Der Umgang mit Sammlungen aus kolonialen Kontexten wird derzeit kontrovers diskutiert, auch in der Schweiz. Welche Möglichkeiten bietet dies für die Museen, aber auch für die ganze Gesellschaft, eine neue Haltung zu Fragen von Provenienz und Rückgabe einzunehmen?

  • Friedrich von Bose

    Friedrich von Bose ist Kulturanthropologe, Museologe und Kurator und derzeit Senior Researcher am ISEK – Populäre Kulturen der Universität Zürich. Er forscht und lehrt in den Bereichen Museum Studies, politische Anthropologie und Erinnerungspolitik. Er ist Lecturer für Kulturmanagement an der Universität Basel, Jurymitglied des European Museum of the Year Award (EMYA) und Herausgeber von Geschichte der Gegenwart.
  • Konrad Kuhn

    Konrad Kuhn ist Assistenzprofessor für Europäische Ethnologie an der Universität Innsbruck. Er lehrt und forscht zu Kulturerbe, Erinnerungskultur und zur Anthropologie des Politischen.

Die Frage der Prove­nienz von Objekten aus kolo­nialen Kontexten ist kaum mehr aus der Ausein­an­der­set­zung um Museen wegzu­denken. Dabei spielen die Präsenz post- und deko­lo­nial infor­mierter Debatten, die lauter werdenden Forde­rungen aus Herkunfts­ge­sell­schaften, aber auch das wach­sende Bewusst­sein eine Rolle, dass insbe­son­dere von den in ganz Europa verstreuten Samm­lungen eine Dring­lich­keit ausgeht, die nicht einfach wieder verschwinden wird. Gerade die in den letzten Monaten erneut präsenten Diskus­sionen um die erfolgte Rück­gabe der soge­nannten „Benin-Bronzen“ domi­nieren – ange­facht durch bisweilen hämisch-besserwisserische Kritik an ihr – die öffent­liche Wahr­neh­mung. So kann der Eindruck entstehen, dass sich eine unge­heure Dynamik entfalte und dass vor allem die Depots ethno­lo­gi­scher Museen vor der Gefahr stünden, bald leer­ge­räumt zu sein.

Angst vor leeren Depots?

Schnell gehen in den Diskus­sionen zwei Aspekte unter: zum einen, dass Forde­rungen nach Rück­gabe bereits seit den 1960er-Jahren gestellt werden, wie Béné­dicte Savoy in ihrem Buch „Afrikas Kampf um seine Kunst“ zuletzt gezeigt hat. In dieser Perspek­tive ist es also eher erklä­rungs­be­dürftig, warum erst jetzt Bewe­gung in die Debatten und dereinst viel­leicht auch in die Depots kommt. Zum anderen steht der in einigen Kreisen formu­lierten Sorge vor einem Verlust von Kultur­gü­tern die Einsicht entgegen, dass der tief­grei­fende Unrechts­kon­text, inner­halb dessen das „Sammeln“ eben allzu oft statt­fand, ein Bekenntnis zur histo­ri­schen Verant­wor­tung erfor­dert. Jene Museen, die bereits Objekte resti­tu­iert haben, beschreiben diesen Schritt zudem viel­mehr als Grund­lage für Neues: Für neu geknüpfte Kontakte nämlich, für Austausch, für Koope­ra­tionen, ja manchmal sogar für den Erhalt neuer Objekte.

Kurz vor der Rück­gabe: Objekte aus Sri Lanka in „Vor aller Augen“, Museum der Kulturen Basel, Mai 2024. Foto: FvB

Die im Juni 2024 aufgrund der im November 2022 von Veddah-Gemeinschaften und der Regie­rung von Sri Lanka formu­lierten Forde­rung erfolgte Rück­gabe von 47 Objekten durch das Museum der Kulturen Basel nach Sri Lanka zeigt dies auf eindrück­liche Weise: Die resti­tu­ierten Dinge kommen in den lokalen Gebrauch, sie dienen so der Weiter­gabe und Aktua­li­sie­rung von histo­ri­schem Wissen. Zugleich entstand mit den Objekten eine neue Bezie­hung zwischen Basel und Dambana, die zu gegen­sei­tigen Besu­chen und zum gemein­samen Lernen über Hand­werks­prak­tiken führte. Auch im weiterhin andau­ernden Prozess um die Rück­kehr des thulu, eines beschnitzten Baum­stamms, zu Vertreter:innen der Kami­laroi nach Austra­lien haben sich inten­sive Forschungen und ein enger Austausch entwi­ckelt, zudem ist als rezi­proke Gegen­gabe ein anderer Gegen­stand verspro­chen worden.

Auch wenn sich aus diesen Erfah­rungen keine Erwar­tungs­hal­tung auf Seiten der Museen entwi­ckeln darf und jeder „Fall“ anders sein kann, können solche Prozesse eine mögliche Konse­quenz aus Resti­tu­tionen sein, und zwar gerade weil hier ein Museum Verant­wor­tung für die histo­ri­sche Invol­vie­rung in oder den Nutzen durch kolo­niale Herr­schaft über­nommen hat. Die Erfah­rungen zeigen auch hier, was in der Debatte oft zu kurz kommt: Dass Resti­tu­tion nicht als Ereignis anzu­sehen ist, sondern als ein sozio­kul­tu­reller Prozess, der neue Bezie­hungen schafft, wie dies etwa der südafri­ka­ni­sche Histo­riker Ciraj Rassool formu­liert hat.

Prove­ni­enz­for­schung postkolonial

Mit den beschrie­benen Dyna­miken werden also unter­schied­liche Aspekte sichtbar, die zu einem diffe­ren­zier­teren Verständnis von Prove­ni­enz­for­schung und Resti­tu­tion – auch in ihrem Verhältnis zuein­ander – verhelfen können. Bei Resti­tu­tion geht es bislang jeweils nur um einzelne Objekte oder begrenzte Konvo­lute – auch andere Fälle betref­fend Samm­lungen aus kolo­nialen Kontexten zeigen dies. Jene Hundert­tau­sende von Dingen hingegen, die im Kontext kolo­nialer Herr­schaft an die euro­päi­schen Museen gelangten und über deren genauen Erwerbs- und Aneig­nungs­um­stände bis heute allzu oft kaum etwas bekannt ist, zeigen den immensen Forschungs­be­darf auf, der noch zu leisten sein wird.

Zugleich verweisen die prall gefüllten Depots auf die Dring­lich­keit, mit der Museen – insbe­son­dere in ihrer Eigen­schaft als öffent­liche Insti­tu­tionen – Trans­pa­renz darüber herstellen müssen, was über­haupt bei ihnen lagert. Dies ist grund­le­gende Voraus­set­zung dafür, dass mögliche Nach­fahren von Urheber:innen, Vorbesitzer:innen oder andere Anspruch- und Inter­es­sen­gruppen von der Exis­tenz der Samm­lungen über­haupt Kenntnis haben. Und es ist ja erst Grund­lage für einen Austausch, und eben auch für die Möglich­keit, allen­falls Rück­ga­be­for­de­rungen stellen zu können.

Eine kolo­niale Geschichte des Nicht-Wissens

Die Museen, die über Bestände aus einem kolo­nialen Samm­lungs­kon­text verfügen, kommu­ni­zieren zuneh­mend offen, wie wenig sie über die Prove­ni­enzen dieser Bestände eigent­lich wissen. In den letzten Jahren haben Forschungs­pro­jekte in unter­schied­li­cher Skalie­rung hier wich­tige Grund­la­gen­ar­beit geleistet. Ein viel rezi­piertes Beispiel ist der von dem inter­na­tio­nalen Forschungs­team der TU Berlin und der Univer­sité de Dschang erstellte Atlas der Abwe­sen­heit, der erst­mals die über 40.000 Objekte verzeichnet, die seit der deut­schen Kolo­ni­al­herr­schaft über Kamerun in den Depots von über 45 deut­schen Museen lagern – der größte Bestand welt­weit. Sie haben gezeigt, wie rele­vant eine insti­tu­ti­ons­über­grei­fende Vernet­zung in der Forschung und Aufar­bei­tung ist – und wie hoch der Bedarf für eine breit ausgrei­fende Provenienzforschung.

Es schließt sich dann die Frage nach der Öffent­lich­ma­chung der Bestände an, um den (Mindest-)Anspruch an Trans­pa­renz zu erfüllen: Nur wenige Museen erlauben bisher Einblicke in ihre Daten­banken und machen Samm­lungs­be­stände wie auch Archi­va­lien online find- und durch­suchbar. Dabei ist die digi­tale Zugäng­lich­keit ja über­haupt Grund­lage für jegliche Inter­es­sens­gruppen, heraus­zu­finden, wo welche Bestände exis­tieren. Insbe­son­dere in der insti­tu­ti­ons­über­grei­fenden Zusam­men­ar­beit werden dabei die Heraus­for­de­rungen deut­lich, die eine adäquate, am besten mehr­spra­chige Verschlag­wor­tung der Bestände in gemein­samen Daten­banken zu etablieren mit sich bringt.

Denn nicht nur das Nicht-Wissen über die Objekte zeugt von euro­zen­tris­ti­schen Samm­lungs­prak­tiken. Auch in den exis­tie­renden histo­ri­schen Beschrei­bungen – und teil­weise noch in heutigen Konzepten – zeigt sich eine kolo­niale Wissens­praxis, die die Veröf­fent­li­chung in Daten­banken vor die Notwen­dig­keit stellt, rassis­ti­sche oder abwer­tende Termi­no­lo­gien nicht zu repro­du­zieren. Ziel muss es zudem sein, auch vermeint­lich neutrale Begriffe wie „Sammeln“ und „Objekt“ oder proble­ma­ti­sche Kate­go­rien wie „Ethnie“ zu hinter­fragen. Kolla­bo­ra­tive Projekte zwischen Museen, aber gerade auch im Verbund mit weiteren Inter­es­sens­gruppen, bieten neben der so rele­vanten Veröf­fent­li­chung also auch die wich­tige Chance der gemein­samen Refle­xion der musealen „cata­lo­guing culture“ – also der histo­ri­schen Praxis der Beschrei­bung und Klas­si­fi­ka­tion „anderer Kulturen“ und ihrer begriff­li­chen Fest­schrei­bungen in Inven­taren und Daten­banken bis heute.

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Trans­na­tio­nale und kolla­bo­ra­tive Provenienzforschung

Am bekannten Beispiel der soge­nannten Benin-Bronzen zeigt sich weiterhin, was eine trans­na­tio­nale gemein­same Erfor­schung von im Kolo­nia­lismus geraubten Beständen leisten kann und welche Möglich­keiten deren digi­tale Zusam­men­füh­rung eröffnet. Wich­tige Impulse in Rich­tung eines kolla­bo­ra­tiven Vorge­hens gingen im Schweizer Kontext von der „Benin Initia­tive Schweiz“ aus, für die sich in bis dahin beispiel­loser Weise acht Museen zusam­men­ge­schlossen haben, um in enger Part­ner­schaft mit Wissenschaftler:innen aus Nigeria die Herkunft der bei ihnen lagernden Objekte aufzu­ar­beiten. Dieses Vorgehen ist auch deshalb wegwei­send, weil Museen mit ihren unter­schied­li­chen Träger­schaften bisweilen nur zöger­lich zusam­men­ar­beiten. Ein Grund für diese Zöger­lich­keit ist eine Stand­ort­logik, die bisweilen von Konkur­renz­denken geprägt ist. Zudem sind die mögli­chen Förder­ge­fäße auch meist nicht auf derar­tige Koope­ra­tionen ausgerichtet.

Die genannten Beispiele zeigen jedoch, dass Prove­ni­enz­for­schung meist nur insti­tu­ti­ons­über­grei­fend Sinn macht. Denn die Bestände sind auf ähnli­chen, oft sogar denselben Wegen über den privaten Handel oder über indi­vi­du­elle „Sammler:innen“ – Kolo­ni­al­be­amte, Missionar:innen, Händler:innen oder Forscher:innen – an verschie­dene Museen gelangt oder oft auch unter ihnen weiter­ge­geben worden. Damit kommen bislang wenig beach­tete Dimen­sionen in den Blick, die Fragen der Wirtschafts- und Sozi­al­ge­schichte und der Geschichte der Insti­tu­tionen genauso betreffen können wie solche von mate­ri­eller Kultur in ihren globalen Verflech­tungen. Ange­sichts der langen Geschichte der Rück­ga­be­for­de­rungen wird zugleich deut­lich, dass ohne den Jahr­zehnte dauernden zivil­ge­sell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Druck das Thema wohl kaum auf die kultur­po­li­ti­sche Agenda gesetzt worden wäre – weder in Deutsch­land noch in der Schweiz. Nicht nur Forschungs­ka­pa­zi­täten zu bündeln, sondern eben auch Heraus­for­de­rungen der digi­talen Umset­zung gemeinsam anzu­gehen, ist deshalb bei aller histo­ri­schen Unter­schied­lich­keit der Samm­lungen eine Möglich­keit, hier nun endlich auch ganz konkret tätig zu werden.

Auf dem Weg zu einer neuen Haltung

Derart detail­reiche Quellen, wie sie die Wege der Benin-Bronzen vom Raubzug briti­scher Kolo­ni­al­truppen in Benin-City 1897 über den Kunst­markt an die euro­päi­schen und nord­ame­ri­ka­ni­schen Museen belegen, gibt es aller­dings für kaum eine andere Samm­lung. Viel­mehr zeigen sich hier die enormen Heraus­for­de­rungen für aktu­elle Prove­ni­enz­for­schungen. Wichtig ist hier ein neues Verständnis von „Samm­lungen“ als grund­sätz­lich mit „kolo­nialen Kontexten“ verbunden; denn das „Sammeln“ der Objekte war stets von macht­vollen Bezie­hungen, hier­ar­chi­schen Wissens­re­gimen und allzu oft eben auch von direkter Gewalt geprägt. Die sich hier mani­fes­tie­rende grund­le­gende Perspek­tiv­ver­schie­bung wider­setzt sich einfa­chen Dicho­to­mien zwischen „legi­timem Erwerb“ und „ille­gi­timer Aneig­nung“ oder Raub und inter­es­siert sich statt­dessen für jene struk­tu­rellen Macht­asym­me­trien, inner­halb deren sich die histo­ri­schen Akteur:innen bewegten. Damit kommen die oft wider­sprüch­li­chen Geschichten und verän­derten Bedeu­tungs­zu­schrei­bungen der Objekte in den Blick, die im Zuge ihrer zumeist erzwun­genen Mobi­lität erfolgten.

Seit einigen Jahren wird dieser Zugriff in viel­fäl­tigen Projekten der post­ko­lo­nial infor­mierten Prove­ni­enz­for­schung prak­tisch umge­setzt. Dabei kann das Ziel weder eine quan­ti­fi­zier­bare Über­sicht sein, noch kann es um eine „Entlas­tung“ im Sinne eines Grün-Gelb-Rot-Ampelsystems gehen, das als poli­ti­sches Instru­ment aus der NS-Raubkunst-Forschung bekannt ist und das mit seiner Ausdif­fe­ren­zie­rung durch das Kunst­mu­seum Bern im Zuge der Über­nahme des Legats Gurlitt seinen Durch­bruch hatte. Viel­mehr ist der Anspruch ein (erster und ange­sichts der meist einsei­tigen Quel­len­lage stets auch vorläu­figer) prove­ni­enz­his­to­ri­scher Über­blick über die Bestände.

Ein jüngeres Beispiel hierfür ist das vom Deut­schen Zentrum Kultur­gut­ver­luste geför­derte zwei­jäh­rige Forschungs­pro­jekt zu einem Konvolut der Samm­lungen aus Togo an den Staat­li­chen Ethno­gra­phi­schen Samm­lungen Sachsen der Staat­li­chen Kunst­samm­lungen Dresden. Mit seinen Erkennt­nissen zur engen Verbin­dung zwischen Museen und dem Projekt kolo­nialer Expan­sion und Herr­schaft verdeut­licht es auch die Verant­wor­tung, die den Museen bei der Aufar­bei­tung der kolo­nialen Geschichte zukommt.

Das seit 2023 laufende Provenienzforschungs-Projekt „Auf dem Prüf­stand“ am Museum der Kulturen Basel hingegen zielt auf eine Durch­leuch­tung der gesamten Samm­lung von etwa 340’000 Objekten nach kolo­nialen Bezügen. Basis dafür ist eine oft erst­ma­lige Recherche in den Muse­ums­be­ständen (Archiv, Einlauf­buch, aber auch an den Objekten selber), die durch Forschungen im Umfeld erwei­tert werden. Ein solches Projekt geht damit nicht von spek­ta­ku­lären Einzel­ob­jekten oder Objekt­gruppen aus, sondern versteht prin­zi­piell alles im Depot als rele­vant und forschungswürdig.

Stär­kung einer rela­tio­nalen Perspektive

Auch wenn die Beschäf­ti­gung mit Samm­lungen, die auf einen kolo­nialen Kontext zurück­gehen, zuneh­mend präsenter wird, ist die öffent­liche Wahr­neh­mung in der Schweiz beim Thema Prove­nienz und Raub­kunst weiterhin maßgeb­lich von NS-verfolgungsbedingt entzo­genem Kulturgut geprägt – in den letzten Jahren auch immer wieder ange­facht durch die Diskus­sion um die Samm­lung Bührle im Kunst­haus Zürich. Bislang werden die beiden Diskus­sionen aller­dings noch oft getrennt gedacht und geführt. Dabei stellen sie beide die Frage nach vergan­genem Unrecht und suchen nach einem verant­wor­tungs­vollen Umgang damit – konkret in Museen, aber auch als Gesell­schaft über­haupt. Eine Verbin­dung beider Debatten würde die den Themen­kom­plex insge­samt prägende Rela­tio­na­lität stärken, sowohl metho­disch als auch konzeptionell.

In einer solchen Perspek­tive stellen die vom Bundesrat beschlos­sene „Unab­hän­gige Kommis­sion für histo­risch belas­tetes Kultur­erbe“, die 2024 ihre Arbeit aufnehmen soll, sowie die Ernen­nung der Kunst­his­to­ri­kerin Nikola Doll zur Verant­wort­li­chen für Raub­kunst und Prove­ni­enz­for­schung im Bundesamt für Kultur Chancen dar. Wenn nun punk­tuell kriti­siert wurde, dass sich im Aufga­ben­be­reich dieser poli­ti­schen Akteur:innen die Bereiche der NS-Raubkunst und Fragen von Objekten aus kolo­nialen Kontexten vermi­schen, dann verkennt dies die Stärke und das Poten­zial für die zukünf­tige Arbeit, die just in diesem rela­tio­nalen Verständnis liegen kann.

Gerade die Möglich­keit, die aus Expert:innen zusam­men­ge­setzte Kommis­sion einseitig anzu­rufen, stellt einen zentralen Grund­pfeiler für ein erfolg­rei­ches zukünf­tiges Operieren dar. Gemeint ist damit, dass die Kommis­sion tätig werden kann, ohne dass jene Kultur­ein­rich­tung ihre Zustim­mung dazu geben muss, um deren Samm­lungen es geht. Die einsei­tige Anru­fung ist aktuell aller­dings Gegen­stand einer poli­ti­schen Debatte und wird derzeit im Parla­ment verhan­delt. Für in kolo­nialen Kontexten ange­eig­nete oder geraubte Dinge ist diese Frage zentral, gibt es doch – anders als bei verfol­gungs­be­dingten Verlusten in Zusam­men­hang mit der NS-Herrschaft – bislang keine inter­na­tional grei­fenden Abkommen oder zwischen­staat­liche Erklä­rungen für den Umgang mit ihnen.

Koope­ra­tionen oder Konflikte? Beziehungen!

Für eine zukunfts­wei­sende Debatte wird es wichtig sein, Prove­ni­enz­for­schung und Resti­tu­tion nicht reflex­artig zu verbinden, sondern sie in der forschenden Praxis und viel­leicht auch in (museums-)politischen Debatten vonein­ander zu entkop­peln. Dies nicht in der heim­li­chen Absicht, gefor­derte Dinge später dann viel­leicht nicht zurück­geben zu müssen; sondern im Wissen, dass die Erfor­schung der macht- und gewalt­vollen Ding­ge­schichten ein neues (und oft genug erst­ma­liges) Verständnis für die in den Depots lagernde mate­ri­elle Kultur ermög­licht. Prove­ni­enz­for­schung ist also ein immer grund­le­gend offener Prozess, der viel mehr und stets auch anderes ermög­licht, als nur die Frage nach Rück­gaben zu beant­worten. Konkrete Resti­tu­tion von Objekten soll und wird aller­dings immer ein wich­tiger Teil dieser für alle Betei­ligten schmerz­haften Ausein­an­der­set­zungen bleiben. Für die Insti­tu­tionen, aber auch für die Gesell­schaft als Ganzes gibt es dabei viel zu gewinnen: Wenn wir Resti­tu­tion nämlich stärker im Sinne eines Prozesses und weniger als Ergebnis oder gar Endpunkt denken, kann es gelingen, neue Verbin­dungen im Sinne einer „rela­tio­nalen Ethik“ zu etablieren, die andauern und unab­ge­schlossen sind. So wird es dann auch nicht primär um „Schuld“ gehen, sondern um eine grund­le­gende Aner­ken­nung einer Verant­wor­tung und der damit verbun­denen Notwen­dig­keit für konkretes Handeln.