„Reiwa“. In Japan wechselt mit dem Thron auch die Zeit.

1873 wurde in Japan der traditionelle Kalender zugunsten des westlichen Sonnenkalenders abgeschafft. An den Nationalfeiertagen treffen die verschiedenen Zeitvorstellungen aufeinander. Doch in diesem Jahr geschieht noch mehr: Am 1. Mai beginnt eine neue Epoche und eine neue Deutung der Gegenwart.



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In diesem Jahr ist manches anders im fernen Japan, auch am 1. Mai. Sonst als eine Art Brückentag zwischen drei Nationalfeiertagen liegend – dem 29. April („Shōwa-Tag“), dem 3. Mai („Tag der Verfassung“) und dem 5. Mai („Tag der Kinder“) – und daher seit geraumer Zeit von vielen gern freigenommen, um eine knappe Woche irgendwohin zu verreisen oder das hart verdiente Geld anderweitig zurück in die Konsum- und Freizeitindustrien fließen zu lassen, ist der 1. Mai in diesem Jahr ein staatlich verordneter Feiertag. Gleiches gilt 2019 für den vorausliegenden 30. April sowie für den nachfolgenden 2. Mai. Und da der „Tag der Kinder“ in diesem Jahr auf einen Sonntag fällt und daher (laut Gesetz) der folgende Montag freigegeben wird, sind es insgesamt zehn Tage – vom Wochenende vor dem 29. April bis 6. Mai –, die das japanische Volk offiziell freibekommt und feiern darf. All das hat jedoch nicht etwa mit den seit April dieses Jahres geltenden Neuregelungen im Rahmen der seit langem anvisierten und diskutierten Arbeitsweise-Reform zu tun, die zu mehr Effektivität und Flexibilität der Arbeitskraftgeber führen soll, und die zu begehen es um den internationalen „Tag der Arbeit“ herum wohl auch wenig Anlass gibt.

Gefeiert wird am 1. Mai vielmehr ein neuer Tennō. Kronprinz Naruhito folgt seinem Vater Akihito, der am Tag zuvor zurücktritt, als neuer Kaiser auf den Thron. Damit beginnt zugleich eine neue Zeitrechnung. Steht das Jahr 2019 noch bis zum 30.4. unter der Devise „Heisei“ (etwa „Friede überall“), so firmiert es ab dem ersten Maientag als Jahr 1 der „Reiwa“-Ära. Der bisherige Kaiser heißt dann offi­ziell „abgedankter Tennō“ (jōkō), die Bezeichnung „Heisei-Tennō“  wird auch ihm erst posthum verliehen. Wie die neue Kombination aus zwei chinesischen Zeichen, aus rei 令und wa 和, zustande gekommen, zu deuten und zu übersetzen ist, darüber wird (derzeit noch) gestritten. Wird damit doch etwas Symbolisches, oder, wie der Japanologe Raji Steineck kürzlich sagte, Mythisches verkündet: eine „Grundlegung“, „Optionen […] für das Verständnis der Gegenwart, […] für das Handeln in ihr“. Auf diese Frage der Auslegbarkeit der Devise wird zurückzukommen sein. Zunächst folgen in aller Kürze einige Ausführungen über die diversen – und sehr komplexen! – Zeitvorstellungen, die sich hinter den eingangs aufgezählten Feiertagen, bekannt auch als „Golden Week“, verbergen, und die exemplarisch Wesentliches über Japans Weg in die/der Moderne im triangulären Geflecht zwischen „Asien“ und dem „Westen“ aussagen.

Zeitenwechsel

Der 29. April steht im engen Zusammenhang mit der Errichtung eines modernen Nationalstaates in Gestalt einer (bis 1945 tendenziell absolutistischen) konstitutionellen Monarchie. 1867 musste der letzte Shōgun (Oberster Feldherr) des militäraristokratischen Tokugawa-Hauses, das seit 1600 die Hegemonie über weit mehr als 200 Feudalfürstentümer innegehabt hatte, zurücktreten. Die politische Macht wurde Anfang 1868 formal an das seit Jahrhunderten lediglich symbolisch bedeutsame Kaiserhaus zurückgegeben.

Mit dem jungen Meiji-Tennō auf dem Thron vollzog sich in den nächsten Jahrzehnten unter der Devise „Erleuchtete Regierung“ ein rasanter Erneuerungsprozess (Meiji ishin), in dem Japan sich räumlich und zeitlich im Inneren zentralisierte und in Ostasien zu einer Kolonialmacht expandierte, nicht zuletzt auch, um selbst der Kolonialisierung durch westliche Großmächte zu entgehen. An deren modernen Institutionen orientierten sich die neuen (und alten) Eliten, dort sahen sie die Zukunft. „Asien“ hingegen galt es hinter sich zu lassen. Fortschritt wurde gedeutet als Kontinuität durch Wandel, und das fand auch in einem Zeitregime seinen Ausdruck.

So standardisierte man die bislang im gesamten sino-zentrischen Kulturraum übliche Zeitrechnung in unregelmäßig wechselnden Jahresdevisen (nengō), indem diese symbolisch und aktuell-politisch aufgeladenen Anrufungen an die Zukunft nun strikt an die Thronzeiten der modernen Tennō (bis zu deren Ableben) geknüpft wurden. Waren die nengō zwischen 645 und 1867 insgesamt 243 Mal gewechselt worden, so gab es seither nur vier Wechsel der Devisen (die seither, als kaiserliche Regierungsdevisen, „gengō“ heißen): auf die Meiji-Ära (1867-1912) folgte die Ära der „Großen Gerechtigkeit“ (Taishō, 1912-1926), auf diese die des „Leuchtenden Friedens“ (Shōwa, 1926-1989) und Heisei (1989-2019). Der fünfte Wechsel ist nunmehr im Gange. Planmäßiger zwar als die vier vorangegangenen, denn für die galt „Mors certa, hora incerta“. Diesmal aber bat der Tennō – erstmals seit über 200 Jahren – Ende 2017 darum, schon zu Lebzeiten abdanken zu dürfen. Was aber nichts daran ändert, dass sich die mit einem Tennō-Wechsel einhergehenden Zeremonien und Rituale über ein ganzes Jahr erstrecken.

Die Tennō-Herrschaft

Diese Tennō-System-zentrierte Nationalzeit wurde durch ein weiteres Kontinuum in die Köpfe und Körper des nach 1868 erst zu schaffenden „japanischen Volkes“ eingeschrieben: die legendäre Linie von angeblich (nunmehr insgesamt) 126 Kaisern, die mit dem mythischen Jinmū-Tennō ihren Lauf genommen haben soll. Dieser sei von der Sonnengottheit und zugleich Urahnin Amaterasu beauftragt worden, das Land zu regieren, und so habe er am 11. Februar 660 v.u.Z. als erster Tennō der seither herrschenden Dynastie den Thron bestiegen. Zwar konnte sich dieser vom sonnengöttlichen Ursprungsmythos ausgehende Zeitstrahl gegen die 1873 in Japan offiziell eingeführte Jahreszählung nach dem westlichen Sonnenkalender (s.u.) letztlich nicht als gängiges Zeitmaß durchsetzen. Da die moderne Tennō-Institution bis 1945 jedoch die Funktionen des Staatsoberhauptes, des obersten Befehlshabers der Armee sowie des Shintō-Oberpriesters auf sich vereinte, schlug sie sich umso deutlicher im jährlich wiederkehrenden, mithin Bewusstseins- und Habitus-prägenden nationalen Fest- und Feiertagskalender nieder.

Darin sind u.a. der 11. Februar – als „Landesgründungstag“ – sowie die Geburtstage der jeweils inthronisierten Kaiser als Staatsfeiertage enthalten. Letztere blieben in der Regel auch nach deren Ableben erhalten, allerdings unter je anderer Bezeichnung. So wird am „Shōwa-Tag“ Ende April (seit 2007) des Shōwa-Tennō gedacht. Dieser musste nach dem verlorenen Krieg 1946 seiner in der Meiji-Verfassung verankerten Heiligkeit und Unverletzlichkeit entsagen und fungiert der neuen Verfassung zufolge als „Symbol des Staates und der Einheit“, freilich ohne jegliche Regierungsbefugnisse.

Sonnen- und Mond-Sonnen-kalendarische Feiertage

Das Stichwort „Verfassung“ leitet über zum eingangs ebenfalls erwähnten Nationalfeiertag am 3. Mai sowie zur „zweiten Sonne“. Das auch als „Nachkriegsverfassung“ bzw. – des Artikels 9 wegen – als „Friedensverfassung“ bekannte Dokument trat an eben jenem Tag 1947 in Kraft. Ein Jahr später wurde im Zuge der – bis 1951 faktisch unter US-amerikanischer Besatzung stattfindenden – tiefgreifenden Demokratisierung des nunmehr als parlamentarische Monarchie geltenden Landes ein Gesetz über die nationalen Feiertage erlassen. Dazu gehörten, neben dem staatlichen „Tag der Verfassung“, nun auch wieder solche, die traditionell im Kontext ostasiatischer zyklischer, am Jahresrhythmus orientierter kalendarischer Konzepte begangen worden waren. Exemplarisch dafür steht der die „Golden Week“ beschließende „Tag der Kinder“ am 5.5., der einst im Rahmen des lunisolaren Kalenders in ganz Ostasien zu den fünf Jahreshauptfesten zählte.

Der lunisolare Kalender war nach der Einführung des westlichen Sonnenkalenders zum 1. Januar 1873 als offizielle Zeitrechnung abgeschafft worden, was als Konkretion der Modernisierungspolitik der „Abwendung von Asien und Hinwendung zum Westen“ auf kalendarischer Ebene verstanden werden kann. Dabei gingen die von „beiden Sonnen“ ausgehenden Entwicklungslinien – die mythenzentrierte, sich von der Sonnengottheit ableitende Tennō-Genealogie und die sich heliozentrisch-wissenschaftlich ins westliche Fortschrittsmodell einreihende – eine untrennbare Verbindung ein.

Die Datierung des staatstragenden, seit 1873 fast durchgängig begangenen „Landesgründungs-Feiertages“ auf den 11. Februar 660 v.u.Z. ist dafür wohl ein besonders anschauliches Beispiel. Das herrschaftslegitimierende Ereignis wurde und wird nicht nur in der Sprache des westlichen Sonnenkalenders artikuliert, es wurde zudem als präzise berechnet und behördlich bestätigt verkündet und als historisch wahrhaftig in das bis 1945 hegemoniale Geschichtsbild integriert. Dazu wurden auch entsprechende Gelehrte und Kenner ältester literarischer Quellen aus China und Japan herangezogen – ein Vorgehen, mit dem ich, wie angekündigt, auf den aktuellen Regierungsdevisenwechsel zurückkomme.

Die neue Devise: „Reiwa“

Was also hat es mit der neuen Regierungsdevise „Reiwa“ auf sich? Da im Rückblick die dreißig Jahre der vorangegangenen Heisei-Ära in starkem Maße als Krisenerfahrung(en) dargestellt werden, sind an diesen Wechsel besonders große Erwartungen geknüpft. Und die sind natürlich umstritten. Zugleich gibt es strikte Regeln bei der Auswahl der beiden chinesischen Zeichen, die das künftig zu Erwartende zum Ausdruck bringen sollen. Diese schränken den Kreis der „Kandidaten“ ein, erhöhen aber auch den Grad der Abstraktheit bzw. Deutungsvarianten, ungeachtet der Tatsache, dass sie literarischen Klassikern entnommen werden müssen, in denen sie in bestimmten Kontexten stehen. All das kompliziert die Übersetzung.

Das zweite Zeichen „wa“ war schon oft Teil einer Devise (etwa bei „Shōwa“), was nicht verwundert, bedeutet es doch so viel wie „Harmonie“ – und wer sehnt sich nicht danach. Das erstmals ausgewählte „rei“ aber kann sowohl „befehlen“ als auch „prächtig“ meinen. „Prächtige Harmonie“, „befohlene Harmonie“? Japans Ministerpräsident Abe Shinzō, der das Recht hat, aus mehreren – von einem erlesenen Kreis an Autoritäten ausgewählten – „Kandidaten“ einen Favoriten zu bestimmen (der dann dem Kaiserhaus vorgestellt wird), hat die Zeichenkombination ganz in seinem Sinne interpretiert: „Geschichte aus unvordenklichen Zeiten, eine hochgeschätzte Kultur sowie eine einzigartige Schönheit der Natur entsprechend jeder der vier Jahreszeiten unseres Landes. Wir werden“, so Abe, „diese Charakteristika Japans nachdrücklich an die nächste Ära weitergeben.“

Der für seinen harten neokonservativ-neoliberalen Kurs bekannte Ministerpräsident betont zugleich, dass die beiden Zeichen erstmals nicht einer der klassischen chinesischen Schriften, sondern dem „Manyōshū“ entnommen worden sind. Diese aus über 4000 Gedichten kompilierte Sammlung wurde vermutlich gegen Ende des 8. Jahrhunderts u.Z. fertiggestellt und gilt als bedeutendstes literarisches Denkmal des historisch ersten Tennō-regierten zentralstaatlichen Gebildes Japan.

Welche Auslegung?

Das alles hat Manyōshū-Forscher auf den Plan gerufen, die die neue Regierungsdevise ganz anders interpretieren. Der bekannte Dichter Ōtomo no Tabito (665-731), dessen Zeilen sie entnommen wurde, habe sich, erstens, auf den Text eines chinesischen Gelehrten aus dem 1./2. Jahrhundert u.Z. bezogen, den zu kennen er von denen, an die sich seine Worte richteten, erwartet habe. Zweitens sei die Textstelle in ihrem Gesamtkontext als eine harsche Kritik an der langjährigen tyrannisch-anmaßenden Regierung zu verstehen. Und drittens sei es falsch und es zeuge von wenig Bildung zu behaupten, diese Sammlung beinhalte „Gedichte von Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft“.

Inzwischen wird zudem kolportiert, der Premier habe ursprünglich eine Devise favorisiert, in der eines der beiden Zeichen mit dem „A“ in seinem Familiennamen identisch gewesen ist. Das aber sei vom Kaiserhaus (indirekt, durch Schweigen) zurückgewiesen worden. So habe Abe eilig einen weiteren Experten für alte Literatur um einen Vorschlag gebeten, der dann als neue Devise angenommen und öffentlich bekannt gegeben wurde. Dieser Experte aber steht Abes neokonservativer Politik, insbesondere den Versuchen, Paragraph 9 der Friedensverfassung zu revidieren, ablehnend gegenüber. Ein Geniestreich eines Geisteswissenschaftlers, der den Regierenden ein gengō „einflüsterte“, dessen kritische Botschaft sich nun Jahr um Jahr summiert?

Hier müssen meine als Vermutungen artikulierten Formulierungen vage bleiben. Zum einen, weil das alles gar nicht hätte bekannt werden dürfen; vor allem den neuen Medien ist es zu verdanken, dass der die Angelegenheiten des Kaiserhauses nach wie vor recht strikt verbergende Chrysanthemenvorhang dennoch ein Stück gelüftet worden ist. Zum anderen ist fraglich, wie tief – und wie nachhaltig – das in diesen Tagen boomende Interesse an „Reiwa“ und den Deutungskämpfen im überaus schnelllebigen Alltag des gegenwärtigen Japan tatsächlich ist. Doch selbst ohne Empathie und Wissen darüber wird die neue Ära ihre Wirkung als tradierte nationale Zeitordnung entfalten – zuallererst in den nächsten, auf Staatsgeheiß gewährten freien Tagen.