Die Frage der Provenienz von Objekten aus kolonialen Kontexten ist kaum mehr aus der Auseinandersetzung um Museen wegzudenken. Dabei spielen die Präsenz post- und dekolonial informierter Debatten, die lauter werdenden Forderungen aus Herkunftsgesellschaften, aber auch das wachsende Bewusstsein eine Rolle, dass insbesondere von den in ganz Europa verstreuten Sammlungen eine Dringlichkeit ausgeht, die nicht einfach wieder verschwinden wird. Gerade die in den letzten Monaten erneut präsenten Diskussionen um die erfolgte Rückgabe der sogenannten „Benin-Bronzen“ dominieren – angefacht durch bisweilen hämisch-besserwisserische Kritik an ihr – die öffentliche Wahrnehmung. So kann der Eindruck entstehen, dass sich eine ungeheure Dynamik entfalte und dass vor allem die Depots ethnologischer Museen vor der Gefahr stünden, bald leergeräumt zu sein.
Angst vor leeren Depots?
Schnell gehen in den Diskussionen zwei Aspekte unter: zum einen, dass Forderungen nach Rückgabe bereits seit den 1960er-Jahren gestellt werden, wie Bénédicte Savoy in ihrem Buch „Afrikas Kampf um seine Kunst“ zuletzt gezeigt hat. In dieser Perspektive ist es also eher erklärungsbedürftig, warum erst jetzt Bewegung in die Debatten und dereinst vielleicht auch in die Depots kommt. Zum anderen steht der in einigen Kreisen formulierten Sorge vor einem Verlust von Kulturgütern die Einsicht entgegen, dass der tiefgreifende Unrechtskontext, innerhalb dessen das „Sammeln“ eben allzu oft stattfand, ein Bekenntnis zur historischen Verantwortung erfordert. Jene Museen, die bereits Objekte restituiert haben, beschreiben diesen Schritt zudem vielmehr als Grundlage für Neues: Für neu geknüpfte Kontakte nämlich, für Austausch, für Kooperationen, ja manchmal sogar für den Erhalt neuer Objekte.

Kurz vor der Rückgabe: Objekte aus Sri Lanka in „Vor aller Augen“, Museum der Kulturen Basel, Mai 2024. Foto: FvB
Die im Juni 2024 aufgrund der im November 2022 von Veddah-Gemeinschaften und der Regierung von Sri Lanka formulierten Forderung erfolgte Rückgabe von 47 Objekten durch das Museum der Kulturen Basel nach Sri Lanka zeigt dies auf eindrückliche Weise: Die restituierten Dinge kommen in den lokalen Gebrauch, sie dienen so der Weitergabe und Aktualisierung von historischem Wissen. Zugleich entstand mit den Objekten eine neue Beziehung zwischen Basel und Dambana, die zu gegenseitigen Besuchen und zum gemeinsamen Lernen über Handwerkspraktiken führte. Auch im weiterhin andauernden Prozess um die Rückkehr des thulu, eines beschnitzten Baumstamms, zu Vertreter:innen der Kamilaroi nach Australien haben sich intensive Forschungen und ein enger Austausch entwickelt, zudem ist als reziproke Gegengabe ein anderer Gegenstand versprochen worden.
Auch wenn sich aus diesen Erfahrungen keine Erwartungshaltung auf Seiten der Museen entwickeln darf und jeder „Fall“ anders sein kann, können solche Prozesse eine mögliche Konsequenz aus Restitutionen sein, und zwar gerade weil hier ein Museum Verantwortung für die historische Involvierung in oder den Nutzen durch koloniale Herrschaft übernommen hat. Die Erfahrungen zeigen auch hier, was in der Debatte oft zu kurz kommt: Dass Restitution nicht als Ereignis anzusehen ist, sondern als ein soziokultureller Prozess, der neue Beziehungen schafft, wie dies etwa der südafrikanische Historiker Ciraj Rassool formuliert hat.
Provenienzforschung postkolonial
Mit den beschriebenen Dynamiken werden also unterschiedliche Aspekte sichtbar, die zu einem differenzierteren Verständnis von Provenienzforschung und Restitution – auch in ihrem Verhältnis zueinander – verhelfen können. Bei Restitution geht es bislang jeweils nur um einzelne Objekte oder begrenzte Konvolute – auch andere Fälle betreffend Sammlungen aus kolonialen Kontexten zeigen dies. Jene Hunderttausende von Dingen hingegen, die im Kontext kolonialer Herrschaft an die europäischen Museen gelangten und über deren genauen Erwerbs- und Aneignungsumstände bis heute allzu oft kaum etwas bekannt ist, zeigen den immensen Forschungsbedarf auf, der noch zu leisten sein wird.
Zugleich verweisen die prall gefüllten Depots auf die Dringlichkeit, mit der Museen – insbesondere in ihrer Eigenschaft als öffentliche Institutionen – Transparenz darüber herstellen müssen, was überhaupt bei ihnen lagert. Dies ist grundlegende Voraussetzung dafür, dass mögliche Nachfahren von Urheber:innen, Vorbesitzer:innen oder andere Anspruch- und Interessengruppen von der Existenz der Sammlungen überhaupt Kenntnis haben. Und es ist ja erst Grundlage für einen Austausch, und eben auch für die Möglichkeit, allenfalls Rückgabeforderungen stellen zu können.
Eine koloniale Geschichte des Nicht-Wissens
Die Museen, die über Bestände aus einem kolonialen Sammlungskontext verfügen, kommunizieren zunehmend offen, wie wenig sie über die Provenienzen dieser Bestände eigentlich wissen. In den letzten Jahren haben Forschungsprojekte in unterschiedlicher Skalierung hier wichtige Grundlagenarbeit geleistet. Ein viel rezipiertes Beispiel ist der von dem internationalen Forschungsteam der TU Berlin und der Université de Dschang erstellte Atlas der Abwesenheit, der erstmals die über 40.000 Objekte verzeichnet, die seit der deutschen Kolonialherrschaft über Kamerun in den Depots von über 45 deutschen Museen lagern – der größte Bestand weltweit. Sie haben gezeigt, wie relevant eine institutionsübergreifende Vernetzung in der Forschung und Aufarbeitung ist – und wie hoch der Bedarf für eine breit ausgreifende Provenienzforschung.
Es schließt sich dann die Frage nach der Öffentlichmachung der Bestände an, um den (Mindest-)Anspruch an Transparenz zu erfüllen: Nur wenige Museen erlauben bisher Einblicke in ihre Datenbanken und machen Sammlungsbestände wie auch Archivalien online find- und durchsuchbar. Dabei ist die digitale Zugänglichkeit ja überhaupt Grundlage für jegliche Interessensgruppen, herauszufinden, wo welche Bestände existieren. Insbesondere in der institutionsübergreifenden Zusammenarbeit werden dabei die Herausforderungen deutlich, die eine adäquate, am besten mehrsprachige Verschlagwortung der Bestände in gemeinsamen Datenbanken zu etablieren mit sich bringt.
Denn nicht nur das Nicht-Wissen über die Objekte zeugt von eurozentristischen Sammlungspraktiken. Auch in den existierenden historischen Beschreibungen – und teilweise noch in heutigen Konzepten – zeigt sich eine koloniale Wissenspraxis, die die Veröffentlichung in Datenbanken vor die Notwendigkeit stellt, rassistische oder abwertende Terminologien nicht zu reproduzieren. Ziel muss es zudem sein, auch vermeintlich neutrale Begriffe wie „Sammeln“ und „Objekt“ oder problematische Kategorien wie „Ethnie“ zu hinterfragen. Kollaborative Projekte zwischen Museen, aber gerade auch im Verbund mit weiteren Interessensgruppen, bieten neben der so relevanten Veröffentlichung also auch die wichtige Chance der gemeinsamen Reflexion der musealen „cataloguing culture“ – also der historischen Praxis der Beschreibung und Klassifikation „anderer Kulturen“ und ihrer begrifflichen Festschreibungen in Inventaren und Datenbanken bis heute.
Transnationale und kollaborative Provenienzforschung
Am bekannten Beispiel der sogenannten Benin-Bronzen zeigt sich weiterhin, was eine transnationale gemeinsame Erforschung von im Kolonialismus geraubten Beständen leisten kann und welche Möglichkeiten deren digitale Zusammenführung eröffnet. Wichtige Impulse in Richtung eines kollaborativen Vorgehens gingen im Schweizer Kontext von der „Benin Initiative Schweiz“ aus, für die sich in bis dahin beispielloser Weise acht Museen zusammengeschlossen haben, um in enger Partnerschaft mit Wissenschaftler:innen aus Nigeria die Herkunft der bei ihnen lagernden Objekte aufzuarbeiten. Dieses Vorgehen ist auch deshalb wegweisend, weil Museen mit ihren unterschiedlichen Trägerschaften bisweilen nur zögerlich zusammenarbeiten. Ein Grund für diese Zögerlichkeit ist eine Standortlogik, die bisweilen von Konkurrenzdenken geprägt ist. Zudem sind die möglichen Fördergefäße auch meist nicht auf derartige Kooperationen ausgerichtet.
Die genannten Beispiele zeigen jedoch, dass Provenienzforschung meist nur institutionsübergreifend Sinn macht. Denn die Bestände sind auf ähnlichen, oft sogar denselben Wegen über den privaten Handel oder über individuelle „Sammler:innen“ – Kolonialbeamte, Missionar:innen, Händler:innen oder Forscher:innen – an verschiedene Museen gelangt oder oft auch unter ihnen weitergegeben worden. Damit kommen bislang wenig beachtete Dimensionen in den Blick, die Fragen der Wirtschafts- und Sozialgeschichte und der Geschichte der Institutionen genauso betreffen können wie solche von materieller Kultur in ihren globalen Verflechtungen. Angesichts der langen Geschichte der Rückgabeforderungen wird zugleich deutlich, dass ohne den Jahrzehnte dauernden zivilgesellschaftlichen und politischen Druck das Thema wohl kaum auf die kulturpolitische Agenda gesetzt worden wäre – weder in Deutschland noch in der Schweiz. Nicht nur Forschungskapazitäten zu bündeln, sondern eben auch Herausforderungen der digitalen Umsetzung gemeinsam anzugehen, ist deshalb bei aller historischen Unterschiedlichkeit der Sammlungen eine Möglichkeit, hier nun endlich auch ganz konkret tätig zu werden.
Auf dem Weg zu einer neuen Haltung
Derart detailreiche Quellen, wie sie die Wege der Benin-Bronzen vom Raubzug britischer Kolonialtruppen in Benin-City 1897 über den Kunstmarkt an die europäischen und nordamerikanischen Museen belegen, gibt es allerdings für kaum eine andere Sammlung. Vielmehr zeigen sich hier die enormen Herausforderungen für aktuelle Provenienzforschungen. Wichtig ist hier ein neues Verständnis von „Sammlungen“ als grundsätzlich mit „kolonialen Kontexten“ verbunden; denn das „Sammeln“ der Objekte war stets von machtvollen Beziehungen, hierarchischen Wissensregimen und allzu oft eben auch von direkter Gewalt geprägt. Die sich hier manifestierende grundlegende Perspektivverschiebung widersetzt sich einfachen Dichotomien zwischen „legitimem Erwerb“ und „illegitimer Aneignung“ oder Raub und interessiert sich stattdessen für jene strukturellen Machtasymmetrien, innerhalb deren sich die historischen Akteur:innen bewegten. Damit kommen die oft widersprüchlichen Geschichten und veränderten Bedeutungszuschreibungen der Objekte in den Blick, die im Zuge ihrer zumeist erzwungenen Mobilität erfolgten.
Seit einigen Jahren wird dieser Zugriff in vielfältigen Projekten der postkolonial informierten Provenienzforschung praktisch umgesetzt. Dabei kann das Ziel weder eine quantifizierbare Übersicht sein, noch kann es um eine „Entlastung“ im Sinne eines Grün-Gelb-Rot-Ampelsystems gehen, das als politisches Instrument aus der NS-Raubkunst-Forschung bekannt ist und das mit seiner Ausdifferenzierung durch das Kunstmuseum Bern im Zuge der Übernahme des Legats Gurlitt seinen Durchbruch hatte. Vielmehr ist der Anspruch ein (erster und angesichts der meist einseitigen Quellenlage stets auch vorläufiger) provenienzhistorischer Überblick über die Bestände.
Ein jüngeres Beispiel hierfür ist das vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderte zweijährige Forschungsprojekt zu einem Konvolut der Sammlungen aus Togo an den Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Mit seinen Erkenntnissen zur engen Verbindung zwischen Museen und dem Projekt kolonialer Expansion und Herrschaft verdeutlicht es auch die Verantwortung, die den Museen bei der Aufarbeitung der kolonialen Geschichte zukommt.
Das seit 2023 laufende Provenienzforschungs-Projekt „Auf dem Prüfstand“ am Museum der Kulturen Basel hingegen zielt auf eine Durchleuchtung der gesamten Sammlung von etwa 340’000 Objekten nach kolonialen Bezügen. Basis dafür ist eine oft erstmalige Recherche in den Museumsbeständen (Archiv, Einlaufbuch, aber auch an den Objekten selber), die durch Forschungen im Umfeld erweitert werden. Ein solches Projekt geht damit nicht von spektakulären Einzelobjekten oder Objektgruppen aus, sondern versteht prinzipiell alles im Depot als relevant und forschungswürdig.
Stärkung einer relationalen Perspektive
Auch wenn die Beschäftigung mit Sammlungen, die auf einen kolonialen Kontext zurückgehen, zunehmend präsenter wird, ist die öffentliche Wahrnehmung in der Schweiz beim Thema Provenienz und Raubkunst weiterhin maßgeblich von NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut geprägt – in den letzten Jahren auch immer wieder angefacht durch die Diskussion um die Sammlung Bührle im Kunsthaus Zürich. Bislang werden die beiden Diskussionen allerdings noch oft getrennt gedacht und geführt. Dabei stellen sie beide die Frage nach vergangenem Unrecht und suchen nach einem verantwortungsvollen Umgang damit – konkret in Museen, aber auch als Gesellschaft überhaupt. Eine Verbindung beider Debatten würde die den Themenkomplex insgesamt prägende Relationalität stärken, sowohl methodisch als auch konzeptionell.
In einer solchen Perspektive stellen die vom Bundesrat beschlossene „Unabhängige Kommission für historisch belastetes Kulturerbe“, die 2024 ihre Arbeit aufnehmen soll, sowie die Ernennung der Kunsthistorikerin Nikola Doll zur Verantwortlichen für Raubkunst und Provenienzforschung im Bundesamt für Kultur Chancen dar. Wenn nun punktuell kritisiert wurde, dass sich im Aufgabenbereich dieser politischen Akteur:innen die Bereiche der NS-Raubkunst und Fragen von Objekten aus kolonialen Kontexten vermischen, dann verkennt dies die Stärke und das Potenzial für die zukünftige Arbeit, die just in diesem relationalen Verständnis liegen kann.
Gerade die Möglichkeit, die aus Expert:innen zusammengesetzte Kommission einseitig anzurufen, stellt einen zentralen Grundpfeiler für ein erfolgreiches zukünftiges Operieren dar. Gemeint ist damit, dass die Kommission tätig werden kann, ohne dass jene Kultureinrichtung ihre Zustimmung dazu geben muss, um deren Sammlungen es geht. Die einseitige Anrufung ist aktuell allerdings Gegenstand einer politischen Debatte und wird derzeit im Parlament verhandelt. Für in kolonialen Kontexten angeeignete oder geraubte Dinge ist diese Frage zentral, gibt es doch – anders als bei verfolgungsbedingten Verlusten in Zusammenhang mit der NS-Herrschaft – bislang keine international greifenden Abkommen oder zwischenstaatliche Erklärungen für den Umgang mit ihnen.
Kooperationen oder Konflikte? Beziehungen!
Für eine zukunftsweisende Debatte wird es wichtig sein, Provenienzforschung und Restitution nicht reflexartig zu verbinden, sondern sie in der forschenden Praxis und vielleicht auch in (museums-)politischen Debatten voneinander zu entkoppeln. Dies nicht in der heimlichen Absicht, geforderte Dinge später dann vielleicht nicht zurückgeben zu müssen; sondern im Wissen, dass die Erforschung der macht- und gewaltvollen Dinggeschichten ein neues (und oft genug erstmaliges) Verständnis für die in den Depots lagernde materielle Kultur ermöglicht. Provenienzforschung ist also ein immer grundlegend offener Prozess, der viel mehr und stets auch anderes ermöglicht, als nur die Frage nach Rückgaben zu beantworten. Konkrete Restitution von Objekten soll und wird allerdings immer ein wichtiger Teil dieser für alle Beteiligten schmerzhaften Auseinandersetzungen bleiben. Für die Institutionen, aber auch für die Gesellschaft als Ganzes gibt es dabei viel zu gewinnen: Wenn wir Restitution nämlich stärker im Sinne eines Prozesses und weniger als Ergebnis oder gar Endpunkt denken, kann es gelingen, neue Verbindungen im Sinne einer „relationalen Ethik“ zu etablieren, die andauern und unabgeschlossen sind. So wird es dann auch nicht primär um „Schuld“ gehen, sondern um eine grundlegende Anerkennung einer Verantwortung und der damit verbundenen Notwendigkeit für konkretes Handeln.
Sehr nachvollziehbare, die Gegenwart und Horizonte öffnende Sichtweisen. Erstaunlich wie ein derart schwieriges Feld gesellschaftliche Relevanz zu finden scheint. Für weitere Felder erhellend inspirierend.