Das US-Justizministerium führt Kartellverfahren gegen mehrere IT-Konzerne. Das Bemühen, die Technologiebranche einzuhegen, reicht bis ins Zeitalter der Lochkarten und hatte historisch einen großen Einfluss auf die Entwicklung von IBM, Microsoft und Apple.

  • Benedikt Neuroth

    Benedikt Neuroth ist Historiker und arbeitet freiberuflich als Autor und Lektor. Sein Buch „Das Private in der Sicherheitsgesellschaft“ ist 2023 bei Vandenhoeck & Ruprecht erschienen.

US-Behörden gehen derzeit verstärkt gegen große Tech­no­lo­gie­kon­zerne vor. Sie wollen verhin­dern, dass IT-Unternehmen mit uner­laubten Prak­tiken Mono­pole festigen. Gerade verhan­delt ein Gericht, ob Google seine Konkur­renz mit unlau­teren Methoden aussticht oder aufgrund tech­ni­scher Finesse den Such­ma­schi­nen­markt domi­niert. Anfang Mai wurden die Schluss­plä­doyers gehalten. Auch gegen Apple läuft ein Verfahren. Im März hat das US-Justizministerium eine Beschwerde gegen das Unter­nehmen bei einem Bundes­be­zirks­ge­richt einge­reicht, mehrere Bundes­staaten haben sich ange­schlossen. Der Vorwurf lautet, dass das Unter­nehmen seine domi­nante Stel­lung miss­brauche, um Wett­be­werber zu benach­tei­ligen und ein unzu­läs­siges Monopol aufzu­bauen. Den Nach­teil trügen Kundinnen und Kunden, die zu hohe Preise zahlten und eine geringe Auswahl hätten. Unter anderem funk­tio­niere eine Smart­watch von Fremd­her­stel­lern mit einem iPhone nur einge­schränkt, bestimmte Apps würden blockiert, Nach­richten anderer Dienste als zweit­klassig behan­delt. Solche Stra­te­gien will die Regie­rung unter­binden: „If left uncha­l­lenged Apple will only continnue to streng­then its smart­phone mono­poly“, sagt Justiz­mi­nister Merrick B. Garland. Apple weist den Vorwurf zurück und spricht von einer mögli­chen Einmi­schung des Staates in das „desig­ning of people’s tech­no­logy.“ Das Kartell­ver­fahren wurde mit Span­nung erwartet, handelt es sich doch um ein Unter­nehmen, dessen Rein­ertrag mit 97 Milli­arden Dollar das Natio­nal­ein­kommen von hundert einzelnen Staaten dieser Erde über­steigt. Gerichte sollen nun klären, ob Apples aktu­elle Vormacht­stel­lung noch auf über­ra­genden Inno­va­tionen oder bereits auf uner­laubten Prak­tiken aufbaut. Handelt es sich um Kunden­bin­dung oder um Kunden­gän­ge­lung? Der Fall erin­nert an histo­ri­sche Verfahren gegen Inter­na­tional Busi­ness Machines aus den 1930ern oder 1960ern und gegen Micro­soft aus den 1990ern.

Das Gilded Age und seine Anti-Kartell-Gesetze

Rechts­grund­lage des aktu­ellen Kartell­ver­fah­rens gegen Apple ist der Sherman Act von 1890. Das Gesetz führt uns also in das Gilded Age, einer Blüte­zeit der US-amerikanischen Gesell­schaft, die einer­seits von Erfin­dungen und einer prospe­rie­renden Wirt­schaft, ande­rer­seits von einer Mono­po­li­sie­rung geprägt war. In der kapi­ta­lis­tisch geprägten Wirt­schaft war es Unter­neh­mern erlaubt, aus eigener Kraft, auf Grund­lage eigener Errun­gen­schaften, kurz ihrer Meriten, eine Vormacht­stel­lung aufbauen. Jedoch wollte der Gesetz­geber verhin­dern, dass diese unter­neh­me­ri­sche Macht das Markt­treiben in eine Schief­lage brachte und sich Mono­pole abschot­teten. Das Land verzeich­nete im Gilded Age ein starkes Bevöl­ke­rungs­wachstum und eine hohe Zuwan­de­rung. Das stellte die zehn­jähr­liche Volks­zäh­lung, ein weiteres bemer­kens­wertes Ereignis im Jahr 1890, vor beson­dere Heraus­for­de­rungen. Hatte sich die Auszäh­lung des voran­ge­gan­genen Zensus noch über Jahre hinge­zogen, machte sich nun der Unter­nehmer und Inge­nieur Herman Holle­rith bereit, die tech­ni­schen Heraus­for­de­rungen zu lösen.

Holle­riths bahn­bre­chende Idee war es, die Ergeb­nisse der Frage­bögen der Volks­zäh­lung auf Loch­karten zu stanzen, anstatt Karten zu beschreiben. Er hielt fest: „As it would be diffi­cult to cons­truct a machine to read such written cards, I prepare cards by punching holes in them.“ Bestimmte Posi­tionen auf den Karten standen für bestimmte Merk­male. Mit Hilfe elek­tri­scher Appa­rate konnten die so präpa­rierten Karten auto­ma­tisch ausge­lesen und schließ­lich gezählt und sortiert werden. Wenn ein Metall­stift eines Lese­ge­räts durch ein Loch stieß, schloss sich ein elek­tri­scher Kreis und ein Relais wurde geschaltet. Eine Beson­der­heit des Geschäfts­mo­dells war es, die Tabel­lier­ma­schinen zu verleihen und nicht zu verkaufen. Schließ­lich mussten diese fach­kundig gewartet werden. Eine weitere Beson­der­heit war es, dass der Verkauf der Loch­karten selbst zu einer wich­tigen Einnah­me­quelle wurde. Die Volks­zäh­lung von 1890 benö­tigte allein stolze 100 Millionen Karten. Holle­rith wollte selbst die Kontrolle über die Herstel­lung behalten. Ein anderer Hersteller setzte sich zunächst mit einem nied­rigen Gebot durch, doch zu Beginn der Auszäh­lung zerrissen die Karten aus minder­wer­tigem Papier und verstopften die Maschinen. Nach dem erfolg­rei­chen Einsatz von Loch­karten bei der Volks­zäh­lung vermark­tete Holle­rith seine Maschinen inter­na­tional. Eine Versi­che­rungs­ge­sell­schaft zählte zu den ersten kommer­zi­ellen Kunden. Auto­ma­ti­sierte Daten­ver­ar­bei­tung entwi­ckelte sich in der modernen Welt zu einem lukra­tiven Geschäfts­feld. Holle­rith verkaufte die von ihm gegrün­dete Firma schließlich.

Frühe Mono­pol­bil­dung und die Recht­spre­chung gegen IBM

Nach einigen Fusionen und Über­nahmen entstand daraus das Unter­nehmen Inter­na­tional Busi­ness Machines (IBM)unter der Führung von Thomas Watson, Sr. Eines der wich­tigsten Geschäfts­felder in den 1920er- und 1930er Jahren waren Loch­kar­ten­ma­schinen. IBM und konkur­rie­rende Firmen über­boten sich gegen­seitig, neue Dienste auf Loch­kar­ten­basis anzu­bieten. Kunden aus Indus­trie und Büro­kratie der Roaring Twen­ties waren erpicht auf auto­ma­ti­sierte Verfahren für Verwal­tungs­auf­gaben. Der Verkauf von Loch­karten selbst blieb dabei ein wich­tiger Pfeiler. Die astro­no­mi­sche Berech­nung von Mond­ta­bellen verschlang beispiels­weise eine halbe Million Karten, ein Geschäft, das die Unter­nehmen nicht gerne aus der Hand gaben. Bald beherrschte IBM fast 90 Prozent des Marktes für Loch­karten, während Remington Rand den verblei­benden Anteil abdeckte. Bauten die Firmen ein künst­li­ches Monopol zum Nach­teil der Kunden auf? Oder ernteten sie bloß die Früchte der Arbeit ihrer unab­läs­sigen Weiter­ent­wick­lungen? Laut Wirt­schafts­his­to­riker James Cortada gingen die Kartell­ge­setze von einem freien Spiel der Markt­kräfte aus, während Tech­no­lo­gie­un­ter­nehmen auf einen hohen Grad an Orga­ni­sa­tion und Kontrolle setzten. Unter­nehmen testeten regel­mäßig ihre Grenzen aus. Cortada schreibt: „The government’s very narrow defi­ni­tion of mono­po­li­stic acti­vity was chal­lenged in each decade by compa­nies that viewed industry acti­vi­ties in much broader terms through multiple inte­grated product lines and whole customer sets.“ Zum offenen Schlag­ab­tausch kam es, als Behörden IBM und andere verklagten und Verträge über die Beschaf­fung von Loch­karten eines bestimmten Anbie­ters anzwei­felten. Während andere Firmen eine Eini­gung anstrebten, ließ es Watson auf einen Prozess ankommen und zog mit IBM schließ­lich vor den Obersten Gerichtshof der USA. Doch im Jahr 1936 unterlag IBM gegen die Verei­nigten Staaten.

Von der Loch­kar­ten­ma­schine über den Personal Computer hin zum Smartphone

Loch­kar­ten­au­to­maten wurden bald vom modernen Computer verdrängt, obgleich sich die Loch­karte selbst noch lange als Spei­cher­me­dium hielt. Wieder gelang es IBM, ein Geschäfts­mo­dell aufzu­bauen, das verschie­dene Dienst­leis­tungen und physi­sche Kompo­nenten inte­grierte. Thomas Watson, Jr., ging mit dem „System 360“ eine riskante Wette ein, deren Miss­erfolg das Unter­nehmen an den Rand des Ruins gebracht hätte. Die Kompo­nenten für den Mainframe-Computer waren gut aufein­ander abge­stimmt und unter­ein­ander kompa­tibel, was das System populär und erfolg­reich machte. Die Vormacht­stel­lung von IBM war den Kartell­be­hörden ein Dorn im Auge, da die Firma fast drei­viertel des Compu­ter­markts beherrschte und angeb­lich Konkur­renten benach­tei­ligte. Es bahnte sich Ende der 1960er Jahre mit United States v. IBM ein Mammut-Prozess an, der über sieben Jahre an 700 Verhand­lungs­tagen geführt wurde und rund hundert­tau­send Seiten an Proto­kollen hervor­brachte. Schließ­lich gab die Regie­rung auf. Der Rechts­wis­sen­schaftler John Lopatka bezeichnet den Fall als the grea­test waste of resources in the history of anti­trust enforce­ment.“ Das Unter­nehmen stand aber weiterhin im Fokus der Behörden. Gebeu­telt von weiteren Kartell­ver­fahren ermög­lichte IBMes schließ­lich einem Vertrags­partner, das Betriebs­system für den Personal Computer selbst zu vermarkten, ein „colossal error“, wie Histo­ri­kerin Deborah Cohen sagt. Das war die Geburts­stunde von Micro­soft.

Bald beherrschte Micro­soft den Markt für PC-Betriebssysteme und hatte auch mit Anwen­der­soft­ware für Büro­ap­pli­ka­tionen Erfolg. Im Zeit­alter des Inter­nets nutzte Micro­soft aller­dings das Betriebs­system, um seinen eigenen Inter­net­browser zum Nach­teil der Konkur­renz zu vermarkten. Aus Sicht der Behörden war dies ein Verstoß gegen den bereits erwähnten Sherman Act. Kartell­be­hörden leiteten ein Verfahren ein, das fast zur Zerschla­gung des Unter­neh­mens in zwei Einheiten geführt hätte, aber mit einer ganzen Reihe von Auflagen endete. Es wirkt wie eine Ironie der Geschichte, dass das damals ange­schla­gene Unter­nehmen Apple ein Gegen­stand des Verfah­rens war. Sein iPod etwa war mit Micro­soft-Systemen noch nicht kompa­tibel. Wie die Kommen­ta­torin Allison Johnson sagt, schuldet Apple dem Justiz­mi­nis­te­rium zwar keine „thank-you card“ dafür, die spätere Entwick­lung des iPhones ermög­licht zu haben – doch geschadet habe das Verfahren gegen Micro­soft dem Konzern gewiss nicht.

Von der Loch­kar­ten­ma­schine bis zum Smart­phone ist es ein weiter Weg, doch besteht ein gewisser Zusam­men­hang zwischen den Fällen. Fast scheint es so, als begüns­tigten Kartell­ver­fahren Inno­va­tionen, brächten aber auch neue Mono­po­listen hervor. Im Wind­schatten der Kartell­ver­fahren gegen IBM erreichte Micro­soft markt­be­herr­schende Größe, im Wind­schatten des Verfah­rens gegen Micro­soft konnte Apple sein Impe­rium ausbauen. Mecha­nismen der Markt­be­herr­schung haben sich gewan­delt. Einige Unter­nehmen im Gilded Age domi­nierten aufgrund ihrer schieren Größe. Hersteller von Büro­be­darf stimmten Zubehör auf ihre eigenen Maschinen ab. Hersteller von Mainframe-Computern entwi­ckelten kompa­tible Peri­phe­rie­ge­räte. Entwickler von Betriebs­sys­temen opti­mierten eigene Soft­ware. Heute schaffen Unter­nehmen auf digi­talen Platt­formen ihre eigenen Markt­plätze. Die Frage ist, ob sie die Regeln zum Wohl der Kundinnen und Kunden oder eher gegen deren Inter­essen gestalten, ob sie Wett­be­werb erlauben oder künst­liche Mono­pole schaffen. Es bleibt abzu­warten, ob die Justiz diese Frage anhand der alther­ge­brachten Gesetze aus dem 19. Jahr­hun­dert klären kann.