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  • Carolin Amlinger ist Literatursoziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im SNF-Forschungsprojekt „Halbwahrheiten. Wahrheit, Fiktion und Konspiration im ‚postfaktischen Zeitalter‘“ am Deutschen Seminar der Universität Basel.

  • Nicola Gess lehrt Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Basel und ist dort Leiterin des SNF-Forschungsprojekts „Halbwahrheiten. Wahrheit, Fiktion und Konspiration im ‚postfaktischen Zeitalter‘“ sowie Co-Leiterin des SNF-Sinergia „The Power of Wonder“. Zuletzt erschienen: „Staunen. Eine Poetik“, Wallstein, 2019.

Mit einge­bil­deten Gefahren können sie gut umgehen, doch ange­sichts der Corona-Krise erwiesen sich viele Rechts­po­pu­listen als hilflos. Das Virus, die Krank­heit und die vielen Toten ließen sich nicht einfach igno­rieren, auch wenn Auto­kraten wie Bolso­naro und Trump das zunächst durchaus versuchten, während die Infek­ti­ons­zahlen in ihren Ländern in die Höhe klet­terten. Und dem unvor­her­seh­baren Pandemie-Geschehen ließ sich mit den übli­chen Instru­menten einer triba­lis­ti­schen oder popu­lis­ti­schen Rhetorik auch nur schwer beikommen. Auch hier­zu­lande schienen rechts­po­pu­lis­ti­sche Parteien und Bewe­gungen wie die AfD und Pegida zunächst in eine Art Schock­starre zu verfallen; jeden­falls hörte man in dieser Zeit nicht viel von ihnen.

Reali­täts­schock – und dann?

Viel­leicht bot COVID 19 also die Möglich­keit zu einem reality check. Es bot die Möglich­keit, für ‚wahr‘ nicht mehr nur zu halten, was mit den eigenen Grund­über­zeu­gungen oder den im eigenen ‚Stamm‘ domi­nanten Welt­erklä­rungs­mo­dellen kohä­rent geht (z.B. ‚die demo­crats sind an allem Schuld‘), sondern im Zweifel viel­mehr das, was mit den mögli­cher­weise sehr viel beun­ru­hi­gen­deren Erfah­rungen der Wirk­lich­keit korre­spon­diert, d.h. in diesem Fall der Realität der Krank­heit und der Notwen­dig­keit, konzer­tierte Anstren­gungen dagegen zu unter­nehmen. Für eine kurze Zeit schien sich diese Möglich­keit an manchen Orten tatsäch­lich zu reali­sieren. So beispiels­weise, als selbst die AfD, die doch sonst keine Gele­gen­heit zur Spal­tung auslässt, aus schierer Ratlo­sig­keit für die von der Regie­rungs­ko­ali­tion beschlos­senen Maßnahmen zur Eindäm­mung der Corona-Krise stimmte.

Aluhut­serie (1), Foto: SZ

Doch war dieser Reali­täts­schock nicht von langer Dauer, und dies schon gar nicht bei denje­nigen poli­ti­schen Akteuren, deren Marken­kern allein die ebenso popu­lis­tisch (gegen die ‚Eliten‘) wie triba­lis­tisch (gegen die Demo­kraten, gegen die ‚Merkel-CDU‘, gegen die ‚Gutbürger‘) oder natio­na­lis­tisch (gegen China, gegen die USA, gegen die EU) einge­färbte Front­stel­lung gegen imagi­näre oder reale Feinde ist. Statt zu einem nach­hal­tigen reality check kam es zu einer reality nega­tion – einer Ableh­nung der Realität des Virus, seiner Herkunft oder seiner Gefähr­lich­keit, die die Beibe­hal­tung der alten Grund­über­zeu­gungen und Welt­erklä­rungs­mo­delle erlaubte.

Sozi­al­kritik und Para­noia

Beson­ders gut lässt sich das an den unter den Lockdown-Gegner*innen wuchernden Verschwö­rungs­theo­rien ablesen, deren Demons­tra­tionen die AfD schon bald zu ihrer Bühne zu machen versuchte. Die Corona-Verschwörungstheorien sind keines­wegs von Grund auf neu, sondern passen viel­mehr die Corona-Krise in bereits exis­tie­rende Verschwö­rungs­theo­rien ein, wie z.B. die der ‚Impflüge‘, der ‚New World Order‘, ‚QAnon‘ usw. Deren Anhänger*innen insze­nieren sich zwar als Dissi­denten, kehren aber tatsäch­lich nur aus einer beun­ru­hi­genden Realität zurück in das noch warme Bett einer vertrauten Welt­an­schauung oder zumin­dest in eine Welt, in der Kontin­genz durch Kausa­lität, Ohnmacht durch Agency und Komple­xität durch Einfach­heit ersetzt wird.

Mit faszi­nierter Irri­ta­tion haben Sozio­logen wie Bruno Latour und Luc Bolt­anski vor geraumer Zeit eine Affi­nität zwischen kriti­scher Gesell­schafts­theorie und Verschwö­rungs­theorie, Sozi­al­kritik und Para­noia beob­achtet. Ihr Verdacht: Sind Verschwörungstheoretiker*innen, die die Wirk­lich­keit als bloßen Schein – man könnte auch sagen: als Ideo­logie oder Verblen­dungs­zu­sam­men­hang – hinter­fragen und hinter dieser Ober­fläche nach verbor­genen Mächten und geheimen Netz­werken suchen, die dunkle Kehr­seite eines kritisch-analytischen Blicks auf den modernen Staat und seine Insti­tu­tionen? Oder anders gefragt: Wann kippt die berech­tige Sozi­al­kritik in die para­noide Verschwö­rungs­theorie, wie es sich im Kontext der Corona-Krise zuletzt bei dem italie­ni­schen Philo­so­phen Giorgio Agamben beob­achten ließ?

Doch stellt sich vor dem Hinter­grund des oben Gesagten die Frage, ob Latours und Bolt­anskis These nicht auf den falschen Prämissen beruht. Gehen sie mit ihr nicht der Selbst­in­sze­nie­rung von Verschwö­rungs­theo­re­ti­kern als Skep­tiker auf den Leim? Denn Sozialkritiker*innen unter­su­chen die soziale Realität idea­ler­weise ergeb­nis­offen, indem sie erst aus dem Mate­rial, das sie vorfinden, ihre Theo­rien über die Gesell­schaft dedu­zieren, während Verschwörungstheoretiker*innen genau umge­kehrt vorgehen. Wie sich an den Corona-Verschwörungstheorien gut beob­achten lässt, gehen sie mit vorge­fer­tigten Theo­rien an die soziale Realität heran, um sich dort nur dieje­nigen Elemente heraus­zu­pi­cken, die zu ihrer Theorie passen. Alles andere wird igno­riert oder als ein falscher Schein negiert, der die (von ihnen konstru­ierte) Realität der Verschwö­rung verdecke.

Aller­dings wäre es naiv anzu­nehmen, dass es eine gänz­lich unvor­ein­ge­nom­mene Analyse der sozialen Realität über­haupt geben kann; über­dies enthalten auch die sozi­al­kri­ti­schen Gesell­schafts­theo­rien notge­drungen, wie Bolt­anski betont, ein konstruk­ti­vis­ti­sches Moment, inso­fern Herr­schaft „nicht von sich selbst [spricht]“. Gleich­wohl scheiden sich die Geister von Sozi­al­wis­sen­schaft und Verschwö­rungs­theorie mögli­cher­weise an ihrer Bereit­schaft zur Falsi­fi­zie­rung. Während diese Bereit­schaft zu den Grund­lagen wissen­schaft­li­chen Arbei­tens gehört, sind Verschwörungstheoretiker*innen an der Falsi­fi­ka­tion nicht inter­es­siert. Bei ihrem vermeint­li­chen Skep­ti­zismus handelt es sich eher um den Unwillen, den (frag­li­chen) theo­re­ti­schen Grund, auf dem sie stehen, ins Wanken geraten zu lassen.

Theo­rie­test

Agamben stellt den kriti­schen Gehalt sozi­al­phi­lo­so­phi­scher Theo­rie­mo­delle mit seinen Einwürfen zur Corona-Pandemie jedoch auf die Probe. Sein am 26. Februar auf Italie­nisch und am 23. März im verschwö­rungs­theo­re­ti­schen Magazin Rubikon auf Deutsch erschie­nener Artikel, der am 17. April auch Eingang in die von „Corona-Skeptikern“ heraus­ge­ge­bene Wochen­zei­tung Demo­kra­ti­scher Wider­stand fand, folgt der Logik einer reality nega­tion.

Zwar greift Agamben einer­seits die Lockdown-Maßnahmen auf, um seine bereits etablierte Theorie vom Ausnah­me­zu­stand zu veri­fi­zieren: „warum arbeiten […] die Medien und Behörden daran, ein Klima der Panik zu verbreiten, das einen selt­samen Ausnah­me­zu­stand herbei­führt?“ Weil es „wieder einmal eine wach­sende Tendenz, den Ausnah­me­zu­stand als normales Regie­rungs­pa­ra­digma zu verwenden“, gebe.

Ähnliche Formu­lie­rungen finden sich bereits in seinem im Jahr 2003 bzw. 2004 auf Deutsch erschie­nenen Buch Ausnah­me­zu­stand, in dem Agamben die These formu­liert, dass der Ausnah­me­zu­stand im 20. Jahr­hun­dert zu einem neuen „Para­digma des Regie­rens“ avan­ciert sei, und zwar als ein entschei­dender Modus der Verge­sell­schaf­tung, der die Gesell­schafts­mit­glieder über ihren Ausschluss inte­griere. Die staat­liche Exklu­sion kündige eine Bezie­hung nicht auf, sondern sie stelle viel­mehr eine beson­dere, wenn auch nega­tive Bezie­hungs­form dar.

Vor diesem Hinter­grund lag es für Agamben durchaus nahe, in den während der Corona-Pandemie in ihren Wohnungen einge­schlos­senen Bürger*innen ein Sinn­bild der Souve­rä­ni­täts­logik des Ausschlusses zu erkennen. Ande­rer­seits negiert Agamben in seinem Rubikon-Artikel jedoch zugleich die Exis­tenz oder zumin­dest die Gefähr­lich­keit des Virus, wenn er die Pandemie – trotz der vielen Kranken und Toten, die es zu diesem Zeit­punkt in anderen Ländern bereits gab – eine „Erfin­dung“ nennt, mit der sich die Regie­rungen „den Traum aller Tyrannen“ erfüllen wollten, nämlich „ein verängs­tigtes, gefü­giges und komplett mani­pu­liertes Volk“.

Der chilias­ti­sche Unterton, der seine Über­le­gungen zur Corona-Krise auch in anderen Arti­keln begleitet, bezieht sich also nicht auf die Pandemie, sondern auf die Maßnahmen zu ihrer Eindäm­mung, die diese tyran­ni­sche ‚Inten­tion‘ erfüllten: Die „Schwelle, welche die Mensch­lich­keit von der Barbarei trennt“, sei über­schritten; die „Welt der bürger­li­chen Demo­kratie“ komme an ihr Ende.

Der ‚inten­tio­nale‘ Angriff

Damit ist ein weiteres wich­tiges Stich­wort aufge­rufen: Inten­tio­na­lität. Folgt man dem Ameri­ka­nisten und Verschwörungstheorie-Forscher Timothy Melley, spielt der Einsatz von Inten­tio­na­lität nämlich eine zentrale Rolle für das Kippen einer kriti­scher Gesellschafts- in eine Verschwö­rungs­theorie. Das Problem besteht demnach nicht in dem tatsäch­lich der Sozio­logie ähnli­chen Bemühen von Verschwö­rungs­theo­rien, die „unmög­liche Tota­lität des gegen­wär­tigen Welt Systems“ und „riesige Netz­werke der Macht“ in den Blick zu nehmen, sondern in der Frage: „why repre­sent a massive economic system as a conspi­racy? Why conserve a sense of inten­tio­na­lity?”

Aluhut­serie (2), Foto: SZ

Treib­stoff moderner Verschwö­rungs­theo­rien ist nach Melley eine para­doxe agency panic: Diese Panik sieht – durchaus korrekt – das Selbst­bild vom auto­nomen Indi­vi­duum (das seine Inten­tionen kennt, sie umsetzen und auf diese Weise auch sein Leben und seine Geschichte selbst­be­stimmt gestalten kann) in Gefahr und glaubt para­do­xer­weise gerade deswegen an eine Verschwö­rung, die in ihrem ‚inten­tio­nalen‘ Angriff gegen dieses Indi­vi­duum genau jenes über­kom­mene Menschen-, Gesellschafts- und Geschichts­bild aufrecht­erhält: Eine Gruppe von Verschwörer*innen oder ein mono­li­thi­sches ,System‘ steuere inten­tional das Welt­ge­schehen nach einem geheimen Plan; und ebenso gezielt könnten nun dieje­nigen Indi­vi­duen, die hinter die Fassade zu blicken vermögen, dagegen halten:

Agency panic thus reveals the way social commu­ni­ca­tions affect indi­vi­dual iden­tity and agency, but it also disavows this reve­la­tion. It begins with radical insight, yet it is a funda­ment­ally conser­va­tive response – „conser­va­tive“ in the sense that it conserves a tradi­tional model of the self in spite of the obvious chal­lenges that postwar tech­no­lo­gies of commu­ni­ca­tion and social orga­niz­a­tion pose to that model.

Hierin besteht also zugleich eine Nähe und eine Ferne zur Sozio­logie: Wenn die Verschwö­rungs­theorie „obskure Quellen sozialer Kontrolle“ offen­legt, reeta­bliert sie Formen mensch­li­cher Inten­tio­na­lität, wohin­gegen „eine streng sozio­lo­gi­sche Analyse“ an dieser Stelle „nur Insti­tu­tionen, Sitten, wirt­schaft­liche Struk­turen und Diskurse findet“.

Erschüt­te­rungs­be­reit­schaft

Mit dem Verschwörungstheorie-Forscher Michael Butter lässt sich ergänzen, dass die Sozio­logie dabei, anders als Verschwö­rungs­theo­rien, von einem Menschen­bild ausgeht, das Menschen als „Subjekte im Sinne der modernen Sozial- und Kultur­wis­sen­schaften [begreift], welche die mate­ri­ellen und ideo­lo­gi­schen Zwänge betonen, denen Menschen ‚unter­worfen‘ sind und die ihre Subjek­ti­vität erst produ­zieren“.

Aus diesen Über­le­gungen ergibt sich alles andere als ein Bild des Skep­ti­kers: Verschwö­rungs­theo­rien erwachsen viel­mehr aus der mangelnden Bereit­schaft, an einem Selbst­bild zu rütteln, das – und sei es mithilfe eines imagi­nären Feindes – die Hand­lungs­macht des Einzelnen imaginär aufrecht­erhält. Gerade deshalb können Verschwö­rungs­theo­rien nie zu einer kriti­schen Theorie der Gesell­schaft werden. Sie verwei­gern sich einem reality check, der die Voraus­set­zung dafür wäre, Subjek­ti­vität und Gesell­schaft heute adäquat zu denken und erst anschlie­ßend zu ihrer Kritik ansetzen zu können.

Aluhut­serie (3), Foto: SZ

Diesen reality check erzwingt die Corona-Krise. Wenn die Corona-Krise also tatsäch­lich auch mit einer „Krise der Meinungs­ma­cher“ einher­ging, dann viel­leicht vor allem deswegen, weil die Corona-Pandemie die Insta­bi­lität des Theo­rie­mo­dells bzw. die Notwen­dig­keit seiner Falsi­fi­zie­rung vor Augen führt, die theo­re­ti­schen Erklä­rungs­mo­dellen inhä­rent ist. Wird man sich beispiels­weise noch­mals der Unge­wiss­heit der Ereig­nis­ab­folge gewahr, die für die längste Zeit weder eine solide Einschät­zung der Gegen­wart noch eine sichere Prognose in die Zukunft erlaubte, so bleiben einem letzt­lich nur zwei Wege, mit diesem Zustand des Mangels an gesi­chertem Wissen umzu­gehen:

Entweder man hält – wie Agamben – an der kohä­renz­stif­tenden Funk­tion des eigenen Theo­rie­mo­dells fest und bietet vertraute Erklä­rungen für unru­hige Zeiten – oder aber, und dies ist die Heraus­for­de­rung, vor der kriti­sche Theo­rien derzeit (wie eigent­lich schon immer) stehen, man lässt Kontin­genz zu und erkennt das poten­tiell defi­zi­täre Moment des eigenen Reali­täts­be­zugs an. Theo­re­ti­sche Erklä­rungs­mo­delle sollten, wenn sie ihren kriti­schen Gehalt nicht aufkün­digen wollen, den Erschüt­te­rungen in der sozialen Welt mit einer Erschüt­te­rung der Theorie (oder zumin­dest der Bereit­schaft dazu) begegnen, nicht mit den gewohnten und darum beru­hi­genden Antworten. 

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  • Nicola Gess lehrt Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Basel und ist dort Leiterin des SNF-Forschungsprojekts „Halbwahrheiten. Wahrheit, Fiktion und Konspiration im ‚postfaktischen Zeitalter‘“ sowie Co-Leiterin des SNF-Sinergia „The Power of Wonder“. Zuletzt erschienen: „Staunen. Eine Poetik“, Wallstein, 2019.