Wohl kaum ein Begriff hat einen solch ausgeprägten Bedeutungswandel durchgemacht, wird in einem derartigen Maße instrumentalisiert und vermag es, eine Fülle an so unterschiedlichen wie starken Emotionen zu evozieren, wie das zum Reizwort gewordene Adjektiv „woke“ und seine Substantivierungen „Wokeness“ und „Wokismus“. Die einen verwenden den Begriff in bewusst abwertender Weise, andere stärker deskriptiv – doch was mit ihm eigentlich genau beschrieben ist, ist den wenigsten klar. Grund, sich seiner Begriffsgeschichte zu widmen und der Frage nachzugehen, ob „woke“ eigentlich noch zu retten ist.
Genealogie und Bedeutungswandel
Mit einem „war on woke“ rechtfertigten der US-amerikanische Präsident Donald Trump und sein damaliger Berater Elon Musk den Kahlschlag politischer Institutionen und die Abschaffung sozialer Unterstützungsleistungen. Auch humanitäre Hilfe und Maßnahmen gegen Diskriminierung sowie für Inklusion sind derzeit weiter unter Beschuss. Doch was bedeutet der Begriff, den die Republikaner im US-amerikanischen Wahlkampf als diffuse Chiffre für eine progressive Weltanschauung und als Synonym für „liberal“ verwendet haben?
„Woke“, im African-American English abgeleitet von „woken“ – erwacht, entstand Ende der 1930er Jahre in den USA als Ausdruck für Wachsamkeit gegenüber rassistischer Diskriminierung und Unterdrückung und wurde unter anderem vom afroamerikanischen Folk-Sänger und Songwriter Lead Belly sowie vom afroamerikanischen Schriftsteller William Melvin Kelley geprägt. Größere Bedeutung erlangte woke ab 2014 durch die Black Lives Matter-Bewegung (BLM), die rassistische (Polizei-)Gewalt gegen Schwarze Bürger:innen in den USA anprangerte, unter anderem mit dem Hashtag #Staywoke. Woke wurde in der Folgezeit auch von Weißen als Signal der Unterstützung für die BLM-Bewegung verwendet.
Ähnlich wie bei anderen kritischen Sozialbewegungen und Subkulturen, die sich gegen das hegemoniale System wenden, etwa Feminismus oder Punk, wurde woke bzw. die damit assoziierten politischen Haltungen zudem sukzessive in kapitalistische Logiken inkorporiert. So verwendeten beispielsweise Konzerne das Konzept als Teil ihres Marketings, um damit ein junges, progressives Publikum zu erreichen (woke-washing).
Der Begriff wechselte im Laufe der Zeit die Diskursgemeinschaft und wurde zunehmend zu einer pejorativen Fremdzuschreibung und zum Kampfbegriff vor allem des konservativen bis rechten Spektrums. Dies lässt sich für mehrere Länder nachzeichnen wie zum Beispiel für die USA, Großbritannien, Frankreich, Ungarn, die Schweiz und Deutschland. In der zweiten Hälfte der 2010er Jahre begann beispielsweise die britische rechte Presse, woke abwertend zu verwenden, um progressive Politik und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zu diskreditieren. Der Begriff ging allmählich in den Sprachgebrauch des Mainstreams ein und wurde nun mit Iinken Positionen, Identitätspolitik und Cancel Culture verknüpft. Zwei konträre Hauptdiskursstränge lassen sich dabei identifizieren: Bedrohung durch Wokeness und gleichzeitig Abwertung der Woken als deviant und schwach.
Wokeness als Bedrohung
Konservative und rechte Argumentationen rahmen woke als Gefährdung von Kultur, Gesellschaft und Freiheit. Dies illustriert die zunehmend verwendete Substantivierung ‚Wokeismus‘, häufig assoziiert mit negativ besetzten Ideologien wie Stalinismus, Maoismus und Totalitarismus. Das Narrativ von ‚Wokeismus‘ als Bedrohung wird gestützt durch Verschwörungserzählungen und -motive wie den vermeintlichen Kampf von Gut gegen Böse, von Vernunft und der „westlichen Zivilisation“ gegen die Vormoderne, gegen eine „globalistische Elite“ und gegen den „Kulturmarxismus“. Ursprünglich bezieht sich dieser Begriff in delegitimierender Weise auf die Kritische Theorie der Frankfurter Schule, also auf Denker wie Max Horkheimer, Theodor Adorno oder Herbert Marcuse, die versuchten, den Aufstieg des Faschismus in Europa und die tiefgreifenden Folgen des Kapitalismus umfassend zu verstehen. Die Rede vom „Kulturmarxismus“ unterstellt, marxistische Intellektuelle hätten in den 1930er Jahren bewusst einen „Kulturkampf“ begonnen, um durch die Veränderung kultureller Normen (z. B. in Schulen und den öffentlichen Medien) die Gesellschaft in ihrem Sinne zu verändern. Manche Varianten dieser Theorie enthalten nicht überraschend antisemitische Untertöne, da hier eine angebliche „jüdisch-marxistische Weltverschwörung“ konstruiert wird.
Die damit verbundenen Zuschreibungen und Narrative zum ‚Wokeismus‘ ähneln Diskursen um Begriffe wie Political Correctness und Multikulturalismus im Rahmen einer Kampagne gegen Bewegungen für soziale Gerechtigkeit – sowie gegen linke und grüne Politik bzw. Ansichten und deren vermeintliche Hegemonie. Überschneidungen mit dem rechten Anti-Migrationsdiskurs ergeben sich etwa, wenn die Frankfurter Ethnologin Susanne Schröter in ihrem Buch Der neue Kulturkampf. Wie eine woke Linke Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft bedroht (2024) Forderungen von Migrationsforscher:innen und -politiker:innen, dass sich die deutsche Gesellschaft mit ihren Institutionen und politischen Kulturen der Realität der Migrationsgesellschaft stärker stellen sollte und der Integrationsprozess ein gegenseitiger sei, als Tendenz zur „Negation“ einer „eigenständigen deutschen Kultur“ begreift. Vertreter:innen einer „migrantischen Gegenkultur“, zu denen sie renommierte Migrationsforscher:innen wie Naika Foroutan, die ehemalige Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Aydan Özoguz, aber auch Journalist:innen und Autor:innen zählt, unterstellt Schröter, „das rechtsidentitäre Narrativ einer angeblichen Umvolkung“ aufzugreifen, „die das Bild einer von langer Hand geplanten Ersetzung der einheimischen Bevölkerung an die Wand malt. Wenn dies tatsächlich eine linke Utopie sein sollte, wäre es eine Bankrotterklärung der pluralistischen Gesellschaft“, so Schröter. „Umvolkung“ ist ein Kampfbegriff der völkischen Rechten: Die antisemitisch grundierte Verschwörungserzählung von einer planmäßigen Ersetzung der einheimischen Bevölkerung. Schröter richtet ihn nicht gegen die Rechte, von der er stammt, sondern wendet ihn gegen jene, die – wohlgemerkt aus ganz unterschiedlichen Perspektiven und politischen Spektren – gegen fortbestehende Dominanzstrukturen der Mehrheitsgesellschaft argumentieren.*
Diese Unterstellungen folgen dem Muster einer Täter-Opfer-Umkehr, wie sie häufig von rechtspopulistischer Seite verwendet wird: Denjenigen, die gegen gesellschaftliche Dominanzverhältnisse und Unterdrückung kämpfen, werden genau diese vorgeworfen. Dementsprechend wird z. B. auch Institutionen, die als woke bezeichneten Politiken der Antidiskriminierung folgen, vorgeworfen, selbst Diskriminierungen zu erzeugen, unter anderem Rassismus gegen Weiße – eine Strategie, die Sylvia Sasse als „Verkehrungen ins Gegenteil“ bezeichnet hat. Dieser Strategie können auch die Imaginationen angeblicher konkreter Folgen von Wokeness zugeordnet werden. Für ‚woke‘-Gegner:innen bestehen diese Folgen in linker Cancel Culture, Denunzierungen und der Indoktrination in Schulen. Ähnlich wie im Fall der Vorwürfe gegen die Gender Studies wird Wokeness hier mit dem Kinderschutzdiskurs verknüpft. Die Argumentation rahmt die mit Wokeness assoziierte Identitätspolitik daneben als gesellschaftsspaltend und als Bedrohung für die Demokratie und die universellen Menschenrechte, da sie gegen die Idee des Universalismus, der Gleichheit und Gleichberechtigung aller Menschen trotz ihrer Unterschiede, die Konstruktion von Gruppenunterschieden und -identitäten betone.
Über die Gleichsetzung von Woke mit der Critical Race Theory, die als Einschränkung offener Debatten an den Universitäten figuriert wird, schränke woke zudem die Wissenschaftsfreiheit ein. ‚Wokeness‘ wird in diesem Kontext mit Wissenschaftsfeindlichkeit in Verbindung gebracht und in einen Gegensatz zu (natur-)wissenschaftlichen Prinzipien und Standards gesetzt. Häufig erfolgt in diesem Zusammenhang der Vorwurf, woke Wissenschaft ersetze einen vermeintlich existierenden objektiven Standpunkt durch einen moralischen.
Im Zusammenhang mit der Opposition zu Wissenschaft rücken u.a. ‚woke-kritische‘ Wissenschaftler:innen wie beispielsweise Michael Shellenberger und Peter Boghossian Wokeness zudem in die Nähe von Religion und damit Irrationalität. Eine argumentative Antriebsfeder und zentrales Motiv ist Transfeindlichkeit. In dieser Lesart entwickeln beide erwähnten Autoren die Kritik an sogenannten „Grievance Studies“, ein polemischer, abwertend gemeinter Ausdruck, der sich auf bestimmte akademische Disziplinen bezieht, die sich mit Machtverhältnissen, Identität, Diskriminierung und sozialer Gerechtigkeit befassen – etwa Gender Studies, Queer Studies, Critical Race Theory oder Postcolonial Studies.
Woke als deviant und schwach
Konservative Argumente gegen woke Einstellungen verknüpfen das Konzept fälschlicherweise häufig mit Schwäche und Devianz. Die Psychologin Esther Bockwyt rückt in ihrem Buch „Woke. Psychologie eines Kulturkampfs“ (2024) Woke-sein in die Nähe des Pathologischen, wenn sie eine „woke Psyche“ beschreibt, die von Narzissmus, Aggression, Hypersensibilität, zwanghaftem Verhalten und dem Wunsch nach abgeschlossenen Systemen geprägt sei.
Eine Analyse der Verwendung des Wortes woke in deutschen Twitter-Nachrichten und Zeitungsartikeln einiger Sprachwissenschaftler:innen zeigt vielfältige beschämende Bezeichnungen, die woke Menschen abwerten, indem diesen pejorative Eigenschaften zugeschrieben werden, die das Stigma des Unnatürlichen und Degenerierten evozieren. So zum Beispiel „Iced-woke schüttel-Haferlatte-maxiprice-minicontent-idiot-served“. Häufig finden auch antifeministische sowie queerfeindliche Elemente Verwendung, etwa in den Wortschöpfungen „Genderismus-Queer-Woke Korrektheits-Sexismus-Rassismus-Trigger-Unfug“, „Links-öko-woke-LGBTQ-Uniklapsmühle“ oder „Trans-Spätabtreibungs Woke-Satanistenscheiße“.
Das semantische Feld der Pejorisierung von Wokeness überschneidet sich mit der Abwertung von Weiblichkeit und Schwäche. Dies zeigt sich etwa im Ausdruck „Gutmensch woke-linksgrün-versiffter-Greta-Drosten-Jünger“ und der Bezeichnung „snoflake“ für Menschen, die sensibel gegenüber Diskriminierungen sind.
Wokeness verbinden also rechte und konservative Diskursgemeinschaft wiederholt mit Devianz. Woke Menschen stören in der Vorstellung dieser Akteur:innen traditionelle Geschlechtervorstellungen. Die mit dem Konzept des woke-Seins, mit einer erhöhten Sensibilität gegenüber Diskriminierungen verbundene Ethik der Fürsorge, das Bemühen um Achtsamkeit und Rücksichtnahme, darum, andere nicht zu verletzen, wird verachtet und mit als weiblich figurierter Schwäche assoziiert.
Nicht überraschend existieren Überschneidungen mit toxischer Männlichkeit und Männerrechtsbewegungen, die Feministinnen sowie deren Verbündete, die sich um eine geschlechter- und diskriminierungssensible Sprache bemühen, als „Feminat oder Femokratie“ beschimpfen und ihnen eine überspannte Empfindsamkeit zuschreiben, die sie als Schwäche deuten.
Diskursumfeld und Einordnung
Hier tun sich Parallelen auf nicht nur zu angeblicher Gefährdung und Einschränkung von Freiheit durch ‚Gender-Ideologie‘, sondern zu Diskursen während der Covid-19-Pandemie, als die Intention, besonders vulnerable Menschen durch Lockdowns und Impfungen zu schützen, als Gefährdung von Freiheitsrechten verstanden wurde. Dies ging einher mit einer Abwertung von Rücksichtnahme und einem Herunterspielen der Gefahr, die vom Virus ausgeht. Dagegen wurde das Echte, Natürliche, Männliche, Starke gesetzt, aus dem Widerstandskraft gegen Krankheiten erwächst.
Hinter den beiden scheinbar widersprüchlichen Diskurssträngen der Zuschreibung von Wokeness als Bedrohung vs. Schwäche tritt somit ein zugrundeliegender Konflikt hervor. Dabei ist die eine Diskursposition gekennzeichnet als männlich konnotiertes rücksichtsloses individualistisches Denken, das vom starken, autonomen Subjekt ausgeht, und auf seiner Freiheit beharrt, auch auf Kosten anderer. Die andere Diskursposition markiert ein weiblich konnotiertes, die eigene Verletzlichkeit und Verwiesenheit auf Andere anerkennendes Denken, das eher bereit ist, auf individuelle Freiheit zu verzichten, wenn dadurch andere Personen geschützt werden.
Woke weist somit starke Überschneidungen mit dem Reizwort „Gender“ und den Kampagnen gegen die Gender Studies auf. Die Abwertung beider Konzepte kann als Teil eines konservativen Backlashs interpretiert werden, wie er beispielhaft im Project 2025 der US-amerikanischen Trump-Administration umgesetzt wird. Dieser Backlash geht von einer vermeintlichen Hegemonie linker Politiken aus und wendet sich sowohl gegen feministische Errungenschaften und die Entnormierung der Geschlechterordnung als auch gegen Identitätspolitik und die damit verbundene Infragestellung von Privilegien.
Woke als leerer Signifikant – und verbrannter Begriff?
Die gegen woke in Stellung gebrachten Rhetoriken ähneln nicht zufällig dem ‚Anti-Gender‘-Diskurs. Hier wie dort drängt sich das Bild vom leeren Signifikanten auf – einem Begriff, der keine konkrete Bedeutung mehr aufweist, sondern für diskursive Positionen steht. Der Begriff woke weist, wie Huw Davies und Sheena MacRae bemerken, eine hohe Interpretationsflexibilität auf, die es Anti-Woke-Aktivist:innen ermöglicht, ihn auf eine beliebige Gruppe oder Praxis anzuwenden, die sie diskreditieren wollen. Dadurch gelingt die Verknüpfung mit vagen Vorstellungen von ‚Links-Sein‘ als Ideologie und Lebensstil.
Vor dem Hintergrund seiner vielfältigen pejorativen Umdeutungen scheint woke somit ein verbrannter Begriff zu sein. Das Konzept der Wokeness wird nicht nur von konservativen bis rechten Akteur:innen als flexibel einsetzbares Feindbild verwendet, sondern stößt auch in anderen Öffentlichkeiten auf Kritik. So wurde die Aneignung von Woke durch Weiße als Signal der Unterstützung für die BLM-Bewegung gesehen. Dies wurde innerhalb Schwarzer Communitys jedoch unter den Gesichtspunkten der Aneignung und der mangelnden Reflexion von Privilegien durchaus als ambivalent betrachtet. Zudem kritisierten Teile der Linken essentialisierende Tendenzen identitätspolitischer Argumentationen. Züge der Identitätspolitik werden nicht nur von Akteur:innen konservativer bis rechter Öffentlichkeiten, sondern auch von Teilen der Linken angeprangert. Vielleicht wäre dennoch eine positive Wiederaneignung angebracht, im Sinne eines Bewusstseins für Bedürfnisse, Verletzlichkeiten, Abhängigkeiten, für unser Eingebettet-Sein in mehr-als-menschliche Zusammenhänge, angesichts der momentanen Tendenzen zu (neoliberaler) Entsolidarisierung, der Zunahme von Phänomenen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, Ausbeutung und dem (Wieder-)Erstarken imperialistischer Logiken. Ein Beispiel für ein erfolgreiches reclaiming von Wokeness stellt der Umgang des Zürcher Schauspielhauses mit dem Begriff dar. Das Theater wurde von der NZZ in pejorativer Absicht als „House of Wokeness“ betitelt. Die Intendanz, deren Vertrag nicht verlängert wurde, machte sich diese Fremdbezeichnung jedoch in einer positiven Umdeutung zu eigen und feierte ihren Abgang im Juni 2024 mit einer „House of Wokeness“-Party.