Es ist Frühling in Venedig, und Russland ist zurück auf der Biennale, zum ersten Mal seit der Ausweitung des Krieges gegen die Ukraine am 24. Februar 2022. Vor dem Pavillon Russlands in den Giardini kommt es zu einem historischen Protest: Erstmals bündeln die ukrainischen Aktivistinnen von Femen und die russischen von Pussy Riot ihre Kräfte gegen einen gemeinsamen Gegner, der verschiedene Namen trägt – Moskau, Kreml, Putin. Drinnen trägt die zentrale Installation den programmatischen Titel „Der Baum ist im Himmel verwurzelt“: ein auf den Kopf gestellter Baum, audiovisuell inszeniert von Künstler*innen aus Russland, Argentinien, Brasilien, Mali, Mexiko und weiteren Ländern. Dass der chinesische Regimekritiker Ai Weiwei vor fast zehn Jahren etwas verblüffend Ähnliches in der Sammlung Boros in Berlin gezeigt hat, bleibt wohl Zufall. Kuratiert hat den Pavillon Anastasia Karneeva, Tochter eines FSB-Generals, der es bis zum stellvertretenden Generaldirektor des staatlichen Rüstungskonzerns Rostec brachte. Der FSB ist Inlandsgeheimdienst und Geheimpolizei der Russischen Föderation. Ihr Vater machte sie zur Miteigentümerin der Rostec-Neugründung „Karboniks“, die seit 2020 Knochenimplantate und -prothesen herstellt. Daneben bleibt sie weiterhin eine von zwei Eigentümerinnen eines Kunstauktionsunternehmens neben Ekaterina Vinokurova, Tochter des russischen Aussenministers Sergej Lavrov.
Musikalisch dominieren im Pavillon Russlands 2026 Balalaika und russische Lieder. Die Teilnahme und der Kehlkopfgesang von Alexey Khovalyg aus Tywa (Tuwa ist die russische Form des Namens) geht dabei fast schon unter. In ihrer Gesamtheit ist die Botschaft, die der Pavillon senden soll, unmissverständlich: Russland sei multikulturell und habe Freund*innen in aller Welt. Dass Deutschland, Frankreich, Lettland, die Ukraine und weitere EU-Staaten gegen Russlands Teilnahme votierten und die EU-Kommission der Biennale deshalb mit der Streichung von rund zwei Millionen Euro Fördergeldern droht, erzählt eine andere Geschichte.
Wo hört Russland auf, wo fängt Sibirien an?
Um zu verstehen, warum ausgerechnet ein Sänger aus Tywa nach Venedig geschickt wurde, lohnt der Blick auf die Landkarte. Schon die Grenzen „Sibiriens“ sind aufschlussreich: Im Westen markiert das Uralgebirge eine natürliche Grenze, im Osten dagegen verlaufen die Grenzen rein politisch – zu China, Kasachstan und der Mongolei. Ist Sibirien also überhaupt ein geografisches Konzept oder eher ein imperiales Konzept Russlands für seine eroberten Gebiete? Die Geschichte von Tywa wirft ähnliche Fragen auf. Die Republik gehört geografisch zum mongolischen Hochland und ist vom russischen Kernland durch Gebirgszüge getrennt. Eine Eisenbahnverbindung zum „Festland“ gibt es bis heute nicht. Historisch gehörte das Gebiet zur Mongolei, zu China, war Protektorat des zaristischen Russlands. Bis 1945 blieb der juristische Status umstritten, irgendwo zwischen einer mongolischen Region, einem sowjetischen Satellitenstaat und einer Teilrepublik der UdSSR. Trotzdem wurden Tywiner ab 1941 für die Front gegen Nazideutschland eingezogen und unter anderem im Westen der Ukraine eingesetzt – gegen reguläre Wehrmachtstruppen, aber auch gegen jenen Teil der ukrainischen Bevölkerung, der sich den deutschen Truppen angeschlossen hatte. Auch heute stellt Tywa proportional überdurchschnittlich viele Soldaten für den Krieg gegen die Ukraine. Der bekannteste Tywiner ist ausgerechnet Sergei Schoigu: Verteidigungsminister zu dem Zeitpunkt, als Russland 2022 die Vollinvasion begann, heute Sekretär des russischen Sicherheitsrats und bereits seit 2009 Präsident der russischen geografischen Gesellschaft, deren Leitung seit der Zarenzeit mit hochrangigen Militärs besetzt wird und deren Aufgabe nach Schoigu die Liebe zum eigenen Land ist: „die Menschen sehen ihr Land erst und dann lernen sie es zu lieben“. Alexey Khovalyg dagegen war vor Venedig kaum bekannt, weder international noch in Russland selbst. Dabei ist Kehlkopfgesang aus Tywa alles andere als ein Geheimtipp.
Ein Sänger im Schatten

Huun-Huur-Tu, Festival Sideways, Helsinki, Quelle: Wikipedia
Der eigentliche musikalische Exportschlager der Republik heisst seit 1992 Huun-Huur-Tu. Das Kollektiv tourt seit über drei Jahrzehnten weltweit, ist regelmässiger Gast auf deutschen Bühnen, in diesem Herbst etwa wird es Konzerte in Berlin, Dresden und Karlsruhe geben. In der Schweiz gibt es ganze Workshops samt Apéro und Massagen, zuletzt 2025 in Graubünden. Der Veranstalter bewarb die Band als „weltbekannte Meister des Kehlgesangs aus Tuwa, einer abgelegenen Region im Süden Sibiriens“ fast wortgleich mit der Selbstbeschreibung der Band auf Spotify, wo sie monatlich über 70.000 Hörer:innen zählt und ihr Stück Legend (1997) fast drei Millionen Streams erreicht hat. In Europa wird Huun-Huur-Tu von Alexander Cheparukhin gemanagt, der Russland vor Jahren verlassen hat und von Anfang an der Manager von Pussy Riot war. In den USA vertritt Huun-Huur-Tu die Agentur Riot Artists, dieselbe Agentur, die auch die Kyjiwer Ethno-Band DakhaBrakha bucht. Bezeichnend: In der eigenen Aussendarstellung verortet sich Huun-Huur-Tu ausschliesslich in Tywa und Sibirien. Das Wort Russland taucht nie auf. Khovalyg positioniert sich, soweit sich das aus den spärlichen Berichten in Russland über ihn schliessen lässt, anders: als Musiker aus Tywa und Russland zugleich, der gelegentlich in Grossstädten Russlands, aber vor allem in Tywa selbst, Konzerte gibt. Der Auftritt in Venedig hat an seiner Bekanntheit wenig geändert. Auf Spotify kommt er derzeit auf etwa 30 monatliche Hörer*innen, selbst auf dem russischen Pendant Yandex.Music sind es nur etwa 170 Menschen pro Monat.
Warum wurde ausgerechnet er nach Venedig geschickt? Seit 2021 steht Vladislav Khovalyg an der Spitze Tywas, von Putin persönlich zunächst kommissarisch eingesetzt und im Herbst desselben Jahres per Regionalwahl bestätigt. Khovalyg ist zwar ein in Tywa weit verbreiteter Nachname, eine Verwandtschaft zwischen dem Sänger und dem Republikoberhaupt ist öffentlich nicht bekannt. Dass aber ein Musiker desselben Namens Russland in Venedig repräsentiert wie das Staatsoberhaupt der Republik, aus der er stammt, lässt sich zumindest innerrussisch als geschickte PR lesen, schliesslich ist der Politiker Khovalyg absolut kremltreu und steht seit dem 24. Februar 2023 wegen seiner Rolle bei der Mobilisierung russischer Bürger*innen für den Krieg gegen die Ukraine auf der Sanktionsliste der USA.
Blues aus dem Lager, Rock aus der Steppe, Metal aus der Taiga
Zur vielseitigen Musikgeschichte Tywas gehört auch der 2013 verstorbene Vladimir Oidupaa, eine der schillerndsten und widersprüchlichsten Figuren der Ethno-Szene: Ein musikalischer Erneuerer, der bereits in den frühen 1990ern Kehlkopfgesang mit Blues verband und 1999 mit dem Album Divine Music from a Jail debütierte. Zugleich war er ein Mann, der insgesamt 33 Jahre in Gefängnissen und Lagern der UdSSR und Russlands verbrachte, verurteilt vor allem wegen Körperverletzung, Vergewaltigung, Kindsmissbrauch und Mord. Musikalisch beeinflusste er unter anderem Yat-Kha, gegründet zur selben Zeit wie Huun-Huur-Tu, stilistisch aber ganz anders unterwegs: Yat-Kha experimentiert mit Elektronik und Rock und wechselt später teilweise aus dem Tywinischen ins Russische. Heute zählt die Band rund 20.000 monatliche Spotify-Hörer*innen, ihre Songs erreichen sechs- bis siebenstellige Streamingzahlen und auch sie verorten sich als Band aus Tywa: „Tuva Rock“ heisst es auf Instagram. Von Russland wieder kein Wort. Dieses Muster beschränkt sich nicht auf Tywa. Die Folk-Pop-Band Otyken aus der Republik Sacha präsentiert sich ihren mehr als 1,4 Millionen Instagram-Follower*innen als „Indigenous Band from Siberia“ und setzt ebenfalls auf Kehlkopfgesang, ethnische Musikinstrumente und Pop-Einflüsse. Die musikalisch traditionelle Folk-Musikerin Olena Uutai wiederum beschreibt sich für ihre rund 130.000 Follower*innen auf Russisch als die „Seele des Nordens aus Jakutien“. Das Meta-Subunternehmen Instagram gilt dabei in Russland per Gesetz als „extremistisch“ und allein die Nutzung der App über VPN-Dienste kann schwerwiegende Folgen haben. Jakutien ist die russische Bezeichnung für Sacha, eine der kältesten Regionen in der Russischen Föderation, ausserdem bekannt als eines der wichtigsten Goldabbaugebiete für das Land. Es sind nur einzelne, aber prominente Beispiele für eine ganze Reihe von Musiker*innen, die sich konsequent in Sibirien verorten und den Namen Russland zu meiden scheinen.

OTYKEN, Quelle: Wikipedia
Die Verortung in Sibirien bei gleichzeitigem Verschweigen Russlands macht auch vor Genregrenzen nicht halt. Die Black-Metal-Band Grima aus Krasnojarsk, einer Stadt, die bis ans Ende der Sowjetunion eine geschlossene Militärstadt gewesen ist, erreicht in ihrer gegenkulturellen Nische siebenstellige Streamingzahlen auf Spotify und beschreibt sich auf Instagram als Black-Metal-Duo „from deep woods of Siberia“. Bereits Songtitel wie Siberian Sorrow (2019) oder Enisey (2019) machen Sibirien zum roten Faden ihrer Kunst – ein Weg, der die Band 2025 zum österreichischen Major-Label Napalm Records und auf Europatournee geführt hat. Auf demselben Label finden sich auch die deutsche Band Lord of the Lost, die 2023 Deutschland beim Eurovision Song Contest vertreten hat, sowie die ukrainischen Bands 1914 und Jinjer, die sich beide aktiv für die Ukraine im Verteidigungskrieg gegen Russland engagieren.
Die Neue Sibirische Ordnung

Omsker Punkband Shumnye i Ugrozhayushchie Vykhodki (sinngemäss: Laut-Bedrohliche Krawalle). Foto: Venera Dzhumabaeva
Noch weiter geht die Omsker Punkband Shumnye i Ugrozhayushchie Vykhodki (sinngemäss: Laut-Bedrohliche Krawalle). Sie positioniert sich nicht nur selbst konsequent als sibirisch, sondern hat mit der „Neuen Sibirischen Ordnung“ ein flexibles Netzwerk sibirischer Untergrundbands gegründet. Auf Spotify beschreibt sie ihre eigene Musik selbstironisch als „eine Mischung aus Tetris-Punk und Noise-Rap für betrunkene Nachbarschaften“. Ihre Songs erreichen bis zu zwei Millionen Streamings. Die „Neue Sibirische Ordnung“ organisierte im Sommer 2022 als Reaktion auf die Vollinvasion eine Untergrundtour durch ganz Russland und sammelte dabei Geld für die „Opfer der Russischen Welt“, wie die Band es selbst formuliert. Eine Untergrundtour heisst, dass Konzerte nur vertraulich und kurz vor dem Stattfinden über Chats angekündigt wurden. Bei kleinsten Sicherheitsbedenken wurden Konzerte abgesagt. (Der literarische Reisebericht dieser Tour erscheint Ende 2026-Anfang 2027 in deutscher Übersetzung von Aleksej Tikhonov bei Frabylon Bookstore & Press [in Frankfurt am Main). Das in Text verpackte Gonzo-Puzzle zeigt nicht nur die Selbstverortung der beteiligten Bands und Aktivist*innen in Sibirien als Gegenentwurf zu Russland, sondern zeichnet auch das Verhältnis zwischen Moskau und Sibirien als das zwischen Zentrum und Kolonie: Die Kolonie ist dabei hin- und hergerissen: zwischen dem Wettbewerb der Republiken und Regionen darum, wer für Moskau der wichtigste Rohstofflieferant ist; zwischen der Hoffnung auf finanzielle Unterstützung aus der Hauptstadt; zwischen der Resignation gegenüber dem Schicksal des ewigen „Blutspenders“ für den Staat; und dem Versuch, das Narrativ umzudrehen und die Aufmerksamkeit von Moskau weg, hin zu Sibirien zu lenken, wie es die neue Punkbewegung unternimmt. Dieses Narrativ oder zumindest die Bekanntheit der neuen Kollektive aus Sibirien erreicht mittlerweile sogar Übersee. Im Musikvideo zu Let’s Have Some Fun (2026), einer Kollaboration des Musikers Edward Skeletrix mit North West, der Tochter von Kanye West und Kim Kardashian, ist bei Minute 1:48 zu sehen, was auf Spotify in ist: Shumnye i Ugrozhayushchie Vykhodki aus Omsk.
Wenn Rebellion kippt
Was wie der Keim einer sibirischen Opposition oder gar Revolte klingen mag, sollte allerdings nicht idealisiert werden. Zum einen, weil sich der Name ‚Sibirien‘ schlicht gut verkauft. Zum anderen, weil sich genau dieser Ansatz ins Gegenteil verkehren kann, wie der Fall des burjatisch-russischen Rappers Husky zeigt, der seinen Künstlernamen von der sibirischen Hunderasse ableitete. Husky, bürgerlich Dmitri Kusnezow, wuchs in Ulan-Ude, der Hauptstadt Burjatiens, auf. 2011 veröffentlichte zunächst er das Video, Sedmoje Oktjabrja (Der siebte Oktober – Putins Geburtstag), in dem er den körperlichen und moralischen Verfall des russischen Präsidenten beschwor, in unverkennbarer Anspielung auf Oscar Wildes Bildnis des Dorian Gray, und auf die Vergangenheit Putins im kriminellen St. Petersburg der Neunziger Jahre. Nach Konzertverboten bestieg Husky Autodächer, um dort für seine wartenden Fans zu rappen, und wurde dafür verhaftet. Damit war er einer der ersten Rapper, die in Russland auf diese Weise ins Visier der Behörden gerieten und ganz konkrete Folgen für sich erlebten. Es folgten dann jedoch öffentliche Beleidigungen gegenüber russischen Oppositionellen, Auftritte in von Russland besetzten ukrainischen Gebieten, unter anderem an der Seite des später getöteten Separatistenkommandeurs mit dem Gefechtsnamen „Motorola“, und nach 2022 ein neuer, steiler Aufschwung seiner Karriere. Zuletzt bestätigte er seinen Kurs noch einmal im Video zum Song Molodoj Russkij (Der junge Russe, 2024), das sich der Ästhetik der erfolgreichen Gauner-Serie Slowo Pazana. Krow‘ na asfalte (Das Ehrenwort des Jungen. Blut auf dem Asphalt, 2023) bedient, die das kriminelle Treiben auf den Strassen der Perestroika-Jahre und der Zeit danach zeigt. Textlich zeichnet Husky darin das Bild junger Russen aus der Provinz, die von dieser Zeit geprägt sind und nie um Gnade bitten – eine Botschaft, die sich lesen lässt als: Damit die Neunziger Jahre nicht zurückkehren, geben wir auch unser Leben her. Es bleibt aber auch die offene Frage in dem Lied und im Video, ob diese Zeiten der Instabilität je wirklich vorbei waren. Vor allem in Sibirien.
Sibirisch, nicht russisch
Am Ende bleibt ein Bild, das sich nicht auflösen lässt: 2026 erklingt in Venedig Kehlkopfgesang aus Tywa, aus eben jener Region, aus der Russland proportional überdurchschnittlich viele Soldaten für seinen Krieg gegen die Ukraine einzieht. Zwischen diesen beiden Tatsachen bewegt sich die sibirische Musikszene der Gegenwart. Was sich dabei beobachten lässt, ist ein Muster, kein Einzelfall: Musiker*innen aus Sibirien lassen ihre Zugehörigkeit zu Russland zunehmend weg und rücken stattdessen Sibirien in den Vordergrund und das umso konsequenter, je internationaler ihr Publikum wird. Auf Spotify, auf Instagram, auf europäischen Bühnen ist ‚Sibirien‘ die Selbstverortung, ‚Russland‘ das Wort, das fehlt. Dieses Muster funktioniert über Genregrenzen hinweg: im Folk von Huun-Huur-Tu, Yat-Kha und Otyken, im Punk und Rap der Neuen Sibirischen Ordnung, im Metal von Grima.
Im Folk gelingt die Distanz zu Russland dabei nicht nur durch die explizite Nennung Sibiriens, sondern auch sprachlich: In ihren Liedern kommt Russisch selten oder gar nicht vor, gesungen wird in den jeweiligen indigenen Sprachen, selbst dort, wo, wie bei Yat-Kha, das Russische später zumindest teilweise Eingang findet, bleibt die Verortung explizit sibirisch. Juristisch ändert all das nichts: Die Zugehörigkeit zu Russland bleibt bestehen, mit allem, was das bedeutet, vom Pass bis zur potenziellen Einberufung. Wohin die zunehmende Ausklammerung Russlands in den öffentlichen, on- wie offline-Auftritten dieser Musiker*innen am Ende führt, bleibt abzuwarten. Dass eine solche Distanzierung nicht zwangsläufig linear verläuft, zeigt gerade der Fall Husky, dessen Karriere seit 2022 durch die entgegengesetzte Bewegung wieder auflebt: eine betont russische Selbstinszenierung. Fest steht dennoch: Immer mehr Musiker*innen aus Sibirien sehen sich nicht als Musiker*innen aus Russland. Und das sehr bewusst.
