Der „neue Franzen“ ist da, und die Feuilletons jubeln. Das Problem: Franzen ist als Welterklärer so sehr zur Marke geworden, dass seine Romane als Gegenwartsdiagnosen gelesen werden. Doch woraus sind sie gemacht?

  • Christine Lötscher lehrt Populäre Literaturen und Medien mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendmedien am ISEK - Populäre Kulturen der Universität Zürich und ist Herausgeberin von Geschichte der Gegenwart.
Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart
Problem­bü­cher für Bildungsbürger:innen
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Seit seinem inter­na­tional gefei­erten Best­seller The Correc­tions (2001) beju­belt die Kritik Jona­than Fran­zens dicke Wälzer immer wieder aufs Neue als die ulti­ma­tiven Romane des 21. Jahr­hun­derts. Kürz­lich ist Cross­roads erschienen, der erste Band einer auf drei Bände ange­legten Fami­li­en­saga. Im ameri­ka­ni­schen Original umfasst er 600, in der deut­schen Über­set­zung von Bettina Abar­ba­nell 800 Seiten. Die Trilogie setzt 1971 an einem fiktiven Schau­platz im Mitt­leren Westen der USA ein und beleuchtet den Zerfall einer Familie und ihrer Mitglieder. Alle sechs, Vater, Mutter und vier Kinder, bilden sich ein, gute Menschen zu sein und das Rich­tige tun zu wollen, steuern durch ihre Verlo­gen­heit und mora­li­sche Ambi­va­lenz aber alle­samt direkt auf den Abgrund zu. Eine Geschichte, wie wir sie von Franzen bereits kennen, mit leichten Variationen.

Franzen wird als „Meister des psycho­lo­gi­schen Romans“ bewun­dert, als virtuoser Hand­werker, der die Komple­xität seiner Erzähl­kon­struk­tionen geschickt zu kaschieren verstehe, aber auch als Menschen­kenner und Seelener­gründer. Zu Beginn seiner Karriere wurde ihm vor allem in den deutsch­spra­chigen Feuil­le­tons attes­tiert, dass er den großen Gestus des Erzäh­lens in die Lite­ratur zurück­ge­bracht und ein Gegen­pro­gramm zur post­mo­dernen Frag­men­tie­rung und Meta­fik­tio­na­lität geschaffen habe. Dass es ihm mit seinen düsteren Fami­li­en­ge­schichten gelungen ist, quasi unbe­stritten als der Gegen­warts­ro­man­cier schlechthin wahr­ge­nommen zu werden, hat aber nicht nur mit seiner konven­tio­nellen und deshalb eingän­gigen Erzähl­weise zu tun.

Wenn man Fran­zens Erfolg verstehen will, ist eine andere Serie von Hinweisen hilf­reich, die sich durch fast alle lobenden Kritiken zieht: Fran­zens Blick in die Vergan­gen­heit trage dazu bei zu verstehen, wie die Welt geworden ist, wie sie heute ist. Im Schei­tern seiner Figuren im Mikro­kosmos der Familie spiegle sich der gesell­schaft­liche Makro­kosmos – Fran­zens großes Projekt ließe sich also als eine Geschichte der Gegen­wart verstehen. Das ist Grund genug, um an dieser Stelle danach zu fragen, wie und woraus seine Romane eigent­lich gemacht sind.

Alte Meister

Gerade im deutsch­spra­chigen Raum, wo die Rück­kehr des Erzäh­lens mit beson­derer Verve gefeiert wurde, sind Fran­zens Bücher regel­mäßig Gegen­stand eupho­ri­scher Kritiken. Dass sich die Begeis­te­rung gerade an Franzen entzündet hat, lässt sich damit erklären, dass seine Prosa auf der Ebene der Erzähl­kon­struk­tion, der Figu­ren­psy­cho­logie, aber auch der Thematik und der Sprache eingängig und vertraut daher­kommt – was in den Kritiken immer wieder erwähnt wird –, sich aber gleich­zeitig durch den radikal gesell­schafts­kri­ti­schen Ton und das düstere Menschen­bild in eine Tradi­ti­ons­linie der soge­nannten Hoch­li­te­ratur einschreibt. Im Über­titel der Trilogie, „A Key to all Mytho­lo­gies“, als deren erster Band sein aktu­eller Roman Cross­roads erschienen ist, zitiert Franzen George Elliots Midd­le­m­arch (1871); in Inter­views bezieht sich der Autor selbst auf Thomas Manns Budden­brooks und Dosto­evs­kijs Die Brüder Kara­masow als Inspi­ra­ti­ons­quellen,  gern wird er als „Meister aus vergan­genen Zeiten“, als einer, der es mit den großen realis­ti­schen Roman­ciers aufnehmen kann, beschrieben. Mit der Lite­ratur des 19. Jahr­hun­derts hat das, was Franzen macht, aber nicht viel zu tun. Michail Bachtin hat bereits zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts aufge­zeigt, dass gerade Dosto­je­vskij das Erzählen des 19. Jahr­hun­derts mit seiner Poly­phonie revo­lu­tio­nierte, wobei auch der Erzähler nur eine von vielen Stimmen war. Dabei blieben die Charak­tere oft wider­sprüch­lich und unab­ge­schlossen. Franzen wech­selt zwar in jedem Kapitel die Perspek­tive und erzählt aus der Sicht verschie­dener Fami­li­en­mit­glieder, doch die Wider­sprüche und Ambi­va­lenzen sind nicht in der Struktur des Textes ange­legt; viel­mehr werden sie einzig auf die Figuren selbst proji­ziert. Der Vater Hilde­brandt, der sich als Pfarrer auf die Fahne schreibt, in Schwarzen Commu­nities und mit den Navajo gegen soziale Ungleich­heit und Rassismus zu kämpfen, gibt sich seiner sexu­ellen Obses­sion für eine attrak­tive Witwe in seiner Gemeinde hin; einer der Söhne, der intel­li­gen­teste, dröhnt sich mit Drogen zu, der Älteste geht frei­willig nach Vietnam, die Tochter wirft sich einem Provinz­rock­mu­siker in die Arme und die Mutter Marion kämpft mit Unglück und Über­ge­wicht. Das Problem ist nicht einmal so sehr, wie klischee­haft die Figuren ange­legt sind. Daraus ließe sich gerade im Genre der Fami­li­en­saga etwas machen, denn die Span­nung zwischen bekannten Versatz­stü­cken und über­ra­schender Kombi­na­torik derselben lässt eine Viel­zahl von Lektüren zu. Doch das Netz aus Verbin­dungen, das beim Lesen von Fran­zens Texten entsteht, bezieht sich vor allem darauf, dass die Figuren viel mehr über die Lügen der anderen wissen, als jene denken. Das führt dazu, dass man Marion, je länger man liest, recht geben möchte, wenn sie zu ihrer Psych­ia­terin sagt:

’It’s not just me, by the way,’ Marion said. ‘I think ever­yone is bad. I think badness is the funda­mental condi­tion of humanity.’

Die Figuren mögen in sich zerrissen sein, doch immer auf dieselbe Weise. Unter einer ange­passten Ober­fläche wütet die destruk­tive, egois­ti­sche mensch­liche „Natur“. Franzen ist deshalb kein „Meister“ aus dem 19. Jahr­hun­dert, weil seine Romane trotz multi­per­spek­ti­vi­scher Anlage niemals viel­stimmig sind, sondern die Komple­xität der Erzähl­kon­struk­tion nur nutzen, um zu einer Erkenntnis zu gelangen: dass alle Menschen schlecht sind, Gefan­gene ihrer Begierden. Und dies egal ob sie, wie der Pfarrer, dem Stereotyp des alten weißen Mannes entspre­chen oder, wie die Tochter Becky, das Klischee der beliebten Cheerleader-Prinzessin bedienen.

Franzen ist aber auch kein Unter­hal­tungs­autor. Er operiert zwar mit Genres, und zwar ganz ähnlich, wie er mit den Erzähl­ver­fahren des realis­ti­schen Romans arbeitet. Er verwendet den Fami­li­en­roman, und, in Cross­roads, auch den Coming-of-Age-Roman als Folie, um mit wenigen Pinsel­stri­chen ein Bild von einer Familie zu entwerfen, auf das sich die Leser:innen aufgrund ihrer Erfah­rung mit Lite­ratur, Film und TV-Serien beziehen können. Doch während Genre­li­te­ratur die Bruch­stellen, Unge­reimt­heiten und Wider­sprüche, die bei der Arbeit mit Wieder­ho­lung und Varia­tion notwen­di­ger­weise entstehen, heraus­stellt, um so Offen­heit und Viel­deu­tig­keit zu schaffen, schließt Franzen seine Erzäh­lungen so dicht ab, als hätte er einen Lötkolben in der Hand, um ihn bei jedem losen Faden zum Einsatz zu bringen.

Das Erfolgs­ge­heimnis von Franzen besteht womög­lich darin, dass er weder ein neuer alter Meister noch ein Genre­autor ist. Der Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler und Pop-Experte Moritz Baßler reiht ihn in die lite­ra­ri­sche Tendenz des „Midcult“ ein. Darunter versteht er eine Form popu­lär­rea­lis­ti­schen Erzäh­lens, die ihre Leser:innen in die Story eintau­chen lässt − mit verständ­li­cher Sprache, nach­voll­zieh­baren Hand­lungen und Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­guren. Der Anspruch, bedeu­tende Lite­ratur zu sein, mache sich nicht an der Sprache fest, sondern an der expli­ziten Thema­ti­sie­rung ethisch-sozial bedeut­samer Themen.

Die Marke Franzen

Man könnte aus der Sicht der Forschung zur Genre-Literatur auch schlichtweg fest­stellen, dass Franzen im Grunde ein ganz anderes Genre bedient und für Intel­lek­tu­elle adap­tiert, nämlich das soge­nannte Problem­buch. Damit sind eigent­lich Romane für ein jugend­li­ches Publikum gemeint, die bewusst medial gehypte Themen wie Essstö­rungen, Mobbing oder Sucht aufgreifen, die Jugend­li­chen und vor allem Mädchen zuge­schrieben werden, um eine sche­ma­ti­sche, mit popu­la­ri­siertem psycho­lo­gi­schem Wissen ange­rei­cherte Geschichte einer Heilung zu erzählen. Fran­zens Problem­bü­chern muss man attes­tieren, dass sie sehr kunst­voll gemacht sind, auch weil es ihnen gelingt, einen für eine Spielart der Realität zu inter­es­sieren, die es wohl vor allem im psycho­lo­gi­schen Roman gibt. Vor allem aber dreht er den Spieß um für seine erwach­sene Leser­schaft, indem alles, was er auf hunderten von Seiten erzählt, immer auf die Unzu­läng­lich­keit des Menschen zuläuft.

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Bei Franzen können kriti­sche Zeitgenoss:innen das übel beleu­mun­dete Genre der Fami­li­en­saga auf diese Weise genießen, können guten Gewis­sens in die detail­reich ausge­malten zwischen­mensch­li­chen Abgründe eintau­chen, ohne sich Zeit­ver­schwen­dung durch pure Unter­hal­tung vorwerfen zu müssen. Bei so viel ätzender Gesell­schafts­kritik, wie sie Fran­zens Figuren verkör­pern, muss sich niemand vorwerfen, sich in naive, weil unrea­lis­ti­sche Erzäh­lungen einlullen zu lassen.

Obwohl die Romane durchaus einen Sog entwi­ckeln, sind die endlosen, aus dem popu­lär­psy­cho­lo­gi­schen Diskurs vertrauten Selbst­hin­ter­fra­gungen der Figuren stets etwas öde. Gerade wenn die Selbst­zer­flei­schung beim Sex statt­findet, was bei Franzen aus Prinzip geschieht. Der bewährte erzähl­tech­ni­sche Kniff, auf diese Weise die Erzähl­zeit zu dehnen, dient ihm vor allem dazu, die „mensch­liche“ und die „anima­li­sche“ Seite des Menschen ausein­an­der­klaffen zu lassen. Das zeigt sich zum Beispiel in der Szene, in der Clem, der älteste Sohn der Hilde­brandts, mit seiner Freundin Sharon schläft, nachdem er sich frei­willig zum Kriegs­dienst in Vietnam gemeldet hat. Während Sharon unter ihm stöhnt, denkt er über die Konse­quenzen seiner Entschei­dung nach, über die Angst, es könnte das letzte Mal sein, dass er mit einer Frau schläft, aber auch über die Befreiung von fami­liären Konflikten, die das Solda­ten­leben mit sich bringen würde. Seine Gedanken lösen sich sofort in einer hormo­nellen Welle auf, als Sharon ihm sagt, dass sie ihn liebt:

A wave of mascu­line well-being was sweeping through his body. The know­legde that he fully possessed this person, the thrill of that conquest, and some­thing more savage, the sudden enhan­ce­ment of his capa­city to inflict pain on her: it was hitting him like a full-bore shot of testosterone.

Macho­hafte Gewalt scheint gemäß dem Erzähler der Passage auto­ma­tisch über­hand zu nehmen, wenn Bezie­hungen zwischen den Geschlech­tern auf körper­li­cher Ebene ausge­han­delt werden. Nun kann man immer sagen, dass der Erzähler ja auch nichts dafür könne, wenn die Figuren solchen Blöd­sinn denken, doch bei Franzen lässt sich diese Tendenz zu einer Natu­ra­li­sie­rung von sexua­li­sierter Gewalt immer wieder beob­achten. Darin wird deut­lich, dass wir es bei Fran­zens radi­kaler Abrech­nung mit der Spezies Mensch mit einem hoch­gradig anthro­po­zen­tri­schen Projekt zu tun haben.

Wenn man das Drum­herum der Romane – den soge­nannten Peri­text – betrachtet, erscheint diese Beob­ach­tung zunächst paradox – denn Franzen tritt als Umwelt­ak­ti­vist und Orni­tho­logie auf.  Doch er publi­ziert regel­mäßig Essays, die nahe­legen, sie als Kommen­tare zu seinen Romanen zu lesen; und auch hier ist die Botschaft klar, manchmal sogar schon im Titel: Wann hören wir auf, uns etwas vorzu­ma­chen? Gestehen wir uns ein, dass wir die Klima­ka­ta­strophe nicht verhin­dern können. Eine Geschichte der Gegen­wart ist das, was Franzen in seinen Romanen erzählt, nicht; viel eher ist sie ein Konzen­trat all der Erzäh­lungen, die wir uns davon erzählen, dass es sowieso keinen Sinn hat. Doch es ist, frei nach Donna Haraway, nicht egal, mit welchen Geschichten wir unsere Geschichten erzählen.

Bei allem Anschein der Gesell­schafts­kritik schreibt Jona­than Franzen letzt­lich konser­va­tive Romane, welche die Struk­turen der Ungleich­heit nicht infrage stellen. Denn indem er im Stil des Problem­buchs alles aufgreift, was in einem Leben schief­laufen kann, um es in hölli­schen Fami­li­en­kon­stel­la­tionen zu verdichten, zu denen es in seinen Welt­ent­würfen keine Alter­na­tiven gibt, schreibt er die Mysti­fi­zie­rung der hete­ro­nor­ma­tiven Kern­fa­milie letzt­lich fort. Die Figuren, so der Zirkel­schluss, können nicht anders, als sich in Fami­lien zu orga­ni­sieren, und doch sind sie an ihrem Unglück selbst schuld. Gerade weil sie in Gestalt von Gesell­schafts­kritik daher­kommt, scheint diese konser­va­tive Haltung Wohl­fühl­ef­fekte für die bildungs­bür­ger­liche Leser­schaft zu produzieren.

 

  • Christine Lötscher lehrt Populäre Literaturen und Medien mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendmedien am ISEK - Populäre Kulturen der Universität Zürich und ist Herausgeberin von Geschichte der Gegenwart.