Rassismus ist nicht nur eine Frage der Hautfarbe und erschöpft sich nicht in Dichotomien. Wer den deutschen Rassismus verstehen möchte, darf das östliche Europa nicht vergessen.

  • Hans-Christian Petersen ist Osteuropahistoriker. Bis Ende März 2022 hat er eine Gastprofessur für „Migration und Integration der Russlanddeutschen“ am Institut für Migrationsforschung und interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück inne. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE) in Oldenburg. 2019 erschien von ihm „An den Rändern der Stadt? Soziale Räume der Armen in St. Petersburg (1850-1914)“.
  • Jannis Panagiotidis ist Historiker und Migrationsforscher. Seit 2020 ist er wissenschaftlicher Leiter des Research Center for the History of Transformations (RECET) an der Universität Wien (www.recet.at). 2021 erschien von ihm im Beltz Juventa Verlag das Buch Postsowjetische Migration in Deutschland – eine Einführung.

Ende Januar dieses Jahres sorgte die Schau­spie­lerin und Enter­tai­nerin Whoopi Gold­berg für Aufsehen. In der Sendung The View und später in der Late Show with Stephen Colbert behaup­tete sie, im Holo­caust sei es nicht um „Rasse“ (race) gegangen. Als Begrün­dung führte sie an, dass dort „two white groups of people“ aufein­an­der­ge­troffen seien: „They [the Nazis] had issues with ethni­city, not with race, because most of the Nazis were white people, and most of the people they were attacking were white people. So to me, I’m thin­king, how can you say it’s about race if you’re figh­ting each other. … I said, this wasn’t racial. This was about white on white.

Für Whoopi Gold­berg scheint es offen­sicht­lich, dass es bei „race“ unwei­ger­lich um Haut­farbe geht. Der Holo­caust sei daher „white on white“, oder, wie sie es ausdrückt, eine Frage von „ethni­city“ – der US-amerikanische Begriff zur Unter­schei­dung zwischen Gruppen glei­cher Haut­farbe. Die Ermor­dung von Weißen durch Weiße könne nichts mit Rassismus zu tun haben.

Obwohl es nur in diesem Fall für einen Skandal sorgte, steht Whoopi Gold­berg mit dieser Ansicht beileibe nicht allein. „Rassismus gegen Weiße“ gebe es nicht, so heißt es in aktu­ellen post­ko­lo­nialen und anti­ras­sis­ti­schen Diskus­sionen apodik­tisch immer wieder. Promi­nent vertrat das WDR-Wissenschaftsmagazin Quarks jüngst diese These. Rassismus, heißt es dort, sei mit extremer Gewalt verbunden, die sich in histo­ri­schen Ereig­nissen wieder­finde: „Skla­ven­handel, Kolo­nia­li­sie­rung, Völker­mord. In der Geschichte gab es jedoch keine vergleich­baren Prozesse, die sich in dieser Art auf Weiße ausge­wirkt haben.“ 

„Whiteness“ als Zirkelschluss 

Wenn es keinen Völker­mord gegen Weiße gab, was aber war dann der Holo­caust? Ein häufig ange­brachtes Argu­ment in diesem Zusam­men­hang lautet, dass die Opfer in den Augen ihrer Verfolger nicht „weiß“ gewesen seien. So argu­men­tierte auch die Mode­ra­torin Sara Haines in The View, als sie Gold­berg entgeg­nete, dass die Nazis ihre Opfer „nicht als weiß ange­sehen“ hätten. Und auch die Kolum­nistin Samira El-Ouassil schrieb im Spiegel als Entgeg­nung auf Gold­bergs Einlas­sungen, dass ein Rassist einen Juden nicht als weiß akzep­tieren würde. „Denn: Die Kate­gorie weiß hängt nicht von der Haut­farbe ab, sondern ist ein Konstrukt. […] Was Gold­berg also ausblendet, ist, dass Juden von Rassisten willent­lich nicht als weiß ange­sehen werden, sobald sie um die jüdi­sche Iden­tität einer Person wissen.“ 

Dieses konstruk­ti­vis­ti­sche Verständnis von Haut­farbe mag auf den ersten Blick einleuch­tend klingen, nicht zuletzt, da es aus der Erkenntnis hervor­geht, dass „Rassen“ eben nichts „Natür­li­ches“ sind, sondern soziale Konstrukte. Wenn aber Opfer von Rassismus a priori als „nicht-weiß“ (unab­hängig von ihrer phäno­ty­pi­schen Haut­farbe) defi­niert werden, dann führt dies unwei­ger­lich in einen logi­schen Zirkel­schluss und ist hinsicht­lich der histo­ri­schen wie heutigen Erschei­nungs­formen von Rassismus deut­lich unter­kom­plex. Die Aussage „Es gibt keinen Rassismus (oder gar: keinen Genozid) gegen Weiße“ ist dann zwangs­läufig immer korrekt. Einen Erkennt­nis­ge­winn bringt das nicht. 

Nun ist für die US-Debatte, aus der der Fokus auf die Kate­gorie „whiteness“ hervor­geht, das Erbe der „color line“ zwei­fellos konsti­tutiv. Für das Verständnis des deut­schen Rassismus ist ein solches dicho­tomes Verständnis aber nicht ausrei­chend. Das bedeutet natür­lich nicht, dass antisch­warzer Rassismus in der deut­schen Geschichte und Gegen­wart nicht rele­vant wäre – dafür liefert z.B. Wulf D. Hund in seiner lesens­werten Studie Wie die Deut­schen weiß wurden reich­lich Anschau­ungs­ma­te­rial. Hund zeigt aber auch, dass sich die Konstruk­tion der Kate­gorie „Rasse“ im deut­schen Kontext nicht in Dicho­to­mien erschöpfte und nicht nur unter Bezug auf Haut­farbe erfolgte. Das gilt auch für den Holo­caust, für den er prägnant konsta­tiert: „Für den natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Anti­se­mi­tismus war ‚weiß‘ kein Diffe­renz­be­griff.“ Ohne hier auf die veräs­telte Diskus­sion des Verhält­nisses von Anti­se­mi­tismus und Rassismus näher eingehen zu können, sollte an sich unstrittig sein, dass Anti­se­mi­tismus den Kern des Holo­caust darstellt und dass er sich nicht in Kate­go­rien von „White“ vs. „Non-White“ erklären lässt.

Die Deut­schen und der „Osten“

Neben den frap­pie­renden Verkür­zungen bei der Analyse des Geno­zids am euro­päi­schen Judentum führt die einfache trans­na­tio­nale Über­tra­gung von Begriffen und Konzepten auf die jüngere deut­sche Geschichte und Gegen­wart auch zu einem massiven blinden Fleck in Bezug auf Osteu­ropa und osteu­ro­päi­sche Menschen. Durch das Igno­rieren der deut­schen Gewalt­ge­schichte im Osten des Konti­nents und die Gleich­set­zung von Deut­schen und Osteuropäer:innen in der heutigen Täter­ka­te­gorie „weiß“ wird ein zentrales Kapitel der Geschichte des deut­schen Kolo­nia­lismus und Rassismus ausge­blendet und den betrof­fenen Menschen die Aner­ken­nung ihrer Erfah­rungen mit Rassismus versagt – in der post­ko­lo­nialen Debatte ansonsten zurecht ein abso­lutes No-Go.

Das Othe­ring Osteu­ropas begann schon mit der Aufklä­rung, die die Region über­haupt erst als solche erfand. „Osteu­ropa“ galt im west­li­chen Denken als „Europe but not Europe“, wie Larry Wolff es formu­liert hat. Eine Art Zwischen­welt zwischen Okzi­dent und Orient, vermeint­lich gekenn­zeichnet durch Rück­stän­dig­keit und Barbarei. Ähnliche Befunde hat Maria Todo­rova zu Südost­eu­ropa bzw. dem „Balkan“ vorgelegt. 

Deutsch­land stellt hierbei aufgrund seiner langen Verflechtungs- und Expan­si­ons­ge­schichte mit und im östli­chen Europa einen beson­ders rele­vanten Fall dar. Ein hier­ar­chi­sie­render Blick und kultu­ra­lis­ti­sches Othe­ring bildeten eine Konstante im deut­schen Diskurs im ‚langen‘ 19. Jahr­hun­dert. Promi­nentes Beispiel sind die Debatten in der Frank­furter Pauls­kirche 1848/49: In der Meis­ter­erzäh­lung der deut­schen Demokratie- und Natio­nal­ge­schichte ein fester Erin­ne­rungsort, zeugen die Proto­kolle der Reden zugleich von einem zutiefst kolo­nialen Blick auf ‚den Osten‘. Nicht nur die Provinz Posen oder Böhmen, sondern ein sehr weit gefasster ‚Raum‘ bis ans Schwarze Meer wurden von einer großen, frak­ti­ons­über­grei­fenden Mehr­heit als ‚deut­scher Osten‘ verein­nahmt, den es in einer mission civi­li­satrice kultu­rell und tatsäch­lich zu erobern gelte. Ein anderes, brei­ten­wirk­sames Beispiel ist Gustav Frey­tags Erfolgs­roman Soll und Haben (1855), der stereo­type Bilder unfä­higer Pol:innen in der kollek­tiven Wahr­neh­mung verankerte. 

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Der deut­sche Blick nach Osten radi­ka­li­sierte und rassi­fi­zierte sich im Kaiser­reich. Das Reichs- und Staats­an­ge­hö­rig­keits­ge­setz von 1913 kodi­fi­zierte diskri­mi­nie­rende Poli­tiken in Bezug auf Aufent­halts­mög­lich­keiten und Natu­ra­li­sie­rungs­op­tionen von Zuwanderer:innen aus dem östli­chen Europa. Seine restrik­tiven Rege­lungen verhin­derten noch Jahr­zehnte später die Einbür­ge­rung der „Gastarbeiter:innen“ aus dem Mittel­meer­raum. Die germa­ni­sie­rende Sied­lungs­po­litik in den polni­schen Teilungs­ge­bieten Preu­ßens („Ostmark“) ist ebenso ein Ausdruck des zuneh­mend kolo­nialen deut­schen Verhält­nisses zum „Osten“ wie das „Land Ober Ost“ des Ersten Welt­kriegs und der in der Weimarer Zeit propa­gierte „Grenz­ko­lo­nia­lismus“ sowie die „Grenz­land­ar­beit“. Wichtig ist in diesem Zusam­men­hang zudem die Entste­hung der soge­nannten „Ostfor­schung“, die die wissen­schaft­liche Exper­tise für Kolo­ni­sa­ti­ons­pläne lieferte. Die Radi­ka­li­sie­rung des Antis­la­wismus geschah hierbei im Zusam­men­spiel mit anderen Diskri­mi­nie­rungs­formen gegen­über Bewohner:innen der Groß­re­gion, insbe­son­dere mit dem Anti­se­mi­tismus (Feind­bilder der „Ostjuden“ und des „jüdi­schen Bolsche­wismus“) und dem Antiziganismus. 

Der „Gene­ral­plan Ost“ des NS-Regimes und die Vernich­tungs­herr­schaft in den besetzten Gebieten Osteu­ropas stellten die Kulmi­na­tion solcher rassis­ti­schen Hier­ar­chi­sie­rungen und Expan­si­ons­pro­jekte dar. Neben der jüdi­schen Bevöl­ke­rung, die in der Shoah ermordet wurde, war der slawi­schen Bevöl­ke­rung die Rolle von rassisch minder­wer­tigen Sklaven zuge­wiesen („slawi­sche Unter­men­schen“). Die enormen Opfer­zahlen unter der Zivil­be­völ­ke­rung in der Sowjet­union, in Polen und in Südost­eu­ropa sind nur vor diesem rassis­ti­schen Hinter­grund zu verstehen, erin­nert sei nur an die hier­zu­lande nach wie vor wenig beach­tete Blockade Lenin­grads: Über eine Million Menschen verhun­gerten und erfroren in der Stadt, weil sie aus Sicht der Deut­schen „über­flüs­sige Esser“ waren, die Platz machen sollten für die „Germa­ni­sie­rung‘“. Ein anderes Beispiel ist die Behand­lung der Millionen soge­nannten „Ostar­beiter“, die im Deut­schen Reich unter unmensch­li­chen Bedin­gungen Zwangs­ar­beit verrich­teten. Ihre geson­derte Kenn­zeich­nung mit dem Aufnäher „Ost“ und das Verbot sexu­eller Bezie­hungen mit der „arischen“ Bevöl­ke­rung lassen sich ange­messen nur als rassis­tisch beschreiben. 

Keine „Stunde Null“

Diese Geschichte ist bekannt. Ihre Rele­vanz für die Zeit nach 1945 wird jedoch selten gesehen. Doch es gab keine ‚Stunde Null‘. Die gezielt gegen Osteu­ropa gerich­tete Kompo­nente des Anti­kom­mu­nismus in der Zeit des Kalten Krieges sowie Schimpf­worte und Witze über osteu­ro­päi­sche Zuwanderer:innengruppen, die vor allem nach 1989 eine erneute Konjunktur erlebten („Polen­witze“), zeigen an, dass antis­la­wi­scher und antio­st­eu­ro­päi­scher Rassismus nicht mit dem Unter­gang des Natio­nal­so­zia­lismus endeten. Die immer noch häufig anzu­tref­fende Täter­be­schrei­bung „osteu­ro­päi­sches Erschei­nungs­bild“ ist zudem ein deut­li­ches Indiz dafür, dass dies auch mit äußer­li­chen Zuschrei­bungen einhergeht.

Vor dem anti­öst­li­chen Ressen­ti­ment waren auch die vermeint­lich privi­le­gierten Migra­ti­ons­gruppen der ethnisch deut­schen Spätaussiedler:innen und jüdi­schen Kontin­gent­flücht­linge nicht gefeit. Sie erlebten, wie so viele als ‚östlich‘ gele­sene Menschen, beruf­liche Dequa­li­fi­zie­rung und fanden und finden sich in der deut­schen Arbeits­hier­ar­chie weit unten in der Lager­lo­gistik oder als Reini­gungs­kräfte wieder. Sie erfuhren Diskri­mi­nie­rung aufgrund ihres Akzents, ihrer Nach­namen oder weil zuhause anders gekocht wurde und bekamen im Zwei­fels­fall die Wohnung nicht, für die sie sich bewarben. Erfah­rungen von Abwer­tung, die sie mit anderen migran­ti­schen Gruppen und Menschen in der Bundes­re­pu­blik verbindet. Weshalb es nur folge­richtig und ange­messen wäre, sie auch gemeinsam zu denken und anzuerkennen.

Der Blick auf die derzei­tigen Debatten ergibt jedoch leider ein anderes Bild: Die Erfah­rungen der Menschen aus dem östli­chen Europa werden entweder gar nicht gesehen oder rela­ti­viert, indem sie als nicht-rassistisch moti­viert einsor­tiert werden. Für die Proble­matik stereo­typer Darstel­lungen von Osteuropäer:innen fehlt oft jede Sensi­bi­lität. Der histo­ri­sche Blick zeigt, in welcher Konti­nuität eine solche Haltung steht: Über ‚den Osten‘ wissen wir entweder nichts, oder wenn doch, dann werden die mit ihm verbun­denen Perspek­tiven nicht als gleich­wertig aner­kannt. Die Tradi­ti­ons­li­nien sind frap­pie­rend und werden auch nicht dadurch besser, dass sie jetzt in Gestalt eines sich kritisch begrei­fenden Diskurses daher­kommen. Wer wissen möchte, wie die Nicht-Anerkennung der Erfah­rungen rassis­ti­scher Diskri­mi­nie­rung von Betrof­fenen wahr­ge­nommen wird, kann dies bei Twitter und Insta­gram nach­lesen oder in einem der einschlä­gigen Podcast­for­mate nachhören.

Bei den Diskus­sionen über antio­st­eu­ro­päi­schen Rassismus werden auch schnell die Grenzen der Vermit­tel­bar­keit des konstruk­ti­vis­ti­schen Verständ­nisses von „Whiteness“ deut­lich. In den Debatten auf Social Media werden die Kate­go­rien in aller Regel nach wenigen Posts mit äußer­li­chen Zuschrei­bungen gleich­ge­setzt. Whoopi Gold­berg steht auch hier nicht alleine mit ihrer Annahme, dass es bei „Rasse“ um Haut­farbe ginge. Wenn wir auf eine Termi­no­logie bestehen, die alles in Farb­ka­te­go­rien von „weiß“ und „nicht-weiß“/„of color“ fasst, dann tragen wir aktiv zu dieser Verwir­rung bei. 

Zudem gehen bei einer Redu­zie­rung aller Rassismen auf ein Gegen­satz­paar die Diffe­ren­zie­rungen verloren: Haut­farbe stellt im Alltag den primären und offen­sicht­li­chen Marker für rassis­ti­sche Diskri­mi­nie­rung dar, entspre­chend erfahren Menschen, die schon rein äußer­lich als ‚anders‘ wahr­ge­nommen werden können, häufiger und direkter Rassismus als solche, für die das ‚auf den ersten Blick‘ nicht gilt. Diese Diffe­ren­zie­rung tut not, analy­tisch wie aus Sicht der Betrof­fenen. Sie kann aber nur getroffen werden, wenn wir Rassismus nicht auf eine allum­fas­sende Dicho­tomie verkürzen. Nicht alle gesell­schaft­li­chen Hier­ar­chien und Konflikte lassen sich in Farb­ka­te­go­rien beschreiben, und trotzdem können sie rassis­tisch sein. Samira El-Ouassil brachte das in ihrer schon erwähnten Spiegel-Kolumne gut auf den Punkt: „Wir begreifen alle, dass der soge­nannte Polen­witz rassis­tisch ist, obwohl die meisten Polen erstmal als weiß gelesen werden könnten.“

Wie weiter?

Wie könnte ein anderer, histo­risch adäquater und nicht ausschlie­ßender Umgang mit dem Thema „Rassismus“ aussehen? Es wäre sicher schon viel gewonnen, wenn Essen­tia­lismen und Dicho­to­mien über­wunden würden und es Konsens darüber gäbe, dass es nicht um Erinnerungs- oder Opfer­kon­kur­renz gehen darf. Wichtig ist zudem Ambi­gui­täts­to­le­ranz: Menschen in und aus Osteu­ropa können Rassist:innen sein und ihn trotzdem selbst erleiden. Gerade die Dynamik zwischen dem Erleiden und dem Ausüben von rassis­ti­scher Diskri­mi­nie­rung in hier­ar­chisch orga­ni­sierten, diversen Gesell­schaften gilt es zu begreifen: der Weg zur Akzep­tanz in der Domi­nanz­ge­sell­schaft führt unter Umständen über eine eigene rassis­ti­sche Praxis.

Die Analyse rassis­ti­scher Kate­go­rien und Prak­tiken bedarf der Kontex­tua­li­sie­rung und Offen­heit zur Wahr­neh­mung und Aner­ken­nung ihrer jewei­ligen Spezi­fika. Gerade in Bezug auf Menschen aus Osteu­ropa gibt es hierzu ein breites Reper­toire, das in der Geschichte begründet liegt. Daher müssen wir zur Analyse des deut­schen Rassismus diesen „Rassismus gegen Weiße“ sehr ernst nehmen – ein Rassismus, der die Menschen nicht trifft, weil sie ‚weiß‘ sind, sondern weil andere rassis­ti­sche Hier­ar­chi­sie­rungen äußer­lich ‚weiße‘ Menschen treffen. Weshalb uns, entspre­chend der in der gegen­wär­tigen Debatte oft und zurecht betonten Rele­vanz des „kolo­nialen Erbes“ Deutsch­lands für heutige rassis­ti­sche Diskurse und Prak­tiken, der Blick auf das Nach­wirken des entspre­chenden kolo­nialen Erbes im östli­chen Europa – eine „Osterwei­te­rung der Erin­ne­rung“ (Mark Terkes­sidis) und damit auch der Rassis­mus­de­batte – als über­fällig und beson­ders notwendig erscheint.

 

Jannis Panagio­tidis und Hans-Christian Petersen arbeiten aktuell an einer Mono­grafie zur Geschichte und Gegen­wart des antio­st­eu­ro­päi­schen Rassismus, die im Beltz Juventa Verlag erscheinen wird.
  • Hans-Christian Petersen ist Osteuropahistoriker. Bis Ende März 2022 hat er eine Gastprofessur für „Migration und Integration der Russlanddeutschen“ am Institut für Migrationsforschung und interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück inne. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE) in Oldenburg. 2019 erschien von ihm „An den Rändern der Stadt? Soziale Räume der Armen in St. Petersburg (1850-1914)“.
  • Jannis Panagiotidis ist Historiker und Migrationsforscher. Seit 2020 ist er wissenschaftlicher Leiter des Research Center for the History of Transformations (RECET) an der Universität Wien (www.recet.at). 2021 erschien von ihm im Beltz Juventa Verlag das Buch Postsowjetische Migration in Deutschland – eine Einführung.