Wladimir Putin hat mit seiner Relativierung und Rechtfertigung des Paktes zwischen Stalin und Hitler international für Aufsehen gesorgt. Für die Staaten Ostmitteleuropas und insbesondere für Polen sind diese Äußerungen alarmierend, zumal es erschreckende Parallelen zwischen der Propaganda Stalins und Hitlers von 1939 und dem heutigen Russland gibt.

  • Matthäus Wehowski

    Matthäus Wehowski hat in Tübingen und Moskau Geschichtswissenschaft und Slavistik studiert und in Tübingen promoviert. Von 2018 bis 2023 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der TU-Dresden. Im November 2024 erschien das gemeinsam mit Steffen Kailitz und Sebastian Ramisch-Paul verfasste Buch „Demokratisierung an den Grenzen der Nation“ über die Staatsbildung in Ostmitteleuropa nach dem Ersten Weltkrieg.
Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart 
Propa­ganda mit dem Pakt. Zur Aktua­lität der Allianz zwischen Hitler und Stalin
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Eine „unge­heure Umwäl­zung der ganzen euro­päi­schen Politik“ – diese Worte notierte Gene­ral­stabs­chef Franz Halder, als er vom bevor­ste­henden Pakt zwischen Stalin und Hitler erfuhr. Das am 23. August 1939 verein­barte Bündnis der beiden tota­li­tären Mächte war ein Schock für die Welt­öf­fent­lich­keit. Schließ­lich hatten sich Hitlers natio­nal­so­zia­lis­ti­sches „Drittes Reich“ und Stalins Sowjet­union in den Jahren zuvor stets als ideo­lo­gi­sche Gegen­pole und Erzfeinde betrachtet. Während der Natio­nal­so­zia­lismus seine Welt­an­schauung auf dem völkisch-nationalistischen Konzept von „Blut und Boden“ aufbaute und die Deut­schen zur „Herren­rasse“ erklärte, berief sich die Sowjet­union auf den Marxismus, der unter Stalin zumin­dest ein formelles Bekenntnis zur Soli­da­rität der inter­na­tio­nalen Arbei­ter­klasse als Grund­lage einer neuen Welt­ord­nung beinhal­tete. Für Hitler waren Anti­mar­xismus und ein fana­ti­scher Anti­se­mi­tismus Konstanten seiner Politik. Stalin nutzte hingegen die Anklage der „Kolla­bo­ra­tion mit dem Faschismus“ als Vorwand, um während der „Säube­rungen“ in den 1930er Jahren zahl­reiche Partei­mit­glieder verhaften und ermorden zu lassen. Doch ab dem Früh­sommer 1939 schienen beide ihre bishe­rigen ideo­lo­gi­schen Grund­sätze für ein gemein­sames Ziel über Bord zu werfen: Die Vernich­tung Polens.

Das kleine Volks­blatt, Jahres­über­sicht 1939, 30. September 1939, Quelle: anno.onb.ac.at

Beide Dikta­toren hatten Gründe, sich an Polen zu rächen. Für Hitler war der 1918 neu entstan­dene polni­sche Staat das Ergebnis des verhassten „Versailler Vertrags“, den die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Propa­ganda zum Symbol einer unge­rechten und Deutsch­land aufge­zwun­genen Ordnung machte. Für Stalin wiederum war es die Schmach der Nieder­lage der Roten Armee vor Warschau im August 1920, die allen Plänen, die Revo­lu­tion in Rich­tung Westen „weiter­zu­tragen“, vorerst ein Ende setzte. Dennoch verhielten sich beide Dikta­toren während der Konso­li­die­rung ihrer Herr­schaft – vor allem aus takti­schen Gründen – gegen­über Polen zunächst prag­ma­tisch: Sowohl die Sowjet­union (1932) als auch Deutsch­land (1934) unter­zeich­neten jeweils einen Nicht­an­griffs­pakt mit Polen und akzep­tierten damit zumin­dest formell die bestehende Grenz­zie­hung. Dass im multi­eth­ni­schen polni­schen Staat sowohl deut­sche als auch ukrai­ni­sche und bela­rus­si­sche Minder­heiten lebten, inter­es­sierte beide Dikta­toren zu diesem Zeit­punkt wenig.

1939 ergab sich aller­dings eine Konstel­la­tion, welche die Grund­lage für die Allianz der tota­li­tären Regime bildete. Hitler brach im Früh­jahr das „Münchner Abkommen“, das erst knapp ein halbes Jahr zuvor mühsam mit Groß­bri­tan­nien, Frank­reich und Italien ausge­han­delt worden war. Die Tsche­cho­slo­wakei (die bei den Verhand­lungen nicht mitspre­chen durfte) trat Terri­to­rium an Deutsch­land ab, um eine Inva­sion der Wehr­macht abzu­wenden. Doch Hitler nutzte die Schwäche und Unent­schlos­sen­heit der West­mächte aus, um im April 1939 auch die „Rest-Tschechei“ zu besetzen. Stalin bot zunächst an, der Expan­sion Hitlers Einhalt zu gebieten. Er verlangte dafür aller­dings einen Durch­marsch seiner Roten Armee durch Polen, was die Regie­rung in Warschau, die erneut um ihre Souve­rä­nität fürch­tete, umge­hend ablehnte. Statt­dessen erhielt Polen Sicher­heits­ga­ran­tien der West­mächte Groß­bri­tan­nien und Frank­reich für den Fall eines deut­schen Angriffs.

Gemein­same Feind­bilder und Einklang der Propaganda

Der Weg zur Koope­ra­tion der Sowjet­union mit Deutsch­land begann im Früh­jahr 1939 mit einem symbo­li­schen Schritt: Stalin entließ seinen aus einer jüdi­schen Familie stam­menden Außen­mi­nister Maxim Litwinow (1876-1951) und ernannte an seiner Stelle Wjat­scheslaw Molotow (1890-1986), was bereits die Zeit­ge­nossen als Schritt der Annä­he­rung empfanden. Dieser nahm daraufhin unter strengster Geheim­hal­tung Verhand­lungen mit seinem deut­schen Amts­kol­legen Joachim von Ribben­trop (1893-1946) auf. Beide Mächte fuhren unter­dessen still­schwei­gend ihre Propa­gan­da­kam­pa­gnen gegen­ein­ander zurück. In einer Rede am 10. März 1939 wetterte Stalin etwa gegen die „Kriegs­pro­vo­ka­teure“ in London und Paris. Parallel dazu rückte das „Dritte Reich“ die USA und England als angeb­li­ches „Zentrum des Finanz­ju­den­tums“ in den Mittel­punkt seiner Propaganda.

Dieses gemein­same Feind­bild führte schließ­lich zur Über­brü­ckung der System­ge­gen­sätze: Deutsch­land und die Sowjet­union schossen sich nun auf Polen und seine west­li­chen Unter­stützer ein, die sich als „raum­fremde Mächte“ in die histo­ri­sche und kultu­relle Inter­es­sensphäre Deutsch­lands und der Sowjet­union einge­mischt hätten. Polen sei ein Werk­zeug und werde von London in den Krieg „gehetzt“, so die Propa­ganda im Völki­schen Beob­achter, aber auch in der sowje­ti­schen Pravda.

Viele Begriffe dieser histo­ri­schen Propa­ganda von 1939 erscheinen auch heute wieder im russi­schen Diskurs: So sei die Ukraine nur ein vom Westen gesteu­ertes und willen­loses Werk­zeug. Auch der Begriff der „raum­fremden Macht“ (den etwa der pro-russische deut­sche Rechts­extre­mist Björn Höcke direkt zitiert) taucht auch indi­rekt in Putins Reden auf. Genauso wie die vermeint­lich histo­risch und kultu­rell defi­nierten „Inter­es­sensphären“.

Hitler und Stalin warfen 1939 dem Westen vor, den Frieden sabo­tiert und Polen eine diplo­ma­ti­sche Lösung verboten zu haben. Tatsäch­lich wissen wir heute aus den internen Doku­menten, dass Hitler niemals die Absicht zu einer diplo­ma­ti­schen Lösung gehabt hatte. So offen­barte er bei einem Treffen auf dem Ober­salz­berg gegen­über seinen Gene­rälen seine wahren Absichten: „Ziel: Vernich­tung Polens = Besei­ti­gung seiner leben­digen Kraft. Es handelt sich nicht um Errei­chen einer bestimmten Grenze, sondern um Vernich­tung des Feindes“, notierte Halder am 22. August 1939 in sein Tagebuch.

Putin greift die histo­ri­sche Propa­ganda des Jahres 1939 sogar direkt wieder auf und macht die West­mächte – etwa in einem Inter­view mit dem rechts­extremen US-Aktivisten Tucker Carlson – für den Ausbruch des Zweiten Welt­kriegs verant­wort­lich. Das polni­sche Außen­mi­nis­te­rium reagierte unmit­telbar mit einer Rich­tig­stel­lung. Russ­land über­trägt dieses Narrativ auch auf die heutige Situa­tion und behauptet, dass Groß­bri­tan­nien der Ukraine eine diplo­ma­ti­sche Lösung des „Konflikts“ verboten hätte.

Als die Sowjet­union knapp 14 Tage nach Deutsch­land in Polen einmar­schierte, begrün­dete Molotow den Bruch des Nicht­an­griffs­pakts mit Polen damit, dass der polni­sche Staat aufge­hört habe zu exis­tieren. Die Sowjet­union sei als „Schutz­macht“ der ukrai­ni­schen und bela­rus­si­schen Bevöl­ke­rung zum Eingreifen gezwungen. Tatsäch­lich aber besetzte die Rote Armee den Teil Polens, den Hitler Stalin bereits im „Zusatz­pro­to­koll“ zuge­si­chert hatte. 

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Heute behauptet Putin, er würde die Rechte der „russi­schen Minder­heit“ in der Ukraine schützen. Unter dem Slogan „die Unseren lassen wir nicht im Stich“ insze­niert sich Russ­land – wie Stalins Sowjet­union – als vermeint­liche Schutzmacht. 

Der Kampf um die (Um)Deutung der Geschichte

Der Pakt zwischen Hitler und Stalin war nach dem Krieg ein Tabu­thema in der Sowjet­union. Das „geheime Zusatz­pro­to­koll“ wurde lange geleugnet, bis es im Rahmen der Pere­stroika 1989 erst­mals aus dem Dunkel sowje­ti­scher Archive geholt wurde. Zwar erschienen in den 1990er und 2000er Jahren zahl­reiche wissen­schaft­liche Publi­ka­tionen, die sich mit dem Thema ausein­an­der­setzten, doch die staat­liche russi­sche Geschichts­po­litik sorgte dafür, dass diese selten den Weg die Öffent­lich­keit fanden. Unmit­telbar vor dem 70. Jahrestag des Hitler-Stalin Pakts entstand in Russ­land die „Kommis­sion zur Verhin­de­rung von Bestre­bungen zur Verfäl­schung der Geschichte zum Nach­teil der Inter­essen der Russ­län­di­schen Föde­ra­tion“, die vor allem den Auftrag hatte, die Zeit­ge­schichte im „patrio­ti­schen Sinn“ umzu­schreiben. Der Pakt mit Hitler galt darin als Teil einer von Stalin durch­ge­führten „Real­po­litik“. Da Putin aber zur Absi­che­rung seiner Macht die Mani­pu­la­tion der Geschichte voran­trieb, läutete er die Rück­kehr zur sowje­ti­schen Sicht auf die Vergan­gen­heit ein.

Ein Blick auf die histo­ri­schen Fakten zeigt jedoch, dass es sehr wohl eine ideo­lo­gi­sche Nähe und Koope­ra­tion von Hitlers und Stalins Regime gab. Noch bevor am 6. Oktober 1939 die letzten Kämpfe endeten, unter­zeich­neten Deutsch­land und die Sowjet­union am 28. September 1939 einen „Grenz- und Freund­schafts­ver­trag“, der die Auflö­sung des polni­schen Staates und die neue Grenz­zie­hung zwischen Deutsch­land und der Sowjet­union bestä­tigte. Stalin lud dazu persön­lich eine deut­sche Dele­ga­tion in den Kreml ein, der nicht nur Außen­mi­nister Ribben­tropp, sondern auch der Gauleiter von Danzig (mit dem Ehren­rang eines SS-Gruppenführers) Albert Forster (1902-1952) ange­hörte. Forster gab bereits zwischen dem 10. und 15. September den Befehl aus, das geplante Reichsgau Danzig-Westpreußen „juden- und polen­frei“ zu machen. Allein im Massaker von Piaś­nica ermor­deten Einheiten der SS und des „Volks­deut­schen Selbst­schutzes“ syste­ma­tisch Ange­hö­rige der polni­schen Elite wie Geist­liche, Wissen­schaftler und Offi­ziere, insge­samt etwa 10.000 bis 13.000 Menschen. Auf der anderen Seite begann auch die Sowjet­union damit, polni­sche Intel­lek­tu­elle, Offi­ziere und Geist­liche zu ermorden. Diese „Säube­rungen“ umfassten eben­falls Akteu­rinnen und Akteure der ukrai­ni­schen und bela­rus­si­schen Unab­hän­gig­keits­be­we­gung. Symbol der syste­ma­ti­schen Vernich­tung polni­scher Eliten wurde das Massaker von Katyn, wo zwischen April und Mai 1940 etwa 4.400 polni­sche Offi­ziere durch den sowje­ti­schen NKWD ermordet wurden. Auch die Propa­ganda des „Drittes Reichs“ und der Sowjet­union lief im Anschluss an den Über­fall an Polen im Gleich­klang: Stalins Außen­mi­nister Molotow machte die West­mächte für die Fort­set­zung des Krieges verant­wort­lich und kriti­sierte die Kriegs­er­klä­rung Londons und Paris an Deutschland. 

Anläss­lich des 85. Jahres­tags der deut­schen Inva­sion Polens postete das russi­sche Außen­mi­nis­te­rium auf verschie­denen sozialen Medien ein Video, das die Deutung der sowje­ti­schen Propa­ganda noch einmal bekräf­tigte. So habe die Sowjet­union am 17. September 1939 eine „mili­tä­ri­sche Opera­tion“ ange­ordnet, um die ukrai­ni­sche und bela­rus­si­sche Bevöl­ke­rung vor einem „Genozid“ zu bewahren. Deutsch­lands Außen­mi­nis­te­rium reagierte eben­falls mit einem Posting und dem Kommentar „ernst­haft?“ (seriously?).

Putins aktu­elles Propa­gan­da­nar­rativ folgt in groben Zügen dem von 1939: Russ­land sei nach dem Zerfall der Sowjet­union Opfer einer unge­rechten Welt­ord­nung geworden; dem Land seien Grenzen aufge­zwungen worden. Alle russisch­spra­chigen Menschen in den west­li­chen Staaten der ehema­ligen Sowjet­union erklärt er kurzer­hand zu „Russen“, die vom Mutter­land geschützt werden müssten; dass sich viele russisch­spra­chige Ukrai­ne­rinnen und Ukrainer längst mit ihrem eigenen Staat iden­ti­fi­zieren, inter­es­siert ihn nicht. 

Damals wie heute fand eine erschre­ckende Täter-Opfer-Umkehr statt, die auch die Unter­stützer der Ange­grif­fenen als „Kriegs­treiber“ diskre­di­tierte. Putins Umdeu­tungen der Geschichte sind längst auch Teil des Schul­un­ter­richts (nicht nur im Fach Geschichte, sondern auch im neu etablierten Fach „Gespräche über das Wesent­liche“), die der jungen Gene­ra­tion in die Köpfe gehäm­mert werden sollen. Umge­setzt wird dies vom ehema­ligen Kultur­mi­nister Wladimir Medinski, der inzwi­schen so etwas wie ein „Hohe­priester“ der Putin’schen Geschichts­dok­trin geworden ist (ausge­rechnet er war Leiter der russi­schen „Verhand­lungs­de­le­ga­tion“ im März 2022!)

Fazit

Welche Schluss­fol­ge­rung können wir aus den Paral­lelen der Propa­ganda zwischen 1939 und heute ziehen? Nein, Putin ist nicht der neue Hitler und vermut­lich auch (noch) nicht der neue Stalin. Gleich­zeitig verraten uns die Ähnlich­keiten der Diskurse einige Grund­sätze, die jedem tota­li­tären System eigen sind: para­noide Verschwö­rungs­theo­rien, die Konstruk­tion des „pluto­kra­ti­schen Westens“ als Feind­bild und der Anspruch auf eine Deutungs­macht über die Vergangenheit.