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Rassismus, Klasse, Brexit, Krise

Von Schweden bis zur Schweiz, von Belgien bis Bulga­rien wird Europa von einer Welle des reak­tio­nären Popu­lismus über­rollt, der nicht weniger als die Restau­ra­tion eines mythi­schen Goldenen Zeit­al­ters souve­räner Natio­nal­staaten fordert, die sich durch eine kultu­relle und ethni­sche Homo­ge­nität auszeichnen. Auch Gross­bri­tan­nien war nicht gegen die Turbu­lenzen gefeit, die durch die jahr­zehn­te­lange, immer noch anhal­tende Krise des Spät­ka­pi­ta­lismus hervor­ge­rufen worden sind. Deren pronon­cier­teste Erschei­nungs­form war der Brexit. Für die Sache des Brexit standen zwei Orga­ni­sa­tionen ein. Einmal Vote Leave, die offi­zi­elle Pro-Brexit Kampagne des rechten Flügels der Konser­va­tiven Partei, mit Boris Johnson als promi­nen­testen Vertreter. Zum anderen die inof­fi­zi­elle Kampagne Leave EU, ange­führt von Nigel Farage, damals Partei­chef der rechts­außen ange­sie­delten UKIP.

Brexit und der kolo­niale Phantomschmerz

Lord Mount­batten, der letzte Vize­könig, entlässt Indien in die Unab­hän­gig­keit, 15.8.1947; Quelle: quora.com

Der entschei­dende Slogan der Vote Leave-Kampagne – „Let’s take back control“ – war in unter­schwel­liger Weise eng mit einer Politik von Empire und „Rasse“ verschränkt. Vertreter der Kampagne wie Boris Johnson verbanden das Brexit-Projekt mit der Wieder­her­stel­lung lang­jäh­riger Verbin­dungen mit den Mitglie­dern des alten Common­wealth wie etwa Kanada, Austra­lien und Neusee­land (sowie den USA). Was viele konser­va­tive Poli­tiker am Brexit anzie­hend fanden, war die Idee einer so wieder­be­lebten „Anglo­s­phere“. Befreit von der EU würde sich Gross­bri­tan­nien erneut auf der Bühne der Welt­po­litik behaupten können. Man muss sich nur die diskur­siven Stra­te­gien von Theresa May anschauen, die in ihrer ersten Rede nach dem Brexit nicht weniger als 19 Mal von einem „wahr­haft globalen Gross­bri­tan­nien“ sprach. In einem Land mit einer Geschichte wie der briti­schen ist es unmög­lich, ein solches „wahr­haft globales Gross­bri­tan­nien“ zu entwerfen, ohne dabei die fest veran­kerten impe­rialen Nach­wehen, die nost­al­gi­sche Suche nach einem verlo­renen Welt­reich zu evozieren, die immer noch das kollek­tive Bewusst­sein signi­fi­kanter Teile der Bevöl­ke­rung bestimmen. Um ein Beispiel dafür zu nennen: Hinter verschlos­senen Türen wurde der Brexit von Regie­rungs­of­fi­zi­ellen als „EMPIRE 2.0“ bezeichnet, und ein konser­va­tiver Minister sprach sogar vom Brexit als „Wieder­erstarken des weissen Commonwealth“.

Ange­sichts dieser Ambi­tionen auf ein neues globales Aben­teuer mit Groß­bri­tan­nien als primus inter pares hätte man erwarten dürfen, dass die Vote Leave-Unter­stützer zumin­dest einige der düsteren Seiten des histo­ri­schen impe­rialen Projektes nicht unter den Tisch kehren – etwa die kolo­niale Unter­drü­ckung und die mate­ri­ellen und psychi­schen Narben, die während der letzten vier Jahr­hun­derte bei betrof­fenen Bevöl­ke­rungen hinter­lassen wurden. Kein einziges Wort wurde jedoch darüber verloren. Es ist viel­mehr das Verschweigen des rassis­ti­schen Erbes der Vergan­gen­heit, welches das neue Empire-Projekt Gross­bri­tan­niens so anzie­hend und verfüh­re­risch macht.

Die Brexit-Kampagne resul­tierte folg­lich in einem künst­li­chen Bruch zwischen Gross­bri­tan­niens histo­ri­scher Vergan­gen­heit und seiner mögli­chen Zukunft. Die Vote Leave-Kampagne war in mehr­fa­cher Hinsicht ein Beispiel für das, was der briti­sche Kultur­wis­sen­schaftler Paul Gilroy „post­ko­lo­niale Melan­cholie“ genannt hat – eine kunst­voll fabri­zierte Erzäh­lung von denje­nigen und für dieje­nigen, die bis heute den Verlust des Empire und die daran anschlies­sende Vermin­de­rung des globalen Pres­tiges nicht verkraftet haben, die der briti­sche Staat seit der Deko­lo­ni­sie­rung erfahren hat. Der Kultur­theo­re­tiker Stuart Hall brachte dies einst tref­fend auf den Punkt: „Die Flagge des Kolo­nia­lismus mag in jeder Ecke der Welt einge­holt worden sein, aber sie weht immer noch im [briti­schen] kollek­tiven Unbewussten“.

Brexit als Stra­tegie des insu­laren Nationalismus

Parallel zu diesen Phan­ta­sien einer Wieder­her­stel­lung Gross­bri­tan­niens als globalem Hegemon entwi­ckelte sich jedoch auch ein anderes Bündel von Narra­tiven, wie sie vor allem die Schlüs­sel­fi­guren der zweiten, der inof­fi­zi­elle Brexit-Kampagne (Leave EU) arti­ku­liert hatten. Deren Vision war die von einem insu­laren briti­schen Natio­na­lismus – „Britain for the British“. Ihr Kern­thema war die Migra­tion. Laut Nigel Farage hatte die EU Gross­bri­tan­nien grossen Schaden zuge­fügt, indem sie eine unkon­trol­lierte Einwan­de­rung geför­dert habe, mit der Konse­quenz der Herab­drü­ckung des Lohn­ni­veaus. Die Brexit-Forderungen, „unsere Grenzen“, „unsere Demo­kratie“ und „unser „Land“ zurück­zu­be­kommen, waren unter­legt mit der „rassi­fi­zierten“ Vorstel­lung, der Zugang „Uner­wünschter“ sei zu verhin­dern, um Gross­bri­tan­nien wieder „sicher“ zu machen.

Nigel Farage im Abstim­mungs­kampf; Quelle: irishtimes.com

Ihren Höhe­punkt erreichte die Kampagne in den letzten Tagen vor dem Refe­rendum, als Farage vor dem inzwi­schen berüch­tigten „Belastungsgrenzen“-Plakat posierte, das Flücht­linge aus dem Mitt­leren Osten zeigte, die an den Grenzen Europas „Schlange stehen“. Das Bild wirkte, so wie viele der dama­ligen Kommen­tare, wie aus dem Archiv des Natio­nal­so­zia­lismus entnommen. Die Über­schrift dazu lautete: „Wir müssen uns von der EU befreien und die Kontrolle zurück­holen.“ Anders als bei den ausgrei­fenden impe­rialen Phan­ta­sien der offi­zi­ellen Vote Leave-Kampagne handelte es sich hier um eine Rück­zugs­vi­sion – eine Insel, die die Zugbrücke hochzieht.

Xeno­phober Slogan während des Abstim­mungs­kampfes; Quelle: namibiasun.com

Das „Belastungsgrenzen“-Plakat kann in einem weiteren Sinne nur vor dem Hinter­grund einer länger­fris­tigen Entwick­lung verstanden werden, in der Einwan­de­rung während des letzten Jahr­hun­derts poli­ti­siert und mit Vorstel­lungen von „Rasse“ unter­legt worden ist. Das gesamte 20. Jahr­hun­dert hindurch, von der Ankunft jüdi­scher Einwan­derer aus dem zaris­ti­schen Russ­land bis hin zur Einwan­de­rung kari­bi­scher und asia­ti­scher Migranten, gab es stets eine klas­sen­über­grei­fende Koali­tion sozialer Kräfte, die sich gegen migran­ti­sche Präsenz in Gross­bri­tan­nien rich­tete. Egal, ob sie als Nicht-Christen galten (etwa im Fall der Juden) oder als nicht-weiss (im Fall der asia­ti­schen kari­bi­schen Einwan­derer), die briti­sche Nation ist lange derart konstru­iert worden, dass ihre Grenzen in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung auch als „Rasse“-Grenzen erschienen sind.

Schlag­zeilen des Daily Mail; Quelle: twitter.com

Und das war es auch, was die Leave-Unter­stützer im Unter­schied zur Mehr­heit der libe­ralen Medien verstanden hatten: Eben weil die Geschichte der Einwan­de­rung im Laufe der Zeit so durch und durch von Rassismen durch­setzt war, konnte ein Vorrat von unbe­wusstem Rassismus mit Hilfe einer entspre­chend kodierten Sprache leicht akti­viert werden. Auf diese Weise waren Poli­tiker wie Farage in der Lage, sich auf einer formalen Ebene den Gesetzen des Post-Rassismus zu beugen, während sie gleich­zeitig ihrer Zuhö­rer­schaft signa­li­sierten, dass mit ihnen die Chancen am besten stünden, das alte Projekt einer weissen und christ­li­chen Nation zu verfolgen.

Was daher das Brexit-Wahlergebnis verdeut­licht, sind zwei mitein­ander verfloch­tene, jeweils „rassi­fi­zierte“, dabei jedoch wider­sprüch­liche Visionen: Einer­seits eine impe­riale, expan­sio­nis­ti­sche Phan­tasie, ande­rer­seits der Rückzug auf die Insel. Und falls es noch einer Bestä­ti­gung bedarf, dass der Brexit tatsäch­lich innig mit Fragen von „Rasse“ verbunden ist, dann wird diese von jener Welle von rassis­ti­schem Hass gelie­fert, der in den Tagen und Wochen nach der Abstim­mung entfes­selt wurde. Eine Unter­su­chung, die im Juli letzten Jahres publi­ziert wurde, spricht von 6’000 rassis­ti­schen Über­griffen, die dem National Police Chiefs Council in den vier Wochen nach dem Refe­rendum ange­zeigt worden sind. In den vier Tagen nach Bekannt­gabe der Brexit-Ergebnisse stieg die Rate von rassis­ti­schen Verbre­chen um 57%.

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Wider­stands­stra­te­gien und multi­eth­ni­scher Alltag

Der Rassismus im Post-Brexit-Grossbritannien ist nicht nur fest veran­kert im Phan­tom­schmerz des Empire, sondern auch im struk­tu­rellen Nieder­gang, den Gross­bri­tan­nien seit Beginn des Neoli­be­ra­lismus in den späten 1970er Jahren durch­lebt. Dieser Nieder­gang war begleitet von einer Nieder­lage: und zwar der Nieder­lage der Arbei­ter­be­we­gung und der sozialen Bewe­gungen in den 1980er Jahren, welche eine entlang ethni­scher und regio­naler Linien aufge­split­terte Arbei­ter­schaft hinter­liess. Und schliess­lich war die Nieder­lage unter That­cher noch von einem weiteren Verlust gekenn­zeichnet: nämlich dem Verlust alter­na­tiver Rahmungen von Wider­stand, einschliess­lich solcher, durch die sich die Arbei­ter­klasse wieder als multi­eth­nisch verfasst hätte denken lassen.

Heute haben die Aussicht (und die Realität) der Abstiegs­mo­bi­lität bereits zu kollek­tiven Ängsten und Verlus­ter­fah­rungen geführt, die mit einer Politik des Ressen­ti­ments bewirt­schaftet werden. Obwohl der Abstieg alle Gruppen der Lohn­ab­hän­gigen trifft und inso­fern gewis­ser­massen ein „multi­eth­ni­sches“ Phänomen ist, wird er immer wieder durch einen von Rassismen geprägten Rahmen inter­pre­tiert und daher von Teilen der Lohn­ab­hän­gigen auch zuneh­mend mit einem hitzigen engli­schen Natio­na­lismus beantwortet.

In diesem Kontext ist jenes wirk­mäch­tige Deutungs­muster entstanden, das die weisse Arbei­ter­schaft als die eigent­liche Verlie­rerin, ja das eigent­liche „Opfer“ der Globa­li­sie­rung ansieht. Diese Erzäh­lung über­sieht dabei noto­risch die Tatsache, dass die Arbei­ter­schaft in Gross­bri­tan­nien seit langem multi­eth­nisch ist und dass gerade ihre „auslän­di­schen“ und „migran­ti­schen“ Teile beson­ders hart von Spar­po­litik und wirt­schaft­li­chem Nieder­gang betroffen sind.

Wider­stand gegen Hate Crimes; Quelle: aljazzera.com

Der briti­sche Kultur­theo­re­tiker Raymond Williams hat einmal bemerkt: „Wirk­liche Radi­ka­lität besteht eher darin, Hoff­nung als möglich erscheinen zu lassen, und nicht darin, die Verzweif­lung als über­zeu­gend hinzu­nehmen.“ Wo also liessen sich die Quellen der Hoff­nung verorten? Wir möchten an dieser Stelle zwei Elemente einer mögli­chen Wider­stands­kultur skiz­zieren. Erstens: Bei vielen Mino­ri­täten in England finden sich immer noch Erin­ne­rungen an Formen des bis in die 1980er Jahre hinein prak­ti­zierten kollek­tiven Wider­stands. Jeder Kampf gegen eine alles Fremde ausschlies­sende Veren­gung von English­ness kommt nicht umhin, all dieje­nigen einzu­schliessen, die unmit­telbar von Rassismus betroffen sind.

Und zwei­tens gibt vor allem die unab­weis­bare Tatsache des heutigen multi­eth­ni­schen Zusam­men­le­bens in einem ganz alltäg­li­chen Sinne Anlass zur Hoff­nung. Unsere unter­schied­li­chen Reali­täten sind heut­zu­tage, um es einfach zu sagen, stärker denn je mitein­ander verflochten. Laut den Daten des Office for National Statis­tics von 2011 lebt nahezu jede zehnte Person in England und Wales in einer soge­nannten „gemischten Bezie­hung“, und annä­hernd die Hälfte von ihnen stammt aus der weissen Mehr­heits­be­völ­ke­rung. Der Nieder­gang einer kollek­ti­vis­ti­schen Kultur, der die neoli­be­rale Ära bestimmt hat, war zugleich von der Entste­hung eines multi­kul­tu­rellen Alltags­le­bens begleitet, insbe­son­dere unter der jüngeren Generation.

Dieje­nigen, die heute unter 35 Jahre alt sind, sind zudem im Wind­schatten der anti­ras­sis­ti­schen Kämpfe der 1970er und 1980er Jahre aufge­wachsen. Sie erlebten ein Gross­bri­tan­nien, das von ganz realen Errun­gen­schaften der anti­ras­sis­ti­schen Bewe­gung geprägt wurde (man denke etwa an gleiche Arbeits­be­din­gungen für alle, die multi­kul­tu­relle Erzie­hung in den Schulen, eine etablierte anti­ras­sis­ti­sche Öffent­lich­keit usw.). Obwohl viele diese Errun­gen­schaften im Zuge der Spar­pro­gramme der gegen­wär­tigen Regie­rung zurück­ge­fahren werden, sind ihre Auswir­kungen gerade in der Leich­tig­keit spürbar, mit der viele junge Menschen in ihrem Alltag mit dem multi­eth­ni­schen Zusam­men­leben umgehen, so insbe­son­dere im urbanen England, wo die grosse Mehr­heit der briti­schen Mino­ri­täten lebt. In dieser Hinsicht wirken die anti­ras­sis­ti­schen Siege der Vergan­gen­heit in der Gegen­wart fort, wenn auch unter völlig verän­derten poli­ti­schen Bedingungen.

Diese multi­kul­tu­relle Sensi­bi­lität des Alltags­le­bens stand – im poli­ti­schen Sinne – bisher noch nicht auf dem Prüf­stand. Es ist daher noch über­haupt nicht klar, wie dauer­haft dieser in den anti­ras­sis­ti­schen Kämpfen vergan­gener Jahr­zehnte entstan­dene, gelebte Multi­kul­tu­ra­lismus sein wird, vor allem ange­sichts des Aufstiegs der rassis­ti­schen Rechten und dem lang­fris­tigen Rückzug anti­ras­sis­ti­scher Infra­struk­turen.  Es ist fünf Minuten vor Zwölf.

 

Aus dem Engli­schen von Gesine Krüger und Gleb Albert. Der Beitrag basiert auf einem Aufsatz, den die Autoren im August 2017 in der Fach­zeit­schrift „Ethnic and Racial Studies“ publi­ziert haben.