„Was ist eine Frau?“ Mit dieser scheinbar einfachen Frage agitieren gegenwärtig rechte Akteur*innen gegen trans Menschen und ihre Rechte und fordern eine „eindeutige“ biologische Bestimmung von Geschlecht. Doch dieses Beharren auf „Biologie“ hat wenig mit Wissenschaft zu tun.

  • Dana Mahr ist Medizinsoziologin und Wissenschaftshistorikerin an der Universität Genf. Sie ist die Ko-Leiterin der Forschungsgruppe «Values & Expertise» im SNF Sinergia Projekt «Development of Personalized Health in Switzerland». 2021 ist ihr neues Buch «The Knowledge of Experience. Exploring epistemic diversity in digital health, participatory medicine, and environmental research" bei Palgrave Macmillan erschienen.

Patrick Grzanka sitzt entspannt in seinem Büro­sessel. Er lächelt und beginnt seinem Gast die Komple­xität der Frage, was eine Frau „ist“, aus seiner fach­li­chen Perspek­tive zu erläu­tern. Ihm gegen­über sitzt ein Mann mit dichtem Voll­bart. Dieser schaut bei den Ausfüh­rungen seines Gesprächs­part­ners gelang­weilt drein, manchmal unter­bricht er Grzanka und fragt, was diese Ausfüh­rungen denn mit der „Wahr­heit“ des Frau-Seins zu tun haben. Die Kamera hält weiter drauf. Irgend­wann werden die Ausfüh­rungen von Grzanka mit Musik unter­legt, so dass sie nicht mehr verstehbar sind. Es wird zu dem Mann mit dem Voll­bart geschnitten. Er schaut dieses Mal noch gelangweilter.

Patrick Grzanka ist Professor für Psycho­logie und Leiter des inter­dis­zi­pli­nären Forschungs­pro­gramms „Women, Gender, and Sexua­lity“ an der Univer­sität Tennessee in Knoxville. Der bärtige Mann ist Matt Walsh, eine rechte Medi­en­figur und selbst ernannter „theo­kra­ti­scher Faschist“ aus dem Umfeld des konser­va­tiven Polit-Kommentatoren Ben Shapiro. Das Ganze ist insze­niert, um mithilfe von audio­vi­su­ellen Methoden die angeb­liche Inhalts­leere und Abge­ho­ben­heit wissen­schaft­li­cher Forschung an der Schnitt­stelle von mensch­li­cher Biologie und Gesell­schaft „bloss­zu­stellen“.

Dies ist eine Szene aus einer neuen „Doku­men­ta­tion“ der rechts-konservativen Medi­en­platt­form Daily Wire. Diese macht sowohl in den Verei­nigten Staaten als auch welt­weit Stim­mung gegen eine vermeint­liche „Transgender-Ideologie“ in der Gesell­schaft und der Wissenschaft.

Mars oder Venus

Paris Bordone: Venus, Mars und Amor, 16. Jh.; Quelle: zeno.org

Diese anti-intellektuelle, anti-akademische Agita­tion instru­men­ta­li­siert die „augen­schein­li­chen“ Wahr­heiten des „gesunden Menschen­ver­stands“. Jeder normale Mensch wisse schliess­lich ganz genau, was eine Frau oder ein Mann sei: Mann gleich Penis. Frau gleich Vagina – Mars oder Venus. Um diese ,Wahr­heiten‘ zu verbreiten, wird massiv gegen die Geschlech­ter­for­schung mobil gemacht. Vor allem beför­dern diese Narra­tive Feind­lich­keit gegen trans- und nicht geschlechts-konforme Menschen. Im Zuge dessen sollen über­wunden geglaubte biolo­gis­ti­sche Denk­weisen erneut salon­fähig werden. Biologie als Legi­ti­ma­ti­ons­grund­lage für gesell­schaft­liche Entschei­dungen, Defi­ni­tionen, Politik und Akzep­tanz, so etwas gab es seit dem Sozi­al­dar­wi­nismus des 19. und frühen 20. Jahr­hun­dert nicht mehr. Die Folgen dessen sehen wir derzeit in den USA, wo die Rechte von trans Menschen immer mehr beschnitten werden, wo das Recht zum Schwan­ger­schafts­ab­bruch gekippt wurde, und wo mitt­ler­weile auch die homo­se­xu­elle Ehe unter Verweis auf ein „natür­li­ches Recht“ wieder auf den Prüf­stand kommen soll.

Während andere wissen­schafts­feind­liche Bewe­gungen der jüngeren Zeit im wesent­li­chen anti-faktisch argu­men­tierten und als „Experten“ für ihr Anliegen höchs­tens akade­misch rand­stän­dige Figuren aufbringen konnten, berufen sich die Vertrer*innen des Biolo­gismus des 21. Jahr­hun­derts auf ,echte Wissen­schaft‘ und haben tatsäch­lich akade­misch hoch aner­kannte Wissenschaftler*innen in ihren Reihen. Die Wissen­schaft, auf die sich Akteure wie Walsh, Shapiro, die Philo­so­phin Kath­leen Stock oder auch die Autorin J.K. Rowling berufen, entspricht jedoch – und das ist rele­vant – schon sehr lange nicht mehr dem Stand der aktu­ellen Forschung. Es handelt sich viel­mehr um eine ideo­lo­gisch moti­vierte reduk­tio­nis­ti­sche Natur­wis­sen­schafts­nost­algie mit aggres­sivem gesell­schaft­li­chem Wahrheits- und Hoheitsanspruch.

Dass derar­tige Denk­fi­guren nunmehr im deut­schen Sprach­raum ange­kommen sind, zeigt die verbis­sene Agita­tion gegen das von der deut­schen Bundes­re­gie­rung geplante Selbst­be­stim­mungs­ge­setz. Mit diesem Gesetz soll das Leben für trans- und inter­ge­schlecht­liche Menschen auf vielen Ebenen verbes­sert werden, ja, es soll den Weg zur Gleich­be­rech­ti­gung ebnen. Insbe­son­dere ist geplant, das bishe­rige Verfahren einer Perso­nen­stands­än­de­rung zu verein­fa­chen. Wo früher ein lang­wie­riges und kosten­auf­wen­diges Gerichts­ver­fahren mit zwei psych­ia­tri­schen Gutachten benö­tigt wurde, um im „Ziel­ge­schlecht“ aner­kannt zu werden, wird bald ein Verwal­tungsakt genügen. Was für die Commu­nity der trans- und inter­ge­schlecht­li­chen Menschen ein Grund zur Freude und Hoff­nung ist, ist für andere ein Affront, ein Versuch, die Kate­gorie „Frau“ zu elimi­nieren, ja sogar ein Angriff auf die Biologie selbst.

In der Falle des Biologismus

Feminist*innen sollten gegen­über solchen biolo­gis­ti­schen Narra­tiven hell­hörig werden. Denn viele der Verhal­tens­normen der bürger­li­chen Gesell­schaft des 19. Jahr­hun­derts wurden unter Verweis auf die vermeint­liche Wahr­heit der Biologie natu­ra­li­siert. Damit zielten patri­ar­chale Akteure in Politik, Wissen­schaft und den Kirchen darauf ab, mithilfe der Biologie progres­sive Forde­rungen – etwa nach einem Frau­en­wahl­recht – abzu­wehren. Zu diesem Zweck wurde die Natur mit mensch­li­chen kultu­rellen Vorstel­lungen aufge­laden und diese dann als „natür­lich“ wieder auf die Gesell­schaft zurückreflektiert.

Die „Gorilla-Familie“ im Sencken­berg Museum Frank­furt am Main, 1907; Quelle: sciencedirect.com

Gorilla im Natural History Museum, London; Quelle: nhm.co.uk

Die Dioramen aus den Natur­kun­de­mu­seen des Fin de Siècle bezeugen diese Praxis, so etwa die Gorilla Familie des Sencken­berg Museums in Frank­furt am Main. Die Präpa­ra­toren stellen die Tiere in einer ideal­ty­pi­schen bürger­li­chen Fami­li­en­kon­stel­la­tion dar: Vater, Mutter und Kind. Das männ­liche Tier ist aufge­richtet und blickt die Betrachter*innen heraus­for­dernd an und hält in der linken Hand einen grossen Knüppel. Das weib­liche Tier sitzt neben ihm, ist unbe­sorgt und säugt das Jung­tier. Die Asso­zia­tion, die bei den Betrachter*innen hervor­ge­rufen werden soll, ist klar – der Silber­rü­cken als ,natür­li­cher Beschützer‘ seiner Familie. Die Annahme einer angeb­li­chen Natür­lich­keit der Familie bei Primaten legt den Rück­schluss auf das mensch­liche Zusam­men­leben nahe: Wissen­schafts­kom­mu­ni­ka­tion im Auftrag des Patri­ar­chats.

Umso erschre­ckender ist es also, dass eine trans­feind­liche Strö­mung Fahrt aufnimmt, die mit biolo­gis­ti­schen Argu­menten trans Frauen aus dem Femi­nismus auszu­schliessen sucht. Dabei wird die Defi­ni­tion derje­nigen, die als „Frau“ gelten können, auf Geschlechts­teile, Chro­mo­somen oder Gameten redu­ziert und gegen die Auswei­tung der Rechte von trans Menschen gewendet. Diese Posi­tion vertreten Personen und Gruppen, die sich selbst als ,radfems‘, als radi­kale Feminist*innen verstehen und bezeichnen. In ihrem Vorhaben erhalten sie Unter­stüt­zung von christlich-fundamentalistischer Seite wie etwa der „Heri­tage Foun­da­tion“ in den USA oder die „Demo für Alle“ in Deutsch­land. Beide Grup­pie­rungen betreiben aktive Lobby­ar­beit gegen progres­sive soziale Errun­gen­schaften. Unter den trans­feind­li­chen „Femi­nis­tinnen“ kann so sogar die sozial über­kom­mene Vorstel­lung einer hete­ro­nor­ma­tiven Vater-Mutter-Kind-Familie wieder anschluss­fähig werden. So hat beispiels­weise Rieke Hümpel, eine der Ko-Autor*innen eines queer- und trans­feind­li­chen Gast­bei­trags in der deut­schen Tages­zei­tung Die Welt einen Tweet unter ihren Follo­wern geteilt, der anhand des Beispiels von Gorillas „die masku­line Rolle des Beschüt­zers“ als natur­ge­geben und nicht sozial bestimmt propagiert.

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Biolo­gi­scher Reduk­tio­nismus vs. Systembiologie

Chris­tiane Nüsslein-Volhard, Nobel­preis­trä­gerin 1995; Quelle: nobelprize.org

Auch etablierte Medi­en­schaf­fende wie die Redak­tion des Maga­zins Emma bedienen trans­feind­liche Narra­tive, die auf einer biolo­gis­ti­schen Epis­te­mo­logie beruhen. So veröf­fent­lichte das Magazin am 22. August 2022 ein Inter­view mit der Biologin und Nobel­preis­trä­gerin Chris­tiane Nüsslein-Volhard, um Stim­mung gegen das Selbst­be­stim­mungs­ge­setz zu machen. Zugleich wendete es sich gegen den aktu­ellen Forschungs­stand in der System­bio­logie, der das mensch­liche Geschlecht nicht mehr als binär beschreibt, sondern als komplexes Netz verschie­dener gene­ti­scher, hormo­neller, und sozialer Faktoren konzep­tua­li­siert. Das ist der Forschungs­stand, der die Exis­tenz von inter, trans und nicht-binären Menschen auch biolo­gisch validiert.

Im Inter­view stellt die Biologin diesem Konzept ihr „Faktum“ der Zwei­ge­schlecht­lich­keit des Menschen gegen­über. Es gäbe grosse und kleine Gameten: Frau und Mann. Inter­se­xu­elle Menschen hätten einen Geburts­fehler und trans Menschen würden natür­lich unwi­der­ruf­lich ihrem jewei­ligen Geburts­ge­schlecht ange­hören. Diese sehr eindeu­tige, sehr verein­fa­chende Sicht auf das mensch­liche Geschlecht sagt weniger über die Biologie des Menschen als über die wissen­schaft­liche Sozia­li­sa­tion von Frau Nüsslein-Volhard aus. Denn einer­seits war ihre Haupt­schaf­fens­phase in den 1970er und 1980er Jahren (in der es das Feld der System­bio­logie noch nicht gab), und ande­rer­seits fokus­sierte sich ihre Forschung auf Modell­orga­nismen wie Zebra­fi­sche und Fruchtfliegen.

Der wich­tigste Modell­orga­nismus der Biologie, die Droso­phila mala­no­gaster („Frucht­fliege“); Quelle: researchgate.net

Zebra­fi­sche; Quelle: mpg.de

In der histo­ri­schen und philo­so­phi­schen Wissen­schafts­for­schung wird ein derar­tiges Vorgehen als biolo­gi­scher Reduk­tio­nismus bezeichnet. Anhänger dieser erkennt­nis­theo­re­ti­schen und metho­do­lo­gi­schen Posi­tion berufen sich darauf, dass die Gesamt­heit eines Faktums genau dann hinrei­chend erklärt ist, wenn seine einzelnen Bestand­teile auf der Mikro­ebene bekannt sind – etwa im Frucht­flie­gen­mo­dell. Die Über­tra­gung bzw. „Hoch­ska­lie­rung“ dieser reduk­tio­nis­ti­schen Sicht (sowie deren Ergeb­nisse) in andere und komple­xere Zusam­men­hänge kann zu erheb­li­chen erkennt­nis­theo­re­ti­schen und ethi­schen Problemen führen – etwa dann, wenn es um die Frage der Exis­tenz und Akzep­tanz von trans Menschen geht oder um die Suche nach einem „natür­li­chem Familienmodell“.

Im inter­dis­zi­pli­nären Feld der System­bio­logie, welches erst nach der Haupt­schaf­fens­phase von Frau Nüsslein-Volhard entstand, wird hingegen davon ausge­gangen, dass eine voll­stän­dige Erklä­rung sowohl auf nied­ri­gere als auch höhere System­ebenen Bezug nehmen muss. Dies meint, dass in der Biologie ein lebendes System erst dann voll­ständig verstanden werden kann, wenn wir sowohl dessen interne biolo­gi­sche Bestand­teile und Struk­turen als auch dessen Bezie­hungen zur internen und externen Umwelt kennen. Dies ist wichtig für unser Verständnis des Menschen, auch in seiner Geschlecht­lich­keit und deren Varia­tionen. Anders als beim Frucht­flie­gen­mo­dell müssen beim Menschen die verschie­denen chemisch-biologischen Ebenen und die soziale Ebene zusam­men­ge­dacht werden. Anders als es der poli­ti­sierte biolo­gi­sche Reduk­tio­nismus des Maga­zins Emma oder trans­feind­liche, selbst­er­nannte „Feminist*innen“ behaupten, ist das biolo­gi­sche Geschlecht beim Menschen aus system­bio­lo­gi­scher Perspek­tive sehr komplex. Es ist nicht einfach eine Gege­ben­heit, sondern entsteht in komplexem Wech­sel­spiel aus dem gene­ti­schen Geschlecht (1), dem morpho­lo­gi­schen Geschlecht (u.a. Geni­ta­lien und Gameten) (2), der sexu­ellen Orien­tie­rung (3), der Geschlechts­iden­tität (4), sowie dem Ausdruck des eigenen Geschlechts­emp­fin­dens (5) einer Person, wie es beispiels­weise der Neuro­wis­sen­schaftler Steven Novella unlängst prägnant darge­legt hat.

Geschlecht – komplex gedacht

Natür­lich leugnet keine im Feld der System­bio­logie forschende Person die Bina­rität von Gameten. Sexualwissenschaftler*innen, Systembiolog*innen und Wissenschaftsforscher*innen verweisen jedoch darauf, dass das mensch­liche Geschlecht jenseits solch einfa­cher Modelle und reduk­tio­nis­ti­scher Erklä­rungen hoch­gradig komplex ist. Der Verweis auf die „geschlecht­liche Viel­falt“ ist folg­lich kein Ausdruck der Leug­nung der Biologie, wie von trans­feind­li­chen Akteuren unter­stellt wird, sondern ein wissen­schaft­lich gebo­tenes Zusam­men­denken verschie­dener geschlechts­be­stim­mender Faktoren. Die Beru­fung auf „nur die Gameten“ als Fest­le­gung mensch­li­cher Geschlechts­zu­ord­nung ist hingegen eine sowohl aus wissen­schaft­li­cher als auch sozialer Perspek­tive unzu­läs­sige Verkür­zung längst vergan­gener Tage.

Dennoch beruft man sich gegen­wärtig auf solch verein­fachte Vorstel­lungen eines Biolo­gismus vergan­gener Tage. Für die rechts-konservativen poli­ti­schen Kommentator*innen des Daily Wire trägt diese zur Festi­gung ihres reak­tio­nären Welt­bilds bei und ist längst zu einem lukra­tiven Geschäft geworden. Der eingangs erwähnte, nur hinter einer Bezahl­schranke zugäng­liche trans­feind­liche Film What is a Woman (2022) bedient alle abwer­tenden Klischees gegen­über trans Menschen, wobei Matt Walsh sich den Nimbus eines ernst­haft fragenden, an wissen­schaft­li­cher Objek­ti­vität inter­es­sierten neutralen Ethno­logen gibt. Dies kommt bei den konser­va­tiven Abonnent*innen des Daily Wire gut an. Gleich­zeitig wirbt Walshs Kollege Ben Shapiro, dass sich „biolo­gi­sche Fakten“ nicht um „Gefühle scheren“, wenn er an Univer­si­täten auftritt und die „Fakti­zität“ der Zwei­ge­schlecht­lich­keit anhand einer engen Auswahl von Daten und akade­mi­schen Stimmen fest­macht. Dieses Mate­rial gibt jedoch keines­wegs den aktu­ellen Diskurs der System­bio­logie und Human­me­dizin um die Bimo­da­lität des mensch­li­chen Geschlechts wieder. Auch werden die Erkennt­nisse der Geschlech­ter­for­schung als „weiches Snow-Flake-Fach“ ausge­klam­mert (oder wie im Fall von Patrick Grzanka lächer­lich gemacht), denn ein verengter biolo­gi­scher Reduk­tio­nismus lässt sich nur schlecht mit inter­dis­zi­pli­närem oder sozial- und geis­tes­wis­sen­schaft­li­chem Denken und Forschen vereinbaren.

Der Slip­pery Slope des „Geschlechts­rea­lismus“

Akteure wie Walsh, Shapiro oder die Redak­tion der Emma zielen darauf ab, die klas­si­sche Ordnung der Welt, wie sie rechts-konservative Akteure herbei­sehnen, zu natu­ra­li­sieren und mit dem Stempel wissen­schaft­li­cher Wahr­heit gegen progres­sive Entwick­lungen zu immu­ni­sieren. Dieses Hand­lungs­muster hat nunmehr seinen Weg in die Stra­te­gien rechts-konservativer Akteure im deut­schen Sprach­raum gefunden. Dies zeigen u.a. der Fall des queer­feind­li­chen Gast­bei­trags in der Welt sowie der insze­nierte Skandal der Verschie­bung des Vortrags der Biolo­gie­dok­to­randin und trans­feind­li­chen Akti­vistin Marie-Luise Voll­brecht an der Humboldt-Universität zu Berlin, welche – so ihre Unterstützer*innen – einfach nur „biolo­gi­sche Fakten vortragen wollte“. Dass diese „Fakten“ eine selek­tive Auswahl der Forschung eines Fach­ge­biets im Wandel darstellen und eine spezi­fi­sche „Ordnung der Welt“ stabi­li­sieren sollen, wird unterschlagen.

Dies stellt den Keim einer poli­ti­sierten „Wissen­schaft“ dar, wie sie seit der „Deut­schen Wissen­schaft“ unter dem NS-Regime nicht mehr gesehen wurde. Es geht darum, das soziale Geschlecht erneut eng an das biolo­gi­sche Geschlecht zu koppeln und biolo­gis­tisch zu bestimmen, was ein „rich­tiger Mann“ oder eine „rich­tige Frau“ ist. Jede*r, der dazwi­schen liegt oder sich derar­tigen Einord­nungen entzieht, wird mithilfe dieser Stra­tegie als gefähr­liche Trans­gres­sion einer „natür­li­chen Ordnung“ markiert.

Wenn die Emma oder die konser­va­tive Welt sich derar­tiger Konzepte und Vorstel­lungen bedienen, indem sie in einem Inter­view mit der Nobel­preis­trä­gerin Chris­tiane Nüsslein-Volhard über eine vermeint­liche „Trans­ideo­logie“ spre­chen, wird deut­lich, dass auch im deut­schen Sprach­raum eine trans­feind­liche Allianz entsteht, bei der die Rechte das epis­te­mo­lo­gi­sche und seman­ti­sche Werk­zeug bereitstellt.

Antitrans-Proteste in Gross­bri­an­nien; Quelle: thetimes.co.uk

Quelle: twitter.com

Wohin derar­tige Alli­anzen führen können, zeigen Entwick­lungen in den USA, wo repu­bli­ka­ni­sche Politiker*innen und rechts-konservative Medien eine Stim­mung erzeugt haben, in der insbe­son­dere trans Frauen als poten­zi­elle Straf­tä­te­rinnen darge­stellt werden, von denen eine angeb­liche Gefahr für cis Frauen und Kinder ausgehen soll. Diese „mora­li­sche Panik“ trägt in vielen Bundes­staaten zu einer juris­ti­schen Repres­sion von trans Rechten bei. So fordern manche Hard­liner wie der repu­bli­ka­ni­sche Poli­tiker Robert Foster mitt­ler­weile offen, trans Menschen mit Erschies­sungs­kom­mandos hinzu­richten. Doch nicht nur trans Menschen sind gefährdet, sondern auch all jene cis Menschen, die sich nicht geschlechts­kon­form verhalten, die viel­leicht ein wenig mehr wie das andere Geschlecht aussehen, oder auch jene, die im Sport Leis­tungen bringen, die man ihnen von aussen betrachtet nicht zutraut. So erlaubt der Bundes­staat Idaho regel­rechte „Geschlech­ter­kon­trollen“, wo sport­lich beson­ders leis­tungs­starke Mädchen im Zwei­fels­fall Geni­tal­un­ter­su­chungen über sich ergehen lassen müssen, um zu beweisen, dass sie dem für ihre Kate­gorie rich­tigem „Geschlecht“ ange­hören. Da der trans­feind­liche Biolo­gismus zugleich „weisse Frau­en­körper“ als Norm zentriert, inklu­sive des Hormon­status, wird auch der Profi­sport zuse­hends rassi­fi­ziert. So wurden die Schwarzen Sport­le­rinnen Chris­tine Mboma und Beatrice Masi­lingi wegen ihrer natür­lich hohen Testo­ste­ron­werte von diversen Wett­kämpfen ausgeschlossen.

Die Durch­set­zung einer biolo­gis­tisch bestimmten Geschlechts­zu­ge­hö­rig­keit würde die Errun­gen­schaften des Femi­nismus um 50 Jahre zurück­setzen und einen gefähr­li­chen Präze­denz­fall für die weitere Einschrän­kung von Frei­heits­rechten schaffen. In diesem Sinne sind die Ziele der soge­nannten „radfems“ im Kern anti­fe­m­ins­tisch und faschistoid.