Von Tywa bis zum Omsker Gebiet positionieren sich sibirische Musiker*innen auffällig oft als sibirisch und lassen dabei ein Wort bezeichnenderweise aus: Russland. Ein Streifzug durch die Popkultur, die Ethno-Szene und den Underground Sibiriens auf der Suche nach einer Selbstverortung, die vor allem nach dem Februar 2022 mehr als eine geografische Angabe ist.

  • Aleksej Tikhonov ist Postdoc in Slavischer Sprachwissenschaft am Institut für Slavistik und Osteuropastudien (ISOS) der Universität Zürich. 2021 schloss er seine Promotion zur linguistischen Autorschaftsbestimmung in den Handschriften tschechischer Geflüchteter im Preussen des 18. Jahrhunderts an der Humboldt-Universität zu Berlin ab und entwickelte anschliessend an der Universität Freiburg Algorithmen zur automatischen Handschriftenerkennung für Jiddisch, Ukrainisch und Russisch. Seit 2023 arbeitet er in Zürich an seiner Habilitation zu slawischen Sprachen im Deutschrap.

Es ist Früh­ling in Venedig, und Russ­land ist zurück auf der Bien­nale, zum ersten Mal seit der Auswei­tung des Krieges gegen die Ukraine am 24. Februar 2022. Vor dem Pavillon Russ­lands in den Giar­dini kommt es zu einem histo­ri­schen Protest: Erst­mals bündeln die ukrai­ni­schen Akti­vis­tinnen von Femen und die russi­schen von Pussy Riot ihre Kräfte gegen einen gemein­samen Gegner, der verschie­dene Namen trägt – Moskau, Kreml, Putin. Drinnen trägt die zentrale Instal­la­tion den program­ma­ti­schen Titel „Der Baum ist im Himmel verwur­zelt“: ein auf den Kopf gestellter Baum, audio­vi­suell insze­niert von Künstler*innen aus Russ­land, Argen­ti­nien, Brasi­lien, Mali, Mexiko und weiteren Ländern. Dass der chine­si­sche Regime­kri­tiker Ai Weiwei vor fast zehn Jahren etwas verblüf­fend Ähnli­ches in der Samm­lung Boros in Berlin gezeigt hat, bleibt wohl Zufall. Kura­tiert hat den Pavillon Anastasia Karneeva, Tochter eines FSB-Generals, der es bis zum stell­ver­tre­tenden Gene­ral­di­rektor des staat­li­chen Rüstungs­kon­zerns Rostec brachte. Der FSB ist Inlands­ge­heim­dienst und Geheim­po­lizei der Russi­schen Föde­ra­tion. Ihr Vater machte sie zur Mitei­gen­tü­merin der Rostec-Neugründung „Karbo­niks“, die seit 2020 Knochen­im­plan­tate und -prothesen herstellt. Daneben bleibt sie weiterhin eine von zwei Eigen­tü­me­rinnen eines Kunst­auk­ti­ons­un­ter­neh­mens neben Ekate­rina Vino­kurova, Tochter des russi­schen Aussen­mi­nis­ters Sergej Lavrov.

Musi­ka­lisch domi­nieren im Pavillon Russ­lands 2026 Bala­laika und russi­sche Lieder. Die Teil­nahme und der Kehl­kopf­ge­sang von Alexey Khovalyg aus Tywa (Tuwa ist die russi­sche Form des Namens) geht dabei fast schon unter. In ihrer Gesamt­heit ist die Botschaft, die der Pavillon senden soll, unmiss­ver­ständ­lich: Russ­land sei multi­kul­tu­rell und habe Freund*innen in aller Welt. Dass Deutsch­land, Frank­reich, Lett­land, die Ukraine und weitere EU-Staaten gegen Russ­lands Teil­nahme votierten und die EU-Kommission der Bien­nale deshalb mit der Strei­chung von rund zwei Millionen Euro Förder­gel­dern droht, erzählt eine andere Geschichte.

Wo hört Russ­land auf, wo fängt Sibi­rien an?

Um zu verstehen, warum ausge­rechnet ein Sänger aus Tywa nach Venedig geschickt wurde, lohnt der Blick auf die Land­karte. Schon die Grenzen „Sibi­riens“ sind aufschluss­reich: Im Westen markiert das Ural­ge­birge eine natür­liche Grenze, im Osten dagegen verlaufen die Grenzen rein poli­tisch – zu China, Kasach­stan und der Mongolei. Ist Sibi­rien also über­haupt ein geogra­fi­sches Konzept oder eher ein impe­riales Konzept Russ­lands für seine eroberten Gebiete? Die Geschichte von Tywa wirft ähnliche Fragen auf. Die Repu­blik gehört geogra­fisch zum mongo­li­schen Hoch­land und ist vom russi­schen Kern­land durch Gebirgs­züge getrennt. Eine Eisen­bahn­ver­bin­dung zum „Fest­land“ gibt es bis heute nicht. Histo­risch gehörte das Gebiet zur Mongolei, zu China, war Protek­torat des zaris­ti­schen Russ­lands. Bis 1945 blieb der juris­ti­sche Status umstritten, irgendwo zwischen einer mongo­li­schen Region, einem sowje­ti­schen Satel­li­ten­staat und einer Teil­re­pu­blik der UdSSR. Trotzdem wurden Tywiner ab 1941 für die Front gegen Nazi­deutsch­land einge­zogen und unter anderem im Westen der Ukraine einge­setzt – gegen regu­läre Wehr­machts­truppen, aber auch gegen jenen Teil der ukrai­ni­schen Bevöl­ke­rung, der sich den deut­schen Truppen ange­schlossen hatte. Auch heute stellt Tywa propor­tional über­durch­schnitt­lich viele Soldaten für den Krieg gegen die Ukraine. Der bekann­teste Tywiner ist ausge­rechnet Sergei Schoigu: Vertei­di­gungs­mi­nister zu dem Zeit­punkt, als Russ­land 2022 die Voll­in­va­sion begann, heute Sekretär des russi­schen Sicher­heits­rats und bereits seit 2009 Präsi­dent der russi­schen geogra­fi­schen Gesell­schaft, deren Leitung seit der Zaren­zeit mit hoch­ran­gigen Mili­tärs besetzt wird und deren Aufgabe nach Schoigu die Liebe zum eigenen Land ist: „die Menschen sehen ihr Land erst und dann lernen sie es zu lieben“. Alexey Khovalyg dagegen war vor Venedig kaum bekannt, weder inter­na­tional noch in Russ­land selbst. Dabei ist Kehl­kopf­ge­sang aus Tywa alles andere als ein Geheimtipp.

Ein Sänger im Schatten

Huun-Huur-Tu, Festival Side­ways, Helsinki, Quelle: Wikipedia

Der eigent­liche musi­ka­li­sche Export­schlager der Repu­blik heisst seit 1992 Huun-Huur-Tu. Das Kollektiv tourt seit über drei Jahr­zehnten welt­weit, ist regel­mäs­siger Gast auf deut­schen Bühnen, in diesem Herbst etwa wird es Konzerte in Berlin, Dresden und Karls­ruhe geben. In der Schweiz gibt es ganze Work­shops samt Apéro und Massagen, zuletzt 2025 in Grau­bünden. Der Veran­stalter bewarb die Band als „welt­be­kannte Meister des Kehl­ge­sangs aus Tuwa, einer abge­le­genen Region im Süden Sibi­riens“ fast wort­gleich mit der Selbst­be­schrei­bung der Band auf Spotify, wo sie monat­lich über 70.000 Hörer:innen zählt und ihr Stück Legend (1997) fast drei Millionen Streams erreicht hat. In Europa wird Huun-Huur-Tu von Alex­ander Chepa­rukhin gema­nagt, der Russ­land vor Jahren verlassen hat und von Anfang an der Manager von Pussy Riot war. In den USA vertritt Huun-Huur-Tu die Agentur Riot Artists, dieselbe Agentur, die auch die Kyjiwer Ethno-Band Dakh­aBrakha bucht. Bezeich­nend: In der eigenen Aussen­dar­stel­lung verortet sich Huun-Huur-Tu ausschliess­lich in Tywa und Sibi­rien. Das Wort Russ­land taucht nie auf. Khovalyg posi­tio­niert sich, soweit sich das aus den spär­li­chen Berichten in Russ­land über ihn schliessen lässt, anders: als Musiker aus Tywa und Russ­land zugleich, der gele­gent­lich in Gross­städten Russ­lands, aber vor allem in Tywa selbst, Konzerte gibt. Der Auftritt in Venedig hat an seiner Bekannt­heit wenig geän­dert. Auf Spotify kommt er derzeit auf etwa 30 monat­liche Hörer*innen, selbst auf dem russi­schen Pendant Yandex.Music sind es nur etwa 170 Menschen pro Monat.

Warum wurde ausge­rechnet er nach Venedig geschickt? Seit 2021 steht Vladislav Khovalyg an der Spitze Tywas, von Putin persön­lich zunächst kommis­sa­risch einge­setzt und im Herbst desselben Jahres per Regio­nal­wahl bestä­tigt. Khovalyg ist zwar ein in Tywa weit verbrei­teter Nach­name, eine Verwandt­schaft zwischen dem Sänger und dem Repu­bli­ko­ber­haupt ist öffent­lich nicht bekannt. Dass aber ein Musiker desselben Namens Russ­land in Venedig reprä­sen­tiert wie das Staats­ober­haupt der Repu­blik, aus der er stammt, lässt sich zumin­dest inner­rus­sisch als geschickte PR lesen, schliess­lich ist der Poli­tiker Khovalyg absolut kreml­treu und steht seit dem 24. Februar 2023 wegen seiner Rolle bei der Mobi­li­sie­rung russi­scher Bürger*innen für den Krieg gegen die Ukraine auf der Sank­ti­ons­liste der USA.

Blues aus dem Lager, Rock aus der Steppe, Metal aus der Taiga

Zur viel­sei­tigen Musik­ge­schichte Tywas gehört auch der 2013 verstor­bene Vladimir Oidupaa, eine der schil­lerndsten und wider­sprüch­lichsten Figuren der Ethno-Szene: Ein musi­ka­li­scher Erneuerer, der bereits in den frühen 1990ern Kehl­kopf­ge­sang mit Blues verband und 1999 mit dem Album Divine Music from a Jail debü­tierte. Zugleich war er ein Mann, der insge­samt 33 Jahre in Gefäng­nissen und Lagern der UdSSR und Russ­lands verbrachte, verur­teilt vor allem wegen Körper­ver­let­zung, Verge­wal­ti­gung, Kinds­miss­brauch und Mord. Musi­ka­lisch beein­flusste er unter anderem Yat-Kha, gegründet zur selben Zeit wie Huun-Huur-Tu, stilis­tisch aber ganz anders unter­wegs: Yat-Kha expe­ri­men­tiert mit Elek­tronik und Rock und wech­selt später teil­weise aus dem Tywi­ni­schen ins Russi­sche. Heute zählt die Band rund 20.000 monat­liche Spotify-Hörer*innen, ihre Songs errei­chen sechs- bis sieben­stel­lige Strea­ming­zahlen und auch sie verorten sich als Band aus Tywa: „Tuva Rock“ heisst es auf Insta­gram. Von Russ­land wieder kein Wort. Dieses Muster beschränkt sich nicht auf Tywa. Die Folk-Pop-Band Otyken aus der Repu­blik Sacha präsen­tiert sich ihren mehr als 1,4 Millionen Instagram-Follower*innen als „Indi­ge­nous Band from Siberia“ und setzt eben­falls auf Kehl­kopf­ge­sang, ethni­sche Musik­in­stru­mente und Pop-Einflüsse. Die musi­ka­lisch tradi­tio­nelle Folk-Musikerin Olena Uutai wiederum beschreibt sich für ihre rund 130.000 Follower*innen auf Russisch als die „Seele des Nordens aus Jaku­tien“. Das Meta-Subunternehmen Insta­gram gilt dabei in Russ­land per Gesetz als „extre­mis­tisch“ und allein die Nutzung der App über VPN-Dienste kann schwer­wie­gende Folgen haben. Jaku­tien ist die russi­sche Bezeich­nung für Sacha, eine der kältesten Regionen in der Russi­schen Föde­ra­tion, ausserdem bekannt als eines der wich­tigsten Gold­ab­bau­ge­biete für das Land. Es sind nur einzelne, aber promi­nente Beispiele für eine ganze Reihe von Musiker*innen, die sich konse­quent in Sibi­rien verorten und den Namen Russ­land zu meiden scheinen.

OTYKEN, Quelle: Wikipedia

Die Veror­tung in Sibi­rien bei gleich­zei­tigem Verschweigen Russ­lands macht auch vor Genre­grenzen nicht halt. Die Black-Metal-Band Grima aus Kras­no­jarsk, einer Stadt, die bis ans Ende der Sowjet­union eine geschlos­sene Mili­tär­stadt gewesen ist, erreicht in ihrer gegen­kul­tu­rellen Nische sieben­stel­lige Strea­ming­zahlen auf Spotify und beschreibt sich auf Insta­gram als Black-Metal-Duo „from deep woods of Siberia“. Bereits Song­titel wie Sibe­rian Sorrow (2019) oder Enisey (2019) machen Sibi­rien zum roten Faden ihrer Kunst – ein Weg, der die Band 2025 zum öster­rei­chi­schen Major-Label Napalm Records und auf Euro­pa­tournee geführt hat. Auf demselben Label finden sich auch die deut­sche Band Lord of the Lost, die 2023 Deutsch­land beim Euro­vi­sion Song Contest vertreten hat, sowie die ukrai­ni­schen Bands 1914 und Jinjer, die sich beide aktiv für die Ukraine im Vertei­di­gungs­krieg gegen Russ­land engagieren.

Die Neue Sibi­ri­sche Ordnung

Omsker Punk­band Shumnye i Ugroz­hayush­chie Vykhodki (sinn­ge­mäss: Laut-Bedrohliche Krawalle). Foto: Venera Dzhumabaeva

Noch weiter geht die Omsker Punk­band Shumnye i Ugroz­hayush­chie Vykhodki (sinn­ge­mäss: Laut-Bedrohliche Krawalle). Sie posi­tio­niert sich nicht nur selbst konse­quent als sibi­risch, sondern hat mit der „Neuen Sibi­ri­schen Ordnung“ ein flexi­bles Netz­werk sibi­ri­scher Unter­grund­bands gegründet. Auf Spotify beschreibt sie ihre eigene Musik selbst­iro­nisch als „eine Mischung aus Tetris-Punk und Noise-Rap für betrun­kene Nach­bar­schaften“. Ihre Songs errei­chen bis zu zwei Millionen Strea­mings. Die „Neue Sibi­ri­sche Ordnung“ orga­ni­sierte im Sommer 2022 als Reak­tion auf die Voll­in­va­sion eine Unter­grund­tour durch ganz Russ­land und sammelte dabei Geld für die „Opfer der Russi­schen Welt“, wie die Band es selbst formu­liert. Eine Unter­grund­tour heisst, dass Konzerte nur vertrau­lich und kurz vor dem Statt­finden über Chats ange­kün­digt wurden. Bei kleinsten Sicher­heits­be­denken wurden Konzerte abge­sagt. (Der lite­ra­ri­sche Reise­be­richt dieser Tour erscheint Ende 2026-Anfang 2027 in deut­scher Über­set­zung von Aleksej Tikhonov bei Frabylon Book­s­tore & Press [in Frank­furt am Main). Das in Text verpackte Gonzo-Puzzle zeigt nicht nur die Selbst­ver­or­tung der betei­ligten Bands und Aktivist*innen in Sibi­rien als Gegen­ent­wurf zu Russ­land, sondern zeichnet auch das Verhältnis zwischen Moskau und Sibi­rien als das zwischen Zentrum und Kolonie: Die Kolonie ist dabei hin- und herge­rissen: zwischen dem Wett­be­werb der Repu­bliken und Regionen darum, wer für Moskau der wich­tigste Rohstoff­lie­fe­rant ist; zwischen der Hoff­nung auf finan­zi­elle Unter­stüt­zung aus der Haupt­stadt; zwischen der Resi­gna­tion gegen­über dem Schicksal des ewigen „Blut­spen­ders“ für den Staat; und dem Versuch, das Narrativ umzu­drehen und die Aufmerk­sam­keit von Moskau weg, hin zu Sibi­rien zu lenken, wie es die neue Punk­be­we­gung unter­nimmt. Dieses Narrativ oder zumin­dest die Bekannt­heit der neuen Kollek­tive aus Sibi­rien erreicht mitt­ler­weile sogar Übersee. Im Musik­video zu Let’s Have Some Fun (2026), einer Kolla­bo­ra­tion des Musi­kers Edward Skele­trix mit North West, der Tochter von Kanye West und Kim Karda­shian, ist bei Minute 1:48 zu sehen, was auf Spotify in ist: Shumnye i Ugroz­hayush­chie Vykhodki aus Omsk.

Wenn Rebel­lion kippt

Was wie der Keim einer sibi­ri­schen Oppo­si­tion oder gar Revolte klingen mag, sollte aller­dings nicht idea­li­siert werden. Zum einen, weil sich der Name ‚Sibi­rien‘ schlicht gut verkauft. Zum anderen, weil sich genau dieser Ansatz ins Gegen­teil verkehren kann, wie der Fall des burjatisch-russischen Rappers Husky zeigt, der seinen Künst­ler­namen von der sibi­ri­schen Hunde­rasse ablei­tete. Husky, bürger­lich Dmitri Kusnezow, wuchs in Ulan-Ude, der Haupt­stadt Burja­tiens, auf. 2011 veröf­fent­lichte zunächst er das Video, Sedmoje Oktja­brja (Der siebte Oktober – Putins Geburtstag), in dem er den körper­li­chen und mora­li­schen Verfall des russi­schen Präsi­denten beschwor, in unver­kenn­barer Anspie­lung auf Oscar Wildes Bildnis des Dorian Gray, und auf die Vergan­gen­heit Putins im krimi­nellen St. Peters­burg der Neun­ziger Jahre. Nach Konzert­ver­boten bestieg Husky Auto­dä­cher, um dort für seine wartenden Fans zu rappen, und wurde dafür verhaftet. Damit war er einer der ersten Rapper, die in Russ­land auf diese Weise ins Visier der Behörden gerieten und ganz konkrete Folgen für sich erlebten. Es folgten dann jedoch öffent­liche Belei­di­gungen gegen­über russi­schen Oppo­si­tio­nellen, Auftritte in von Russ­land besetzten ukrai­ni­schen Gebieten, unter anderem an der Seite des später getö­teten Sepa­ra­tis­ten­kom­man­deurs mit dem Gefechts­namen „Moto­rola“, und nach 2022 ein neuer, steiler Aufschwung seiner Karriere. Zuletzt bestä­tigte er seinen Kurs noch einmal im Video zum Song Molodoj Russkij (Der junge Russe, 2024), das sich der Ästhetik der erfolg­rei­chen Gauner-Serie Slowo Pazana. Krow‘ na asfalte (Das Ehren­wort des Jungen. Blut auf dem Asphalt, 2023) bedient, die das krimi­nelle Treiben auf den Strassen der Perestroika-Jahre und der Zeit danach zeigt. Text­lich zeichnet Husky darin das Bild junger Russen aus der Provinz, die von dieser Zeit geprägt sind und nie um Gnade bitten – eine Botschaft, die sich lesen lässt als: Damit die Neun­ziger Jahre nicht zurück­kehren, geben wir auch unser Leben her. Es bleibt aber auch die offene Frage in dem Lied und im Video, ob diese Zeiten der Insta­bi­lität je wirk­lich vorbei waren. Vor allem in Sibirien.

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Sibi­risch, nicht russisch

Am Ende bleibt ein Bild, das sich nicht auflösen lässt: 2026 erklingt in Venedig Kehl­kopf­ge­sang aus Tywa, aus eben jener Region, aus der Russ­land propor­tional über­durch­schnitt­lich viele Soldaten für seinen Krieg gegen die Ukraine einzieht. Zwischen diesen beiden Tatsa­chen bewegt sich die sibi­ri­sche Musik­szene der Gegen­wart. Was sich dabei beob­achten lässt, ist ein Muster, kein Einzel­fall: Musiker*innen aus Sibi­rien lassen ihre Zuge­hö­rig­keit zu Russ­land zuneh­mend weg und rücken statt­dessen Sibi­rien in den Vorder­grund und das umso konse­quenter, je inter­na­tio­naler ihr Publikum wird. Auf Spotify, auf Insta­gram, auf euro­päi­schen Bühnen ist ‚Sibi­rien‘ die Selbst­ver­or­tung, ‚Russ­land‘ das Wort, das fehlt. Dieses Muster funk­tio­niert über Genre­grenzen hinweg: im Folk von Huun-Huur-Tu, Yat-Kha und Otyken, im Punk und Rap der Neuen Sibi­ri­schen Ordnung, im Metal von Grima.

Im Folk gelingt die Distanz zu Russ­land dabei nicht nur durch die expli­zite Nennung Sibi­riens, sondern auch sprach­lich: In ihren Liedern kommt Russisch selten oder gar nicht vor, gesungen wird in den jewei­ligen indi­genen Spra­chen, selbst dort, wo, wie bei Yat-Kha, das Russi­sche später zumin­dest teil­weise Eingang findet, bleibt die Veror­tung explizit sibi­risch. Juris­tisch ändert all das nichts: Die Zuge­hö­rig­keit zu Russ­land bleibt bestehen, mit allem, was das bedeutet, vom Pass bis zur poten­zi­ellen Einbe­ru­fung. Wohin die zuneh­mende Ausklam­me­rung Russ­lands in den öffent­li­chen, on- wie offline-Auftritten dieser Musiker*innen am Ende führt, bleibt abzu­warten. Dass eine solche Distan­zie­rung nicht zwangs­läufig linear verläuft, zeigt gerade der Fall Husky, dessen Karriere seit 2022 durch die entge­gen­ge­setzte Bewe­gung wieder auflebt: eine betont russi­sche Selbst­in­sze­nie­rung. Fest steht dennoch: Immer mehr Musiker*innen aus Sibi­rien sehen sich nicht als Musiker*innen aus Russ­land. Und das sehr bewusst.