriege. Russ­lands Krieg gegen die Ukraine ist vor allem ein ideo­lo­gi­scher Krieg. Ebenso ist Donald Trumps MAGA-Bewegung gegen eine auf Inklu­si­vität basie­rende Werte­po­litik ein ideo­lo­gi­scher Krieg gegen Viel­falt und Demo­kratie. Dies wurde lange Zeit igno­riert und Russ­land wurde immer wieder als ideo­lo­gie­freier, ledig­lich korrupter Mafia­staat beschrieben. Doch es ist wichtig, staat­liche oder über Parteien orga­ni­sierte Ideo­lo­gien – ob in Russ­land, den USA, Europa oder anderswo – zu verstehen und ideo­lo­gi­sches Handeln nicht nur als reine Mafia­me­thode oder Korrup­tion abzutun. Ohne die Einsicht in die histo­ri­schen und kultu­rellen Bilder und Seman­tiken, auf die der russi­sche Angriffs­krieg und die ihm voraus­ge­henden Kriege beruhen, versteht man weder Ursprung noch Dauer oder Gewalt­formen dieses Krieges. Und schon lange vor dem Maidan konnte man wissen, dass der russi­sche Natio­na­lismus eine messia­ni­sche Ideo­logie verfolgt.

Warum ist es wichtig, Ideo­lo­gien ernst zu nehmen und vor allem: Was unter­scheidet ideo­lo­gi­sches Handeln von ethi­schem Handeln? Werte schützen Gruppen und Indi­vi­duen vor ille­gi­timer staat­li­cher Gewalt und bieten poli­ti­sche Teil­habe. Ideo­lo­gien hingegen recht­fer­tigen mit ihren totalen und episch ange­legten Erzäh­lungen über eine voll­kom­mene, abstrakt gedachte Zukunft anar­chi­sche Gewalt in der Gegen­wart und machen Politik exklusiv. Gerade das russi­sche Beispiel bietet ein wich­tiges Lehr­stück für das 21. Jahr­hun­dert. Es zeigt, dass nicht allein philo­so­phi­sche Systeme wie der Marxismus Grund­lagen für Ideo­lo­gien darstellen können, sondern ebenso eklek­ti­sche Samm­lungen von Ideen sehr flexible, wirkungs­volle Welt­an­schau­ungen mit globaler Wirkung ausbilden. Faschis­mus­for­scher wie Zeev Stern­hell oder George Mosse haben auf die Bedeu­tung von Kulten und Mythen in Gesell­schaften hinge­wiesen. Ihre Forschungen helfen zu verstehen, dass Formen ideo­lo­gi­schen Handelns nicht nur plötz­liche Verir­rungen sind oder allein auf die ,Besat­zung‘ eines Landes durch ein Regime zurück­zu­führen sind.

Natio­na­lismus und impe­rial prestige

„Nation ist nicht, was die Nation selbst von sich denkt, sondern das, was sich Gott für sie ausge­dacht hat“, so fasst Juri Andrucho­wytsch in einem Essay aus dem Jahr 2022 einen Aufsatz des russi­schen Symbo­listen Wladimir Solo­wjow zur ,russi­schen Idee‘ zusammen, den dieser 1888 auf Fran­zö­sisch verfasst hatte. Andrucho­wytsch erkennt in dessen Idee den Mecha­nismus, der auch für Hannah Arendt ideo­lo­gi­sche Regime kenn­zeich­nete: Die ideo­lo­gi­sche Idee wird mit dem gött­li­chen oder natür­li­chen Lauf der Geschichte erklärt und sei nicht menschen­ge­macht. Ideo­lo­gien basieren auf zwei Prämissen: Über­le­gen­heit und Größe, die angeb­lich natur­ge­geben ist, sowie die Bereit­schaft, diese Vorherr­schaft mit Gewalt gegen innere und äußere Feinde durch­zu­setzen. Ideo­lo­gien rufen zur Diszi­plin auf, indem sie einen narra­tiven Raum schaffen, in dem persön­liche Frei­heiten und Rechte einge­schränkt werden, um der Größe der Idee und des Landes zu dienen. Und die Zentra­li­sie­rung der Macht wird als uner­läss­lich für die Rettung von Beidem gesehen.

Nach der Nieder­lage im Krym­krieg im Jahr 1856 spielte die kolonial-imperiale Erobe­rung Zentral­asiens eine wich­tige ideo­lo­gi­sche Rolle. Das Ziel war der Erhalt des Impe­rial Pres­tige, das man sich seit den Napo­leo­ni­schen Kriegen in Europa erar­beitet hatte, wie dies Alex­ander Morrison in seinem neuesten Buch zur russi­schen Erobe­rung Zentral­asiens nach­zeich­nete. Russ­land wollte mit der Erobe­rung Zentral­asiens sein impe­riales Ansehen als Groß­macht nach der Krym­nie­der­lage wieder zur Geltung bringen, und die terri­to­riale Größe galt als Maß für diese Macht. Im 19. Jahr­hun­dert verglich das Russi­sche Reich seine eigenen impe­rialen Errun­gen­schaften mit Groß­bri­tan­nien und sah dessen Erfolge als Nieder­lage. Heute misst man sich an den USA und Europa, wobei letztes eher als Inter­es­sen­ge­biet der USA verstanden wird. Russ­land führt Krieg gegen die Ukraine auch aus dem Gefühl der Nieder­lage heraus, die das Ende der Sowjet­union reprä­sen­tierte, und versucht sich an der Wieder­her­stel­lung des Impe­riale Pres­tige, das viel mehr Ressourcen und Einfluss­mittel erzeugt, als das eroberte Terri­to­rium selbst, denn es demons­triert die Fähig­keit, ein souve­ränes Land vor den Augen der Welt­öf­fent­lich­keit zu annek­tieren. Geopo­li­tisch erlaubt die Anne­xion, noch mehr Druck auf Europa auszu­üben und noch mehr Impe­rial Pres­tige zu produ­zieren. Es geht um die Erzeu­gung des Mythos einer geopo­li­ti­schen Super­macht und nicht um die vermeint­liche Wohl­stands­ver­meh­rung für die eigene Bevölkerung.

Das Verständnis von Impe­rial Pres­tige bleibt bis in unsere Gegen­wart wichtig, weil es zeigt, dass die russi­sche Nieder­lage in der Ukraine, auch wenn sie notwendig ist, nicht ausrei­chen wird, um Russ­lands Ideo­logie zu trans­for­mieren. Die Über­win­dung der Ideo­logie der Über­le­gen­heit ist ein langer Prozess, der damit beginnen muss, den Betrof­fenen zuzu­hören. So zeigt sich etwa, dass die vehe­mente Vertei­di­gung der russi­schen Sprache durch russi­sche Intel­lek­tu­elle dem ideo­lo­gi­schen Ansatz folgt, russi­sches Pres­tige in Sprache, Lite­ratur und Kunst zu erhalten. Ohne kriti­schen Blick darauf und den Dialog mit den ehemals und derzeit Kolo­ni­sierten ist eine Entideo­lo­gi­sie­rung von Russ­land unmöglich.

Von der ‚russi­schen Idee‘ zur ‚russi­schen Welt‘

Viele heutige Miss­ver­ständ­nisse basieren auf der falschen Analyse, dass russi­sche Probleme vor allem auf Korrup­tion oder auf der angeb­li­chen Ideo­lo­gie­lo­sig­keit des Regimes beruhen. Dabei verzeichnet Putin im Gegen­satz zum mili­tä­ri­schen Bereich mit seiner Herr­schaft mittels der russi­schen Ideen­welt seit über zwei Jahr­zehnten zahl­lose Erfolge. Das ideo­lo­gi­sche Reper­toire reicht von der alten Rede über den drohenden ‚Unter­gang‘ des Westens über die natür­liche russi­sche ‚Gren­zen­lo­sig­keit‘ bis hin zur beson­deren ‚russi­schen DNA‘ und dem ‚Gen des Sieger­volks‘ in der Gegen­wart. Ein angeb­lich für die russi­sche ‚Zivi­li­sa­tion‘ typi­scher ‚Tradi­tio­na­lismus‘ wird zudem über verschie­dene slawo­phile und anti­auf­kä­re­ri­sche Ideo­lo­geme aus dem 19. Jahr­hun­dert evoziert. Man kann dies als eine faschi­sierte Form der vermeint­li­chen ‚Gottes­nähe‘ des russi­schen Volkes betrachten, die zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts bei deutsch­spra­chigen Autoren von Rainer Maria Rilke bis zu Thomas Mann en vogue war. Auch die russi­sche ‚Allmensch­lich­keit‘ und die Völker­freund­schaft werden erfolg­reich als Erbe eines angeb­li­chen sowje­ti­schen Anti­ko­lo­nia­lismus eingesetzt.

In einem Essay aus dem Jahr 2012 schreibt Putin konkret über die „natio­nale Frage“ Russ­lands und fährt dabei das ganze ideo­lo­gi­sche Programm der ‚russi­schen Idee‘ auf, vom „kultu­rellen Code“ bis zu Dosto­jew­skis „allwelt­li­cher Ansprech­bar­keit“, die alle Nationen unter dem Banner von Russ­lands Zivi­li­sa­tion vereinen soll. Auch Russ­land selbst braucht Putin zufolge kein west­li­ches Minder­hei­ten­mo­dell, sondern arbeite mit der „kultu­rellen Domi­nanz“ und den „Werten“ des russi­schen staats­bil­dendes Volks, das allein bestimme, wer Freund und Feind sei. An solchen Arti­keln sieht man: Russi­sche Politik ist eine in die Gegen­wart gewen­dete natio­na­lis­ti­sche Ideen­ge­schichte. Schon die 1980er und 1990er Jahre haben viele ideo­lo­gi­sche Grund­lagen gelegt. Nach der Auflö­sung der Sowjet­union, die für viele russi­sche Natio­na­listen eine Kata­strophe darstellte, begab man sich schon 1996 unter Jelzin erneut auf die Suche nach der ‚russi­schen Idee‘. In Wiktor Pele­wins Roman „Gene­ra­tion P“ wird diese Suche noch ins Groteske gewendet, als die Figur Wladen Tatarski mit dem Auftrag ein Exposé zur russi­schen Idee zu erstellen, einen Taxi­fahrer befragt. Die russi­schen Ideen haben sich spätes­tens seit den Nuller­jahren aber in Realität verwan­delt. Wenn man heute den Namen Wladimir Solo­wjow anführt, denkt man an den Propa­gan­disten, nicht den Philo­so­phen und wenn man Tatarski erwähnt, denken viele an den verur­teilten Bank­räuber und russi­schen Mili­tär­blogger, der sich Pele­wins Figur zum Pseud­onym nahm und 2023 einem Bomben­an­schlag zum Opfer fiel. Das post­mo­derne Spiel und die Nach­lesen der Lite­ratur der Emigra­tion und des Silbernen Zeit­al­ters (1890-1930) wurden in den Nuller­jahren blutiger ideo­lo­gi­scher Ernst, als Russ­land im Schatten des Tsche­tsche­ni­en­kriegs das Projekt der ‚russi­schen Welt‘ 2007 offi­ziell begann und sich ein Netz­werk samt Doktrin herausbildete.

Die ‚russi­sche Welt‘ ist die puti­nis­ti­sche Version der russi­schen Idee für das 21. Jahr­hun­dert. Durch sie wurden alte Ideen der Slawo­philen aus dem 19. Jahr­hun­dert, proto­fa­schis­ti­sche Werke aus dem Exil oder der sowje­ti­sche antago­nis­ti­sche Doppel­sprech erfolg­reich mit neu fabri­zierten Ideen des Eura­sismus und des neurechten dritten Weges vermischt. Das Konzept der ‚russi­schen Welt‘ war keine völlige Neuerfin­dung, sondern schloss an alte bekannte natio­na­lis­ti­sche Mythen an. Aber russi­sche Kassen­schlager im Kino wie zum Beispiel die Filme „Brat“ (Bruder) und vor allem „Brat 2“ von Andrej Bala­banow, die noch in den späten 1990er Jahren entstanden, haben zur Popu­la­ri­sie­rung der ‚russi­schen Idee‘ und der ‚russi­schen Geopo­litik‘ beigetragen, noch bevor das Konzept der russi­schen Welt über­haupt offi­ziell propa­giert wurde. Im Angriffs­krieg wurden Schlag­worte aus den Filmen wie „Kraft in Wahr­heit“ (Sila w prawde) verwendet, die auch Putin am 24. Februar 2022 in seiner Kriegs­er­klä­rung aufgriff: „wahre Stärke“ speise sich aus „Gerech­tig­keit und Wahr­heit“ und darüber verfüge eben Russland.

Von der Geschichte zur natio­na­lis­ti­schen Ideengeschichte

Das Erbe des russi­schen Natio­na­lismus ist umfang­reich: Sergei Uwarow, der Minister für Volks­auf­klä­rung, instal­lierte die drei Begriffe Ortho­doxie, Auto­kratie und Volks­tüm­lich­keit im Jahre 1833 mit der zyni­schen Einsicht, dass man die Moderne nicht aufhalten, ihr aber zumin­dest einen staat­li­chen Mythos entge­gen­setzen sollte. Die reak­tio­näre Gegen­rede zur fran­zö­si­schen „Frei­heit, Gleich­heit und Brüder­lich­keit“, die man sich im aufstän­di­schen Polen schon 1832 auf die Fahnen schrieb, ist leicht zu erkennen. Diese Triade bildete den offi­zi­ellen Anfangs­punkt des Impe­ri­al­na­tio­na­lismus im Russi­schen Reich und beför­derte eine dunkle Linie anti­auf­klä­re­ri­schen Denkens. Alex­ander Dugin aktua­li­sierte etwa im April 2024 die drei Begriffe zu „Ortho­doxie, Herr­schaft und Russi­sches Volk“.

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Die Idee der Größe Russ­lands ist system­über­grei­fend präsent und wird fast immer histo­risch begründet. Die geogra­phi­sche Mytho­manie und russi­sche Fixie­rung auf Macht über schiere Größe und unend­liche Weite soll von Erha­ben­heit und Gottes­nähe erzählen. Fjodor Tjut­schew, einer der bekann­testen Dichter Russ­lands, fasste in seinem Gedicht „Russi­sche Geogra­phie“ von 1848 diesen natio­nalen Raum­my­thos in die Verse:

Moskau, Stadt Peters und Stadt Konstantins
das sind die ersehnten Haupt­städte des russi­schen Zarentums
nur wo sind seine Ränder, wo sind seine Grenzen?
im Norden, im Osten, im Süden und beim Sonnenuntergang?

Putins Sätze über die Gren­zen­lo­sig­keit Russ­lands sind wie fast alles im Puti­nismus nicht origi­nell. Selbst ein berüch­tigter deutsch-nationaler Ideo­loge der „russi­schen Idee“ wie etwa Arthur Moeller van den Bruck (1876-1925) sprach bereits von der „russi­schen Politik der Gren­zen­lo­sig­keit“. Solche natio­na­lis­ti­schen Codes aus dem 19. Jahr­hun­dert finden Wider­hall in einer Gesell­schaft, die in sowje­ti­scher Zeit in den Büchern der russi­schen Lite­ratur des 19. Jahr­hun­derts wie in einer Ersatz­re­li­gion lebte. Nicht zuletzt aus diesem Grund lesen auch heute russi­sche Regie­rungs­mit­glieder lite­ra­ri­sche Klas­siker mit impe­rialer Botschaft öffent­lich vor.

Ideo­lo­gien und natio­na­lis­ti­sche Ideen ermäch­tigen, ohne den Bürgern tatsäch­lich Mitsprache zu gewähr­leisten. Sie befreien von der tägli­chen Arbeit einer poli­ti­schen Ausein­an­der­set­zung, indem sie die natio­nale Größe, Gerech­tig­keit und Über­le­gen­heit als Wieder­her­stel­lung einer „natür­li­chen Ordnung“ verspre­chen. Ideo­lo­gi­sche Modelle produ­zieren auf diese Weise Unter­tanen, nicht aktive Bürger. Dabei ist die angeb­lich spezi­elle Verbin­dung des Volks zum Herr­scher in Russ­land ein beson­derer Fixpunkt ideo­lo­gi­scher Schriften der Slawo­philen, der Proto­fa­schisten der späten Zaren­zeit, konser­va­tiver Emigranten oder von puti­nis­ti­schen Ideo­logen der Gegen­wart. So gibt es in Russ­land eine lange Tradi­tion, Auto­ri­täres mit russi­scher Kultur und Eigenart zu begründen und Kritik daran als natio­nalen Verrat zu ächten. Michail Pogodin beschreibt zum Beispiel schon 1838 die russi­sche Auto­kratie als ein beson­deres Gebilde, da „Russ­land ein unge­heures Maschi­nen­werk“ sei, auf „die einfachste, zweck­mä­ßigste Art konstru­iert“ und „von der Hand eines Menschen, des russi­schen Zaren, gelenkt“, der ihm „jede belie­bige Rich­tung, jede belie­bige Geschwin­dig­keit“ geben könne. Der Slawo­phile Konstantin Aksakow betonte wiederum 1855, dass das russi­sche Volk „kein staat­li­ches Volk“ sei, es strebe nicht „nach der staat­li­chen Macht, es wünscht sich keine poli­ti­schen Rechte, es hat in sich nicht einmal den Keim der Liebe des Volkes zur Macht“. Eine zivil­ge­sell­schaft­liche Vermitt­lung zwischen Volk und Macht wurde oft als unrus­sisch, fremd, kolo­nia­lis­tisch oder gar „russo­phob“ bezeichnet, und libe­rale Denker zu West­lern, Kosmo­po­liten oder „auslän­di­schen Agenten“ erklärt, die die unrus­si­schen Tradi­tionen der Angel­sa­chen imple­men­tieren möchten. Das „Dritte“ in dieser Welt der Freunde und Feinde sind nicht „checks and balances“, sondern es ist eine natio­nale, gott­ge­ge­bene Berufung.

Was passiert, wenn Personen diese Beru­fung zur russi­schen Idee zurück­weisen? An der Bruta­lität gegen­über ukrai­ni­schen Kriegs­ge­fan­genen und Zivi­listen lässt sich ablesen, dass sie nicht nur Gewalt erfahren, sondern ideo­lo­gi­scher Bestra­fung ausge­setzt sind, weil sie dem exklu­siven Ruf, zur ‚russi­schen Welt‘ zu gehören, ablehnen und damit diese Welt in Frage stellen. Der Kate­chismus der russi­schen Idee erlaubt es Tätern, sich als gläu­bige Vertei­diger der Ideo­logie zu verstehen und ihre Gewalt zu recht­fer­tigen. Dabei sind Ideo­lo­gien flexibel und syste­misch anpassbar, solange sie Größe verspre­chen: Sowohl Stalin als auch Putin ziehen beispiels­weise bestimmte Zaren oder histo­ri­sche Peri­oden als Belege für das eigene Handeln in der Gegen­wart heran. Stalins Inter­esse für Sergei Eisen­steins Filme über Iwan den Schreck­li­chen ist nur das bekann­teste Beispiel hierfür.

Das verhäng­nis­volle Erbe dieser russi­schen Mythen und Ideen bleibt im 21. Jahr­hun­dert leider sehr lebendig. Eine Vertei­di­gung des Volkes vor diesen auto­ri­tären Zumu­tungen durch eine wohl­mei­nende russi­sche ‚Intel­li­gen­zija‘ bleibt halb­herzig ohne die Analyse natio­na­lis­ti­scher Mythen – gerade auch in der Bevöl­ke­rung und in der eigenen Zunft. Solange man die russi­schen Mythen nur als Teil einer vergan­genen russi­schen Ideen­ge­schichte oder als alter­na­tives Werte­system verharm­lost und nicht als poli­ti­sches Modell der Domi­nanz wahr­nimmt, wird man Russ­land nicht verstehen. Das ist auch nicht die Absicht der Ideo­logen. Sie wollen nicht verstanden, sondern gefürchtet und bewun­dert werden. Wer das tut, hat verloren.