Eine „ungeheure Umwälzung der ganzen europäischen Politik“ – diese Worte notierte Generalstabschef Franz Halder, als er vom bevorstehenden Pakt zwischen Stalin und Hitler erfuhr. Das am 23. August 1939 vereinbarte Bündnis der beiden totalitären Mächte war ein Schock für die Weltöffentlichkeit. Schließlich hatten sich Hitlers nationalsozialistisches „Drittes Reich“ und Stalins Sowjetunion in den Jahren zuvor stets als ideologische Gegenpole und Erzfeinde betrachtet. Während der Nationalsozialismus seine Weltanschauung auf dem völkisch-nationalistischen Konzept von „Blut und Boden“ aufbaute und die Deutschen zur „Herrenrasse“ erklärte, berief sich die Sowjetunion auf den Marxismus, der unter Stalin zumindest ein formelles Bekenntnis zur Solidarität der internationalen Arbeiterklasse als Grundlage einer neuen Weltordnung beinhaltete. Für Hitler waren Antimarxismus und ein fanatischer Antisemitismus Konstanten seiner Politik. Stalin nutzte hingegen die Anklage der „Kollaboration mit dem Faschismus“ als Vorwand, um während der „Säuberungen“ in den 1930er Jahren zahlreiche Parteimitglieder verhaften und ermorden zu lassen. Doch ab dem Frühsommer 1939 schienen beide ihre bisherigen ideologischen Grundsätze für ein gemeinsames Ziel über Bord zu werfen: Die Vernichtung Polens.

Das kleine Volksblatt, Jahresübersicht 1939, 30. September 1939, Quelle: anno.onb.ac.at
Beide Diktatoren hatten Gründe, sich an Polen zu rächen. Für Hitler war der 1918 neu entstandene polnische Staat das Ergebnis des verhassten „Versailler Vertrags“, den die nationalsozialistische Propaganda zum Symbol einer ungerechten und Deutschland aufgezwungenen Ordnung machte. Für Stalin wiederum war es die Schmach der Niederlage der Roten Armee vor Warschau im August 1920, die allen Plänen, die Revolution in Richtung Westen „weiterzutragen“, vorerst ein Ende setzte. Dennoch verhielten sich beide Diktatoren während der Konsolidierung ihrer Herrschaft – vor allem aus taktischen Gründen – gegenüber Polen zunächst pragmatisch: Sowohl die Sowjetunion (1932) als auch Deutschland (1934) unterzeichneten jeweils einen Nichtangriffspakt mit Polen und akzeptierten damit zumindest formell die bestehende Grenzziehung. Dass im multiethnischen polnischen Staat sowohl deutsche als auch ukrainische und belarussische Minderheiten lebten, interessierte beide Diktatoren zu diesem Zeitpunkt wenig.
1939 ergab sich allerdings eine Konstellation, welche die Grundlage für die Allianz der totalitären Regime bildete. Hitler brach im Frühjahr das „Münchner Abkommen“, das erst knapp ein halbes Jahr zuvor mühsam mit Großbritannien, Frankreich und Italien ausgehandelt worden war. Die Tschechoslowakei (die bei den Verhandlungen nicht mitsprechen durfte) trat Territorium an Deutschland ab, um eine Invasion der Wehrmacht abzuwenden. Doch Hitler nutzte die Schwäche und Unentschlossenheit der Westmächte aus, um im April 1939 auch die „Rest-Tschechei“ zu besetzen. Stalin bot zunächst an, der Expansion Hitlers Einhalt zu gebieten. Er verlangte dafür allerdings einen Durchmarsch seiner Roten Armee durch Polen, was die Regierung in Warschau, die erneut um ihre Souveränität fürchtete, umgehend ablehnte. Stattdessen erhielt Polen Sicherheitsgarantien der Westmächte Großbritannien und Frankreich für den Fall eines deutschen Angriffs.
Gemeinsame Feindbilder und Einklang der Propaganda
Der Weg zur Kooperation der Sowjetunion mit Deutschland begann im Frühjahr 1939 mit einem symbolischen Schritt: Stalin entließ seinen aus einer jüdischen Familie stammenden Außenminister Maxim Litwinow (1876-1951) und ernannte an seiner Stelle Wjatscheslaw Molotow (1890-1986), was bereits die Zeitgenossen als Schritt der Annäherung empfanden. Dieser nahm daraufhin unter strengster Geheimhaltung Verhandlungen mit seinem deutschen Amtskollegen Joachim von Ribbentrop (1893-1946) auf. Beide Mächte fuhren unterdessen stillschweigend ihre Propagandakampagnen gegeneinander zurück. In einer Rede am 10. März 1939 wetterte Stalin etwa gegen die „Kriegsprovokateure“ in London und Paris. Parallel dazu rückte das „Dritte Reich“ die USA und England als angebliches „Zentrum des Finanzjudentums“ in den Mittelpunkt seiner Propaganda.
Dieses gemeinsame Feindbild führte schließlich zur Überbrückung der Systemgegensätze: Deutschland und die Sowjetunion schossen sich nun auf Polen und seine westlichen Unterstützer ein, die sich als „raumfremde Mächte“ in die historische und kulturelle Interessensphäre Deutschlands und der Sowjetunion eingemischt hätten. Polen sei ein Werkzeug und werde von London in den Krieg „gehetzt“, so die Propaganda im Völkischen Beobachter, aber auch in der sowjetischen Pravda.
Viele Begriffe dieser historischen Propaganda von 1939 erscheinen auch heute wieder im russischen Diskurs: So sei die Ukraine nur ein vom Westen gesteuertes und willenloses Werkzeug. Auch der Begriff der „raumfremden Macht“ (den etwa der pro-russische deutsche Rechtsextremist Björn Höcke direkt zitiert) taucht auch indirekt in Putins Reden auf. Genauso wie die vermeintlich historisch und kulturell definierten „Interessensphären“.
Hitler und Stalin warfen 1939 dem Westen vor, den Frieden sabotiert und Polen eine diplomatische Lösung verboten zu haben. Tatsächlich wissen wir heute aus den internen Dokumenten, dass Hitler niemals die Absicht zu einer diplomatischen Lösung gehabt hatte. So offenbarte er bei einem Treffen auf dem Obersalzberg gegenüber seinen Generälen seine wahren Absichten: „Ziel: Vernichtung Polens = Beseitigung seiner lebendigen Kraft. Es handelt sich nicht um Erreichen einer bestimmten Grenze, sondern um Vernichtung des Feindes“, notierte Halder am 22. August 1939 in sein Tagebuch.
Putin greift die historische Propaganda des Jahres 1939 sogar direkt wieder auf und macht die Westmächte – etwa in einem Interview mit dem rechtsextremen US-Aktivisten Tucker Carlson – für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verantwortlich. Das polnische Außenministerium reagierte unmittelbar mit einer Richtigstellung. Russland überträgt dieses Narrativ auch auf die heutige Situation und behauptet, dass Großbritannien der Ukraine eine diplomatische Lösung des „Konflikts“ verboten hätte.
Als die Sowjetunion knapp 14 Tage nach Deutschland in Polen einmarschierte, begründete Molotow den Bruch des Nichtangriffspakts mit Polen damit, dass der polnische Staat aufgehört habe zu existieren. Die Sowjetunion sei als „Schutzmacht“ der ukrainischen und belarussischen Bevölkerung zum Eingreifen gezwungen. Tatsächlich aber besetzte die Rote Armee den Teil Polens, den Hitler Stalin bereits im „Zusatzprotokoll“ zugesichert hatte.
Heute behauptet Putin, er würde die Rechte der „russischen Minderheit“ in der Ukraine schützen. Unter dem Slogan „die Unseren lassen wir nicht im Stich“ inszeniert sich Russland – wie Stalins Sowjetunion – als vermeintliche Schutzmacht.
Der Kampf um die (Um)Deutung der Geschichte
Der Pakt zwischen Hitler und Stalin war nach dem Krieg ein Tabuthema in der Sowjetunion. Das „geheime Zusatzprotokoll“ wurde lange geleugnet, bis es im Rahmen der Perestroika 1989 erstmals aus dem Dunkel sowjetischer Archive geholt wurde. Zwar erschienen in den 1990er und 2000er Jahren zahlreiche wissenschaftliche Publikationen, die sich mit dem Thema auseinandersetzten, doch die staatliche russische Geschichtspolitik sorgte dafür, dass diese selten den Weg die Öffentlichkeit fanden. Unmittelbar vor dem 70. Jahrestag des Hitler-Stalin Pakts entstand in Russland die „Kommission zur Verhinderung von Bestrebungen zur Verfälschung der Geschichte zum Nachteil der Interessen der Russländischen Föderation“, die vor allem den Auftrag hatte, die Zeitgeschichte im „patriotischen Sinn“ umzuschreiben. Der Pakt mit Hitler galt darin als Teil einer von Stalin durchgeführten „Realpolitik“. Da Putin aber zur Absicherung seiner Macht die Manipulation der Geschichte vorantrieb, läutete er die Rückkehr zur sowjetischen Sicht auf die Vergangenheit ein.
Ein Blick auf die historischen Fakten zeigt jedoch, dass es sehr wohl eine ideologische Nähe und Kooperation von Hitlers und Stalins Regime gab. Noch bevor am 6. Oktober 1939 die letzten Kämpfe endeten, unterzeichneten Deutschland und die Sowjetunion am 28. September 1939 einen „Grenz- und Freundschaftsvertrag“, der die Auflösung des polnischen Staates und die neue Grenzziehung zwischen Deutschland und der Sowjetunion bestätigte. Stalin lud dazu persönlich eine deutsche Delegation in den Kreml ein, der nicht nur Außenminister Ribbentropp, sondern auch der Gauleiter von Danzig (mit dem Ehrenrang eines SS-Gruppenführers) Albert Forster (1902-1952) angehörte. Forster gab bereits zwischen dem 10. und 15. September den Befehl aus, das geplante Reichsgau Danzig-Westpreußen „juden- und polenfrei“ zu machen. Allein im Massaker von Piaśnica ermordeten Einheiten der SS und des „Volksdeutschen Selbstschutzes“ systematisch Angehörige der polnischen Elite wie Geistliche, Wissenschaftler und Offiziere, insgesamt etwa 10.000 bis 13.000 Menschen. Auf der anderen Seite begann auch die Sowjetunion damit, polnische Intellektuelle, Offiziere und Geistliche zu ermorden. Diese „Säuberungen“ umfassten ebenfalls Akteurinnen und Akteure der ukrainischen und belarussischen Unabhängigkeitsbewegung. Symbol der systematischen Vernichtung polnischer Eliten wurde das Massaker von Katyn, wo zwischen April und Mai 1940 etwa 4.400 polnische Offiziere durch den sowjetischen NKWD ermordet wurden. Auch die Propaganda des „Drittes Reichs“ und der Sowjetunion lief im Anschluss an den Überfall an Polen im Gleichklang: Stalins Außenminister Molotow machte die Westmächte für die Fortsetzung des Krieges verantwortlich und kritisierte die Kriegserklärung Londons und Paris an Deutschland.
Anlässlich des 85. Jahrestags der deutschen Invasion Polens postete das russische Außenministerium auf verschiedenen sozialen Medien ein Video, das die Deutung der sowjetischen Propaganda noch einmal bekräftigte. So habe die Sowjetunion am 17. September 1939 eine „militärische Operation“ angeordnet, um die ukrainische und belarussische Bevölkerung vor einem „Genozid“ zu bewahren. Deutschlands Außenministerium reagierte ebenfalls mit einem Posting und dem Kommentar „ernsthaft?“ (seriously?).
Putins aktuelles Propagandanarrativ folgt in groben Zügen dem von 1939: Russland sei nach dem Zerfall der Sowjetunion Opfer einer ungerechten Weltordnung geworden; dem Land seien Grenzen aufgezwungen worden. Alle russischsprachigen Menschen in den westlichen Staaten der ehemaligen Sowjetunion erklärt er kurzerhand zu „Russen“, die vom Mutterland geschützt werden müssten; dass sich viele russischsprachige Ukrainerinnen und Ukrainer längst mit ihrem eigenen Staat identifizieren, interessiert ihn nicht.
Damals wie heute fand eine erschreckende Täter-Opfer-Umkehr statt, die auch die Unterstützer der Angegriffenen als „Kriegstreiber“ diskreditierte. Putins Umdeutungen der Geschichte sind längst auch Teil des Schulunterrichts (nicht nur im Fach Geschichte, sondern auch im neu etablierten Fach „Gespräche über das Wesentliche“), die der jungen Generation in die Köpfe gehämmert werden sollen. Umgesetzt wird dies vom ehemaligen Kulturminister Wladimir Medinski, der inzwischen so etwas wie ein „Hohepriester“ der Putin’schen Geschichtsdoktrin geworden ist (ausgerechnet er war Leiter der russischen „Verhandlungsdelegation“ im März 2022!)
Fazit
Welche Schlussfolgerung können wir aus den Parallelen der Propaganda zwischen 1939 und heute ziehen? Nein, Putin ist nicht der neue Hitler und vermutlich auch (noch) nicht der neue Stalin. Gleichzeitig verraten uns die Ähnlichkeiten der Diskurse einige Grundsätze, die jedem totalitären System eigen sind: paranoide Verschwörungstheorien, die Konstruktion des „plutokratischen Westens“ als Feindbild und der Anspruch auf eine Deutungsmacht über die Vergangenheit.
Der Hitler-Stalin-Pakt war einer der vielen Sargnägel, die Stalin der Idee des realen Sozialismus verpasste. Die letztlich zu dessen Untergang führten. Ich schreibe hier als einer, der sich als Links versteht. Deshalb setze ich an, Stalin hat mit dem Pakt versucht Zeit zu gewinnen, da er die SU militärisch (noch) nicht für die erwartbare Invasion (Barbarossa) aufgestellt sah. WIE er das umsetzte ist das Verbrechen. Die Vernichtung Polens, die Vernichtung der polnischen Intelligenz und der Juden, die Gleichschaltung der Kommunistischen Internationale, die physische Vernichtung aller entsetzten Kritiker im kommunistischen Lager, auch und gerade derer, die aus Deutschland und anderen Ländern… Mehr anzeigen »