Putin für Blinde

Putins Selbstdarstellungen verblüffen immer wieder aufs Neue. Sie sind ebenso glaubwürdig wie sowjetische Abenteuerfilme und kitschig wie amerikanische B-Movies – und gerade deshalb finden sie in Russland ihr Publikum.



Artikel URL: https://geschichtedergegenwart.ch/putin-fuer-blinde/

Jeden Abend gehe ich meiner schlechten Gewohnheit nach, die russischen Nachrichten im Internet zu lesen. Ich surfe dabei auf den beliebten Nachrichtenseiten wie gazeta.ru, lenta.ru oder newsru.com. Wie überall auf der Welt mischen sich skurrile Schlagzeilen aus dem Inland mit Katastrophenmeldungen aus dem Ausland und werden zu einem unheimlichen Gewirbel aus bizarren Todesfällen und Verbrechen, absurden naturwissenschaftlichen Entdeckungen, Lebenschroniken von orthodoxen Geistlichen und Filmstars: „Zwei sich küssende Schülerinnen wurden von einem Zug überfahren“, „Magellansche Wolken verschwinden bald“, „Die Lomonossov-Universität hat den Schimmelpilz bekämpft“, „Die Katzen des Soloveckij-Klosters möchten getauft werden“, „Eine Oma hat einen Eisbären mit einer Schaufel erschlagen“.

Das einzige, was in diesem Nachrichten- und Sprachgewirr mit schöner Regelmäßigkeit auftaucht, und zwar mehrmals pro Tag, ist ein Bild von Vladimir Putin. Diese Stabilität wird der Definition des russischen Präsidenten als eines „Garanten“ gerecht, die Boris Jelzin 1993 in die Verfassung einführte: In den russischen Medien dienen die vertauschbaren Bezeichnungen „Präsident“, „Garant“ und „Putin“ als eine Art Versicherung der gesellschaftlichen Ordnung: Solange man diesen Wörtern begegnet, wird das Staatsschiff von Katastrophen, die aus dem Westen herüberwehen, und von der inländischen fünften Kolonne nicht vom Kurs abgelenkt.

Ursprünglich hieß es sogar, dass der Präsident der Russischen Föderation ein „Garant des Grundgesetzes“ (Garant konstitutcii) sei. Das heißt derjenige, der die „rechtmäßige Ausführung des Grundgesetzes garantiert“. Doch mit Putin verschwand im Alltagsgebrauch aus dieser Formulierung das Wort „Grundgesetz“ wieder, wie mit ihm auch die Idee verschwand, dass das Grundgesetz für alle gelte, also auch für den „Garanten“ selbst. Stehen blieb nur der „Garant“. Er ersetzt das Gesetz. In den Augen der Mehrheit der Russen darf und soll dieser „Garant“ die „Ordnung“ und „Stabilität“ nicht nur in Russland, sondern über die Grenzen Russlands hinaus gewährleisten.

Die täglich in der Presse auftauchenden Bilder von Putin sind inzwischen auch fester Bestandteil des russischen Alltags außerhalb der Medien. Sie hängen in den Büros von russischen Bürokraten und Oligarchen, in der Provinz sogar im Herrgottswinkel neben der Ikone. Und doch: Es handelt sich nicht um eine Wiederholung des Personenkults, wie man ihn aus der sowjetischen Geschichte kennt. Die Bilder von Putin sind zur Unterhaltung und zum Kauf bestimmt: Sie schmücken iPad-Hüllen und exklusive goldene iPhones, sie sind auf T-Shirts und auf billigen, in China gefertigten Porzellan-Bechern aufgedruckt. Sie sind Teil einer Merchandisingstrategie des politischen Systems, das sich zwischen globalem neoliberalem Markt und rechtsnationalem, zur Archaik tendierendem Traditionalismus bewegt.

Geht man davon aus, dass die Selbstdarstellungen von politischen Führungsfiguren auch die Besonderheiten des Systems widerspiegeln, dann ist Putin ein visuelles Aushängeschild seines eigenen politischen Kurses: Seine Inszenierungen überblenden die Vitalität und den Glanz des Konsumkapitalismus mit der Sehnsucht nach einer idealisierten, ja korrigierten und verfälschten sowjetischen und orthodoxen Vergangenheit.

Putin als Parvenü und Abenteurer

Die gängigen Narrative von Putins Leben folgen einer bestimmten Formel, die schon das sowjetische Lesepublikum liebte: Es ist die Geschichte vom Parvenü, einem einfachen Mann, der durch eine Reihe von glücklichen Zufällen an die Spitze der Macht gelangt. Ein Narrativ, das man in den Romanen Victor Hugos, Stendhals und Émile Zolas findet und das auch der russischen Kultur nicht fremd ist, wenn man an den spektakulären Aufstieg des Fürsten Potemkin denkt, dem legendären Erfinder der „potemkinschen Dörfer“: gemalten Dekorationen, hinter denen sich miserable Zustände und Zerfall verbergen.

Diese Parvenü-Figur wird durch die stereotypen Elemente einer anderen literarischen Gattung, nämlich der Abenteuerliteratur, ergänzt. Putin, der aus der Meerestiefe eine antike Amphore holt, Putin, der auf einem Pferd durch die Taiga reitet, Putin, der in einem U-Boot in die Untiefen des Baikal-Grabens abtaucht, Putin, der einen Tiger jagt, Putin, der mit einem Kampfjet den Himmel durchschneidet, Putin auf einem Motorrad, Putin als Hockeyspieler, Putin, der Raketen startet, Putin, der einen weißen Wal jagt, Putin, der verwaisten Nonnenkranichküken das Fliegen beibringt – alle diese Darstellungen sind geläufige Topoi der sowjetischen Abenteuerliteratur, sie erwecken nostalgische Erinnerungen an Bilder aus Abenteuerbüchern, Kindermagazinen und Actionfilmen der Sowjetzeit. Nun werden diese Abenteuerfantasien aus der Jugendzeit der letzten sowjetischen Generation mithilfe von Putin ‚tatsächlich‘ erlebt.

Oft waren die Protagonisten dieser anspruchslosen Romane oder Filme Milizionäre, Militärs oder Agenten des staatlichen Sicherheitsdienstes. In den 1960er und 1970er Jahren wurde dem sowjetischen Kino- und Fernsehzuschauer die „Sicherheitsdienst-Romantik“ schmackhaft gemacht. Dieses Genre, das Ende der 1960er Jahre nach dem „Tauwetter“ entstand, war die reaktionäre Antwort auf die Offenbarungen des XX. Parteitags der KPdSU über die Rolle des Inlandgeheimdienstes NKVD, über den Staatsterror und den Personenkult von Stalin. Die damals gedrehten Filme und Fernsehserien wie Der Irrtum des Gesandten (Ошибка резидента, 1968), Den Treffpunkt darf man nicht ändern (Место встречи изменить нельзя (1979) oder Siebzehn Augenblicke des Frühlings (Семнадцать мгновений весны, 1973), deren Handlungen oft in die Blütezeit der stalinistischen Säuberungen zurückverschoben worden waren, haben den Sicherheitsdienst glorifiziert und zugleich den Terror und die Repressionen unerwähnt gelassen.

Diese Filme imprägnierten das sowjetisch-russische kulturelle Imaginäre mit einer bestimmten Vorstellung von einem NKVD/GRU/KGB-Agenten: Dieser ist sportlich, stark, klug, tapfer, manchmal stürmisch, aber fair, sittlich gefestigt, ehrlich, liebt seine Heimat, kann nichts falsch machen. Die Helden dieser Filme wurden vom Volk geliebt und zum unabdingbaren Bestandteil der sowjetischen Folklore. Ihre Lederjacken, ihre Gebärden und Handlungsweisen wurden gerne imitiert. Es ist bekannt, dass Putin den Protagonisten von Siebzehn Augenblicke des Frühlings, einen charmanten russischen Agenten namens Stierlitz, der in Nazideutschland spioniert, zu seinen Vorbildern zählt. So erscheint es auch nicht seltsam, dass der Präsident die Zahl der westlichen Spione, die in Russland erwischt werden, jedes Jahr selbst verkündet.

Putin für Blinde

Dass Putin nun auch noch für jene sichtbar gemacht werden soll, die nicht sehen können, legt eine weitere absurde Nachricht nahe. Vor drei Wochen berichtete eine Regionalnachrichtenagentur über eine spezielle Bibliothek für Blinde in Krasnojarsk. Für diese wurde ein dreidimensionales Porträt von Putin in Originalgröße aus Plastik angefertigt, damit die Blinden von Krasnojarsk, die en masse den Wunsch geäußert haben sollen, den Präsidenten zu sehen, nun dessen Antlitz ertasten können. Das kuriose Porträt besteht aus zwei Teilen, einer transparenten hohlen Putinmaske, unter der sich dann das gängige offizielle Fotoporträt des Präsidenten befindet. Zwischen beiden Oberflächen herrscht Leere. Sofort wurde dieses für die Blinden in Sibirien bestimmte Bild zu einem Internetphänomen. Es kursierte ebenso wie die szenischen Bilder, die Putin selbst in Auftrag gibt, und wie die unzähligen Meme, die Putins verbale und visuelle Plattitüden ironisch vervielfachen.

Dazu passt auch, dass man für die Blinden keine Büste zum Ertasten erstellt hat, denn es gibt keine offiziellen Putinbüsten. Nicht zuletzt durch dieses Fehlen von Skulpturen werden die Unterschiede zwischen dem Putin’schen Russland und der Sowjetunion evident. Das sowjetische Denkmal war für die Zukunft bestimmt: Ein in Bronze gegossener totalitärer Herrscher schaut nach vorne, um die zukünftige Erinnerung an sich selbst bereits in der Gegenwart zu zementieren. Die Bilder von Putin haben jedoch einen anderen Zweck. In einem Staat, der nicht auf die Zukunft setzt, sondern seine Ideologie auf dem Fundament einer erfundenen Vergangenheit baut, die aus Abenteuerbüchern stammt, sollen die Bilder des Autokraten vor allem eine ‚vitale‘, ja ‚virile‘ Gegenwart erzeugen.

Das Künstliche der Inszenierung

Das kuriose Putinporträt aus der sibirischen Bibliothek ist wie viele andere Darstellungen Putins metareflexiv. Putin hat zwei Gesichter. Hinter einer durchsichtigen, mimetischen Oberfläche, einem transparenten Abbild, gibt es ein anderes Image, ein unerreichbares und unwandelbares, das durch den physischen Kontakt mit den Fingern von Blinden nicht befleckt werden kann. Freilich, die Verdoppelung des Körpers einer Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, sei es eines Stars oder Staatsmanns, ist schon seit langem zum Gemeinplatz der Kulturtheorie geworden. Kantorowiczs These von den zwei Körpern des Königs, einem natürlichen und damit sterblichen, und einem übernatürlichen, der niemals stirbt, wurde immer wieder auf das Prinzip des modernen Herrschers und des Stars übertragen. Putin nutzt das Prinzip des Stars, vor allem des Schauspielerstars, der für gewöhnlich aus einem star-as-image und einem star-as-real-person besteht, und kehrt dieses um. Während der Schauspieler seine Rolle im Film spielt und sein Bild im wirklichen Leben erst noch erzeugen muss, wählt Putin für das wirkliche Leben die Filmrolle. Der ‚natürliche‘ Putin ist der Filmputin, der Putin aus den Abenteuerfilmen oder – wie ihn die Autoren von Memes gerne sehen – ein Actionheld aus amerikanischen B-Movies. Der ‚natürliche‘ Putin ist ebenso eine glatte Oberfläche wie der ‚offizielle‘.

Die Mechanismen der Medieninszenierung, die bei der Produktion von Celebritybildern normalerweise verhüllt sind, sind bei Putinbildern nicht mehr verborgen. Im Gegenteil, sie stellen einen wesentlichen Teil der Oberfläche dar. Die berühmte Scheidungsankündigung des Ehepaars Putin fand im Theater angeblich nach einer Ballett-Performance statt. Das Theaterfoyer war allerdings leer, obwohl die Premiere des Balletts, wenn man den kurz zuvor gezeigten Aufnahmen des Publikums im Zuschauerraum glauben sollte, gut besucht war. Durch die großen Foyerfenster sieht man zudem, wie draußen die Sonne scheint, und trotzdem behauptet die Moderatorin, dass das Präsidentenpaar eine Abendvorstellung besuchte.

„Wie fanden Sie die Vorstellung?“ – erkundigt sich die Journalistin, die eigentlich eine Reportage über die Premiere machen sollte, aber zufälligerweise im Foyer auf die Putins stieß. – „Ich habe den Eindruck, dass unser Ballett eine unglaubliche Größe, eine Perfektion erreicht hat, so leicht und unsichtbar sind die Bewegungen der Akteure auf der Bühne, eine harte Arbeit, die der Zuschauer mit bloßem Auge nicht sehen kann“, antwortet Ljudmila Putina. – „Ja, ja, es ist eine harte Arbeit, die man nicht sehen kann“, erwidert Putin und fügt hinzu: „Meine Frau meint natürlich… die Arbeit der Tänzerin“. – „Wenn ich Sie schon getroffen habe“, setzt die Journalistin fort, „darf ich noch eine Frage stellen? Man sieht Sie beide nicht oft zusammen, es gibt aber Gerüchte… ist etwas mit Ihrer Ehe los?“ – Großaufnahme vom regungslosen Gesicht Putins. – „Meine ganze Tätigkeit“, sagt der Garant nach einer bedeutungsvollen Pause, „meine Arbeit ist mit der Öffentlichkeit verbunden, es gibt aber Menschen, denen diese Öffentlichkeit völlig fremd ist.“ – „Vladimir Vladimirovič gehört der Öffentlichkeit, und mir ist das öffentliche Leben fremd“, wiederholt nach ihm seine Ehefrau.

Nichts an dieser Szene ist glaubwürdig, das zufällige Treffen und die Inszenierung des ‚authentischen‘ Moments sind offensichtlich, das ungelenk Gekünstelte wird nicht verborgen, es wird regelrecht zur Schau gestellt. Der Filmheld spielt seine Rolle schlecht. Aber das macht nichts. Putin adressiert dasjenige russische Publikum, das – wie zu sowjetischen Zeiten – den Kitsch, also das offensichtlich Künstliche liebt, und deswegen überzeugen, nein: verzaubern diese Inszenierungen nicht trotz, sondern aufgrund ihrer mit bloßem Auge sichtbaren Künstlichkeit.