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  • Steffi Richter ist Japanologin an der Universität Leipzig, mit einem Cultural Studies-geleiteten Fokus auf Japans Moderne im ostasiatisch-globalen Kontext und kritischem Interesse an den Ursachen und Folgen von "Fukushima".

In diesem Jahr ist manches anders im fernen Japan, auch am 1. Mai. Sonst als eine Art Brückentag zwischen drei Natio­nal­fei­er­tagen liegend – dem 29. April („Shōwa-Tag“), dem 3. Mai („Tag der Verfas­sung“) und dem 5. Mai („Tag der Kinder“) – und daher seit geraumer Zeit von vielen gern frei­ge­nommen, um eine knappe Woche irgend­wohin zu verreisen oder das hart verdiente Geld ander­weitig zurück in die Konsum- und Frei­zeit­in­dus­trien fließen zu lassen, ist der 1. Mai in diesem Jahr ein staat­lich verord­neter Feiertag. Glei­ches gilt 2019 für den voraus­lie­genden 30. April sowie für den nach­fol­genden 2. Mai. Und da der „Tag der Kinder“ in diesem Jahr auf einen Sonntag fällt und daher (laut Gesetz) der folgende Montag frei­ge­geben wird, sind es insge­samt zehn Tage – vom Wochen­ende vor dem 29. April bis 6. Mai –, die das japa­ni­sche Volk offi­ziell frei­be­kommt und feiern darf. All das hat jedoch nicht etwa mit den seit April dieses Jahres geltenden Neure­ge­lungen im Rahmen der seit langem anvi­sierten und disku­tierten Arbeitsweise-Reform zu tun, die zu mehr Effek­ti­vität und Flexi­bi­lität der Arbeits­kraft­geber führen soll, und die zu begehen es um den inter­na­tio­nalen „Tag der Arbeit“ herum wohl auch wenig Anlass gibt.

Gefeiert wird am 1. Mai viel­mehr ein neuer Tennō. Kron­prinz Naru­hito folgt seinem Vater Akihito, der am Tag zuvor zurück­tritt, als neuer Kaiser auf den Thron. Damit beginnt zugleich eine neue Zeit­rech­nung. Steht das Jahr 2019 noch bis zum 30.4. unter der Devise „Heisei“ (etwa „Friede überall“), so firmiert es ab dem ersten Maientag als Jahr 1 der „Reiwa“-Ära. Der bishe­rige Kaiser heißt dann offi­ziell „abge­dankter Tennō“ (jōkō), die Bezeich­nung „Heisei-Tennō“  wird auch ihm erst posthum verliehen. Wie die neue Kombi­na­tion aus zwei chine­si­schen Zeichen, aus rei 令und wa 和, zustande gekommen, zu deuten und zu über­setzen ist, darüber wird (derzeit noch) gestritten. Wird damit doch etwas Symbo­li­sches, oder, wie der Japa­no­loge Raji Steineck kürz­lich sagte, Mythi­sches verkündet: eine „Grund­le­gung“, „Optionen […] für das Verständnis der Gegen­wart, […] für das Handeln in ihr“. Auf diese Frage der Ausleg­bar­keit der Devise wird zurück­zu­kommen sein. Zunächst folgen in aller Kürze einige Ausfüh­rungen über die diversen – und sehr komplexen! – Zeit­vor­stel­lungen, die sich hinter den eingangs aufge­zählten Feier­tagen, bekannt auch als „Golden Week“, verbergen, und die exem­pla­risch Wesent­li­ches über Japans Weg in die/der Moderne im trian­gu­lären Geflecht zwischen „Asien“ und dem „Westen“ aussagen.

Zeiten­wechsel

Der 29. April steht im engen Zusam­men­hang mit der Errich­tung eines modernen Natio­nal­staates in Gestalt einer (bis 1945 tenden­ziell abso­lu­tis­ti­schen) konsti­tu­tio­nellen Monar­chie. 1867 musste der letzte Shōgun (Oberster Feld­herr) des mili­tär­aris­to­kra­ti­schen Tokugawa-Hauses, das seit 1600 die Hege­monie über weit mehr als 200 Feudal­fürs­ten­tümer inne­ge­habt hatte, zurück­treten. Die poli­ti­sche Macht wurde Anfang 1868 formal an das seit Jahr­hun­derten ledig­lich symbo­lisch bedeut­same Kaiser­haus zurück­ge­geben.

Der junge Meiji-Tenno in mili­tä­ri­scher Uniform, 1873; Quelle: enacademic.com

Mit dem jungen Meiji-Tennō auf dem Thron vollzog sich in den nächsten Jahr­zehnten unter der Devise „Erleuch­tete Regie­rung“ ein rasanter Erneue­rungs­pro­zess (Meiji ishin), in dem Japan sich räum­lich und zeit­lich im Inneren zentra­li­sierte und in Ostasien zu einer Kolo­ni­al­macht expan­dierte, nicht zuletzt auch, um selbst der Kolo­nia­li­sie­rung durch west­liche Groß­mächte zu entgehen. An deren modernen Insti­tu­tionen orien­tierten sich die neuen (und alten) Eliten, dort sahen sie die Zukunft. „Asien“ hingegen galt es hinter sich zu lassen. Fort­schritt wurde gedeutet als Konti­nuität durch Wandel, und das fand auch in einem Zeit­re­gime seinen Ausdruck.

So stan­dar­di­sierte man die bislang im gesamten sino-zentrischen Kultur­raum übliche Zeit­rech­nung in unre­gel­mäßig wech­selnden Jahres­de­visen (nengō), indem diese symbo­lisch und aktuell-politisch aufge­la­denen Anru­fungen an die Zukunft nun strikt an die Thron­zeiten der modernen Tennō (bis zu deren Ableben) geknüpft wurden. Waren die nengō zwischen 645 und 1867 insge­samt 243 Mal gewech­selt worden, so gab es seither nur vier Wechsel der Devisen (die seither, als kaiser­liche Regie­rungs­de­visen, „gengō“ heißen): auf die Meiji-Ära (1867-1912) folgte die Ära der „Großen Gerech­tig­keit“ (Taishō, 1912-1926), auf diese die des „Leuch­tenden Frie­dens“ (Shōwa, 1926-1989) und Heisei (1989-2019). Der fünfte Wechsel ist nunmehr im Gange. Plan­mä­ßiger zwar als die vier voran­ge­gan­genen, denn für die galt „Mors certa, hora incerta“. Diesmal aber bat der Tennō – erst­mals seit über 200 Jahren – Ende 2017 darum, schon zu Lebzeiten abdanken zu dürfen. Was aber nichts daran ändert, dass sich die mit einem Tennō-Wechsel einher­ge­henden Zere­mo­nien und Rituale über ein ganzes Jahr erstre­cken.

Die Tennō-Herrschaft

Diese Tennō-System-zentrierte Natio­nal­zeit wurde durch ein weiteres Konti­nuum in die Köpfe und Körper des nach 1868 erst zu schaf­fenden „japa­ni­schen Volkes“ einge­schrieben: die legen­däre Linie von angeb­lich (nunmehr insge­samt) 126 Kaisern, die mit dem mythi­schen Jinmū-Tennō ihren Lauf genommen haben soll. Dieser sei von der Sonnen­gott­heit und zugleich Urahnin Amaterasu beauf­tragt worden, das Land zu regieren, und so habe er am 11. Februar 660 v.u.Z. als erster Tennō der seither herr­schenden Dynastie den Thron bestiegen. Zwar konnte sich dieser vom sonnen­gött­li­chen Ursprungs­my­thos ausge­hende Zeit­strahl gegen die 1873 in Japan offi­ziell einge­führte Jahres­zäh­lung nach dem west­li­chen Sonnen­ka­lender (s.u.) letzt­lich nicht als gängiges Zeitmaß durch­setzen. Da die moderne Tennō-Institution bis 1945 jedoch die Funk­tionen des Staats­ober­hauptes, des obersten Befehls­ha­bers der Armee sowie des Shintō-Oberpriesters auf sich vereinte, schlug sie sich umso deut­li­cher im jähr­lich wieder­keh­renden, mithin Bewusstseins- und Habitus-prägenden natio­nalen Fest- und Feier­tags­ka­lender nieder.

Der Showa-Tenno (im Westen „Kaiser Hiro­hito“) bei seiner Krönung 1928; Quelle: wikipedia.org

Darin sind u.a. der 11. Februar – als „Landes­grün­dungstag“ – sowie die Geburts­tage der jeweils inthro­ni­sierten Kaiser als Staats­fei­er­tage enthalten. Letz­tere blieben in der Regel auch nach deren Ableben erhalten, aller­dings unter je anderer Bezeich­nung. So wird am „Shōwa-Tag“ Ende April (seit 2007) des Shōwa-Tennō gedacht. Dieser musste nach dem verlo­renen Krieg 1946 seiner in der Meiji-Verfassung veran­kerten Heilig­keit und Unver­letz­lich­keit entsagen und fungiert der neuen Verfas­sung zufolge als „Symbol des Staates und der Einheit“, frei­lich ohne jegliche Regie­rungs­be­fug­nisse.

Sonnen- und Mond-Sonnen-kalendarische Feier­tage

Das Stich­wort „Verfas­sung“ leitet über zum eingangs eben­falls erwähnten Natio­nal­fei­ertag am 3. Mai sowie zur „zweiten Sonne“. Das auch als „Nach­kriegs­ver­fas­sung“ bzw. – des Arti­kels 9 wegen – als „Frie­dens­ver­fas­sung“ bekannte Doku­ment trat an eben jenem Tag 1947 in Kraft. Ein Jahr später wurde im Zuge der – bis 1951 faktisch unter US-amerikanischer Besat­zung statt­fin­denden – tief­grei­fenden Demo­kra­ti­sie­rung des nunmehr als parla­men­ta­ri­sche Monar­chie geltenden Landes ein Gesetz über die natio­nalen Feier­tage erlassen. Dazu gehörten, neben dem staat­li­chen „Tag der Verfas­sung“, nun auch wieder solche, die tradi­tio­nell im Kontext ostasia­ti­scher zykli­scher, am Jahres­rhythmus orien­tierter kalen­da­ri­scher Konzepte begangen worden waren. Exem­pla­risch dafür steht der die „Golden Week“ beschlie­ßende „Tag der Kinder“ am 5.5., der einst im Rahmen des luniso­laren Kalen­ders in ganz Ostasien zu den fünf Jahres­haupt­festen zählte.

Der luniso­lare Kalender war nach der Einfüh­rung des west­li­chen Sonnen­ka­len­ders zum 1. Januar 1873 als offi­zi­elle Zeit­rech­nung abge­schafft worden, was als Konkre­tion der Moder­ni­sie­rungs­po­litik der „Abwen­dung von Asien und Hinwen­dung zum Westen“ auf kalen­da­ri­scher Ebene verstanden werden kann. Dabei gingen die von „beiden Sonnen“ ausge­henden Entwick­lungs­li­nien – die mythen­zen­trierte, sich von der Sonnen­gott­heit ablei­tende Tennō-Genealogie und die sich heliozentrisch-wissenschaftlich ins west­liche Fort­schritts­mo­dell einrei­hende – eine untrenn­bare Verbin­dung ein.

Die Datie­rung des staats­tra­genden, seit 1873 fast durch­gängig began­genen „Landesgründungs-Feiertages“ auf den 11. Februar 660 v.u.Z. ist dafür wohl ein beson­ders anschau­li­ches Beispiel. Das herr­schafts­le­gi­ti­mie­rende Ereignis wurde und wird nicht nur in der Sprache des west­li­chen Sonnen­ka­len­ders arti­ku­liert, es wurde zudem als präzise berechnet und behörd­lich bestä­tigt verkündet und als histo­risch wahr­haftig in das bis 1945 hege­mo­niale Geschichts­bild inte­griert. Dazu wurden auch entspre­chende Gelehrte und Kenner ältester lite­ra­ri­scher Quellen aus China und Japan heran­ge­zogen – ein Vorgehen, mit dem ich, wie ange­kün­digt, auf den aktu­ellen Regie­rungs­de­vi­sen­wechsel zurück­komme.

Die neue Devise: „Reiwa“

Was also hat es mit der neuen Regie­rungs­de­vise „Reiwa“ auf sich? Da im Rück­blick die dreißig Jahre der voran­ge­gan­genen Heisei-Ära in starkem Maße als Krisenerfahrung(en) darge­stellt werden, sind an diesen Wechsel beson­ders große Erwar­tungen geknüpft. Und die sind natür­lich umstritten. Zugleich gibt es strikte Regeln bei der Auswahl der beiden chine­si­schen Zeichen, die das künftig zu Erwar­tende zum Ausdruck bringen sollen. Diese schränken den Kreis der „Kandi­daten“ ein, erhöhen aber auch den Grad der Abstrakt­heit bzw. Deutungs­va­ri­anten, unge­achtet der Tatsache, dass sie lite­ra­ri­schen Klas­si­kern entnommen werden müssen, in denen sie in bestimmten Kontexten stehen. All das kompli­ziert die Über­set­zung.

Das zweite Zeichen „wa“ war schon oft Teil einer Devise (etwa bei „Shōwa“), was nicht verwun­dert, bedeutet es doch so viel wie „Harmonie“ – und wer sehnt sich nicht danach. Das erst­mals ausge­wählte „rei“ aber kann sowohl „befehlen“ als auch „prächtig“ meinen. „Präch­tige Harmonie“, „befoh­lene Harmonie“? Japans Minis­ter­prä­si­dent Abe Shinzō, der das Recht hat, aus mehreren – von einem erle­senen Kreis an Auto­ri­täten ausge­wählten – „Kandi­daten“ einen Favo­riten zu bestimmen (der dann dem Kaiser­haus vorge­stellt wird), hat die Zeichen­kom­bi­na­tion ganz in seinem Sinne inter­pre­tiert: „Geschichte aus unvor­denk­li­chen Zeiten, eine hoch­ge­schätzte Kultur sowie eine einzig­ar­tige Schön­heit der Natur entspre­chend jeder der vier Jahres­zeiten unseres Landes. Wir werden“, so Abe, „diese Charak­te­ris­tika Japans nach­drück­lich an die nächste Ära weiter­geben.“

Der für seinen harten neokonservativ-neoliberalen Kurs bekannte Minis­ter­prä­si­dent betont zugleich, dass die beiden Zeichen erst­mals nicht einer der klas­si­schen chine­si­schen Schriften, sondern dem „Manyōshū“ entnommen worden sind. Diese aus über 4000 Gedichten kompi­lierte Samm­lung wurde vermut­lich gegen Ende des 8. Jahr­hun­derts u.Z. fertig­ge­stellt und gilt als bedeu­tendstes lite­ra­ri­sches Denkmal des histo­risch ersten Tennō-regierten zentral­staat­li­chen Gebildes Japan.

Welche Ausle­gung?

Otomo Tabito; Quelle: wikimedia.org

Das alles hat Manyōshū-Forscher auf den Plan gerufen, die die neue Regie­rungs­de­vise ganz anders inter­pre­tieren. Der bekannte Dichter Ōtomo no Tabito (665-731), dessen Zeilen sie entnommen wurde, habe sich, erstens, auf den Text eines chine­si­schen Gelehrten aus dem 1./2. Jahr­hun­dert u.Z. bezogen, den zu kennen er von denen, an die sich seine Worte rich­teten, erwartet habe. Zwei­tens sei die Text­stelle in ihrem Gesamt­kon­text als eine harsche Kritik an der lang­jäh­rigen tyrannisch-anmaßenden Regie­rung zu verstehen. Und drit­tens sei es falsch und es zeuge von wenig Bildung zu behaupten, diese Samm­lung beinhalte „Gedichte von Menschen aus allen Schichten der Gesell­schaft“.

Inzwi­schen wird zudem kolpor­tiert, der Premier habe ursprüng­lich eine Devise favo­ri­siert, in der eines der beiden Zeichen mit dem „A“ in seinem Fami­li­en­namen iden­tisch gewesen ist. Das aber sei vom Kaiser­haus (indi­rekt, durch Schweigen) zurück­ge­wiesen worden. So habe Abe eilig einen weiteren Experten für alte Lite­ratur um einen Vorschlag gebeten, der dann als neue Devise ange­nommen und öffent­lich bekannt gegeben wurde. Dieser Experte aber steht Abes neokon­ser­va­tiver Politik, insbe­son­dere den Versu­chen, Para­graph 9 der Frie­dens­ver­fas­sung zu revi­dieren, ableh­nend gegen­über. Ein Genie­streich eines Geis­tes­wis­sen­schaft­lers, der den Regie­renden ein gengō „einflüs­terte“, dessen kriti­sche Botschaft sich nun Jahr um Jahr summiert?

Hier müssen meine als Vermu­tungen arti­ku­lierten Formu­lie­rungen vage bleiben. Zum einen, weil das alles gar nicht hätte bekannt werden dürfen; vor allem den neuen Medien ist es zu verdanken, dass der die Ange­le­gen­heiten des Kaiser­hauses nach wie vor recht strikt verber­gende Chry­san­the­men­vor­hang dennoch ein Stück gelüftet worden ist. Zum anderen ist frag­lich, wie tief – und wie nach­haltig – das in diesen Tagen boomende Inter­esse an „Reiwa“ und den Deutungs­kämpfen im überaus schnell­le­bigen Alltag des gegen­wär­tigen Japan tatsäch­lich ist. Doch selbst ohne Empa­thie und Wissen darüber wird die neue Ära ihre Wirkung als tradierte natio­nale Zeit­ord­nung entfalten – zual­ler­erst in den nächsten, auf Staats­ge­heiß gewährten freien Tagen.

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  • Steffi Richter ist Japanologin an der Universität Leipzig, mit einem Cultural Studies-geleiteten Fokus auf Japans Moderne im ostasiatisch-globalen Kontext und kritischem Interesse an den Ursachen und Folgen von "Fukushima".