Wohl kaum ein Begriff wird so stark instrumentalisiert und vermag es, eine Fülle an so unterschiedlichen wie starken Emotionen zu evozieren, wie das Reizwort „woke“. Die einen verwenden den Begriff in bewusst abwertender Weise, andere stärker deskriptiv – doch was mit ihm eigentlich genau beschrieben ist, ist den wenigsten klar. Grund, sich seiner Begriffsgeschichte zu widmen und zu fragen: Ist „woke“ eigentlich noch zu retten?

  • Marion Näser-Lather

    Marion Näser-Lather ist assoziierte Professorin am Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie der Universität Innsbruck. Ihre Forschungsinteressen umfassen Gender Studies, Protestforschung, Digitalisierung sowie methodische und ethische Aspekte des Forschens in sensiblen Feldern. Zu ihren Veröffentlichungen zählen „Position beziehen, Haltung zeigen!? Bedingung und Problem kulturwissenschaftlicher Forschung“ (gemeinsam mit Timo Heimerdinger, 2024) und „Backlash?! Antifeminismus in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft“ (gemeinsam mit Anna Lena Oldemeier and Dorothee Beck, 2019).

Wohl kaum ein Begriff hat einen solch ausge­prägten Bedeu­tungs­wandel durch­ge­macht, wird in einem derar­tigen Maße instru­men­ta­li­siert und vermag es, eine Fülle an so unter­schied­li­chen wie starken Emotionen zu evozieren, wie das zum Reiz­wort gewor­dene Adjektiv „woke“ und seine Substan­ti­vie­rungen „Woke­ness“ und „Wokismus“. Die einen verwenden den Begriff in bewusst abwer­tender Weise, andere stärker deskriptiv – doch was mit ihm eigent­lich genau beschrieben ist, ist den wenigsten klar. Grund, sich seiner Begriffs­ge­schichte zu widmen und der Frage nach­zu­gehen, ob „woke“ eigent­lich noch zu retten ist.

Genea­logie und Bedeutungswandel

Mit einem „war on woke“ recht­fer­tigten der US-amerikanische Präsi­dent Donald Trump und sein dama­liger Berater Elon Musk den Kahl­schlag poli­ti­scher Insti­tu­tionen und die Abschaf­fung sozialer Unter­stüt­zungs­leis­tungen. Auch huma­ni­täre Hilfe und Maßnahmen gegen Diskri­mi­nie­rung sowie für Inklu­sion sind derzeit weiter unter Beschuss. Doch was bedeutet der Begriff, den die Repu­bli­kaner im US-amerikanischen Wahl­kampf als diffuse Chiffre für eine progres­sive Welt­an­schauung und als Synonym für „liberal“ verwendet haben?

„Woke“, im African-American English abge­leitet von „woken“ – erwacht, entstand Ende der 1930er Jahre in den USA als Ausdruck für Wach­sam­keit gegen­über rassis­ti­scher Diskri­mi­nie­rung und Unter­drü­ckung und wurde unter anderem vom afro­ame­ri­ka­ni­schen Folk-Sänger und Song­writer Lead Belly sowie vom afro­ame­ri­ka­ni­schen Schrift­steller William Melvin Kelley geprägt. Größere Bedeu­tung erlangte woke ab 2014 durch die Black Lives Matter-Bewegung (BLM), die rassis­ti­sche (Polizei-)Gewalt gegen Schwarze Bürger:innen in den USA anpran­gerte, unter anderem mit dem Hashtag #Stay­woke. Woke wurde in der Folge­zeit auch von Weißen als Signal der Unter­stüt­zung für die BLM-Bewegung verwendet.

Ähnlich wie bei anderen kriti­schen Sozi­al­be­we­gungen und Subkul­turen, die sich gegen das hege­mo­niale System wenden, etwa Femi­nismus oder Punk, wurde woke bzw. die damit asso­zi­ierten poli­ti­schen Haltungen zudem sukzes­sive in kapi­ta­lis­ti­sche Logiken inkor­po­riert. So verwen­deten beispiels­weise Konzerne das Konzept als Teil ihres Marke­tings, um damit ein junges, progres­sives Publikum zu errei­chen (woke-washing).

Der Begriff wech­selte im Laufe der Zeit die Diskurs­ge­mein­schaft und wurde zuneh­mend zu einer pejo­ra­tiven Fremd­zu­schrei­bung und zum Kampf­be­griff vor allem des konser­va­tiven bis rechten Spek­trums. Dies lässt sich für mehrere Länder nach­zeichnen wie zum Beispiel für die USA, Groß­bri­tan­nien, Frank­reich, Ungarn, die Schweiz und Deutsch­land. In der zweiten Hälfte der 2010er Jahre begann beispiels­weise die briti­sche rechte Presse, woke abwer­tend zu verwenden, um progres­sive Politik und Persön­lich­keiten des öffent­li­chen Lebens zu diskre­di­tieren. Der Begriff ging allmäh­lich in den Sprach­ge­brauch des Main­streams ein und wurde nun mit Iinken Posi­tionen, Iden­ti­täts­po­litik und Cancel Culture verknüpft. Zwei konträre Haupt­dis­kurs­stränge lassen sich dabei iden­ti­fi­zieren: Bedro­hung durch Woke­ness und gleich­zeitig Abwer­tung der Woken als deviant und schwach.

Woke­ness als Bedrohung

Konser­va­tive und rechte Argu­men­ta­tionen rahmen woke als Gefähr­dung von Kultur, Gesell­schaft und Frei­heit. Dies illus­triert die zuneh­mend verwen­dete Substan­ti­vie­rung ‚Wokeismus‘, häufig asso­zi­iert mit negativ besetzten Ideo­lo­gien wie Stali­nismus, Maoismus und Tota­li­ta­rismus. Das Narrativ von ‚Wokeismus‘ als Bedro­hung wird gestützt durch Verschwö­rungs­er­zäh­lungen und -motive wie den vermeint­li­chen Kampf von Gut gegen Böse, von Vernunft und der „west­li­chen Zivi­li­sa­tion“ gegen die Vormo­derne, gegen eine „globa­lis­ti­sche Elite“ und gegen den „Kultur­mar­xismus“. Ursprüng­lich bezieht sich dieser Begriff in dele­gi­ti­mie­render Weise auf die Kriti­sche Theorie der Frank­furter Schule, also auf Denker wie Max Hork­heimer, Theodor Adorno oder Herbert Marcuse, die versuchten, den Aufstieg des Faschismus in Europa und die tief­grei­fenden Folgen des Kapi­ta­lismus umfas­send zu verstehen. Die Rede vom „Kultur­mar­xismus“ unter­stellt, marxis­ti­sche Intel­lek­tu­elle hätten in den 1930er Jahren bewusst einen „Kultur­kampf“ begonnen, um durch die Verän­de­rung kultu­reller Normen (z. B. in Schulen und den öffent­li­chen Medien) die Gesell­schaft in ihrem Sinne zu verän­dern. Manche Vari­anten dieser Theorie enthalten nicht über­ra­schend anti­se­mi­ti­sche Unter­töne, da hier eine angeb­liche „jüdisch-marxistische Welt­ver­schwö­rung“ konstru­iert wird.

Die damit verbun­denen Zuschrei­bungen und Narra­tive zum ‚Wokeismus‘ ähneln Diskursen um Begriffe wie Poli­tical Correct­ness und Multi­kul­tu­ra­lismus im Rahmen einer Kampagne gegen Bewe­gungen für soziale Gerech­tig­keit – sowie gegen linke und grüne Politik bzw. Ansichten und deren vermeint­liche Hege­monie. Über­schnei­dungen mit dem rechten Anti-Migrationsdiskurs ergeben sich etwa, wenn die Frank­furter Ethno­login Susanne Schröter in ihrem Buch Der neue Kultur­kampf. Wie eine woke Linke Wissen­schaft, Kultur und Gesell­schaft bedroht (2024) Forde­rungen von Migra­ti­ons­for­scher:innen und -politiker:innen, dass sich die deut­sche Gesell­schaft mit ihren Insti­tu­tionen und poli­ti­schen Kulturen der Realität der Migra­ti­ons­ge­sell­schaft stärker stellen sollte und der Inte­gra­ti­ons­pro­zess ein gegen­sei­tiger sei, als Tendenz zur „Nega­tion“ einer „eigen­stän­digen deut­schen Kultur“ begreift. Vertreter:innen einer „migran­ti­schen Gegen­kultur“, zu denen sie renom­mierte Migrationsforscher:innen wie Naika Foroutan, die ehema­lige Inte­gra­ti­ons­be­auf­tragte der Bundes­re­gie­rung Aydan Özoguz, aber auch Journalist:innen und Autor:innen zählt, unter­stellt Schröter, „das rechts­iden­ti­täre Narrativ einer angeb­li­chen Umvol­kung“ aufzu­greifen, „die das Bild einer von langer Hand geplanten Erset­zung der einhei­mi­schen Bevöl­ke­rung an die Wand malt. Wenn dies tatsäch­lich eine linke Utopie sein sollte, wäre es eine Bank­rott­erklä­rung der plura­lis­ti­schen Gesell­schaft“, so Schröter. „Umvol­kung“ ist ein Kampf­be­griff der völki­schen Rechten: Die anti­se­mi­tisch grun­dierte Verschwö­rungs­er­zäh­lung von einer plan­mä­ßigen Erset­zung der einhei­mi­schen Bevöl­ke­rung. Schröter richtet ihn nicht gegen die Rechte, von der er stammt, sondern wendet ihn gegen jene, die – wohl­ge­merkt aus ganz unter­schied­li­chen Perspek­tiven und poli­ti­schen Spek­tren – gegen fort­be­stehende Domi­nanz­struk­turen der Mehr­heits­ge­sell­schaft argumentieren.* 

Diese Unter­stel­lungen folgen dem Muster einer Täter-Opfer-Umkehr, wie sie häufig von rechts­po­pu­lis­ti­scher Seite verwendet wird: Denje­nigen, die gegen gesell­schaft­liche Domi­nanz­ver­hält­nisse und Unter­drü­ckung kämpfen, werden genau diese vorge­worfen. Dementspre­chend wird z. B. auch Insti­tu­tionen, die als woke bezeich­neten Poli­tiken der Anti­dis­kri­mi­nie­rung folgen, vorge­worfen, selbst Diskri­mi­nie­rungen zu erzeugen, unter anderem Rassismus gegen Weiße – eine Stra­tegie, die Sylvia Sasse als „Verkeh­rungen ins Gegen­teil“ bezeichnet hat. Dieser Stra­tegie können auch die Imagi­na­tionen angeb­li­cher konkreter Folgen von Woke­ness zuge­ordnet werden. Für ‚woke‘-Gegner:innen bestehen diese Folgen in linker Cancel Culture, Denun­zie­rungen und der Indok­tri­na­tion in Schulen. Ähnlich wie im Fall der Vorwürfe gegen die Gender Studies wird Woke­ness hier mit dem Kinder­schutz­dis­kurs verknüpft. Die Argu­men­ta­tion rahmt die mit Woke­ness asso­zi­ierte Iden­ti­täts­po­litik daneben als gesell­schafts­spal­tend und als Bedro­hung für die Demo­kratie und die univer­sellen Menschen­rechte, da sie gegen die Idee des Univer­sa­lismus, der Gleich­heit und Gleich­be­rech­ti­gung aller Menschen trotz ihrer Unter­schiede, die Konstruk­tion von Grup­pen­un­ter­schieden und -iden­ti­täten betone.

Über die Gleich­set­zung von Woke mit der Critical Race Theory, die als Einschrän­kung offener Debatten an den Univer­si­täten figu­riert wird, schränke woke zudem die Wissen­schafts­frei­heit ein. ‚Woke­ness‘ wird in diesem Kontext mit Wissen­schafts­feind­lich­keit in Verbin­dung gebracht und in einen Gegen­satz zu (natur-)wissenschaftlichen Prin­zi­pien und Stan­dards gesetzt. Häufig erfolgt in diesem Zusam­men­hang der Vorwurf, woke Wissen­schaft ersetze einen vermeint­lich exis­tie­renden objek­tiven Stand­punkt durch einen moralischen.

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Im Zusam­men­hang mit der Oppo­si­tion zu Wissen­schaft rücken u.a. ‚woke-kritische‘ Wissenschaftler:innen wie beispiels­weise Michael Shel­len­berger und Peter Boghos­sian Woke­ness zudem in die Nähe von Reli­gion und damit Irra­tio­na­lität. Eine argu­men­ta­tive Antriebs­feder und zentrales Motiv ist Trans­feind­lich­keit. In dieser Lesart entwi­ckeln beide erwähnten Autoren die Kritik an soge­nannten „Grie­vance Studies“, ein pole­mi­scher, abwer­tend gemeinter Ausdruck, der sich auf bestimmte akade­mi­sche Diszi­plinen bezieht, die sich mit Macht­ver­hält­nissen, Iden­tität, Diskri­mi­nie­rung und sozialer Gerech­tig­keit befassen – etwa Gender Studies, Queer Studies, Critical Race Theory oder Post­co­lo­nial Studies.

Woke als deviant und schwach

Konser­va­tive Argu­mente gegen woke Einstel­lungen verknüpfen das Konzept fälsch­li­cher­weise häufig mit Schwäche und Devianz. Die Psycho­login Esther Bockwyt rückt in ihrem Buch „Woke. Psycho­logie eines Kultur­kampfs“ (2024) Woke-sein in die Nähe des Patho­lo­gi­schen, wenn sie eine „woke Psyche“ beschreibt, die von Narzissmus, Aggres­sion, Hyper­sen­si­bi­lität, zwang­haftem Verhalten und dem Wunsch nach abge­schlos­senen Systemen geprägt sei.

Eine Analyse der Verwen­dung des Wortes woke in deut­schen Twitter-Nachrichten und Zeitungs­ar­ti­keln einiger Sprachwissenschaftler:innen zeigt viel­fäl­tige beschä­mende Bezeich­nungen, die woke Menschen abwerten, indem diesen pejo­ra­tive Eigen­schaften zuge­schrieben werden, die das Stigma des Unna­tür­li­chen und Dege­ne­rierten evozieren. So zum Beispiel  „Iced-woke schüttel-Haferlatte-maxiprice-minicontent-idiot-served“. Häufig finden auch anti­fe­mi­nis­ti­sche sowie queer­feind­liche Elemente Verwen­dung, etwa in den Wort­schöp­fungen „Genderismus-Queer-Woke Korrektheits-Sexismus-Rassismus-Trigger-Unfug“, „Links-öko-woke-LGBTQ-Uniklapsmühle“ oder „Trans-Spätabtreibungs Woke-Satanistenscheiße“.

Das seman­ti­sche Feld der Pejo­ri­sie­rung von Woke­ness über­schneidet sich mit der Abwer­tung von Weib­lich­keit und Schwäche. Dies zeigt sich etwa im Ausdruck „Gutmensch woke-linksgrün-versiffter-Greta-Drosten-Jünger“ und der Bezeich­nung „snoflake“ für Menschen, die sensibel gegen­über Diskri­mi­nie­rungen sind.

Woke­ness verbinden also rechte und konser­va­tive Diskurs­ge­mein­schaft wieder­holt mit Devianz. Woke Menschen stören in der Vorstel­lung dieser Akteur:innen tradi­tio­nelle Geschlech­ter­vor­stel­lungen. Die mit dem Konzept des woke-Seins, mit einer erhöhten Sensi­bi­lität gegen­über Diskri­mi­nie­rungen verbun­dene Ethik der Fürsorge, das Bemühen um Acht­sam­keit und Rück­sicht­nahme, darum, andere nicht zu verletzen, wird verachtet und mit als weib­lich figu­rierter Schwäche assoziiert.

Nicht über­ra­schend exis­tieren Über­schnei­dungen mit toxi­scher Männ­lich­keit und Männer­rechts­be­we­gungen, die Femi­nis­tinnen sowie deren Verbün­dete, die sich um eine geschlechter- und diskri­mi­nie­rungs­sen­sible Sprache bemühen, als „Feminat oder Femo­kratie“ beschimpfen und ihnen eine über­spannte Empfind­sam­keit zuschreiben, die sie als Schwäche deuten.

Diskurs­um­feld und Einordnung

Hier tun sich Paral­lelen auf nicht nur zu angeb­li­cher Gefähr­dung und Einschrän­kung von Frei­heit durch ‚Gender-Ideologie‘, sondern zu Diskursen während der Covid-19-Pandemie, als die Inten­tion, beson­ders vulnerable Menschen durch Lock­downs und Impfungen zu schützen, als Gefähr­dung von Frei­heits­rechten verstanden wurde. Dies ging einher mit einer Abwer­tung von Rück­sicht­nahme und einem Herun­ter­spielen der Gefahr, die vom Virus ausgeht. Dagegen wurde das Echte, Natür­liche, Männ­liche, Starke gesetzt, aus dem Wider­stands­kraft gegen Krank­heiten erwächst. 

Hinter den beiden scheinbar wider­sprüch­li­chen Diskurs­strängen der Zuschrei­bung von Woke­ness als Bedro­hung vs. Schwäche tritt somit ein zugrun­de­lie­gender Konflikt hervor. Dabei ist die eine Diskurs­po­si­tion gekenn­zeichnet als männ­lich konno­tiertes rück­sichts­loses indi­vi­dua­lis­ti­sches Denken, das vom starken, auto­nomen Subjekt ausgeht, und auf seiner Frei­heit beharrt, auch auf Kosten anderer. Die andere Diskurs­po­si­tion markiert ein weib­lich konno­tiertes, die eigene Verletz­lich­keit und Verwie­sen­heit auf Andere aner­ken­nendes Denken, das eher bereit ist, auf indi­vi­du­elle Frei­heit zu verzichten, wenn dadurch andere Personen geschützt werden.

Woke weist somit starke Über­schnei­dungen mit dem Reiz­wort „Gender“ und den Kampa­gnen gegen die Gender Studies auf. Die Abwer­tung beider Konzepte kann als Teil eines konser­va­tiven Back­lashs inter­pre­tiert werden, wie er beispiel­haft im Project 2025 der US-amerikanischen Trump-Administration umge­setzt wird. Dieser Back­lash geht von einer vermeint­li­chen Hege­monie linker Poli­tiken aus und wendet sich sowohl gegen femi­nis­ti­sche Errun­gen­schaften und die Entnor­mie­rung der Geschlecht­er­ord­nung als auch gegen Iden­ti­täts­po­litik und die damit verbun­dene Infra­ge­stel­lung von Privi­le­gien.

Woke als leerer Signi­fi­kant – und verbrannter Begriff?

Die gegen woke in Stel­lung gebrachten Rheto­riken ähneln nicht zufällig dem ‚Anti-Gender‘-Diskurs. Hier wie dort drängt sich das Bild vom leeren Signi­fi­kanten auf – einem Begriff, der keine konkrete Bedeu­tung mehr aufweist, sondern für diskur­sive Posi­tionen steht. Der Begriff woke weist, wie Huw Davies und Sheena MacRae bemerken, eine hohe Inter­pre­ta­ti­ons­fle­xi­bi­lität auf, die es Anti-Woke-Aktivist:innen ermög­licht, ihn auf eine belie­bige Gruppe oder Praxis anzu­wenden, die sie diskre­di­tieren wollen. Dadurch gelingt die Verknüp­fung mit vagen Vorstel­lungen von ‚Links-Sein‘ als Ideo­logie und Lebensstil.

Vor dem Hinter­grund seiner viel­fäl­tigen pejo­ra­tiven Umdeu­tungen scheint woke somit ein verbrannter Begriff zu sein. Das Konzept der Woke­ness wird nicht nur von konser­va­tiven bis rechten Akteur:innen als flexibel einsetz­bares Feind­bild verwendet, sondern stößt auch in anderen Öffent­lich­keiten auf Kritik. So wurde die Aneig­nung von Woke durch Weiße als Signal der Unter­stüt­zung für die BLM-Bewegung gesehen. Dies wurde inner­halb Schwarzer Commu­nitys jedoch unter den Gesichts­punkten der Aneig­nung und der mangelnden Refle­xion von Privi­le­gien durchaus als ambi­va­lent betrachtet. Zudem kriti­sierten Teile der Linken essen­tia­li­sie­rende Tendenzen iden­ti­täts­po­li­ti­scher Argu­men­ta­tionen. Züge der Iden­ti­täts­po­litik werden nicht nur von Akteur:innen konser­va­tiver bis rechter Öffent­lich­keiten, sondern auch von Teilen der Linken ange­pran­gert. Viel­leicht wäre dennoch eine posi­tive Wieder­an­eig­nung ange­bracht, im Sinne eines Bewusst­seins für Bedürf­nisse, Verletz­lich­keiten, Abhän­gig­keiten, für unser Eingebettet-Sein in mehr-als-menschliche Zusam­men­hänge, ange­sichts der momen­tanen Tendenzen zu (neoli­be­raler) Entso­li­da­ri­sie­rung, der Zunahme von Phäno­menen grup­pen­be­zo­gener Menschen­feind­lich­keit, Ausbeu­tung und dem (Wieder-)Erstarken impe­ria­lis­ti­scher Logiken. Ein Beispiel für ein erfolg­rei­ches reclai­ming von Woke­ness stellt der Umgang des Zürcher Schau­spiel­hauses mit dem Begriff dar. Das Theater wurde von der NZZ in pejo­ra­tiver Absicht als „House of Woke­ness“ beti­telt. Die Inten­danz, deren Vertrag nicht verlän­gert wurde, machte sich diese Fremd­be­zeich­nung jedoch in einer posi­tiven Umdeu­tung zu eigen und feierte ihren Abgang im Juni 2024 mit einer „House of Wokeness“-Party.

* Anmer­kung der Redak­tion, Juni 2026: Susanne Schröter hat eine frühere Fassung dieser Passage als Falsch­dar­stel­lung bean­standet und deren Löschung verlangt. Die Autorin hat die Darstel­lung daraufhin über­ar­beitet. An ihrer kriti­schen Einord­nung hält die Autorin fest. Die Redak­tion hält diese Einord­nung für berech­tigt und die Ausein­an­der­set­zung mit der Polemik gegen „Wokeismus“ – gerade dort, wo sie als Stra­tegie rechter Deutungs­kämpfe auftritt – für notwendig.