Rassismus, Klasse, Brexit, Krise

Der Brexit wurde von zwei verschiedenen Kampagnen herbeigeführt: „Vote Leave“ der Konservativen und „Leave EU“ der Rechtsaussen-Partei UKIP. Doch egal, ob es sich um die Forderung nach nationaler Abschottung oder um die Phantasien eines „Empire 2.0“ handelte – in beiden Fällen spielte Rassismus eine entscheidende Rolle.



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Von Schweden bis zur Schweiz, von Belgien bis Bulgarien wird Europa von einer Welle des reaktionären Populismus überrollt, der nicht weniger als die Restauration eines mythischen Goldenen Zeitalters souveräner Nationalstaaten fordert, die sich durch eine kulturelle und ethnische Homogenität auszeichnen. Auch Grossbritannien war nicht gegen die Turbulenzen gefeit, die durch die jahrzehntelange, immer noch anhaltende Krise des Spätkapitalismus hervorgerufen worden sind. Deren prononcierteste Erscheinungsform war der Brexit. Für die Sache des Brexit standen zwei Organisationen ein. Einmal Vote Leave, die offizielle Pro-Brexit Kampagne des rechten Flügels der Konservativen Partei, mit Boris Johnson als prominentesten Vertreter. Zum anderen die inoffizielle Kampagne Leave EU, angeführt von Nigel Farage, damals Parteichef der rechtsaußen angesiedelten UKIP.

Brexit und der koloniale Phantomschmerz

Der entscheidende Slogan der Vote Leave-Kampagne – „Let’s take back control“ – war in unterschwelliger Weise eng mit einer Politik von Empire und „Rasse“ verschränkt. Vertreter der Kampagne wie Boris Johnson verbanden das Brexit-Projekt mit der Wiederherstellung langjähriger Verbindungen mit den Mitgliedern des alten Commonwealth wie etwa Kanada, Australien und Neuseeland (sowie den USA). Was viele konservative Politiker am Brexit anziehend fanden, war die Idee einer so wiederbelebten „Anglosphere“. Befreit von der EU würde sich Grossbritannien erneut auf der Bühne der Weltpolitik behaupten können. Man muss sich nur die diskursiven Strategien von Theresa May anschauen, die in ihrer ersten Rede nach dem Brexit nicht weniger als 19 Mal von einem „wahrhaft globalen Grossbritannien“ sprach. In einem Land mit einer Geschichte wie der britischen ist es unmöglich, ein solches „wahrhaft globales Grossbritannien“ zu entwerfen, ohne dabei die fest verankerten imperialen Nachwehen, die nostalgische Suche nach einem verlorenen Weltreich zu evozieren, die immer noch das kollektive Bewusstsein signifikanter Teile der Bevölkerung bestimmen. Um ein Beispiel dafür zu nennen: Hinter verschlossenen Türen wurde der Brexit von Regierungsoffiziellen als „EMPIRE 2.0“ bezeichnet, und ein konservativer Minister sprach sogar vom Brexit als „Wiedererstarken des weissen Commonwealth“.

Angesichts dieser Ambitionen auf ein neues globales Abenteuer mit Großbritannien als primus inter pares hätte man erwarten dürfen, dass die Vote Leave-Unterstützer zumindest einige der düsteren Seiten des historischen imperialen Projektes nicht unter den Tisch kehren – etwa die koloniale Unterdrückung und die materiellen und psychischen Narben, die während der letzten vier Jahrhunderte bei betroffenen Bevölkerungen hinterlassen wurden. Kein einziges Wort wurde jedoch darüber verloren. Es ist vielmehr das Verschweigen des rassistischen Erbes der Vergangenheit, welches das neue Empire-Projekt Grossbritanniens so anziehend und verführerisch macht.

Die Brexit-Kampagne resultierte folglich in einem künstlichen Bruch zwischen Grossbritanniens historischer Vergangenheit und seiner möglichen Zukunft. Die Vote Leave-Kampagne war in mehrfacher Hinsicht ein Beispiel für das, was der britische Kulturwissenschaftler Paul Gilroy „postkoloniale Melancholie“ genannt hat – eine kunstvoll fabrizierte Erzählung von denjenigen und für diejenigen, die bis heute den Verlust des Empire und die daran anschliessende Verminderung des globalen Prestiges nicht verkraftet haben, die der britische Staat seit der Dekolonisierung erfahren hat. Der Kulturtheoretiker Stuart Hall brachte dies einst treffend auf den Punkt: „Die Flagge des Kolonialismus mag in jeder Ecke der Welt eingeholt worden sein, aber sie weht immer noch im [britischen] kollektiven Unbewussten“.

Brexit als Strategie des insularen Nationalismus

Parallel zu diesen Phantasien einer Wiederherstellung Grossbritanniens als globalem Hegemon entwickelte sich jedoch auch ein anderes Bündel von Narrativen, wie sie vor allem die Schlüsselfiguren der zweiten, der inoffizielle Brexit-Kampagne (Leave EU) artikuliert hatten. Deren Vision war die von einem insularen britischen Nationalismus – „Britain for the British“. Ihr Kernthema war die Migration. Laut Nigel Farage hatte die EU Grossbritannien grossen Schaden zugefügt, indem sie eine unkontrollierte Einwanderung gefördert habe, mit der Konsequenz der Herabdrückung des Lohnniveaus. Die Brexit-Forderungen, „unsere Grenzen“, „unsere Demokratie“ und „unser „Land“ zurückzubekommen, waren unterlegt mit der „rassifizierten“ Vorstellung, der Zugang „Unerwünschter“ sei zu verhindern, um Grossbritannien wieder „sicher“ zu machen.

Ihren Höhepunkt erreichte die Kampagne in den letzten Tagen vor dem Referendum, als Farage vor dem inzwischen berüchtigten „Belastungsgrenzen“-Plakat posierte, das Flüchtlinge aus dem Mittleren Osten zeigte, die an den Grenzen Europas „Schlange stehen“. Das Bild wirkte, so wie viele der damaligen Kommentare, wie aus dem Archiv des Nationalsozialismus entnommen. Die Überschrift dazu lautete: „Wir müssen uns von der EU befreien und die Kontrolle zurückholen.“ Anders als bei den ausgreifenden imperialen Phantasien der offiziellen Vote Leave-Kampagne handelte es sich hier um eine Rückzugsvision – eine Insel, die die Zugbrücke hochzieht.

Das „Belastungsgrenzen“-Plakat kann in einem weiteren Sinne nur vor dem Hintergrund einer längerfristigen Entwicklung verstanden werden, in der Einwanderung während des letzten Jahrhunderts politisiert und mit Vorstellungen von „Rasse“ unterlegt worden ist. Das gesamte 20. Jahrhundert hindurch, von der Ankunft jüdischer Einwanderer aus dem zaristischen Russland bis hin zur Einwanderung karibischer und asiatischer Migranten, gab es stets eine klassenübergreifende Koalition sozialer Kräfte, die sich gegen migrantische Präsenz in Grossbritannien richtete. Egal, ob sie als Nicht-Christen galten (etwa im Fall der Juden) oder als nicht-weiss (im Fall der asiatischen karibischen Einwanderer), die britische Nation ist lange derart konstruiert worden, dass ihre Grenzen in der öffentlichen Wahrnehmung auch als „Rasse“-Grenzen erschienen sind.

Und das war es auch, was die Leave-Unterstützer im Unterschied zur Mehrheit der liberalen Medien verstanden hatten: Eben weil die Geschichte der Einwanderung im Laufe der Zeit so durch und durch von Rassismen durchsetzt war, konnte ein Vorrat von unbewusstem Rassismus mit Hilfe einer entsprechend kodierten Sprache leicht aktiviert werden. Auf diese Weise waren Politiker wie Farage in der Lage, sich auf einer formalen Ebene den Gesetzen des Post-Rassismus zu beugen, während sie gleichzeitig ihrer Zuhörerschaft signalisierten, dass mit ihnen die Chancen am besten stünden, das alte Projekt einer weissen und christlichen Nation zu verfolgen.

Was daher das Brexit-Wahlergebnis verdeutlicht, sind zwei miteinander verflochtene, jeweils „rassifizierte“, dabei jedoch widersprüchliche Visionen: Einerseits eine imperiale, expansionistische Phantasie, andererseits der Rückzug auf die Insel. Und falls es noch einer Bestätigung bedarf, dass der Brexit tatsächlich innig mit Fragen von „Rasse“ verbunden ist, dann wird diese von jener Welle von rassistischem Hass geliefert, der in den Tagen und Wochen nach der Abstimmung entfesselt wurde. Eine Untersuchung, die im Juli letzten Jahres publiziert wurde, spricht von 6’000 rassistischen Übergriffen, die dem National Police Chiefs Council in den vier Wochen nach dem Referendum angezeigt worden sind. In den vier Tagen nach Bekanntgabe der Brexit-Ergebnisse stieg die Rate von rassistischen Verbrechen um 57%.

Widerstandsstrategien und multiethnischer Alltag

Der Rassismus im Post-Brexit-Grossbritannien ist nicht nur fest verankert im Phantomschmerz des Empire, sondern auch im strukturellen Niedergang, den Grossbritannien seit Beginn des Neoliberalismus in den späten 1970er Jahren durchlebt. Dieser Niedergang war begleitet von einer Niederlage: und zwar der Niederlage der Arbeiterbewegung und der sozialen Bewegungen in den 1980er Jahren, welche eine entlang ethnischer und regionaler Linien aufgesplitterte Arbeiterschaft hinterliess. Und schliesslich war die Niederlage unter Thatcher noch von einem weiteren Verlust gekennzeichnet: nämlich dem Verlust alternativer Rahmungen von Widerstand, einschliesslich solcher, durch die sich die Arbeiterklasse wieder als multiethnisch verfasst hätte denken lassen.

Heute haben die Aussicht (und die Realität) der Abstiegsmobilität bereits zu kollektiven Ängsten und Verlusterfahrungen geführt, die mit einer Politik des Ressentiments bewirtschaftet werden. Obwohl der Abstieg alle Gruppen der Lohnabhängigen trifft und insofern gewissermassen ein „multiethnisches“ Phänomen ist, wird er immer wieder durch einen von Rassismen geprägten Rahmen interpretiert und daher von Teilen der Lohnabhängigen auch zunehmend mit einem hitzigen englischen Nationalismus beantwortet.

In diesem Kontext ist jenes wirkmächtige Deutungsmuster entstanden, das die weisse Arbeiterschaft als die eigentliche Verliererin, ja das eigentliche „Opfer“ der Globalisierung ansieht. Diese Erzählung übersieht dabei notorisch die Tatsache, dass die Arbeiterschaft in Grossbritannien seit langem multiethnisch ist und dass gerade ihre „ausländischen“ und „migrantischen“ Teile besonders hart von Sparpolitik und wirtschaftlichem Niedergang betroffen sind.

Der britische Kulturtheoretiker Raymond Williams hat einmal bemerkt: „Wirkliche Radikalität besteht eher darin, Hoffnung als möglich erscheinen zu lassen, und nicht darin, die Verzweiflung als überzeugend hinzunehmen.“ Wo also liessen sich die Quellen der Hoffnung verorten? Wir möchten an dieser Stelle zwei Elemente einer möglichen Widerstandskultur skizzieren. Erstens: Bei vielen Minoritäten in England finden sich immer noch Erinnerungen an Formen des bis in die 1980er Jahre hinein praktizierten kollektiven Widerstands. Jeder Kampf gegen eine alles Fremde ausschliessende Verengung von Englishness kommt nicht umhin, all diejenigen einzuschliessen, die unmittelbar von Rassismus betroffen sind.

Und zweitens gibt vor allem die unabweisbare Tatsache des heutigen multiethnischen Zusammenlebens in einem ganz alltäglichen Sinne Anlass zur Hoffnung. Unsere unterschiedlichen Realitäten sind heutzutage, um es einfach zu sagen, stärker denn je miteinander verflochten. Laut den Daten des Office for National Statistics von 2011 lebt nahezu jede zehnte Person in England und Wales in einer sogenannten „gemischten Beziehung“, und annähernd die Hälfte von ihnen stammt aus der weissen Mehrheitsbevölkerung. Der Niedergang einer kollektivistischen Kultur, der die neoliberale Ära bestimmt hat, war zugleich von der Entstehung eines multikulturellen Alltagslebens begleitet, insbesondere unter der jüngeren Generation.

Diejenigen, die heute unter 35 Jahre alt sind, sind zudem im Windschatten der antirassistischen Kämpfe der 1970er und 1980er Jahre aufgewachsen. Sie erlebten ein Grossbritannien, das von ganz realen Errungenschaften der antirassistischen Bewegung geprägt wurde (man denke etwa an gleiche Arbeitsbedingungen für alle, die multikulturelle Erziehung in den Schulen, eine etablierte antirassistische Öffentlichkeit usw.). Obwohl viele diese Errungenschaften im Zuge der Sparprogramme der gegenwärtigen Regierung zurückgefahren werden, sind ihre Auswirkungen gerade in der Leichtigkeit spürbar, mit der viele junge Menschen in ihrem Alltag mit dem multiethnischen Zusammenleben umgehen, so insbesondere im urbanen England, wo die grosse Mehrheit der britischen Minoritäten lebt. In dieser Hinsicht wirken die antirassistischen Siege der Vergangenheit in der Gegenwart fort, wenn auch unter völlig veränderten politischen Bedingungen.

Diese multikulturelle Sensibilität des Alltagslebens stand – im politischen Sinne – bisher noch nicht auf dem Prüfstand. Es ist daher noch überhaupt nicht klar, wie dauerhaft dieser in den antirassistischen Kämpfen vergangener Jahrzehnte entstandene, gelebte Multikulturalismus sein wird, vor allem angesichts des Aufstiegs der rassistischen Rechten und dem langfristigen Rückzug antirassistischer Infrastrukturen.  Es ist fünf Minuten vor Zwölf.

 

Aus dem Englischen von Gesine Krüger und Gleb Albert. Der Beitrag basiert auf einem Aufsatz, den die Autoren im August 2017 in der Fachzeitschrift „Ethnic and Racial Studies“ publiziert haben.